Blutroter Store

Blutroter Store*
*Store: Die Fensterfläche in ganzer Breite bedeckender, durchscheinender Vorhang.


„Mama, Mama – blasen!“ Die Mutter legte die Gabeln auf die Spüle, schwang das Trockentuch lässig über die Schulter, ging in die Knie und führte die, auf sie zeigende, Fingerspitze, ihrer kleinen Tochter, in Richtung Mund, spitzte die Lippen, blies kurz und sang mit warmer, melodischer Stimme: „Heile, heile, Gänschen, s’ wird schon wieder gut, s‘ Kätzchen hat ein Schwänzchen, s’ ist schon wieder gut, heile, heile Mausespeck, in hundert Jahr is‘ alles weg.“ Felicitas blickte dankbar zu ihrer Mutter auf, und, die noch feuchten Augen, drückten schon wieder diese unschuldige Freude aus, in das auch Erich, ihr Mann, so vernarrt war. Schon wollte die Mutter sich zur Spüle drehen und ihre Arbeit fortsetzen, als ihr einfiel, dass sie heute Morgen ja den neuen Store abholen musste und drehte den Kopf in Richtung Uhr. – Mist, ist ja gleich 10 Uhr, wendete den Kopf abermals und rief, so laut sie konnte: „Feli, hörst Du, fertig machen, wir gehen gleich!“ Das restliche Geschirr vom Frühstück war schnell abgetrocknet und in die Hängeschränke verstaut, dann nahm sie das Geschirrtuch und fuhr noch mal über die Spüle, da es schon Flecken aufwies und sowieso in die Wäsche musste. Die Schürze hängte sie im seitlichen Wandschränkchen auf, ging anschließend zum Fenster rüber, kippte das Fenster und verließ die Küche.
Felicitas saß tatsächlich im Flur und versuchte sich an einer komplizierten Schlaufe für ihre Schuhe. Nicht ganz einfach, für ihre 6 Jahre, aber sie schaffte es. „Hey, von wem hast den das gelernt, von Papa etwa?“ lobte sie anerkennend, griff zum Schlüsselbrett und eilte zur Wohnungstür, musste Felicitas aber noch Mal ermuntern, sich zu beeilen. Widerstandslos klapperte Felicitas hinter ihrer Mutter die Treppe hinunter, und kaum hatte diese die Haustür geöffnet, fing ihre Tochter an zu rennen, links durch den Torbogen, an den seitlich angelegten Blumenrabatten des Fußweges entlang, dem Gartentor entgegen. Doch vor dem Gartentor schlug Felicitas einen Hasenhaken nach links, durch die Obstbäume, rüber in Nachbars Garten. Zur gleichen Zeit hob die Mutter den Kopf und sah, das die Nachbarin schon in den Beeten war und nicht weit davon, Phillip, einer ihrer Söhne, friedlich unter einem Baum spielte.
„Morgen Gundel, so früh schon draußen?“ rief sie rüber. Gundel reagierte zuerst gar nicht, doch dann hob sie den Kopf, nickte und antwortete: „Warum nicht, muss ja heute nicht einkaufen und kochen, Friedrich ist auf Montage, da hab ich Zeit fürs Unkraut“ und nach kurzer Unterbrechung: „Und Du?“ „Ich hol meinen Store ab.“ Zeigte aufs Handgelenk. Mit flinken Schritten lief sie durch die Gartentür zur Straße vor und war schon auf dem Weg, da kam von hinten Felicitas angerannt und stammelte ganz aufgeregt: „Mama, ich mag nicht einkaufen, lieber mit Philipp spielen“ sie hatte ihren Unschuldsblick drauf, dem man nichts abschlagen konnte. Die Mutter lachte: „Du bist mir Eine“ und weiter zu Gundel gewendet, rief sie: Die Feli will mit Phillip spielen?“ Die Nachbarin nickte abermals, Feli machte auf dem Absatz kehrt und lief hopsend zurück und die Mutter ging endgültig los.

Nach einer guten halben Stunde war die Mutter wieder am Gartentor, doch die Drei waren nicht mehr da. Sie schloss das Tor und ging über die quadratischen Steinplatten an der Hecke lang, hüpfte über das schmale Rosenbeet und ging zur Haustür der Nachbarin und klingelte. Die Tür öffnete sich, und sie sah, das Gundel schon wieder im zurücklaufen, den Kopf drehte und sagte: „Komm rein, Edith, die Kinder hatten Hunger!“ Als sie dann in die Küche kam, saßen die beiden Hübschen auf dem Boden und tranken Limo. „Jetzt aber!“ Edith klatsche in die Hände. „Auf geht’s, Feli, ich will die Dinger heute noch aufhängen! Und Felicitas hatte nichts dagegen, im Gegenteil, sie wollte ungedingt helfen. Stellte das Glas ab, sprang auf und rauschte an der Mutter und Gundel vorbei nach draußen. Edith griff Gundel an den Arm, zwinkerte Phillip zu und sagte: „Danke“, und rauschte los, schaute, dass sie hinter ihrem Wirbelwind hinterher kam.
Als Edith um die Hausecke bog, stieß sie fast mit Felicitas zusammen, die, nahe der Dachrinne, mit dem Kopf nach unten, gerade ihren Fuß gegen die Hausmauer schlug. Als sie die Mutter bemerkte, rief sie:“ Aufs, Klo!“ Und presst die Beine zusammen. Mit wenigen Schritten erreichte die Mutter die fünfstufige Treppe, holte den Schlüssel aus der Hosentasche, lies die Tür offen stehen und flitzte nach oben, hängte den Hausschlüssel zurück ans Brett, schob die Wohnzimmertür beiseite und legte den Store über den Tisch.
Jetzt brauchte auch sie was zu trinken, also, ab in die Küche. Edith stand gerade am Fenster, blickte auf die Straße hinunter und trank dabei in kurzen Schlucken ein Glas Fachinger, als sie über das offene Badfenster wirres Geträller hörte. Feli war also auch schon da. Sie stellte das Glas achtlos auf den Fenstersims und schnappte sich einen Küchenstuhl und ging ins Wohnzimmer bis zum Fenster vor, stellte den Stuhl ab, bückte sich nach vorn, packte den Beistellwagen und schob in neben der Fernseher. Jetzt war Platz genug, um hantieren zu können. Im Vorbeigehen griff sie sich wieder den Stuhl und stellte ihn unter die freie Ecke, um die Sicherungsschraube der Schiene zu lösen, damit sie den alten, ausgeblichenen Store gegen den neuen austauschen konnte. Jetzt schob sie den Stuhl genau darunter, stieg drauf und fädelte den alten Store mit flinken Bewegungen von der Gardinenschiene herunter, warf das alte Teil in eine Ecke und stieg wieder vom Stuhl herunter.
Gerade als sie wieder auf dem Stuhl stehend, den Store in den Händen hatte, um neu aufzufädeln, sah sie zur Tür und sah dort, wie Felicitas mit heruntergelassenen Hosen dastand und auf ihre bunte Unterhose zeigte und sagte: „Ist nass geworden.“ „Ach, ne - da musst Du eben warten, bis ich fertig bin!“ Entfuhr es Edith, ungewollt. Drehte sich aber sofort wieder um und machte weiter. Hinter ihrem Rücken trippelte Felicitas leise nach vorne, ohne das es ihre Mutter merkte und stand, als sie gerade wieder vom Stuhl runter wollte direkt davor. Die Mutter verlor das Gewicht, weil sie nicht ausweichen konnte, streifte Felicitas so unglücklich dabei, das sie auch ins Schwanken geriet und Felicitas knallte mit dem Kopf gegen das Fensterbrett. Sofort war Edith bei ihr, doch Felicitas schlug wild um sich und flüchtete unter den Wohnzimmertisch und schrie immer wieder: „Du Blöde, Blöde...!“ Edith lies sie in Ruhe, weil sie die Spielchen kannte, öffnete nur noch beide Flügelfenster und lies beim hinausgehen die Wohnzimmertür offen, um ein wenig zu lüften. Darüber hinaus musste sie ja für Erich noch was zu Essen machen, der kam immer pünktlich. Und schon war sie wieder in der Küche verschwunden Felicitas nörgelte solange, bis es ihr langweilig war. Sie lugte unter dem Tisch hervor und sah, dass das Fenster offen stand. Als sie den Stuhl bemerkte, der direkt vor dem Fenster stand, schlich sie sich, wie eine Katze, auf dem flauschigen Teppich an, kletterte auf den Stuhl, stellte sich vors offene Fenster und genoss, mit sichtlicher Wohltat den samtigen Wind, der sich durch ihre Haare bewegte. Felicitas hatte einen wunderbaren Panoramablick über den Garten, den sie so gut kannte. Dann hob sie den Kopf und blickte direkt in die Sonne, die um die Mittagszeit, gnadenlos brannte. Der Schweiß schoss ihr auf die Stirn, doch das störte sie überhaupt nicht, im Gegenteil, sie genoss es in vollen Zügen und schloss dabei die Augen. Sofort sprangen lustige Farbkleckse durch die Gegend. Felicitas musste lachen und viel fast vom Stuhl, fing sich aber wieder und die Farben trieben ihr heiteres Spiel mit ihr. Sie steigert sich hinein, und fing an zu phantasieren: Sie sah, wie die Biene Maja angeflogen kam und sich auf das äußere Fensterbrett setzte und mit den bunten Fühlern lustige Späße trieb. Felicitas rief Maja zu, dass sie reinkommen solle, damit sie mit ihr spielen könne. Maja flog noch ein paar Loopings und raste mit Karacho auf Felicitas zu, blieb aber mit ihrem Kopf in den feinen Maschen des Stores hängen und kam nicht mehr vor und zurück. Felicitas wollte Maja helfen, konnte sie aber nicht erreichen, so sehr sie sich auch anstrengte. Wieder schlugen die Flügel von Maja und dann... schoss plötzlich ein Blutstrahl aus Majas Hals und färbte den ganzen Store rot. Felicitas riss ihren Mund auf, fiel nach hinten und schrie: „Maaaamma, Bluuuut!“
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Karl,

mit dem Titel hast Du mich ja ganz schön reingelegt. Zwischen ihm und dem Ende legte sich somit ein imaginärer Spannungsbogen, der mich bis zum Schluß durchhalten lies. Leider.
Gefällig geschrieben, gut erzählt - aber der Inhalt? Bedarf es wirklich so vieler Belanglosigkeiten (kein Handgriff wird vergessen, das Geschirrtuch hat Flecken, der Mann von der Nachbarin ist auf Montage usw.), um zu d i e s e m Schluß zu kommen?

Gruß Ralph
 
Blutrote Store

Lieber Ralf!

Vielen Dank für Deine Antwort, auch oder gerade weil es es eine kritische ist.

Wenn Du bis zuletzt gelesen hast, hat die Kurzgeschichte doch ihr Minimalziel erreicht - Aufmerksamkeit zu wecken!

Ich wollte eine Geschichte schreiben, die von den kleinen Dingen, die oft nicht gesehen werden, erzählt. Deshalb habe ich, übrigens ganz bewußt, eine ganz alltäglich Situation beschrieben - da braucht man nichts von zu verstehen, das weiss jeder - um ein kleines Erlebnis (Metaerlebnis), die Phantasie des Mädchens, mit einem alltäglichen Erlebnis zu verbinden. Mir kam es, wenn Du so willst, auf die unterschiedlichen Erlebnisebenen an.

Apropos: Kritik solltest Du nicht persönlich formulieren, bleib bei der Sache, und es ist O.K. Die Geschmäcker sind halt nun mal sehr unterschiedlich - Gottseidank!

Gruß, Karl
 
Blutrote Store

Liebe "Oldicke",

Vielen Dank für die Blumen.

Aber jetzt zu Deiner Verständnisfrage: "gut erzählt, aber - wo kommt am ende das blut her? das is mir völlig unklar."

Das Blut ist nicht wirklich, es entspringt der Phantasie des Mädchens (Felicitas) Phantasie: Die Biene stranguliert sich im Store.

Alles klar?

Lieben Gruß, Karl
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
alles klar.

aba ich gloobs nich. auch ich hatte schon als kind eine reiche fantasie, aber daß ein tier blutet, wenn es stirbt, hätte ich mir nicht vorstellen können (oder wollen). außerdem hatte ich schon sehr jung - also schon mit zwei jahren - gesehen, daß so ganz kleine flügeltiere kein blut haben, bestenfalls saft. alles klar? lg
 
Hallo "Oldicke"

"aba ich gloobs nich."

Das ist nicht eine Frage von Glauben, es ist einfach Fiktion, und da kann auch Blut mal grün sein.

Ich will damit sagen, dass ja gerade das eines der Spannungsmomente beim Schreiben ist, dass man viele Möglichkeiten hat. Du kannst ganz realistisch vorgehen, Dir aber auch alles aus den Finger saugen - ganz nach Gusto.

Gruß, Karl
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
ja,

mein lieber, ich ärgere mich ja nur, daß ich da nicht so schnell folgen konnte. vor allem ärgere ich mich, daß meine kindliche fantasie nicht geachtet wurde. also - asche auf mein haupt. ganz lieb grüßt
 

 
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