C. 's kurzes Leben

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Zoepfer

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C. ’s kurzes Leben



Ihr Leben stand von vornherein unter keinem guten Stern. Auf einem Bauernhof im Bergischen brachte ihre Mutter sie in der Scheune zur Welt. Keine vier Wochen später übersah ein eiliger Autofahrer das Muttertier - es gab keine Rettung. Als die Bauersleute den Verlust ihrer Katze bemerkten, begannen sie, das Versteck der Jungen zu suchen. Es war gut verborgen - so gut, dass drei der Jungen bereits verhungert waren, als sie gefunden wurden. Lediglich ein kleines grau gestromtes Kätzchen lebte noch.

In dieser Situation bekamen wir einen Anruf. Unsere Freundin Conny, eine Bekannte des Bauern, erzählte uns vom Schicksal des kleinen Katzenkindes und bat in seinem Namen um Asyl. Wir zögerten, denn wir wussten nur zu gut, dass unsere zu diesem Zeitpunkt bereits 13 Jahre alte „Musch“ keine anderen Katzen mochte. Doch Connys Beredtsamkeit und der Wunsch, das Kleine vor dem ansonsten sicheren Tod zu bewahren, ließen uns zustimmen. Noch am selben Abend lieferte Conny uns einen großen Pappkarton an, in dem sich das winzige, zitternde Fellbündel fast verlor.

Wir nannten das kleine Tierchen Conninchen und päppelten es hoch - mit einer Pipette und Aufzuchtmilch aus der Tierhandlung, zu verabreichen alle zwei Stunden und das rund um die Uhr. Doch die Kleine dankte es uns mit Anhänglichkeit. Selbst Musch akzeptierte den neuen Hausgenossen nach einer Weile widerstrebend und verteidigte lediglich ihren Korb als ihren Privatbereich. So schloss sich Conninchen umso enger an meine Frau an, die meistens zu Hause war.

Das Unheil kündigte sich an, als das Kätzchen ein halbes Jahr alt war. Plötzlich fanden sich immer häufiger Urinpfützchen überall im Haus. Wir hielten das zunächst für Protestverhalten und versuchten, Conninchen diese Unart abzugewöhnen. Doch weder peinliche Kontrolle der Katzentoiletten noch Tadel fruchteten. Das Tierchen, ansonsten so lebendig wie eh und je, schaute einen treuherzig an - und ließ sein kleines Geschäft unter sich gehen. Der Tierarzt tippte auf eine Blasenentzündung und verschrieb Medikamente, die aber nur kurzfristig halfen. Danach wurden die Augen des Kätzchens immer gelber und auch ihr Urin nahm eine quittenähnliche Farbe an. Damit war uns klar, dass eine Erkrankung innerer Organe - unter anderem der Leber - vorliegen musste. Keine Behandlung schlug an, Conninchen wurde immer schwächer.

Schließlich stellte sich heraus, dass das Kätzchen offenbar bei der Geburt eine Nabelentzündung davongetragen hatte. Diese Entzündung hatte sich nach innen verzogen und dort zu Geschwülsten geführt. Inzwischen war Hilfe nicht mehr möglich. Als der Tierarzt schließlich sagte: „Wenn Sie sich von diesem Tier trennen können, dann sollten Sie das jetzt tun - alles andere ist Quälerei!“ war uns klar, was das bedeutete. Ich habe Conninchen bis zum Schluss gehalten. Als sie eingeschlafen war, bin ich mit ihr zum Waldrand gefahren und habe sie dort bestattet, mit Blick über die Felder, über die sie so gern getollt ist. Gäbe es einen Grabstein für sie, stünde darauf: „Zu früh!“
 

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