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Capitulum VII: Milia pro Uno (Tausende für einen)
Weißwolf stand entgeistert auf der Anhöhe und beobachtete das Treiben. Sie hatte die letzten Minuten geradezu auf Kohlen gestanden. Die Übertragung, der die Menschen draußen in stiller Andacht folgten, hatte sie kaum wahrgenommen und das, obwohl die Lautstärke des Sacerdotis über das gesamte Areal dröhnte.
Punktgenau hatten die Detonationen schließlich ausgelöst. Im ganzen Gebiet um sie herum erschallten kurz darauf Sirenen in der gesamten Umgebung, waren Feuer und Rauch zu sehen. Doch was sich vor ihrem Auge abspielte, dass konnte Weißwolf sehen, aber noch nicht ganz begreifen. Auch Taravon stand sichtlich schockiert vor dem, was sich da gerade vor ihnen entwickelte.
Die Übertragung war abgebrochen, kurz nachdem die Sprengsätze detoniert waren. Es schien für einen Augenblick, als sei dies alles gewesen und es breitete sich bereits ein gewisser Schockzustand unter den Menschenmassen aus. Sie alle wunderten sich, was gerade geschehen war.
Doch dann änderte sich die Lage. Ein Zittern glitt durch den gesamten Untergrund hinweg und der Tempel kippte in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Ein Teil seiner Weißwolf und Taravon zugeneigten Kante stürzte komplett in sich zusammen. Die Menge, sicherlich mehrere Zehntausend, die draußen wartete und die Andacht über die vorherige Holografie verfolgte, zerstreute sich von Schrecken gepackt. Schreie gellten in dem unaufhörlichen Beben, welches die gesamte Ebene erfasst hatte, und auch die Soldaten schafften es nicht, Ordnung in das wilde Treiben zu bringen. Zu groß waren die Verwerfungen.
Abseits der Verletzten und zweifelsohne zahlreichen Toten im Inneren des Tempels kam es durch das Chaos um den Tempel herum ebenfalls zu niedergetrampelten, gestoßenen und anders verwundeten auf der freien Parkfläche darum. Tausende stürzten übereinander bei der wilden Flucht, die sie alle gepackt hatte, als das monumentale Bauwerk zusammenbrach.
Selbst einzelne Schüsse waren zu hören, da die Stellungen der Soldaten an manchen Stellen schlicht von den verängstigten Menschen überrannt wurden und man sich nur auf diese Weise zu wehren wusste. Das Entsetzen war greifbar, es hing in der Luft wie die Geräusche der Schreie und auch die Gerüche von Blut und dem aus dem Tempel aufsteigenden Rauch.
„Sagt Ihr mir wohl“, setzte Weißwolf vor diesen Bildern der Vernichtung an, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, „was ihr genau für eine Bombe gelegt habt?“
„Kaum größer als die anderen. Wir wollten hier natürlich die stärkste Ladung nutzen, so, wie es zum Zwecke der Ablenkung vereinbart war“, er überlegte, „vermutlich muss ein Fusionsreaktor des Tempels dabei beschädigt worden sein. Ich gehe davon aus, dass die Schäden in den Hochdrucksystemen und Kühlanlagen hinreichende thermische und mechanische Kräfte freisetzten.
Alleine der thermische Schock des Heliums dürfte ausreichend für dieses Spektakel gewesen sein und da wären die supraleitenden Systeme noch nicht einmal mit einberechnet. Ich kann nur mutmaßen“, gestand Taravon, „was konkret vorfiel, doch irgendwas dieser Art wird es sein. Im schlimmsten Fall ist die Umgebung sogar verstrahlt.“
„Auf der wohl positiven Seite wird das einiges mehr an Aufruhr verursachen“, sagte Weißwolf, die Augen schließend. Die Frage, was sie hier gerade getan oder zugelassen hatte, konnte sie sich noch nicht stellen, dafür würde es eine andere Zeit geben. Gemessen an dem, was sie vorhatte, dürfte sich dieser Zufall jedoch weniger als Problem, sondern vielmehr als Glück erweisen. „Ich höre die Sirenen der Rettungsschiffe“, sagte sie schließlich.
„Meine Beobachter melden, dass auch das Ministeriumsspital Rettungsfahrzeuge entsandt hat“, bestätigte Taravon. „Die ganze Administration ist in Aufruhr. Ihr hattet recht, man setzt alles, was man hat, in Bewegung. Es geht also los.“
Ihr Plan gedieh bisher, doch der Preis, der dafür bezahlt wurde, war bereits zu diesem Zeitpunkt hoch. Auch stand der schwierige Teil erst noch an. Jetzt galt es, eine der Rettungsfähren zu kapern.
„Dann lasst uns opponieren, unser Zeitfenster ist immerhin eng getaktet“, meinte Weißwolf und setzte sich in Bewegung, den Hang hinab in Richtung des südlichen Tores. „Gebt mir Bescheid, was sich über Funk tut und welche Bewegungen der Truppen es gibt, sofern Ihr diese nachvollziehen könnt. Wir treffen uns wie besprochen an Eurer Landefähre.“
Weißwolf hatte keine Probleme damit, sich unter die Menschen zu mischen. Das gesamte Areal war voll von ihnen. Manche flüchteten noch immer, versuchten Abstand zum Tempel zu gewinnen, manche hatten sich erschöpft auf den Boden fallen lassen und andere wurden bereits als Verletzte von Zivilisten wie den Soldaten erstversorgt.
In all dem Chaos gingen schließlich einzelne Rettungsfähren nieder, die aus verschiedenen Teilen der Stadt kamen. Sanitäter, Ärzte und andere verfügbare Kräfte triagierten die Verwundeten, während sich ein Großaufgebot der Rettungskräfte um den Tempel selbst versammelte, wo nicht nur die meisten Opfer zu beklagen waren, sondern zugleich auch die Frage nach den im Inneren befindlichen Menschen stand. Doch selbst hier, in den Ausläufern des großen Parks, war die Situation wüst und von vielen Schwerverletzten geprägt. Zu gewaltig waren die Menschenmassen, als dass diese sich leicht hätten verstreuen können.
Weißwolf näherte sich einer der Fähren aus dem Ministerium, die in ihrer Nähe zu landen begann. Sie kannte die Gefährte und wusste sie somit von den anderen zu unterscheiden.
Das Personal stieg weitgehend aus und machte sich an die Versorgung, Weißwolf spähte hinein: Ein einzelner glücklicherweise weiblicher Sanitäter war noch zugegen. Als dieser ebenfalls aussteigen wollte, drängte Weißwolf die Frau ins Innere und überwältigte sie rasch. Präzise zog Weißwolf die Dienstkleidung der Frau sowie ihre eigene aus und zog die grünen Gewänder an. Zwar passte Weißwolf die Kleidung nicht perfekt, doch genügte es für die Scharade.
Weißwolf gab der anderen Frau, nachdem sie dieser ihr eigenes Hemd übergestreift hatte, ein tiefes Beruhigungsmittel, sodass es wirkte, als sei sie von dem Unglück benommen. Sie würde als verletzter Zivilist gelten. Weißwolf rief zwei Soldaten herbei, damit man sie aus dem Shuttle brachte und Platz für die schweren Fälle schaffen konnte. Immerhin waren ihre Vitalwerte völlig in Ordnung, sie war nur weggetreten.
Mit jenen Schwerverletzten galt es nun, die Fähre so schnell wie möglich zu füllen und zum Ministerium zu fliegen. Weißwolf trat mit den Soldaten heraus, die die Frau an einem freien Stück Gras ablegten.
„So etwas habe ich noch nicht gesehen“, konstatierte ein beistehender Sanitäter, der einen der Verletzten versorgte und von Soldaten über eine Trage in die Fähre bringen ließ.
„Stimmt“, meinte ein anderer Soldat, der zum Schutz eingeteilt war. „Zeitlebens waren die Aufgaben eher schlicht und es jetzt so etwas.“
„Da drüben“, sagte Weißwolf auf eine Reihe Versehrter zeigend, „sind noch schwerer Verletzte, die Ärzte haben sie für den Transport markiert. Bringt sie ins Shuttle und lasst die ersten mitnehmen. Wir haben hier nicht genug Ärzte, geschweige denn Apparate für die Vorortversorgung.“
„Jawohl“, ließ sich der Soldat vernehmen und gellte ein paar Befehle durch die Umgebung.
Im Shuttle waren es Weißwolf und ein anderer Sanitäter, die für die acht Personen, die auf vorbereiteten Liegeplätzen festgeschnallt waren, verantwortlich zeigten. Vorne im Schiff saß ein weiterer Sanitäter, der zugleich der Pilot war. Soldaten hatten sie nicht begleitet, diese waren alle am Boden geblieben und folgten, jedenfalls in den Bereichen, in denen Ordnung geschaffen war, den Anweisungen des Notfallpersonals.
Aus der Vogelperspektive bot sich noch einmal ein ganz anderes Bild. Die Soldaten hatten zahlreiche Landeflächen freigemacht. Zivilisten, die unverletzt schienen oder nur kleine Schrammen aufwiesen, wurden aus dem Gelände gedrängt.
Unterschiedlichste Shuttles landeten im Minutentakt, nahmen schwer Verletzte auf und flogen wieder davon, um die schlimmsten Fälle in den Einrichtungen der Stadt versorgen zu können. Trotz der schwerwiegenden Situation war das Agieren der Einsatzkräfte professionell. Die Ärzte begutachteten die unterschiedlichen am Boden liegenden Menschen und markierten diese. Die allermeisten Markierungen waren zwar gelber Farbe und damit von geringerer Priorität. Doch gemessen an den Menschenmassen waren die demgegenüber weniger roten und in Teilen auch schwarzen Markierungen, die für kritische Zustände sowie den bereits eingetretenen Tod standen, dennoch von signifikantem Ausmaß.
„Wie sieht es hinten aus?“, wollte der Pilot wissen, als er zur Wende ansetzte und das Ministeriumsspital ansteuerte.
„Die meisten sind stabil genug, nur bei Zweien fällt der Blutdruck rapide“, äußerte sich der andere Sanitäter. „Wie lange noch?“
„Wenige Minuten, wir sind bereits im Sinkflug“, antwortete er, ehe er sich über die Funkverbindung an die Leitstelle wandte. „Flugleitstrahl vierzehn, acht Schwerverletzte geladen“, ließ er sich vernehmen.
„Näheres zum Schaden?“, wollte der Mitarbeiter der Leitstelle wissen.
„Synkope bei allen, verschiedene Frakturen, teils offen. Blutdruck kritisch bei Zweien. Notfallmäßige Versorgung und Stabilisierung erfolgt, Innere Blutungen und weitere Gewebeschäden sind nicht auszuschließen.“
„Hangar achtzehn, der Leitstrahl wird eingestellt“, meinte der Mann in der Leitstelle.
„Ist schon Näheres über die Opferzahl bekannt?“, fragte Weißwolf, die mit dem anderen Sanitäter soweit es ging ein Auge auf die Verletzten hatte.
„Die Rede ist von über siebzehn Detonationen im nahen Stadtgebiet“, antwortete der Pilot, „plus der Sturz der hohen Halle. Die allermeisten Umstehenden werden vergleichsweise unproblematisch zu versorgen sein, wenn sie erst stabilisiert und unter Beobachtung stehen, doch die Situation im Inneren ist völlig außer Kontrolle.“
„Was ist dort los?“, wollte nun auch der andere Sanitäter wissen, als er einem der beiden Patienten mit extremer Hypotonie Ephedrin spritzte. Die Werte des Verletzten besserten sich zumindest etwas daraufhin.
„Die ganze Halle brach in sich und es wird nur schwer gelingen, die Verschütteten zu bergen. Niemand weiß, wie viele darin noch leben oder wie die Situation überhaupt aussieht, sintemal bereits die Sicherung der Eingangsbereiche Schwierigkeiten bereitet. Man fürchtet, der Rest das Bauwerks stürzt auch ein, sodass Maßnahmen ergriffen müssen, um die Bergungsarbeiten überhaupt einzuleiten. Zehntausende, die der Tempel fasst, doch gelangten nur wenige hinaus“, er schüttelte den Kopf, „es ist ein Albtraum. Habt Ihr Angehörige dort?“
„Betrifft uns diese Malaise nicht ohne biologische Bande?“, fragte Weißwolf demgegenüber. „Immerhin fließt in einem jeden von uns rotes Blut.“
„Würden nur mehr so denken“, seufzte der andere Sanitäter. „Doch sieht man ja, zu welchem Entsetzen manche fähig sind. Es sind zu viele Anschläge in der letzten Zeit, zu viele, die sich einem vernünftigen Zusammenleben verweigern.“
„Die Ungläubigen?“, fragte Weißwolf.
„Eben die.“
„Aber kann es nicht sein, dass die zunehmenden Repressalien durch die Armee und die Hautevolee überhaupt erst zu dem Ärger führten, den viele verspüren?“, fragte Weißwolf weiter. „Vielleicht ist es Blindheit gegenüber dem Elend, welche wir ablegen sollten.“
„Diese Worte“, mischte sich der Pilot ein, „mögen leicht als Häresie missverstanden werden. Doch weiß ich, was Ihr meint, der Episcopus hatte Ähnliches erwähnt. Wir täten besser daran, nachhaltige Lösungen zu finden, statt immer mehr Menschen auszugrenzen.“
„Häresie“, wiederholte Weißwolf, ehe sie mit Blick auf ihre eigene Historie fortfuhr, „ich war hiervor im Ministerium an anderer Position, ich habe von innen gesehen, dass die Utopie nur dem Anschein nach funktioniert. Ist es so abwegig, dass manche diesen Anschein entsprechend niederreißen wollen?“
„Ich muss konzedieren, dass hin und wieder sicherlich falsche Götzen angebetet werden“, antwortete der Pilot, „doch verböte es mir mein Gewissen, eine derartige Revolution auszulösen. Wir sehen die Opferzahlen hier, wie soll dies wohl in der galaktischen Dimension aussehen? Könntet Ihr es vertreten, dass so viel Blut an Euren Händen klebt?“
Wenn er wüsste, seufzte Weißwolf innerlich.
„Richtig“, bestätigte der andere Sanitäter, „wir haben den Frieden geschaffen und wir werden ihn gegen diese Aufständischen auch durchsetzen. Ich wünsche mir sehr, dass der Imperator jetzt harte Maßnahmen ergreift.“
„Hinsetzen nun“, sprach der Pilot barsch und unterbrach den Diskurs, „ich schwenke in den Hangar ein.
Die Landung erfolgte knapp und präzise auf einem Feld, welches von bereits vielen Kräften, die die Rettungsarbeiten koordinierten, gefüllt war. Die Rampe glitt auf und Weißwolf stand vor der nächsten Gefahr, vor dem nächsten Schritt ihres Planes.
Das Chaos im Hangar war jedenfalls ebenfalls perfekt. Sanitäter, Ärzte, Militär, sie alle waren beschäftigt und, sicherlich da manche auch bereits seit Stunden auf den Beinen waren, übermüdet und überfordert. In solch einem Geschehen dürfte sich noch keiner von ihnen zuvor befunden haben. Es war für sie ein Leichtes, durch diese Reihen zu schlüpfen und sich von der Besatzung der vormaligen Fähre abzukapseln.
Eine Schlacht eines tatsächlichen Krieges, die diesem Geschehnis noch am nächsten kam, hatte es schließlich seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Sicherlich gab es mitunter das eine oder andere Scharmützel auf den Außenwelten mit verschiedenen Gruppen, die sich wider das Militär und den Imperator stellten. Doch im Kern des Imperiums kümmerten diese vereinzelten Gefechte niemanden und auch draußen auf den Randmonden und den größeren Planetoiden des Sonnensystems waren dies kaum mehr Funken, die rasch im Wind zerstreut wurden.
Nun jedoch war das Gefecht zu eben jenem Kern des Imperiums herangenaht. Dieses Ereignis würde definitiv Ärger provozieren. Weißwolf ging davon aus, dass bald auch die Lateiner auf den Plan treten würden, um die Bataillone zu verstärken und eigene Nachforschungen in der Sache anzustellen. Denn ein Angriff auf die Ecclesia Technologiae stellte einen unmittelbaren Angriff auf deren militärischen Arm dar.
Auch hier, bemerkte Weißwolf, als sie sich orientierte und ihren Weg zu den Stationen suchte, landeten die Shuttles im Minutentakt, lieferten die jeweils schwerer und durch die Triage ausgewählten Patienten ab und flogen wieder davon. Weißwolf nahm sich eines der schwerer verletzten Patienten an und schob diesen in den inneren Spitalbereich und von dort weiter über die Aufzüge zum Sicherheitsbereich.
Dort pflegte man diejenigen Patienten, die unter besonderer Bewachung standen, vielleicht, weil sie Straftäter waren oder weil es sich um wichtige Personen handelte. Es war eine ganze Station, die hinreichend bewacht wurde.
Auf dem Weg versteckte Weißwolf einzelne Granaten, die sie nach belieben zünden könnte, und stahl auch den Arbeitsausweis eines Arztes, als dieser bei einer Behandlung beschäftigt war. Beides war ihre Versicherung, dass nicht nur der Weg hinein, sondern auch hinaus mit Teressis klappen würde. Weißwolf kannte die Pläne und sie fiel dabei nicht auf. Zu beschäftigt waren alle und auch vor dem Sicherheitsbereich lagen bereits Verletzte, die aus Platzgründen nicht anders untergebracht werden konnten.
„Was treibt Ihr hier?“, fragte eine Wache, als sie die Sicherheitsstation betrat, „hört auf, hier diese Leute abzuladen, dieser Bereich ist verschlossen!“
„Nicht mehr“, meinte Weißwolf und zeigte den Ausweis vor, dem sie zuvor dem Arzt abgenommen hatte. Allzu genau schaute niemand sich die Dokumente an, zu unübersichtlich war das Treiben geworden. „Ich brauche die Akten aller Patienten, die hier liegen. Wir haben oben keinen Platz mehr, wie Ihr sicherlich mitbekommen habt und müssen für die schlimmsten Fälle zwingenden Platz schaffen. In der Stadt wird noch immer heftig geschossen, es kommen immer mehr Verletzte an und sofern wir diese nicht noch auf Euren Gängen ablegen sollen, brauchen wir mehr Platz.“
„Was ist denn nur los dort?“, wunderte sich ein anderer Wächter beiläufig und begutachtete die Situation des Hangars über die Monitore.
„Mehrere Angriffspunkte, der Tempel eine Ruine. Also“, forderte Weißwolf erneut, „welcher der hier Gefangenen kommt ohne Maschinen aus? Wem von denen hier“, sie zeigte auf die Verwundeten, „können wir Plätze freimachen? Holt mir endlich den diensthabenden Arzt und das Pflegepersonal herbei.“
„Die sind oben“, sagte die erste Wache, „doch wird ein Transfer unter diesen Umständen anzuraten sein“, überlegte er mit Blick auf die Verletzten. „Im letzten Zimmer liegt eine Frau im künstlichen Koma. Die anderen Patienten können verlegt werden, doch bei dieser sehe ich die Möglichkeit nicht. Ich informiere die Wachen, dass sie sich darum kümmern und informiere die Leitstelle, dass wir hier unten Personal brauchen.“
Der Patient im letzten Zimmer, überlegte Weißwolf. Es musste sich zweifelsohne um Teressis handeln. Sie lebte also noch, ihr fiel geradezu ein Stein vom Herzen.
„Gebt mir die Akten“, forderte Weißwolf, während erste Wache die Befehle für die Verlegungen gab und allmählich weitere Hilfskräfte eintrafen.
Weißwolf nahm sich, als sie die Akten bekam, unverzüglich Teressis' Dossier vor. Ihre Verletzungen waren signifikant, sie würde weder aufzuwecken noch zu befragen sein, sondern sollte, so der letzte Befund, noch für ein paar Tage heilen. Erst dann würde man sie allmählich aus dem Koma aufwecken. Sie überflog die genauen Beschreibungen von Teressis' Verletzungen nur grob.
Nach und nach trudelten immer mehr Wächter und auch Pflegepersonal ein, um die Unterbringungen zu gewährleisten. Diese machten sich zeitnah an die Verlegung. Auch ein Soldat vom Hangar kam herab, mit der Bitte, alle nicht akut bedrohten Patienten der Platzprobleme wegen zu verlegen. Er war sichtlich erstaunt darüber, dass dies schon geschah.
„Da weiß die eine Hand wieder nicht, was die andere tut“, seufzte er und ging, woher er gekommen war.
Auch ein Arzt mischte sich, da Weißwolf gerade ihren Weg ins letzte Zimmer suchte, unter die Anwesenden, um die Lage zu koordinieren. Immerhin waren es pro Zimmer vier bis sechs Patienten und die Station war groß.
Dieser Arzt bemerkte auch, wie Weißwolf das letzte Zimmer betrat und folgte ihr.
„Dieser Patient kann nicht verlegt werden“, sagte die Frau beim Eintreten. „Hat man Euch nicht informiert?“
Weißwolf reagierte Blitzschnell. Sie griff den Arzt hart am Arm, wendete einen Druckpunkt am Hals an und schleifte ihn förmlich aus dem Eingang ins Innere des Zimmers. Dort angekommen richtete sie eine ihrer Waffen auf die Frau. Immerhin war sie nicht ohne Verteidigungsmaßnahmen gekommen.
„Man hat mich informiert und trotzdem: Ihr helft mir jetzt, sie zu verlegen und darüber werde ich keine Debatten führen!“, herrschte Weißwolf den Arzt an.
„Ihr wollt sie entführen? Wie glaubt Ihr denn, hier zu bestehen?“
„Zuvorderst, indem ich Euch mit dem Tode drohe. Los jetzt“, drängte Weißwolf.
Der Arzt tat, wie ihm befohlen. Die Frau, sichtlich nervös im Angesicht der Waffe von Weißwolf, stabilisierte die Atmung, die Medikamente und legte die Überwachung sowie die einzelnen Medikamentenpumpen um, um eine Verlegung überhaupt möglich zu machen. Sie fixierte die Infusionsleitungen und den Tubus, ehe sie das Bett, welches mehr einer Kapsel glich, löste und raus schob.
Weißwolf steckte ihre Waffe weg.
„Wollt Ihr leben?“, fragte Weißwolf.
„Ja.“
„Dann versucht nichts, was mich dazu drängt, irgendwelche Schlechtigkeiten mit Euch anzufangen. Ich werde Euch freilassen, wenn wir hier raus sind.“
„Verstehe“, meinte der Arzt zögernd. „Wohin?“, fragte die Frau schließlich weiter.
„Zum Hangar zunächst“, antwortete Weißwolf, als Detonationen zu hören waren und Alarmsirenen schallten. „Wir holen uns eine Fähre.“
Spürbare Erschütterungen liefen für einen Augenblick durch den Boden und brachten einen Moment des Innehaltens in dem Treiben um die Verlegungen. Weißwolf hatte ihre Granaten gezündet, um weitere Irritationen zu schaffen. Das Chaos war nun perfekt und auch wenn dies die einen oder anderen Opfer mehr forderte, vor allem auch vom beteiligten Rettungspersonal, so war dies, erst recht nach den Geschehnissen um den Tempel, ein geradezu vernachlässigbarer Preis im Kontext ihres großen Plans.
Wie auch bei ihrem Hinweg kümmerte sich niemand um Weißwolf, den Arzt und Teressis' Kapsel. Alle waren mit sich selbst beschäftigt und überall wurden Patienten, teilweise auch in einzelnen Versorgungskapseln, umher geschoben.
Am Hangar fanden noch immer die Shuttleflüge statt. Zwar hatte sich die Lage mittlerweile entspannt und die Frequenz der Starts und Landungen war weit weniger häufig als zuvor. Doch war die Lage noch immer unübersichtlich genug, damit sie ein Shuttle kapern konnte.
Weißwolf navigierte den Arzt mit Teressis an den Rand des Hangars, wo noch ungenutzte Gleiter bereitstanden. Die Soldaten schenkten ihnen ebenso wenig Aufmerksamkeit wie alle anderen, sondern waren mit den vormaligen Explosionen sowie dem allgemeinen Trubel, der neu hereingebrochen war, völlig ausgelastet.
„Und jetzt rein da“, forderte Weißwolf.
„Es würde wirklich schneller gehen, wenn Ihr mir hülftet“, raunte die Frau, „das ist keine Angelegenheit für eine Person. Normalerweise wären wir hier zu sechst, um ihren Zustand überhaupt richtig überwachen zu können. Es kann gut sein, dass sie mir unte den Fingern wegstirbt.“
„Mehr Hände sind nicht da“, meinte Weißwolf und trat hinter dem Arzt, der Teressis in das Shuttle schob, die Rampe empor.
„Das ist nicht ganz richtig“, ließ sich daraufhin eine Stimme am unteren Ende der Rampe vernehmen, als Weißwolf gerade die Rampe schließen wollte. „Ihr könnt meine Hände zur Hilfe haben.“
Weißwolf zögerte keinen Augenblick. Sie wandte sich um und richtete unverzüglich eine Waffe auf den fremden Mann, der sie gerade angesprochen hatte. Zur Sicherheit richtete sie auch die andere Waffe auf den Arzt.
„Ihr machst weiter. Sichert sie für den Flug“, befahl sie dem Arzt, ehe sie sich dem Anderen zuwandte: „Und Ihr, keinen Schritt weiter!“
„Ich stehe schon, keine Sorge“, sprach der Fremde völlig ruhig. „Doch solltet Ihr Euer Gewehr vielleicht nicht auf denjenigen richten, der Euch Hilfe in dieser Situation anbietet. Ich verstehe“, fuhr er nach kurzer Bedenkzeit fort, „dass die Lage äußerst angespannt ist und auch, dass Ihr kaum Zeit zu verlieren habt. Ich bin Hartmann“, stellte er sich vor, „nur ein Agent des Imperiums.“
„Einen anderen Hartmann kannte ich flüchtig.“
„Vielleicht ein Cousin.“
„Er ist tot. Er starb bei der Verteidigung von Ares.“
„Nun, er war nie sehr tüchtig“, gab Hartmann bissig zurück. „Zurück zum Ernst der Lage. Bedenkt Folgendes: Ich hätte Euch verraten können, Euch ohne Zögern bereits in der Station von Teressis den Wachen ausliefern können, doch tat ich dies nicht. Stattdessen könnt Ihr auf meine Hilfe zählen. Nehmt auch gern“, sagte er, während er langsam an sein Halfter griff, „meine Waffe an Euch. Ich komme dafür allerdings hoch, bevor ich hier unten einen, nun ja, Trubel auslöse.“
Er zog seine Pistole und trat einige Schritte voraus, um missliebigen Blicken zu entgehen. Anschließend legte er diese auf ein Regal an der Seite der Rampe. Ähnlich verfuhr er auch mit der Zweitwaffe.
„Wenn wir hier entkommen sind“, begann er erneut und trat vor Weißwolf, „so stellt mir jede Frage, die Ihr stellen wollt. Bis dahin jedoch konzentrieren wir uns auf jenes Entkommen. In Ordnung?“
„Ihr seid ein imperialer Agent und Ihr helft dieser Wahnsinnigen?“, meinte der Arzt schockiert, als die Rampe geschlossen wurde.
„Glauben Sie mir, Teuerste“, erklärte Hartmann höflich, „die Dinge liegen nicht unbedingt so, wie sie scheinen und wer heute Wahnsinnig ist oder als solcher, wie es schon im Werther vor bald tausend Jahren so schön hieß, der mag morgen etwas Außergewöhnliches vollbringen. Denn es sind immer die, die als wahnsinnig gescholten werden, die Unmöglichscheinendes bewirken und bei allem, was ich in der letzten Zeit gesehen habe, werden wir vielleicht so jemanden brauchen können. Also“, brach er nach seiner Rede ab und wurde von einem Moment zum nächsten völlig ernst: „Sagt mir, was braucht Ihr und wie kann ich helfen?“
Zusammen machten sich die drei an die Arbeit, Teressis' Kapsel zu befestigen und für den Flug bereit zu machen.
„Teressis ist bereit für die Reise. Ihre Werte sind soweit stabil“, sagte der Arzt schließlich und begab sich auf einen Platz neben der Kapsel, um Teressis' Vitalwerte im Blick zu behalten. „Ihr Zustand ist dennoch kritisch, bedenkt das. Sie wird zeitnah eine entsprechend intensivmedizinische Betreuung benötigen und wird möglicherweise keinen langen Flug überstehen. Auch können wir nichts für sie tun, wenn ihre Werte plötzlich kippen sollten. Sie braucht Ruhe und kein“, sie stockte und blickte abwechselnd zwischen Weißwolf und Hartmann hin und her, „was auch immer das hier ist.“
„Wir beeilen uns schon“, erwiderte Weißwolf und wollte bereits ins Cockpit gehen.
Hartmann war jedoch schneller. Er setzte sich direkt ungefragt ans Steuer.
„Ich kenne die Codes vielleicht besser als Ihr, gerade in dieser Situation“, sagte er erklärend, „und kann mir vorstellen, dass Ihr lieber ein besonderes Auge auf mich werfen wollt, statt Euch mit der Steuerung dieser Barke zu befassen.“
Weißwolf nickte. Bereits der letzte Hartmann hatte sie positiv überrascht, da er sich als Kritiker des imperialen Sohnes entpuppte und sogar diese kleinen Wetten um Ares' Fettnäpfchen veranstaltete. Doch bei aller Hilfe, die dieser Hartmann ihr zuteil werden ließ, konnte sie sich noch keinen Reim auf ihn machen. Was hatte er wohl vor? Sie würde Vorsicht walten lassen müssen.
Hartmann übermittelte die Transfercodes. Er hatte das Shuttle als neues Transportschiff von Verwundeten eingerichtet und passierte direkt danach die Kontrollsysteme des Hangars.
„Wo müssen wir hin?“, fragte er anschließend.
„Auf eine Anhöhe, unweit südlich des Tempels“, meinte Weißwolf und betrachtete die Umgebung. „Ich zeige sie Euch, wenn wir in Reichweite sind. Kurs halten.“
Hartmann richtete das Shuttle auf ihr Ziel aus. Sie flogen eine ähnliche Strecke zurück, wie sie zuvor ankamen. Noch immer schwelte Rauch über Teilen der Stadt, noch immer schien es innerhalb des Tempels zu glimmen. Das Gewimmel am Boden hatte sich weitgehend gelegt und die Soldaten übernahmen allmählich die größte Präsenz. Dennoch stiegen auch immer wieder noch Gleiter auf und landeten, um Versehrte zu versorgen und abzuholen. Auch die minder schweren Fälle wurden allmählich berücksichtigt, sofern sie sich nicht bereits von selbst erholten.
„Dorthin“, meinte Weißwolf schließlich, auf eine kleine freie Fläche zwischen Bäumen deutend, bei welcher bereits ein anderes Schiff wartete.
Wenige Minuten später setzte Hartmann zur Landung an. Sie ließen die Rampe herunter, woraufhin Taravon mit einigen Lakaien eintrat. Auch zwei Rettungssanitäter waren darunter, die sich auf die Intensivmedizin spezialisiert hatten.
„Fragt später“, sagte Weißwolf prompt, da Taravon Hartmann und den Arzt gewahrte und sichtlich perplex wirkte. Beim Heraustreten nahm Weißwolf die Waffen von Hartmann an sich.
Gemeinsam machten Sanitäter und der Arzt Teressis für den Umtransport bereit und lagerten diese in die andere Fähre. Als dies geschehen war, sagte Weißwolf ein knappes Danke zu dem Arzt und betäubte diesen mit einer Injektion eines angepassten Midazolamwirkstoffes. Dann betrat sie mit ihren Verbündeten das Shuttle, welches sie zur nächsten Etappe, einem der Raumhäfen, bringen würde. Da auch zivile Fahrzeuge im Einsatz waren, fiel ihr Start längst nicht auf.
Taravon, Weißwolf und Hartmann saßen schließlich bei Teressis, als ihr Schiff abhob. Zwar hatten sie es noch nicht ganz geschafft, vom Mars zu entkommen, doch gab es zum ersten Mal einen Moment des Aufatmens und der Ruhe. Weißwolf nutzte diese Zeit für die drängenden Fragen, die sie hatte.
„Also“, richtete sie das Wort an Hartmann, „warum habt Ihr mir geholfen?“
„Ich merke“, begann Hartmann, „dass wohl kein Weg an Eurer Hartnäckigkeit vorbei führt. Aber ich schätze“, überlegte er mit Blick auf Taravon, „dass wir jetzt Zeit haben. Die Flucht ist immerhin geglückt.
In dem Sinne: Wir im Geheimdienst wussten, dass Ares in Gefahr schwebte. Wir -“
„Geheimdienst?“, stieg Taravon ein und legte bereits seine Hand an seine Waffe. „Ihr habt hier einen Agenten des Geheimdiensts mitgebracht?“, wandte er sich fassungslos an Weißwolf.
„Er ist unbewaffnet, wie Ihr bemerkt habt und er hat sich als Hilfe herausgestellt“, widersprach Weißwolf. „Hören wir uns erst einmal seine Erklärung an, ehe wir überstürzte Handlungen ergreifen.“
„Lieb von Euch“, grinste Hartmann, ehe er fortfuhr, wo er aufhörte, da Taravon keine Widerworte von sich gab. Er nickte nur. „Nun, wir wussten, dass jemand aus dem Ministerium kompromittiert war. Ein einfacher Hinterhalt wäre bei seinem Skaphander jedoch niemals geglückt. Selbst wenn, wie sich später herausstellte, Martinez ein oder zwei Beschützer überwunden hätte, so wäre sie dennoch nicht an Ares herangekommen. Sie hätte nicht die Waffen dafür gehabt und so wähnten wir uns mit der Schutztruppe sicher.
Der Angriff, der dann stattfand, war jedoch ein ganz anderes Kaliber. Unsere Spezialisten klinkten sich im Nachgang auf den Faden, sie sammelten die Transponder zusammen und brachten, wo sie Überreste fanden, diese mit den Geräten zusammen zurück. Sie haben bestätigt, dass die Einschusstrichter nicht von Personenwaffen stammen konnten, sondern größere Artillerie im Spiel war, wobei man die Stellungen des Gegners nicht hatte ausmachen können. Die Skaphander jedenfalls hatten gegenüber solchen Geschossen keine Chance und nachdem es zwei Überlebende gab, legten viele ihre Hand dafür ins Feuer, dass der Unbekannte, vermeintlich also Ihr“, meinte er mit Blick auf Weißwolf, „kommen und Teressis' ausschalten würde.
Sie war jedoch noch nicht bereit für einen Transport in eine sicherere Anlage, sie war ohnehin mehr tot als lebendig, als sie im Ministerium eintraf und so stellte man sie hier unter Schutz. Doch passte etwas nicht, immerhin war sie zuvor versorgt worden. Wieso, fragte ich mich, sollte jemand, der gerade ein Massaker angerichtet und Ares getötet hatte, die Zeit dafür investieren, Teressis zu retten? Ein anderer hätte es nicht sein können, so verstreut wie die Leichen lagen. Es wäre für einen Attentäter also einfacher gewesen, ihr den Gnadenschuss zu geben, um alle Zeugen zu beseitigen, als plötzlich irgendeine Art von Mitleid zu entwickeln. Vor allem, wenn man vorher mit schweren Geschützen hantiert und vermutlich gar nicht sieht, was konkret vorgefallen ist.“
„Und weiter?“, fragte Taravon.
„Als ich sah, wie in der Stadt das Chaos ausbrach, war mir bewusst, dass dies eine Ablenkung war, um zu Teressis zu gelangen und ich hatte recht damit. Doch hattet Ihr nicht vor, sie zu töten, sodass ich Euch gewähren ließ. Bei Licht betrachtet handelte es sich um eine Rettungsmission, die Ihr ausgeführt habt, wenngleich diese mit einem äußerst hohen Blutzoll einhergegangen ist. Aber ich bin mir sicher, dies ist Euch bewusst.
Wozu jedenfalls solltet Ihr Teressis aus dem Ministerium holen? Mein Schuss ins Blaue ist, dass Ihr fürchtet, dass die wahren Angreifer sie in die Finger bekommen könnten.“
„Gut erfasst“, bestätigte Weißwolf. „Teressis ist die einzige Person, die bestätigen kann, dass weder Martinez noch ich etwas mit dieser Tat zu tun haben, Kompromittierung hin oder her. Sie ist die Einzige, die publik machen kann, dass es sich um eine ganz andere Partei handelte, die Ares das Leben nahm und ich denke, das wird für einige Verwerfungen sorgen.“
„Und deswegen bin ich nun hier“, bemerkte Hartmann nickend. „Ihr sucht die Wahrheit in dieser Sache und auch mich interessiert brennend, was hinter den Kulissen gespielt wird. Ich habe keine Ahnung, wie Ihr überhaupt in diese Situation passt und mir ist schleierhaft, was das Attentat bezwecken sollte, geschweige denn, wie es überhaupt durchgeführt werden konnte. Aber Ihr tut recht daran, Teressis vom Ministerium fortzuschaffen. Denn so kann sie in Sicherheit sein. Genügt Euch diese Erklärung?“
„Sie ist jedenfalls für mich sehr überzeugend“, sprach Weißwolf anerkennend. „Was nun die anderen angeht“, führte sie mit Blick auf Taravon aus, „so kann ich nicht für sie sprechen.“
„Das werden andere zu beurteilen haben“, äußerte sich Taravon skeptisch. „Für den Moment jedoch lasse ich euch beide gewähren.“
„Landeanflug, bereitmachen“, erschallte es schließlich über die Lautsprecher des Schiffes.
Die beiden Piloten hatten sie zu einem der kleinen Raumhäfen geflogen. Es war das Äußerste, was sie in dem engen Zeitfenster tun konnten. Eine Stunde hatte Taravon verordnet, mehr sollte nicht vergehen, da die Transitflüge von und nach Mars durch die Ereignisse sicherlich bald ausgesetzt sein würden. Allgemein schien ihm, als war schon zu viel Zeit verstrichen.
Im Moment jedoch, wo man noch alles daran setzte, Herr über die Lage zu werden und vor allem das Schicksal von Athene zu klären, hatten die Behörden genug zu tun. Eine allgemeine Quarantäne galt noch nicht. Lediglich die Starts größerer Fähren und kommerzieller Transportschiffe waren bislang ausgesetzt worden, nicht jedoch die Flüge von Privatpersonen mit gültigen Codes.
Es begann derselbe Prozess der Verlagerung von Teressis, diesmal in ein weiteres Transportschiff und dieses Mal, um den Mars endlich zu verlassen. Entsprechend eilig hatten es auch alle Beteiligten.
Das innerliche Aufatmen, als sie den Orbit erreichten, war jedem von ihnen anzusehen. Spätestens jetzt war Weißwolf, wenn auch unbekannter Weise, die meistgesuchte Person des ganzen Sonnensystems und doch wusste sie den Vorteil ihrer Identität auf ihrer Seite. Niemand würde sie ausfindig machen können, wenn sie untergetaucht war und Taravon hatte sich seinerseits versichert, dass lose Enden, die mit den Sprengsätzen und den Aktivitäten auf dem Mars in Verbindung standen, abgetrennt wurden.
„Dann kommen wir jetzt zum wichtigsten Punkt“, durchbrach Taravon die Stille und zog zwei zwei schwarze Säcke hervor.
„So wie Ihr habe ich damals auch geschaut“, lächelte Weißwolf, da sie Hartmanns irritierten Blick bemerkte.
„Ihr habt nur mehr gestunken als er“, meinte Taravon bissig.
„Vertrauen wir denn einander immer noch nicht?“, wollte Weißwolf wissen.
„Nach all dem, was hier los war und wen Ihr hier mitbrachtet?“, fragte Taravon rhetorisch.
„Es soll mir recht sein“, erklärte Hartmann gelangweilt. „Ich bin dieses Risiko eingegangen und ich werde den Weg bis zum Ende gehen.“
„Sehen Sie?“, staunte Taravon gegenüber Weißwolf, als er Hartmann den Sack über den Kopf zog. „So sieht Kooperation aus. Jetzt bitte noch den Arm“, forderte er von Hartmann. Wir haben guten Grund, doppelte Sicherheit walten zu lassen. Nicht allein in Anbetracht der Lage, sondern auch gegenüber unseres Reiseziels.“
Hartmann streckte seinen linken Arm aus. Taravon schob sein Hemd nach oben und injizierte ihm Flurazepam. Es war ein Schlafmittel, welches eine Person stundenlang außer Gefecht setzen konnte. So dauerte es auch nicht lange und Hartmann war bereits nicht mehr zugeben, als Taravon die gleiche Prozedur bei Weißwolf begann.
„Großartig“, knirschte sie, als Taravon die Injektion ansetze, „der nächste Kater und das ganz ohne Alkohol“, sprach sie, wobei die letzten Worte bereits verwaschen klangen und in einem Sabbern ihrerseits endeten.
„Was für ein Tag“, hauchte Taravon schließlich aus, nahm wieder Platz und schloss ebenfalls seine Augen. Der Flug war lang. „Was hat sich Strenov nur dabei gedacht, sie hier machen zu lassen?“, fragte er zu sich selbst und begann, sich auszuruhen.
Weißwolf stand entgeistert auf der Anhöhe und beobachtete das Treiben. Sie hatte die letzten Minuten geradezu auf Kohlen gestanden. Die Übertragung, der die Menschen draußen in stiller Andacht folgten, hatte sie kaum wahrgenommen und das, obwohl die Lautstärke des Sacerdotis über das gesamte Areal dröhnte.
Punktgenau hatten die Detonationen schließlich ausgelöst. Im ganzen Gebiet um sie herum erschallten kurz darauf Sirenen in der gesamten Umgebung, waren Feuer und Rauch zu sehen. Doch was sich vor ihrem Auge abspielte, dass konnte Weißwolf sehen, aber noch nicht ganz begreifen. Auch Taravon stand sichtlich schockiert vor dem, was sich da gerade vor ihnen entwickelte.
Die Übertragung war abgebrochen, kurz nachdem die Sprengsätze detoniert waren. Es schien für einen Augenblick, als sei dies alles gewesen und es breitete sich bereits ein gewisser Schockzustand unter den Menschenmassen aus. Sie alle wunderten sich, was gerade geschehen war.
Doch dann änderte sich die Lage. Ein Zittern glitt durch den gesamten Untergrund hinweg und der Tempel kippte in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Ein Teil seiner Weißwolf und Taravon zugeneigten Kante stürzte komplett in sich zusammen. Die Menge, sicherlich mehrere Zehntausend, die draußen wartete und die Andacht über die vorherige Holografie verfolgte, zerstreute sich von Schrecken gepackt. Schreie gellten in dem unaufhörlichen Beben, welches die gesamte Ebene erfasst hatte, und auch die Soldaten schafften es nicht, Ordnung in das wilde Treiben zu bringen. Zu groß waren die Verwerfungen.
Abseits der Verletzten und zweifelsohne zahlreichen Toten im Inneren des Tempels kam es durch das Chaos um den Tempel herum ebenfalls zu niedergetrampelten, gestoßenen und anders verwundeten auf der freien Parkfläche darum. Tausende stürzten übereinander bei der wilden Flucht, die sie alle gepackt hatte, als das monumentale Bauwerk zusammenbrach.
Selbst einzelne Schüsse waren zu hören, da die Stellungen der Soldaten an manchen Stellen schlicht von den verängstigten Menschen überrannt wurden und man sich nur auf diese Weise zu wehren wusste. Das Entsetzen war greifbar, es hing in der Luft wie die Geräusche der Schreie und auch die Gerüche von Blut und dem aus dem Tempel aufsteigenden Rauch.
„Sagt Ihr mir wohl“, setzte Weißwolf vor diesen Bildern der Vernichtung an, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, „was ihr genau für eine Bombe gelegt habt?“
„Kaum größer als die anderen. Wir wollten hier natürlich die stärkste Ladung nutzen, so, wie es zum Zwecke der Ablenkung vereinbart war“, er überlegte, „vermutlich muss ein Fusionsreaktor des Tempels dabei beschädigt worden sein. Ich gehe davon aus, dass die Schäden in den Hochdrucksystemen und Kühlanlagen hinreichende thermische und mechanische Kräfte freisetzten.
Alleine der thermische Schock des Heliums dürfte ausreichend für dieses Spektakel gewesen sein und da wären die supraleitenden Systeme noch nicht einmal mit einberechnet. Ich kann nur mutmaßen“, gestand Taravon, „was konkret vorfiel, doch irgendwas dieser Art wird es sein. Im schlimmsten Fall ist die Umgebung sogar verstrahlt.“
„Auf der wohl positiven Seite wird das einiges mehr an Aufruhr verursachen“, sagte Weißwolf, die Augen schließend. Die Frage, was sie hier gerade getan oder zugelassen hatte, konnte sie sich noch nicht stellen, dafür würde es eine andere Zeit geben. Gemessen an dem, was sie vorhatte, dürfte sich dieser Zufall jedoch weniger als Problem, sondern vielmehr als Glück erweisen. „Ich höre die Sirenen der Rettungsschiffe“, sagte sie schließlich.
„Meine Beobachter melden, dass auch das Ministeriumsspital Rettungsfahrzeuge entsandt hat“, bestätigte Taravon. „Die ganze Administration ist in Aufruhr. Ihr hattet recht, man setzt alles, was man hat, in Bewegung. Es geht also los.“
Ihr Plan gedieh bisher, doch der Preis, der dafür bezahlt wurde, war bereits zu diesem Zeitpunkt hoch. Auch stand der schwierige Teil erst noch an. Jetzt galt es, eine der Rettungsfähren zu kapern.
„Dann lasst uns opponieren, unser Zeitfenster ist immerhin eng getaktet“, meinte Weißwolf und setzte sich in Bewegung, den Hang hinab in Richtung des südlichen Tores. „Gebt mir Bescheid, was sich über Funk tut und welche Bewegungen der Truppen es gibt, sofern Ihr diese nachvollziehen könnt. Wir treffen uns wie besprochen an Eurer Landefähre.“
Weißwolf hatte keine Probleme damit, sich unter die Menschen zu mischen. Das gesamte Areal war voll von ihnen. Manche flüchteten noch immer, versuchten Abstand zum Tempel zu gewinnen, manche hatten sich erschöpft auf den Boden fallen lassen und andere wurden bereits als Verletzte von Zivilisten wie den Soldaten erstversorgt.
In all dem Chaos gingen schließlich einzelne Rettungsfähren nieder, die aus verschiedenen Teilen der Stadt kamen. Sanitäter, Ärzte und andere verfügbare Kräfte triagierten die Verwundeten, während sich ein Großaufgebot der Rettungskräfte um den Tempel selbst versammelte, wo nicht nur die meisten Opfer zu beklagen waren, sondern zugleich auch die Frage nach den im Inneren befindlichen Menschen stand. Doch selbst hier, in den Ausläufern des großen Parks, war die Situation wüst und von vielen Schwerverletzten geprägt. Zu gewaltig waren die Menschenmassen, als dass diese sich leicht hätten verstreuen können.
Weißwolf näherte sich einer der Fähren aus dem Ministerium, die in ihrer Nähe zu landen begann. Sie kannte die Gefährte und wusste sie somit von den anderen zu unterscheiden.
Das Personal stieg weitgehend aus und machte sich an die Versorgung, Weißwolf spähte hinein: Ein einzelner glücklicherweise weiblicher Sanitäter war noch zugegen. Als dieser ebenfalls aussteigen wollte, drängte Weißwolf die Frau ins Innere und überwältigte sie rasch. Präzise zog Weißwolf die Dienstkleidung der Frau sowie ihre eigene aus und zog die grünen Gewänder an. Zwar passte Weißwolf die Kleidung nicht perfekt, doch genügte es für die Scharade.
Weißwolf gab der anderen Frau, nachdem sie dieser ihr eigenes Hemd übergestreift hatte, ein tiefes Beruhigungsmittel, sodass es wirkte, als sei sie von dem Unglück benommen. Sie würde als verletzter Zivilist gelten. Weißwolf rief zwei Soldaten herbei, damit man sie aus dem Shuttle brachte und Platz für die schweren Fälle schaffen konnte. Immerhin waren ihre Vitalwerte völlig in Ordnung, sie war nur weggetreten.
Mit jenen Schwerverletzten galt es nun, die Fähre so schnell wie möglich zu füllen und zum Ministerium zu fliegen. Weißwolf trat mit den Soldaten heraus, die die Frau an einem freien Stück Gras ablegten.
„So etwas habe ich noch nicht gesehen“, konstatierte ein beistehender Sanitäter, der einen der Verletzten versorgte und von Soldaten über eine Trage in die Fähre bringen ließ.
„Stimmt“, meinte ein anderer Soldat, der zum Schutz eingeteilt war. „Zeitlebens waren die Aufgaben eher schlicht und es jetzt so etwas.“
„Da drüben“, sagte Weißwolf auf eine Reihe Versehrter zeigend, „sind noch schwerer Verletzte, die Ärzte haben sie für den Transport markiert. Bringt sie ins Shuttle und lasst die ersten mitnehmen. Wir haben hier nicht genug Ärzte, geschweige denn Apparate für die Vorortversorgung.“
„Jawohl“, ließ sich der Soldat vernehmen und gellte ein paar Befehle durch die Umgebung.
Im Shuttle waren es Weißwolf und ein anderer Sanitäter, die für die acht Personen, die auf vorbereiteten Liegeplätzen festgeschnallt waren, verantwortlich zeigten. Vorne im Schiff saß ein weiterer Sanitäter, der zugleich der Pilot war. Soldaten hatten sie nicht begleitet, diese waren alle am Boden geblieben und folgten, jedenfalls in den Bereichen, in denen Ordnung geschaffen war, den Anweisungen des Notfallpersonals.
Aus der Vogelperspektive bot sich noch einmal ein ganz anderes Bild. Die Soldaten hatten zahlreiche Landeflächen freigemacht. Zivilisten, die unverletzt schienen oder nur kleine Schrammen aufwiesen, wurden aus dem Gelände gedrängt.
Unterschiedlichste Shuttles landeten im Minutentakt, nahmen schwer Verletzte auf und flogen wieder davon, um die schlimmsten Fälle in den Einrichtungen der Stadt versorgen zu können. Trotz der schwerwiegenden Situation war das Agieren der Einsatzkräfte professionell. Die Ärzte begutachteten die unterschiedlichen am Boden liegenden Menschen und markierten diese. Die allermeisten Markierungen waren zwar gelber Farbe und damit von geringerer Priorität. Doch gemessen an den Menschenmassen waren die demgegenüber weniger roten und in Teilen auch schwarzen Markierungen, die für kritische Zustände sowie den bereits eingetretenen Tod standen, dennoch von signifikantem Ausmaß.
„Wie sieht es hinten aus?“, wollte der Pilot wissen, als er zur Wende ansetzte und das Ministeriumsspital ansteuerte.
„Die meisten sind stabil genug, nur bei Zweien fällt der Blutdruck rapide“, äußerte sich der andere Sanitäter. „Wie lange noch?“
„Wenige Minuten, wir sind bereits im Sinkflug“, antwortete er, ehe er sich über die Funkverbindung an die Leitstelle wandte. „Flugleitstrahl vierzehn, acht Schwerverletzte geladen“, ließ er sich vernehmen.
„Näheres zum Schaden?“, wollte der Mitarbeiter der Leitstelle wissen.
„Synkope bei allen, verschiedene Frakturen, teils offen. Blutdruck kritisch bei Zweien. Notfallmäßige Versorgung und Stabilisierung erfolgt, Innere Blutungen und weitere Gewebeschäden sind nicht auszuschließen.“
„Hangar achtzehn, der Leitstrahl wird eingestellt“, meinte der Mann in der Leitstelle.
„Ist schon Näheres über die Opferzahl bekannt?“, fragte Weißwolf, die mit dem anderen Sanitäter soweit es ging ein Auge auf die Verletzten hatte.
„Die Rede ist von über siebzehn Detonationen im nahen Stadtgebiet“, antwortete der Pilot, „plus der Sturz der hohen Halle. Die allermeisten Umstehenden werden vergleichsweise unproblematisch zu versorgen sein, wenn sie erst stabilisiert und unter Beobachtung stehen, doch die Situation im Inneren ist völlig außer Kontrolle.“
„Was ist dort los?“, wollte nun auch der andere Sanitäter wissen, als er einem der beiden Patienten mit extremer Hypotonie Ephedrin spritzte. Die Werte des Verletzten besserten sich zumindest etwas daraufhin.
„Die ganze Halle brach in sich und es wird nur schwer gelingen, die Verschütteten zu bergen. Niemand weiß, wie viele darin noch leben oder wie die Situation überhaupt aussieht, sintemal bereits die Sicherung der Eingangsbereiche Schwierigkeiten bereitet. Man fürchtet, der Rest das Bauwerks stürzt auch ein, sodass Maßnahmen ergriffen müssen, um die Bergungsarbeiten überhaupt einzuleiten. Zehntausende, die der Tempel fasst, doch gelangten nur wenige hinaus“, er schüttelte den Kopf, „es ist ein Albtraum. Habt Ihr Angehörige dort?“
„Betrifft uns diese Malaise nicht ohne biologische Bande?“, fragte Weißwolf demgegenüber. „Immerhin fließt in einem jeden von uns rotes Blut.“
„Würden nur mehr so denken“, seufzte der andere Sanitäter. „Doch sieht man ja, zu welchem Entsetzen manche fähig sind. Es sind zu viele Anschläge in der letzten Zeit, zu viele, die sich einem vernünftigen Zusammenleben verweigern.“
„Die Ungläubigen?“, fragte Weißwolf.
„Eben die.“
„Aber kann es nicht sein, dass die zunehmenden Repressalien durch die Armee und die Hautevolee überhaupt erst zu dem Ärger führten, den viele verspüren?“, fragte Weißwolf weiter. „Vielleicht ist es Blindheit gegenüber dem Elend, welche wir ablegen sollten.“
„Diese Worte“, mischte sich der Pilot ein, „mögen leicht als Häresie missverstanden werden. Doch weiß ich, was Ihr meint, der Episcopus hatte Ähnliches erwähnt. Wir täten besser daran, nachhaltige Lösungen zu finden, statt immer mehr Menschen auszugrenzen.“
„Häresie“, wiederholte Weißwolf, ehe sie mit Blick auf ihre eigene Historie fortfuhr, „ich war hiervor im Ministerium an anderer Position, ich habe von innen gesehen, dass die Utopie nur dem Anschein nach funktioniert. Ist es so abwegig, dass manche diesen Anschein entsprechend niederreißen wollen?“
„Ich muss konzedieren, dass hin und wieder sicherlich falsche Götzen angebetet werden“, antwortete der Pilot, „doch verböte es mir mein Gewissen, eine derartige Revolution auszulösen. Wir sehen die Opferzahlen hier, wie soll dies wohl in der galaktischen Dimension aussehen? Könntet Ihr es vertreten, dass so viel Blut an Euren Händen klebt?“
Wenn er wüsste, seufzte Weißwolf innerlich.
„Richtig“, bestätigte der andere Sanitäter, „wir haben den Frieden geschaffen und wir werden ihn gegen diese Aufständischen auch durchsetzen. Ich wünsche mir sehr, dass der Imperator jetzt harte Maßnahmen ergreift.“
„Hinsetzen nun“, sprach der Pilot barsch und unterbrach den Diskurs, „ich schwenke in den Hangar ein.
Die Landung erfolgte knapp und präzise auf einem Feld, welches von bereits vielen Kräften, die die Rettungsarbeiten koordinierten, gefüllt war. Die Rampe glitt auf und Weißwolf stand vor der nächsten Gefahr, vor dem nächsten Schritt ihres Planes.
Das Chaos im Hangar war jedenfalls ebenfalls perfekt. Sanitäter, Ärzte, Militär, sie alle waren beschäftigt und, sicherlich da manche auch bereits seit Stunden auf den Beinen waren, übermüdet und überfordert. In solch einem Geschehen dürfte sich noch keiner von ihnen zuvor befunden haben. Es war für sie ein Leichtes, durch diese Reihen zu schlüpfen und sich von der Besatzung der vormaligen Fähre abzukapseln.
Eine Schlacht eines tatsächlichen Krieges, die diesem Geschehnis noch am nächsten kam, hatte es schließlich seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Sicherlich gab es mitunter das eine oder andere Scharmützel auf den Außenwelten mit verschiedenen Gruppen, die sich wider das Militär und den Imperator stellten. Doch im Kern des Imperiums kümmerten diese vereinzelten Gefechte niemanden und auch draußen auf den Randmonden und den größeren Planetoiden des Sonnensystems waren dies kaum mehr Funken, die rasch im Wind zerstreut wurden.
Nun jedoch war das Gefecht zu eben jenem Kern des Imperiums herangenaht. Dieses Ereignis würde definitiv Ärger provozieren. Weißwolf ging davon aus, dass bald auch die Lateiner auf den Plan treten würden, um die Bataillone zu verstärken und eigene Nachforschungen in der Sache anzustellen. Denn ein Angriff auf die Ecclesia Technologiae stellte einen unmittelbaren Angriff auf deren militärischen Arm dar.
Auch hier, bemerkte Weißwolf, als sie sich orientierte und ihren Weg zu den Stationen suchte, landeten die Shuttles im Minutentakt, lieferten die jeweils schwerer und durch die Triage ausgewählten Patienten ab und flogen wieder davon. Weißwolf nahm sich eines der schwerer verletzten Patienten an und schob diesen in den inneren Spitalbereich und von dort weiter über die Aufzüge zum Sicherheitsbereich.
Dort pflegte man diejenigen Patienten, die unter besonderer Bewachung standen, vielleicht, weil sie Straftäter waren oder weil es sich um wichtige Personen handelte. Es war eine ganze Station, die hinreichend bewacht wurde.
Auf dem Weg versteckte Weißwolf einzelne Granaten, die sie nach belieben zünden könnte, und stahl auch den Arbeitsausweis eines Arztes, als dieser bei einer Behandlung beschäftigt war. Beides war ihre Versicherung, dass nicht nur der Weg hinein, sondern auch hinaus mit Teressis klappen würde. Weißwolf kannte die Pläne und sie fiel dabei nicht auf. Zu beschäftigt waren alle und auch vor dem Sicherheitsbereich lagen bereits Verletzte, die aus Platzgründen nicht anders untergebracht werden konnten.
„Was treibt Ihr hier?“, fragte eine Wache, als sie die Sicherheitsstation betrat, „hört auf, hier diese Leute abzuladen, dieser Bereich ist verschlossen!“
„Nicht mehr“, meinte Weißwolf und zeigte den Ausweis vor, dem sie zuvor dem Arzt abgenommen hatte. Allzu genau schaute niemand sich die Dokumente an, zu unübersichtlich war das Treiben geworden. „Ich brauche die Akten aller Patienten, die hier liegen. Wir haben oben keinen Platz mehr, wie Ihr sicherlich mitbekommen habt und müssen für die schlimmsten Fälle zwingenden Platz schaffen. In der Stadt wird noch immer heftig geschossen, es kommen immer mehr Verletzte an und sofern wir diese nicht noch auf Euren Gängen ablegen sollen, brauchen wir mehr Platz.“
„Was ist denn nur los dort?“, wunderte sich ein anderer Wächter beiläufig und begutachtete die Situation des Hangars über die Monitore.
„Mehrere Angriffspunkte, der Tempel eine Ruine. Also“, forderte Weißwolf erneut, „welcher der hier Gefangenen kommt ohne Maschinen aus? Wem von denen hier“, sie zeigte auf die Verwundeten, „können wir Plätze freimachen? Holt mir endlich den diensthabenden Arzt und das Pflegepersonal herbei.“
„Die sind oben“, sagte die erste Wache, „doch wird ein Transfer unter diesen Umständen anzuraten sein“, überlegte er mit Blick auf die Verletzten. „Im letzten Zimmer liegt eine Frau im künstlichen Koma. Die anderen Patienten können verlegt werden, doch bei dieser sehe ich die Möglichkeit nicht. Ich informiere die Wachen, dass sie sich darum kümmern und informiere die Leitstelle, dass wir hier unten Personal brauchen.“
Der Patient im letzten Zimmer, überlegte Weißwolf. Es musste sich zweifelsohne um Teressis handeln. Sie lebte also noch, ihr fiel geradezu ein Stein vom Herzen.
„Gebt mir die Akten“, forderte Weißwolf, während erste Wache die Befehle für die Verlegungen gab und allmählich weitere Hilfskräfte eintrafen.
Weißwolf nahm sich, als sie die Akten bekam, unverzüglich Teressis' Dossier vor. Ihre Verletzungen waren signifikant, sie würde weder aufzuwecken noch zu befragen sein, sondern sollte, so der letzte Befund, noch für ein paar Tage heilen. Erst dann würde man sie allmählich aus dem Koma aufwecken. Sie überflog die genauen Beschreibungen von Teressis' Verletzungen nur grob.
Nach und nach trudelten immer mehr Wächter und auch Pflegepersonal ein, um die Unterbringungen zu gewährleisten. Diese machten sich zeitnah an die Verlegung. Auch ein Soldat vom Hangar kam herab, mit der Bitte, alle nicht akut bedrohten Patienten der Platzprobleme wegen zu verlegen. Er war sichtlich erstaunt darüber, dass dies schon geschah.
„Da weiß die eine Hand wieder nicht, was die andere tut“, seufzte er und ging, woher er gekommen war.
Auch ein Arzt mischte sich, da Weißwolf gerade ihren Weg ins letzte Zimmer suchte, unter die Anwesenden, um die Lage zu koordinieren. Immerhin waren es pro Zimmer vier bis sechs Patienten und die Station war groß.
Dieser Arzt bemerkte auch, wie Weißwolf das letzte Zimmer betrat und folgte ihr.
„Dieser Patient kann nicht verlegt werden“, sagte die Frau beim Eintreten. „Hat man Euch nicht informiert?“
Weißwolf reagierte Blitzschnell. Sie griff den Arzt hart am Arm, wendete einen Druckpunkt am Hals an und schleifte ihn förmlich aus dem Eingang ins Innere des Zimmers. Dort angekommen richtete sie eine ihrer Waffen auf die Frau. Immerhin war sie nicht ohne Verteidigungsmaßnahmen gekommen.
„Man hat mich informiert und trotzdem: Ihr helft mir jetzt, sie zu verlegen und darüber werde ich keine Debatten führen!“, herrschte Weißwolf den Arzt an.
„Ihr wollt sie entführen? Wie glaubt Ihr denn, hier zu bestehen?“
„Zuvorderst, indem ich Euch mit dem Tode drohe. Los jetzt“, drängte Weißwolf.
Der Arzt tat, wie ihm befohlen. Die Frau, sichtlich nervös im Angesicht der Waffe von Weißwolf, stabilisierte die Atmung, die Medikamente und legte die Überwachung sowie die einzelnen Medikamentenpumpen um, um eine Verlegung überhaupt möglich zu machen. Sie fixierte die Infusionsleitungen und den Tubus, ehe sie das Bett, welches mehr einer Kapsel glich, löste und raus schob.
Weißwolf steckte ihre Waffe weg.
„Wollt Ihr leben?“, fragte Weißwolf.
„Ja.“
„Dann versucht nichts, was mich dazu drängt, irgendwelche Schlechtigkeiten mit Euch anzufangen. Ich werde Euch freilassen, wenn wir hier raus sind.“
„Verstehe“, meinte der Arzt zögernd. „Wohin?“, fragte die Frau schließlich weiter.
„Zum Hangar zunächst“, antwortete Weißwolf, als Detonationen zu hören waren und Alarmsirenen schallten. „Wir holen uns eine Fähre.“
Spürbare Erschütterungen liefen für einen Augenblick durch den Boden und brachten einen Moment des Innehaltens in dem Treiben um die Verlegungen. Weißwolf hatte ihre Granaten gezündet, um weitere Irritationen zu schaffen. Das Chaos war nun perfekt und auch wenn dies die einen oder anderen Opfer mehr forderte, vor allem auch vom beteiligten Rettungspersonal, so war dies, erst recht nach den Geschehnissen um den Tempel, ein geradezu vernachlässigbarer Preis im Kontext ihres großen Plans.
Wie auch bei ihrem Hinweg kümmerte sich niemand um Weißwolf, den Arzt und Teressis' Kapsel. Alle waren mit sich selbst beschäftigt und überall wurden Patienten, teilweise auch in einzelnen Versorgungskapseln, umher geschoben.
Am Hangar fanden noch immer die Shuttleflüge statt. Zwar hatte sich die Lage mittlerweile entspannt und die Frequenz der Starts und Landungen war weit weniger häufig als zuvor. Doch war die Lage noch immer unübersichtlich genug, damit sie ein Shuttle kapern konnte.
Weißwolf navigierte den Arzt mit Teressis an den Rand des Hangars, wo noch ungenutzte Gleiter bereitstanden. Die Soldaten schenkten ihnen ebenso wenig Aufmerksamkeit wie alle anderen, sondern waren mit den vormaligen Explosionen sowie dem allgemeinen Trubel, der neu hereingebrochen war, völlig ausgelastet.
„Und jetzt rein da“, forderte Weißwolf.
„Es würde wirklich schneller gehen, wenn Ihr mir hülftet“, raunte die Frau, „das ist keine Angelegenheit für eine Person. Normalerweise wären wir hier zu sechst, um ihren Zustand überhaupt richtig überwachen zu können. Es kann gut sein, dass sie mir unte den Fingern wegstirbt.“
„Mehr Hände sind nicht da“, meinte Weißwolf und trat hinter dem Arzt, der Teressis in das Shuttle schob, die Rampe empor.
„Das ist nicht ganz richtig“, ließ sich daraufhin eine Stimme am unteren Ende der Rampe vernehmen, als Weißwolf gerade die Rampe schließen wollte. „Ihr könnt meine Hände zur Hilfe haben.“
Weißwolf zögerte keinen Augenblick. Sie wandte sich um und richtete unverzüglich eine Waffe auf den fremden Mann, der sie gerade angesprochen hatte. Zur Sicherheit richtete sie auch die andere Waffe auf den Arzt.
„Ihr machst weiter. Sichert sie für den Flug“, befahl sie dem Arzt, ehe sie sich dem Anderen zuwandte: „Und Ihr, keinen Schritt weiter!“
„Ich stehe schon, keine Sorge“, sprach der Fremde völlig ruhig. „Doch solltet Ihr Euer Gewehr vielleicht nicht auf denjenigen richten, der Euch Hilfe in dieser Situation anbietet. Ich verstehe“, fuhr er nach kurzer Bedenkzeit fort, „dass die Lage äußerst angespannt ist und auch, dass Ihr kaum Zeit zu verlieren habt. Ich bin Hartmann“, stellte er sich vor, „nur ein Agent des Imperiums.“
„Einen anderen Hartmann kannte ich flüchtig.“
„Vielleicht ein Cousin.“
„Er ist tot. Er starb bei der Verteidigung von Ares.“
„Nun, er war nie sehr tüchtig“, gab Hartmann bissig zurück. „Zurück zum Ernst der Lage. Bedenkt Folgendes: Ich hätte Euch verraten können, Euch ohne Zögern bereits in der Station von Teressis den Wachen ausliefern können, doch tat ich dies nicht. Stattdessen könnt Ihr auf meine Hilfe zählen. Nehmt auch gern“, sagte er, während er langsam an sein Halfter griff, „meine Waffe an Euch. Ich komme dafür allerdings hoch, bevor ich hier unten einen, nun ja, Trubel auslöse.“
Er zog seine Pistole und trat einige Schritte voraus, um missliebigen Blicken zu entgehen. Anschließend legte er diese auf ein Regal an der Seite der Rampe. Ähnlich verfuhr er auch mit der Zweitwaffe.
„Wenn wir hier entkommen sind“, begann er erneut und trat vor Weißwolf, „so stellt mir jede Frage, die Ihr stellen wollt. Bis dahin jedoch konzentrieren wir uns auf jenes Entkommen. In Ordnung?“
„Ihr seid ein imperialer Agent und Ihr helft dieser Wahnsinnigen?“, meinte der Arzt schockiert, als die Rampe geschlossen wurde.
„Glauben Sie mir, Teuerste“, erklärte Hartmann höflich, „die Dinge liegen nicht unbedingt so, wie sie scheinen und wer heute Wahnsinnig ist oder als solcher, wie es schon im Werther vor bald tausend Jahren so schön hieß, der mag morgen etwas Außergewöhnliches vollbringen. Denn es sind immer die, die als wahnsinnig gescholten werden, die Unmöglichscheinendes bewirken und bei allem, was ich in der letzten Zeit gesehen habe, werden wir vielleicht so jemanden brauchen können. Also“, brach er nach seiner Rede ab und wurde von einem Moment zum nächsten völlig ernst: „Sagt mir, was braucht Ihr und wie kann ich helfen?“
Zusammen machten sich die drei an die Arbeit, Teressis' Kapsel zu befestigen und für den Flug bereit zu machen.
„Teressis ist bereit für die Reise. Ihre Werte sind soweit stabil“, sagte der Arzt schließlich und begab sich auf einen Platz neben der Kapsel, um Teressis' Vitalwerte im Blick zu behalten. „Ihr Zustand ist dennoch kritisch, bedenkt das. Sie wird zeitnah eine entsprechend intensivmedizinische Betreuung benötigen und wird möglicherweise keinen langen Flug überstehen. Auch können wir nichts für sie tun, wenn ihre Werte plötzlich kippen sollten. Sie braucht Ruhe und kein“, sie stockte und blickte abwechselnd zwischen Weißwolf und Hartmann hin und her, „was auch immer das hier ist.“
„Wir beeilen uns schon“, erwiderte Weißwolf und wollte bereits ins Cockpit gehen.
Hartmann war jedoch schneller. Er setzte sich direkt ungefragt ans Steuer.
„Ich kenne die Codes vielleicht besser als Ihr, gerade in dieser Situation“, sagte er erklärend, „und kann mir vorstellen, dass Ihr lieber ein besonderes Auge auf mich werfen wollt, statt Euch mit der Steuerung dieser Barke zu befassen.“
Weißwolf nickte. Bereits der letzte Hartmann hatte sie positiv überrascht, da er sich als Kritiker des imperialen Sohnes entpuppte und sogar diese kleinen Wetten um Ares' Fettnäpfchen veranstaltete. Doch bei aller Hilfe, die dieser Hartmann ihr zuteil werden ließ, konnte sie sich noch keinen Reim auf ihn machen. Was hatte er wohl vor? Sie würde Vorsicht walten lassen müssen.
Hartmann übermittelte die Transfercodes. Er hatte das Shuttle als neues Transportschiff von Verwundeten eingerichtet und passierte direkt danach die Kontrollsysteme des Hangars.
„Wo müssen wir hin?“, fragte er anschließend.
„Auf eine Anhöhe, unweit südlich des Tempels“, meinte Weißwolf und betrachtete die Umgebung. „Ich zeige sie Euch, wenn wir in Reichweite sind. Kurs halten.“
Hartmann richtete das Shuttle auf ihr Ziel aus. Sie flogen eine ähnliche Strecke zurück, wie sie zuvor ankamen. Noch immer schwelte Rauch über Teilen der Stadt, noch immer schien es innerhalb des Tempels zu glimmen. Das Gewimmel am Boden hatte sich weitgehend gelegt und die Soldaten übernahmen allmählich die größte Präsenz. Dennoch stiegen auch immer wieder noch Gleiter auf und landeten, um Versehrte zu versorgen und abzuholen. Auch die minder schweren Fälle wurden allmählich berücksichtigt, sofern sie sich nicht bereits von selbst erholten.
„Dorthin“, meinte Weißwolf schließlich, auf eine kleine freie Fläche zwischen Bäumen deutend, bei welcher bereits ein anderes Schiff wartete.
Wenige Minuten später setzte Hartmann zur Landung an. Sie ließen die Rampe herunter, woraufhin Taravon mit einigen Lakaien eintrat. Auch zwei Rettungssanitäter waren darunter, die sich auf die Intensivmedizin spezialisiert hatten.
„Fragt später“, sagte Weißwolf prompt, da Taravon Hartmann und den Arzt gewahrte und sichtlich perplex wirkte. Beim Heraustreten nahm Weißwolf die Waffen von Hartmann an sich.
Gemeinsam machten Sanitäter und der Arzt Teressis für den Umtransport bereit und lagerten diese in die andere Fähre. Als dies geschehen war, sagte Weißwolf ein knappes Danke zu dem Arzt und betäubte diesen mit einer Injektion eines angepassten Midazolamwirkstoffes. Dann betrat sie mit ihren Verbündeten das Shuttle, welches sie zur nächsten Etappe, einem der Raumhäfen, bringen würde. Da auch zivile Fahrzeuge im Einsatz waren, fiel ihr Start längst nicht auf.
Taravon, Weißwolf und Hartmann saßen schließlich bei Teressis, als ihr Schiff abhob. Zwar hatten sie es noch nicht ganz geschafft, vom Mars zu entkommen, doch gab es zum ersten Mal einen Moment des Aufatmens und der Ruhe. Weißwolf nutzte diese Zeit für die drängenden Fragen, die sie hatte.
„Also“, richtete sie das Wort an Hartmann, „warum habt Ihr mir geholfen?“
„Ich merke“, begann Hartmann, „dass wohl kein Weg an Eurer Hartnäckigkeit vorbei führt. Aber ich schätze“, überlegte er mit Blick auf Taravon, „dass wir jetzt Zeit haben. Die Flucht ist immerhin geglückt.
In dem Sinne: Wir im Geheimdienst wussten, dass Ares in Gefahr schwebte. Wir -“
„Geheimdienst?“, stieg Taravon ein und legte bereits seine Hand an seine Waffe. „Ihr habt hier einen Agenten des Geheimdiensts mitgebracht?“, wandte er sich fassungslos an Weißwolf.
„Er ist unbewaffnet, wie Ihr bemerkt habt und er hat sich als Hilfe herausgestellt“, widersprach Weißwolf. „Hören wir uns erst einmal seine Erklärung an, ehe wir überstürzte Handlungen ergreifen.“
„Lieb von Euch“, grinste Hartmann, ehe er fortfuhr, wo er aufhörte, da Taravon keine Widerworte von sich gab. Er nickte nur. „Nun, wir wussten, dass jemand aus dem Ministerium kompromittiert war. Ein einfacher Hinterhalt wäre bei seinem Skaphander jedoch niemals geglückt. Selbst wenn, wie sich später herausstellte, Martinez ein oder zwei Beschützer überwunden hätte, so wäre sie dennoch nicht an Ares herangekommen. Sie hätte nicht die Waffen dafür gehabt und so wähnten wir uns mit der Schutztruppe sicher.
Der Angriff, der dann stattfand, war jedoch ein ganz anderes Kaliber. Unsere Spezialisten klinkten sich im Nachgang auf den Faden, sie sammelten die Transponder zusammen und brachten, wo sie Überreste fanden, diese mit den Geräten zusammen zurück. Sie haben bestätigt, dass die Einschusstrichter nicht von Personenwaffen stammen konnten, sondern größere Artillerie im Spiel war, wobei man die Stellungen des Gegners nicht hatte ausmachen können. Die Skaphander jedenfalls hatten gegenüber solchen Geschossen keine Chance und nachdem es zwei Überlebende gab, legten viele ihre Hand dafür ins Feuer, dass der Unbekannte, vermeintlich also Ihr“, meinte er mit Blick auf Weißwolf, „kommen und Teressis' ausschalten würde.
Sie war jedoch noch nicht bereit für einen Transport in eine sicherere Anlage, sie war ohnehin mehr tot als lebendig, als sie im Ministerium eintraf und so stellte man sie hier unter Schutz. Doch passte etwas nicht, immerhin war sie zuvor versorgt worden. Wieso, fragte ich mich, sollte jemand, der gerade ein Massaker angerichtet und Ares getötet hatte, die Zeit dafür investieren, Teressis zu retten? Ein anderer hätte es nicht sein können, so verstreut wie die Leichen lagen. Es wäre für einen Attentäter also einfacher gewesen, ihr den Gnadenschuss zu geben, um alle Zeugen zu beseitigen, als plötzlich irgendeine Art von Mitleid zu entwickeln. Vor allem, wenn man vorher mit schweren Geschützen hantiert und vermutlich gar nicht sieht, was konkret vorgefallen ist.“
„Und weiter?“, fragte Taravon.
„Als ich sah, wie in der Stadt das Chaos ausbrach, war mir bewusst, dass dies eine Ablenkung war, um zu Teressis zu gelangen und ich hatte recht damit. Doch hattet Ihr nicht vor, sie zu töten, sodass ich Euch gewähren ließ. Bei Licht betrachtet handelte es sich um eine Rettungsmission, die Ihr ausgeführt habt, wenngleich diese mit einem äußerst hohen Blutzoll einhergegangen ist. Aber ich bin mir sicher, dies ist Euch bewusst.
Wozu jedenfalls solltet Ihr Teressis aus dem Ministerium holen? Mein Schuss ins Blaue ist, dass Ihr fürchtet, dass die wahren Angreifer sie in die Finger bekommen könnten.“
„Gut erfasst“, bestätigte Weißwolf. „Teressis ist die einzige Person, die bestätigen kann, dass weder Martinez noch ich etwas mit dieser Tat zu tun haben, Kompromittierung hin oder her. Sie ist die Einzige, die publik machen kann, dass es sich um eine ganz andere Partei handelte, die Ares das Leben nahm und ich denke, das wird für einige Verwerfungen sorgen.“
„Und deswegen bin ich nun hier“, bemerkte Hartmann nickend. „Ihr sucht die Wahrheit in dieser Sache und auch mich interessiert brennend, was hinter den Kulissen gespielt wird. Ich habe keine Ahnung, wie Ihr überhaupt in diese Situation passt und mir ist schleierhaft, was das Attentat bezwecken sollte, geschweige denn, wie es überhaupt durchgeführt werden konnte. Aber Ihr tut recht daran, Teressis vom Ministerium fortzuschaffen. Denn so kann sie in Sicherheit sein. Genügt Euch diese Erklärung?“
„Sie ist jedenfalls für mich sehr überzeugend“, sprach Weißwolf anerkennend. „Was nun die anderen angeht“, führte sie mit Blick auf Taravon aus, „so kann ich nicht für sie sprechen.“
„Das werden andere zu beurteilen haben“, äußerte sich Taravon skeptisch. „Für den Moment jedoch lasse ich euch beide gewähren.“
„Landeanflug, bereitmachen“, erschallte es schließlich über die Lautsprecher des Schiffes.
Die beiden Piloten hatten sie zu einem der kleinen Raumhäfen geflogen. Es war das Äußerste, was sie in dem engen Zeitfenster tun konnten. Eine Stunde hatte Taravon verordnet, mehr sollte nicht vergehen, da die Transitflüge von und nach Mars durch die Ereignisse sicherlich bald ausgesetzt sein würden. Allgemein schien ihm, als war schon zu viel Zeit verstrichen.
Im Moment jedoch, wo man noch alles daran setzte, Herr über die Lage zu werden und vor allem das Schicksal von Athene zu klären, hatten die Behörden genug zu tun. Eine allgemeine Quarantäne galt noch nicht. Lediglich die Starts größerer Fähren und kommerzieller Transportschiffe waren bislang ausgesetzt worden, nicht jedoch die Flüge von Privatpersonen mit gültigen Codes.
Es begann derselbe Prozess der Verlagerung von Teressis, diesmal in ein weiteres Transportschiff und dieses Mal, um den Mars endlich zu verlassen. Entsprechend eilig hatten es auch alle Beteiligten.
Das innerliche Aufatmen, als sie den Orbit erreichten, war jedem von ihnen anzusehen. Spätestens jetzt war Weißwolf, wenn auch unbekannter Weise, die meistgesuchte Person des ganzen Sonnensystems und doch wusste sie den Vorteil ihrer Identität auf ihrer Seite. Niemand würde sie ausfindig machen können, wenn sie untergetaucht war und Taravon hatte sich seinerseits versichert, dass lose Enden, die mit den Sprengsätzen und den Aktivitäten auf dem Mars in Verbindung standen, abgetrennt wurden.
„Dann kommen wir jetzt zum wichtigsten Punkt“, durchbrach Taravon die Stille und zog zwei zwei schwarze Säcke hervor.
„So wie Ihr habe ich damals auch geschaut“, lächelte Weißwolf, da sie Hartmanns irritierten Blick bemerkte.
„Ihr habt nur mehr gestunken als er“, meinte Taravon bissig.
„Vertrauen wir denn einander immer noch nicht?“, wollte Weißwolf wissen.
„Nach all dem, was hier los war und wen Ihr hier mitbrachtet?“, fragte Taravon rhetorisch.
„Es soll mir recht sein“, erklärte Hartmann gelangweilt. „Ich bin dieses Risiko eingegangen und ich werde den Weg bis zum Ende gehen.“
„Sehen Sie?“, staunte Taravon gegenüber Weißwolf, als er Hartmann den Sack über den Kopf zog. „So sieht Kooperation aus. Jetzt bitte noch den Arm“, forderte er von Hartmann. Wir haben guten Grund, doppelte Sicherheit walten zu lassen. Nicht allein in Anbetracht der Lage, sondern auch gegenüber unseres Reiseziels.“
Hartmann streckte seinen linken Arm aus. Taravon schob sein Hemd nach oben und injizierte ihm Flurazepam. Es war ein Schlafmittel, welches eine Person stundenlang außer Gefecht setzen konnte. So dauerte es auch nicht lange und Hartmann war bereits nicht mehr zugeben, als Taravon die gleiche Prozedur bei Weißwolf begann.
„Großartig“, knirschte sie, als Taravon die Injektion ansetze, „der nächste Kater und das ganz ohne Alkohol“, sprach sie, wobei die letzten Worte bereits verwaschen klangen und in einem Sabbern ihrerseits endeten.
„Was für ein Tag“, hauchte Taravon schließlich aus, nahm wieder Platz und schloss ebenfalls seine Augen. Der Flug war lang. „Was hat sich Strenov nur dabei gedacht, sie hier machen zu lassen?“, fragte er zu sich selbst und begann, sich auszuruhen.
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