Charlotte schreibt wieder

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Yakob

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Charlotte schreibt wieder



Jakob Silbernagel
Helgolandstrasse 7
01099 Dresden, na Gott sei Dank, dachte Arthur Endlich erleichtert, als er die Adresse auf dem, mit zittrigen Fingern aus dem großen Poststapel herausgezogenen Kuvert las. Ein kurzer Blick auf den Absender bestätigte, was die ihm wohlbekannte Schrift bereits hatte verheißen lassen.
Charlotte Liebeskind
Turmstrasse 28
80802 München
Arthur Endlich zwang sich zur Ruhe. Am liebsten hätte er den Brief auf der Stelle aufgerissen und gelesen, aber das ging natürlich nicht. Immer noch zitternd schob er den Umschlag zurück in den Stapel. Ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen, schloss die Augen und atmete mehrere Male tief durch. Beruhigte sich schließlich, packte die Tagespost für den Bezirk äußere Neustadt in seine Fahrradtaschen und machte sich auf den Weg.

„Charlotte!“, dachte Arthur während er, den euphorisierenden Rausch der angespannten Vorfreude auskostend, die in sommerlichen Frühnebel getauchte Königsbrücker Strasse langsam in Richtung Süden hinunterradelte, immer wieder „Charlotte!“. Er atmete die nach feuchten Kieseln schmeckende Morgenluft. Spürte die noch verhaltene Wärme des angehenden Sommertages an der Haut seiner nackten Unterarme entlang streichen. Stellte sich vor, wie er später in der glühenden Nachmittagshitze auf seinem kleinen Balkon eine Flasche eiskaltes Weizenbier trinken und immer wieder ihren Brief lesen würde. Dabei kam ihm nicht in den Sinn, dass dieser Brief vielleicht nicht die erhoffte frohe Botschaft der zwischen Charlotte und Jakob wiederhergestellten Einigkeit, sondern unter Umständen das genaue Gegenteil beinhalten könnte. Und das war durchaus nicht unwahrscheinlich, hatte deren Beziehung in den letzten Monaten doch schwer unter der Distanz von vierhundertsiebzig Kilometern und der immer bedrohlicher werdenden Präsenz eines gewissen Carlos zu leiden gehabt.
Trotzdem, Charlotte liebte Jakob, das wusste Arthur Endlich genau, dreiundneunzig fein säuberlich von ihm abgeschriebene Briefe, die in seinem Wohnzimmerschrank lagerten zeugten davon. Sicher, dass Charlotte in ihren letzten Briefen weniger von großer Liebe, als vielmehr immer konkreter von Trennung gesprochen und jetzt seit fast zwei Monaten nicht mehr geschrieben hatte, war beunruhigend gewesen, aber Krisen gab es schließlich in jeder Beziehung irgendwann mal, und wenn es etwas gab, an das Arthur in den letzten Jahren geglaubt hatte, dann an Charlottes tiefe Liebe zu Jakob.

Arthur Endlich konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen, als er in der Alaunstrasse 1, der ersten Station seiner täglich Route angekommen, den an „Fräulein Juliane Seidel“ adressierten Brief aus seinen Fahrradtaschen fischte. Er musste an das Foto denken, das der Absender, ein vierundsechzigjähriger, romantischer, humorvoller, tier- und kinderlieber und trotz seines fortgeschrittenen Alters sexuell noch voll im Saft stehender Diplom-Ingenieur namens Herbert Füllbeck seinem Schreiben beigelegt hatte. Dieses zeigte den Verfasser mit beschlagener Brille in einer Badewanne sitzend, dem Betrachter fröhlich mit einem Glas Sekt zuprostend. „Hier drin ist auch Platz für zwei!“, hatte er auf die Rückseite geschrieben.
Briefe dieser Art erhielt Frau Seidel seit etwa einem Jahr zwei oder drei Mal in der Woche, und Arthur wunderte es ein wenig, dass sie sich, trotz der immensen Auswahl, die sie offensichtlich hatte, immer noch nicht für ihren Traummann entschieden zu haben schien. Denn vom tier- und kinderlieben Diplom-Ingenieur, über den belesenen, guten Rotwein und lange Herbstspaziergänge schätzenden Deutsch- und Biologielehrer, bis hin zum gut gebauten, in jeder Hinsicht ausdauernden Fitnesstrainer war wirklich alles dabei gewesen, sogar Frauen. Anscheinend war Frau Seidel recht wählerisch, vielleicht aber auch nicht ganz so schlank und gutaussehend, wie es in ihrer, wöchentlich in der regionalen Tageszeitung erscheinenden Kontaktanzeige hieß, das wusste Arthur nicht genau, er hatte noch nie das Glück gehabt ihr zu begegnen.
„Na dann viel Erfolg Herr Füllbeck.“, murmelte Arthur leise, ließ den Brief durch Frau Seidels Postkastenschlitz gleiten, versorgte auch die anderen Haushalte der Alaunstrasse 1 mit ihrer Tagespost und ging zurück zu seinem Fahrrad.

Es war jetzt fast vier Jahre her, dass Arthur Endlich angefangen hatte die Briefe fremder Leute zu lesen. Begonnen hatte alles mit einem Brief von Charlotte, die damals noch in Dresden lebte und die romantische Angewohnheit hatte ihrem, bloß zehn Minuten Fußweg von ihr entfernt wohnenden Freund Jakob, mindestens ein Mal in der Woche einen Brief auf dem Postweg zukommen zu lassen. Nachdem Arthur den zwölften, in der Katharinenstrasse 15 verfassten Brief innerhalb von zwei Monaten, in die, von dort etwa fünfhundert Meter entfernte Helgolandstrasse 7 getragen hatte, überwältigte den sonst so gewissenhaften Postboten die Neugier. Und was er zu lesen bekam, nachdem er den unterschlagenen Brief zu Hause über einem Kessel kochenden Wassers geöffnet hatte, veränderte sein Leben.

Mein Liebster,
jetzt wo ich Dir diesen Brief schreibe, liegst Du neben mir in meinem Bett und schläfst. Ich habe Dir gerade die Decke weggezogen und bewundere deinen schönen nackten Rücken, den ich gleich ausgiebig küssen und liebkosen werde. Aber bevor ich das tue, wollte ich dir noch schnell sagen, dass Du sehr schön aussiehst wenn Du schläfst und dass es mich furchtbar glücklich macht, Dich neben mir liegen zu haben. Charlotte

Nach der Lektüre dieses Briefes wälzte sich Arthur bis in die frühen Morgenstunden schlaflos in seinem Bett hin und her. Der Gedanke an das hübsche, nackt nebeneinander liegende Pärchen, hatte sich wie ein eiskalter Stachel durch sein einsames Herz gebohrt. Und machte ihn gleichzeitig doch so glücklich.
Es war zu diesem Zeitpunkt fast zwei Jahre her, dass Arthurs Frau Luise, mit der er damals in Köln eine Gaststätte betrieben hatte, von einem Betrunkenen, der seinen Deckel nicht hatte zahlen wollen niedergeschlagen worden und eine Woche später an den Folgen einer Gehirnblutung gestorben war. Nach ihrer Beerdigung hatte Arthur sich nicht einmal die Zeit genommen sein Hab und Gut zu verkaufen, hatte einfach alles stehen und liegen lassen, sich in einen Zug gesetzt und war, er wußte heute nicht mehr genau warum, in Dresden gelandet und geblieben. Hatte sich eine kleine preiswerte Wohnung gesucht, eine Stelle als Postbote angenommen und es tatsächlich geschafft, zwei Jahre lang jegliche Erinnerung an Anna, den Schmerz und die Trauer angesichts ihres Todes, ja überhaupt jede Gefühlsregung aus seinem Leben auszublenden. So aber konnte und wollte er nicht weiterleben, das wurde ihm in dieser Nacht bewußt, dafür fühlte sich das, was seine Seele da gerade produzierte viel zu gut an. Aber was sollte er machen, sich wieder ins Leben stürzen? Er, der, außer selten mal mit einem Kollegen, seit zwei Jahren mit so gut wie niemandem mehr ein Wort gewechselt hatte?
Als er gegen fünf Uhr noch einmal aufstand, um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen und Charlottes Brief auf dem Küchentisch liegen sah, dämmerte ihm die Antwort.

Im Erdgeschoss des Hauses in der Sebnitzer Strasse 30 sahs Lieselotte Grün wie immer mit versteinertem Gesicht in ihrer Wohnung vor dem Fernseher, der so laut gestellt war, dass Arthur, trotz verschlossener Fenster, auf der Straße noch hören konnte, dass „Dicke echt das Allerletzte“ seien und der neunzehnjährige Karim „die fette Sau da nicht mal mit der Kneifzange anpacken“ würde, woraufhin er sich den Vorwurf, er sei „doch bloß ‘n Strich in der Landschaft“ gefallen lassen mußte, was Karim aber immer noch besser fand „wie fett und doof zu sein“.
Arthur seufzte tief, als er den Umschlag mit der Einladung zur Beisetzung von Frau Eleonora Jungnickel am Montag den 16.08. auf dem Friedhof Leipzig-West behutsam in Lieselotte Grüns Postkasten fallen ließ. Das war jetzt schon der fünfte Todesfall in ihrem Freundeskreis, den die arme Oma Lotte, wie Arthur sie zärtlich in Gedanken nannte, in diesem Jahr zu verkraften hatte. Und dann auch noch ausgerechnet Eleonora Jungnickel, mit der nicht nur Lieselottes beste Freundin, sondern auch Arthurs zuverlässigste Informationsquelle bezüglich ihrer Person dahingeschieden war, weil Eleonora, in Leipzig ansässig und deshalb vom unmittelbaren Kontakt zu Lieselotte ausgeschlossen, ihr regelmäßig ausführliche Briefe geschrieben hatte. Aus diesen wußte Arthur beispielsweise, dass Lieselotte Grün, trotz einer fast siebenundvierzig Jahre dauernden Ehe, aus der immerhin vier Kinder hervorgegangen waren, ihr Leben lang in einen gewissen Konrad Pollomski verliebt gewesen war, der sich als bekennender Sozialist während des dritten Reiches vor den Nazis hatte verstecken müssen. Der Fehlinformation aufgesessen, Konrad sei der Gestapo in die Hände gefallen und in einem Konzentrationslager gestorben, hatte Lieselotte 1938 den seit Jahren um sie werbenden Sohn des Kolonialwarenhändlers Helmut Grün, Helmut Grün Junior geheiratet. Und als Konrad 1945 in Begleitung der roten Armee wieder in Dresden aufgetaucht war, war Lieselotte bereits zum dritten Mal von Helmut Junior schwanger und damit die Chance auf eine gemeinsame Zukunft verbaut gewesen. Bitter enttäuscht war Konrad daraufhin nach Berlin gegangen, um seine gesamte Energie dem Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates zu widmen, hatte es damit jedoch offensichtlich ein wenig übertrieben und war fünf Jahre später als leitender Stasi-Offizier erneut nach Dresden zurückgekehrt. Bis heute hatten Lieselotte Grün und Konrad Pollomski dort beinahe Tür an Tür gelebt, und wie Lieselotte ihrem Mann, so hatte Konrad DDR-Dissidenten das Leben zur Hölle gemacht, sich einander annähern hatten sie aber, auch nach dem Tode Helmut Grüns im Jahre 1995 nicht mehr gekonnt.
Es war nicht einfach für Arthur gewesen die Geschichte dieser tragischen Liebe aus den Briefen Eleonoras, deren Abschriften er zu hause in einem mit „Deutsche Geschichte“ betitelten Aktenordner aufbewahrte, zu rekonstruieren. Zu einem vollständigen Bild zusammengefügt hatten sich die über die Jahre angesammelten Bruchstücke eigentlich erst mit ihrem letzten Brief, in dem die, den nahenden Tod erahnende Eleonora ihrer Freundin die Geschichte ihres verpfuschten Lebens noch einmal aus ihrer Sicht geschildert und angeraten hatte, den „dummen Stasi-Esel“ doch endlich zu vergessen und die wenige Zeit die ihr noch bleibe in Frieden mit sich und der Welt zu verbringen.
„Deutsche Geschichte“ gehörte zu einer sechzehn Aktenordner umfassenden Sammlung in Arthur Endlichs Wohnzimmerschrank, die so etwas wie das Destillat seiner Arbeit darstellte. Anfangs hatte Arthur, geradezu süchtig nach den Lebensgeschichten fremder Leute, so ziemlich alles gelesen was ihm durch die Hände gegangen war, sogar Urlaubskarten und Kontoauszüge, hatte sich aber, aufgrund der in den meisten Schreiben doch mehr oder weniger vorherrschenden Belanglosigkeit, mit der Zeit auf ein paar wenige, ihm ergiebig scheinende Adressaten beschränkt, deren abgeschriebene Post er in eben jenen, jeweils mit einem passendem Titel versehenen Ordnern aufbewahrte. Diese Ordnung ermöglichte es ihm die Stimmungslage, in die er sich versetzen wollte, ganz nach Lust und Bedarf zu wählen. War ihm nach der wehmütigen Melancholie einer unglücklichen Liebe, nahm er „Deutsche Geschichte“ zur Hand, wollte er sich amüsieren, las er die Selbstbeweihräucherungen der um Juliane Seidel werbenden Männer in dem Ordner „SIE sucht IHN“, hatte er Lust auf Abenteuer, schmökerte er in den, unter „Marco Polo“ klassifizierten Briefen, die der Fotograf Paul Burghardt von seinen Weltreisen an seine Frau schrieb . Manchmal spielte Arthur auch mit unterschiedlichen Gefühlslagen, versetzte sich mittels der Briefe, die die siebzehnjährige magersüchtige Anna aus einer psychiatrischen Klinik an ihre Mutter schrieb in tiefste Traurigkeit, um sich anschließend mit Charlottes wunderschönen Liebesbriefen an Jakob wieder in die euphorischen Höhen der Liebe zu katapultieren. Überhaupt las er am liebsten in dem Ordner, den er schlicht und einfach mit „Charlotte“ betitelt hatte. Denn niemand wußte das Gefühl von Liebe so einfach und schön, so nachempfindbar für Arthur auszudrücken, wie Charlotte in ihren meist sehr kurzen, ja oft nur aus einem einzigen Satz bestehenden Briefen.

Ich schreib’s hier nicht hin, weil ich es kitschig fände, aber ich tu’s, aus tiefster Seele.
Charlotte

Ach egal, ICH LIEBE DICH! Charlotte

Ich friere, und wenn Du diesen Brief bekommst sicher auch noch, also komm doch vorbei und nimm mich in den Arm. . Charlotte

Würde gerne mit Dir schlafen. Charlotte

Manchmal schickte sie Jakob auch kleine Dinge von sich.

Ich habe gerade ein Haar von Dir gefunden, und da dachte ich, Du freust Dich vielleicht auch über ein Haar von mir. Charlotte

Eine Zeit lang schickte sie ihm, ohne jeglichen Kommentar, Fotos von verschiedenen Stellen ihres Körpers, von ihrem Bauchnabel, einer Augenbraue, ihrem linken großen Zeh, einem Muttermal auf der Außenseite ihres Oberschenkels.
Egal was sie ihm schrieb oder schickte, Charlotte fand immer neue Wege Jakob ihre Liebe zu bekunden, und es war wohl nur die Fülle von verschiedenartigen Liebesbotschaften gewesen, die Arthur, der panische Angst gehabt hatte, ihr Brieffluß könne endgültig versiegt sein, geholfen hatte die letzten Monate zu überstehen.

Wie immer wenn Arthur Endlich im Begriff war Bettina Taucher einen Brief ihres Verlobten Frank Weinert zuzustellen, schoss ihm das Blut in Kopf und Penis. Den Inhalt dieser Briefe, in denen Frank, der vor etwa einem Jahr aufgrund einer gut bezahlten Arbeitsstelle in den Westen gegangen war und Bettina deshalb nur am Wochenende sehen konnte, Revue passieren ließ, was er am vergangenen Wochenende so alles mit Bettina getrieben hatte, beziehungsweise sich ausmalte, was er am kommenden Wochenende so alles mit ihr treiben würde, lässt sich hier nicht mal ansatzweise wiedergeben, ohne dass der Text einen pornographischen Einschlag bekäme, was ich unbedingt vermeiden möchte. Arthurs Phantasie beflügelten Franks außerordentlich detaillierten Briefe jedenfalls dermaßen, dass selbst die Rundungen des großen Bs in Frau Tauchers Vornamen, ihn an die, Franks Beschreibungen nach sehr großen und überaus wohlgeformten Brüste der attraktiven Bettina denken ließen, was eben jene, oben bereits erwähnten, vegetativen Reaktionen in ihm hervorrief.
Schnell warf er den Brief ein, nestelte ein wenig betreten an Hemd und Hose herum, räusperte sich leise und machte sich auf den Weg zur letzten Station auf seiner Route, der Helgolandstrasse.
Dort traf er auf Jakob.

Anfangs hatte Arthur es gar nicht so übel gefunden, dass Charlotte nach München gegangen war. Denn da sie Jakob nun nicht mehr jeden Tag zu Gesicht bekam, gab es um so mehr was sie ihm in ihren Briefen zu berichten hatte, außerdem schien die Entfernung Charlotte zu immer besseren Formulierungen zu inspirieren.

Ich habe Dich jetzt seit zweiundsiebzig Stunden nicht mehr geküßt. Und ich befürchte es werden noch mehr. Scheiße! Charlotte

Vor etwa fünf Monaten aber, ein halbes Jahr nachdem Charlotte Dresden verlassen hatte, veränderten sich ihre Briefe. Ihr Tonfall wurde nüchterner, ihre Zuneigungsbekundungen auf beunruhigende Art und Weise freundschaftlich. Außerdem tauchte immer öfter besagter Carlos darin auf, ein Austauschstudent aus Argentinien, mit dem Charlotte, meistens wenn sie schrieb, gerade einen „wunderschönen Tag im Englischen Garten“, einen „interessanten Abend im Theater“ oder einen „lustigen Nachmittag in der Stadt“ verbracht hatte. In den nächsten Monaten schrieb sie immer seltener, konstatierte in ihren wenigen Briefen immer öfter, wie sehr man sich seit der räumlichen Trennung auch innerlich voneinander entfernt habe, bis schließlich der Brief kam in dem es hieß, dass es so mit ihnen nicht weitergehen könne und möglichst bald eine Lösung gefunden werden müsse. Es war, bis zum heutigen Tag, ihr letzter Brief gewesen.
„Aber das ist jetzt vorbei, Mensch Junge, schau nicht so traurig, sie schreibt wieder, Charlotte schreibt wieder!“, hätte Arthur dem betrübt an ihm vorüberschlendernden Jakob gerne zugerufen, hielt sich aber natürlich zurück.
„Morgen, Morgen“, flüsterte er im Hauseingang der Nummer 7 Jakobs Briefkasten zu, „Hab noch einen Tag Geduld, morgen bist du erlöst!“
Arthurs Herz schlug jetzt wie ein Dampfhammer. Seine mühsam über den Tag aufrecht erhaltene Ruhe hatte sich mit dem Anblick Jakobs in Luft aufgelöst. Und was wenn sie doch…? Aber nein, das war unmöglich, das konnte nicht sein. Durfte nicht sein! Er musste jetzt nach Hause, so schnell wie möglich! Mit einem Tempo, das er selbst noch nicht von sich kannte stellte er die ihm verbliebene Post zu, fuhr zurück zu seiner Dienststelle, tauschte dort das Dienst- gegen sein Privatfahrrad und spurtete wie ein Besessener zu seiner Wohnung. Dort angekommen riss er sich das schweißnasse Hemd vom Leib, setzte den Kessel mit Wasser auf den Herd und öffnete eine Flasche Bier.




Epilog

Nachdem Juliane Seidel weitere zwei Monate erfolglos in der Lokalpresse inseriert hatte, gab sie die Hoffnung auf im Großraum Dresden ihren Traummann zu finden und buchte, nach der Lektüre einschlägiger Literatur, ein Flugticket nach Kenia. Dort wurde sie die achte Frau eines Massai-Kriegers und ließ sich fortan, wann immer ihre Urlaubsplanung es zuließ, von seiner monströsen Männlichkeit beglücken.
Lieselotte Grün starb, zwei Tage nach dem sie aus der Zeitung vom Tod ihrer großen Liebe Konrad Pollomski erfahren hatte, einsam und verbittert in ihrer Wohnung.
Im September folgte Bettina Taucher ihrem Verlobten in die alten Bundesländer. Dort konnte Frank Weinert nun auch unter der Woche die Dinge mit ihr treiben, die er vorher nur am Wochenende mit ihr hatte treiben können, was Bettina aber schnell langweilig wurde. Außerdem fühlte sie sich im Westen unwohl, deshalb blies sie die für Januar geplante Hochzeit kurzerhand ab, verließ Frank und kehrte nach nur drei Monaten nach Dresden zurück.
Jakob sollte Charlottes Brief, in dem sie die, bei ihrem letzten Treffen vor zwei Monaten ausgesprochene Trennung für ihn zwar außerordentlich bedauerte, aber nicht die geringsten Anstalten machte diese zurückzunehmen, nie erhalten. Da er ohnehin mit keinem Lebenszeichen mehr von ihr gerechnet hatte, fand er dies jedoch auch nicht weiter verwunderlich. Er litt und trauerte noch ungefähr ein halbes Jahr, dann lernte er auf einer Party Maria kennen, in die er sich sehr verliebte und vergaß Charlotte.
Charlotte und Carlos wurden ein Paar, und als Carlos nach einem einjährigen Studienaufenthalt in Deutschland wieder nach Argentinien zurück mußte, begleitete Charlotte ihn.
Nachdem Arthur Endlich vier Tage unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt hatte und auch telefonisch nicht zu erreichen gewesen war, verständigte sein Vorgesetzter die Polizei. Nach mehrmaligem Klingeln und mehreren unbeantworteten Aufforderungen ihnen doch bitte sofort die Tür zu öffnen, verschafften sich die Beamten gewaltsam Zutritt zu seiner Wohnung. Dort fanden sie sechzehn leere, unverständlich beschriftete Aktenordner auf dem Wohnzimmerboden und einen großen Haufen Asche in der Badewanne. Arthur Endlich aber blieb verschwunden.
 

Rainer

Mitglied
hallo yakob,

der text klingt so gut, daß ich mich frage, ob ich die dahintersteckende idee (postbote "erzählt" zeitgeschichte/zeitgeist aus geöffneten briefen) schon mal gelesen habe. ist aber auch egal, die umsetzung finde ich spitze.

doch genug der lobhudelei; was mir nicht so gefallen hat:

sehr wenig, aber die monströse männlichkeit des massai-kriegers ist so klischeehaft, dass sie mir ein regelrechter dorn im auge ist - passt meines erachtens nach nicht zum rest. vorschlag: ersetze den afrikaner durch eine weniger klischeebeladene person; z.b. einen gleich ausgestatteten mormonen.

die von mir erahnten kommafehler werden sicher von einem lektor beseitigt, genau wie manches dasS, einmal sahs jemand statt saß/sass.

die namen sind manchmal etwas zu viel des guten; vielleicht ein paar weniger "bedeutsame" namen.

viele grüße + danke für den schönen text

rainer
 

GabiSils

Mitglied
Einspruch, Rainer. Die "einschlägige Literatur", sie sie gelesen hat, führt sie mit großer Wahrscheinlichkeit eher zu einem dem Klischee gemäßen Massai als zu einem Mormonen - zumindest wäre Letzterer nicht meine erste Wahl, wenn ich monströse Männlichkeit suchte.

Gruß,
Gabi
 

Rainer

Mitglied
dem einspruch wird stattgegeben, sehr geehrte frau kollegin.
erlaube mir aber die hinweise, dass der habitus des männlichen genitals weniger rassen - sondern eher ernährungsabhängig ist, und dass falsche mormonen auch in deutschen kontaktmärkten inserieren;
ich hätte es ihnen auch mal gegönnt...

na wenigstens ist der massai nicht noch hirsebiersüchtig.

viele grüße

rainer (*stur wie `ne dreijährige beim ins bett gehen*)
 

Yakob

Mitglied
hallo rainer,
erst mal vielen dank für dein lob.
dass die idee anscheinend nicht ganz neu ist, hab ich mir schon von ein paar leuten anhören müssen, aber, ganz ehrlich, erst nachdem ich den text geschrieben hatte.
die namen, hmm, vielleicht hast du recht, sind manchmal ein wenig dick aufgetragen, aber zu arthur endlich stehe ich, den finde ich großartig.
zum gemächt des massai-kriegers übrigens auch.
tja, und das mit der interpunktion, dafür hat meine deutsch-lehrerin mich schon gehasst...
grüße, yakob
 

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