Friedrichshainerin
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Ich bin nachts mit dem Fahrrad auf der Brückenstraße in Schöneweide unterwegs. Ich habe Hunger. „Da war doch immer ein Chinaimbiss“, geht es mir durch den Kopf. Ich schaue mich um, aber entdecke ihn nicht. „Vielleicht pleite gegangen“, denke ich. Irrtum. Gar nicht pleite. Da ist er ja. Das Problem ist bloß, dass der Kasten mit der Leuchtschrift dunkel ist. Wahrscheinlich kann sich der Inhaber keinen Elektriker leisten. Sehr geschäftsschädigend. Da können die Autofahrer, die vorbeifahren, ja gar nicht sehen, dass dort ein Imbiss ist. Nur die Einheimischen sind eingeweiht.
Ich gehe in den Imbiss. Ein riesengroßer Raum, der ein bisschen unaufgeräumt wirkt. Der Koch ist allein. Während er meine Chinapfanne brutzelt, wenn ich früher hier lang fuhr, habe ich immer so eine genommen, rede ich mit dem freundlichen Mann. „Ich kenne den Imbiss schon lange. Ich habe schon gedacht, ihr seid gar nicht mehr hier.“ Der Besitzer sieht sehr sorgenvoll aus. „Doch, wir haben uns gehalten.“ Wahrscheinlich stapeln sich bei ihm die unbezahlten Rechnungen.
Ich überlege, ob ich einen Hausbesetzer aus dem Supa-Molli mal fragen soll, ob er die Leuchtschrift repariert. Er hatte mir erzählt, dass er Elektriker ist. Und außerdem machen sie dort immer so auf Multi-Kulti. Ich verwerfe den Gedanken aber bald, da ich und der Hausbesetzer uns schon lange nicht mehr gesehen haben. Bestimmt hätte er meine Bitte auch als Versuch gesehen, wieder was mit ihm anzufangen, denn kurzzeitig war mal was zwischen uns. „Pass auf, der hat ´ne Freundin“, hatte Paula zu mir gesagt. Das war beim letzten Mal als Paula und ich uns sahen. Und sie hatte Recht. Ich hatte ziemlich dran zu knabbern, als er mich nicht mehr grüßte.
Aber er hätte dem Vietnamesen - in allen Imbissen arbeiten Leute aus diesem Land - bestimmt geholfen, denn hilfsbereit war er. Also musste der Leuchtkasten schwarz bleiben, und die Hungrigen fuhren in der Dunkelheit daran vorbei, und die Kasse blieb leer. So wäre es mir ja auch fast gegangen.
Die Chinapfanne schmeckt noch genauso wie damals. Wann ist damals? Das interessiert bestimmt viele. Mit damals bezeichne ich die Zeit als Paula und ich noch Freundinnen waren, und ich sie oft in Johannisthal besucht habe. Jetzt wohnt sie schon lange in Potsdam. Wir haben keinen Kontakt mehr. Aber wenn ich mal durch die Gegend am Sterndamm radele, muss ich automatisch an sie denken. Wahrscheinlich habe ich mehr an ihr gehangen, als ich mir eingestanden habe.
„Hast du auch schon gehört, dass ich bei der Stasi gewesen sein soll?“, fragte sie mich einmal. Das musste ich bejahen. Das hatte ich von ihren besten Freunden, die sie schon lange kannten. Schon vor der Wende. „Was denkst du darüber?“, fragte sie. Ich antwortete: „Ich kann darüber nichts sagen, da ich dich erst seit Anfang Neunzig kenne.“ Aber die Sache ging mir natürlich im Kopf rum. Das Thema Stasi hatte mich nie interessiert, da ich mich nicht betroffen fühlte. Mir war unverständlich, warum sich ein Geheimdienst für jemanden wie mich, die in einer Blueskneipe Bier trank und zu Open Airs fuhr, interessieren sollte. Zu viel der Ehre.
Aber was, wenn an den Verdächtigungen von Paula was dran wäre? Wenn sie ein Mensch wäre, der bereit war, andere zu verraten.
Die Freundschaft ging von ihr aus. Freunde brachten sie mit zu mir, und sie kam danach einfach mal so vorbei und blieb. Mir fiel an ihr ihr ungewöhnlicher Geiz auf. Als ich einmal völlig pleite war, ließ sie sich einfach 14 Tage nicht mehr sehen. Auf sie brauchte ich nicht zu bauen, war mir klar. Trotzdem waren wir aber fast vier Jahre Freundinnen.
Wir trampten sogar einige Wochen durch Frankreich, wobei die Brüche in unserer Beziehung immer sichtbarer wurden. Trotzdem wir zusammen im fremden Land waren, redeten wir kaum noch miteinander. Danach war erst Mal eine Weile Funkstille zwischen uns. Bis sie wieder anklopfte. Aber irgendwie war seit unserer Frankreichreise der Wurm drin.
Als es dann aus war, tat es mir nicht leid. Ich war irgendwie erleichtert. Ich zog um, und sie ließ sich von Freunden meine neue Adresse geben. Als sie ankam, war alles wie früher zu unseren besseren Zeiten. „Ich weiß gar nicht mehr, weshalb wir uns eigentlich gestritten haben“, sagte sie. Ich wusste es auch nicht mehr. Wir zogen durch die Kneipen und langten betrunken wieder bei mir an. Eigentlich dachte ich, dass wir uns wieder versöhnt hätten. Sie sah das wohl anders, denn sie besuchte mich nie wieder.
An dem letzten Morgen sagte sie zu mir: „Weist du eigentlich, dass ich von meinem Vater missbraucht worden bin?“ Ich antwortete: „Das habe ich mir immer gedacht.“ Sie schaute mich erstaunt an.
Ich gehe in den Imbiss. Ein riesengroßer Raum, der ein bisschen unaufgeräumt wirkt. Der Koch ist allein. Während er meine Chinapfanne brutzelt, wenn ich früher hier lang fuhr, habe ich immer so eine genommen, rede ich mit dem freundlichen Mann. „Ich kenne den Imbiss schon lange. Ich habe schon gedacht, ihr seid gar nicht mehr hier.“ Der Besitzer sieht sehr sorgenvoll aus. „Doch, wir haben uns gehalten.“ Wahrscheinlich stapeln sich bei ihm die unbezahlten Rechnungen.
Ich überlege, ob ich einen Hausbesetzer aus dem Supa-Molli mal fragen soll, ob er die Leuchtschrift repariert. Er hatte mir erzählt, dass er Elektriker ist. Und außerdem machen sie dort immer so auf Multi-Kulti. Ich verwerfe den Gedanken aber bald, da ich und der Hausbesetzer uns schon lange nicht mehr gesehen haben. Bestimmt hätte er meine Bitte auch als Versuch gesehen, wieder was mit ihm anzufangen, denn kurzzeitig war mal was zwischen uns. „Pass auf, der hat ´ne Freundin“, hatte Paula zu mir gesagt. Das war beim letzten Mal als Paula und ich uns sahen. Und sie hatte Recht. Ich hatte ziemlich dran zu knabbern, als er mich nicht mehr grüßte.
Aber er hätte dem Vietnamesen - in allen Imbissen arbeiten Leute aus diesem Land - bestimmt geholfen, denn hilfsbereit war er. Also musste der Leuchtkasten schwarz bleiben, und die Hungrigen fuhren in der Dunkelheit daran vorbei, und die Kasse blieb leer. So wäre es mir ja auch fast gegangen.
Die Chinapfanne schmeckt noch genauso wie damals. Wann ist damals? Das interessiert bestimmt viele. Mit damals bezeichne ich die Zeit als Paula und ich noch Freundinnen waren, und ich sie oft in Johannisthal besucht habe. Jetzt wohnt sie schon lange in Potsdam. Wir haben keinen Kontakt mehr. Aber wenn ich mal durch die Gegend am Sterndamm radele, muss ich automatisch an sie denken. Wahrscheinlich habe ich mehr an ihr gehangen, als ich mir eingestanden habe.
„Hast du auch schon gehört, dass ich bei der Stasi gewesen sein soll?“, fragte sie mich einmal. Das musste ich bejahen. Das hatte ich von ihren besten Freunden, die sie schon lange kannten. Schon vor der Wende. „Was denkst du darüber?“, fragte sie. Ich antwortete: „Ich kann darüber nichts sagen, da ich dich erst seit Anfang Neunzig kenne.“ Aber die Sache ging mir natürlich im Kopf rum. Das Thema Stasi hatte mich nie interessiert, da ich mich nicht betroffen fühlte. Mir war unverständlich, warum sich ein Geheimdienst für jemanden wie mich, die in einer Blueskneipe Bier trank und zu Open Airs fuhr, interessieren sollte. Zu viel der Ehre.
Aber was, wenn an den Verdächtigungen von Paula was dran wäre? Wenn sie ein Mensch wäre, der bereit war, andere zu verraten.
Die Freundschaft ging von ihr aus. Freunde brachten sie mit zu mir, und sie kam danach einfach mal so vorbei und blieb. Mir fiel an ihr ihr ungewöhnlicher Geiz auf. Als ich einmal völlig pleite war, ließ sie sich einfach 14 Tage nicht mehr sehen. Auf sie brauchte ich nicht zu bauen, war mir klar. Trotzdem waren wir aber fast vier Jahre Freundinnen.
Wir trampten sogar einige Wochen durch Frankreich, wobei die Brüche in unserer Beziehung immer sichtbarer wurden. Trotzdem wir zusammen im fremden Land waren, redeten wir kaum noch miteinander. Danach war erst Mal eine Weile Funkstille zwischen uns. Bis sie wieder anklopfte. Aber irgendwie war seit unserer Frankreichreise der Wurm drin.
Als es dann aus war, tat es mir nicht leid. Ich war irgendwie erleichtert. Ich zog um, und sie ließ sich von Freunden meine neue Adresse geben. Als sie ankam, war alles wie früher zu unseren besseren Zeiten. „Ich weiß gar nicht mehr, weshalb wir uns eigentlich gestritten haben“, sagte sie. Ich wusste es auch nicht mehr. Wir zogen durch die Kneipen und langten betrunken wieder bei mir an. Eigentlich dachte ich, dass wir uns wieder versöhnt hätten. Sie sah das wohl anders, denn sie besuchte mich nie wieder.
An dem letzten Morgen sagte sie zu mir: „Weist du eigentlich, dass ich von meinem Vater missbraucht worden bin?“ Ich antwortete: „Das habe ich mir immer gedacht.“ Sie schaute mich erstaunt an.