Blutrausch

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AaronCaelis

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Blutrausch

Das Wasser im Glas ist trüb. Gestern schon konnte ich nur schwer was erkennen, aber heute sieht man kaum was. Da! Bewegung. Weg. Das war ein Fuß. Ich tippe mit dem Fingernagel ans Glas, aber es tut sich nichts. Ich tippe auch von der anderen Seite. Ob sie wohl alle schon tot sind?

Mir ist langweilig. Das Blasrohr ist fertig gebaut. Ich habe es vorhin justiert und die Pfeile ausprobiert. Leider ist einer vom Balkon runtergeflogen und im tiefen Gras da unten werd ich ihn kaum wiederfinden. Mamas Stecknadeln, wo sind sie? Ah ja, da ist die rote Plastikschachtel. Ich kerbe den Schaschlikstab ein, beginne den Draht zu wickeln, dann die Nadel. Der Draht reißt, das war wohl zu viel. Ich beginne von vorn, aber irgendwie bin ich nicht bei der Sache.

Platsch!

Das Wasser spritzt hoch und meine Nase kriegt was davon ab. Bäh! Eklig, wie das stinkt. Da haben wohl zwei miteinander gekämpft. Oder wollte eine gleich abhauen? Vielleicht eine mit Füßen. Ich lege den Pfeil beiseite und rühre mit dem Halm um. Als ich am Dienstag vom Teich kam, habe ich auf dem Kornfeld ein paar Ähren mitgenommen, für die Vase im Vorzimmer. Der Mohn ist schon verwelkt, aber das reife Korn sieht hübsch aus. Erstaunlich, was die Halme so tragen können. Jetzt ist er abgebrochen. Ich hab vorhin was erwischt, wohl ein größerer Brocken. So jedenfalls hat er sich angefühlt. Wo ist er nur? Ich will ihn sehen. Ob der wohl die anderen alle auffrisst? Ich hab das mal im Fernsehen gesehen, da waren am Schluss kaum noch welche da, weil die sich alle gegenseitig aufgefressen haben. Ich will es sehen. Aber das Wasser ist voller Kot und ich kann doch nicht das Sieb nehmen und in die Wanne kann ich sie auch nicht kippen. Der Eimer ist voll, da sind die Salamander von gestern drin. Ich stochere ein wenig mit dem Schaschlikstab herum, versuche, den Großen nochmal zu erwischen, ihn gegen das Glas zu drücken. Aber er ist schnell. Ja, der ist noch sehr lebendig! Er entwischt mir dauernd! Na warte. Auch mit zwei Stäben geht es nicht.

Also gut, du hast er nicht anders gewollt. Ich nehme den halb fertigen Pfeil und gehe auf die Jagd. Zack. Nichts. Zack. Auch nichts. Da! Ich hab ihn. Ich drücke die Spitze Richtung Rand und merke, wie die Nadel dabei tiefer hineindringt. Langsam ziehe ich den Stab dann an der Seite nach oben. Mist! Das ist ein Kleiner. Der hat nichtmal Füße und nur einen winzigen Schwanz. Und er ist tot. Seine Augen sehen so komisch aus, so weiß und er bewegt sich nicht. Ich streife ihn am Glasrand mit der Spitze ab und suche weiter. Auf einmal erwische ich was und das zappelt. Aber er entwischt. Mann! Ich steche hinein, erwische wieder etwas und wieder rutscht es weg. Das ist frustrierend. Außerdem wird das Wasser jetzt immer schlimmer, das Blut macht es noch dunkler. Was soll ich nur machen? Die Spitze des Pfeils ist auch blutig, ich hab wohl ein paar von ihnen erwischt. Aber sie sind immer wieder abgerutscht. Wie kann ich das nur verhindern? Mir kommt eine Idee! Die Fischer in Polynesien die haben das Problem auch und die haben da so spezielle Speere entwickelt. Ich beginne, mir so einen Speer zu machen. Zwei Nadeln, dann drei. Schließlich vier, zu einem kleinen Fächer angeordnet. Das sieht doch schon ordentlich aus. Ich mache die Probe auf dem alten Balkontisch. Drei der Nadeln hinterlassen ein Dreieck in der Abdeckung. Gut. Der vierte steht etwas ab, aber besser ging es nicht, wegen der Köpfe.

Und los gehts. Ich rühre erstmal ein wenig herum, dann schneller, immer schneller, bis sich ein richtiger Strudel bildet. Da! Das war ein Bauch auf der Seite. Ich will zustoßen. Zu spät, wieder weg. Noch was, irgend ein Körperteil und dann nur noch dieser aufgewirbelte Bodensatz. Ich steche zu. Ha! Erwischt. Ich ziehe die Beute heraus. Da ist sie ja! Aufgespießt, mitten durch und sie zappelt noch. Ich streife sie ab und sie zappelt in der Drecksbrühe herum. Ich stoße sie ein wenig rein und dann nochmal zu. Wieder was erwischt, aber ich ziehe den Spieß zu schnell heraus und sie rutscht ab. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal.

Das Wasser färbt sich jetzt immer mehr rot. Mittlerweile dreht es sich nicht mehr im Glas, aber das braucht es auch nicht. So erwische ich mehr. Vorhin waren es zwei auf einmal, eine kleine ganz durchbohrt und darunter direkt eine große. Ha! Die kacken da nicht mehr rein. Und weiter und weiter und weiter. Zack zack und zack, wieder einer. Immer schneller. Mittlerweile erwische ich mehr tote als lebendige, aber das macht nichts. Hauptsache ich erwische irgendwas. Ich denke fast gar nichts mehr. Das ist komisch, denn ich denke ja gerade. Als würde ein Teil für den Kopf denken und ein Teil für meinen Arm. Der Kopf passt auf, dass da kein Blut aufs Tischtuch kommt, der Arm aber, der steuert unermüdlich den Spieß mit den stählernen Fingern aus der blutroten Plastikdose. Es knirscht. Ich habe in den Boden des Glases gestochen. Egal. Weiter. Schon wieder! Ich steche schneller zu und stärker. Dich krieg ich auch noch, du Große! Los, komm, trau dich, komm! Jajajaja! Na warte! Ha!

Der Stab biegt sich jetzt. Ich hab sie! Langsam ziehe ich ihn heraus, ganz vorsichtig. Ohhh! Wie groß! Dass die da drin Platz gehabt hat. Ich schaue sie an und drehe den Spieß nach oben, damit sie nicht ins Glas rutscht. Wie ich ihn so drehe, rutscht sie tiefer in den Spieß hinein und zappelt und windet sich. Fast habe ich schon Angst, dass sie runterspringt. Die Beine tun so, als würden sie laufen wollen. Dummes Vieh, damit spießt es sich nochmehr auf! Na gut, du sollst noch ein wenig leben. Ich streife sie ab, rein ins Glas und weiter gehts. Irgendwann ist jeder Blasrohrpfeil mal kaputt. Und auch jeder Spieß. Ich habe jetzt zwei der Spitzen veloren und mittlerweile lebt auch kaum noch was. Das Wasser ist tiefrot und einige schwimmen schon auf der Oberfläche, mit dem Bauch nach oben. Ich schaue auf das Glas und auf den Spieß in meiner Hand und mein Kopf und mein Arm sind wieder eins. Schon vorbei, denke ich und ich weiß nicht, ob das gut ist oder schade. Ich tippe wieder ans Glas. Aber da rührt sich gar nichts mehr. Hm. Wohin jetzt damit?

Ich gucke runter vom Balkon und da ist in etwa die Stelle, wo der Pfeil vorhin runtergegangen ist. Ich kippe den Inhalt des Glases hinterher. Es sieht komisch aus, wie das Wasser und die kleinen Körper vom zweiten Stock aus runterfallen. Unten landen sie zwischen den Kürbisblättern und verschwinden. Ein paar Sekunden nur sind die Blätter nass und glänzen verräterisch. Nicht dass noch ein Nachbar das sieht und denkt, da hätte einer vom Balkon gepinkelt. Aber die Sonne sorgt dafür, dass das gleich wieder weg ist.

Mann, das ist vielleicht heiß heute.

Mama ruft. Ich habe heute in der Schule eine Aufgabe aus der sechsten Klasse gelöst und die Lehrerin hat mir das ins Heft geschrieben. Dafür gibt es jetzt eine Belohnung und ich weiß auch schon genau, was das ist. Ich hab es vorhin schon am Geruch erkannt, obwohl das Glas so nach Blut gestunken hat. Ich stelle das Glas weg und das Blasrohr auch und gehe rein, mir meine Belohnung holen.
 

maerchenhexe

Mitglied
Hallo Aaron,

handwerklich ist dein Text absolut gelungen, klar in der Struktur und sehr präzise in der Wortwahl, keine unnützen Schnörkel. Mit dem Inhalt kann ich leider wenig anfangen, da fehlt mir irgendwie der Zugang. Dein "Kaminfeuer" ist für mich dagegen wirklich eine kleine Perle.

lieber Gruß

maerchenhexe
 

AaronCaelis

Mitglied
Danke für die Kritik! Ich habe schon unterschiedliche Reaktionen in meinem Bekanntenkreis für diese Geschichte bekommen, darunter auch Sprüche wie "widerlich" und "Wie kannst du dir so etwas Ekliges nur ausdenken". Ausgedacht ist daran aber nur wenig.
Damals war ich übrigens elf Jahre alt und hatte mir nichts dabei gedacht, mit Insekten, Amphibien, Reptilien so umzugehen - immerhin mussten wir sogar für die Schule ein "Insectarium" anlegen und Eidechsen in Spiritus. Erst ein-zwei Jahre später war mir klar geworden, was ich da getan hatte. Vor einigen Jahren habe ich das Erlebnis schließlich nieder geschrieben, so gut, wie ich mich eben daran erinnern konnte.

Gruß
AC
 
L

Leonore

Gast
Ich finde das einfach nur barbarisch. Wie kann man sich nur so an Tierquälerei ergötzen? Das ist unmenschlich!
Ich finde gar keine Worte-
Gruß Leonore
 
P

Prosaiker

Gast
Nichts, was der Mensch tut, ist unmenschlich.
Es ist allzu menschlich.

Grüße,
Prosa.
 

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