Christa Paulsen - Der letzte Fall 14. Zoologischer Garten - Triumph mit einer Bierdose

ahorn

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Zoologischer Garten
Triumph mit einer Bierdose

Auf den heimischen Boden zurück, bog sie am Outlet-Center rechts auf die alte Kreisstraße, die sich vom Bahnhof, an ihrem Haus vorbei bis nach Sandheim schlängelte. Durch die Absperrung nur für begrenzte Anzahl von Fahrzeugen passierbar war.

Christa setzte das vierte und letzte Baustellengitter in seinen Fuß, betrachte ihr Werk. Die tote Wanja lag wie ein bekleideter, schlafender Menschenaffe in seinem Käfig. Friedlich! Sie wickelte das Trassierband um das Zoogehege, griff sich ans Genick. Es fehlte etwas. Ein Hinweis, eine Tafel oder Ähnliches, dass diesen Ort als Fundort kennzeichnete.

Christa schritt zu ihrem Pilotenkoffer, den sie eher vergessen, als absichtlich zwischen den Brombeerhecken gestellt hatte, ergriff ihn, ging zurück zum Wagen. Sie blickte nach rechts, nach links, schlug gegen ihre Stirn. Wie doof musste man sein? Anstatt mit dem Heck an die Leiche heranzufahren, stand die Pritsche frontal am Käfig. Die ganze Plackerei wäre, mit weniger Aufwand zu erledigen gewesen.
Sie raffte ihren Rock, kletterte, des besseren Lichtes wegen ins Führerhaus und schaltete die Innenraumbeleuchtung an.

In einer Seitentasche des Koffers fand sie ein geknülltes Briefpapier, die Rückseite, soweit sie es feststellte, unbeschrieben. Sie legte das weiterhin gefaltete Blatt ab, kramte im Handschuhfach. Außer zwei Bierdosen, dessen Inhalt bereits seit einem halben Jahr das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hatte, fand sie keinen Stift.
Christa schmunzelte. Wie gut das eine Dame immer Schreibwerk bei sich trug, dachte sie sich, öffnete ihre Handtasche und fischte einen Lippenstift heraus. Sie zog die Kappe ab, drehte am unteren Ende, streckte ihren Hals, bis sich ihr Gesicht dem Rückspiegel auf einer Unterarmlänge näherte und malte ihre Lippen feuerrot nach. Den Blick zu den Dosen gewandt, legte sie den Stift neben dem Blatt ab. Sie sah sich um, schnappte sich ein Bier und zog die Lasche vorsichtig, bis es knackte herauf.
Sie hasste Getränkedosen. Christa begutachtete ihre langen Fingernägel, die unversehrt das Öffnen überstanden hatten.
Mit der rechten Hand führte sie die Getränkedose zum Mund, mit der anderen ergriff sie das Stück Papier. Es ausfaltend, dabei weiter trinkend, erkannten sie das Dokument.

Eine handschriftliche Strafanzeige hielt sie zwischen ihren Finger. Von ihr eigenhändig verfasst, von Werner, dem Kaninchenzüchter diktiert.
Einen hinterhältigen Diebstahl hatte er angezeigt. Die Polacken hätten sich an seinen Schnapsreserven bedient. Nicht, dass irgendjemand im Dorf gegen die Erntehelfer, die im Schweiße ihres Angesichtes den Spargel stießen, Ressentiments hatten. Das Gegenteil war der Fall. Sie waren während ihrer Anwesenheit ein Teil der Dorfgemeinschaft. Die deftige, ländliche Ausdrucksweise brachte ihnen die Bezeichnung ein.
Jedenfalls war das Dokument mehr als vier Jahre alt, denn seit dieser Zeit stachen die Rumänen das weiße Gold der Heide.

Nach einem genauen kriminaltechnischen Untersuchen des Tatortes legte Christa Werner nahe, die Anzeige zurückzuziehen. Denn, wenn sie es weiterverfolgte, musste sie die Herkunft des Fussels protokollieren. Die Quelle Herberts geheime Destille, in der er sein Fallobst veredelte, nicht mehr geheim. Eigennutz! Herbert produzierte den besten Obstler weit und breit.

Christa ging ein Licht auf. Vor vierzehn Tagen traf sie Günter im Dorf, der begeistert um einen tiefergelegten, aufgemotzten Mercedes herumschwänzelte. Begeistert von dem Gefährt, abfällig über den Besitzer redend, wie diese Bulgaren sich ein derartiges Geschoß leisteten, strich er über den silbrig grauen Lack. Legal zumindest nicht, war seine lapidare Vermutung.

Es passte alles zusammen. Christa griff sich an den Hinterkopf. Das viele Bargeld in Wanjas Handtasche, ihr Vorname, das Mieder verwoben sich in ihrem Kopf zum Tathergang. Es war ein Unfall gewesen, der durch die Ehre, wie ein Mord daherkam. Von einem Landarbeiter inszeniert, der jeden Schleichweg kannte.
Anong trug meist Mieder, jedenfalls vor ihrer Hochzeit mit Günter, sie fühlte sich sichere.
Wanja! Christa hatte einmal einen Wanja – russischer Abstammung – umschwärmt. Zwei Monate beglückte er sie. Er war ein richtiger Kerl.
Und die Ehre, die Ehre gegenüber der Familie schlossen sich zu eins zusammen. Wie gerne wäre sie aufgesprungen, um am Leichnam ihre Vermutung zu bestätigen, aber das musste warten, bis die Spezialisten vor Ort eintrafen.

Der Täter musste seinen Bruder geliebt haben, schlussfolgerte Christa. Er besorgt ob legal oder illegal die nötigen Mittel, vielleicht hatte Wanja eigene Reserven. Er übergab Wanja das Geld, will ihn ein letztes Mal überzeugen, dass es ein Schritt ist, der nicht rückgängig zu machen war. Sie - aufgrund Wanjas Kleidung blieb Christa dabei – weicht auf weichen Boden zurück, kein reibungsloses Unterfangen mit hohen, spitzen Absätzen, knickt um, gerät ins Straucheln, schlägt mit dem Hinterkopf gegen eine Kante, holt sich eine tödliche Verletzung. Ihr Bruder fängt sie auf.
Den Unfall der Polizei melden für ihn unmöglich. In diesem Fall erfuhr seine Familie, dass er von der Abartigkeit seines Bruders wusste und nichts dagegen unternommen hatte. Sein Ansehen und damit das der Familie besudelt. Die Leiche musste verschwinden, Wanja tot hatte keine Ehre mehr. Trotzdem sollte jemand sie auffinden, auch, wenn niemand an ihrem Grab stünde.

Dabei ging es Christa nicht, darum Wanja zu rehabilitieren. Ihre Welt war klar und eindeutig. Männer waren Männer, Frauen waren Frauen, Männer liebten Frauen und Frauen liebten Männer, alles andere war für sie unnormal. Sie tolerierte diese Perversionen, aber akzeptieren kam für sie nicht infrage. Dieses galt für Günter, wie auch für Anong. Obgleich es bei Anong anders Lag. Ihre Eltern hatten sie, obwohl sie es widersprach, zu dem gemacht, was sie war. Der Blick ihres Bruders hatten Christa ihr die Augen geöffnet. Immer wieder traf sie in ihrem Leben auf Kulturen, die eher im Mittelalter als in der Neuzeit anzusiedeln waren.
Und Günter, Günter war ein Freund, ein lieber Kerl, trotzdem verlangte Christa nicht nach Einzelheiten seines abartigen Nachtlebens.
Für Christa gab es aber Grenzen. Wenn sie sich vorstellte, Senta käme zu ihr, würde, ihr beichten sie wolle ein Mann sein, dann stände sie zu ihr. Sogar dann, wenn sie einen Mord verübte, bliebe sie auf ihrer Seite.
Christa schmunzelte und schob ihre trübseligen Gedanken beiseite. Marilyn sah schon witzig in seinem Kostüm aus, aber dieses war nur ein Spaß gewesen.

Christa warf die leere Bierdose auf den Beifahrersitz, klopfte auf die Uhr im Armaturenbrett. In drei Stunden hatte sie den Fall mit Logik gelöst. Die Reifenspur im Sand zu verfolgen eine Kleinigkeit für sie. Blutspuren im Kofferraum aufzuspüren, dem Täter ins Gewissen zu reden, zu gestehen problemlos.

Sie hatte keinen Mordfall gelöst, obwohl sie gerne einen herbeisehnte. Dennoch war sie zufrieden. Allein die Chance, Wanjas Familie den Spiegel vorzuhalten. Ihnen ihre verbohrten, anarchischen Tradition entgegenzuwerfen, ihrer, wahrlich nicht biologischen, dennoch ihrer Tochter, nicht Liebe, sondern Verachtung zu schenken, Genugtuung für Christa.
Christa kurbelte die Fahrerscheibe herab, zog die Landluft in ihre Lungenflügel. Dann schnappte sie sich die zweite Dose, ließ es knacken, prostete sich selbst zu und setzte an.



ENDE Teil 1
-Fortsetzung folgt-
 

ahorn

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In nicht allzuferner Zeit geht es weiter. Christa stürzt sich in die Ermittlung. Ob sie mit ihrem Verdacht auf der richtigen Fährte war, wird sich zeigen.

Bevor ich den ersten Teil überarbeite, würde ich mich über Anmerkungen freuen.:)


Gruß
Ahorn
 

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