Brave new strategies

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onivido

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Vor gar nicht so langer Zeit stand in einer Kleinstadt im Llano Venezuelas ein Gasthaus, “El Venado Blanco”, - das Weisse Reh genannt. Carne en Vara - geröstetes Fleisch - wäre das einzige Gericht auf der Speisekarte gewesen, sofern es eine solche gegeben hätte. Carne en Vara mit gerösteten Bananenscheiben, mit Yuca[ii], oder Arepas[iii] mit Käse und Rahm und natürlich eiskaltem Bier. Das Gasthaus war bescheiden, aber allbekannt. Es lag am Stadtrand unter dem Dach des Korridors, der den Patio eines alten Hauses aus der Kolonialzeit umgab. Ein uralter Saman überschattete diesen mit Bananenstauden, Farnen und Orchideen bepflanzten Innenhof. Von dem untersten Ast des Baumriesens hing an einer Kette ein grosser, offener Vogelkäfig. Darauf sass ein Paar farbenfroher Guacamayas[iv], das die Gäste mit den populärsten Sprüchen und Schimpfworten aus allen Teilen des Landes unterhielt. Ungefähr ein halbes Duzend fauler, fetter Katzen frass – als Zeichen besonderer Zuneigung -, was die Stammgäste vom Tisch fallen liessen. Die beiden Kellner waren schloddermäulige junge Männer, deren einzige Ähnlichkeit mit anderen Vertretern ihres Standes darin bestand, dass sie Essen an die Tische brachten. Einheimische und Fremde gleichermassen genossen, wenn immer sie dazu Gelegenheit fanden, die rustikale Gastlichkeit dieser Stätte.

Obdulio Peraza, der Wirt, Herz und Seele des Hauses, verbrachte die Zeit damit die Gäste willkommen zu heissen, zu tratschen, Geld zu zählen und den drei Frauen Anweisungen zu geben, die in der offenen Küche das Fleisch rösteten, die Yuca kochten, und die Arepas formten und backten. Nichts entging seinen Augen, schier allgegenwärtig sah er überall nach dem Rechten. Im Morgengrauen pflegte er mit seinem Pickup auf den Markt zu fahren um Advocados, Zwiebeln, Tomaten, kurz und gut alles was für den kommenden Tag benötigt wurde zu kaufen.
Obdulio war wohlhabend und wurde Tag für Tag wohlhabender. Seine Söhne und Tochter waren intelligente Kinder, zu gescheit, um sich mit irgend etwas abzugeben, das mit dem Geschäft der Familie zu tun hatte. Ihr liebender Vater schickte sie zum Studium in die Vereinigten Staaten, um eine höhere Bildung zu erwerben und das Geld auszugeben, das er scheinbar so mühelos verdiente.
Regierungen wurden gewählt und gestürzt, Revoluzionen angezettelt und verraten, Verordnungen und Gesetze mit den Händen geschrieben und den Füssen getreten, Putschist Hugo Chavez wurde eingekerkert, begnadigt, zum Präsidenten gewählt und Obdulio wurde älter und feist. Eines Tages fiel er in Ohnmacht und war tot.

Nach dem Begräbnis versammelten sich Freunde und Familie im Venado Blanco, wo der Geist Obdulios noch lebendig und fast körperlich zu spüren war. Spät in der Nacht, nachdem die letzten Flaschen Rum geleert worden waren und deshalb Freunde und Nachbarn sich auf den Heimweg begeben hatten, begann die Familie darüber zu beraten, was mit der Gaststätte zu tun sei. Man kam darauf sie zu verkaufen, aber Misia Julia, die Witwe Obdulios, wollte davon nichts wissen und zum anderen war es nun ja auch eine Tatsache, dass El Venado Blanco eine Goldgrube war. Jedoch keiner der beiden Söhne Obdulios, noch seine Tochter fand sich dazu bereit das Geschäft ihres Vaters weiterzuführen.
America, die Tochter, war Soziologin, verheiratet mit Dr. Rosenbaum einem äusserst erfolgreichen Bostoner Psychologen. Der brauchte seine Frau nicht nur im Schlafzimmer, sondern weitaus mehr in seiner Praxis in der Maschinerie von Rezeptionisten, verschiedenenen Arten und Klassen von Assistenten, Astrologen und Partnern. Abelardo, der ältere Sohn, hatte bereits mehrere Doktortitel in Physik und Ingenieurwissenschaften errungen, hatte die US Staatsbürgerschaft beantragt und war ein aufsteigender Stern bei der NASA. Nach dem College hatte Jose Julian, Abelardos Bruder, zusammen mit anderen ehemaligen Komilitonen eine Software Firma im Silicon Valley gegründet und die Gruppe war gerade im Begriff ins grosse Geschäft einzusteigen.

America fand die Lösung zu diesem Dilemma. Es gab da diesen Mann, Ulises Olmos, ein Landsmann, einer aus der Clique von Lateinamerikanern mit denen sie während ihrer Studienzeit in den USA verkehrten. Das Letzte was sie von ihm gehört hatten war, dass er bei McDonald’s als Manager fungierte, jedoch aus familiären Gründen verzweifelt danach trachtete, in sein Heimatland zurükzukehren. Sie waren sich alle einig, dass dieser Mann die ideale Person für das Management des Venado Blanco sei.

Ulises war hocherfreut, obgleich er sich Mühe gab, das nicht zu zeigen. Seine erste Amtshandlung bestand darin, die Katzen loszuwerden. Ihre Gegenwart war unvereinbar mit den elementarsten Prinzipien der Hygiene, ganz davon zu schweigen, dass es viele Menschen gab, die allergisch auf Katzenhaare reagierten. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit der Kleidung des Personals. Uniformen wurden Pflicht. Die Frauen in der Küche hatten einen weissen Arztkittel zu tragen und auf dem Kopf eine weisse Haube. Ursprünglich bestand er auch auf einer Maske vor dem Mund, aber er kam davon ab, natürlich nicht wegen der Proteste des ungebildeten Küchenpersonals, sondern auf Grund des gedankenvollen Einwands eines Gasts, der meinte, dass dieser Aufzug Kriminellen bei einem eventuellen Überfall des Restaurants als Verkleidung dienen könnte. In seinem Eifer den Eigentümern zu zeigen, dass sie einen Fachmann angestellt hatten, der diese Bauernwirtschaft zu einem wirklichen Restaurant wandeln konnte, sparte er weder Mühe noch Geld, um sein Kurzzeitziel zu erreichen, das heisst den Umsatz in den ersten zwei Wochen nach seinem Dienstantritt zu verdoppeln.

In der Zwischenzeit nützten hasengrosse Ratten und eine Armee niedlicher grauer Mäuse die Abwesenheit der Katzen. Nicht nur in den nächtlichen Stunden hielten sie ihre schamlosen Gelage in der Küche und dem Vorratsraum, sogar tagsüber erschreckten sie das Küchenpersonal durch ihr plötzliches Auftauchen zwischen Töpfen und Tiegeln. Die schrillen Schreie der Köchinnen konnten deutlich von den befremdeten Gästen wahrgenommen werden, die sich zu fragen begannen, ob sie wirklich Rindfleisch serviert bekamen. Señor Olmos fällte eine Entscheidung. Er würde die Gaststätte vollkommen modernisieren, das heisst sie kompatibel mit den Standards des einundzwanzigsten Jahrhunderts machen.

Als Mann der Tat ging er unverzüglich ans Werk. Am Eingang des Venado Blanco lasen entäuschte Kunden ein riesiges Plakat welches verkündete, dass die Gaststätte wegen Renovierung geschlossen sei. Es versprach nach der Wiedereröffnung, excellenten Service, internationale Küche und dem Besucher 3000 eine Reise auf die Ferieninsel Margarita. Die zahlreichen Stammgäste erwarteten die Wiedereröffnung mit zorniger Ungeduld. Als das Local endlich seine Pforte für das Punblikum öffnete, kannte ihre Überraschung keine Grenzen. Uniformierte Türsteher begrüssten die Gäste am Eingang, der jetzt von einer grossen Fackel geziert war. Der riesige Saman war verschwunden. Ein abgedunkeltes Glasdach überspannte den Patio. Eine Klimaanlage unterkühlte die Atmosphäre. Die Guacamayas sassen traurig fröstelnd in einem goldfarbigen Käfig. Zwei junge Damen in Mikroröcken führten die Gäste an ihre Tische, Kellner in schneeweissen Liquiliquis[v] schwärmten durch das Lokal, atmeten den Gästen ins Genick, füllten geschäftig Wassergläser, leerten Aschenbecher und runzelten die Stirn über die allzu bodenständigen Bestellungen der Gäste, welche ihrerseits mit gerunzelter Stirn die Speisekarte und die Preise begutachteten.
Natürlich war die Familie Peraza zur Eröffnung eingeladen, aber es kamen nur Misia Julia und America, die mit ihrer Familie gerade im Urlaub war. Dr. Rosenbaum riet, in einer einzigartigen Geste der verwandtschaftlichen Verbundenheit, vollkommen gratis, das Wort “weiss” aus dem Namen des Restaurants zu streichen, da es eine rassistische Konnotation hätte und statt dessen das Reh rosa zu streichen, um auch das dritte Geschlecht zu einem Besuch zu animieren. Señor Olmos setzte diesen wertvollen Rat geflissentlich in die Tat um. Die Wirkung all dieser Anstrengungen blieb nicht aus. Das Restaurant war das Stadtgespräch. Die Presse, ja sogar das Fernsehen, besuchte El Venado und wurde grosszügig bewirtet. Señor Olmos war zufrieden. Bis jetzt hatten alle seine Massnahmen Erfolg gezeigt.
Während der kommenden Wochen bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass sich die Betriebskosten verfünffacht hatten, jedoch der Umsatz kaum gestiegen war und der Gewinn, trotz aller Verdrehungen bei seiner Berechnung, sich sehr verringert hatte.Das Störendste waren die Personalkosten. Da Herr Olmos ein entscheidungsgewohnter Mann war, fand er sogleich eine Lösung zu diesem Missstand. Outsourcing. Er entliess das Küchenpersonal. Die Küche wurde zu einem riesigen Aquarium umgebaut in dem lebende Haie den Gästen einen milden Schrecken einjagten. Standard Mahlzeiten wurden mehrere Strassen entfernt von einem Küchendienst zubereitet und in einem Lieferwagen - natürlich mit dem Logo des Venados - ins Restaurant gebracht. Die Bestellungen übermittelte man per e-mail.

Drei Monate später war das Venado in ernsten finanziellen Schwierigkeiten. Dank der Verbindungen des Herrn Olmos und seiner geschäftlichen Fähigkeiten, kaufte es McDonald’s sehr günstig. Natürlich wurde Señor Olmos in Anbetracht seiner Verdienste und dem erprobten Geschick für Neuerungen zum Manager dieses neuen Lokals in der Stadt ernannt.



[ii] Mandioka
[iii] Fingerdicke Scheibe aus Maismehlteig, geröstet und wie Brot mit Beilagen verspeist
[iv] Riesenpapagei
[v] Nationaltracht
 
Zuletzt bearbeitet:

Languedoc

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Hallo onivido,

oh ja, solche brave new strategies konnte ich in meinem Berufsleben auch immer wieder beobachten. In dem Tourismusgebiet, wo ich aufgewachsen bin und sozialisiert wurde, wusste jeder Bauer: reich wirst du mit einer Würstelbude, und nicht mit mit dem 3-Hauben-Betrieb. Ich hab selber mal in einer Schihütte ausgeschenkt (Ferialjob, lang ist's her), und wie da der Rubel reinrollte im Gegenzug für Jagatee*) und Brettljause**), das kann man sich nicht vorstellen. Dein Obdulio Peraza erinnert mich an meinen damaligen Chef, der war sehr großzügig, ich verdiente in ein paar wenigen Wochen üppig Taschengeld für ein ganzes Studienjahr. Waren das Zeiten!

Ich finde, Du hast die Geschichte gut erzählt, mit viel Witz, doch bitte, bitte, nimm das Kursiv aus dem Text!
Beistriche fehlen so einige, bei der Rechtschreibung hapert es auch - aber sei es drum. Ich hatte eine erfreuliche Lektüre zum Tagesabschluss.

Freundliche Grüße
Languedoc

*) Jagatee: alkoholisches Heißgetränk (Jägertee), das aus Schwarztee und Inländer-Rum besteht
**) Brettljause: eine Käse- und Wurstorgie, serviert auf einem Holzbrettchen
 

onivido

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Hallo Languedoc,
es freut mich sehr, dass du die Geschichte gelesen und sogar einen so freundlichen und interessanten Kommentar geschrieben hast. Das kursive ist schon eliminiert.Keine Ahnung wie es dazu gekommen ist. Rechtschreibe - und Kommafehler sind meine Spezialitaet. Das mit den Kommas werde ich nie lernen, aber die Rechtschreibefehler duerften nicht vorkommen.
Viele Gruesse///Onivido
 

Languedoc

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Hallo onivido,

Eine Sorte Rechtschreibfehler wäre ganz leicht zu beheben, nämlich die Sache mit dem ß und ss:

ß schreibt man v.a. in zwei Fällen:

1. bei „langem S“ (man hört es beim Sprechen, es kling wie ein normales s):​
ein grosser großer Vogelkäfig​
darauf sass saß ein Paar​
die Katzen frassen fraßen​
gleichermassen gleichermaßen​
sitzen – sass saß – gesessen​
entlassen – entliess entließ​
Strasse Straße​
2. nach Umlauten:​
das weisse Weiße Reh, das heisst heißt,​
willkommen zu heissen heißen​
mit den Füssen Füßen getreten​
äusserst äußerst erfolgreich​
begrüssen begrüßen​


ss (Doppel-S) in der Regel nur dann, wenn es echt „scharf“ ausgesprochen wird, also:
nass, Fass, fressen, Schuss, Klasse, statt dessen, Missstand,​



Womöglich gilt jedoch diese S-Rechtschreibung nicht für die Schweiz, für Luxemburg und dgl., das müsste ich recherchieren. Hier in der Leselupe jedoch sind Deine zu vielen SS nicht korrekt. Wie gesagt, wäre nicht unschwer zu beheben, wenn man die Worte "hört".

Liebe Grüsse Grüße
Languedoc
 

onivido

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Hallo Languedoc,
das mit dem " ß " (von deinem Text kopiert) wurde mir auch schon von Ciconia gesagt. Zu meiner Entlastung kann ich erwaehnen, dass ich in meinem Leben noch nie eine Tastatur mit diesem Zeichen gesehen habe und ich mich deshalb an die schweizerische Rechtschreibung klammere, im uebrigen auch keine Umlaute. Ich schreibe sie mit "alt..."
Ich kann nur hoffen, dass das nicht ein Dorn im Auge ist. Mir wird uebel wenn ich Leserkommentare zu Zeitungsartikeln sehe. Die meisten Leser koennen offenbar nicht zwischen "dass" und "das" unterscheiden. Ich habe den Eindruck, dass das "dass" nicht mehr verwendet wird.
Viele Gruesse und vielen Dank///Onivido
 

Languedoc

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Pas de problème, onivido, Deine Rechtschreibung dornt mich nicht allzusehr, weil mich der Gehalt Deiner Geschichten erfreut, sie haben für mich den Duft der großen weiten Welt und ob nun ss oder ß , das steck ich als Leser schon weg. Eine korrekte Rechtschreibung wär halt die Kirsche auf der Schwarzwälder Torte, sprich: erhöhter Genuss.

Schönen Abend
Languedoc
 

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