Charta

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Tula

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Charta

Prolog
..... als die alten Götter nach dem sechsten
..... Jahr die Welt in ihrem Eifer einigermaßen
..... zerstört hatten, verschnauften sie und
..... hinterließen uns
..... ..... eine neue
..... ..... ..... Spielanleitung

aus den Akten
kaum zeigte sich der erste Sonnenstrahl, zogen wir
unser Los und die Engel hinunter ins Tal, betranken uns
beim Einstand mit weißer Milch, beteten reichhaltig
kultivierten die Wüste mit Olivenhainen, säten und lasen
(Brecht usw.), setzten auf Tauben und Steine auf Steine
bis sich ein Turm erhob, so hoch und wunderbar wie

die Legende der runden Tafel, eine ganz besondere
für Könige und Kavaliere, denn wer sonst könnte über
die Zeche entscheiden? ein ausgesprochen amüsanter
Stammtisch, wenn es nicht dauernd um Totenmessen ginge
und die Last der Erbschaften, eine ritterliche Pflicht und
Bonbonniere, mit gerächter Aufteilung der Restbestände
und gebührlicher Ehrung der höfischen Lippenakrobatik
wer aber vor lauter Fressgier längst an den Wolken nagt
behält in der Regel die besten Aussichten, allzeit mit guten
Sprüchen in der Schleppe, wie zum Beispiel „edel sei der
Stahl und hilfreich sowieso“ (darauf einen Düsen-Peng!)

für alle Fälle sind wir bis heute ein Team, unsere Spiele
liegen eben im Blut, schließlich gewinnt dabei stets einer
aus der Runde, manche werden gar zu Helden und der letzte
wird der Größte sein

Epilog
..... mittlerweile ziemlich zerfleddert die Schwarte und
..... Geschichte, doch bleibt sie immer wieder neu

..... ..... wer jetzt nicht selig wird

..... ..... ..... ..... ach! fragt die Götter …
 

Tula

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Liebe molly
Herzlichen Dank! - auch den anderen Sternchenbringern.
Beste Wünsche für die Woche
Tula
 

sufnus

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Hey Tula!

Das ist ja mal Gedankenlyrik! Wow. :)

(eigentlich ist für mich der Terminus Gedankenlyrik gar nicht selten fast eine Art Schimpfwort, weil ich der Meinung bin, dass Gedichte eher nicht das geeignete Medium darstellen, um "kluge Gedanken" in Worte zu kleiden, denn so sehr die kreative Wortbekleidung zu den lyrischen Kernkompetenzen gehört, so sehr ist nach meinem Dafürhalten ein Mindestmaß an Denkeindeutigkeit beim Mitteilen von schlauen Begrübelungen wünschenswert, beim Teilen lyrischer Hirnkurzschlüsse aber ein tendenziell eher gedichtschädliches Merkmal.
Je nun. Auf diesem ollen Rossifanten mit der "Eindeutigkeit" reite ich ja hier ständig rum und insofern sollte ich wohl zunächst mal ergänzen, dass ich dieses sufnotische Axiom gar nicht so dogmatisch vertrete, wie man womöglich meinen könnte. Selbstverständlich ist bei "engagierter Lyrik" oder bei komischer Lyrik ein ordentliches Maß an Hirnschmalzklärungsbemühungen unbedingt notwendig.
Aber jetzt bei: Gedankenlyrik?
Najatja... also wenn ein Gedanke allzu sehr ins Leichteinleuchtende spielt, dann nennt man ihn wohl eine Binsenweisheit und eine solche ist weder in der Lyrik noch im Essay oder anderen Intellektanstrengungen besonders beglückend.
Warum hab ich dann so eine Gedankenlyriksperre?
Wenn ich mich jetzt um die "allmähliche Verfertigung der Gedanken beim" Schreiben bemühe, dann will mir scheinen, es habe doch noch mit etwas jenseits meines Eindeutigkeitskomplexes zu tun, wenn auch mit diesem zusammenhängend. So glaube ich, dass ein Gedankengedicht den "Dialog" mit seinem Lesepublikum häufig auf eine etwas indirektere Weise führt als dies ein meinethalben essayistischer Prosatext gemeinhin [gröblich verallgemeinernd] unternimmt. Beim [typischen] Essay fühle ich mich jedenfalls meist so ähnlich wie beim Durchwandern einer Museumsausstellung, will meinen, ich habe den Eindruck, dass ich als Besucher [Leser] tatsächlich "angesprochen" werden soll und der geglückte Text bzw. die geglückte Ausstellung zeichnet sich dann dadurch aus, dass mich das Dargebotene tatsächlich auch "anspricht", dass ich also Lust bekomme, den Halbdialog, bei dem meine eigenen Beiträge zunächst noch als Leerstelle firmieren, zu einer vollständigen Wechselrede zu ergänzen. Das ist bei der Gedankenlyrik für mich nicht exakt genauso, sondern hier wechsele ich beim innerlichen "Reagieren" auf das Gedicht quasi die mediale Ebene, es bildet sich bei mir also beim Lesen und "Verinnerlichen" eines solchen Gedichts kein ergänzendes eigenes Gedicht heraus, sondern es werden Bilder und Gefühle an die Wahrnehmungsoberfläche gespült. Diese Nichtentsprechung der gedanklichen "Formate" von Text [Gedankengedicht] versus Rezeption löst bei mir dann ein gewisses Gefühl von kommunikativer Asymmetrie aus, ich bin dem Gedankengedicht ein Stück weit stärker ausgeliefert als ich es einem Essay oder anderen prosaischen "Sachtext" im weitesten Sinn wäre.
Soweit so unschön und ungut.
Aber ist das Gedicht, das meine Schreibschleusen derart geschreddert hat, überhaupt ein Vertreter der Gedankenlyrik? Es ist ja ungemein Bildreich und steckt voller Meta-Bezüge. Auch erspart es ja gerade uns Lesenden jedewede conclusiohafte Eindeutigkeit, dass es nur so eine Pracht ist, denn wie könnte ein Text offener Enden als mit den berühmten drei Pünktchen?
Ja und nein und jein, würde ich sagen. Wenn wir mal vom Titel ausgehen und den danach erwähnten "sechs Jahren" [die wir als den Zeitraum von 1939 bis 1945 ansehen dürfen] ist ziemlich eindeutig [hah!], dass es sich hier um eine spezielle Art der "Spielanleitung" dreht, nämlich um die Charta der Vereinten Nationen, die von den "Göttern" [insbesondere den "four policemen", die da waren die USA, das vereinigte Königreich, die UdSSR und China] im Jahr 1945 in San Francisco ausklabüsert wurde. Von dieser Lesart ausgehend lässt sich dann beinahe jede Formulierung relativ gut dingfest machen und wir haben hier eine sehr kritische Analyse der großen Weltpolitik vor uns, ergänzt um einen eher resignativen Seitenblick auf das Menschengeschlecht als Solches.
Indem also somit eine Art Abriss der Zeit zwischen dem großen Kriegsende [???] 1945 und der "Zeitenwende" [???] 2022 in die Zukunft fortgeschrieben wird [frag die Götter .... ] sind wir schon im Zeichen der Zeitanalyse und -bewertung unterwegs - anstelle von Gedankenlyrik könnte man hier also auch mit einiger Fugberechtigung von einem politischen Gedicht sprechen.
Aber dann: Eigentlich ist alles doch auch nochmal anders. Es ist dieses Gedicht auch ein Traurigkeitsgesang, wie ihn ein alter Barde hätte anstimmen können, der dekorativ vor einer Trümmerlandschaft drapiert, an seiner aus dem Schlamassel einigermaßen heil hervorgegangenen Laute zupft. Beim Anhören dieser Klage wird der anthropologische Zweifel ganz greifbar: War die schwarze Milch jemals weiß? Sind am Hang des Olivenbergs, jenseits des Tales Kidron nicht seit den alten Zeiten Gräber angelegt worden anstelle von Olivenhainen? Und "Spiele, die im Blut liegen"? Ja, das Spiel mit dem Blut liegt uns wohl wirklich im Blut.)

Nach all diesen Ausführungen dürfte ja wohl klar sein, dass ich bei diesem Gedichts (fast) nichts zu beanstanden habe. ;) Nur das halbe Heinezitat im Epilog passt für mich nicht so ganz rein. Aber das hab ich in fünf Minuten schon wieder vergessen, während mich der Rest des Gedichts noch lange beschäftigen wird. :)

LG!

S.
 

Tula

Mitglied
Lieber sufnus
Herzlichen Dank für deinen ausführlichen und gedanklich reichen Kommentar, nicht bloß zum Gedicht als solches, sondern zum lyrischen Verständnis allgemein. Ich schäme mich jetzt bereits im voraus, in meiner Antwort weitaus kürzer auszufallen.

Zunächst zur Gedankenlyrik: Nun bin ja nicht mehr als ein höchst unbedeutender Hobby-Dichter, der seit etwa 10 Jahren (oder wenig mehr) durch einige Foren geistert. Und was fällt einem da nicht unbedingt positiv auf? - Altphilosophische Binsenreimerei, oder eben auch ungereimte -flechterei, bei der sich Alter und Geschlecht des Autors schnell erraten lassen. Manche Damen schneiden nicht unbedingt viel besser ab, aber bei "Gedankenlyrik" habe ich eben eher den älteren Herren vor Augen, der uns lyrisch nicht unterhalten, sondern etwas 'lehren' möchte. So in etwa wie eine poetische Konfuziusvariante. Sicher zeugt auch dieses Bild von Voreingenommenheit meinerseits was Gedankenlyrik tatsächlich beinhaltet und kann.

Also ein politisches bzw. 'engagiertes' Gedicht. Ein solches hat im Kern das von dir erklärte Problem der Eindeutigkeit (oder anders herum: den des Mangels an Deutungsraum) und zieht schnell, nicht unbedingt mit bewusster Absicht des Autors, in Richtung propagandistischer Überzeugungungsarbeit. Einem Dichter namens Kästner wurde dafür noch applaudiert, Tucholsky, Mühsam und vielen anderen seiner Vorgänger sowieso, da wird sogar ein randalierender Gaslampenputzer bis heute lachend in Kauf genommen. Der zeitgenössische Dichter allerdings sollte sich hüten, jenen nachzueifern, mit dieser zwar wortwitzigen, aber eben doch viel zu einseitig wirkenden und auf Verurteilung getrimmten Variante der Poesie. DAS allerdings könnte man umgekehrt den modernen Literaten vorwerfen, d.h. dass bei ihnen Form im Sinne sprachlicher Akrobatik einen markanten Vorrang vor Inhalt hat. Nicht, dass ich in einem Jahrbuch der Lyrik, das wir hier schon mehrmals erwähnten, gar nichts gesellschaftlich-kritisches finden würde, aber eben doch herzlich wenig. Leben die Autoren von heute da nicht selten an unserer Zeit vorbei?

Also gut, denke ich da als politisch grübelnder Mensch. Vielleicht gibt es einen Weg, auf dem sich der Leser nicht gleich langweilt, wenn es um derlei Inhalte geht. Natürlich liegst du in deinen Deutungen genau richtig, es bleibt eben alles ziemlich eindeutig. Den Leser gedanklich weiterführend sollte es trotzdem wirken, nicht zuletzt als Denk-Anstoß und zugleich Lamento über das quo vadis? unserer Epoche. Stell dir vor, ich gehörte einst zu der Masse der Blöden, die daran glaubte, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die schrittweise Demokratisierung (nicht zuletzt im Zuge der Globalisierung) der Welt historisch gesehen folgerichtig bzw. unausweichlich wäre. Aktuelle Entwicklungen stellen wahrscheinlich (hoffentlich) ebenfalls keinen endgültigen Trend dar; nichtsdestotrotz ist's zum Schaudern.

In summa: ein politisches Gedicht, auf jeden Fall, aber hoffentlich trotzdem einigermaßen unterhaltsam.

Dankend lieben Gruß
Tula
 

seefeldmaren

Mitglied
, d.h. dass bei ihnen Form im Sinne sprachlicher Akrobatik einen markanten Vorrang vor Inhalt hat.
Hey Tula,

ich finde das Thema super spannend. Ich frage mich oft, was heute ein Gedicht sein kann. Was ich vermehrt wahrnehme ist eine Furcht vor Tiefe.
Sich intensiver mit etwas zu beschäftigen, was sind die Aufgaben eines Autors und was sind meine Aufgaben als Leser. Was mich sehr bewegt
ist die Leserfunktion. Wie kann ich als Leser von Lyrik für mich neue Erfahrungswerte im Umgang mit Lyrik schaffen? Wie gehe ich an ein für mich
unzugängliches Gedicht heran, was kann es mir erzählen, was kann es übertragen, wo kann ich ansetzen und mich wieder abholen lassen. Fragen über Fragen!
Die Autoren von heute leben in ihre Zeit hinein. Und die elitären Kreise in dieser Nische in Deutschland sind ja wirklich sehr überschaubar. Sprache war früher hochkomplex und wird heute zunehmend komplexer. Natürlich könnte man auch sagen: Lyrik ist tot. Auf Papier geschriebene oder gedruckte Lyrik ist tot. Kann weg. Hatte ihre Zeit. Interessant wird es nun, wenn die Lyrik mit anderen Disziplinen in Kontakt tritt: Performance-Kunst, Videoinstallationen, QR-Codes, übergreifende Fotografie, vielleicht sogar Malerei. Dem sind ja keine Grenzen mehr gesetzt.
Werke, die sehr akrobatisch wirken, ich glaube, dass in diesen Werken sehr viel Entwicklungszeit steckt.
Aber auch ich, kann mich nicht mit allem anfreunden. Da gibt es auch für mich Grenzen.

Maren
 

Tula

Mitglied
Liebe Maren
In der Tat, das sind wirklich wichtige Fragen, vor allem, bevor ich mich überhaupt selbst ans Schreiben mache.

Mit Sicht auf mein Gedicht und den eigenen Kommentar dazu: Ist politische Lyrik tot? Ich würde diese tatsächlich mit einem Jaaein beantworten. Sie ist ziemlich leblos, röchelt ab und an vor sich hin, in der Regel in ausgesprochen dürftigen Anthologien, aber renomierte Autoren fürchten sich vor ihrem grundsätzlichen Makel, dem Fluch der Propaganda.

Ist die gedruckte Lyrik tot? Gute Frage. Wer Musik macht, will gehört und wer schreibt, will gelesen werden usw. Logisch. Aber wie und wo? Alles Gedruckte leidet in der Tat am marktwirtschaftlichen Problem von Angebot und Nachfrage. Wenn ich nicht irre, erscheinen pro Jahr 70.000 bis 80.000 Bücher auf dem deutschen Markt. Da sind selbst 2% für Lyrik eine Menge Bücher. Die meisten dürften kommerzielle Misserfolge bleiben, weshalb Verlage halt Autoren den Vorzug geben, die wenigstens einen glaubwürdigen Veranstaltungskalender vorweisen können. Lyrik verkauft sich eben nicht im Bücherladen. Das ist gewiss bei Prosa nicht viel anders. Das Überangebot ist einfach zu groß. Was Verlage anbelangt, geht es weniger darum, wie toll du schreibst, sondern um die Aussicht auf Verkauf.

Zeitschriften: Na ja, auch nicht leicht, wenn jede Ausschreibung Hunderte von Teilnehmern hat. Wer aber liest die eigentlich?

Dann die alternativen und vor allem künstlerisch neuen Wege. Da hast du recht, im digitalen Zeitalter sollte man auch bzw. besonders diese beschreiten. Nicht zuletzt im Sinne der Veranstaltungskunst. Das fängt mit poetry slam nur an.

Blieben noch die Foren wie dieses hier. Einst sehr beliebt, als technologische Neuigkeit für alle Schreibsüchtigen. Endlich ein unermessliches Publikum!! Für ein Volk von über 80 Millionen Dichtern und Denkern sind wir hier leider sehr wenig, was mich bei den Hunderten von Einsendungen zu den im Internet ausgeschriebenen Wettbewerben eher wundert. Aber immerhin findet hier jedes eingestellte Werk zwei, drei Dutzend Leser. Eigentlich nicht übel, wenn man bedenkt, wie schwer es ist, mit einer Lesung einen Saal zu füllen. Es sei denn, ich unterschätze da was.

Dankend lieben Gruß
Tula
 

mondnein

Mitglied
Für ein Volk von über 80 Millionen Dichtern und Denkern sind wir hier leider sehr wenig, was mich bei den Hunderten von Einsendungen zu den im Internet ausgeschriebenen Wettbewerben eher wundert.
einige Ausschreiber behaupten, sie hätten Tausende von Einsendungen gehabt, z.B. 3000 zum Bonner "Dichtungsring".
Auf jeden Fall sind alle diese Tausende besser als meine Dichtungsversuche, was dadurch bewiesen wird, daß ich es selten in die Auswahl der oberen 100 schaffe (im "Dichtungsring" innerhalb der letzten zehn Jahre noch nie). Oder wie viel Autorinnen halt auf den Wühltisch derer kommen, die es ins Buch geschafft haben.
 

Tula

Mitglied
Moin Hansz
Es sind auf jeden Fall stets Hunderte von Einsendungen. Ich sehe das positiv; Schreiben ist halt ein kreatives Hobby, nicht zuletzt auch für den älteren oder gar sozial-vereinsamten Menschen. Das eigentliche Problem ist wohl das fehlende Interesse anderer, die mehr oder weniger guten Ergüsse auch zu lesen. Vielleicht unterschätze ich die Initiativen wie Lesezirkel auf lolaler Ebene. Wie beim Malen und anderen Künsten oder eben Sport, man kann ja nicht verlangen, sofort auf Landesebene erfolgreich zu sein.

Insofern würde ich Marlen zustimmen: die gedruckte Lyrik ist mehr oder weniger am Ende, das Überangebot und der Druck digitaler Medien, die unsere Hirne täglich mit ihren Erzeugnissen regelrecht überschwemmen, sind einfach zu groß.

Oder anders: Wir sind hier und anderswo die letzten Scheintoten einer im Aussterben begriffenen Spezies.

LG Tula
 

mondnein

Mitglied
Schreiben ist halt ein kreatives Hobby
ja, und es war mir immer die größte Freude im Leben, noch mehr als mein (einsames) Improvisieren auf dem Klavier, vielleicht noch vergleichbar mit dem Malen z.B. eines neuen Kalenders (2016) für Umas Café, oder solcher Ölbilder wie http://12koerbe.de/hansz/monddoch.htm#helenne .
Da gibt es schon Unterschiede: Das Malen abstrakter Aquarelle ist z.B. eine Wohltat fürs fühlende Gemüt,
während das Klavierspielen http://12koerbe.de/hansz/bbbccc.mp3
die Ästhetik des Hörens und Gestaltens so objektiviert, daß es nicht in eine subjektive Befriedigung zurückspiegelt.
Das Dichten aber war mir immer eine unbändige Freude, vor allem dann, wenn es um die gestaltete Formulierung einer "fraglichen" Erkenntnis ging. In den Achtzigern gestaltete ich gerne erkenntnisauslotende Gedankenlyrik, wie
"Nichts reimt sich auf den Menschen, diesen Tantaliden"
oder "Der 'Wiederholung Lied ist Ewigkeit / Des Einzigartigen Gesang bist du",
zwischen transzendental-idealistischer Philosophie und frommem Rausch. Ein Sprung und Eintauchen in die Tiefe pur-ästhetischer Orgasmen, unkörperlich und gerne pur-musikalisch. Meinetwegen allein, einsam, selbstgesprächig.

Das war immer die größte Freude in meinem Leben.
 
Zuletzt bearbeitet:

sufnus

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Nicht, dass ich in einem Jahrbuch der Lyrik, das wir hier schon mehrmals erwähnten, gar nichts gesellschaftlich-kritisches finden würde, aber eben doch herzlich wenig. Leben die Autoren von heute da nicht selten an unserer Zeit vorbei?
Weil Du es grad erwähnst: Ich bin mal gespannt, wie (ob) das JdL noch eine sinnhafte Zukunft hat. Die Tatsache, dass der Schoeffling-Verlag offenbar spätestens im Sommer dieses Jahres, vielleicht auch viel früher, eine Neuorientierung bzgl. der Herausgeberschaft vorgenommen hat, ohne hierzu etwas zu kommunizieren (wenn man von der Nicht-Kommunikation absieht). Matthias Kniep wird jedenfalls seither mit keinem Wort mehr als verantwortlich für den nächsten Jahrgang genannt und wer co-herausgeberisch tätig werden soll, sofern dieses Konzept überhaupt noch verfolgt wird, bleibt auch ein großes Geheimnis. So eine Geheimniskrämerei ist m. E. ein ganz ganz ganz schlechtes Zeichen. Man will die "Marke" Lyrikjahrbuch schon noch gerne weiter behalten, aber gerne mit dem Rücken zu den einreichenden Poet*innen. Von mir wirds jedenfalls bis auf Weiteres nix mehr im JdL zu lesen geben. ;)

Aber gut - das war jetzt ein Exkurs. Was Deine Einschätzung eines Mangels an politischer Lyrik zu (noch?) glorioseren JdL-Zeiten angeht, stimme ich im Prinzip zu. Ich glaube, das rührt daher, dass Dein nächstes Postulat: "politisch aber trotzdem (!) einigermaßen unterhaltsam" sehr schwer umsetzbar ist.
Und auch zu Käster-Tucho-Mühsam-Zeiten waren die nicht politischen Gedichte ja aus vielerlei Gründen hoffnungslos in der Überzahl.


In summa: ein politisches Gedicht, auf jeden Fall, aber hoffentlich trotzdem einigermaßen unterhaltsam.
Ja!!! :) Dir ist, finde ich, die schwierige Kreierung unterhaltsamer Politikbetrachtung tatsächlich ganz wunderbar gelungen.

LG!

S.
 

Tula

Mitglied
Lieber Hansz
Vielen Dank für den kreativen Kommentar :)
In der Tat, so etwas wie Rausch ist bei Musikern sicher selbstverständlich, beim Schreiben muss ich doch zu viel tüfteln, aber wenn das Werk fertig ist und ich da selbstverliebt raufschaue, habe ich schon Lust auf ein weiteres Bier :cool:

LG Tula
 

Tula

Mitglied
Lieber Sufnus
Ich ahnte ja, dass ich dich mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits im JdL der vergangenen Jahre las, aber was und wo genau, da müsste ich raten, da ich bis heute nicht weiß, wer du im 'echten Leben' bist. Wenn ich doch raten sollte ... hm ... rein stilistisch jemand, dessen Gedichte nicht immer leicht zu knacken sind. Bei mir im Regal steht z.B. ein Museum der Ungeduld, daran jedenfalls dachte ich bereits vor einiger Zeit. Wer weiß ...

Ganz ehrlich finde ich das neue Format des JdL ganz gut und als völlig Unbekannter hat man vielleicht doch eine Chance. Ich reichte etwas ein, nicht zum ersten Mal. Sollte ich irgendwann dabei sein, werde ich nur Lobendes zur Anthologie sagen :)

Was die letzte Ausgabe anbelangt, sollte ich mich korrigieren, es sind auch ein paar politische dabei. Das auf Seite 14 zum Beispiel, 'Wladimir Wladimirowitsch erzählt seinem Außenminister einen Traum', fand ich sprach-bildlich ausgezeichnet.

Dankend lieben Gruß
Tula
 

mondnein

Mitglied
In der Tat, so etwas wie Rausch ist bei Musikern sicher selbstverständlich, beim Schreiben muss ich doch zu viel tüfteln
Danke, Tula,

ich schieße,
wie Du gewiß weißt bzw. wie es oben auch hellbewußt ausformuliert ("fromm") geschrieben steht,
meine Tore zwischen den Pfosten der hyperbolisch generalisierten Prädikatnominalsätze ("Der Wiederholung Lied ist Ewigkeit"),
die bekanntlich mit ihrem jeweiligen logischen Gegenteil gleiche Waage oder sogar Identität haben ("Des Einzigartigen Gesang bist du")
auf der einen Seite
und auf der anderen Seite
den Pfosten fusionsreaktiver McLaughlinismen ("The Dance of Maya"). Letzterer war ekstatisch berauscht durch hinduistische Mystik, vergleichbar George Harrisons Verzückungen ("My Sweet Lord", aber das ist schon lange her. Und das Tor ist verdammt weit. Und oben hat es keinen Pfosten.

Das nur, um den notwendig hereinbrechenden Mißverständnissen vorzubeugen.

grusz, hansz
 

sufnus

Mitglied
Hey Tula!

Das JdL und ich sind allerhauptsächlichst (bis jetzt) eine Lektüregemeinschaft (gewesen). Eine Rolle, die über den passiven Genuss hinausging, kann ich für mich nur in einem ganz ganz kleinen Miniumfang in Anspruch nehmen ;)
Dass Du mich dann gleich in Augenhöhe zu Hans Thill über-erhoben hast, hat mich mitsamt Lesesessel umgehauen und da lieg ich jetzt rücklings auf der Sessellehne und starre die Zimmerdecke an. Vermutlich verwandle ich mich als nächstes in einen Käfer. Aber dann - ob Deines umwerfenden Vergleichs - zumindest in einen veritablen Glückskäfer. :)

Und um nun rasch nochmal das Thema des JdL "an sich" zu streifen: Das von Dir angesprochene neue Konzept - das ist glaub ich beim Band mit Sonja vom Brocke erstmals realisiert worden - fand ich auch richtig grandios - da hab ich keinen Stress damit. Hingegen sehr, wenn die Herausgeber*innen vom Verlag so sehr in den namenlosen (!) Hintergrund gerückt werden, wie es jetzt aktuell der Fall ist. Da reicht man ja seine Sachen aktuell bei einer ziemlichen Wundertüte ein und es verrät einfach keine gute Haltung gegenüber den Einreichenden, wenn intransparent bleibt, wer herausgeberisch tätig ist bzw. wer letztlich die Gedichtauswahl vornimmt.

Sowohl unter Buchwald als auch unter Kniep war das ganz anders und - jetzt finde ich nochmal zum Thema politische Lyrik zurück - gerade beim Einreichen gesellschaftsrelevanter oder politischer Lyrik ist es auch wichtig, dass da der Auswahlprozess nicht einem Primat von Geschäftsinteressen des zugehörigen Verlags folgt. Für mich war immer die Prämisse, dass dem Buchwald oder dem Kniep und allen Co-Herausgebenden nicht "reingeredet" wurde, wer von den "verlagseigenen" Akteur*innen aber unbedingt ins Jahrbuch gehört. Naja und wenn man sich jetzt mal anschaut, welche Lyriker*innen aktuell beim Schoeffling-Verlag ein Zuhause gefunden haben, dann mag ich die zwar allesamt wirklich sehr, aber "politisch" wäre jetzt nicht so das Stichwort, was mir bei deren Lyrik als erstes einfällt.

LG!

S.
 



 
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