Charly, ein neues Familienmitglied

anemone

Mitglied
Wir erwarteten Charly, diesen kleinen blonden Jungen, dessen Füße leicht nach außen zeigten, der nicht sprach, obwohl er es konnte und der mit seinen blauen Augen einfach süß aussah. Ich hatte ihn bisher erst einmal gesehen und musste ihn sofort in meine Arme schließen. Er schüttelte zwar hinterher seinen blonden Schopf, aber er wusste dass ich ihn mag und das war mir wichtig.

Vor einer Woche brachten die Leute vom Jugendamt ihn und seine Mutter mit, um Kontakt mit uns Pflegeeltern aufzunehmen. Charly spielte, während bei den Erwachsenen über sein Schicksal entschieden wurde, mit Roger im Legokeller mit der Eisenbahn.


„Wie wollen wir es anstellen, dass Charly sich bei uns eingewöhnt, wenn er gleich kommt?“ fragte mich Leon.
„Das ist doch ganz einfach!“ antwortete ich ihm, „Wir lassen ihn einfach so lange fersehen, bis er müde wird und einschläft!“


Da saßen wir nun alle mit unserem neuen Familienmitglied um den Fernseher versammelt.
Neben mir saßen Charly und der Hund. Gegenüber sein neuer Papa und um die Ecke hatte Roger es sich gemütlich gemacht. Charly sah immer wieder auf Leon und ich hatte nicht den Eindruck, dass bei ihm das so befürchtete Heimweh auftreten könnte. Er machte einen recht zufriedenen Eindruck.

Der erste, der in seinem Bett verschwand, das war Roger, denn er musste am nächsten Tag in die Schule.
Der 3-1/2-jährige Charly tat, was Leon tat: Er sah in den Apparat. Ob er dem Programm folgen konnte, wussten wir nicht, denn der Junge sprach kaum ein Wort, wie uns vom Jugendamt mitgeteilt worden war. Wir ließen ihn in Ruhe; er musste sich zunächst eingewöhnen. Waldi war bereits an seiner Seite eingeschlafen und träumte laut. Sein warmer Körper zitterte ab und zu und er gab einige Wuff-Geräusche von sich.
Als auch mir langsam die Augen schwer wurden und ich sie nur noch mit Mühe offen halten konnte, war Charly immer noch topp-fit. Er war ein zäher kleiner Bursche. Leon sah, was mit mir los war und lachte: „Netter Vorschlag, den du da hattest! Na, geh schon schlafen, ich bleib dann noch auf!“
Dankbar für diese Lösung, da die Ausführung meines Vorschlags mich an den Rand meiner Kräfte brachte, zog ich mich aus der Affäre. Ich knuffelte Charly noch mal feste, streichelte den Hund, scherte mich dann an gar nichts mehr und suchte meinen Schlafplatz auf.

Als am nächsten Morgen der Wecker um 6.30 Uhr schellte, sah ich Charly, der neben Leon eingeschlafen war.
„Ich musste ihn überreden, mit mir ins Bett zu kommen. Es ging bereits auf 3 Uhr zu und er war immer noch nicht müde.“ so Leons Aussage. Na und an diesem neuen Tag sollte ich mich um Charly kümmern.

Wir beide frühstückten gemeinsam und ich bemühte mich, mit Charly in einfachen Sätzen zu reden.
Inzwischen verfolgte er wie der Hund jede meiner Bewegungen und achtete in der kommenden Zeit peinlich darauf, dass der Tagesablauf sich nicht änderte. Es war normalerweise nicht meine Art, wie eine Maschine meine tägliche Hausarbeit zu verrichten und stets im gleichen Trott durch das Haus zu laufen. Doch der Junge schüttelte den Kopf, wenn ich den Tagesablauf änderte. Er brachte mir das Staubtuch, hielt es mir unter die Nase und öffnete die Schlafzimmertür, wenn die Betten gelüftet werden sollten.
Das war die Zeit, wo er mit Waldi auf der Fensterbank saß und die Nachbarin uns am Fenster besuchte mit einer Süßigkeit für Charly und einem Leckerchen für den Hund in der Tasche.
Wir brauchten nicht lange darauf warten, doch ließen wir es uns nicht anmerken, wenn der Junge plötzlich ein Wort oder auch einen kurzen Satz sprach. Er lernte schnell und wenn der Nachmittag kam, wartete er mit dem Hund auf das Fahrzeug, mit dem der neue Papa nach Hause kam. Sie lagen beide auf dem Läufer in der Diele und sprangen ihm entgegen, noch bevor Leon auf den Klingelknopf drücken konnte. Er war sein großer Schwarm. Charly ahmte ihm alles nach.
Benutzte Leon Werkzeug, musste auch Charly eins haben und mir fiel auf, wie geschickt der Junge versuchte jede seiner Bewegungen zu kopieren.

Es fiel uns auf, dass Charly wie ein Stein in seinem Gitterbett schlief. Er bewegte sich weder im Schlaf, noch schien er zu träumen. Er behielt die Arme fest an seinen Körper gepresst. Ab da nahm ich ihn mit in mein Bett und streichelte ihn während er schlief. Ich spürte mit der Zeit, wie er lockerer wurde, wie er später oft die ganze Bettbreite einnahm und die morgendliche Kissenschlacht gehörte schon bald zu unserem täglichen Ritual.

Nur noch nachts brauchte der Junge eine Windel, doch was er dringend benötigte, das waren Pantoffeln und so fuhr ich mit ihm los, solche zu besorgen. Im Schuhgeschäft hatte er schon gleich die passenden gefunden. Es waren sehr leichte Strickschühchen, mit denen er in unserem Haus nichts anfangen konnte, da es dort Treppen gab, die ungeeignet für so leichtes Schuhwerk waren. Charly blieb hartnäckig vor dem Korb mit diesen Strickschuhen stehen und weigerte sich, irgendwelche anderen festen Pantoffeln anzuprobieren. Ich nahm dann trotzdem welche mit festen Sohlen und ließ sie mir einpacken. Ich versuchte Charly zu erklären, warum diese Schuhe nicht geeignet für ihn waren und er sagte nur ein Wort: „Mirco“.
Also schloss ich daraus, dass sein Bruder wohl solche Schuhe besessen hatte und er jetzt die Gelegenheit fand, ebensolche Schuhe zu bekommen. Charly weigerte sich, mit mir den Laden zu verlassen ohne diese Schühchen. Er belagerte den Korb mit diesen Moccasins, die nur eine dünne Laufsohle hatten und warf sich auf den Boden, als ich ihn an die Hand nehmen wollte. Während ich ihn mit einem Lachen nach draußen trug, schrie er kräftig und ich hatte jetzt eine kleine Ahnung davon was es hieß, wenn seine Mutter sagte: „Ich werde mit dem Kind nicht fertig!“ (Worüber ich sehr erstaunt war).
Schmollend saß er auf dem Kindersitz während der Heimfahrt und ab jetzt begann der Junge damit, sein Spiel zu spielen, was er bisher erfolgreich geschafft hatte. Bis jetzt!
 

Evchen13

Mitglied
Hallöchen anemone,

deine Geschichte ist nett und das Thema sehr gut. Nur finde ich in ihr wenige Emotionen, oder so gut wie keine. Du erzählst einfach, ohne die Gefühle anzusprechen. Mir fehlt beim Lesen, das mich die Angst der neuen Mutter fesselt, was wird ...! Ich glaube, wenn du mehr Tiefe rein bringst, schilderst, was die Mutter der Vater fühlen, erlebt der Leser die neue Situation mit.

Ist aber nur meine Meinung!

Also bis bald mal wieder.



Ev
 
A

Arno1808

Gast
Liebe anemone,

ich schließe mich Evchen dahingehend an, dass auch auf mich der Text etwas emotionslos gewirkt hat.

Dann ist mir noch Folgendes aufgefallen:
Im ersten Teil überschüttest Du den Leser mit Personen und deren Sitzposition.
Das ist zu viel unerklärte Information auf einmal, es verwirrt den Leser. Man hat das Gefühl, überhaupt nicht durchzublicken, wer, wo was ist.
Vielleicht kannst Du doch noch einige Sätze einfügen. Nicht, um den Text zu strecken, sondern um ihn flüssiger, harmonischer zu machen.

Lieben Gruß

Arno
 

anemone

Mitglied
hallo Arno, hallo evchen 13,

Du hast diese Erzählung unter Kurzgeschichten verlegt.
Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, dass es bereits unter Erzählungen einige Anekdötchen von Charly gibt?
Es sind Erinnerungen, die ich so nach und nach aufzuarbeiten versuche. Mag sein, dass ich sie später einmal
zusammenfassend erzählen kann. Im Moment schreibe ich sie so, wie sie in meiner Erinnerung haften geblieben sind.

Ich weiß nicht Evchen und Arno, ob ihr euch wirklich in die Lage versetzen könnt. Da stoßen Menschen aufeinander, die sich bisher ein einziges mal gesehen haben. Geredet haben sie vorher auch nicht miteinander (das war weder verbal
noch sonst wie möglich) und plötzlich müssen sie zueinander finden.

Für beide Seiten ein völlig neues Gefühl. Es wird neue Geschichten über dieses Thema geben. Dieses gehörte an den Anfang.

liebe Grüße
anemone
 
A

Arno1808

Gast
Hallo anemone,

ich muss mich bei dir entschuldigen, denn ich habe mich in meinem Kommentar wahrscheinlich ziemlich missverständlich ausgedrückt.

Ich weiß nicht Evchen und Arno, ob ihr euch wirklich in die Lage versetzen könnt
Ein klares nein!
Aber - und genau das ist es, was ich meinte - auch NACH dem Lesen des Textes kann ich mich nicht hineinversetzen.
Ist es aber nicht gerade DAS, was man als Autor versucht? Dem Leser die Situation so zu beschreiben, dass er sie mitfühlen kann?

Lieben Gruß
Arno
 

Evchen13

Mitglied
Hallöchen Anemone,

nein, ich kann es mir nicht vorstellen, wie es ist und deshalb meinte ich doch auch, schreibe die Gefühle auf! Erzähle von deinen Empfindungen, von euren Gedanken in der Familie. Der Leser kann das nicht wissen oder erahnen, er list es aus den Zeilen des Schreibenden. Und ich kann mir vorstellen, dass deine Geschichten sehr bewegend und schön sein können, wenn du uns in die Gefühle führst, uns spüren läßt, was dich erschüttert hat! Weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke und du mich verstehst.

Lass den Leser mit leiden!

(Mano, habe ich hier eine große Klappe und bekomme es doch selber auch noch nicht so hin! Doch ich glaube, ich habe begriffen, um was es geht!)

Also liebe Anemone, schreibe und zeige die Gefühle.

Freue mich ganz sehr auf deine Geschichten und ich hoffe, wir lesen uns bald wieder.

Liebe Grüße

Ev
 

Zerok

Mitglied
Hi Anemone! :)

Dass hätte ich (Klugscheißer) Dir auch direkt sagen können, dass das mit dem Fernsehen nicht funktionieren wird.
Die Faszination des Neuen lässt einen jeden Schlaf vergessen! :D

Aber Spaß beiseite:
Im Gegensatz zu meinen Vorrednern hatte ich jetzt beim ersten Lesen nicht direkt den Eindruck, dass die Emotionen fehlen würden.
Ich habe sie jedenfalls nicht auffallend vermisst. (Vielleicht bin ich auch nur zu unsensibel. ;) )

Dennoch möchte ich den beiden nicht widersprechen, dass die Teilhabe an Deinen Gedanken, Erwartungen und Sorgen den Tiefgang der Geschichte deutlich erhöhen könnten.

Ausbaufähig ist die Geschichte allemal.
Und mir geht's beim Schreiben von Geschichten immer so, dass ich mit der Zeit immer mehr ins Detail gehe, was "dazwischenquetsche" und aufpoliere.
Vielleicht klappt das ja auch bei Dir.

Ich werde mal Deine Charly-Geschichten im Auge behalten. ;)

Viele Grüße
Zerok

P.S.: Ach ja - fast vergessen. Ich Trantüte habe gestern zu spät Deine Frage im Chat bemerkt: Ja, ich spiele auch ein bisschen Gitarre. Auf meinem Profilbild habe ich allerdings eine Bassgitarre umgeschnallt.
 

anemone

Mitglied
hallo ihr Drei,

Natürlich bleibt sie so jetzt nicht stehn, ich arbeite noch daran, versprochen. Der Anfang muss auf jeden Fall besser ausgearbeitet werden. Mal sehn, wie mir das möglich ist.

liebe Grüße
anemone
 

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