Blutige Heilige Nacht - 9. Melonen, Kirschen und Apfelkuchen

ahorn

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Melonen, Kirschen und Apfelkuchen

Herbert marschierte, die braune Lederaktentasche unter der rechten Achsel geklemmt, von einer Seite der Parkplatzeinfahrt des Dezernates zur anderen. Die Mundwinkel gesenkt starrte er unentwegt auf seine goldene Armbanduhr und zwirbelte seinen Schnauzer.
Ein tiefergelegter tiefschwarzer Dreier schoss zuerst an ihm vorbei, stoppte, setzte zurück, bis der rechte Außenspiegel sein Becken berührte. Die Scheibe der Fahrertür glitt herab.
»Ferigart, wo bleiben sie denn«, fuhr Tamban die Fahrerin an.
»Bin da!«
Herbert umrundete das Gefährt, öffnete die Beifahrertür und fiel in den schwarzen Ledersitz.

Er legte die Tasche vor seine Füße, schnallte sich an und verzog angewidert den Mund. »Das stinkt in ihrem Wagen, als hätte eine ganze Fußballmannschaft in die Ecke gegöbelt. Außerdem ist es warm wie in einer Sauna.«
Monika schielte ihn über die Schulter an. »Das musst du sagen!«
»Wie?«
Sie schnallte sich ab, zog ihren Pullover aus und warf ihn auf die Rückbank. »Kannst oder willst du dich nicht erinnern.«

Herbert schob den Vorgesetzten beiseite, dafür starrte er auf ihre Brüste, welche ihm bloß verdeckt von einem mit Spitze besetzten Büstenhalter anlächelten. Den Blick weiterhin auf ihre Rundungen ergriff er die Aktentasche und legte diese auf seinen Schoß.
»Kann?«, zischte er und zwirbelte den Schnauzer.
»Weißt du, wie lange ich heute Morgen ...«,
Ein Hupkonzert einer silberfarbenen Limousine unterbrach ihren Satz. Monika legt den Gang ein und fuhr in eine Parkbucht, »deine Kotze beseitigt habe.«
»Bitte!«, entrüstete sich Tamban.
Sie beugte sich über Herbert Schoss. »Den halben Sitz hast du vollgereihert.«
Er hob sein rechtes Gesäßteil.
Sie fasste hinter den Beifahrersitz und fischte ein bordeauxfarbenes Langarmshirt aus einer beigen Umhängetasche.
Die Lippen zu einem Lächeln geformt, strich sie über Herberts Knie. »Zum Glück hast du das meiste auf deine Hose, sowie deinem Hemd gespien.« Sie zuckte mit den Achseln. »Deinen Magen möchte ich haben?«
Herbert zog seine buschigen Augenbrauen zusammen. »Wieso?«
»Wolltest gleich danach eine Currywurst mit Pommes.«
Das linke Auge zugekniffen, zupfte er an seinem Hemd. »Mit ...«
Monika streifte sich das Oberteil über. »Nee! Die dreckigen Sachen hast du ausgezogen, später in einen Müllkorb geschmissen.«
Herbert sinnierte, wie er in Unterwäsche gekleidet, neben oder gegenüber einer Domina saß und eine Currywurst verspeiste.
»Bitte!«
In den Rückspiegel schauend band sich Ferigart einen Pferdeschwanz. »Nein! Du hast dir das Bandeaukleid übergeworfen.« Sie streichelte seinen Oberschenkel. »Na ja! Erdbeerrot ist nicht deine Farbe, aber ich laufe ja auch nicht jeden Tag in Lackbody und Peitsche über die Straße.«

Bei dem Gedanken daran, in einem Damenkleid mit Genuss an einer Wurst zu lecken, lief ihm zu seinem Erschauern kein Schweiß der Pein über den Rücken. Eher umspannte Herbert ein kindliches Verlangen, flehte ihn an, Grenzen zu überschreiten, anzuecken, wie Monika es vollführte. In der Art wie sie sich ohne Scham bei seinem Beisein umgezogen hatte, obgleich ihm dieses Beispiel nicht überzeugte. Er hatte sie bereits nackt gesehen. Allerdings die Enge des Wagens hob das Geschehende auf eine andere Ebene. Blödsinn! Er war ihr Vorgesetzter, damit Punkt.
Ein Gefühl des Vertrauens keimte freilich in ihm auf, als sie ihm bat, einen Lippenstift aus dem Handschuhfach zu angeln. Sie sodann sich anmutig, auffordernd, einladend ihre Lippen nachzeichnete, wobei ihre Schulter die seinige berührte. Er ihr nach Melone gleichermaßen Apfel duftendes Parfüm inhalierte sowie ihren Atem auf seiner Wange vernahm.

»Danke!«
Instinktiv wischte er die rote Farbe von seiner Haut. »Dass ich«, Herbert strich über das Leder, »deinen Sitz besudelt habe.«
»Nein!« Sie sah verschämt zu Boden. »Weil ich dabei bin, obwohl ich mich gestern nicht vorschriftsmäßig benommen habe. Bin halt unerfahren.«
Herbert strich eine Strähne von ihrer Stirn. »Ich bin nicht ohne Schuld. Ich habe dich überfordert, mich danebenbenommen.«
Monika legte ihre Handflächen aneinander und klemmte diese zwischen ihre Schenkel. »Hab alles wieder aufgeräumt.«
»Ist gut.« Er richtete sich auf und hob den rechten Zeigefinger. »Aber nenne mich nicht beim Vornamen, wenn Kollegen dabei sind.«
Sie salutierte. »Jawohl Chef!«
Herbert knuffte sie in die Seite. »Grauenvoll! Herr Tamban genügt. Okay!«
Zur Bestätigung zwinkert sie ihm zu.

»Kommen wir mit den Phantombildern weiter?«
Ihr Wechsel ins Dienstliche entspannte seine Lenden. Er öffnete die Aktentasche, zog zwei Blätter heraus und gab sie in ihre Hände.
Sie tippte auf das Erste. »Den kenne ich nicht?«
Herbert entnahm der Tasche einen Bleistift, kritzelte einen Vollbart auf das Gesicht.
»Der Weihnachtsmann!«
»Volltreffer! Kalle. Dünnbier hat Kalle entlassen.« Er zog das zweite Blatt unter dem Ersten hervor. »Die ist Christ Baum-Ständer!«
Monika verdeckte ihren Mund. »Dann hab ich dem Mörder zur Flucht verholfen?«
Herberts linke Hand glitt über ihren rechten Unterarm, berührte ihre Handgelenke. Sie spreizte die Schenkel, woraufhin seine Finger die Naht ihrer Hose ertasteten. Monikas presste ihre Knie zusammen, während ihre Hände die Region verließen.
»Wir machen Fehler«, beruhigte er sie und wandte das Gesicht seiner linken Hand zu. »Später«, flüsterte er, wobei er für einen Moment die Berührung genoss.
Monika strich sich eine Strähne von ihrem Gesicht, entließ Herberts Hand aus ihrem Gefängnis und zwinkerte ihm zu. »Feierabend?«
Herbert deutete nach vorn. »Fahr los!«
Sie drehte ihren Kopf nach links, wobei sie schmunzelte.
»Zum Tatort«, murmelte Herbert und wies nach vorn.
Sie setzte zurück, dann legte sie den ersten Gang ein, drückte aufs Gaspedal, worauf Herbert sich mit beiden Händen am Türgriff festklammerte.

Herbert schritt verpackt im Schutzanzug durch das Wohnzimmer, hielt die Rechte an seinem Magen. Die Fahrt zum Tatort hatte ihm bewiesen, weshalb er den Mageninhalt am Vortag verloren hatte. Monika fuhr, wie sie sich gab.
Er schlug eine durchsichtige Plastiktüte auf, trippelte um das Sofa, um den Wohnzimmertisch und wandte sein Gesicht. »Den Rock, die Bluse«, befahl er Ferigart und schob den Mundschutz herab.
Sie tat es ihm gleich. »Die Kleider der Toten?«
»Vorstellbar? Würden dir die Sachen passen?«
Monika begutachtete die Fundstücke. »Ja!«
»Waren diese na ja«, er zupfte an ihrem Shirt, »Sachen gestern bequem?«
»Ja!«
»Was folgerst du daraus?«
»Es sind ihre!«
»Was fällt dir weiterhin auf? Beschreibe die Kleidung? Du bist eine Frau.«
Sie verkniff die Lippen. »Bleistiftrock«, sie verzog erneut ihr Gesicht, »Rosa. Rüschenbluse weiß.«
»Zu welchen Anlass würdest du die Sachen tragen?«
»Nie!«
»Wenn?«
»Beim Besuch der Großmutter meines Verlobten!«, wetterte sie.
»Du bist verlobt?«
»Nein! Wenn ich einen hätte.«
»Was fällt dir noch auf?«
»Blutspritzer!«
»Schau hin?«
»Eher Flecke?«
»Wo?«
Monika strich über ihren Bauch. »Am Bund des Rockes, unten an der Bluse und im Brustbereich.«
Herbert hielt die Tüte auf. »Einpacken!« Er stellte die Tasche ab, setzte sich auf das Sofa und spreizte die Beine. »Ich bin die Tote. Beugt dich über mich!«

Sie trat an ihn heran, ging leicht in die Hocke und neigte sich vor.
»Tiefer!«
»Dann falle ich um.«
»Stütze dich an der Rückenlehne ab. Versuch, meinen Atem zu spüren, ohne meinen Körper zu berühren. Denk daran, ich bin blutüberströmt.«
Ihr Gesicht nährte sich. Er sah in ihre Augen, auf ihren Mund, spürte ihren Atem, ihr Becken an seinen Oberschenkel. Er genoss für einen Sekundenbruchteil der Geschmack ihres Lippenstiftes, dann drückte er sie weg.
»Und?«
Sie strich sich ihr Haar zurück, fasste an ihren Hosenbund, sodann an ihre rechte Brust. »Mit dem Busen hab ich dich nicht berührt.«
Tamban setzte sich aufrecht hin. »Weil ich keinen habe.«

»Wenn sie sich über den Mann gebeugt hat?«, vermutete sie.
Monika drückte Herberts Körper gegen die Rückenlehne, ging auf die Knie, quetschte ihren Oberkörper zwischen seine Schenkel, wobei ihre Brüste seinen Bauch streichelten. Mit einem Ruck schnellte ihre rechte Hand über ihre Schulter, streckte sodann ihren Oberkörper und schlug auf Herberts Brustkorb. Sie erhob sich, kniete sich, die Beine gespreizt auf die Sitzfläche, sodann rieb sie sich an Herberts Schoss.
Er legte seine Hände auf ihre Oberschenkel. »Du bist der Ansicht, sie hat ihn zuerst erstochen?«
»Ja!«
Seine Finger der Rechten glitten über ihr Shirt, über ihre Brust. »Vorstellbar! Hinterher hat die Baumständer sie verstümmelt.«
»Rache«, konstatierte Monika.
»Ihre Unterwäsche?«
»Sie hatte keine an!«
»Es ist Winter!«
»Und?«
»Hast du nicht gesagt, dass die Sachen,« er wies auf die Plastiktüte, »eher nobel, exquisit, festlich sind.«
»Dann hat sie sich im Schlafzimmer ausgezogen.«
Er zeigte ihr einen Vogel, rollte sich unter ihren Schenkeln weg und beugte sich herab. »Im Anschluss trägt sie die Oberwäsche wieder ins Wohnzimmer, legt sie ab und«, er holte die orangeroten Pumps unterm Sofatisch hervor, »wirft ihre Schuhe unter den Tisch.«
Monika erhaschte das Schuhwerk. »Das sind nicht ihre.« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Frau zieht orange Schuhe zu einem rosa Rock an, außerdem sind sie ihr zu groß.«

Herbert zwirbelte sich den Schnauzer. »Du bringst mich auf eine Idee.«
Das Verwechslungsspiel der Verdächtigten brachte ihn darauf.
Er stand auf, fasste ihre Hand, zog sie hoch und zerrte sie zur Haustür.
Herbert tippte Monika an die Schulter. »Du bist die Baumständer und ich«, er wies die Treppe herauf, »die Unbekannte.« Er postierte Monika an die Tür, stellte sich daneben. »Wir kommen nach Hause. Ich wohne hier – bin Untermieter. Du der Besuch.« Erneut wies er die Stufen herauf. »Geh voraus.« Gedankenversunken zupfte er an seiner Unterlippe. »Sind wir ein Paar – nein! Busenfreundinnen? Ne! Wir sind ineinander verliebt ein Paar. Ich komme gleich nach.«
Monika wandte sich zum Gehen.
»Halt! Es ist ein ordentlicher Haushalt. Du der Gast.«
»Wie?«
»Schuhe aus!«
Monika fasste an die Überzieher an ihren Füßen.
»Nur so tun.«
Herbert sah sich um. Auf der einen Seite die Hausschuhe in Reihe und Glied, auf der anderen ein Schuhschrank und links daneben an der Scharnierseite der Tür ein Paar weiße, hochhackige Stiefel. »Bingo!«
Lächelnd nahm er die Schuhe auf. »Passen diese zu einem rosa Rock?«
»Ja!«
»Schlüpfe in ein paar Pantoffeln, damit du dich nicht erkältest.«
»In welche?«
Herbert wies auf das Arrangement. »Die in der Lücke standen.« Er drückte die Klinke der Tür herab, welche sich links neben den Hausschuhen befand. »Ich gehe für kleine Mädchen«, murmelte er, stieß das Türblatt auf und blickte ins Gäste-WC. »Du verschwindest«, gab er Preis, trat ein, kam wieder heraus und legte die rechte Hand an sein Ohr. »Ich vernehme Geräusche aus dem Wohnzimmer – eindeutige Laute.«

Den rechten Zeigefinger an der Nasenspitze schlich Herbert ins Wohnzimmer. »Entdecke sie in Flagrante«, er deutete auf den Esstisch. »Der Tisch nicht abgeräumt. Ergreife das Messer.« Den rechten Arm erhoben, pirschte sich Herbert an die Couch, blieb an der Kante zum Teppich stehen. »Ich steche zu. Sie hatte mich betrogen. Hatte mir versprochen nie wieder ihrem Geschäft nachzugehen. Ihr Freier schreckt auf. Ergreift das Messer, will es mir entreißen.« Herberts Faust saust auf seinen Bauch. »Sticht zu. Fängt mich auf.«
Monika kreist an der Schläfe mit ihrem Zeigefinger. »Der Tote ist ein Mann keine Frau!«
»Woher willst du wissen, inwieweit die Fremde eine Frau war. Denk nach! Ihr Kleiderschrank!« Herbert verschränkte die Arme. »Ich bin keine, aber meine Holde. Sie trägt Röcke, Kleider, trotzdem Hosen.«
Die Lippen gepresst strich Monika über Herberts Rücken. »Stimmt! Merkwürdig. Dennoch wer ist der Mörder. Der andere?«

»Kalle!«
»Herbert. Habe ihn kurz gesehen.« Sie sah sich um. »Ob das seine Preisklasse ist. Für einen Zehner machte sie, wenn sie eine Prostituierte war, es nicht.«
Tamban leckte sich die Oberlippe. »Zufall! Sie hatte einen anderen Kunden.« Er zwirbelte seinen Bart. »Genau! Die Baum-Ständer trug, als ich sie verließ ein rotes Kleid, wie eine Weihnachtsfrau. Sie hatten sich verabredet. Kalle erschien zu früh. Unsere Tote dachte, dass ihr Kunde zurück. Öffnete die Tür.«
»Nackt!«
»Geh davon aus! Sie kannte Kalle. Sie bittet ihm, etwas zu trinken an. Es ist die Heilige Nacht. Sie macht ihm eine Freude.«
»Freude!«
»Sie bläst ihm einen – mehr nicht.«
Monika verzog angewidert das Gesicht. »Was ihr Kerle daran toll findet.«
»Unwichtig! Deswegen war Frau Baum-Ständer hier. Sie wollte sich umziehen, hört vielleicht einen Schrei, rennt herab, beugt sich über die Leiche, entkleidet sich und lässt Kalle über die Terrasse entschwinden.«
»Warum? War doch Notwehr!«
»Der menschliche Geist meist verwirrt. Sie zieht ihr Kostüm an und das von Kalle darüber. Um uns zu verwirren, wie ich bereits gedacht habe.«

Zwinkernd legte Monika ihre flache rechte Hand auf Herberts Brust. »Du bist genial! Von dir kann ich viel lernen«, säuselte sie.
Sein Puls fing an zu rasten. Täuschte er sich oder war es ein Annäherungsversuch. Er schlang seinen Arm um ihre Taille, schaute ihr in die Augen, senkte den Kopf, näherte sich ihren vollen kirschroten Lippen, roch ihr Parfüm und dachte, schmeckte Apfelkuchen.


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9. Zu zweit im Hotelzimmer

Herbert marschierte, die braune Lederaktentasche unter der rechten Achsel geklemmt, von einer Seite der Parkplatzeinfahrt des Dezernates zur anderen. Die Mundwinkel gesenkt starrte er unentwegt auf seine goldene Armbanduhr und zwirbelte seinen Schnauzer.
Ein tiefergelegter tiefschwarzer Dreier schoss zuerst an ihm vorbei, stoppte, setzte zurück, bis der rechte Außenspiegel sein Becken berührte. Die Scheibe der Fahrertür glitt herab.
»Ferigart, wo bleiben sie denn«, fuhr Tamban die Fahrerin an.
»Bin da!«
Herbert umrundete das Gefährt, öffnete die Beifahrertür und fiel in den schwarzen Ledersitz.

Er legte die Tasche vor seine Füße, schnallte sich an und verzog angewidert den Mund. »Das stinkt in ihrem Wagen, als hätte eine ganze Fußballmannschaft in die Ecke gegöbelt. Außerdem ist es warm wie in einer Sauna.«
Monika schielte ihn über die Schulter an. »Das musst du sagen!«
»Wie?«
Sie schnallte sich ab, zog ihren Pullover aus und warf ihn auf die Rückbank. »Kannst oder willst du dich nicht erinnern.«

Herbert schob den Vorgesetzten beiseite, dafür starrte er auf ihre Brüste, welche ihm bloß verdeckt von einem mit Spitze besetzten Büstenhalter anlächelten. Den Blick weiterhin auf ihre Rundungen ergriff er die Aktentasche und legte diese auf seinen Schoß.
»Kann?«, zischte er und zwirbelte den Schnauzer.
»Weißt du, wie lange ich heute Morgen ...«,
Ein Hupkonzert einer silberfarbenen Limousine unterbrach ihren Satz. Monika legt den Gang ein und fuhr in eine Parkbucht, »deine Kotze beseitigt habe.«
»Bitte!«, entrüstete sich Tamban.
Sie beugte sich über Herbert Schoss. »Den halben Sitz hast du vollgereihert.«
Er hob sein rechtes Gesäßteil.
Sie fasste hinter den Beifahrersitz und fischte ein bordeauxfarbenes Langarmshirt aus einer beigen Umhängetasche.
Die Lippen zu einem Lächeln geformt, strich sie über Herberts Knie. »Zum Glück hast du das meiste auf deine Hose, sowie deinem Hemd gespien.« Sie zuckte mit den Achseln. »Deinen Magen möchte ich haben?«
Herbert zog seine buschigen Augenbrauen zusammen. »Wieso?«
»Wolltest gleich danach eine Currywurst mit Pommes.«
Das linke Auge zugekniffen, zupfte er an seinem Hemd. »Mit ...«
Monika streifte sich das Oberteil über. »Nee! Die dreckigen Sachen hast du ausgezogen, später in einen Müllkorb geschmissen.«
Herbert sinnierte, wie er in Unterwäsche gekleidet, neben oder gegenüber einer Domina saß und eine Currywurst verspeiste.
»Bitte!«
In den Rückspiegel schauend band sich Ferigart einen Pferdeschwanz. »Nein! Du hast dir das Bandeaukleid übergeworfen.« Sie streichelte seinen Oberschenkel. »Na ja! Erdbeerrot ist nicht deine Farbe, aber ich laufe ja auch nicht jeden Tag in Lackbody und Peitsche über die Straße.«

Bei dem Gedanken daran, in einem Damenkleid mit Genuss an einer Wurst zu lecken, lief ihm zu seinem Erschauern kein Schweiß der Pein über den Rücken. Eher umspannte Herbert ein kindliches Verlangen, flehte ihn an, Grenzen zu überschreiten, anzuecken, wie Monika es vollführte. In der Art wie sie sich ohne Scham bei seinem Beisein umgezogen hatte, obgleich ihm dieses Beispiel nicht überzeugte. Er hatte sie bereits nackt gesehen. Allerdings die Enge des Wagens hob das Geschehende auf eine andere Ebene. Blödsinn! Er war ihr Vorgesetzter, damit Punkt.
Ein Gefühl des Vertrauens keimte freilich in ihm auf, als sie ihm bat, einen Lippenstift aus dem Handschuhfach zu angeln. Sie sodann sich anmutig, auffordernd, einladend ihre Lippen nachzeichnete, wobei ihre Schulter die seinige berührte. Er ihr nach Melone gleichermaßen Apfel duftendes Parfüm inhalierte sowie ihren Atem auf seiner Wange vernahm.

»Danke!«
Instinktiv wischte er die rote Farbe von seiner Haut. »Dass ich«, Herbert strich über das Leder, »deinen Sitz besudelt habe.«
»Nein!« Sie sah verschämt zu Boden. »Weil ich dabei bin, obwohl ich mich gestern nicht vorschriftsmäßig benommen habe. Bin halt unerfahren.«
Herbert strich eine Strähne von ihrer Stirn. »Ich bin nicht ohne Schuld. Ich habe dich überfordert, mich danebenbenommen.«
Monika legte ihre Handflächen aneinander und klemmte diese zwischen ihre Schenkel. »Hab alles wieder aufgeräumt.«
»Ist gut.« Er richtete sich auf und hob den rechten Zeigefinger. »Aber nenne mich nicht beim Vornamen, wenn Kollegen dabei sind.«
Sie salutierte. »Jawohl Chef!«
Herbert knuffte sie in die Seite. »Grauenvoll! Herr Tamban genügt. Okay!«
Zur Bestätigung zwinkert sie ihm zu.

»Kommen wir mit den Phantombildern weiter?«
Ihr Wechsel ins Dienstliche entspannte seine Lenden. Er öffnete die Aktentasche, zog zwei Blätter heraus und gab sie in ihre Hände.
Sie tippte auf das Erste. »Den kenne ich nicht?«
Herbert entnahm der Tasche einen Bleistift, kritzelte einen Vollbart auf das Gesicht.
»Der Weihnachtsmann!«
»Volltreffer! Kalle. Dünnbier hat Kalle entlassen.« Er zog das zweite Blatt unter dem Ersten hervor. »Die ist Christ Baum-Ständer!«
Monika verdeckte ihren Mund. »Dann hab ich dem Mörder zur Flucht verholfen?«
Herberts linke Hand glitt über ihren rechten Unterarm, berührte ihre Handgelenke. Sie spreizte die Schenkel, woraufhin seine Finger die Naht ihrer Hose ertasteten. Monikas presste ihre Knie zusammen, während ihre Hände die Region verließen.
»Wir machen Fehler«, beruhigte er sie und wandte das Gesicht seiner linken Hand zu. »Später«, flüsterte er, wobei er für einen Moment die Berührung genoss.
Monika strich sich eine Strähne von ihrem Gesicht, entließ Herberts Hand aus ihrem Gefängnis und zwinkerte ihm zu. »Feierabend?«
Herbert deutete nach vorn. »Fahr los!«
Sie drehte ihren Kopf nach links, wobei sie schmunzelte.
»Zum Tatort«, murmelte Herbert und wies nach vorn.
Sie setzte zurück, dann legte sie den ersten Gang ein, drückte aufs Gaspedal, worauf Herbert sich mit beiden Händen am Türgriff festklammerte.

Herbert schritt verpackt im Schutzanzug durch das Wohnzimmer, hielt die Rechte an seinem Magen. Die Fahrt zum Tatort hatte ihm bewiesen, weshalb er den Mageninhalt am Vortag verloren hatte. Monika fuhr, wie sie sich gab.
Er schlug eine durchsichtige Plastiktüte auf, trippelte um das Sofa, um den Wohnzimmertisch und wandte sein Gesicht. »Den Rock, die Bluse«, befahl er Ferigart und schob den Mundschutz herab.
Sie tat es ihm gleich. »Die Kleider der Toten?«
»Vorstellbar? Würden dir die Sachen passen?«
Monika begutachtete die Fundstücke. »Ja!«
»Waren diese na ja«, er zupfte an ihrem Shirt, »Sachen gestern bequem?«
»Ja!«
»Was folgerst du daraus?«
»Es sind ihre!«
»Was fällt dir weiterhin auf? Beschreibe die Kleidung? Du bist eine Frau.«
Sie verkniff die Lippen. »Bleistiftrock«, sie verzog erneut ihr Gesicht, »Rosa. Rüschenbluse weiß.«
»Zu welchen Anlass würdest du die Sachen tragen?«
»Nie!«
»Wenn?«
»Beim Besuch der Großmutter meines Verlobten!«, wetterte sie.
»Du bist verlobt?«
»Nein! Wenn ich einen hätte.«
»Was fällt dir noch auf?«
»Blutspritzer!«
»Schau hin?«
»Eher Flecke?«
»Wo?«
Monika strich über ihren Bauch. »Am Bund des Rockes, unten an der Bluse und im Brustbereich.«
Herbert hielt die Tüte auf. »Einpacken!« Er stellte die Tasche ab, setzte sich auf das Sofa und spreizte die Beine. »Ich bin die Tote. Beugt dich über mich!«

Sie trat an ihn heran, ging leicht in die Hocke und neigte sich vor.
»Tiefer!«
»Dann falle ich um.«
»Stütze dich an der Rückenlehne ab. Versuch, meinen Atem zu spüren, ohne meinen Körper zu berühren. Denk daran, ich bin blutüberströmt.«
Ihr Gesicht nährte sich. Er sah in ihre Augen, auf ihren Mund, spürte ihren Atem, ihr Becken an seinen Oberschenkel. Er genoss für einen Sekundenbruchteil der Geschmack ihres Lippenstiftes, dann drückte er sie weg.
»Und?«
Sie strich sich ihr Haar zurück, fasste an ihren Hosenbund, sodann an ihre rechte Brust. »Mit dem Busen hab ich dich nicht berührt.«
Tamban setzte sich aufrecht hin. »Weil ich keinen habe.«

»Wenn sie sich über den Mann gebeugt hat?«, vermutete sie.
Monika drückte Herberts Körper gegen die Rückenlehne, ging auf die Knie, quetschte ihren Oberkörper zwischen seine Schenkel, wobei ihre Brüste seinen Bauch streichelten. Mit einem Ruck schnellte ihre rechte Hand über ihre Schulter, streckte sodann ihren Oberkörper und schlug auf Herberts Brustkorb. Sie erhob sich, kniete sich, die Beine gespreizt auf die Sitzfläche, sodann rieb sie sich an Herberts Schoss.
Er legte seine Hände auf ihre Oberschenkel. »Du bist der Ansicht, sie hat ihn zuerst erstochen?«
»Ja!«
Seine Finger der Rechten glitten über ihr Shirt, über ihre Brust. »Vorstellbar! Hinterher hat die Baumständer sie verstümmelt.«
»Rache«, konstatierte Monika.
»Ihre Unterwäsche?«
»Sie hatte keine an!«
»Es ist Winter!«
»Und?«
»Hast du nicht gesagt, dass die Sachen,« er wies auf die Plastiktüte, »eher nobel, exquisit, festlich sind.«
»Dann hat sie sich im Schlafzimmer ausgezogen.«
Er zeigte ihr einen Vogel, rollte sich unter ihren Schenkeln weg und beugte sich herab. »Im Anschluss trägt sie die Oberwäsche wieder ins Wohnzimmer, legt sie ab und«, er holte die orangeroten Pumps unterm Sofatisch hervor, »wirft ihre Schuhe unter den Tisch.«
Monika erhaschte das Schuhwerk. »Das sind nicht ihre.« Sie schüttelte den Kopf. »Keine Frau zieht orange Schuhe zu einem rosa Rock an, außerdem sind sie ihr zu groß.«

Herbert zwirbelte sich den Schnauzer. »Du bringst mich auf eine Idee.«
Das Verwechslungsspiel der Verdächtigten brachte ihn darauf.
Er stand auf, fasste ihre Hand, zog sie hoch und zerrte sie zur Haustür.
Herbert tippte Monika an die Schulter. »Du bist die Baumständer und ich«, er wies die Treppe herauf, »die Unbekannte.« Er postierte Monika an die Tür, stellte sich daneben. »Wir kommen nach Hause. Ich wohne hier – bin Untermieter. Du der Besuch.« Erneut wies er die Stufen herauf. »Geh voraus.« Gedankenversunken zupfte er an seiner Unterlippe. »Sind wir ein Paar – nein! Busenfreundinnen? Ne! Wir sind ineinander verliebt ein Paar. Ich komme gleich nach.«
Monika wandte sich zum Gehen.
»Halt! Es ist ein ordentlicher Haushalt. Du der Gast.«
»Wie?«
»Schuhe aus!«
Monika fasste an die Überzieher an ihren Füßen.
»Nur so tun.«
Herbert sah sich um. Auf der einen Seite die Hausschuhe in Reihe und Glied, auf der anderen ein Schuhschrank und links daneben an der Scharnierseite der Tür ein Paar weiße, hochhackige Stiefel. »Bingo!«
Lächelnd nahm er die Schuhe auf. »Passen diese zu einem rosa Rock?«
»Ja!«
»Schlüpfe in ein paar Pantoffeln, damit du dich nicht erkältest.«
»In welche?«
Herbert wies auf das Arrangement. »Die in der Lücke standen.« Er drückte die Klinke der Tür herab, welche sich links neben den Hausschuhen befand. »Ich gehe für kleine Mädchen«, murmelte er, stieß das Türblatt auf und blickte ins Gäste-WC. »Du verschwindest«, gab er Preis, trat ein, kam wieder heraus und legte die rechte Hand an sein Ohr. »Ich vernehme Geräusche aus dem Wohnzimmer – eindeutige Laute.«

Den rechten Zeigefinger an der Nasenspitze schlich Herbert ins Wohnzimmer. »Entdecke sie in Flagrante«, er deutete auf den Esstisch. »Der Tisch nicht abgeräumt. Ergreife das Messer.« Den rechten Arm erhoben, pirschte sich Herbert an die Couch, blieb an der Kante zum Teppich stehen. »Ich steche zu. Sie hatte mich betrogen. Hatte mir versprochen nie wieder ihrem Geschäft nachzugehen. Ihr Freier schreckt auf. Ergreift das Messer, will es mir entreißen.« Herberts Faust saust auf seinen Bauch. »Sticht zu. Fängt mich auf.«
Monika kreist an der Schläfe mit ihrem Zeigefinger. »Der Tote ist ein Mann keine Frau!«
»Woher willst du wissen, inwieweit die Fremde eine Frau war. Denk nach! Ihr Kleiderschrank!« Herbert verschränkte die Arme. »Ich bin keine, aber meine Holde. Sie trägt Röcke, Kleider, trotzdem Hosen.«
Die Lippen gepresst strich Monika über Herberts Rücken. »Stimmt! Merkwürdig. Dennoch wer ist der Mörder. Der andere?«

»Kalle!«
»Herbert. Habe ihn kurz gesehen.« Sie sah sich um. »Ob das seine Preisklasse ist. Für einen Zehner machte sie, wenn sie eine Prostituierte war, es nicht.«
Tamban leckte sich die Oberlippe. »Zufall! Sie hatte einen anderen Kunden.« Er zwirbelte seinen Bart. »Genau! Die Baum-Ständer trug, als ich sie verließ ein rotes Kleid, wie eine Weihnachtsfrau. Sie hatten sich verabredet. Kalle erschien zu früh. Unsere Tote dachte, dass ihr Kunde zurück. Öffnete die Tür.«
»Nackt!«
»Geh davon aus! Sie kannte Kalle. Sie bittet ihm, etwas zu trinken an. Es ist die Heilige Nacht. Sie macht ihm eine Freude.«
»Freude!«
»Sie bläst ihm einen – mehr nicht.«
Monika verzog angewidert das Gesicht. »Was ihr Kerle daran toll findet.«
»Unwichtig! Deswegen war Frau Baum-Ständer hier. Sie wollte sich umziehen, hört vielleicht einen Schrei, rennt herab, beugt sich über die Leiche, entkleidet sich und lässt Kalle über die Terrasse entschwinden.«
»Warum? War doch Notwehr!«
»Der menschliche Geist meist verwirrt. Sie zieht ihr Kostüm an und das von Kalle darüber. Um uns zu verwirren, wie ich bereits gedacht habe.«

Zwinkernd legte Monika ihre flache rechte Hand auf Herberts Brust. »Du bist genial! Von dir kann ich viel lernen«, säuselte sie.
Sein Puls fing an zu rasten. Täuschte er sich oder war es ein Annäherungsversuch. Er schlang seinen Arm um ihre Taille, schaute ihr in die Augen, senkte den Kopf, näherte sich ihren vollen kirschroten Lippen, roch ihr Parfüm und dachte, schmeckte Apfelkuchen.


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