Bruchstücke III

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Otto Lenk

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Eine Feder für jeden Flug
Ein Alles für das Nichts
Ein Stein für alle Berge

Die Bucht von Carmel, wie immer um diese Uhrzeit, im Nebel. Die Äste der Zypressen frisiert vom Wind, landeinwärts. Über allem der penetrante Verwesungsgestank des Tang. Das Kreischen der Möwen klingt ängstlich, kleinlaut. Die Glocken der Carmel Mission schlafen seit Jahrhunderten. Der Highway 1, die Silhouette einer Schlange, die sich an den Klippen entlang windet. Über allen Pflanzen kriecht Poison Ivy…Margie hatte mir erzählt, dass es giftig sei. Leider habe ich vergessen, was daran giftig ist.

Ja, ja…die Kinder. Schon gut, ich vergesse es nicht! Scheiß Verantwortung, ich vergess dich schon nicht.

Die Kinder. Sie spielen am Strand. Schmeißen Erdnuss-Flips in die Luft. Die Möwen, aus dem Nichts, fangen sie im Flug. Jennifer ähnelt ihrer Mutter sehr. Nicht äußerlich.

Ein Schwarz für jeden Tod
Ein Blau für jedes Leben
Ein Grün für jede Hoffnung

Ein erster Sonnenstrahl dringt durch das Grau. Diese Insel aus Licht erinnert mich an dich.
Langsam schmilzt der Nebel. Das Meer dahinter ist von einem beständigen Grau. Manchmal, wenn es die Sonne gut meint, von Silber durchzogen. An windstillen Tagen gleicht das Meer einer zähen Masse aus Quecksilber. Keine Bewegung, wie erstarrt.
Mit dem Licht kehrt der Wind zurück. Mit dem Wind die Töne und Gerüche aus Monterey.

Der Geruch von Fisch. Ich schließe die Augen und schlendere über den Trinidad Pier. Vorbei an Fischerbooten und alten Holzhütten. Links und rechts sitzen Pelikane und Möwen. Sie warten auf ankommende Boote, auf den Abfall. Alles hier atmet Vergangenheit, kaum noch Gegenwart, keine Zukunft.
Auf den Felsen, die aus dem Meer ragen, wimmelt es von Seelöwen. Ihre Rufe werden mit dem Wind an Land geschwemmt, bringen mich zurück zum Strand.
Ich blicke hinüber nach Monterey, lausche dem Heulen…
It´s too late, it´s too late, klagt es in mir wieder.

Ein Auf für jedes Ab
Ein Du…
Einen Augenblick für die Ewigkeit

In zwei Tagen werden wir um 04:03Uhr aus dem Schlaf gerissen werden. Die Hängelampe unseres Motelzimmers wird an die Decke schlagen, die Fenster aus dem Rahmen fallen, der Fernseher zu Boden. Ich werde glauben, den realistischsten Traum meines Lebens zu träumen, bis ich aus dem Bett falle und kapiere...Erdbeben. 7,3. Alles in Bewegung. Mein Herz springt. Abgrundtiefe Angst. Der Tod ist da. Er steht direkt neben mir und lacht. Es gleicht dem Geheul der Seelöwen…
Nein, ich will nicht sterben.

O8:17Uhr. Ein zweites Beben. 6,8.

Geheilt.

Ich werde die alten Tagebücher in den Bergen begraben. Der Bergsee in der Sierra Nevada, das einsame Haus… Ein guter Ort, voller Frieden. Auf der letzten Seite folgender Eintrag:

irgendwann
wird meine seele
wieder funkeln

wie wellen
im licht

bette mich
in deine erde

bis dahin

Arm in Arm mit dir am Strand von Carmel. Über uns tanzen Möwen. Die ganze Welt schmeckt nach Liebe.

meine seele
eine welle aus licht

Jetzt, am Ende, welcher ein Anfang ist, verstehe ich. Ich blicke den Strand entlang und entdecke überall Spuren.

Manche Wege sind ein Leben lang.
 

Otto Lenk

Mitglied
Erinnerst du dich?
Der Wind in der Wüste
Dieser Riss in der Erde
Wie durchs Herz
Tief und rot

Wir auf dem See
Hinter der nächsten Biegung
Anfang der Welt

Du in meinen Armen
Unberührt
Dieser Riss durchs Herz
So rot und tief
Wie die See
 

Otto Lenk

Mitglied
hinein.

er
wollte sterben
glitt ins wasser
ertrank
im letzten be-
wussten moment
spürte er
- eine ewigkeit -
dass er
fisch gewesen
irgendwann
und schwamm
aus sich heraus
in die welt
 

Otto Lenk

Mitglied
gezeiten.

laternen zeichnen
milchiges licht auf
verlorene wege
ertrunken in mir
wate ich durch
altes land
pflücke
traurige träume

ein zug aus glas
fährt vorüber
die menschen darin
winken mechanisch
ich erkenne sie
keine tür führt zu ihnen
endlos die reise
nach süden

immer weiter
ziehen die bilder
hinaus
aufs offene meer
sehne ich mich
nach dem grund
und lasse los
 

Otto Lenk

Mitglied
manchmal…wenn ich zu den sternen sehe
verspüre ich den drang sie auszublasen
mit einem Schrei – sie einfach
vom himmel wegzupusten
sie stören mich, in ihrer ewiglichen prächtigkeit
für die es kein auf und ab zu geben scheint-

gleichförmig strahlen sie und deuten alles gut
~hier oben, hier oben, hier oben lebt der kleine prinz~
so klingt es silberstreu- und schnuppenschön
oh mann, oh mann, hier unten leuchte ich
in graumelierten tönen und leck mich fett eintönigkeit
ja manchmal, wenn ich zu den sternen sehe…

…dann könnt ich, würd´ ich, tät ich gern,
so ewig glücklich scheinen.
 

Otto Lenk

Mitglied
wort für wort

die muse, die mir einst
den arsch geküsst
ist längst schon fort
ich weiß nun
dass sie eine hexe ist
nur auf verdammnis aus
sie gaukelt einen
wort für wort
in eine welt, die alles,
alles will und nichts
verspricht
(außer der seele not)
die saugt und saugt
bis fäulnis jedes wort
befleckt und spitze zungen
dornenreich
durchs ohr ins hirn vordringen
blutend flüsternd
vom einzig wahren wort

doch mein geist
ist längst schon fort
wort für wort
an einem anderen ort
 

Otto Lenk

Mitglied
ghosttown

im immerwiedertraum
rollen büsche
über verstaubte straßen
verfangen sich in zäunen
voll rostiger dornen
auf denen tränen
- meiner seele haut -
gespiesst
erlösung erhoffen

türen wie mäuler
ächzen trostlos
in ihren angeln
fenster
sie bewahren nichts
außer dunklen räumen
dahinter
im ausgetrockneten brunnen
spiegelt sich mein gesicht

geister
stadt im kopf
 

Otto Lenk

Mitglied
ameisenblues III - V

wie aus bekannten quellen verlautete, wurde der morgige tag aus dem kalender gestrichen. wir gehen nun von einem ewigen heute mit tendenz zum gestrigen aus. bewegen uns immer weiter rückwärts, immer weiter, bis wir über das (theoretische) morgen im heute auf uns treffen. balancierend auf den letzten nanosekunden des heutigen/gestrigen/morgigen tages existieren wir (?) vor uns hin und hoffen auf ein leben im morgigen gestern, welches schon längst vom heute überholt wurde.

nachtrag: sollten sie während des nanosekundenbalanceaktes auf einen menschen stoßen…lachen sie ihn aus und stoßen ihn in dieses loch, welcher irgendwann ein tag gewesen.

ich empfange diese nachricht (in meinem raum sitzend) über die kleinen unsichtbaren antennen, die links und rechts aus meinem kopf wachsen. die nachricht stammt von den jüngern der erneuerten kirche. sie suchen nach einem weg, rückwärts in der zeit. wollen dort, in einer vergangenen gegenwart, den herrn finden und um erlösung bitten. wahrscheinlich waren sie einer zu hohen strahlenmenge ausgesetzt.
ich bin schon eine lange zeit in diesem raum, meine ameise ist tot. sie starb damals beim „großen fehler“, wie fast alle damals starben. der rest von uns lebt in -erdoasen-. besser gesagt, wir werden hier bewahrt. zur erhaltung der art, nehme ich an. von wem? von engeln! sie sind sehr gut zu uns. beruhigen uns, wenn die strahlenteufel in uns wüten.
ich habe mir ein schachspiel geschnitzt. anfangs spielte ich noch mit meiner ameise. jetzt spiele ich gegen gott. er sagt, er sei schon immer hier gewesen, aber er ist zu schwach. selbst die ameise war stärker.
einmal am tag dürfen wir für eine stunde in den hof. länger wäre ungesund, denke ich. dort steht der letzte baum, und ein wenig gras, und blumen gibt es. der hof ist von einer mauer umgeben.
hinter der mauer ist das meer. irgendwo dahinter ist das meer. ich kann es nicht sehen, nicht hören. aber ich fühle seine nähe. manchmal schreibe ich etwas für die ewigkeit auf einen zettel, zerknülle ihn zu einer kugel, und werfe das papier heimlich über die mauer. für die ewigkeit und das meer dahinter.

gestern,
flog ich zum mond.
zum mond,
der mir so ähnlich.
mit meeren
und kratern.
meere
ohne wasser
und tiefe.
und krater.
voller wunden,
so tief
wie das meer.

anne mag ich besonders gern. einer der engel sagte mir ihren namen. anne spricht nicht. besser gesagt, sie spricht nur ein einziges wort:

miami!

wenn wir gemeinsam über den hof schlendern, bleibt sie von zeit zu zeit stehen, streckt ihren arm aus und zeigt mir ihrem finger auf einen unbestimmten ort über der mauer:

miami!

ich weiß nicht, was es damit auf sich hat. aber es genügt mir, dieses wort.



gott war ein lügner. er ist tot. einfach so gestorben. fast hätte ich an ihn geglaubt. dann stirbt er. einfach so. was soll das? ist dies wieder einer seiner auf-gaben? sein plan-spiel? vielleicht will er mich als gegensatz. kann er haben.
jetzt spiele ich nur noch gegen mich. es ist seltsam, sich selbst matt zu setzen. erinnerungen werden wach. an zeiten vor der zeit danach. erinnerungen in form von fühlen. es schmerzt.

unsere erdoasen befinden sich links und rechts eines endlos langen flurs. am einen ende des flurs befindet sich die immer geschlossene tür, auf der anderen seite die tür zum hof. dort, am ende des ganges, ist auch die oase der engel.
an der wand, hinter ihrem schreibtisch, hängt ein in goldrahmen geschmückter spruch:

der wahnsinn ist keine erscheinung von heute. er ist die einzigste konstante unserer welt.

der flur ist unsere straße. wir laufen hier den ganzen vormittag auf und ab. der mann ohne namen und ich. anfangs habe ich ihn belächelt. seinen watschelgang…auf und ab. immer die straße entlang. auf und ab. am ende der straße den hals gestreckt. wie ein eisbär im zoo. hin und her. watscheln und kopf strecken. und immer erzählte er sich was. da ich nichts besseres zu tun hatte, schloss ich mich ihm an.
langsam! ich mach nicht den eisbär. ich gebe den pinguin. manchmal gesellt sich anne zu uns. sie ist der flamingo. dann sind wir wie die von damals, die so toll tanzten.
der mann ohne namen hat´s echt drauf. er bringt die coolsten sprüche. sie treffen mich. gestern hat er mich wieder mal vollkommen aus der bahn geschmissen. erst hat er zwei stunden nichts gesagt und dann dies:

das universum hat keinen grund.

liebe ist krümmung des raumes, über alle zeiten hinweg.

ich mag ihn, wenn er so ist. läuft wie ein eisbär und spricht wie ein mensch.

letzte nacht hatte ich einen alptraum. im hof stand eine leiter. ich nahm sie, stellte sie an die mauer, und blickte darüber. da war kein meer. wüste, nichts als wüste. kein meer. am fuß der mauer ein kleiner berg zerknüllter zettelchen. ich öffnete meinen kopf und entnahm ihm eine feder. riss mir mit bloßen händen die brust auf, tauchte die feder ins herz und begann zu schreiben...

dieses fast
dieses nie wirklich sein

bin ich



ein clown sitzt auf dem berg meiner worte. liest sie…lacht und weint. er baut aus den zetteln kleine papierboote, stellt sie auf den wüstensand. winkt, als würden sie auf eine reise gehen. ich erkenne die augen des clowns, blicke durch sie hindurch, in mich hinein.
ich finde mich hinter allen augen, doch die des clowns sind mir am nächsten.
gott war nicht gott, die engel keine engel.

sie haben meine ration halbiert. diese verfickten hurensöhne.

will nur fast sein, ertrage das ganze nicht.

ich habe vor ihnen gekniet. geweint, geschrieen, sie bespuckt. diese schweine. was wissen sie schon von realität. ihre freudentrunkene realität…narbenfrei – steril. der teufel soll sie holen. ihre orgasmus-
glückseligkeit, mitsamt ihrem gestöhne und gelächter. ich hasse euch. ich hasse! wie wärs mit `ner zigarette danach. glühend, anal verbrannt.
soll ich sterben? bin ich das opfer, das dargebracht werden muß? gottes gegenpart - in ewigkeit…die strahlen werden mich auffressen.

im traum. bin wieder im hof, beschreibe einen zettel. stelle die leiter an die mauer. der clown sitzt noch dort. er blickt zu mir hinauf und öffnet seinen kopf. ich nehme den zerknüllten zettel und werfe ihn hinein.

einst
ruhender stein
auf dope

später
tanzender engel
auf speed

nun
träumende spinne
auf haldol

dieses fast, dieses nie wirklich sein - bin ich.
 

Otto Lenk

Mitglied
ameisenblues VI

ich weiß nicht wer ich bin. nur der, der ich war, möchte ich nicht mehr sein.

ich habe angst. angst vor dem morgen, angst vor der sonne, der helligkeit der tage. angst vor der angst. angst vor mir.

„die angst ist ein gefühl, ein zeichen, dass du lebendig bist“…hat der mann ohne namen gesagt.

an der tür steht der clown. er winkt. ich gehe zu ihm. in seiner hand ein aus holz geschnitztes boot, mit weißen segeln aus samt. er öffnet die immer verschlossene tür, verbeugt sich leicht, nimmt meine hände und tanzt mit mir ins licht.

für gerhard (gerd) mayer. verstorben im sommer 1990. aufgefunden in einer toilette der b-ebene des frankfurter bahnhofes. diagnose: überdosis heroin.

du warst ein wunderbarer mensch…wann immer du konntest.
 

Otto Lenk

Mitglied
wenn

wenn ich ein wort wäre
ein ganz neues
noch nie gesprochenes
wort
wollte ich mich
zwischen
deinen worten finden
dort
zum ersten mal gelesen
und bedacht
 

Otto Lenk

Mitglied
niemals

tausend jahre
liege ich am grund
verankert mit der zeit
und einem traum

tausend jahre
sterbe ich
am leben

vergib mir
meine seele
 

Otto Lenk

Mitglied
wer bin ich?

weiß das meer
von seinem kommen und gehen?

weiß der mond
von der erde?

weißt du von mir?

und ich?
 

Otto Lenk

Mitglied
schlaf ein


schlaf ein mein kind
versüße dir die welt
im traum

siehst du die schaukel
-dort-
an diesem gestern ort

erinn´re dich

das traurigschöne lied
des schmetterlings

du warst ein blau
ein himmelszelt, ein meer

ein grün,
ein halm, ein baum,

warst unsichtbar
ein stein - ein nichts

all das
und noch viel mehr

schlaf ein mein kind
versüße dir die welt
im traum

wenn du erwachst
wirst du erwachsen sein

schlaf ein
 

Otto Lenk

Mitglied
die königin der nacht
ist tot
sie starb
an einer überdosis
liebe

am ende
kotzte sie sich tot

an ihr

so rot
so blutig rot

die königin der nacht
ist tot

sie starb
an ihrer liebe
 

Otto Lenk

Mitglied
mimou

irgendwo am ufer der ardeche lebte mimou. diese tatsache allein macht noch keine geschichte, aber vielleicht der umstand, dass mimou von sich behauptete, nie eltern gehabt zu haben.
fragte man sie, woher sie denn dann stamme, zeigte mimou stumm auf den fluß, als wolle sie sagen, dass sie dem wasser der ardeche entstiegen sei.
sprach man damals die menschen auf mimou an, wurden sie redselig, obwohl man den menschen entlang der ardeche nachsagt, sie seien schweigsam, ein verschlossenes völkchen.
mimou entstamme natürlich nicht dem fluss, flüsterten sie. die kleine alte holzhütte, wurmstichig und windgeschüttelt, in der mimou lebte, sei einst von einem fischer gebaut worden. ein einsamer mann sei er gewesen, der ständig mit sich selbst redete, wissen die alten zu erzählen. irgendwann hätte er ein kind adoptiert, eben mimou. andere, die von den normalen menschen entlang der ardeche gemieden werden, erzählten, der fischer hätte eines tages sein netz eingeholt und darin hätte sie gezappelt, die kleine mimou. dann gibt es noch die geschichte von den zigeunern vom boot, die eines tages an den holzsteg der fischerhütte angelegt und für einige tage und nächte dort gehaust hätten. wilde musik sei von dort erklungen, wie tollwütig seien die zigeuner um brennende holzscheite getanzt. als sie gingen, war mimou da. wie aus den tänzen, gesängen und feuern geboren.

morgens, bei sonnenaufgang, stand mimou stets auf dem steg. stand dort, in ihrem nachthemd aus kindertagen und blickte über den fluss. noch immer hatte sie die figur eines kindes, und manchmal...wenn sie lächelte, glaubte man in das gesicht eines kindes zu blicken. die menschen am lauf der ardeche erzählten, dass sie mindestens 20, wenn nicht 50 oder gar schon 80 jahre alt sei.
wer weiß?
ja, der fluss kannte die antwort, doch wer konnte das murmeln des wassers verstehen, ausser mimou, die alles verstand.
das rot ihres nachthemds verblichen. das gelb der giraffen, die schwarzen streifen der zebras darauf, nur noch eine ahnung, stand sie dort und lauschte dem murmeln des flusses. wer sie sah, dachte unwillkürlich an märchen, an elfen und feen, den trunk der ewigen jugend. im sonnenaufgangslicht war sie so viel…ein Vogel, ein Fisch, eine sich öffnende blume, ein stern im licht der sonne.
niemand fragte wovon sie lebe. mimou wanderte stundenlang durch die gegend, besuchte die dörfer entlang ihres geliebten flusses. lächelnd ging sie durch die straßen und begrüßte die menschen. für jeden dorfbewohner war es eine ehre, ihr eine mahlzeit anzubieten.
„stellt euch nur vor, wer heute bei mir gefrühstückt hat? unsere mimou. sie ist ein engel, nicht wahr?“
ansonsten saß mimou die meiste zeit auf dem steg am fischerhaus und ließ ihre füsse baumeln. alleine war sie so gut wie nie. ständig saß jemand bei ihr.
beobachtete man die szene, erweckte sie den eindruck, als wären dort menschen füssebaumelnd in ihre träume versunken. doch die menschen kamen zu mimou um mit ihr zu sprechen. fragte man, warum es sie zu mimou zog, bekam man stets ähnliche antworten. dass mimou auf alles eine antwort wisse. mit allen sorgen und nöten könne man zu ihr kommen. mimou sei eine der alten weisen…und so weiter, und so weiter.
allerdings konnte keiner sagen, was sie denn nun geraten habe, welche antworten sie gegeben hätte. eigentlich hätte sie nur zugehört, hier und da genickt, tröstend den arm um die schulter gelegt, tränen geteilt, geseufzt und zugehört. und natürlich hätte sie einem zum abschied ihr lächeln geschenkt. reden hat sie wohl keiner gehört. alle liebten mimou...


an dem morgen, als man mimou abführte, versteckten sich die menschen hinter den fenstern ihrer häuser. rabelais, der bahnhofvorsteher von berrias, erzählte später, mimou habe gelächelt, als sie den zug bestieg.

fragt man heute die alten, wer in diesem windschiefen haus am ufer der ardeche gelebt habe, antworten sie, dass dies haus schon seit generationen leer stehe.
ja, sie sind verschlossen und still, die menschen entlang der ardeche.
 

Otto Lenk

Mitglied
aus stein

meine hände
greifen nach dem licht
doch was ich auch berühre
wird zu stein

…und du in deiner liebe

selbst deine tränen
sind mir fremd

…so fremd
wie dieser mensch
der schon so lange in mir ist
 

Otto Lenk

Mitglied
ES

Dumpfer Aufprall.
Mehr nicht.
Heute fand ich es.
Leere Augenhöhlen.
Gedärme und Blut.
Der Krähen Mahl.
Ich weiß nicht was es war.
Es weiß es auch nicht mehr.
 

Otto Lenk

Mitglied
Ich?

Ich bin
nicht mehr
Und weniger erst recht
Bin beileibe nicht
Und doch ein wenig
Kann sehr gut sein
Oder auch ja
Kommt nur drauf an
ob ich es recht bedenke
Oder auch links
Und überhaupt
Ist da dieses Nichts
Das alles ist
Mir viel zu viel
Nicht mehr
Ich bin
Ich?
 

Otto Lenk

Mitglied
flügel am himmel...

…und du in meinen gedanken
ich werde nicht müde dich zu lieben
mit dir verliert das leben an schwere
zeigst mir wie sich das anfühlt

schwerelos
 

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