Charly's Geburtstag

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anemone

Mitglied
Es war Charly’s Geburtstag gewesen und ein Besuch bei seiner Mutter stand an.
Charly freute sich sehr darauf, hoffte er doch auf eine weitere Geburtstagsfeier bei seinen „richtigen“ Eltern. Immerhin hatte seine Mutter vorher angerufen und ausdrücklich betont dass sie auf seinen Besuch großen Wert legen würde.
Doch wie es oft so geht, wenn man sich ganz besonders auf etwas freut, ist die Enttäuschung groß, wenn es dann endlich soweit ist und es läuft nicht so, wie man es sich vorgestellt hat.

Es begann schon damit, dass seine Mutter nicht wie er erwartet hatte dort in der Wohnungstür mit offenen Armen stand, um ihn in Empfang zu nehmen. Es dauerte eine zeitlang, bis sie öffnete und dann hielt sie ihm nur lasch die Hand entgegen ohne ihm zu gratulieren. (Sie hatte es telefonisch einige Tage zuvor erledigt), und begab sich gleich wieder in die Küche um Kaffee zu kochen.
Charly schlich durch die Wohnung und versuchte zu ergründen warum keiner an seinen Geburtstag gedacht hatte. Beiläufig im Gespräch erwähnte die Mutter „Fred ist mit Mirco in die Stadt gegangen, um für dich ein Geschenk zu kaufen.“ Ich sah die enttäuschten Kinderaugen und rechnete mit Schwierigkeiten.
Wenige Minuten später ging auch schon die Türglocke und schnellen Schrittes öffnete Charly’s Mutter. Erstaunlicherweise blieb Charly in meiner Nähe sitzen und rührte sich nicht vom Fleck. Mirco lief fröhlich auf ihn zu mit einem Spielzeug-Saxophon in der Hand. Charly streckte den Arm aus, um es entgegen zu nehmen, doch da hielt ihm sein Stiefvater ein Päckchen entgegen mit den Worten: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“
Charly schaute es kurz an, aber machte keine Anstalten es zu öffnen.
„Soll Fred dir beim Auspacken helfen?“ sprach ihn freundlich der Stiefvater an und ergriff sogleich die Initiative.
Ich trank den mir angebotenen Kaffee und sah dem Schauspiel zu. Charly war nicht bereit,
seine Hände zu bewegen und ließ Fred das Geschenk allein auspacken, während Mirko saxophonspielenderweise durchs Zimmer hüpfte.
Charly’s Mutter sah von der Küchentüre aus zu und interessierte sich besonders für Mirco und sein Instrument. Sie sprach freundlich mit ihm und ließ sich das Musikinstrument von ihm erklären.
Aus der Verpackung holte Fred ein gleiches Instrument heraus. Es unterschied sich weder in der Farbe noch sonst von dem, welches Mirco in der Hand hielt.
Fred streckte das Teil Charly entgegen, der es nicht annehmen wollte. „Was ist denn, blas doch mal hinein!“ versuchte Fred ihn zu bewegen. Charly tat ihm den Gefallen.
Er blies so lasch, wie ihm seine Mutter die Hand gereicht hatte, mit dem Ergebnis, dass kein Ton aus dem Musikinstrument heraus kam.
„Gib mal her! So macht man das!“ Fred entlockte dem Saxophon einige kräftige Töne. Doch Charly’s Hände blieben unbeweglich, er saß neben mir wie ein Stein, ihm war die Puste ausgegangen. Fred gab nach mehrmaligen Versuchen seine Geduld auf und wendete sich wieder Mirco zu.
Ich konnte mir denken, was in Charly’s kleinem Kopf vorging. <<Wer hat Geburtstag, er oder ich?>> Sein Geschenk ließ er achtlos auf dem Fußboden liegen. Fred hob es in der Zwischenzeit auf.
Dieser Geburtstagsbesuch lief nicht anders ab, als sonstige Besuche,
außer dass diesmal der Stiefvater dabei war. Jeder Erwachsene bekam eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt, den Kindern wurde ein Leckerchen angeboten, die Erwachsenen tauschten Neuigkeiten aus und die Kinder verschwanden in Mircos Zimmer. Bevor Charly wieder gehen durfte, musste er mit Mirco das Zimmer aufräumen. Ich möchte wetten, es lag irgendwo in der Ecke ein frisch zerbrochenes Spielzeug aus MircosBestand herum, was noch keinem aufgefallen war.
Wir verabschiedeten uns nach getaner Aufräumaktion und befanden uns schon im Hof, als Fred in Eile an die Scheibe des Wagens klopfte: „Hey, Charly, du hast noch was vergessen!“
Er reichte dem Jungen sein Saxophon auf die Rückbank. Unterwegs stieß Charly es mit seinen Füßen auf den Fahrzeugboden und sah es nicht mehr an.
Bei der Ankunft stieg er aus dem Wagen und ließ das Geschenk unbeachtet liegen. Ich hob es auf und trug es ihm hinterher ins Haus hinein. Dort legte ich es auf den niedrigen Wohnzimmertisch.
Ich wunderte mich sehr, als ich plötzlich sah, wie Charly auf den Tisch kletterte und dort mit beiden Beinen das Instrument zertrümmerte, so dass nur noch Scherben übrig waren. Wortlos holte ich ein Kehrblech und lud die Teile darauf.

Wir haben kein Wort mehr darüber verloren.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
hm,

die geschichte befriedigt mich nicht. wer ist der ich-erzähler? und warum ist das eine erzählung und keine kurzgeschichte?
einiges hast du allerdings sehr einfühlsam beschrieben.

gestern im chat wurde ich plötzlich vom netz getrennt, das passiert mir öfter. es ist nicht meine art, zu verschwinden, ohne mich zu verabschieden.
ganz lieb grüßt
 

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