brief an die liebste

TheRealCure

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brief an die liebste

meine liebste,

nachdem ich nun fünf stunden auf das ende der nacht gewartet habe, nachdem sich in meinem verwirrten kopf viele altbekannte gedanken mit einigen neuen vermischt haben, was meine verwirrung noch vergrößerte, möchte ich diesen morgen nutzen, dir - meiner liebsten - ein paar zeilen zu schreiben.
wir haben viele dinge besprochen in all der zeit, in all den jahren, da wir uns kennen. ich erinnere mich mit großer freude gerade an jene zeit, als wir uns kennen lernten. erinnerst auch du dich an jenen sonnigen tag. die hitze machte uns zu schaffen, unseren körpern und unseren sinnen. schweiß lag in der luft in jenem park in paris, als wir uns das erste mal begegneten? die themen unserer gespräche waren so erfrischend simpel. wir sprachen über das wetter, über die drückende hitze des sommers in paris. unbeschwertheit bestimmte unsere gespräche und das machte es so einfach zu reden. wie durch ein wunder synchronisierten sich unsere herzen und da wir beide allein und einsam waren, beschlossen wir uns für den nächsten tag in einem der cafés zu treffen. so geschah es und wir begannen uns näher kennenzulernen. schon damals war mir nicht klar, ob man "kennenzulernen" zusammenschreibt oder ob man "kennen zu lernen" aus ein ander schreibt! das war eine zeit ohne rechtschreibreform. entschuldige mir diesen abschweif, aber mittlerweile kennst du mich ja. in dem o.g. café trafen wir uns also und wir kamen uns sowohl gedanklich als auch körperlich näher. du weißt, wie ich das meine. zuerst saßen wir uns mit verschränkten armen und beinen gegenüber. dann allmählich rückten wir schulter an schulter - erst ohne uns zu berühren - näher, bis zuletzt unsere hände sich und schließlich auch uns berührten. über dem tisch hing einer dieser hoffnungslos überdimensionierten ventilatoren, wie man sie aus diesem abgenutzen film mit humphrey bogart kennt, wo seine liebste ihm einst tief in die augen schaute. was für ein film voller romantik, nicht wahr? aber das ist ja ein ganz anderes thema. unsere hände lernten sich also ebenfalls kennen. meine hände hatten schon lange keine anderen mehr kennengelernt geschweige denn andere interessante körperpartien. ich gebe zu, dass zwar viele hände gedrückt wurden, aber das war rein beruflich und es waren meist lasche männerhände und ich gebe ebenfalls zu, dass mir das nicht allzu viel gab, ja auch heute noch nicht gibt. die zeit danach in paris war sehr schön. es war noch sehr oft sehr heiß in der stadt der liebenden und es roch noch oft nach unserem dampfenden schweiß in dem alten kleinen hotelzimmer in dem alten kleinen hotel an der seine.
was ist aus uns geworden in all den jahren seit dieser zeit? wo sind sie geblieben die momente der verzückung füreinander? die themen, die wir heute besprechen, sind ganz andere geworden. vor allen dingen sind sie komplizierter geworden und ich vermisse diese leichtigkeit mit der wir damals sprachen. unsere diskussionen drehen sich meist nur noch um diese alltagsdinge, um die schulden, die wir für das haus aufgenommen haben. ich frage mich wirklich immer noch, ob es wirklich 300 quadratmeter sein müssen. ich gebe zu, dass man für sechs kinder reichlich platz braucht, auch wenn es nicht die meinen sind. du hast sie mit in die ehe gebracht. es hat mir nie etwas ausgemacht, dass du schon viermal verheiratet warst und es macht mir auch heute nichts aus. ich nenne dich ja auch heute noch "meine liebste" und nicht einfach nur "meine frau". du bist ja auch nicht nur "meine" frau, denn du hast ja noch viele andere beziehungen außer mir. ich traf erst gestern andré wieder und er erzählte mir haarklein, wie toll du im bett abgehen kannst. ja, das hat mir auch immer ganz gut gefallen. kannst du ihm aber nicht bitte mal sagen, dass er etwas feinfühliger mit diesen themen umgehen soll? weiß er eigentlich, dass wir verheiratet sind? nicht, dass mir das was ausmachen würde, aber es standen halt gerade ein paar kollegen und wichtige kunden dabei und es könnte sein, dass sich das jetzt richtig herumspricht. aber, dass ist im grunde jetzt auch egal, denn der eigentliche grund meines briefes ist der, dass ich mich von dir verabschieden möchte. ich werde heute in die seine springen. ich werde es gleich machen, wenn ich den brief eingesteckt habe und wenn du ihn liest, wahrscheinlich sogar schon in dem moment, wenn du ihn öffnest, werde ich bereits für immer gegangen sein. bitte frage mich aber nicht warum, denn es zu erklären, fällt mir schwer. bitte rufe mich auch nicht an, denn natürlich werde ich den anrufbeantworter auch nicht mehr abhören können. es ist so eine alte angewohnheit von mir, ihn auch immer dann anzustellen, wenn ich genau weiß, dass ich ihn in absehbarer zeit nicht abhören können werde. bestell deinen kindern einen schönen gruß und all deinen bekannten. außer andré natürlich, denn den kann ich irgendwie nicht mehr ab.

in liebe
dein schatz
 

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