„Herzlich willkommen auf der Insel“, sagte der Leiter der Strafkolonie Charly’s Heaven mit der größtmöglichen Ironie. „Wie ihr wisst, tummelt sich hier die Elite der Mörder und sonstiger schwerer Jungs. Jeder mit einem Lebenslänglich behaftet, und so wie ihr keine Gnade mit euren Opfern hattet, so kompromisslos werdet ihr hier behandelt. Die Aufseher werden euch detailliert unterweisen.“ Er musterte die 20 Neuankömmlinge mit entwürdigenden Blicken.
„Ich möchte noch etwas loswerden: Das Lager ist nicht abgesichert. Es gibt keine Mauern, Zäune oder Stacheldraht. Es gibt nur Natur: In der Bucht vor euch Tiger- und Weiße Haie und ganze Schulen von Hammerhaien. Landeinwärts, wie ihr sehen könnt, zwei tausend Meter hohe Felsplateaus und in dem Tal dazwischen ein undurchdringlicher Regenwald. Ich sage undurchdringlich, weil es noch niemand geschafft hat, ihn zu durchqueren. Wer von hier flieht, über den gibt es drei Aktenvermerke: Am ersten Tag lautet er „geflohen“, am zweiten „nicht freiwillig zurückgekehrt und am dritten „verstorben“. Bisher hatten wir immer Recht, und es hat niemals länger gedauert als diese drei Tage. Wir sind hier sicherer als Alcatraz, Guantanamo und Alligator Dingsbums zusammen.“
*
Der Chefaufseher wies mir und drei weiteren Verurteilten eine Unterkunft zu, die einmal ein akzeptables Holzhäuschen gewesen sein musste, inzwischen aber zu einem Bretterverschlag verkommen war. Wir losten die Bettstellen aus, verstauten unsere wenigen Habseligkeiten und nahmen an dem klapprigen Tisch Platz, um uns gegenseitig vorzustellen.
Carter Higgs stammte aus New York, wo er es zum Anführer einer Drogengang gebracht hatte. Beim ersten großen Deal wurde er von der Polizei gestellt, erschoss einen Beamten und wurde selbst schwer verwundet. Nachdem man ihn wieder zusammengeflickt hatte, wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Tarek Hammoud war arabischer Abstammung. Ihm wurden entscheidende Helferdienste für einen Anschlag auf eine militärische Einrichtung nachgewiesen. Die Verhandlung dauerte nur zwei Stunden, auf jegliche Rechtsmittel war nach einer Unterredung mit der Verteidigung verzichtet worden.
Curt Priesley raubte ein Mädchen von sieben Jahren und erpresste die Eltern. Weil diese nicht zahlen konnten, ließ er das Kind verdursten.
Mein Name ist Tom Nyland. Ich lehrte an einer Universität in Colorado Biologie und Zoologie. Bei einem lautstarken Streit während eines Spaziergangs trat meine Lebensgefährtin am Rand eines Abhanges in ein von Gras bedecktes Loch in der Erde, strauchelte und stürzte den Hang hinunter, ehe ich helfend eingreifen konnte. Als der Fall durch die heimische Presse ging, meldete sich plötzlich ein Zeuge, der beteuerte, beobachtet zu haben, dass ich meine Freundin gestoßen hätte. Als die Rechtsmittel erschöpft waren, bekannte er, ihr Ex-Freund aus Jugendzeiten zu sein. Ich wurde folglich Opfer einer Denunzierung.
Meine drei Kumpane wurden für die Arbeit in einer Mine eingeteilt. Ich hatte Glück und wurde wegen meiner Fachkenntnisse auf die lagereigene Farm geschickt, wo Gemüse für das Camp angebaut und Viehwirtschaft betrieben wurde. Wir arbeiteten zwei Jahre lang an den zugeteilten Orten, und jeder von uns fühlte, wie der Gedanke, eine Flucht zu wagen, mehr und mehr in ihm reifte. Ich war derjenige, der die Idee eines Ausbruchs am meisten förderte. Das hatte einen Grund: Der Chef rief mich zu sich, um seinen Hund zu behandeln, der seit wenigen Tagen mit seinem linken Hinterlauf nicht mehr auftreten konnte und nicht mehr fraß. Ich vermutete, er hatte Schmerzen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn mit Medikamenten aus der Hausapotheke zu behandeln. Dabei hatte ich Gelegenheit, einen Blick auf die Landkarte an der Wand seines Büros zu werfen. Sie zeigte den Nordteil der Insel, die Position des Lagers im Westen und den kürzesten „Weg“ zur Ostküste. Zu erkennen war auch ein Fluss, der von Norden kam, einen Knick nach Osten machte und dann schnurstracks in ein kleines Delta führte, an dessen rechter Seite sich eine Ortschaft befand.
Ich gab dem Hund täglich eine Kortisontablette gegen eine mögliche Entzündung.
Eines Tages war es dann soweit, dass wir offen darüber redeten. Es folgte die Ausarbeitung eines Fluchtplanes, der jedoch nur den Zeitpunkt des Aufbruchs und den Weg vom Lager in den Regenwald aufwies. Auf dem mühsamen Weg durch den Dschungel müssten wir uns solange ostwärts halten, bis wir auf den Fluss stießen. Jeder von uns erinnerte sich an die Worte des Kommandanten: drei Eintragungen …
*
Tag 1
Kurz nach drei Uhr verließen wir das Lager mit einem Minimum an Gepäck: vier
Regenjacken, vier Macheten, die wir von der Farm geschmuggelt hatten, eine große Feldflasche und Essensreste der vergangenen Tage, die teilweise vertrocknet oder angeschimmelt waren.
Nach einem zweistündigen Fußmarsch hatten wir die vier Kilometer lange Strecke vom Lager bis zu den Ausläufern des Regenwaldes hinter uns gebracht. Der Weg kam uns vor wie der Schlund zur Hölle, der sich vor unseren Augen öffnete. Wir blickten nach Osten und nahmen nichts wahr außer einer massiven dunkelgrünen Wand, die außer ein paar Baumkronen kein einziges Detail erkennen ließ. Das war also der unpassierbare Regenwald! Aber sahen nicht alle Urwälder so aus? Wo kaum ein Mensch hinkommt, wuchert sich die Natur selbst zu.
„Ich hab da was!“, meldete sich Priesley und scharrte mit einem Fuß die Pflanzen auf dem Boden zur Seite. „Sieht aus wie ein Pfad.“
Wir entdeckten tatsächlich einen Weg von etwa 5 Meter Breite, der weitgehend überwachsen war und mitten in das Dickicht führte. Wir wussten ihn zu schätzen, weil er nicht nur unser Vorankommen etwas beschleunigte, sondern auch als Orientierung diente. Anhand des Sonnenstandes konnten wir erkennen, dass er direkt nach Osten führte. Das war unsere Richtung.
„Lasst uns hintereinander gehen“, schlug ich vor. „Alle zehn Minuten übernimmt ein anderer die Spitze. Wir müssen die Strapazen an der Spitze an alle verteilen.“
Alle stimmten zu und akzeptierten auch später, was ich sagte. Offensichtlich war ihnen bewusst, dass ich ihnen bildungsmäßig etwas voraus war. Ich konnte nur hoffen, dass das so bleiben würde und sie mich als Entscheider achteten. Egoistisches und eigenwilliges Handeln konnte die ganze Unternehmung in kürzester Zeit zum Scheitern bringen. Ich war überzeugt, auch diese Möglichkeit war ihnen durch den Kopf gegangen.
Schon nach hundert Metern hatte uns der Wald einen Eindruck davon gegeben, was wir zu erwarten hatten, und das tat alles andere, als die Stimmung zu heben. Der Urwald war so dicht, dass wir keine zehn Meter weit blicken konnten. Das Unterholz ragte bis fünf Meter in die Höhe und bestand aus sehr dicht stehenden Büschen, jungen Bäumen und Farnen. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns mit unseren Macheten einen schmalen Pfad zu schlagen und zuzusehen, dass wir in dieser grünen Düsternis die Orientierungsfähigkeit nicht verloren. Tarek hatte mich inzwischen an der Spitze abgelöst und blieb plötzlich stehen. Ein riesiger Tabepuia lag quer über dem Weg. Dieser Hartholzbaum, einem Teakbaum ähnlich, hatte einen Durchmesser von drei bis vier Metern und war übersäht mit dornigen Ranken, die beim Überklettern lebensgefährliche Verletzungen hätten herbeiführen können. Sofort machten wir uns mit unseren Macheten an die Arbeit und entfernten die teilweise in die Rinde eingewachsenen Lianen. Als wir es geschafft hatten und über den riesigen Stamm geklettert waren, waren wir so erschöpft, dass wir uns eine Pause gönnten.
„Was guckst du so interessiert nach oben, Tom?“, fragte Higgs neugierig. „Hast du irgendetwas entdeckt, was wir wissen sollten?“
„Nein, gar nichts“, gab ich zurück. „Das ist ja genau das, was mich beunruhigt. Warum ist es in diesem verdammten Wald so ruhig?“
Die anderen starrten mich an, als würde ich ihnen gleich Unheil verkünden. „Eine solche Ruhe ist nicht realistisch. Kein Affengebrüll, kein Pfeifen, Krächzen und Singen der Vögel, kein Baumfrosch machte sich bemerkbar, und nicht einmal das Zirpen und Meckern der Zikaden war zu vernehmen. Das musste Gründe haben. Bei meinen Feldstudien in Costa Ricas Regenwäldern hatte ich gegensätzliche Erfahrungen gemacht. Da hätte man sich manchmal gern die Ohren zugehalten.“
Alle schauten mich betroffen an, bis Tarek das Wort ergriff. „Leute, worauf warten wir? Wir haben doch gar keine andere Wahl. Oder will jemand zurück, weil wir keine Viecher hören?“
Tarek hatte Recht. Es gab kein Zurück.
Wir schlugen uns weiter stundenlang durchs Dickicht, bis wir kurz vor Sonnenuntergang an eine Lichtung kamen, die von vermoderten bemoosten Baumstämmen übersäht war. Mir war sofort klar, dass hier vor Jahren Holz geschlagen und abtransportiert worden war. Das erklärte auch den überwucherten Weg. Wahrscheinlich nutzten es die Insassen des Camps zum Bau der Holzhütten.
Wenn die Sonne untergegangen ist, wird es schnell dunkel am Äquator. Wir beeilten uns, große Blätter zu sammeln und legten sie zu provisorischen Schlafstätten aus. Ich teilte die Wache ein; pro Mann eineinhalb Stunden. Am anderen Morgen setzten wir unseren Marsch durchs Dickicht fort.
*
Tag 2
Bisher hatten wir vom Regen des Dschungels nicht sehr viel mitbekommen. Es war Februar, und um diese Jahreszeit schüttete es regelmäßig sechs bis sieben Mal am Tag. Bevor wir den Urwald am Tag zuvor erreicht hatten, hatte es zwar ebenfalls geregnet, aber die Tropfen verdunsteten, bevor sie den Erdboden erreichten. Jetzt waren wir mittendrin im Urwald, und dann, buchstäblich aus heiterem Himmel, bekamen wir zu spüren, wie sehr uns die Wassermassen behinderten. Obwohl wir unsere Regenjacken angezogen hatten, war jeder von uns durchnässt bis auf die Haut. Das machte das Vorankommen schwieriger, denn jeder trug das Gewicht des Wassers mit sich, musste durch Wasserpfützen stapfen und hatte ständig mit der Nässe zu kämpfen, die von den Blättern rann.
*
Gegen Mittag – ich schätzte, dass wir knapp die Hälfte der Strecke geschafft hatten – wurde der Urwald lichter. Vertiefungen, in denen sich das Regenwasser staute, bodendeckende Pflanzen und meterhohes Gras prägten nun den Wald. Priesley ordnete eine Pinkelpause an.
„Sonniges Plätzchen hier“, witzelte er. „Gut genug, um unsere nassen Klamotten zu trocknen“. Er war derjenige von uns, der am wenigsten fit war. Untrainiert und mit einem deutlichen Übergewicht ausgestattet, das er nicht einmal bei der schweren Arbeit in der Mine loswurde, war er schon nach dem ersten Abschnitt unseres langen Weges der Erschöpfung nahe. „Pinkelpause!“, rief er uns zu. Und schon stand er ein paar Meter von uns entfernt mit dem Rücken uns zugewandt in dem meterhohen Gras. Er war dabei, seine Hose zu öffnen, als ihm ein markerschütterndes Uaaaaa entfuhr. Dabei starrte er auf den Boden vor sich und bewegte sich keinen Millimeter. „Kommt mal alle her!“, brummelte er. „Das müsst ihr sehen.“
„Wir müssen was sehen?“, fragte Higgs, der froh war, dass er drei Minuten sitzen und ausruhen konnte, aber dann doch aufstand.
„Was gibt´s?“, fragte ich.
Priesley zeigte auf den Boden, zwei Meter vor uns. Da lag unter dem Gras die Hälfte eines menschlichen Skeletts, das bis auf die Knochen abgenagt war. Ein Bein und der Kopf fehlten. Wir entdeckten beide später etwa zehn Meter entfernt. Sie waren ebenfalls von Gras überwuchert. Sofort kam uns die Warnung des Kommandanten wieder in den Sinn. Drei Eintragungen …
Ich schaute mir den Brustkorb genauer an. Brustbein und Rippen waren nicht nur abgenagt, sie waren heruntergefressen bis auf das poröse Schwammgewebe, und sogar dort waren Fraßspuren zu erkennen. Von der Knochenhaut und der Rindenschicht war nichts mehr übriggeblieben. Damit hatte ich gerechnet, aber das harte Innere? Kein Tier, das ich kannte, hatte die Mittel, einen Knochen so zu bearbeiten. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich erzählte meinen Kumpels nichts von meiner Feststellung, um Panik zu vermeiden. Das Wichtigste war nach wie vor, dass keiner von uns die Nerven verlor.
Wir stapften weiter durch den lichten Wald. Offensichtlich war der Boden hier dichter, sodass sich größere Wasserpfützen gebildet hatten. Da wir nicht erkennen konnten, wie tief sie waren, umgingen wir sie, was viel Zeit erforderte. Higgs übernahm die Führung. Er war derjenige von uns mit dem geringsten Bildungsgrad, was er mit einer erhöhten Aggressivität ausglich: einerseits gutmütig wie ein Schaf, andererseits bei geringstem Anlass gewalttätig. Allein wie er die Machete schwang, konnte einem Angst machen. Jeder war angehalten, mit seinen Kräften zu haushalten, aber Higgs schlug zu, dass Äste und Zweige nur so durch die Luft wirbelten.
Nach wenigen Minuten erreichten wir einen etwa zwanzig Meter langen Tümpel, der auf den ersten Blick von einem metallisch leuchtenden, grünen-blau-roten Rand gesäumt war. Die Farben leuchteten im Sonnenlicht so intensiv, als hätte jemand einen Sack voll Edelsteine ausgeschüttet. Higgs blieb stehen und hob die Hand.
„Schaut euch das an!“, rief er. „Was ist das, Tom?“
„Keine Ahnung. Hab sowas auch noch nie gesehen.“
„Lass uns mal gucken. Vielleicht ist es was Wert …“
„Denk nicht mal dran!“, herrschte ich ihn an. „Los, weiter!“
In diesem Moment flogen Hunderte von Schmetterlingen auf. Sie waren riesig; ihre Flügel so groß wie ein Kuchenteller. Ihr Flügelschlag war ruhig, und nach wenigen Sekunden umschwärmten sie uns.
„Wie im Märchenland!“, schwärmte Hammoud.
„Eher Jurassic-Park“, konterte Priesley. Ihm war die Sache nicht ganz geheuer. „Tom, was hat das zu bedeuten, dass die so um uns herumflattern? Warum fliehen die nicht?“
„Nichts. Schmetterlinge sind nicht aggressiv und ernähren sich von Nektar und Baumsäften.“
„Einer sitzt auf meiner Schulter, guck mal. Sie sind überhaupt nicht scheu.“
Ich antwortete nicht und machte mir Gedanken, was dieser Schwarm, der uns folgte, zu bedeuten hatte. Das Phänomen war mir aus Costa Rica bekannt, das Land mit dem höchsten Aufkommen an Schmetterlingen auf der Erde. Aber das hier hatte eine andere Dimension. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Sache im Auge zu behalten.
Wir befanden uns in einem Übergangsbereich von Urwald zur Steppe und kamen wegen des zum Teil dornigen Gestrüpps nur unwesentlich schneller voran als bei unserem Marsch durch den Wald.
„Aaauuuu!“, schrie Higgs und schlug nach dem Schmetterling auf seiner Schulter. „Die Viecher stechen. Mann, tut das weh!“
Ich eilte zu ihm und war völlig perplex, als ich die vermeintliche Stichwunde sah. Sie bestand aus zwei tiefen Schnitten und begann, stark zu bluten und einen kreisrunden Hof zu bilden. Er sah ähnlich aus wie die Schwellung nach einem Zeckenbiss, entwickelte sich aber zig mal schneller. Ich versuchte, die Wunde zu säubern, indem ich das Blut herausdrückte, konnte aber nicht verhindern, dass der Hof unter meiner Hand zusehends größer und dunkler wurde.
Komischerweise flatterten die Biester nicht mehr so dicht um uns herum. Ich wusste, es war in diesem Moment Einbildung, aber ich hatte das Gefühl, diese harmlosen Tiere würden uns nach dem Biss ganz bewusst aus der Distanz beobachten.
Blutsaugende Schmetterlinge? Das hielt ich für unmöglich. Aber warum dann solch intensive Bisse und die Abgabe von Gift, der Schwellung nach zu urteilen hundertmal stärker als das einer Bremse oder Wespe? Und überhaupt: Warum bissen sie? Ein Stich wäre normal gewesen für einen Blutsauger. Das passte alles nicht zusammen, und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Zur Not müssten wir wieder durch den dichten Wald, wo sie nicht fliegen können.
Nach einer halben Stunde, Hammoud hatte inzwischen die Führung übernommen, sah ich, wie Higgs, der vor mir lief, immer größere Mühe hatte, unser Tempo zu halten. Ich hörte ihn schnaufen wie noch nie zuvor, und plötzlich blieb er stehen und fasste sich ans Herz.
„Ich kann nicht mehr“, keuchte er. „Tom, mir wird so schwindelig. Können wir nicht eine Pause machen? Mein Herz sticht wie verrückt.“
„Okay, kleine Pause, Leute!“, rief ich den anderen zu. „Fünf Minuten, mehr nicht. Wir müssen vorankommen.“
Priesley und Hammoud halfen ihm wieder auf die Beine. Ich beobachtete die Drei und erkannte schnell, dass Higgs der Erste sein würde, der auf der Strecke blieb. Sein Gang war kraftlos, sein Körper leicht nach vorn gebeugt, und sein Kopf glühte rot wie eine überreife Tomate. Während seine beiden Helfer begannen, ihn beim Gehen zu stützen, überlegte ich schon, wie wir reagieren sollen, wenn Higgs unser Tempo dauerhaft nicht mitgehen könnte.
Higgs Gang wurde immer langsamer und kostete uns anderen zu viel Energie durch das Abstützen seines schweren Körpers. Wir hielten noch zwei Stunden durch, dann brachen wir ab und sammelten ein paar große Blätter für unser Nachtlager, wie wir es schon tags zuvor getan hatten.
Am anderen Morgen gegen vier Uhr weckte uns Hammoud, der die letzte Wache hatte. Higgs lag noch so da, wie wir ihn hingelegt hatten. Er atmete nicht mehr. Nach unserem Frühstück, einer Staude wilder Bananen, und einer kurzen Diskussion waren wir uns einig, den Leichnam einfach liegenzulassen. Wir standen zu einer Art Gedenkminute vor ihm, dann bedeckten wir ihn mit großen Blättern und brachen auf.
Tag 3
Uns war aufgefallen, dass die Schmetterlinge bei Regen inaktiv waren und vor den schweren Tropfen flohen und unter Blättern und Gehölz Schutz suchten. Das veranlasste uns, im Regen am lichteren Waldrand, der besser zu begehen war, zu gehen. Hörte der Regen auf, zogen wir uns in den dichten Wald zurück.
Noch war es zu früh für die erste Schauer. Priestley ging voran und schwang seine Machete in einer Intensität, wie Higgs es zu vor getan hatte. Ich konnte mir das nur so erklären, dass er kurz vor einer Panik stand: Higgs grausamer Tod mag der Grund dafür gewesen sein, und jetzt war ausgerechnet er an der Reihe, den Rest der Gruppe anzuführen. Ganz vorn, wo hunderttausend Gefahren lauerten. Dabei fürchtete ich mich viel mehr als er, denn ich wusste, was passieren konnte, wenn man so unkontrolliert um sich schlug.
Und dann geschah tatsächlich, was passieren musste. Ohne darauf zu achten, was Opfer seiner Machete wurde, durchtrennte er den Leib einer Black Mamba. Normalerweise ist diese Schlange so schnell, dass sie jeder menschlichen Bewegung ausweichen und durch einen tödlichen Biss reagieren kann.
Ich atmete tief durch und verkniff mir der Ruhe wegen eine Ermahnung. Als Priestley jedoch die Blutspuren an seiner Machete entdeckte, verlor er die Nerven. Panisch schreiend stürmte er in die Richtung, wo der Wald licht war.
„Curt, bleib stehen! Du kannst da nicht hin!“, brüllte ich ihm hinterher. Und auch Hammoud versuchte lautstark, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Aber Priestley schrie und tobte weiter und brach wie ein Keiler durchs Dschungeldickicht. Wir wiederholten unsere Rufe ein Dutzendmal, gaben dann aber auf. Ich konnte nur hoffen, dass es gleich zu regnen anfing, aber das Wetter tat uns diesen Gefallen nicht. Wir entschieden zu warten, bis der Regen einsetzte, um dann in Sicherheit vor den Biestern nach Priestley zu suchen.
Wir setzten uns auf einen verrotteten Baumstamm und warteten eine ganze Stunde lang auf die ersehnte Dusche. Als das Wasser endlich herabprasselte, verließen wir den Wald. Wir fanden unseren Kumpel sehr schnell. Und was wir sahen, ließ uns den Atem stocken: Die Biester hatten ihn nicht nur mit ihrem Gift gelähmt, sie hatten auch angefangen, ihn zu verspeisen. Seine Haut war nicht mehr zu erkennen und übersäht mit Fraßspuren: tiefen Löchern, eines neben dem anderen. Aus einigen dieser Fraßstellen war viel Blut ausgetreten, was ein Beweis dafür war, dass er noch gelebt haben muss.
„Schnell weg von hier!“, rief ich Hammoud zu. „Wir laufen noch ein Stück im Regen, und wenn er nachlässt, dann nichts wie wieder rein in den Wald. Vielleicht rettet uns Priestley gerade das Leben. Die Biester könnten abgelenkt sein und uns in Ruhe lassen.“
„Oder sie sind gerade auf den Geschmack gekommen und machen jetzt eine wilde Jagd auf uns. Zwei Menschen zusätzlich sind noch mehr Fleisch für jeden. Das sind doch Hunderte oder gar Tausende von diesen Viechern, die satt werden wollen.“
„Übertreib nicht und behalt wenigstens du einen klaren Kopf. Wenn ich die Karte noch richtig im Kopf habe, müssen wir eh gleich auf den Fluss stoßen.“
*
Am Nachmittag erreichten wir tatsächlich den Fluss. Sein lehmbraunes Wasser floss in dem 50 Meter breiten Bett träge dahin, was mich sehr beruhigte, denn das bedeutete eine bessere Kontrolle.
„Wir bauen zwei kleine Flöße, an denen wir uns festhalten können, und lassen uns zur Küste treiben.“ Der Fluss, dachte ich, und weit und breit keines von diesen Biestern zu sehen – ich hatte das Gefühl, dass wir es geschafft hatten. Da kam Hammoud mit einem Protest.
„Ich kann da nicht mit, Tom“, druckste er herum.
Ich sah ihn fragend an. „Was ist los, Mann? Spinnst du? Wir haben’s geschafft. Willst du jetzt kneifen?“
„Ich kann nicht schwimmen.“
„Na und?“, versuchte ich das Problem herunterzuspielen. „Du glaubst gar nicht, wie schnell man das lernen kann. Außerdem kannst du dich am Floß festhalten. Los jetzt. Wir schlagen Holz, so gut das mit der Machete geht, und suchen Lianen, mit denen wir die einzelnen Stücke zusammenbinden können.“
Als wir fertig waren, forderte ich Hammoud noch auf, sich aus einer Ranke eine Schlinge zu fertigen und am Holz zu befestigen, damit er das Floß nicht verlieren konnte. Dann stapften wir mit unseren hölzernen Gefährten ins Wasser, stießen uns ab und ließen uns treiben. Nach einer leichten Biegung erfasste uns die Hauptströmung. Ich trieb voran, Hammoud hinter mir, Kopf, Arme und Schulter auf dem Holz, der Rest seines Körper hing wie ein Sack im Wasser. Offenbar bewegte er sich nicht, war dadurch langsamer als ich, so dass die Distanz zwischen uns mit jedem Meter größer wurde.
Inzwischen hatte es wieder zu regnen begonnen – ein sicheres Zeichen, dass wir die kleinen Ungeheuer nicht zu fürchten hatten. So trieben wir eine gefühlte Stunde. Die Strömung ließ plötzlich nach. Das war für mich der Beweis, dass wir das Delta erreicht hatten, das unmittelbar vor der Küste lag. Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis ich kleine Wellen spürte, die gegen meinen Körper drückten, und dann sah ich auch schon die Kämme der größeren Wellen. Mit heftigen Arm- und Beinbewegungen versuchte ich, ans Ufer zu gelangen. Noch ein Schlag und noch einer, dann spürte ich sandigen Grund unter meinen Füßen.
Als ich sicher stand, drehte ich mich um, um nach Hammoud zu schauen. Doch ich konnte weder ihn noch sein Floß entdecken. Ich wartete einige Minuten und suchte mit meinen Blick die Mitte der Strömung ab. Vergebens. Ich gab ihn auf.
Als ich ans Ufer waten wollte, stieß hinter mir etwas an meine Beine. Verschreckt drehte ich mich um. Es war Hammouds Floß. Die Schlaufe hing lose im Wasser, und von ihm war nichts zu sehen. Mein Blick streifte über das gesamte Delta, aber da trieb kein Körper im Wasser. „Verdammt nochmal!“, fluchte ich vor mich hin. „Jetzt bin ich ganz auf mich gestellt. Warum hat sich der Idiot auch nicht festgehalten!“
Rechter Hand entdeckte ich das Fischerdorf. Es wirkte verlassen: Keine Menschenseele weit und breit, keine Geschäftigkeit, kein Boot, das den Wellen am Strand trotzte, kein Rauch. Ich fühlte, wie mir die Kinnlade herabfiel. Diese Ödnis bedeutete: keine Hilfe, kein Ratschlag, keine Information. Ich wusste ja nicht einmal, wo in diesem Ozean ich mich genau befand.
Es regnete immer noch, und ich nutzte die Gelegenheit, im Wald einen Vorrat an Früchten zu sammeln: Bananen, Avocados, Cupuacu, Maracuja und Guanabana. Dann inspizierte ich die verfallenen Hütten und fand zahlreiche Holzbohlen, die sich gut zu einem größeren Floß verbinden ließen. Ich verflocht sie mit Lianen, band stabilisierende Stämme längs, quer und diagonal ein, trank unendliche Massen von Regenwasser, das von den Blättern tropfte und füllte meine Wasserflasche randvoll.
Um keine weitere Begegnung mit den Schmetterlingen zu riskieren, beschloss ich, die Flut zu nutzen und mich auf die hohe See treiben zu lassen.
Tage 4 und 5 und später
Der Himmel war bewölkt, so dass ich mich der unbequemen Regenjacke entledigen konnte. Ein Blick zurück bestätigte mir, dass mein Floß ins offene Meer getragen wurde. Jetzt erst merkte ich, wie sehr mir die Strapazen der letzten drei Tage zugesetzt hatten. Die Anstrengung steckte mir dermaßen in den Knochen, dass ich mich hinlegte und sofort in einen Tiefschlaf fiel. Als ich aufwachte, erschrak ich, weil ich inzwischen in der prallen Sonne lag. Meine Vorräte und die Wasserflasche waren ins Meer gespült worden, ohne dass ich es bemerkte. Der Rest des Tages war qualvoll. Ich war durstig, hungrig, übermüdet und sonnenverbannt. Meine Haut auf den Händen und im Gesicht war versengt und ausgetrocknet, brannte und juckte zugleich und stieß die abgestorbenen Segmente ab. Ich war mir meiner hoffnungslosen Lage bewusst und gab schließlich auf. Unwillkürlich tat ich in dieser Lage das Einzige, was mir zu tun übriggeblieben war: Ich verkroch mich unter meiner Regenjacke. Wenig später muss ich das Bewusstsein verloren haben.
*
Als ich erwachte, stellte ich fest, dass ich auf einer trockenen Matratze lag, kaum etwas anhatte und Stimmen hörte. Über mir ein hölzener Aufbau, den ich mir zunächst nicht erklären konnte. Mein Rücken schmerzte, und über der gesamten Brust spannte sich ein Verband.
Eine Frau mittleren Alters im Bikini betrat den Raum. „Schön, dass Sie aufgewacht sind“, sagte sie und setzte sich auf den Bettrand. „Wie fühlen Sie sich?“
„Nicht besonders kräftig“, lallte ich mit meinen vertrockneten Lippen. „Ich habe Durst. Wo bin ich?“
„Das hier ist ein Segelboot, und wir haben Sie vor zwei Tagen aus dem Meer gefischt.“ Sie schaute in meine Augen, drückte meine Lider mit den Daumen hoch und entließ ein kurzes „Alles gut.“
„Wozu der Verband?“
„Sie haben ein daumengroßes Loch in Ihrem Schultermuskel und einen dunkelroten Hof darum. Das mag noch schmerzen, aber ich denke, Sie sind über dem Berg. Wir haben unsere gesamte Ration Cortison in Sie hineingespritzt. Und etwas Antihistamin gegen die Schwellung.“
Ich nickte dankbar.
„Und noch etwas“, sagte die Frau. „Einen wunderschönen Gast haben Sie uns da mitgebracht. Einen so großen und bunten Schmetterlinge hat noch nie jemand von uns gesehen.“
„Sie müssen ihn töten!“ Ich riss die Augen auf und versuchte zu schreien.
„Warum denn? Schmetterlinge sind harmlos.“
„Sie müssen ihn töten, bitte!“
„Wieso IHN? Wie sollen wir das machen? Da oben sind inzwischen Hunderte von ihnen. Sie haben sich in den Falten des Rahsegels niedergelassen. Wie soll ich diesen einen, den sie meinen, finden?“
Ich spürte, wie ich in Panik geriet. „Regnet es draußen?“
„Ich möchte noch etwas loswerden: Das Lager ist nicht abgesichert. Es gibt keine Mauern, Zäune oder Stacheldraht. Es gibt nur Natur: In der Bucht vor euch Tiger- und Weiße Haie und ganze Schulen von Hammerhaien. Landeinwärts, wie ihr sehen könnt, zwei tausend Meter hohe Felsplateaus und in dem Tal dazwischen ein undurchdringlicher Regenwald. Ich sage undurchdringlich, weil es noch niemand geschafft hat, ihn zu durchqueren. Wer von hier flieht, über den gibt es drei Aktenvermerke: Am ersten Tag lautet er „geflohen“, am zweiten „nicht freiwillig zurückgekehrt und am dritten „verstorben“. Bisher hatten wir immer Recht, und es hat niemals länger gedauert als diese drei Tage. Wir sind hier sicherer als Alcatraz, Guantanamo und Alligator Dingsbums zusammen.“
*
Der Chefaufseher wies mir und drei weiteren Verurteilten eine Unterkunft zu, die einmal ein akzeptables Holzhäuschen gewesen sein musste, inzwischen aber zu einem Bretterverschlag verkommen war. Wir losten die Bettstellen aus, verstauten unsere wenigen Habseligkeiten und nahmen an dem klapprigen Tisch Platz, um uns gegenseitig vorzustellen.
Carter Higgs stammte aus New York, wo er es zum Anführer einer Drogengang gebracht hatte. Beim ersten großen Deal wurde er von der Polizei gestellt, erschoss einen Beamten und wurde selbst schwer verwundet. Nachdem man ihn wieder zusammengeflickt hatte, wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Tarek Hammoud war arabischer Abstammung. Ihm wurden entscheidende Helferdienste für einen Anschlag auf eine militärische Einrichtung nachgewiesen. Die Verhandlung dauerte nur zwei Stunden, auf jegliche Rechtsmittel war nach einer Unterredung mit der Verteidigung verzichtet worden.
Curt Priesley raubte ein Mädchen von sieben Jahren und erpresste die Eltern. Weil diese nicht zahlen konnten, ließ er das Kind verdursten.
Mein Name ist Tom Nyland. Ich lehrte an einer Universität in Colorado Biologie und Zoologie. Bei einem lautstarken Streit während eines Spaziergangs trat meine Lebensgefährtin am Rand eines Abhanges in ein von Gras bedecktes Loch in der Erde, strauchelte und stürzte den Hang hinunter, ehe ich helfend eingreifen konnte. Als der Fall durch die heimische Presse ging, meldete sich plötzlich ein Zeuge, der beteuerte, beobachtet zu haben, dass ich meine Freundin gestoßen hätte. Als die Rechtsmittel erschöpft waren, bekannte er, ihr Ex-Freund aus Jugendzeiten zu sein. Ich wurde folglich Opfer einer Denunzierung.
Meine drei Kumpane wurden für die Arbeit in einer Mine eingeteilt. Ich hatte Glück und wurde wegen meiner Fachkenntnisse auf die lagereigene Farm geschickt, wo Gemüse für das Camp angebaut und Viehwirtschaft betrieben wurde. Wir arbeiteten zwei Jahre lang an den zugeteilten Orten, und jeder von uns fühlte, wie der Gedanke, eine Flucht zu wagen, mehr und mehr in ihm reifte. Ich war derjenige, der die Idee eines Ausbruchs am meisten förderte. Das hatte einen Grund: Der Chef rief mich zu sich, um seinen Hund zu behandeln, der seit wenigen Tagen mit seinem linken Hinterlauf nicht mehr auftreten konnte und nicht mehr fraß. Ich vermutete, er hatte Schmerzen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn mit Medikamenten aus der Hausapotheke zu behandeln. Dabei hatte ich Gelegenheit, einen Blick auf die Landkarte an der Wand seines Büros zu werfen. Sie zeigte den Nordteil der Insel, die Position des Lagers im Westen und den kürzesten „Weg“ zur Ostküste. Zu erkennen war auch ein Fluss, der von Norden kam, einen Knick nach Osten machte und dann schnurstracks in ein kleines Delta führte, an dessen rechter Seite sich eine Ortschaft befand.
Ich gab dem Hund täglich eine Kortisontablette gegen eine mögliche Entzündung.
Eines Tages war es dann soweit, dass wir offen darüber redeten. Es folgte die Ausarbeitung eines Fluchtplanes, der jedoch nur den Zeitpunkt des Aufbruchs und den Weg vom Lager in den Regenwald aufwies. Auf dem mühsamen Weg durch den Dschungel müssten wir uns solange ostwärts halten, bis wir auf den Fluss stießen. Jeder von uns erinnerte sich an die Worte des Kommandanten: drei Eintragungen …
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Tag 1
Kurz nach drei Uhr verließen wir das Lager mit einem Minimum an Gepäck: vier
Regenjacken, vier Macheten, die wir von der Farm geschmuggelt hatten, eine große Feldflasche und Essensreste der vergangenen Tage, die teilweise vertrocknet oder angeschimmelt waren.
Nach einem zweistündigen Fußmarsch hatten wir die vier Kilometer lange Strecke vom Lager bis zu den Ausläufern des Regenwaldes hinter uns gebracht. Der Weg kam uns vor wie der Schlund zur Hölle, der sich vor unseren Augen öffnete. Wir blickten nach Osten und nahmen nichts wahr außer einer massiven dunkelgrünen Wand, die außer ein paar Baumkronen kein einziges Detail erkennen ließ. Das war also der unpassierbare Regenwald! Aber sahen nicht alle Urwälder so aus? Wo kaum ein Mensch hinkommt, wuchert sich die Natur selbst zu.
„Ich hab da was!“, meldete sich Priesley und scharrte mit einem Fuß die Pflanzen auf dem Boden zur Seite. „Sieht aus wie ein Pfad.“
Wir entdeckten tatsächlich einen Weg von etwa 5 Meter Breite, der weitgehend überwachsen war und mitten in das Dickicht führte. Wir wussten ihn zu schätzen, weil er nicht nur unser Vorankommen etwas beschleunigte, sondern auch als Orientierung diente. Anhand des Sonnenstandes konnten wir erkennen, dass er direkt nach Osten führte. Das war unsere Richtung.
„Lasst uns hintereinander gehen“, schlug ich vor. „Alle zehn Minuten übernimmt ein anderer die Spitze. Wir müssen die Strapazen an der Spitze an alle verteilen.“
Alle stimmten zu und akzeptierten auch später, was ich sagte. Offensichtlich war ihnen bewusst, dass ich ihnen bildungsmäßig etwas voraus war. Ich konnte nur hoffen, dass das so bleiben würde und sie mich als Entscheider achteten. Egoistisches und eigenwilliges Handeln konnte die ganze Unternehmung in kürzester Zeit zum Scheitern bringen. Ich war überzeugt, auch diese Möglichkeit war ihnen durch den Kopf gegangen.
Schon nach hundert Metern hatte uns der Wald einen Eindruck davon gegeben, was wir zu erwarten hatten, und das tat alles andere, als die Stimmung zu heben. Der Urwald war so dicht, dass wir keine zehn Meter weit blicken konnten. Das Unterholz ragte bis fünf Meter in die Höhe und bestand aus sehr dicht stehenden Büschen, jungen Bäumen und Farnen. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns mit unseren Macheten einen schmalen Pfad zu schlagen und zuzusehen, dass wir in dieser grünen Düsternis die Orientierungsfähigkeit nicht verloren. Tarek hatte mich inzwischen an der Spitze abgelöst und blieb plötzlich stehen. Ein riesiger Tabepuia lag quer über dem Weg. Dieser Hartholzbaum, einem Teakbaum ähnlich, hatte einen Durchmesser von drei bis vier Metern und war übersäht mit dornigen Ranken, die beim Überklettern lebensgefährliche Verletzungen hätten herbeiführen können. Sofort machten wir uns mit unseren Macheten an die Arbeit und entfernten die teilweise in die Rinde eingewachsenen Lianen. Als wir es geschafft hatten und über den riesigen Stamm geklettert waren, waren wir so erschöpft, dass wir uns eine Pause gönnten.
„Was guckst du so interessiert nach oben, Tom?“, fragte Higgs neugierig. „Hast du irgendetwas entdeckt, was wir wissen sollten?“
„Nein, gar nichts“, gab ich zurück. „Das ist ja genau das, was mich beunruhigt. Warum ist es in diesem verdammten Wald so ruhig?“
Die anderen starrten mich an, als würde ich ihnen gleich Unheil verkünden. „Eine solche Ruhe ist nicht realistisch. Kein Affengebrüll, kein Pfeifen, Krächzen und Singen der Vögel, kein Baumfrosch machte sich bemerkbar, und nicht einmal das Zirpen und Meckern der Zikaden war zu vernehmen. Das musste Gründe haben. Bei meinen Feldstudien in Costa Ricas Regenwäldern hatte ich gegensätzliche Erfahrungen gemacht. Da hätte man sich manchmal gern die Ohren zugehalten.“
Alle schauten mich betroffen an, bis Tarek das Wort ergriff. „Leute, worauf warten wir? Wir haben doch gar keine andere Wahl. Oder will jemand zurück, weil wir keine Viecher hören?“
Tarek hatte Recht. Es gab kein Zurück.
Wir schlugen uns weiter stundenlang durchs Dickicht, bis wir kurz vor Sonnenuntergang an eine Lichtung kamen, die von vermoderten bemoosten Baumstämmen übersäht war. Mir war sofort klar, dass hier vor Jahren Holz geschlagen und abtransportiert worden war. Das erklärte auch den überwucherten Weg. Wahrscheinlich nutzten es die Insassen des Camps zum Bau der Holzhütten.
Wenn die Sonne untergegangen ist, wird es schnell dunkel am Äquator. Wir beeilten uns, große Blätter zu sammeln und legten sie zu provisorischen Schlafstätten aus. Ich teilte die Wache ein; pro Mann eineinhalb Stunden. Am anderen Morgen setzten wir unseren Marsch durchs Dickicht fort.
*
Tag 2
Bisher hatten wir vom Regen des Dschungels nicht sehr viel mitbekommen. Es war Februar, und um diese Jahreszeit schüttete es regelmäßig sechs bis sieben Mal am Tag. Bevor wir den Urwald am Tag zuvor erreicht hatten, hatte es zwar ebenfalls geregnet, aber die Tropfen verdunsteten, bevor sie den Erdboden erreichten. Jetzt waren wir mittendrin im Urwald, und dann, buchstäblich aus heiterem Himmel, bekamen wir zu spüren, wie sehr uns die Wassermassen behinderten. Obwohl wir unsere Regenjacken angezogen hatten, war jeder von uns durchnässt bis auf die Haut. Das machte das Vorankommen schwieriger, denn jeder trug das Gewicht des Wassers mit sich, musste durch Wasserpfützen stapfen und hatte ständig mit der Nässe zu kämpfen, die von den Blättern rann.
*
Gegen Mittag – ich schätzte, dass wir knapp die Hälfte der Strecke geschafft hatten – wurde der Urwald lichter. Vertiefungen, in denen sich das Regenwasser staute, bodendeckende Pflanzen und meterhohes Gras prägten nun den Wald. Priesley ordnete eine Pinkelpause an.
„Sonniges Plätzchen hier“, witzelte er. „Gut genug, um unsere nassen Klamotten zu trocknen“. Er war derjenige von uns, der am wenigsten fit war. Untrainiert und mit einem deutlichen Übergewicht ausgestattet, das er nicht einmal bei der schweren Arbeit in der Mine loswurde, war er schon nach dem ersten Abschnitt unseres langen Weges der Erschöpfung nahe. „Pinkelpause!“, rief er uns zu. Und schon stand er ein paar Meter von uns entfernt mit dem Rücken uns zugewandt in dem meterhohen Gras. Er war dabei, seine Hose zu öffnen, als ihm ein markerschütterndes Uaaaaa entfuhr. Dabei starrte er auf den Boden vor sich und bewegte sich keinen Millimeter. „Kommt mal alle her!“, brummelte er. „Das müsst ihr sehen.“
„Wir müssen was sehen?“, fragte Higgs, der froh war, dass er drei Minuten sitzen und ausruhen konnte, aber dann doch aufstand.
„Was gibt´s?“, fragte ich.
Priesley zeigte auf den Boden, zwei Meter vor uns. Da lag unter dem Gras die Hälfte eines menschlichen Skeletts, das bis auf die Knochen abgenagt war. Ein Bein und der Kopf fehlten. Wir entdeckten beide später etwa zehn Meter entfernt. Sie waren ebenfalls von Gras überwuchert. Sofort kam uns die Warnung des Kommandanten wieder in den Sinn. Drei Eintragungen …
Ich schaute mir den Brustkorb genauer an. Brustbein und Rippen waren nicht nur abgenagt, sie waren heruntergefressen bis auf das poröse Schwammgewebe, und sogar dort waren Fraßspuren zu erkennen. Von der Knochenhaut und der Rindenschicht war nichts mehr übriggeblieben. Damit hatte ich gerechnet, aber das harte Innere? Kein Tier, das ich kannte, hatte die Mittel, einen Knochen so zu bearbeiten. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich erzählte meinen Kumpels nichts von meiner Feststellung, um Panik zu vermeiden. Das Wichtigste war nach wie vor, dass keiner von uns die Nerven verlor.
Wir stapften weiter durch den lichten Wald. Offensichtlich war der Boden hier dichter, sodass sich größere Wasserpfützen gebildet hatten. Da wir nicht erkennen konnten, wie tief sie waren, umgingen wir sie, was viel Zeit erforderte. Higgs übernahm die Führung. Er war derjenige von uns mit dem geringsten Bildungsgrad, was er mit einer erhöhten Aggressivität ausglich: einerseits gutmütig wie ein Schaf, andererseits bei geringstem Anlass gewalttätig. Allein wie er die Machete schwang, konnte einem Angst machen. Jeder war angehalten, mit seinen Kräften zu haushalten, aber Higgs schlug zu, dass Äste und Zweige nur so durch die Luft wirbelten.
Nach wenigen Minuten erreichten wir einen etwa zwanzig Meter langen Tümpel, der auf den ersten Blick von einem metallisch leuchtenden, grünen-blau-roten Rand gesäumt war. Die Farben leuchteten im Sonnenlicht so intensiv, als hätte jemand einen Sack voll Edelsteine ausgeschüttet. Higgs blieb stehen und hob die Hand.
„Schaut euch das an!“, rief er. „Was ist das, Tom?“
„Keine Ahnung. Hab sowas auch noch nie gesehen.“
„Lass uns mal gucken. Vielleicht ist es was Wert …“
„Denk nicht mal dran!“, herrschte ich ihn an. „Los, weiter!“
In diesem Moment flogen Hunderte von Schmetterlingen auf. Sie waren riesig; ihre Flügel so groß wie ein Kuchenteller. Ihr Flügelschlag war ruhig, und nach wenigen Sekunden umschwärmten sie uns.
„Wie im Märchenland!“, schwärmte Hammoud.
„Eher Jurassic-Park“, konterte Priesley. Ihm war die Sache nicht ganz geheuer. „Tom, was hat das zu bedeuten, dass die so um uns herumflattern? Warum fliehen die nicht?“
„Nichts. Schmetterlinge sind nicht aggressiv und ernähren sich von Nektar und Baumsäften.“
„Einer sitzt auf meiner Schulter, guck mal. Sie sind überhaupt nicht scheu.“
Ich antwortete nicht und machte mir Gedanken, was dieser Schwarm, der uns folgte, zu bedeuten hatte. Das Phänomen war mir aus Costa Rica bekannt, das Land mit dem höchsten Aufkommen an Schmetterlingen auf der Erde. Aber das hier hatte eine andere Dimension. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Sache im Auge zu behalten.
Wir befanden uns in einem Übergangsbereich von Urwald zur Steppe und kamen wegen des zum Teil dornigen Gestrüpps nur unwesentlich schneller voran als bei unserem Marsch durch den Wald.
„Aaauuuu!“, schrie Higgs und schlug nach dem Schmetterling auf seiner Schulter. „Die Viecher stechen. Mann, tut das weh!“
Ich eilte zu ihm und war völlig perplex, als ich die vermeintliche Stichwunde sah. Sie bestand aus zwei tiefen Schnitten und begann, stark zu bluten und einen kreisrunden Hof zu bilden. Er sah ähnlich aus wie die Schwellung nach einem Zeckenbiss, entwickelte sich aber zig mal schneller. Ich versuchte, die Wunde zu säubern, indem ich das Blut herausdrückte, konnte aber nicht verhindern, dass der Hof unter meiner Hand zusehends größer und dunkler wurde.
Komischerweise flatterten die Biester nicht mehr so dicht um uns herum. Ich wusste, es war in diesem Moment Einbildung, aber ich hatte das Gefühl, diese harmlosen Tiere würden uns nach dem Biss ganz bewusst aus der Distanz beobachten.
Blutsaugende Schmetterlinge? Das hielt ich für unmöglich. Aber warum dann solch intensive Bisse und die Abgabe von Gift, der Schwellung nach zu urteilen hundertmal stärker als das einer Bremse oder Wespe? Und überhaupt: Warum bissen sie? Ein Stich wäre normal gewesen für einen Blutsauger. Das passte alles nicht zusammen, und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Zur Not müssten wir wieder durch den dichten Wald, wo sie nicht fliegen können.
Nach einer halben Stunde, Hammoud hatte inzwischen die Führung übernommen, sah ich, wie Higgs, der vor mir lief, immer größere Mühe hatte, unser Tempo zu halten. Ich hörte ihn schnaufen wie noch nie zuvor, und plötzlich blieb er stehen und fasste sich ans Herz.
„Ich kann nicht mehr“, keuchte er. „Tom, mir wird so schwindelig. Können wir nicht eine Pause machen? Mein Herz sticht wie verrückt.“
„Okay, kleine Pause, Leute!“, rief ich den anderen zu. „Fünf Minuten, mehr nicht. Wir müssen vorankommen.“
Priesley und Hammoud halfen ihm wieder auf die Beine. Ich beobachtete die Drei und erkannte schnell, dass Higgs der Erste sein würde, der auf der Strecke blieb. Sein Gang war kraftlos, sein Körper leicht nach vorn gebeugt, und sein Kopf glühte rot wie eine überreife Tomate. Während seine beiden Helfer begannen, ihn beim Gehen zu stützen, überlegte ich schon, wie wir reagieren sollen, wenn Higgs unser Tempo dauerhaft nicht mitgehen könnte.
Higgs Gang wurde immer langsamer und kostete uns anderen zu viel Energie durch das Abstützen seines schweren Körpers. Wir hielten noch zwei Stunden durch, dann brachen wir ab und sammelten ein paar große Blätter für unser Nachtlager, wie wir es schon tags zuvor getan hatten.
Am anderen Morgen gegen vier Uhr weckte uns Hammoud, der die letzte Wache hatte. Higgs lag noch so da, wie wir ihn hingelegt hatten. Er atmete nicht mehr. Nach unserem Frühstück, einer Staude wilder Bananen, und einer kurzen Diskussion waren wir uns einig, den Leichnam einfach liegenzulassen. Wir standen zu einer Art Gedenkminute vor ihm, dann bedeckten wir ihn mit großen Blättern und brachen auf.
Tag 3
Uns war aufgefallen, dass die Schmetterlinge bei Regen inaktiv waren und vor den schweren Tropfen flohen und unter Blättern und Gehölz Schutz suchten. Das veranlasste uns, im Regen am lichteren Waldrand, der besser zu begehen war, zu gehen. Hörte der Regen auf, zogen wir uns in den dichten Wald zurück.
Noch war es zu früh für die erste Schauer. Priestley ging voran und schwang seine Machete in einer Intensität, wie Higgs es zu vor getan hatte. Ich konnte mir das nur so erklären, dass er kurz vor einer Panik stand: Higgs grausamer Tod mag der Grund dafür gewesen sein, und jetzt war ausgerechnet er an der Reihe, den Rest der Gruppe anzuführen. Ganz vorn, wo hunderttausend Gefahren lauerten. Dabei fürchtete ich mich viel mehr als er, denn ich wusste, was passieren konnte, wenn man so unkontrolliert um sich schlug.
Und dann geschah tatsächlich, was passieren musste. Ohne darauf zu achten, was Opfer seiner Machete wurde, durchtrennte er den Leib einer Black Mamba. Normalerweise ist diese Schlange so schnell, dass sie jeder menschlichen Bewegung ausweichen und durch einen tödlichen Biss reagieren kann.
Ich atmete tief durch und verkniff mir der Ruhe wegen eine Ermahnung. Als Priestley jedoch die Blutspuren an seiner Machete entdeckte, verlor er die Nerven. Panisch schreiend stürmte er in die Richtung, wo der Wald licht war.
„Curt, bleib stehen! Du kannst da nicht hin!“, brüllte ich ihm hinterher. Und auch Hammoud versuchte lautstark, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Aber Priestley schrie und tobte weiter und brach wie ein Keiler durchs Dschungeldickicht. Wir wiederholten unsere Rufe ein Dutzendmal, gaben dann aber auf. Ich konnte nur hoffen, dass es gleich zu regnen anfing, aber das Wetter tat uns diesen Gefallen nicht. Wir entschieden zu warten, bis der Regen einsetzte, um dann in Sicherheit vor den Biestern nach Priestley zu suchen.
Wir setzten uns auf einen verrotteten Baumstamm und warteten eine ganze Stunde lang auf die ersehnte Dusche. Als das Wasser endlich herabprasselte, verließen wir den Wald. Wir fanden unseren Kumpel sehr schnell. Und was wir sahen, ließ uns den Atem stocken: Die Biester hatten ihn nicht nur mit ihrem Gift gelähmt, sie hatten auch angefangen, ihn zu verspeisen. Seine Haut war nicht mehr zu erkennen und übersäht mit Fraßspuren: tiefen Löchern, eines neben dem anderen. Aus einigen dieser Fraßstellen war viel Blut ausgetreten, was ein Beweis dafür war, dass er noch gelebt haben muss.
„Schnell weg von hier!“, rief ich Hammoud zu. „Wir laufen noch ein Stück im Regen, und wenn er nachlässt, dann nichts wie wieder rein in den Wald. Vielleicht rettet uns Priestley gerade das Leben. Die Biester könnten abgelenkt sein und uns in Ruhe lassen.“
„Oder sie sind gerade auf den Geschmack gekommen und machen jetzt eine wilde Jagd auf uns. Zwei Menschen zusätzlich sind noch mehr Fleisch für jeden. Das sind doch Hunderte oder gar Tausende von diesen Viechern, die satt werden wollen.“
„Übertreib nicht und behalt wenigstens du einen klaren Kopf. Wenn ich die Karte noch richtig im Kopf habe, müssen wir eh gleich auf den Fluss stoßen.“
*
Am Nachmittag erreichten wir tatsächlich den Fluss. Sein lehmbraunes Wasser floss in dem 50 Meter breiten Bett träge dahin, was mich sehr beruhigte, denn das bedeutete eine bessere Kontrolle.
„Wir bauen zwei kleine Flöße, an denen wir uns festhalten können, und lassen uns zur Küste treiben.“ Der Fluss, dachte ich, und weit und breit keines von diesen Biestern zu sehen – ich hatte das Gefühl, dass wir es geschafft hatten. Da kam Hammoud mit einem Protest.
„Ich kann da nicht mit, Tom“, druckste er herum.
Ich sah ihn fragend an. „Was ist los, Mann? Spinnst du? Wir haben’s geschafft. Willst du jetzt kneifen?“
„Ich kann nicht schwimmen.“
„Na und?“, versuchte ich das Problem herunterzuspielen. „Du glaubst gar nicht, wie schnell man das lernen kann. Außerdem kannst du dich am Floß festhalten. Los jetzt. Wir schlagen Holz, so gut das mit der Machete geht, und suchen Lianen, mit denen wir die einzelnen Stücke zusammenbinden können.“
Als wir fertig waren, forderte ich Hammoud noch auf, sich aus einer Ranke eine Schlinge zu fertigen und am Holz zu befestigen, damit er das Floß nicht verlieren konnte. Dann stapften wir mit unseren hölzernen Gefährten ins Wasser, stießen uns ab und ließen uns treiben. Nach einer leichten Biegung erfasste uns die Hauptströmung. Ich trieb voran, Hammoud hinter mir, Kopf, Arme und Schulter auf dem Holz, der Rest seines Körper hing wie ein Sack im Wasser. Offenbar bewegte er sich nicht, war dadurch langsamer als ich, so dass die Distanz zwischen uns mit jedem Meter größer wurde.
Inzwischen hatte es wieder zu regnen begonnen – ein sicheres Zeichen, dass wir die kleinen Ungeheuer nicht zu fürchten hatten. So trieben wir eine gefühlte Stunde. Die Strömung ließ plötzlich nach. Das war für mich der Beweis, dass wir das Delta erreicht hatten, das unmittelbar vor der Küste lag. Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis ich kleine Wellen spürte, die gegen meinen Körper drückten, und dann sah ich auch schon die Kämme der größeren Wellen. Mit heftigen Arm- und Beinbewegungen versuchte ich, ans Ufer zu gelangen. Noch ein Schlag und noch einer, dann spürte ich sandigen Grund unter meinen Füßen.
Als ich sicher stand, drehte ich mich um, um nach Hammoud zu schauen. Doch ich konnte weder ihn noch sein Floß entdecken. Ich wartete einige Minuten und suchte mit meinen Blick die Mitte der Strömung ab. Vergebens. Ich gab ihn auf.
Als ich ans Ufer waten wollte, stieß hinter mir etwas an meine Beine. Verschreckt drehte ich mich um. Es war Hammouds Floß. Die Schlaufe hing lose im Wasser, und von ihm war nichts zu sehen. Mein Blick streifte über das gesamte Delta, aber da trieb kein Körper im Wasser. „Verdammt nochmal!“, fluchte ich vor mich hin. „Jetzt bin ich ganz auf mich gestellt. Warum hat sich der Idiot auch nicht festgehalten!“
Rechter Hand entdeckte ich das Fischerdorf. Es wirkte verlassen: Keine Menschenseele weit und breit, keine Geschäftigkeit, kein Boot, das den Wellen am Strand trotzte, kein Rauch. Ich fühlte, wie mir die Kinnlade herabfiel. Diese Ödnis bedeutete: keine Hilfe, kein Ratschlag, keine Information. Ich wusste ja nicht einmal, wo in diesem Ozean ich mich genau befand.
Es regnete immer noch, und ich nutzte die Gelegenheit, im Wald einen Vorrat an Früchten zu sammeln: Bananen, Avocados, Cupuacu, Maracuja und Guanabana. Dann inspizierte ich die verfallenen Hütten und fand zahlreiche Holzbohlen, die sich gut zu einem größeren Floß verbinden ließen. Ich verflocht sie mit Lianen, band stabilisierende Stämme längs, quer und diagonal ein, trank unendliche Massen von Regenwasser, das von den Blättern tropfte und füllte meine Wasserflasche randvoll.
Um keine weitere Begegnung mit den Schmetterlingen zu riskieren, beschloss ich, die Flut zu nutzen und mich auf die hohe See treiben zu lassen.
Tage 4 und 5 und später
Der Himmel war bewölkt, so dass ich mich der unbequemen Regenjacke entledigen konnte. Ein Blick zurück bestätigte mir, dass mein Floß ins offene Meer getragen wurde. Jetzt erst merkte ich, wie sehr mir die Strapazen der letzten drei Tage zugesetzt hatten. Die Anstrengung steckte mir dermaßen in den Knochen, dass ich mich hinlegte und sofort in einen Tiefschlaf fiel. Als ich aufwachte, erschrak ich, weil ich inzwischen in der prallen Sonne lag. Meine Vorräte und die Wasserflasche waren ins Meer gespült worden, ohne dass ich es bemerkte. Der Rest des Tages war qualvoll. Ich war durstig, hungrig, übermüdet und sonnenverbannt. Meine Haut auf den Händen und im Gesicht war versengt und ausgetrocknet, brannte und juckte zugleich und stieß die abgestorbenen Segmente ab. Ich war mir meiner hoffnungslosen Lage bewusst und gab schließlich auf. Unwillkürlich tat ich in dieser Lage das Einzige, was mir zu tun übriggeblieben war: Ich verkroch mich unter meiner Regenjacke. Wenig später muss ich das Bewusstsein verloren haben.
*
Als ich erwachte, stellte ich fest, dass ich auf einer trockenen Matratze lag, kaum etwas anhatte und Stimmen hörte. Über mir ein hölzener Aufbau, den ich mir zunächst nicht erklären konnte. Mein Rücken schmerzte, und über der gesamten Brust spannte sich ein Verband.
Eine Frau mittleren Alters im Bikini betrat den Raum. „Schön, dass Sie aufgewacht sind“, sagte sie und setzte sich auf den Bettrand. „Wie fühlen Sie sich?“
„Nicht besonders kräftig“, lallte ich mit meinen vertrockneten Lippen. „Ich habe Durst. Wo bin ich?“
„Das hier ist ein Segelboot, und wir haben Sie vor zwei Tagen aus dem Meer gefischt.“ Sie schaute in meine Augen, drückte meine Lider mit den Daumen hoch und entließ ein kurzes „Alles gut.“
„Wozu der Verband?“
„Sie haben ein daumengroßes Loch in Ihrem Schultermuskel und einen dunkelroten Hof darum. Das mag noch schmerzen, aber ich denke, Sie sind über dem Berg. Wir haben unsere gesamte Ration Cortison in Sie hineingespritzt. Und etwas Antihistamin gegen die Schwellung.“
Ich nickte dankbar.
„Und noch etwas“, sagte die Frau. „Einen wunderschönen Gast haben Sie uns da mitgebracht. Einen so großen und bunten Schmetterlinge hat noch nie jemand von uns gesehen.“
„Sie müssen ihn töten!“ Ich riss die Augen auf und versuchte zu schreien.
„Warum denn? Schmetterlinge sind harmlos.“
„Sie müssen ihn töten, bitte!“
„Wieso IHN? Wie sollen wir das machen? Da oben sind inzwischen Hunderte von ihnen. Sie haben sich in den Falten des Rahsegels niedergelassen. Wie soll ich diesen einen, den sie meinen, finden?“
Ich spürte, wie ich in Panik geriet. „Regnet es draußen?“