frynstaden
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Capitulum IV: Consilia Innocentiae Cruentae (der blutigen Unschuld Pläne)
Weißwolf erwachte im Labor des Castae. Die Reise hatte ihrem schmerzenden Körper mehr zugesetzt, als sie sich eingestehen wollte. Gerade diese Schmerzen weckten Erinnerungen an Teressis. Wie es ihr wohl ging, ob man sie hatte retten können? Sie war immerhin der einzige Zeuge, der die Taten bestätigen konnte. Weißwolf hoffte inständig, dass alles gut gegangen war.
„Sie ist erwacht“, hörte sie ein Arzt sprechen, den sie nur verschwommen erkennen konnte. „Ihr Körper weist eine Reihe stumpfer Traumata auf. Gewalteinwirkungen, die durch ihren Skaphander hindurch gingen. Keine größeren Schäden, Vitalsysteme am unteren Limit, aber stabil.“
„So sagt, ist es vollbracht?“
Der Casta. Weißwolf brauchte ihn nicht zu sehen, sie kannte seine Stimme. Natürlich musste er gleich als Erster Parade stehen, um die fröhlichen Neuigkeiten zu hören. Doch es war ihr herzlich egal. Sie brauchte Ruhe und hatte kein Interesse daran, auch nur eine Antwort zu versuchen. Tatsächlich sprang ihr der Arzt sogar bei.
„Casta Mal, welche Antwort Ihr auch begehrt, sie wird sie Euch in diesem Zustand nicht geben können. Ihre Werte, die Hämatome und auch das Aussehen ihres Skaphanders verweisen auf einen schweren Kampf. Am linken Bein scheint sie zudem eine Fissur erlitten zu haben. Das sind keine Verletzungen, die man sich nebenbei zuzieht.
Die Strapazen der Reise waren für ihren Zustand nicht zuträglich, sodass sie orientierungslos und benommen ist. Ihr wisst zu gut, wie eine Reise verläuft und dabei sprechen wir noch nicht einmal darüber, dass sich in ihrem Blut Erreger finden lassen mögen, die eine Dekontamination erforderlich machen, ehe wir uns diesen Keimen aussetzen.“
„Ich gewähre Euch diese Paralipse“, knirschte Mal, „doch belehrt mich nicht noch einmal. Denn Ihr wisst auch, dass nicht jede Reise so verlaufen muss. Doch scheint sie einiges durchgemacht zu haben. Braucht nicht zu lange, bei dem was ihr tut, denn es dürstet mich nach einem Gespräch.“
„Jede übereilte Handlung, sei es bei der Begutachtung und Behandlung ihrer Läsionen oder der anschließenden Prozedur kann ein Wagnis stellen, bei dem weitere Probleme auftauchen. Wir bemühen uns nach Kräften.“
„Grundgütiger“, entfuhr es Mal, „habt ihr Ärzte denn nie einen Kompromiss?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zum Gehen. Weißwolf gefiel sich in der Rolle des stummen Zuhörers. Mal, überlegte sie. Nun hatte sie einen Namen zu diesem Casta. Er sagte ihr jedoch nichts, was bei der Geheimhaltung um die Castae nicht verwunderlich war. Selten gelangten Außenstehende mit dem Führungszirkel in Kontakt und noch seltener überlebten sie diese Begegnungen. Selbst die imperiale Familie schien die Unterweltsysteme zu tolerieren und die Ordnung in den verschiedenen Städten, vor allem an den Rändern des Sonnensystems, nur an der Oberfläche aufrecht zu halten.
Spätestens hinter dem Titan wurde das Leben definitiv rauer. Die Präsenz der solaren Einrichtungen und der Ecclesia Technologiae nahm ab. Ebenso wie die Präsenz der militärischen Einheiten, die die Ordnung aufrecht hielten. Dennoch wagte niemand, sich gegen die imperiale Familie zu stellen. Die Erinnerungen an die letzten Auseinandersetzungen waren noch zu frisch in den Köpfen der Menschen und nach über zweihundert Jahren der Isolierung von Terra machte sich auch keiner die Illusion, sein Leben zu verbessern. Die Menschen schlugen sich durch, nahmen Ablenkung, wo sie Ablenkung bekamen oder versuchten ihr Glück als Kolonisten in den Tiefen des Alls, wenn sie genug Geld für die Transportschiffe auftreiben konnten oder aber aufgrund ihrer Fähigkeiten als besonders wichtige Personen für die Siedlungen ausgewählt wurden.
Weißwolf wurde nach der ersten medizinischen Begutachtung und nach Mals Abgang zunächst behandelt. Die Fissur würde ihr einige Tage Mühe bereiten und sie sollte Anstrengung vermeiden hieß es. Nach der Dekontamination gab man hier einige Tabletten mit und entließ sie in die Hände der Wachen des Castae.
Diese hatten bereits auf sie gewartet. Mal musste ungeduldig sein, begierig darauf, die Ergebnisse zu erfahren und den Weg nach Erden zu planen. Doch daraus würde nichts werden. Ohne Betäubung oder Verhüllung wurde Weißwolf, leicht humpelnd, in einen prächtigen Saal geführt.
Dieser wirkte wie ein Thronsaal. Halb im Dämmerlicht gelegen mit den Standarten des Syndikates an den Wänden. Es handelte sich um ein einfaches Motiv, eine Art roter Kreisbogen auf hellbraunen Grund, unterbrochen nur von zwölf rechtwinklig nach außen stehenden Haken. Dieses Symbol tauchte nicht öffentlich auf, sondern fand sich allenfalls als Zeichen im infraroten oder ultravioletten Spektrum an ausgewählten Objekten. Meist waren es Lokalitäten, die darin ihre Zugehörigkeit zum Syndikat markierten und dafür auch eine gewisse Leistung entrichten mussten. Doch die wahren Verstecke der Castae kamen ohne derartige Zeichen aus. Sie waren verborgen und selbst den allermeisten Angehörigen des Syndikats unbekannt.
Mal saß an in der Mitte einer Tafel im hinteren Bereich des Raums, gedeckt von zwei Wächtern. Er winkte die Wachen zu sich heran und gebot Weißwolf, ihm gegenüber Platz zu nehmen.
„Ich wurde bereits Unterrichtet“, begann Mal äußerlich gefasst und mit ruhiger Stimme, „dass der Auftrag missglückte. Ihr hattet den Transponder nicht dabei. Auch sonst gab es einiges Aufhebens und, sagen wir mal so, dies ist Eurem Schicksal nicht zuträglich, hatten wir doch eine Abmachung. Eine, die Ihr nicht erfülltet. Doch verlangt es mich zu wissen, was in jener Zeit geschehen ist, bevor ich überlege, wie mit Euch zu verfahren sein mag.“
„Als Kurzform“, antwortete Weißwolf, ohne groß zu überlegen, „gab es einen Überfall aus dem Hinterhalt. Die Verteidigung dagegen war zwecklos, man hat die Leibgarde und den Geheimdienst geradezu auseinandergenommen.“
„Wer waren die Angreifer und wie habt Ihr überlebt?“
„Glück, anders kann ich es nicht nennen. Durch die Beschädigungen meines Skaphanders nahmen sie vielleicht an, dass ich tot sei wie die anderen. Ich habe anschließend versucht, genau das herauszufinden. Wer waren die Angreifer? Ich weiß es nicht, denn wer hat wohl die Fähigkeiten, nicht nur vor uns und Ares in der Zeitlinie aufzutauchen, sondern dabei zugleich Artillerie vorzubereiten?
Wäre man nach uns eingetroffen, hätte man sich dann auf den Kosmischen Faden geklinkt, wäre ein solches Ereignis unseren Geräten nicht verborgen geblieben. Sie waren eindeutig hinter Ares her und sie müssen schon da gewesen sein, die ersten Granaten trafen ihn präzise, ehe man uns aufrieb und fast ohne Spuren verschwand.“
Mal überlegte. Eine solche Situation war auch für ihn neu und durchaus ein Grund zur Besorgnis.
„Man hat also gewusst, wann Ares abreist und sich in dem Moment auf den Kosmischen Faden geklinkt, da er eingerichtet wurde“, überlegte er. „Es dürfte sich an einer Hand abzählen lassen, welche Gruppen einen derartigen Übergriff starten könnten, noch bevor überhaupt die ersten Agenten selbst gereist wären.“
„Diese Gedanken machte ich mir bereits. Der Geheimdienst, die Leibgarden, vielleicht sogar Geschwister von Ares. Hier draußen ist jedenfalls keiner in der Lage zu so etwas und doch bleiben Fragen offen. Denn die Verbindung zum Kosmischen Faden wird durch den ersten Transport überhaupt erst eingerichtet. Wie kann also jemand noch davor gereist sein? Wie kann jemand außerdem schwere Waffen transportieren?“
„Gar nicht“, sprach Mal verwundert, „es laufen Experimente, aber die sind längst nicht in der Phase, wie ihr sagt, schweres Gerät in solcher Präzision zu bewegen. Außer natürlich, auf Erden gehen Kabale vor, die uns nicht ersichtlich sind und es gab Durchbrüche der Technologie, die uns verborgen blieben.“
„So oder so ist es eine Verschwörung wider die imperiale Brut. Wer auch immer Ares töten ließ, warum auch immer, wird vielleicht mit den anderen Geschwistern oder einem Coup d'État weiter machen.“
„Selbst wenn es stimmt, was Ihr sagt, haben wir keine Anhaltspunkte für solche Überlegungen. Die Zentrale ist auch uns verschlossen. Euer Wort steht allein und gemessen daran, dass Ihr zurückkehrtet und man die echte Narya sicherlich bald vermissen wird, dürfte Euch die ganze Wucht des Imperiums treffen. Ich würde sogar soweit gehen, dass Ihr fortan auch auf der Abschussliste dieser Angreifer steht. Versteht mich recht, niemand wird in Euer Nähe sein wollen, nicht einmal in Eures toten Leibes.“
„Nicht ganz“, konterte Weißwolf, „es gibt einen Überlebenden. Es gibt die Möglichkeit, diese Dinge aufzuklären. Wir sollten, gerade was meinen Leib angeht, nichts überstürzen.“
„Von Ares' Untergebenen hat jemand überlebt? Sagt, wer?“
„Ein Agent namens Teressis. Sie war schwer verletzt, ich hatte sie vor Ort versorgt und schließlich, sicherlich drei Stunden vor meiner Ankunft hier, zurückgeschickt.“
„Dann ist die Frau ebenso ein Ziel wie Ihr. Ich würde Ihr keine Überlebenschance einräumen und auch Ihr seid für mich eine Belastung.“
„So ist unser Handel hinfällig?“
„Nehmt es nicht persönlich. Unser Handel war eindeutig und ob es nun Eure Schuld ist oder nicht, Ihr konntet ihn nicht erfüllen. Nun, wo offenbar irgendwelche Kräfte agieren, die weit über unsere hinausgehen, werde ich ein paar lose Fäden durchtrennen müssen“, meinte der Casta kühl.
„Ich kann gern gehen“, bot Weißwolf an. „Hier hatte ich nicht vor zu bleiben.“
Mal gab ein Glucksen von sich. Weißwolf bettelte also um ihr Leben, dachte er vergnügt. Er würde es ihr nicht gewähren.
„Mir ist die Person einerlei. Ihr seid, wie ein jeder, letztlich ein gewöhnliches Werkzeug und Werkzeuge sind austauschbar“, sprach er und winkte mit einer drehenden Handbewegung die Wachen herbei, damit sie Weißwolf liquidierten.
Nicht ganz so wie erhofft, seufzte Weißwolf innerlich. Sie fasste ihre Kräfte zusammen und agierte, als die rechte Wache ihr die Hand auf die Schulter legte. Kampflos würde sie sich schließlich nicht fügen.
Für ihre Gegner, die mit dieser Gegenwehr definitiv nicht gerechnet hatten, war das Überraschungsmoment entsetzlich. Weißwolf packte den Arm des rechten Mannes und schleuderte diesen auf den Tisch. Noch während des Falls trat sie der linken Wache den Stuhl entgegen, was diese taumeln und zu Boden gehen ließ.
Dem Castae stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, er saß wie versteinert da. Die Wachen hinter ihm brauchten derweil nur einen kurzen Moment, um sich zu besinnen und ihre Schusswaffen zu greifen.
Weißwolf griff zeitgleich nach der Waffe des auf der Tafel liegenden, schwer atmenden Mannes und suchte Deckung unterhalb dieser. Während die Wächter Mals über die Tafel feuerten, rollte sich Weißwolf bereits darunter hinweg. Sie schoss zuerst dem linken Wächter Mals ins Bein, sodass dieser zusammensackte und direkt hinterher in den Kopf. Während die Wache, die zuvor durch den Stuhl zu Fall gebracht wurde, sich aufrichtete, trat Weißwolf den vierten Wächter gegen die Beine und ließ diesen ebenfalls stürzen. Sie schoss ihm in den Kopf und erhob sich. Während der letzte Wächter seine Waffe zog, streckte Weißwolf den auf dem Tisch liegenden Mann nieder und richtete ihre Waffe auf Mal.
Es war eine Art Patt entstanden. Der andere würde sie nicht niederstrecken können, ohne dass sie den Castam mit sich nähme. Gleichzeitig wäre es ein hohes Wagnis für Weißwolf, sich hinter dem Castae zu verstecken und einen Schuss auf die Wache abzugeben. Sie brauchte Mal immerhin leben.
„Jetzt erzähle mir bitte noch einmal, welch gewöhnliches Werkzeug ich doch bin“, meinte sie leise zu dem Castae, während sie die Regungen der Wache keinen Moment aus den Augen ließ.
Mal hatte sich von dem Schrecken einigermaßen erholt. Es war ihm anzusehen, dass er mit einem solchen Ergebnis nicht gerechnet hatte. Trotz ihrer Verfasstheit nach der Reise war sie agil genug gewesen, um es mit der kleinen Schar aufzunehmen.
„Ich habe mich offenbar geirrt“, gestand der Casta, „doch sehe ich noch keine Chance, hier zu einem zielführenden Ergebnis zu kommen.“
„Das soll auch keine Verhandlung sein“, reagierte Weißwolf schroff.
„Was mag es anstatt sein? Eine freundliche Warnung, dass mein Leben in Euren Händen liegt? Ihr wähnt Euch in Sicherheit, denkt, dass er mein Leben nicht für einen Schuss riskiert, während Ihr jedoch ebenfalls keinen riskieren mögt“, erklärte er gelassen. „Wir befinden uns hier jedoch nicht in einem Patt, wie Ihr vielleicht glaubt. Nicht in etwas, bei dem Ihr diktieren mögt, wie es weiter geht. Stattdessen braucht Ihr mich, nach wie vor, was mich in die Lage versetzt, die Pfründe zu bestimmen.“
„Nicht ganz“, meinte Weißwolf, „denn auch ich habe etwas, was ich anbieten kann. Aber vielleicht wäre es für den Anfang hilfreich, wir beruhigen uns, Ihr schickt Euren Knecht hinaus und wir reden in aller geruhsamer Zweisamkeit. Denn Ihr habt Recht, tot nützt Ihr mir nichts, also hätte ich kein Interesse daran, Euer Leben zu nehmen, wenn wir alleine wären.“
„Nun gut“, antwortete Mal nach einer kurzen Bedenkpause. „Zieh dich zurück“, gebot er seinem letzten verbliebenen Mann, „niemand soll hereintreten. Falls Sie zuerst heraustritt, erschießt sie. Andernfalls werde ich mich melden.“
„Ja, Casta“, bestätigte die Wache und richtete die Waffe zunächst langsam nach oben, ehe er sie mit der andern Hand griff und in sein Holster zurücksteckte.
Weißwolf ließ derweil noch nicht von Mal ab. Sie wartete, bis die Wache den Raum verlassen hatte und ihr kein Ungemach mehr drohte. Als dies geschehen war, schritt sie um den Tisch herum und hob den Stuhl auf. Anschließend legte sie die kleinkalibrige Gaußwaffe in Reichweite auf den Tisch und setzte sich wieder Mal gegenüber.
„Nun“, begann dieser erwartungsvoll, „was ist es, dass Ihr mir anzubieten habt? Was soll Euch ein Gegengewicht in dieser“, er überlegte einen Moment und suchte nach dem passenden Wort, „Verhandlung geben?“
„Die Ablenkung vom Syndikat. Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe und ich weiß, dass ich der perfekte Sündenbock bin. Es würde Euch wenig nutzen, mich zu töten, dürften doch die Spuren für die intertemporale Strafverfolgung rasch hierher und wer weiß zu welchen Zielen noch führen. Der Akt um Ares wird fraglos schlafende Hunde wecken und so sehr Ihr lose Fäden durchtrennen mögt, mögen diese dabei ausfransen“, prononcierte sie in Anbetracht der vorherigen Metapher des Castae.
„Ein interessanter Gedanke“, sprach Mal aus. Sie hatte scheinbar einen Nerv getroffen und sein Ohr geöffnet. „Erzählt mir mehr, wie soll Eure Ablenkung, Eure Illusion oder was auch immer aussehen und welcher Preis schwebt Euch in diesem Handel außer Eurem Leben vor?“
„Dass diese Tat mehr Wert ist als mein Leben sollte klar sein“, raunte Weißwolf. „Immerhin werdet Ihr in dieser Sache nicht behelligt werden. Ich möchte derweil nur Eure Unterstützung in einigen Dingen. Eure volle Unterstützung.“
„Welchen?“
„Allen voran erst einmal einige Informationen. Ihr habt alles Wissen, um diejenigen, die Ares bewachten, zu Zielen zu machen. Ihr habt Narya entführen können und dies sicherlich nicht ohne weitere Agenten auf Euren Gehaltslisten. Sagt mir, wen Ihr hinter den Kulissen noch habt“, forderte Weißwolf.
„Es gibt einige undichte Stellen im Ministerium für Intertemporale Strafverfolgung. Auch einige bei ein paar Behörden, die für die Ein- und Ausreisen verantwortlich sind. Einer der wenigen internen Akteure war Martinez. Ihr habt Sie flüchtig kennengelernt. Allerdings nichts, was hinter den Mars greift. Luna und die Erde sind wie ein schwarzes Loch und dies schien die einzige Gelegenheit, hinter den dunklen Vorhang unserer Heimatwelt zu blicken.“
„Das mag reichen, so Ihr mich an Informationen teilhaben lasst. Nun zu dem, was ich vorhabe: Teressis ist ein Ziel, genauso wie ich, dies habt Ihr vorhin richtig erkannt. Wir müssen sie also retten und –„
„Nicht wir“, unterbrach Mal sie, „Ihr allein seid im Moment gefordert und ich täte nicht darauf wetten, dass dies Euch gelingen sollte.“
„Wie lange wird es wohl dauern, bis Martinez Rolle enttarnt wird? Wie lange, bis Narya auffliegt? Dann stehen hier nicht nur ein paar Agenten des Ministeriums, sondern die Lateiner höchstselbst.“
„Denkt Ihr denn nicht, dass wir uns Ihrer nicht schon längst entledigten?“
„Denkt Ihr, dass dies ausreicht, bei dem, was mit Ares geschah?“, fragte Weißwolf zurück. „Es werden eine Menge Steine umgedreht und es wird nur Verlierer auf unserer Seite geben. Also tue ich das, was sie nicht erwarten werden.“
„Ich sehe noch keinerlei Ablenkung in Eurer Rede. Kommt zum Punkt“, forderte Mal, mittlerweile mit einem leicht gereizten Unterton.
„Ihr habt mich als Narya eingeschleust. Da sie nicht auftaucht, wird man annehmen, dass sie der Verräter ist oder vom Attentäter missbraucht wurde. In dieser Rolle kann auch auch Martinez den anderen das Leben genommen haben, um Ares zu töten. Die Nachricht über Naryas Tod und einen entsprechenden Meuchelmörder werdet ihr sicherlich lancieren können. Dies bringt sie zunächst auf meine Fährte, weg von Euch und dem Syndikat.“
„Und dann“, überlegte Mal, „wenn das halbe Sonnensystem hinter Euch oder wenigstens der Illusion eines Terroristen her ist, der der imperialen Familie schaden wollte, wie soll der Plan weiter gehen?“
„Mit Euren Ressourcen könnt Ihr mir helfen, zum Mars zu gelangen, zum Ministerium und zu Teressis, um sie zu befreien, bevor die wahren Mörder ihrer habhaft werden. Geht mir uneingeschränkt zur Hand, um diese Sache aufzuklären. Denn trotz Eurer Mittel, trotz Eurer Spione, steht auch Ihr letztlich einem Feind gegenüber, den Ihr in keiner Weise habt kommen sehen. Wer auch immer diese Leute waren, sie stellen eine Gefahr dar und das nicht allein für den Imperator.“
„Teressis, der Zeuge, der Euch entlasten mag“, wiederholte Mal. „Nun“, setzte er nach einer Pause an, „eingedenk all der Kräfte, auf die wir Zugriff haben, stimmen Eure Worte. Dieser neue Mitspieler ist eine Gefahr für das bestehende System. Ich werde Eurer Bitte nachkommen, werde die Nachricht über Naryas Ableben über die Quellen im Ministerium streuen und die Zeitkapsel, die Ihr benutzt habt, als Nachweis präparieren. Man wird von einem einsamen Wolf als Terroristen ausgehen, wie überraschend passend, nicht wahr, Weißwolf? Man wird davon ausgehen, dass Ihr Euch Teressis holen werdet, um den letzten Zeugen in dieser Angelegenheit zu beseitigen und man wird sicherlich auf Euch vorbereitet sein.
Eure Gaben“, fuhr er nach kurzer Pause fort, „sind jedenfalls selten. Ich weiß nicht, wie Ihr es schaffen wollt, sie zu befreien. Aber ich werde Euch Taravon zur Seite stellen. Mit seiner Hilfe könnt Ihr unbehelligt zum Mars fliegen und auch einen Fuß in das Gebäude des Ministeriums setzen. Davon abgesehen werdet Ihr auf Euch allein gestellt sein und bei aller Zuneigung zu Eurem Vorhaben, sehe ich keine Aussicht auf Erfolg.“
„Ihr wollt mir das Zimmermädchen mitgeben?“, echauffierte sich Weißwolf. Die anderen Anmerkungen des Castae ließ sie unkommentiert stehen.
Mal stand auf.
„Ich werde den Wachen Bescheid sagen, dass Ihr keine Gefahr darstellt und freies Geleit genießt. Ich werde außerdem nach Taravon schicken“, sprach er unter dem misstrauischen Blick Weißwolfs.
Er fühlte sich durch Ihre einschüchternde Präsenz durchaus in der Notwendigkeit, seine Handlungen zu erklären. In seinen Gedanken hatte er noch immer Sorge, dass Sie ihm das Leben nehmen könnte, wenngleich diese Stimme seines Hinterkopfes immer schwächer wurde, je mehr sie konversierten.
Nachdem Mal die Wachen instruiert hatte, kehrten diese mit dem Castae in den Raum zurück. Mal setzte sich, während die anderen die Leichen fortschafften und neue Stellungen bezogen. Dieses Mal wurde die Präsenz der Wachen um den Castam verstärkt. Nicht nur, dass sich zwei Wächter hinter ihm postierten, so fanden sich auch vier weitere an der Eingangspforte zusammen.
Keine Gefahr und freies Geleit hin oder her, der Casta würde nun für mehr Sicherheit Sorge tragen, überschlug Weißwolf.
Es dauerte einige Minuten, bis sich Taravon blicken ließ und an die Seite von Mal trat. Dieser unterrichtete Taravon in groben Zügen von dem Vorhaben und seinem neuen Auftrag, sich an die Seite von Weißwolf zu gesellen.
„Warum kriege gerade ich die Bitch“, entfuhr es ihm, als der Casta an der Stelle angelangt war, wo Taravon Weißwolf nicht nur zum Mars begleiten, sondern auch Unterstützung im Rahmen der Möglichkeiten bei der Rettung von Teressis gewähren sollte.
„Jeder braucht nun mal einen Cheerleader“, grinste Weißwolf, den Kopf leicht neigend, ehe sie ernster fortfuhr. „Das wird lustig und wenigstens kennen wir uns. Wir wissen, woran wir sind.“
„Da bin ich mir wahrlich nicht so sicher“, raunte Taravon. „Ganz davon abgesehen, dass sich Gäste auch schon mal besser benommen haben und nicht ein Miststück mimten.“
„Vielleicht lernen wir uns auf der Fahrt besser kennen, jetzt wo wir so etwas wie Verbündete sind.“
„Dann hätten wir das geklärt“, mischte sich Mal ein, ehe Taravon reagieren konnte. Er hatte diesen Untergebenen nicht ohne Grund ausgewählt. Er war ranghoch, scharfsinnig und wenngleich aufbrausend, so doch unbedingt loyal zu den Befehlen der Castarum. Er würde mit Weißwolf arbeiten, ob er wollte oder nicht, und er würde dabei sein Bestes tun.
Der Casta erhob sich, mit ihm auch Weißwolf. Sie waren hier fertig. Es brauchte keine weiteren Worte. Stattdessen nickten sich beide, Weißwolf und Mal, in stillem Einvernehmen zu. Sie ließ sich zu ihrem Gemach zurückführen, während der Casta und Taravon sicherlich einige Details zu bereden hatten.
Weißwolf erwachte im Labor des Castae. Die Reise hatte ihrem schmerzenden Körper mehr zugesetzt, als sie sich eingestehen wollte. Gerade diese Schmerzen weckten Erinnerungen an Teressis. Wie es ihr wohl ging, ob man sie hatte retten können? Sie war immerhin der einzige Zeuge, der die Taten bestätigen konnte. Weißwolf hoffte inständig, dass alles gut gegangen war.
„Sie ist erwacht“, hörte sie ein Arzt sprechen, den sie nur verschwommen erkennen konnte. „Ihr Körper weist eine Reihe stumpfer Traumata auf. Gewalteinwirkungen, die durch ihren Skaphander hindurch gingen. Keine größeren Schäden, Vitalsysteme am unteren Limit, aber stabil.“
„So sagt, ist es vollbracht?“
Der Casta. Weißwolf brauchte ihn nicht zu sehen, sie kannte seine Stimme. Natürlich musste er gleich als Erster Parade stehen, um die fröhlichen Neuigkeiten zu hören. Doch es war ihr herzlich egal. Sie brauchte Ruhe und hatte kein Interesse daran, auch nur eine Antwort zu versuchen. Tatsächlich sprang ihr der Arzt sogar bei.
„Casta Mal, welche Antwort Ihr auch begehrt, sie wird sie Euch in diesem Zustand nicht geben können. Ihre Werte, die Hämatome und auch das Aussehen ihres Skaphanders verweisen auf einen schweren Kampf. Am linken Bein scheint sie zudem eine Fissur erlitten zu haben. Das sind keine Verletzungen, die man sich nebenbei zuzieht.
Die Strapazen der Reise waren für ihren Zustand nicht zuträglich, sodass sie orientierungslos und benommen ist. Ihr wisst zu gut, wie eine Reise verläuft und dabei sprechen wir noch nicht einmal darüber, dass sich in ihrem Blut Erreger finden lassen mögen, die eine Dekontamination erforderlich machen, ehe wir uns diesen Keimen aussetzen.“
„Ich gewähre Euch diese Paralipse“, knirschte Mal, „doch belehrt mich nicht noch einmal. Denn Ihr wisst auch, dass nicht jede Reise so verlaufen muss. Doch scheint sie einiges durchgemacht zu haben. Braucht nicht zu lange, bei dem was ihr tut, denn es dürstet mich nach einem Gespräch.“
„Jede übereilte Handlung, sei es bei der Begutachtung und Behandlung ihrer Läsionen oder der anschließenden Prozedur kann ein Wagnis stellen, bei dem weitere Probleme auftauchen. Wir bemühen uns nach Kräften.“
„Grundgütiger“, entfuhr es Mal, „habt ihr Ärzte denn nie einen Kompromiss?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zum Gehen. Weißwolf gefiel sich in der Rolle des stummen Zuhörers. Mal, überlegte sie. Nun hatte sie einen Namen zu diesem Casta. Er sagte ihr jedoch nichts, was bei der Geheimhaltung um die Castae nicht verwunderlich war. Selten gelangten Außenstehende mit dem Führungszirkel in Kontakt und noch seltener überlebten sie diese Begegnungen. Selbst die imperiale Familie schien die Unterweltsysteme zu tolerieren und die Ordnung in den verschiedenen Städten, vor allem an den Rändern des Sonnensystems, nur an der Oberfläche aufrecht zu halten.
Spätestens hinter dem Titan wurde das Leben definitiv rauer. Die Präsenz der solaren Einrichtungen und der Ecclesia Technologiae nahm ab. Ebenso wie die Präsenz der militärischen Einheiten, die die Ordnung aufrecht hielten. Dennoch wagte niemand, sich gegen die imperiale Familie zu stellen. Die Erinnerungen an die letzten Auseinandersetzungen waren noch zu frisch in den Köpfen der Menschen und nach über zweihundert Jahren der Isolierung von Terra machte sich auch keiner die Illusion, sein Leben zu verbessern. Die Menschen schlugen sich durch, nahmen Ablenkung, wo sie Ablenkung bekamen oder versuchten ihr Glück als Kolonisten in den Tiefen des Alls, wenn sie genug Geld für die Transportschiffe auftreiben konnten oder aber aufgrund ihrer Fähigkeiten als besonders wichtige Personen für die Siedlungen ausgewählt wurden.
Weißwolf wurde nach der ersten medizinischen Begutachtung und nach Mals Abgang zunächst behandelt. Die Fissur würde ihr einige Tage Mühe bereiten und sie sollte Anstrengung vermeiden hieß es. Nach der Dekontamination gab man hier einige Tabletten mit und entließ sie in die Hände der Wachen des Castae.
Diese hatten bereits auf sie gewartet. Mal musste ungeduldig sein, begierig darauf, die Ergebnisse zu erfahren und den Weg nach Erden zu planen. Doch daraus würde nichts werden. Ohne Betäubung oder Verhüllung wurde Weißwolf, leicht humpelnd, in einen prächtigen Saal geführt.
Dieser wirkte wie ein Thronsaal. Halb im Dämmerlicht gelegen mit den Standarten des Syndikates an den Wänden. Es handelte sich um ein einfaches Motiv, eine Art roter Kreisbogen auf hellbraunen Grund, unterbrochen nur von zwölf rechtwinklig nach außen stehenden Haken. Dieses Symbol tauchte nicht öffentlich auf, sondern fand sich allenfalls als Zeichen im infraroten oder ultravioletten Spektrum an ausgewählten Objekten. Meist waren es Lokalitäten, die darin ihre Zugehörigkeit zum Syndikat markierten und dafür auch eine gewisse Leistung entrichten mussten. Doch die wahren Verstecke der Castae kamen ohne derartige Zeichen aus. Sie waren verborgen und selbst den allermeisten Angehörigen des Syndikats unbekannt.
Mal saß an in der Mitte einer Tafel im hinteren Bereich des Raums, gedeckt von zwei Wächtern. Er winkte die Wachen zu sich heran und gebot Weißwolf, ihm gegenüber Platz zu nehmen.
„Ich wurde bereits Unterrichtet“, begann Mal äußerlich gefasst und mit ruhiger Stimme, „dass der Auftrag missglückte. Ihr hattet den Transponder nicht dabei. Auch sonst gab es einiges Aufhebens und, sagen wir mal so, dies ist Eurem Schicksal nicht zuträglich, hatten wir doch eine Abmachung. Eine, die Ihr nicht erfülltet. Doch verlangt es mich zu wissen, was in jener Zeit geschehen ist, bevor ich überlege, wie mit Euch zu verfahren sein mag.“
„Als Kurzform“, antwortete Weißwolf, ohne groß zu überlegen, „gab es einen Überfall aus dem Hinterhalt. Die Verteidigung dagegen war zwecklos, man hat die Leibgarde und den Geheimdienst geradezu auseinandergenommen.“
„Wer waren die Angreifer und wie habt Ihr überlebt?“
„Glück, anders kann ich es nicht nennen. Durch die Beschädigungen meines Skaphanders nahmen sie vielleicht an, dass ich tot sei wie die anderen. Ich habe anschließend versucht, genau das herauszufinden. Wer waren die Angreifer? Ich weiß es nicht, denn wer hat wohl die Fähigkeiten, nicht nur vor uns und Ares in der Zeitlinie aufzutauchen, sondern dabei zugleich Artillerie vorzubereiten?
Wäre man nach uns eingetroffen, hätte man sich dann auf den Kosmischen Faden geklinkt, wäre ein solches Ereignis unseren Geräten nicht verborgen geblieben. Sie waren eindeutig hinter Ares her und sie müssen schon da gewesen sein, die ersten Granaten trafen ihn präzise, ehe man uns aufrieb und fast ohne Spuren verschwand.“
Mal überlegte. Eine solche Situation war auch für ihn neu und durchaus ein Grund zur Besorgnis.
„Man hat also gewusst, wann Ares abreist und sich in dem Moment auf den Kosmischen Faden geklinkt, da er eingerichtet wurde“, überlegte er. „Es dürfte sich an einer Hand abzählen lassen, welche Gruppen einen derartigen Übergriff starten könnten, noch bevor überhaupt die ersten Agenten selbst gereist wären.“
„Diese Gedanken machte ich mir bereits. Der Geheimdienst, die Leibgarden, vielleicht sogar Geschwister von Ares. Hier draußen ist jedenfalls keiner in der Lage zu so etwas und doch bleiben Fragen offen. Denn die Verbindung zum Kosmischen Faden wird durch den ersten Transport überhaupt erst eingerichtet. Wie kann also jemand noch davor gereist sein? Wie kann jemand außerdem schwere Waffen transportieren?“
„Gar nicht“, sprach Mal verwundert, „es laufen Experimente, aber die sind längst nicht in der Phase, wie ihr sagt, schweres Gerät in solcher Präzision zu bewegen. Außer natürlich, auf Erden gehen Kabale vor, die uns nicht ersichtlich sind und es gab Durchbrüche der Technologie, die uns verborgen blieben.“
„So oder so ist es eine Verschwörung wider die imperiale Brut. Wer auch immer Ares töten ließ, warum auch immer, wird vielleicht mit den anderen Geschwistern oder einem Coup d'État weiter machen.“
„Selbst wenn es stimmt, was Ihr sagt, haben wir keine Anhaltspunkte für solche Überlegungen. Die Zentrale ist auch uns verschlossen. Euer Wort steht allein und gemessen daran, dass Ihr zurückkehrtet und man die echte Narya sicherlich bald vermissen wird, dürfte Euch die ganze Wucht des Imperiums treffen. Ich würde sogar soweit gehen, dass Ihr fortan auch auf der Abschussliste dieser Angreifer steht. Versteht mich recht, niemand wird in Euer Nähe sein wollen, nicht einmal in Eures toten Leibes.“
„Nicht ganz“, konterte Weißwolf, „es gibt einen Überlebenden. Es gibt die Möglichkeit, diese Dinge aufzuklären. Wir sollten, gerade was meinen Leib angeht, nichts überstürzen.“
„Von Ares' Untergebenen hat jemand überlebt? Sagt, wer?“
„Ein Agent namens Teressis. Sie war schwer verletzt, ich hatte sie vor Ort versorgt und schließlich, sicherlich drei Stunden vor meiner Ankunft hier, zurückgeschickt.“
„Dann ist die Frau ebenso ein Ziel wie Ihr. Ich würde Ihr keine Überlebenschance einräumen und auch Ihr seid für mich eine Belastung.“
„So ist unser Handel hinfällig?“
„Nehmt es nicht persönlich. Unser Handel war eindeutig und ob es nun Eure Schuld ist oder nicht, Ihr konntet ihn nicht erfüllen. Nun, wo offenbar irgendwelche Kräfte agieren, die weit über unsere hinausgehen, werde ich ein paar lose Fäden durchtrennen müssen“, meinte der Casta kühl.
„Ich kann gern gehen“, bot Weißwolf an. „Hier hatte ich nicht vor zu bleiben.“
Mal gab ein Glucksen von sich. Weißwolf bettelte also um ihr Leben, dachte er vergnügt. Er würde es ihr nicht gewähren.
„Mir ist die Person einerlei. Ihr seid, wie ein jeder, letztlich ein gewöhnliches Werkzeug und Werkzeuge sind austauschbar“, sprach er und winkte mit einer drehenden Handbewegung die Wachen herbei, damit sie Weißwolf liquidierten.
Nicht ganz so wie erhofft, seufzte Weißwolf innerlich. Sie fasste ihre Kräfte zusammen und agierte, als die rechte Wache ihr die Hand auf die Schulter legte. Kampflos würde sie sich schließlich nicht fügen.
Für ihre Gegner, die mit dieser Gegenwehr definitiv nicht gerechnet hatten, war das Überraschungsmoment entsetzlich. Weißwolf packte den Arm des rechten Mannes und schleuderte diesen auf den Tisch. Noch während des Falls trat sie der linken Wache den Stuhl entgegen, was diese taumeln und zu Boden gehen ließ.
Dem Castae stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, er saß wie versteinert da. Die Wachen hinter ihm brauchten derweil nur einen kurzen Moment, um sich zu besinnen und ihre Schusswaffen zu greifen.
Weißwolf griff zeitgleich nach der Waffe des auf der Tafel liegenden, schwer atmenden Mannes und suchte Deckung unterhalb dieser. Während die Wächter Mals über die Tafel feuerten, rollte sich Weißwolf bereits darunter hinweg. Sie schoss zuerst dem linken Wächter Mals ins Bein, sodass dieser zusammensackte und direkt hinterher in den Kopf. Während die Wache, die zuvor durch den Stuhl zu Fall gebracht wurde, sich aufrichtete, trat Weißwolf den vierten Wächter gegen die Beine und ließ diesen ebenfalls stürzen. Sie schoss ihm in den Kopf und erhob sich. Während der letzte Wächter seine Waffe zog, streckte Weißwolf den auf dem Tisch liegenden Mann nieder und richtete ihre Waffe auf Mal.
Es war eine Art Patt entstanden. Der andere würde sie nicht niederstrecken können, ohne dass sie den Castam mit sich nähme. Gleichzeitig wäre es ein hohes Wagnis für Weißwolf, sich hinter dem Castae zu verstecken und einen Schuss auf die Wache abzugeben. Sie brauchte Mal immerhin leben.
„Jetzt erzähle mir bitte noch einmal, welch gewöhnliches Werkzeug ich doch bin“, meinte sie leise zu dem Castae, während sie die Regungen der Wache keinen Moment aus den Augen ließ.
Mal hatte sich von dem Schrecken einigermaßen erholt. Es war ihm anzusehen, dass er mit einem solchen Ergebnis nicht gerechnet hatte. Trotz ihrer Verfasstheit nach der Reise war sie agil genug gewesen, um es mit der kleinen Schar aufzunehmen.
„Ich habe mich offenbar geirrt“, gestand der Casta, „doch sehe ich noch keine Chance, hier zu einem zielführenden Ergebnis zu kommen.“
„Das soll auch keine Verhandlung sein“, reagierte Weißwolf schroff.
„Was mag es anstatt sein? Eine freundliche Warnung, dass mein Leben in Euren Händen liegt? Ihr wähnt Euch in Sicherheit, denkt, dass er mein Leben nicht für einen Schuss riskiert, während Ihr jedoch ebenfalls keinen riskieren mögt“, erklärte er gelassen. „Wir befinden uns hier jedoch nicht in einem Patt, wie Ihr vielleicht glaubt. Nicht in etwas, bei dem Ihr diktieren mögt, wie es weiter geht. Stattdessen braucht Ihr mich, nach wie vor, was mich in die Lage versetzt, die Pfründe zu bestimmen.“
„Nicht ganz“, meinte Weißwolf, „denn auch ich habe etwas, was ich anbieten kann. Aber vielleicht wäre es für den Anfang hilfreich, wir beruhigen uns, Ihr schickt Euren Knecht hinaus und wir reden in aller geruhsamer Zweisamkeit. Denn Ihr habt Recht, tot nützt Ihr mir nichts, also hätte ich kein Interesse daran, Euer Leben zu nehmen, wenn wir alleine wären.“
„Nun gut“, antwortete Mal nach einer kurzen Bedenkpause. „Zieh dich zurück“, gebot er seinem letzten verbliebenen Mann, „niemand soll hereintreten. Falls Sie zuerst heraustritt, erschießt sie. Andernfalls werde ich mich melden.“
„Ja, Casta“, bestätigte die Wache und richtete die Waffe zunächst langsam nach oben, ehe er sie mit der andern Hand griff und in sein Holster zurücksteckte.
Weißwolf ließ derweil noch nicht von Mal ab. Sie wartete, bis die Wache den Raum verlassen hatte und ihr kein Ungemach mehr drohte. Als dies geschehen war, schritt sie um den Tisch herum und hob den Stuhl auf. Anschließend legte sie die kleinkalibrige Gaußwaffe in Reichweite auf den Tisch und setzte sich wieder Mal gegenüber.
„Nun“, begann dieser erwartungsvoll, „was ist es, dass Ihr mir anzubieten habt? Was soll Euch ein Gegengewicht in dieser“, er überlegte einen Moment und suchte nach dem passenden Wort, „Verhandlung geben?“
„Die Ablenkung vom Syndikat. Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe und ich weiß, dass ich der perfekte Sündenbock bin. Es würde Euch wenig nutzen, mich zu töten, dürften doch die Spuren für die intertemporale Strafverfolgung rasch hierher und wer weiß zu welchen Zielen noch führen. Der Akt um Ares wird fraglos schlafende Hunde wecken und so sehr Ihr lose Fäden durchtrennen mögt, mögen diese dabei ausfransen“, prononcierte sie in Anbetracht der vorherigen Metapher des Castae.
„Ein interessanter Gedanke“, sprach Mal aus. Sie hatte scheinbar einen Nerv getroffen und sein Ohr geöffnet. „Erzählt mir mehr, wie soll Eure Ablenkung, Eure Illusion oder was auch immer aussehen und welcher Preis schwebt Euch in diesem Handel außer Eurem Leben vor?“
„Dass diese Tat mehr Wert ist als mein Leben sollte klar sein“, raunte Weißwolf. „Immerhin werdet Ihr in dieser Sache nicht behelligt werden. Ich möchte derweil nur Eure Unterstützung in einigen Dingen. Eure volle Unterstützung.“
„Welchen?“
„Allen voran erst einmal einige Informationen. Ihr habt alles Wissen, um diejenigen, die Ares bewachten, zu Zielen zu machen. Ihr habt Narya entführen können und dies sicherlich nicht ohne weitere Agenten auf Euren Gehaltslisten. Sagt mir, wen Ihr hinter den Kulissen noch habt“, forderte Weißwolf.
„Es gibt einige undichte Stellen im Ministerium für Intertemporale Strafverfolgung. Auch einige bei ein paar Behörden, die für die Ein- und Ausreisen verantwortlich sind. Einer der wenigen internen Akteure war Martinez. Ihr habt Sie flüchtig kennengelernt. Allerdings nichts, was hinter den Mars greift. Luna und die Erde sind wie ein schwarzes Loch und dies schien die einzige Gelegenheit, hinter den dunklen Vorhang unserer Heimatwelt zu blicken.“
„Das mag reichen, so Ihr mich an Informationen teilhaben lasst. Nun zu dem, was ich vorhabe: Teressis ist ein Ziel, genauso wie ich, dies habt Ihr vorhin richtig erkannt. Wir müssen sie also retten und –„
„Nicht wir“, unterbrach Mal sie, „Ihr allein seid im Moment gefordert und ich täte nicht darauf wetten, dass dies Euch gelingen sollte.“
„Wie lange wird es wohl dauern, bis Martinez Rolle enttarnt wird? Wie lange, bis Narya auffliegt? Dann stehen hier nicht nur ein paar Agenten des Ministeriums, sondern die Lateiner höchstselbst.“
„Denkt Ihr denn nicht, dass wir uns Ihrer nicht schon längst entledigten?“
„Denkt Ihr, dass dies ausreicht, bei dem, was mit Ares geschah?“, fragte Weißwolf zurück. „Es werden eine Menge Steine umgedreht und es wird nur Verlierer auf unserer Seite geben. Also tue ich das, was sie nicht erwarten werden.“
„Ich sehe noch keinerlei Ablenkung in Eurer Rede. Kommt zum Punkt“, forderte Mal, mittlerweile mit einem leicht gereizten Unterton.
„Ihr habt mich als Narya eingeschleust. Da sie nicht auftaucht, wird man annehmen, dass sie der Verräter ist oder vom Attentäter missbraucht wurde. In dieser Rolle kann auch auch Martinez den anderen das Leben genommen haben, um Ares zu töten. Die Nachricht über Naryas Tod und einen entsprechenden Meuchelmörder werdet ihr sicherlich lancieren können. Dies bringt sie zunächst auf meine Fährte, weg von Euch und dem Syndikat.“
„Und dann“, überlegte Mal, „wenn das halbe Sonnensystem hinter Euch oder wenigstens der Illusion eines Terroristen her ist, der der imperialen Familie schaden wollte, wie soll der Plan weiter gehen?“
„Mit Euren Ressourcen könnt Ihr mir helfen, zum Mars zu gelangen, zum Ministerium und zu Teressis, um sie zu befreien, bevor die wahren Mörder ihrer habhaft werden. Geht mir uneingeschränkt zur Hand, um diese Sache aufzuklären. Denn trotz Eurer Mittel, trotz Eurer Spione, steht auch Ihr letztlich einem Feind gegenüber, den Ihr in keiner Weise habt kommen sehen. Wer auch immer diese Leute waren, sie stellen eine Gefahr dar und das nicht allein für den Imperator.“
„Teressis, der Zeuge, der Euch entlasten mag“, wiederholte Mal. „Nun“, setzte er nach einer Pause an, „eingedenk all der Kräfte, auf die wir Zugriff haben, stimmen Eure Worte. Dieser neue Mitspieler ist eine Gefahr für das bestehende System. Ich werde Eurer Bitte nachkommen, werde die Nachricht über Naryas Ableben über die Quellen im Ministerium streuen und die Zeitkapsel, die Ihr benutzt habt, als Nachweis präparieren. Man wird von einem einsamen Wolf als Terroristen ausgehen, wie überraschend passend, nicht wahr, Weißwolf? Man wird davon ausgehen, dass Ihr Euch Teressis holen werdet, um den letzten Zeugen in dieser Angelegenheit zu beseitigen und man wird sicherlich auf Euch vorbereitet sein.
Eure Gaben“, fuhr er nach kurzer Pause fort, „sind jedenfalls selten. Ich weiß nicht, wie Ihr es schaffen wollt, sie zu befreien. Aber ich werde Euch Taravon zur Seite stellen. Mit seiner Hilfe könnt Ihr unbehelligt zum Mars fliegen und auch einen Fuß in das Gebäude des Ministeriums setzen. Davon abgesehen werdet Ihr auf Euch allein gestellt sein und bei aller Zuneigung zu Eurem Vorhaben, sehe ich keine Aussicht auf Erfolg.“
„Ihr wollt mir das Zimmermädchen mitgeben?“, echauffierte sich Weißwolf. Die anderen Anmerkungen des Castae ließ sie unkommentiert stehen.
Mal stand auf.
„Ich werde den Wachen Bescheid sagen, dass Ihr keine Gefahr darstellt und freies Geleit genießt. Ich werde außerdem nach Taravon schicken“, sprach er unter dem misstrauischen Blick Weißwolfs.
Er fühlte sich durch Ihre einschüchternde Präsenz durchaus in der Notwendigkeit, seine Handlungen zu erklären. In seinen Gedanken hatte er noch immer Sorge, dass Sie ihm das Leben nehmen könnte, wenngleich diese Stimme seines Hinterkopfes immer schwächer wurde, je mehr sie konversierten.
Nachdem Mal die Wachen instruiert hatte, kehrten diese mit dem Castae in den Raum zurück. Mal setzte sich, während die anderen die Leichen fortschafften und neue Stellungen bezogen. Dieses Mal wurde die Präsenz der Wachen um den Castam verstärkt. Nicht nur, dass sich zwei Wächter hinter ihm postierten, so fanden sich auch vier weitere an der Eingangspforte zusammen.
Keine Gefahr und freies Geleit hin oder her, der Casta würde nun für mehr Sicherheit Sorge tragen, überschlug Weißwolf.
Es dauerte einige Minuten, bis sich Taravon blicken ließ und an die Seite von Mal trat. Dieser unterrichtete Taravon in groben Zügen von dem Vorhaben und seinem neuen Auftrag, sich an die Seite von Weißwolf zu gesellen.
„Warum kriege gerade ich die Bitch“, entfuhr es ihm, als der Casta an der Stelle angelangt war, wo Taravon Weißwolf nicht nur zum Mars begleiten, sondern auch Unterstützung im Rahmen der Möglichkeiten bei der Rettung von Teressis gewähren sollte.
„Jeder braucht nun mal einen Cheerleader“, grinste Weißwolf, den Kopf leicht neigend, ehe sie ernster fortfuhr. „Das wird lustig und wenigstens kennen wir uns. Wir wissen, woran wir sind.“
„Da bin ich mir wahrlich nicht so sicher“, raunte Taravon. „Ganz davon abgesehen, dass sich Gäste auch schon mal besser benommen haben und nicht ein Miststück mimten.“
„Vielleicht lernen wir uns auf der Fahrt besser kennen, jetzt wo wir so etwas wie Verbündete sind.“
„Dann hätten wir das geklärt“, mischte sich Mal ein, ehe Taravon reagieren konnte. Er hatte diesen Untergebenen nicht ohne Grund ausgewählt. Er war ranghoch, scharfsinnig und wenngleich aufbrausend, so doch unbedingt loyal zu den Befehlen der Castarum. Er würde mit Weißwolf arbeiten, ob er wollte oder nicht, und er würde dabei sein Bestes tun.
Der Casta erhob sich, mit ihm auch Weißwolf. Sie waren hier fertig. Es brauchte keine weiteren Worte. Stattdessen nickten sich beide, Weißwolf und Mal, in stillem Einvernehmen zu. Sie ließ sich zu ihrem Gemach zurückführen, während der Casta und Taravon sicherlich einige Details zu bereden hatten.
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