Chinapfanne mit Paula

Schöneweide.
Vor der S-Bahnbrücke, die ich mal in einem Ufa-Stummfilm, der "Mabuses Rückkehr" oder so ähnlich hieß, wiederentdeckt habe - das Filmstudio war schließlich gleich in Johannisthal gewesen, unweit von Paula - gab es einen Kiosk. Hier musste ich mich immer total darauf konzentrieren, niemanden über die Hand zu fahren. Ein Alkoholhotspot sondergleichen.
Die Meisten waren so im Tee, dass sie nur noch auf allen Vieren laufen konnten.
Gleich daneben, am Fuße der Treppe, die zum Bahnsteig hoch führte, sah ich mal ein Mädel liegen. Sie schien ein psychisches Problem zu haben und schrie laut. Ein Mann, wohl ihr Betreuer, versuchte sie zu überreden aufzustehen. Mir fiel ihre Ähnlichkeit mit Paula auf.
Natürlich war sie viel jünger, aber die Beiden hatten dasselbe runde Gesicht, schwarze Haare und trugen denselben Bubikopf, wie ihn Asta Nielsen hatte. In den Roaring Twenties. Deswegen hatten Paula immer alle aufgezogen. Aber ihr stand die Frisur.


Nachts mit dem Fahrrad auf der Brückenstraße. Sie ist die Verbindung von Oberschöneweide und Niederschöneweide. Die Brücke ist genau die Grenze. Paula: "Früher waren die Leute von der jeweils anderen Seite der Brücke verfeindet. Die Jugend hat sich getroffen und Kämpfe ausgefochten."
Ich habe Hunger. „Da war doch immer ein Chinaimbiss“, fällt mir ein. Ich schaue mich um, aber kann nichts entdecken. „Vielleicht pleite gegangen“, denke ich. Irrtum. Gar nicht pleite. Da ist er ja. Das Problem ist bloß, dass der Kasten mit der Leuchtschrift dunkel ist. Wahrscheinlich kann sich der Inhaber keinen Elektriker leisten. Sehr geschäftsschädigend. Da können die Autofahrer, die vorbeifahren, ja gar nicht sehen, dass dort ein Imbiss ist. Nur die Einheimischen wissen Bescheid.

Ich gehe in den Imbiss. Ein riesengroßer Raum, der ein bisschen unaufgeräumt wirkt. Der Koch ist allein. Während er meine Chinapfanne brutzelt - wenn ich früher hier lang fuhr, habe ich die immer genommen, da sie das billigste Gericht war - unterhalte ich mich mit dem freundlichen Mann. „Ich kenne den Imbiss schon lange. Ich habe schon gedacht, ihr seid gar nicht mehr hier.“ Der Besitzer sieht sehr sorgenvoll aus. „Bis jetzt haben wir durchgehalten.“ Wahrscheinlich stapeln sich bei ihm die unbezahlten Rechnungen.

Ich überlege, ob ich jemanden, den ich kenne, darum bitten soll, dem Vietnamesen zu helfen, die Leuchtschrift wieder zum Leuchten zu bringen. Er ist Hausbesetzer und lebt im Supa-Molli. Er hatte mir erzählt, dass er Elektriker ist.
Und außerdem machen sie dort immer so auf Multi-Kulti.
Ich verwerfe den Gedanken aber bald, da ich und er uns schon lange nicht mehr gesehen haben.

Bestimmt hätte er meine Bitte auch als Versuch gesehen, wieder was mit ihm anzufangen, denn kurzzeitig war mal was zwischen uns. „Pass auf, der hat ´ne Freundin“, hatte Paula zu mir gesagt. Das war beim letzten Mal, als Paula und ich uns sahen. Und sie hatte Recht. Ich hatte ziemlich dran zu knabbern, als er mich nicht mehr grüßte.
Aber er hätte dem Vietnamesen - in allen Chinaimbissen arbeiten Leute dieser Nationalität - bestimmt geholfen, denn hilfsbereit war er. "Warum denke ich das eigentlich von ihm? Ich kenne ihn ja kaum", geht mir gerade durch den Kopf. Liegt bestimmt daran, dass ich die Autonomen völlig überschätzt habe und es immer noch tue.

Also musste der Leuchtkasten schwarz bleiben, und die Hungrigen fuhren in der Dunkelheit daran vorbei, und die Kasse blieb leer. So wäre es mir ja auch fast gegangen.

Die Chinapfanne schmeckt noch genauso wie damals. Wann ist damals? Das interessiert bestimmt viele. Mit damals bezeichne ich die Zeit als Paula und ich noch Freundinnen waren, und ich sie oft in Johannisthal besucht habe. Jetzt wohnt sie schon lange in Potsdam. Wir haben keinen Kontakt mehr. Aber wenn ich mal durch die Gegend am Sterndamm, wo sie wohnte, radele, muss ich automatisch an sie denken. Wahrscheinlich habe ich mehr an ihr gehangen, als ich mir eingestanden habe.

„Hast du auch schon gehört, dass ich bei der Stasi gewesen sein soll?“, fragte sie mich einmal. Das musste ich bejahen. Das hatte ich von ihren besten Freunden, die sie schon lange kannten. Schon vor der Wende. „Was denkst du darüber?“, fragte sie. Ich antwortete: „Ich kann darüber nichts sagen, da ich dich erst seit Anfang Neunzig kenne.“
Aber die Sache ging mir natürlich im Kopf rum. Das Thema Stasi hatte mich nie interessiert, da ich mich nicht betroffen fühlte. Mir war unverständlich, warum sich ein Geheimdienst für jemanden wie mich, die in einer Blueskneipe Bier trank und zu Open Airs fuhr, interessieren sollte. Zu viel der Ehre.

Aber was, wenn an den Verdächtigungen gegen Paula was dran ist? Wenn sie ein Mensch wäre, der bereit war, andere zu verraten. War sie gleichzeitig Opfer und Täter?
Die Freundschaft ging von ihr aus. Freunde brachten sie mit zu mir, und sie kam danach einfach mal so vorbei und blieb. Mir fiel an ihr ihr ungewöhnlicher Geiz auf. Als ich einmal völlig pleite war, ließ sie sich einfach 14 Tage nicht mehr sehen. Auf sie brauchte ich nicht zu bauen, war mir klar. Trotzdem waren wir aber fast vier Jahre Freundinnen.

Sie war gerne bei mir im Friedrichshain, denn Schöneweide war eigentlich eine Gegend für Familien.
Wenn ich zu ihr fuhr, nahm ich nicht die Straße, sondern den Weg, der an der Rückseite der Neubausiedlung, in der sie wohnte, entlangführte.
Dann kam ich immer an Familienmuttis, die Wäsche aufhängten und von Kindern umschwärmt wurden, vorbei. Vor den Häusern wurde gegrillt, und alles saß auf hölzernen Klappbänken vor ebensolchen Tischen. Waren die meisten von ihnen früher beim MfS gewesen? Dort wohnten zu DDR-Zeiten viele der Mitarbeiter.

Gleich um die Ecke war die Zentrale Abhörstelle der Stasi. Auf die, von der ich noch nie was gehört hatte, wurde ich aufmerksam, durch einen Zeitungsartikel, in dem über Jugendliche aus Schöneweide berichtet wurde, die dort Electronic-Events und Raves veranstalteten. "Mensch, das ist ja nur 10 Minuten von Paulas Wohnung", dachte ich. "Ich hab viel am Telefon gesessen", hatte sie mir gesagt, als ich mich nach ihrer früheren Arbeitsstelle erkundigte.
War das ihr alter Arbeitsplatz?


Die erste Zeit unserer Freundschaft waren wir ständig blau. Hat sich einfach so ergeben. Irgendwie brauchten wir das. Der Grund waren aber auch zwei Herren, ein Kumpelpärchen. Ihrer, wuschelköpfig und tiefbrünett, mit Vater von einem anderen Kontinent. Übrigens, im Gegensatz zu Paula und mir, waschechter Berliner. Meiner, sein Freund, blond und von der Küste. Beide hatten uns einfach vergessen.

Southern Comfort. Dieses klebrige Gesöff, angeblich das Lieblingsgetränk von Janis, unser beider Heldin, tranken wir immer im Supa-Molli, der Besetzerkneipe in der Nähe von mir, wo wir versuchten uns mit den Leuten aus Westdeutschland anzufreunden. Mit zweifelhaftem Erfolg. Wir wurden dort gar nicht für voll genommen.

Wir stellten uns an die Tankstelle in Schöneweide und trampten einige Wochen durch Frankreich, wobei die Brüche in unserer Beziehung immer sichtbarer wurden. Obwohl wir beide allein im fremden Land waren, redeten wir kaum noch miteinander. Bei Auseinandersetzungen schaffte sie es immer, dass der Andere sich schuldig fühlte. Ich dachte: "Vielleicht ist das ein psychologischer Trick, den sie ihr bei der Stasi beigebracht haben".

Ich sehe uns noch nachts auf den Treppenstufen einer Kirche in Dijon sitzen und gar nicht wissen, was wir dort sollten. Die Stimmung war mies. Ich spürte, anstatt mit mir wäre sie gern mit jemand anders zusammen gewesen. Sie war verliebt. In einen Mann, den sie in einem Hausbesetzercafé getroffen hatte. In der Pfarrstraße in Lichtenberg. Er kam aus England und hatte Frau und Kind.
Waren wir zu alt zum Trampen? Eigentlich müssten wir beide längst Familie haben, wie die meisten Klassenkameraden aus meinem Dorf, von denen meine Mutter mir immer berichtete.

Irgendwie tat sie mir leid, und ich tat mir auch leid. Ich machte mir Vorwürfe, nicht genug Verständnis für Paula zu haben. Um uns auf andere Gedanken zu bringen, sagte ich:
"Schon Henry Miller hat in seinem einen "Wendekreis" Buch geschrieben, dass Dijon tote Hose ist. Er hat in den Dreißigern mal kurze Zeit hier als Englischlehrer gearbeitet. An einer Knabenschule. Nur für Kost und Logis. Beides war so mies, dass er Dijon fluchtartig verließ. Und auch, weil rauskam, dass er den Jungs Aufklärungsunterricht gab".
Sie darauf vorwurfsvoll: "Du liest zu viel". Das Bauernmädchen aus aus Sachsen-Anhalt stand allem misstrauisch gegenüber, was nicht einen unmittelbaren Nutzeffekt versprach.

Nach Frankreich war erst Mal eine Weile Funkstille zwischen uns. Bis sie wieder anklopfte. Aber irgendwie war seit unserer Frankreichreise der Wurm drin.

Als es dann aus war, tat es mir nicht leid. Ich war irgendwie erleichtert. Endlich keiner mehr, der an mir herumkrittelte, wegen jedem Quatsch neidisch war, egal, ob meine Haare lockiger waren als ihre, oder dass ich viel mehr gelesen hatte als sie und alles rumerzählte, was mich betraf. Ob man ihr ein Geheimnis anvertraute, oder es ins Internet stellte, war dasselbe. Gerüchtestreuen war schon immer ein Spezialität der "Firma".

Ich zog um, und sie ließ sich von Freunden meine neue Adresse geben. Als sie ankam, war alles wie früher zu unseren besseren Zeiten. „Ich weiß gar nicht mehr, weshalb wir uns eigentlich gestritten haben“, sagte sie.
Ich wusste es auch nicht mehr. Wir zogen durch die Kneipen und langten betrunken wieder bei mir an. Eigentlich dachte ich, dass wir uns wieder versöhnt hätten. Sie sah das wohl anders, denn sie besuchte mich nie wieder.

An dem letzten Morgen erzählte sie mir, dass sie auf eigenen Wunsch drei Monate im Jüdischen Krankenhaus war. In der Psychiatrie. „Weist du eigentlich, dass ich von meinem Vater missbraucht worden bin?“ Ich antwortete: „Das habe ich mir immer gedacht.“ Sie schaute mich erstaunt an.
 
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