Bullfrog Blues

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Klaus K.

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Die sechs Männer kämpften sich vorwärts durch ein fast undurchdringliches Gewirr aus Gestrüpp und Lianen, den modrigen Sumpf rechts und links neben sich meidend. Jeder Fehltritt konnte hier das Ende bedeuten. Sie waren einer von vier Erkundungstrupps, die ihr Kapitän Panfilo de Narvaez jetzt im Jahre 1528 hier abgesetzt hatte. “La Florida”, so war diese Halbinsel benannt worden. Und ihr Auftrag war die Erforschung des Inneren dieser schwülen Hölle, in vier Tagen würden sie wieder an der Küste abgeholt werden. Auf Pferde hatten sie verzichtet, lediglich ihre Waffen und etwas Verpflegung hatten sie mitgenommen. Die feuchte Hitze war mörderisch, die stickige heisse Luft schier unerträglich. Hier gab es keine Eingeborenen, die man ihrer Schätze berauben konnte, auch nach inzwischen zwei Tagen war ihnen kein menschliches Wesen begegnet. Das war aber nur ein schwacher Trost, denn es gab erkennbar nichts zu entdecken, was von Wert sein konnte.

“Ich will nach Hause, da, da ist die Strasse nach Cadiz…”

“Halt’s Maul, Azzaro, weiter!”

“Ja, Capitan, weiter nach Cadiz.”

Jose Azzaro war bereits bei der letzten Erkundung verrückt geworden, die anderen wussten es. Aber noch ging es, noch folgte er den Anweisungen. Viel schlimmer war Paulo Santos dran. Fast täglich hatte er einen Fieberschub, der ihn auf den Boden sinken liess. Er zitterte dann völlig verkrampft am ganzen Körper, klapperte mit den Zähnen und war nicht ansprechbar. Bereits zweimal hatten sie seinetwegen lange Unterbrechungen machen müssen. “Sumpffieber” nannten sie es, während sie die Mücken aus ihren Gesichtern scheuchten.

“Wir bleiben hier heute Nacht. Und morgen kehren wir um! Macht Feuer!”

Giorgio Bosco war ihr Anführer und der einzige Italiener unter ihnen. Er hatte schon mehrere Expeditionen befehligt. Die Männer standen auf einer kleinen Lichtung, umgeben von Wasserläufen. Am Vortag hatten sie ein Tier mit der Armbrust erlegt - das Pulver ihrer Luntenschloss-Musketen war feucht geworden -, welches an eine Art Schwein erinnerte. Das Fleisch war genießbar, und noch konnte man den Rest davon verzehren. Kaum brannte das Feuer, als es auch schon dunkel wurde und das Balzgeräusch der Ochsenfrösche mit seinem “brr-oam” einsetzte. Es war ein ohrenbetäubender Lärm von unzähligen männlichen Tieren, die ihre Luftblasen füllten, um dann damit ein fortwährendes Getöse zu veranstalten, das einzig und allein die weiblichen Exemplare beeindrucken und anlocken sollte.

“Diese verdammten Frösche - einen Konzertmeister bräuchte man, der könnte vielleicht etwas daraus machen”, meinte Carlos Perron und fuhr fort:

“Zur Hölle mit den elenden Biestern - habt ihr mal gesehen, wie die ihre Zunge herausschiessen und dann damit fette Käfer und Fliegen einfangen? Ich bin froh, wenn wir wieder auf dem Schiff sind. Hier gibt’s nichts für uns zu holen - ich hätte gar nicht mitkommen sollen, dann hätte ich jetzt mehr hiervon!” Er zeigte auf sein schweres Kreuz aus massivem Gold, das er um seinen Hals trug.

“Konnte ja keiner wissen, dass hier nichts zu holen ist außer diesen verdammten Fröschen. Aber du hast ja nur Recht. Lieber wenig Lohn als Wache, als gar kein Gold. Nur gut, dass ich meinen Anteil schon nach Spanien verschifft habe, da ist es mehr wert als hier. Mir genügt diese Erinnerung!” Er zeigte auf fünf kleine goldene Knöpfe auf seiner Weste aus gegerbtem Rindleder, die nur der Verzierung dienten und mit festem Garn befestigt waren.

“Ja, du, du bist ein ganz Schlauer, Pierre de Mordreuc! Trägst deinen Reichtum nicht mit dir herum, schickst alles deiner Familie…vergiss’ nicht, hätte dein Bruder nicht nach Spanien geheiratet, dann wärst du gar nicht hier! Ich hab’ niemanden, meine Münzen sind alle hier bei mir, alle sauber in meinen Gürtel eingenäht …” fiel Cristofero Canales ein.

“Mein Gold ist in Cadiz”, meldete sich Azzaro zu Wort.

“Und du, Santos, was ist mit dir?” fragte Bosco.

“Der kann nicht antworten, der klappert ja nur so. Er hat seinen Anteil schon versoffen, glaube ich. Los, geben wir ihm noch etwas zu trinken - zahlen kann der eh nicht mehr…”

Der nächste Morgen brach an, sie hatten erstmals während der Nacht keine Wachen eingeteilt. Azzaro war verschwunden, Bosco merkte es sofort.

“Wo ist der hin?” fragte Pierre de Mordreuc. “Wohin wohl? Nach Cadiz!”

“Sollen wir ihn suchen?”

“Feuert die Musketen ab und sucht ihn von mir aus. Wenn er bis Sonnenaufgang nicht da ist, brechen wir auf!”

“Ohne ihn?”

“Ja, ohne ihn - und was ist mit dem da?” Giorgio Bosco deutete auf Paulo Santos, der auf dem Boden auf einer Pferdedecke lag.

“Los, Santos, auf geht’s!” Er rührte sich nicht.

“Steh’ auf, Santos!”

“Der kann nicht mehr aufstehen, der ist tot!”

“Sicher?”

“Ja, Capitan…”

“Dann hebt ein Grab aus. Wir werden ihn im Namen des Herrn beerdigen!”

Azzaro tauchte nicht wieder auf. In einem eilig ausgehobenen Erdloch wurde Paulo Santos beigesetzt. Bosco sprach ein paar Worte aus der Bibel, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gott sei seiner Seele gnädig. Amen.

Die vier Männer brachen auf und traten den Rückzug an. Mehr Hoffnung als Gewissheit plagte sie, denn es galt jetzt, den richtigen Weg zu finden.

Carlos Perron erwischte bereits Stunden später das Fieber, bei dem er aber nur den ersten Anfall überlebte. Giorgio Bosco hatte Pech - an einem Wasserarm rutschte er aus, und ein Alligator riss ihm den linken Unterschenkel ab. Sie versuchten noch, ihn auf einer behelfsmäßigen Bahre zu transportieren, aber er starb kurz darauf an Wundbrand und Blutverlust.

Pierre de Mordreuc und Cristofero Canales fanden den Weg zurück zur Küste nicht.

Ihr Kapitän wartete zum vereinbarten Tag am vereinbarten Ort auf seine Leute. Er schickte einen Suchtrupp für sechs Stunden aus und ließ danach jede Stunde eine Kanone abfeuern.

Am übernächsten Tag setzte er seine Reise fort.

Knapp 500 Jahre später traf sich das dritte Semester der Medizinstudenten im Hörsaal der medizinischen Fakultät von Sevilla. Angekündigt worden war die erstmalige Sektion mit einem Skalpell. Natürlich nicht am lebenden Objekt und nur nach Anleitung. Der Assistent des Professors führte die Studenten in die entsprechende Abteilung mit den Seziertischen. Er war ein agiler Mittvierziger mit Pferdeschwanz.

“So, meine Damen und Herren, heute geht’s zur Sache! Sie alle werden einen Frosch sezieren. Das machen wir gemeinsam, Schritt für Schritt. Die Frösche sind natürlich tot, es sind Ochsenfrösche aus den USA. Die werden dort für medizinische Zwecke in Unmengen gefangen und von unserem befreundeten Institut in Tampa artgerecht getötet, dann tiefgefroren und auch an uns zu Lehr-, Untersuchungs- und Forschungszwecken geschickt. Wir haben Glück gehabt und gestern eine Ladung bekommen. Sie sind alle aufgetaut und riechen etwas, aber daran werden Sie sich sowieso gewöhnen müssen. Ach so - wir haben ja einen Franzosen unter uns, Henry de Mordreuc. Nur für Sie: Die Frosch-Schenkel bleiben hier, ich werde das kontrollieren - von wegen, mit Olivenöl und Knoblauch anbraten! Artenschutz, damit das klar ist! Und zusätzlich ein Bonbon für Sie alle: ich habe Musik mitgebracht, den “Bullfrog-Blues”! Sozusagen zur Einstimmung!”

Die toten Frösche wurden verteilt, jeder bekam ein Exemplar, das auf den Rücken gelegt wurde.

“Zuerst machen wir mal einen klassischen Längsschnitt…”

Der Assistent hatte den Beamer eingeschaltet.

“Also - Skalpell ansetzen und dann den Bauch auf, von oben nach unten!”

Jetzt schaltete er die Musik ein, aus dem Lautsprecher ertönte:

“Well, did you ever? Well, did you ever? Well, did you ever wake up with them bullfrogs on your mind….”

Henry de Mordreuc hatte das Skalpell bereits angesetzt und den Längsschnitt durchgeführt. Wohl etwas zu forsch, denn er hatte den Magen gleich mit aufgeschlitzt. Eine kaum noch als solche zu erkennende fette, halbverdaute Schmeissfliege und ein kleiner goldener Knopf quollen ihm entgegen.
 

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