frynstaden
Mitglied
Capitulum VIII: De Philosophia Temporis (über die Philosophie der Zeit)
Irgendjemand hatte Weißwolf und Hartmann auf zwei getrennten Betten platziert. Sie erwachten fast zeitgleich, Hartmann etwas eher, und versuchten, sich zu orientieren. Weißwolf legte ihr Gesicht in ihre Hände und stöhnte ob der Kopfschmerzen, die sie wegen der Betäubung hatte. Auch Hartmann wirkte neben der Spur. Nachdem er sich aufgesetzt hatte, ließ er sich zunächst wieder mit einem matten Stöhnen auf die Liege fallen.
„Beschissene schwarze Leinensäcke“, fluchte Weißwolf. Das Licht, welches bereits nur spärlich von der Decke her leuchtete, tat ihr in den Augen weh und schickte Schmerzspitzen von ihren Augen durch ihren Kopf. „Beschissene Sedierung.“
„Hier“, dröhnte plötzlich die Stimme von Taravon in ihren Ohren. „Trinkt daraus, es wird die Schmerzen lindern und Euch wohl einen klareren Kopf verschaffen.“
Taravon saß vor den beiden Betten, neben ihm ein kleiner Tisch mit einigen Ampullen darauf. Eine davon hielt er Weißwolf hin. Ansonsten schien der Raum, bis auf die üblichen Wächter, die nach Weißwolfs Taten gegenüber Mal verstärkt waren und an den Wänden standen, leer. Taravon hatte sich in das Zimmer begeben, als die Wachen davon kündeten, dass ihre beiden Gäste bald aufwachen würden. Er hatte nicht lange warten müssen.
Weißwolf griff zunächst daneben. Sie merkte, dass sie desorientiert war. Dennoch waren die letzten Geschehnisse klar in ihrem Kopf. Der Mars, der Preis für die Rettung von Teressis und ihre Fahrt hierher, wo auch immer dieses Hierher war.
Im zweiten Anlauf griff sie die Ampulle und trank den Inhalt. Es war ein synthetisches Aufputschmittel, welches nicht lange wirkte. Auch Hartmann erhielt von Taravon eine solche Ampulle, um sich zu besinnen, als er sich erneut aufgerichtet hatte.
„Was für ein Trip“, meinte Hartmann schließlich und griff sich an seinen Kopf. „Beim nächsten Mal erschießt mich ruhig.“
„Gemach“, antwortete Taravon und drückte ein paar Tasten an dem Bedienfeld des Tischs.
Es öffnete sich ein holografisches Feld zu seiner linken Seite. Eine Videoübertragung aus den Übertragungsräumen des Informationsministeriums.
„Ein Akt des Terrors“, führte der Moderator, der vor einem sonnenbeschienenen grünen Hintergrund stand, aus, „erschütterte jüngst den Mars. Eine Terrorzelle der Incredulorum legte an verschiedenen Orten Bomben und brachte auch den hohen Tempel zum Einsturz. Die Lage ist unter Kontrolle und mittlerweile konnten die allermeisten Verletzten aus den medizinischen Einrichtungen entlassen werden. Für den Mars gilt seither eine strenge An- und Abflugkontrolle.
Die Behörden arbeiten an der Identifikation der Drahtzieher und haben eine Task Force von verschiedenen Abteilungen gebildet, um herauszufinden, wo die Sicherheitsmaßnahmen versagt haben.
Bisher hat sich herausgestellt, dass der Fall des vormaligen Praefecti mit den Taten auf dem Mars in Zusammenhang steht. Er stand in der unmittelbaren Verbindung zu den Incredulis und hat interne Details der Sicherheitsrichtlinien weitergegeben. Eine Verbindung zu den Geschehnissen, die zum Tode von Ares führten, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen.“
„Ich schätze“, sprach Taravon, die Übertragung beendend, die scheinbar eine Aufnahme von vor einigen Stunden darstellte, zu Weißwolf, „Ihr seid nun berühmt und ich weiß nicht, wie gut mir das gefällt. Aber abseits davon, was ist euch beiden aufgefallen?“, wollte er wissen.
„Sie haben mit keinem Wort Athene erwähnt“, schlug Weißwolf vor.
„Richtig.“
„Und“, führte Weißwolf weiter aus, „ziehen Verbindungen, wo es keine gibt.“
„Wieder richtig.“
„Sie machen sich ihre Welt, wie sie ihnen gefällt“, stieg Hartmann in die Diskussion ein. „Es ist immer die gleiche Sinfonie der Manipulation. Verschweige, was zu verschweigen geht und beziehe unterschiedliche Bereiche in die Tat mit ein. Irgendwas wird immer hängen bleiben und die wahren Kabbalisten bleiben unbehelligt. Hier wird ein Feindbild geschaffen, was gerade nach den versöhnlichen Worten des Sacerdotis wie ein Widerspruch anmutet, die Menschen aber vor jenem Feind vereint und unter der Ägide des Imperiums hält. Ja“, fuhr er fort, „schaut nicht so, natürlich hörte ich mir die Rede an. Jedenfalls bis die Übertragung endete und Ihr“, er warf einen schiefen Blick auf Weißwolf, „mit Eurem kleinen Vabanquespiel begonnen habt.“
„Der Tourist kann wirklich mitdenken“, gestand Taravon.
„Wir sind hier immer noch auf einer Seite“, erklärte Hartmann.
Auch Weißwolf bestätigte dies: „Er hatte jede Gelegenheit, meinen Plan zu vereiteln. Weswegen sollte er das Risiko auf sich nehmen, mich stattdessen zu begleiten?“
„Vielleicht, um unseren Aufenthaltsort mit einem Peilsender kenntlich zu machen?“
„Welch Glück für mich, dass ich daran dachte und erst gar keinen einpackte“, sprach Hartmann gelassen und hielt die Ampulle triumphierend empor.
„Wäre dem so gewesen, hätten wir Euch sowieso bereits ins All befördert. Übrigens euch beide und ich wäre nicht der Diseur, der euch hier unterhalten muss“, gab Taravon spitz zurück. Es war ihm anzusehen, dass er mit Hartmanns Präsenz noch immer nicht glücklich war.
„Ein Verhör hätte ja auch nichts gebracht“, bestätigte Hartmann. „Ich nehme an, dass Eure Einschüchterungsversuche auch bei Weißwolf fruchtlos blieben.“
„Natürlich. Wir wissen um das technozerebrale Training, welches die Agenten erhalten. Es ist schlicht unmöglich, aus diesen Informationen zu ziehen“, pflichtete Taravon bei, „und Weißwolf ist sowieso speziell, wie ich schon lange zuvor erfahren durfte.“
„Jetzt aber immerhin nüchtern“, feixte diese und wurde unmittelbar wieder ernst: „Also, was soll die Zeitverschwendung? Ja, das Imperium wird den Terror auf dem Mars nutzen, um sich seiner Feinde noch rigider zu entledigen, um Aufständische noch mehr zu drangsalieren. Es wird, nach Ares und mit Athene nun, auch eine persönliche Angelegenheit für Zeus werden und –“
„Es ist mir völlig egal, was Ihr glaubt“, unterbrach Taravon sie, wurde jedoch selbst unterbrochen.
In dem Moment, da er weiter sprechen wollte, öffnete sich die Pforte hinter ihm und eine Frau trat ein. Sie war gekleidet in ein rötliches Hemd und eine braune labbrige Hose, kaum anders als Zivilisten der Randwelten. Ein Gürtel hielt sowohl Hemd wie Hose zusammen und gab die Sicht frei auf zwei Schusswaffen, die sie bei sich trug.
„Casta Strenov, verzeiht“, reagierte Taravon geschockt, als er sich nach dem Neuling umblickte. „Mir war nicht bewusst, dass Ihr Euch auch auf Sinope aufhaltet.“
„Strenov“, hauchte auch Weißwolf aus.
Dieser Name, diese Frau, dachte Weißwolf. Nach allem, was sie bisher versuchte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen oder irgendwie in ihre Nähe zu kommen, hätte sie nicht erwartet, dass Stenov geradezu zu ihr kommen würde. Sie gehörte dem inneren Führungszirkel an und stand somit noch eine Stufe oberhalb der übrigen Castae, wenngleich die Rangbezeichnung für alle gleich war.
„Ich hatte den Bedarf, diejenigen, die für all den Aufruhr verantwortlich sind, kennenzulernen, sie mit eigenen Augen zu sehen“, sprach Strenov. „Ich habe eure kleine Auseinandersetzung verfolgt“, meinte sie an die drei gewandt und schritt heran. „Ich stimme derweil Weißwolf zu. Dieser Zores ist Zeitverschwendung und gerade die Zeit ist eine Ressource, mit der wir nicht leichtfertig umgehen sollten. Außerdem“, erklärte sie nun wieder scharf an Taravon gerichtet, „bin ich hier, um einem Verlust unserer Interessen und Integrität vorzubeugen. Bei allem, was mit dem Castae Mal abgesprochen war, scheint es mir doch, als hängt das Syndikat nun tiefer in dieser Sache als zuvor.“
Von draußen kam ein weiterer Wächter, der Strenov einen Stuhl platzierte. Gleich darauf verschwand er wieder.
„Doch kann ich auch gute Dinge erkennen. Es bieten sich bei all dem Aufruhr im System Chancen, die zuvor nicht da waren“, fuhr Strenov nebulös fort, als sie sich setzte und den Vierersitz einnahm. „Aber erst einmal zu euch“, sie wandte sich Weißwolf und Hartmann zu. „Weißwolf“, begann Stenov, „wir wissen von Euch. Wir haben Mal nicht ohne Grund ausgeschickt, um zu prüfen, wie nützlich Ihr sein könnt. Dass Ihr dann in solch ein Aufhebens bei Ares geraten seid, ist nicht Eure Schuld und doch tragt Ihr Verantwortung für die Taten, die folgten. Teressis jedenfalls ist in Sicherheit und Ihr werdet einiges zu erklären haben.
Und Hartmann“, sprach sie schließlich in Richtung ihres anderen Gastes. „Diese harten Männer des Geheimdiensts sind mir regelmäßig untergekommen“, meinte Strenov spöttisch. „Sie haben bisher nicht überlebt, um davon zu erzählen. Doch es kommen immer wieder neue, das ist bemerkenswert. Als ob es davon irgendwo ein Nest gibt.“
„Ja“, pflichtete Hartmann bei, „ich weiß um unsere Verluste gegen das Syndikat. Es war stets ein interessantes Katz- und Mausspiel, was die Arbeit betraf, doch bin ich nicht hier, um derartige alte Streitigkeiten aufleben zu lassen. Ich bin nicht hier als Agent des Geheimdiensts, sondern als Wahrheitssucher.“
„Das habe ich schon gehört, doch ist die Wahrheit flexibel“, sprach Strenov schmallippig. „Was ich noch nicht gehört habe, ist, wie Ihr weiter verfahren wollt?“, fragte sie an Weißwolf gerichtet. „Teressis ruht gesichert in einer anderen Einrichtung von uns, weit weg von den Zentren der solaren Macht. Ihr habt also Gewissheit, dass Teressis nichts zustoßen wird und Ihr ganz offen Eure Gedanken mitteilen dürft.“
„Wir haben nach wie vor keine Namen, keinen Anhaltspunkt für jene, die dies alles ins Rollen brachten“, gab sich Weißwolf zerknirscht.
„Wie wäre es, wenn Ihr mir etwas Neues erzählt, Weißwolf?“
„Unser Feind, wer auch immer das sein mag“, setzte sie an, „wird Teressis sicherlich nicht ohne Not aufgeben. Ihr solltet also vorsichtig sein, selbst wenn Ihr sie in Sicherheit wähnt. Davon abgesehen bin ich mir mit Hartmann einig.“
„Bitte?“, wunderte sich dieser erstaunt.
„Es gibt niemanden, der eine solche Inkursion hätte durchführen können“, meinte Weißwolf.
„Erklärt Euch“, forderte Strenov.
„Der Kosmische Faden wird angelegt, sobald die erste Person transportiert wird. Das war die Gruppe um Hartmann, also den anderen Hartmann, ist das absurd, wenn alle gleich heißen, mich und die anderen vom Ministerium und Geheimdienst. Niemand hätte vor uns da sein können. Als schließlich Ares mit seinen Personenschützern auftauchte, kam es zu Ausschlägen an den Geräten. Soweit normal, doch hätten wir entsprechende Ausschläge bemerkt, wenn jemand die Zeitlinie nach uns betreten hätte. Wie sind die Feinde also unbemerkt zu uns gelangt? Sie konnten nicht vorher kommen, sie konnten aber auch nicht nach uns erscheinen.
Ein weiterer Punkt ist“, setzte Weißwolf sogleich fort, „die Frage nach den schweren Waffen. Wem ist es möglich, Artilleriegeräte, die eigens für den Einsatz gegen Skaphander ausgerichtet sind und weit über die Sprengkraft normaler Personengranaten hinausgehen, zu transportieren? Menschen und deren Material, das ist alles, was wir über die Kapseln zu senden vermögen. Weder das Ministerium, noch der Geheimdienst, wie Hartmann sagte, noch vermutlich die Lateiner selbst verfügen über derartige Technologie. Also was geht hier vor, dass es jemandem möglich ist, auf diese Art und Weise zu walten?“
„Ihr habt recht“, bestätigte Strenov. „Selbst bei allen Dingen, die die Lateiner ihr Eigen nennen, liegt eine solche Technologie weit über ihren Mitteln. Selbst wenn es nur Prototypen wären, mit denen sich die von Euch beschriebenen Geschehnisse bewirken ließen, wäre kaum eine Geheimhaltung bei einem solchen Einsatz möglich. Denn diese Aktion erforderte mehr als nur ein Gerät. Auch wir“, fügte sie noch an, „haben keine derartigen Möglichkeiten. Wobei der Gedanke schön wäre, sich unbemerkt und mit schweren Waffen auf die Kosmischen Fäden mancher zu klinken.“
„Ihr seht also die Widersprüche?“, fragte Weißwolf. „Als ob man wusste, wohin wir gehen. Als ob man alles voraussah, was wir taten und sich entsprechend, wie auch immer, darauf vorbereitete“, sie brach ab. Ihr dämmerte allmählich etwas.
„Letztlich werden wir der Spur der Technologie nachgehen müssen. Die gewaltigen Energiemengen, die schon für die normalen Reisen genutzt werden, können problemlos nachgespürt werden. Ihre Signaturen sind überall dort, wo die Zeitkapseln liegen, offenkundig. Es sollte möglich sein, auf größere Ausschläge zu achten, wobei wir zwingend die Erde in den Blick nehmen müssen“, überlegte Hartmann. „Finden wir die Technologie, dann finden wir auch deren Verantwortliche.“
„Also haben wir ein von intertemporalen Terroristen, welche Ares ausschalteten, gesuchtes Ziel bei uns und wissen nur so viel, dass keine der solaren Kräfte dafür verantwortlich sein kann?“, fasste Taravon die Situation zusammen.
„Oder“, sprach Strenov langgezogen und erhielt sogleich die Aufmerksamkeit aller, „wir erschießen euch alle“, fuhr sie fort und richtete in einer fließenden Bewegung ihre beiden Waffen auf Weißwolf und Hartmann. „Was spräche dagegen, euch beide jetzt aus dem All zu fegen?“
„Der unbekannte Feind“, sprach Weißwolf knapp. „Völlig egal, ob Ihr uns hier tötet, er wird früher oder später auch kommen, um Euch zu holen. Die Gilden, die Syndikate, sie werden genauso eine Bedrohung sein und wenn er Ares ausschalten konnte, wird es ein Leichtes sein, Eure Casta der Reihe nach aufzuknüpfen.
Doch hebt Euch Euer Verdikt auch noch einen Moment länger auf. In unserem Gespräch dämmerte mir etwas. Wenn niemand von uns dafür verantwortlich sein kann, mag die Erklärung woanders liegen und auch wenn ich die eine oder andere Idee habe, so würde ich die Erklärung gerne bei jemandem suchen, der definitiv Ideen dafür haben könnte.“
Strenov zögerte, schien jedoch interessiert zu sein. Denn Weißwolf hatte einen Punkt getroffen. Niemand wusste, wie lang der Arm dieser Unbekannten sein würde und nur weil sie Ares töteten, sozusagen der Feind ihres Feindes sein mochten, waren sie damit noch längst nicht ihre Freunde.
„Ihr habt also eine Reise geplant?“, wollte Hartmann wissen. „Wohin?“
„Es gibt in unserem ganzen Sonnensystem nur eine einzige Person, die sich hierin auskennt, die über die Chronophilosophie Bescheid weiß und uns helfen kann. Wobei das mit dem Sonnensystem so natürlich nicht ganz richtig ist“, erklärte Weißwolf.
„Ich habe von dieser Frau gehört. Ihr wollt also einen Philosophen besuchen?“, wunderte sich Taravon.
„Es ist nur folgerichtig“, antwortete Strenov und ließ ihre Waffen sinken, steckte sie jedoch noch nicht wieder zurück. „Akhito ist eine Koryphäe auf dem Gebiet und sie mag verstehen, wie es möglich ist, sich ohne die Technologie auf die Kosmischen Fäden zu klinken. Sie mag Licht in dieses Dunkel bringen.“
„Also“, setzte Weißwolf an, „werft uns ruhig in die kalte Leere. Ich garantiere Euch, dass Euch am Ende keine Flucht, kein Versteck nützen wird, um Euch zur Sicherheit vor einem Feind zu gereichen, der uns allen in allen Dingen überlegen scheint. Ihr werdet in Angst leben vor denen, die im Dunkeln hinter Euch herum schleichen. Denn selbst wenn ich und Hartmann fort sind, wir diese temporale Verschwörung weiter gehen und Ihr werdet kein ruhiges Auge mehr zu tun können.
Oder Ihr helft uns weiter. Falls Ihr einen Anreiz braucht, dann sicherlich den, dass bei allen Umwälzungen, die im Imperium anstehen mögen, das Syndikat sich einen Vorteil verschaffen kann. Immerhin hattet Ihr selbst von guten Dingen gesprochen, nicht wahr?“
„Wo soll Eure Reise hingehen, wo befindet sich euer Chronophilosoph?“, fragte Strenov, die schließlich die Waffen zurücksteckte. Sie war nun überzeugt, weiterzumachen.
„Am viktorianischen Hof“, meinte Hartmann.
„Sie lehrt also noch immer dort?“, fragte Weißwolf.
„Sie hat diese Zeitlinie, soweit ich weiß, seit Jahren nicht verlassen. Ihr Transponder ist aktiv, sie unterrichtet regelmäßig neue Generationen von Studenten und geht ihren Dingen nach. Wir sollten keine Probleme haben, uns auf den Faden einzuklinken, denn der ist völlig offen.“
„Ihr kennt also das Ziel?“, fragte Taravon.
„Ja“, bestätigte Weißwolf. „Mit vierzehn Jahren studierte ich bereits die Chronophilosophie unter Akhito. Doch muss ich gestehen, dass ich dieser nicht viel abgewinnen und den Seminaren wohl weniger Aufmerksamkeit schenken konnte, als im Nachhinein nötig gewesen wäre.“
„Auch mit Aufmerksamkeit habe ich nichts verstanden“, raunte Hartmann, „nach fünf Minuten, wenn überhaupt, sprengte mit die Lektüre den Verstand und ich war weitaus älter.“
„In Ordnung“, gab Strenov langsam von sich und wandte sich an Taravon, „Erklärt unseren Technikern die Belange, sorgt für eine Überfahrt nach Enceladus und trefft die nötigen Vorkehrungen im Rat. Denn ich werde die beiden begleiten.“
„Casta!“, entfuhr es Taravon, „erlaubt mir, mein Bedenken –“
„Nein“, der Tonfall von Strenov duldete keinen Widerspruch, als sie ihren Untergebenen unterbrach. „Ich bin nicht auf diesem Rang aufgrund eines Mangels an Geschick und Witz. Ich möchte mit eigenen Ohren vernehmen, was die Gründe für all diese Geschehnisse sein mögen.“
„Wie Ihr befehlt“, sprach Taravon und machte sich von dannen.
„Ihr“, sagte Strenov, sich erhebend, an Weißwolf und Hartmann gewandt, „habt noch ein paar Momente, um zu Kräften zu kommen. Speist rasch. Wir werden nach euch schicken, sobald die Route geplant ist.“
Auch sie verließ das Zimmer, sodass nur noch die Wachen zurückblieben. Zwei davon schritten jedoch kurz darauf Strenov hinterher und organisierten Essen für die beiden mehr oder minder Gefangenen.
„So kommen wir also endlich ohne schwarze Säcke aus?“, frohlockte Hartmann.
„Ihr habt ja keine Ahnung, wie oft ich das mit denen schon durchmachen musste. Sie haben uns jedenfalls ganz schön getäuscht, wenn wir hier gerade einmal auf Sinope sind.“
Sinope, einer der äußersten Mondes des Jupiters. Bei der Betäubung hatte Weißwolf damit gerechnet, irgendwo in die Neptunbahn verschlagen zu werden. Doch Sinope lag nur unweit des Mars entfernt. Der Mond war durch seine geringe Größe von gerade einmal fünfunddreißig Kilometern im Durchmesser und seine Entfernung militärisch unbedeutend und für die zivilen Schiffe in einem zu irregulären Orbit, als dass eine Basis sinnvoll erschien. So schien es naheliegend, dass er von Organisationen wie dem Syndikat oder schlichten Schmugglern als Zwischenbasis genutzt wurde.
„Endlich“, sagte Weißwolf, als die Wachen erst zwei kleine Tische herein räumten und schließlich Essbares auftischten.
Sicherlich war das Mahl spärlich. Doch für Weißwolf und auch Hartmann, die nach der langen Bewusstlosigkeit und den Strapazen des Vortags ausgezehrt waren, war bereits das Wasser erfrischend. Selbst die Trockennahrung, die sie über die beistehenden Kanister mit heißem Wasser füllten, verschlangen sie gierig. Erstaunlicherweise schmeckte ihnen diese Nahrung sogar. Sie kam dem nahe, was man sonst als Bohnen und Kartoffeln bezeichnen mochte.
Äußerst pünktlich, Weißwolf und Hartmann waren gerade fertig geworden, erschien Taravon und holte sie ab. Mit einem stummen Fingerzeig gebot er ihnen, ihm zu folgen. Sie eilten einige hundert Meter einen Gang hinauf zu einem Hangar, in dem zwei Raumfähren standen. Gemeinsam mit einigen Wächtern und Stenov betragen sie eine davon, schnallten sich fest und flogen unmittelbar danach in die Dunkelheit hinaus.
Ein Blick nach draußen war nicht möglich. Nicht einmal die Cockpits boten Scheiben. Alles, was an Navigation und Steuerung zur Verfügung stand, verließ sich auf die äußeren Instrumente, die Bilder ins Innere der Schiffe gaben. Die Funktionalität einer stabilen Hülle war in diesen tödlichen Gefilden, die das All nach wie vor darstellte, weitaus wichtiger als der touristische Blick nach draußen zu den Sternen. Zumal man eh kaum etwas erkannt hätte.
Im besten Fall würde man den Jupiter sehen können in einer Größe, die der von Luna auf der Erde entsprach. Vielleicht würde man sogar einen winzigen bläulichen Lichtpunkt, die Erde selbst, ausmachen, der sich gegenüber der kleinen Sonnenscheine abhob. Auch der rötliche Schimmer des Mars oder selbst der grünlich blaue Schein des fernen Uranus wären versierten Beobachtern nicht entgangen. Alles andere, selbst der Saturn mit seinen Ringen, wäre von ihrem Ort aus nur ein kleiner unbedeutender Lichtfleck gewesen und davon abgesehen bot das Universum nichts, was ein Mensch nicht auch von den Oberflächen der Planeten und Monde, die sie kolonisiert hatten, sehen konnte.
„Keine Tüten“, freute sich Weißwolf, als sie die Fahrt nach Enceladus antragen.
„Bilde dir nur nicht zu viel darauf ein“, raunte Taravon noch, ehe er die Augen schloss. „Ruht euch aus“, meinte er fast schon schlafend. „Jetzt habt Ihr die Zeit dazu.“
Fortsetzung kann folgen, sobald Kapitel 9 fertig ist. Wer ernstlich bis hierher gekommen ist und mehr lesen möchte, der möge das bitte hier als Antwort kommunizieren.
Irgendjemand hatte Weißwolf und Hartmann auf zwei getrennten Betten platziert. Sie erwachten fast zeitgleich, Hartmann etwas eher, und versuchten, sich zu orientieren. Weißwolf legte ihr Gesicht in ihre Hände und stöhnte ob der Kopfschmerzen, die sie wegen der Betäubung hatte. Auch Hartmann wirkte neben der Spur. Nachdem er sich aufgesetzt hatte, ließ er sich zunächst wieder mit einem matten Stöhnen auf die Liege fallen.
„Beschissene schwarze Leinensäcke“, fluchte Weißwolf. Das Licht, welches bereits nur spärlich von der Decke her leuchtete, tat ihr in den Augen weh und schickte Schmerzspitzen von ihren Augen durch ihren Kopf. „Beschissene Sedierung.“
„Hier“, dröhnte plötzlich die Stimme von Taravon in ihren Ohren. „Trinkt daraus, es wird die Schmerzen lindern und Euch wohl einen klareren Kopf verschaffen.“
Taravon saß vor den beiden Betten, neben ihm ein kleiner Tisch mit einigen Ampullen darauf. Eine davon hielt er Weißwolf hin. Ansonsten schien der Raum, bis auf die üblichen Wächter, die nach Weißwolfs Taten gegenüber Mal verstärkt waren und an den Wänden standen, leer. Taravon hatte sich in das Zimmer begeben, als die Wachen davon kündeten, dass ihre beiden Gäste bald aufwachen würden. Er hatte nicht lange warten müssen.
Weißwolf griff zunächst daneben. Sie merkte, dass sie desorientiert war. Dennoch waren die letzten Geschehnisse klar in ihrem Kopf. Der Mars, der Preis für die Rettung von Teressis und ihre Fahrt hierher, wo auch immer dieses Hierher war.
Im zweiten Anlauf griff sie die Ampulle und trank den Inhalt. Es war ein synthetisches Aufputschmittel, welches nicht lange wirkte. Auch Hartmann erhielt von Taravon eine solche Ampulle, um sich zu besinnen, als er sich erneut aufgerichtet hatte.
„Was für ein Trip“, meinte Hartmann schließlich und griff sich an seinen Kopf. „Beim nächsten Mal erschießt mich ruhig.“
„Gemach“, antwortete Taravon und drückte ein paar Tasten an dem Bedienfeld des Tischs.
Es öffnete sich ein holografisches Feld zu seiner linken Seite. Eine Videoübertragung aus den Übertragungsräumen des Informationsministeriums.
„Ein Akt des Terrors“, führte der Moderator, der vor einem sonnenbeschienenen grünen Hintergrund stand, aus, „erschütterte jüngst den Mars. Eine Terrorzelle der Incredulorum legte an verschiedenen Orten Bomben und brachte auch den hohen Tempel zum Einsturz. Die Lage ist unter Kontrolle und mittlerweile konnten die allermeisten Verletzten aus den medizinischen Einrichtungen entlassen werden. Für den Mars gilt seither eine strenge An- und Abflugkontrolle.
Die Behörden arbeiten an der Identifikation der Drahtzieher und haben eine Task Force von verschiedenen Abteilungen gebildet, um herauszufinden, wo die Sicherheitsmaßnahmen versagt haben.
Bisher hat sich herausgestellt, dass der Fall des vormaligen Praefecti mit den Taten auf dem Mars in Zusammenhang steht. Er stand in der unmittelbaren Verbindung zu den Incredulis und hat interne Details der Sicherheitsrichtlinien weitergegeben. Eine Verbindung zu den Geschehnissen, die zum Tode von Ares führten, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen.“
„Ich schätze“, sprach Taravon, die Übertragung beendend, die scheinbar eine Aufnahme von vor einigen Stunden darstellte, zu Weißwolf, „Ihr seid nun berühmt und ich weiß nicht, wie gut mir das gefällt. Aber abseits davon, was ist euch beiden aufgefallen?“, wollte er wissen.
„Sie haben mit keinem Wort Athene erwähnt“, schlug Weißwolf vor.
„Richtig.“
„Und“, führte Weißwolf weiter aus, „ziehen Verbindungen, wo es keine gibt.“
„Wieder richtig.“
„Sie machen sich ihre Welt, wie sie ihnen gefällt“, stieg Hartmann in die Diskussion ein. „Es ist immer die gleiche Sinfonie der Manipulation. Verschweige, was zu verschweigen geht und beziehe unterschiedliche Bereiche in die Tat mit ein. Irgendwas wird immer hängen bleiben und die wahren Kabbalisten bleiben unbehelligt. Hier wird ein Feindbild geschaffen, was gerade nach den versöhnlichen Worten des Sacerdotis wie ein Widerspruch anmutet, die Menschen aber vor jenem Feind vereint und unter der Ägide des Imperiums hält. Ja“, fuhr er fort, „schaut nicht so, natürlich hörte ich mir die Rede an. Jedenfalls bis die Übertragung endete und Ihr“, er warf einen schiefen Blick auf Weißwolf, „mit Eurem kleinen Vabanquespiel begonnen habt.“
„Der Tourist kann wirklich mitdenken“, gestand Taravon.
„Wir sind hier immer noch auf einer Seite“, erklärte Hartmann.
Auch Weißwolf bestätigte dies: „Er hatte jede Gelegenheit, meinen Plan zu vereiteln. Weswegen sollte er das Risiko auf sich nehmen, mich stattdessen zu begleiten?“
„Vielleicht, um unseren Aufenthaltsort mit einem Peilsender kenntlich zu machen?“
„Welch Glück für mich, dass ich daran dachte und erst gar keinen einpackte“, sprach Hartmann gelassen und hielt die Ampulle triumphierend empor.
„Wäre dem so gewesen, hätten wir Euch sowieso bereits ins All befördert. Übrigens euch beide und ich wäre nicht der Diseur, der euch hier unterhalten muss“, gab Taravon spitz zurück. Es war ihm anzusehen, dass er mit Hartmanns Präsenz noch immer nicht glücklich war.
„Ein Verhör hätte ja auch nichts gebracht“, bestätigte Hartmann. „Ich nehme an, dass Eure Einschüchterungsversuche auch bei Weißwolf fruchtlos blieben.“
„Natürlich. Wir wissen um das technozerebrale Training, welches die Agenten erhalten. Es ist schlicht unmöglich, aus diesen Informationen zu ziehen“, pflichtete Taravon bei, „und Weißwolf ist sowieso speziell, wie ich schon lange zuvor erfahren durfte.“
„Jetzt aber immerhin nüchtern“, feixte diese und wurde unmittelbar wieder ernst: „Also, was soll die Zeitverschwendung? Ja, das Imperium wird den Terror auf dem Mars nutzen, um sich seiner Feinde noch rigider zu entledigen, um Aufständische noch mehr zu drangsalieren. Es wird, nach Ares und mit Athene nun, auch eine persönliche Angelegenheit für Zeus werden und –“
„Es ist mir völlig egal, was Ihr glaubt“, unterbrach Taravon sie, wurde jedoch selbst unterbrochen.
In dem Moment, da er weiter sprechen wollte, öffnete sich die Pforte hinter ihm und eine Frau trat ein. Sie war gekleidet in ein rötliches Hemd und eine braune labbrige Hose, kaum anders als Zivilisten der Randwelten. Ein Gürtel hielt sowohl Hemd wie Hose zusammen und gab die Sicht frei auf zwei Schusswaffen, die sie bei sich trug.
„Casta Strenov, verzeiht“, reagierte Taravon geschockt, als er sich nach dem Neuling umblickte. „Mir war nicht bewusst, dass Ihr Euch auch auf Sinope aufhaltet.“
„Strenov“, hauchte auch Weißwolf aus.
Dieser Name, diese Frau, dachte Weißwolf. Nach allem, was sie bisher versuchte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen oder irgendwie in ihre Nähe zu kommen, hätte sie nicht erwartet, dass Stenov geradezu zu ihr kommen würde. Sie gehörte dem inneren Führungszirkel an und stand somit noch eine Stufe oberhalb der übrigen Castae, wenngleich die Rangbezeichnung für alle gleich war.
„Ich hatte den Bedarf, diejenigen, die für all den Aufruhr verantwortlich sind, kennenzulernen, sie mit eigenen Augen zu sehen“, sprach Strenov. „Ich habe eure kleine Auseinandersetzung verfolgt“, meinte sie an die drei gewandt und schritt heran. „Ich stimme derweil Weißwolf zu. Dieser Zores ist Zeitverschwendung und gerade die Zeit ist eine Ressource, mit der wir nicht leichtfertig umgehen sollten. Außerdem“, erklärte sie nun wieder scharf an Taravon gerichtet, „bin ich hier, um einem Verlust unserer Interessen und Integrität vorzubeugen. Bei allem, was mit dem Castae Mal abgesprochen war, scheint es mir doch, als hängt das Syndikat nun tiefer in dieser Sache als zuvor.“
Von draußen kam ein weiterer Wächter, der Strenov einen Stuhl platzierte. Gleich darauf verschwand er wieder.
„Doch kann ich auch gute Dinge erkennen. Es bieten sich bei all dem Aufruhr im System Chancen, die zuvor nicht da waren“, fuhr Strenov nebulös fort, als sie sich setzte und den Vierersitz einnahm. „Aber erst einmal zu euch“, sie wandte sich Weißwolf und Hartmann zu. „Weißwolf“, begann Stenov, „wir wissen von Euch. Wir haben Mal nicht ohne Grund ausgeschickt, um zu prüfen, wie nützlich Ihr sein könnt. Dass Ihr dann in solch ein Aufhebens bei Ares geraten seid, ist nicht Eure Schuld und doch tragt Ihr Verantwortung für die Taten, die folgten. Teressis jedenfalls ist in Sicherheit und Ihr werdet einiges zu erklären haben.
Und Hartmann“, sprach sie schließlich in Richtung ihres anderen Gastes. „Diese harten Männer des Geheimdiensts sind mir regelmäßig untergekommen“, meinte Strenov spöttisch. „Sie haben bisher nicht überlebt, um davon zu erzählen. Doch es kommen immer wieder neue, das ist bemerkenswert. Als ob es davon irgendwo ein Nest gibt.“
„Ja“, pflichtete Hartmann bei, „ich weiß um unsere Verluste gegen das Syndikat. Es war stets ein interessantes Katz- und Mausspiel, was die Arbeit betraf, doch bin ich nicht hier, um derartige alte Streitigkeiten aufleben zu lassen. Ich bin nicht hier als Agent des Geheimdiensts, sondern als Wahrheitssucher.“
„Das habe ich schon gehört, doch ist die Wahrheit flexibel“, sprach Strenov schmallippig. „Was ich noch nicht gehört habe, ist, wie Ihr weiter verfahren wollt?“, fragte sie an Weißwolf gerichtet. „Teressis ruht gesichert in einer anderen Einrichtung von uns, weit weg von den Zentren der solaren Macht. Ihr habt also Gewissheit, dass Teressis nichts zustoßen wird und Ihr ganz offen Eure Gedanken mitteilen dürft.“
„Wir haben nach wie vor keine Namen, keinen Anhaltspunkt für jene, die dies alles ins Rollen brachten“, gab sich Weißwolf zerknirscht.
„Wie wäre es, wenn Ihr mir etwas Neues erzählt, Weißwolf?“
„Unser Feind, wer auch immer das sein mag“, setzte sie an, „wird Teressis sicherlich nicht ohne Not aufgeben. Ihr solltet also vorsichtig sein, selbst wenn Ihr sie in Sicherheit wähnt. Davon abgesehen bin ich mir mit Hartmann einig.“
„Bitte?“, wunderte sich dieser erstaunt.
„Es gibt niemanden, der eine solche Inkursion hätte durchführen können“, meinte Weißwolf.
„Erklärt Euch“, forderte Strenov.
„Der Kosmische Faden wird angelegt, sobald die erste Person transportiert wird. Das war die Gruppe um Hartmann, also den anderen Hartmann, ist das absurd, wenn alle gleich heißen, mich und die anderen vom Ministerium und Geheimdienst. Niemand hätte vor uns da sein können. Als schließlich Ares mit seinen Personenschützern auftauchte, kam es zu Ausschlägen an den Geräten. Soweit normal, doch hätten wir entsprechende Ausschläge bemerkt, wenn jemand die Zeitlinie nach uns betreten hätte. Wie sind die Feinde also unbemerkt zu uns gelangt? Sie konnten nicht vorher kommen, sie konnten aber auch nicht nach uns erscheinen.
Ein weiterer Punkt ist“, setzte Weißwolf sogleich fort, „die Frage nach den schweren Waffen. Wem ist es möglich, Artilleriegeräte, die eigens für den Einsatz gegen Skaphander ausgerichtet sind und weit über die Sprengkraft normaler Personengranaten hinausgehen, zu transportieren? Menschen und deren Material, das ist alles, was wir über die Kapseln zu senden vermögen. Weder das Ministerium, noch der Geheimdienst, wie Hartmann sagte, noch vermutlich die Lateiner selbst verfügen über derartige Technologie. Also was geht hier vor, dass es jemandem möglich ist, auf diese Art und Weise zu walten?“
„Ihr habt recht“, bestätigte Strenov. „Selbst bei allen Dingen, die die Lateiner ihr Eigen nennen, liegt eine solche Technologie weit über ihren Mitteln. Selbst wenn es nur Prototypen wären, mit denen sich die von Euch beschriebenen Geschehnisse bewirken ließen, wäre kaum eine Geheimhaltung bei einem solchen Einsatz möglich. Denn diese Aktion erforderte mehr als nur ein Gerät. Auch wir“, fügte sie noch an, „haben keine derartigen Möglichkeiten. Wobei der Gedanke schön wäre, sich unbemerkt und mit schweren Waffen auf die Kosmischen Fäden mancher zu klinken.“
„Ihr seht also die Widersprüche?“, fragte Weißwolf. „Als ob man wusste, wohin wir gehen. Als ob man alles voraussah, was wir taten und sich entsprechend, wie auch immer, darauf vorbereitete“, sie brach ab. Ihr dämmerte allmählich etwas.
„Letztlich werden wir der Spur der Technologie nachgehen müssen. Die gewaltigen Energiemengen, die schon für die normalen Reisen genutzt werden, können problemlos nachgespürt werden. Ihre Signaturen sind überall dort, wo die Zeitkapseln liegen, offenkundig. Es sollte möglich sein, auf größere Ausschläge zu achten, wobei wir zwingend die Erde in den Blick nehmen müssen“, überlegte Hartmann. „Finden wir die Technologie, dann finden wir auch deren Verantwortliche.“
„Also haben wir ein von intertemporalen Terroristen, welche Ares ausschalteten, gesuchtes Ziel bei uns und wissen nur so viel, dass keine der solaren Kräfte dafür verantwortlich sein kann?“, fasste Taravon die Situation zusammen.
„Oder“, sprach Strenov langgezogen und erhielt sogleich die Aufmerksamkeit aller, „wir erschießen euch alle“, fuhr sie fort und richtete in einer fließenden Bewegung ihre beiden Waffen auf Weißwolf und Hartmann. „Was spräche dagegen, euch beide jetzt aus dem All zu fegen?“
„Der unbekannte Feind“, sprach Weißwolf knapp. „Völlig egal, ob Ihr uns hier tötet, er wird früher oder später auch kommen, um Euch zu holen. Die Gilden, die Syndikate, sie werden genauso eine Bedrohung sein und wenn er Ares ausschalten konnte, wird es ein Leichtes sein, Eure Casta der Reihe nach aufzuknüpfen.
Doch hebt Euch Euer Verdikt auch noch einen Moment länger auf. In unserem Gespräch dämmerte mir etwas. Wenn niemand von uns dafür verantwortlich sein kann, mag die Erklärung woanders liegen und auch wenn ich die eine oder andere Idee habe, so würde ich die Erklärung gerne bei jemandem suchen, der definitiv Ideen dafür haben könnte.“
Strenov zögerte, schien jedoch interessiert zu sein. Denn Weißwolf hatte einen Punkt getroffen. Niemand wusste, wie lang der Arm dieser Unbekannten sein würde und nur weil sie Ares töteten, sozusagen der Feind ihres Feindes sein mochten, waren sie damit noch längst nicht ihre Freunde.
„Ihr habt also eine Reise geplant?“, wollte Hartmann wissen. „Wohin?“
„Es gibt in unserem ganzen Sonnensystem nur eine einzige Person, die sich hierin auskennt, die über die Chronophilosophie Bescheid weiß und uns helfen kann. Wobei das mit dem Sonnensystem so natürlich nicht ganz richtig ist“, erklärte Weißwolf.
„Ich habe von dieser Frau gehört. Ihr wollt also einen Philosophen besuchen?“, wunderte sich Taravon.
„Es ist nur folgerichtig“, antwortete Strenov und ließ ihre Waffen sinken, steckte sie jedoch noch nicht wieder zurück. „Akhito ist eine Koryphäe auf dem Gebiet und sie mag verstehen, wie es möglich ist, sich ohne die Technologie auf die Kosmischen Fäden zu klinken. Sie mag Licht in dieses Dunkel bringen.“
„Also“, setzte Weißwolf an, „werft uns ruhig in die kalte Leere. Ich garantiere Euch, dass Euch am Ende keine Flucht, kein Versteck nützen wird, um Euch zur Sicherheit vor einem Feind zu gereichen, der uns allen in allen Dingen überlegen scheint. Ihr werdet in Angst leben vor denen, die im Dunkeln hinter Euch herum schleichen. Denn selbst wenn ich und Hartmann fort sind, wir diese temporale Verschwörung weiter gehen und Ihr werdet kein ruhiges Auge mehr zu tun können.
Oder Ihr helft uns weiter. Falls Ihr einen Anreiz braucht, dann sicherlich den, dass bei allen Umwälzungen, die im Imperium anstehen mögen, das Syndikat sich einen Vorteil verschaffen kann. Immerhin hattet Ihr selbst von guten Dingen gesprochen, nicht wahr?“
„Wo soll Eure Reise hingehen, wo befindet sich euer Chronophilosoph?“, fragte Strenov, die schließlich die Waffen zurücksteckte. Sie war nun überzeugt, weiterzumachen.
„Am viktorianischen Hof“, meinte Hartmann.
„Sie lehrt also noch immer dort?“, fragte Weißwolf.
„Sie hat diese Zeitlinie, soweit ich weiß, seit Jahren nicht verlassen. Ihr Transponder ist aktiv, sie unterrichtet regelmäßig neue Generationen von Studenten und geht ihren Dingen nach. Wir sollten keine Probleme haben, uns auf den Faden einzuklinken, denn der ist völlig offen.“
„Ihr kennt also das Ziel?“, fragte Taravon.
„Ja“, bestätigte Weißwolf. „Mit vierzehn Jahren studierte ich bereits die Chronophilosophie unter Akhito. Doch muss ich gestehen, dass ich dieser nicht viel abgewinnen und den Seminaren wohl weniger Aufmerksamkeit schenken konnte, als im Nachhinein nötig gewesen wäre.“
„Auch mit Aufmerksamkeit habe ich nichts verstanden“, raunte Hartmann, „nach fünf Minuten, wenn überhaupt, sprengte mit die Lektüre den Verstand und ich war weitaus älter.“
„In Ordnung“, gab Strenov langsam von sich und wandte sich an Taravon, „Erklärt unseren Technikern die Belange, sorgt für eine Überfahrt nach Enceladus und trefft die nötigen Vorkehrungen im Rat. Denn ich werde die beiden begleiten.“
„Casta!“, entfuhr es Taravon, „erlaubt mir, mein Bedenken –“
„Nein“, der Tonfall von Strenov duldete keinen Widerspruch, als sie ihren Untergebenen unterbrach. „Ich bin nicht auf diesem Rang aufgrund eines Mangels an Geschick und Witz. Ich möchte mit eigenen Ohren vernehmen, was die Gründe für all diese Geschehnisse sein mögen.“
„Wie Ihr befehlt“, sprach Taravon und machte sich von dannen.
„Ihr“, sagte Strenov, sich erhebend, an Weißwolf und Hartmann gewandt, „habt noch ein paar Momente, um zu Kräften zu kommen. Speist rasch. Wir werden nach euch schicken, sobald die Route geplant ist.“
Auch sie verließ das Zimmer, sodass nur noch die Wachen zurückblieben. Zwei davon schritten jedoch kurz darauf Strenov hinterher und organisierten Essen für die beiden mehr oder minder Gefangenen.
„So kommen wir also endlich ohne schwarze Säcke aus?“, frohlockte Hartmann.
„Ihr habt ja keine Ahnung, wie oft ich das mit denen schon durchmachen musste. Sie haben uns jedenfalls ganz schön getäuscht, wenn wir hier gerade einmal auf Sinope sind.“
Sinope, einer der äußersten Mondes des Jupiters. Bei der Betäubung hatte Weißwolf damit gerechnet, irgendwo in die Neptunbahn verschlagen zu werden. Doch Sinope lag nur unweit des Mars entfernt. Der Mond war durch seine geringe Größe von gerade einmal fünfunddreißig Kilometern im Durchmesser und seine Entfernung militärisch unbedeutend und für die zivilen Schiffe in einem zu irregulären Orbit, als dass eine Basis sinnvoll erschien. So schien es naheliegend, dass er von Organisationen wie dem Syndikat oder schlichten Schmugglern als Zwischenbasis genutzt wurde.
„Endlich“, sagte Weißwolf, als die Wachen erst zwei kleine Tische herein räumten und schließlich Essbares auftischten.
Sicherlich war das Mahl spärlich. Doch für Weißwolf und auch Hartmann, die nach der langen Bewusstlosigkeit und den Strapazen des Vortags ausgezehrt waren, war bereits das Wasser erfrischend. Selbst die Trockennahrung, die sie über die beistehenden Kanister mit heißem Wasser füllten, verschlangen sie gierig. Erstaunlicherweise schmeckte ihnen diese Nahrung sogar. Sie kam dem nahe, was man sonst als Bohnen und Kartoffeln bezeichnen mochte.
Äußerst pünktlich, Weißwolf und Hartmann waren gerade fertig geworden, erschien Taravon und holte sie ab. Mit einem stummen Fingerzeig gebot er ihnen, ihm zu folgen. Sie eilten einige hundert Meter einen Gang hinauf zu einem Hangar, in dem zwei Raumfähren standen. Gemeinsam mit einigen Wächtern und Stenov betragen sie eine davon, schnallten sich fest und flogen unmittelbar danach in die Dunkelheit hinaus.
Ein Blick nach draußen war nicht möglich. Nicht einmal die Cockpits boten Scheiben. Alles, was an Navigation und Steuerung zur Verfügung stand, verließ sich auf die äußeren Instrumente, die Bilder ins Innere der Schiffe gaben. Die Funktionalität einer stabilen Hülle war in diesen tödlichen Gefilden, die das All nach wie vor darstellte, weitaus wichtiger als der touristische Blick nach draußen zu den Sternen. Zumal man eh kaum etwas erkannt hätte.
Im besten Fall würde man den Jupiter sehen können in einer Größe, die der von Luna auf der Erde entsprach. Vielleicht würde man sogar einen winzigen bläulichen Lichtpunkt, die Erde selbst, ausmachen, der sich gegenüber der kleinen Sonnenscheine abhob. Auch der rötliche Schimmer des Mars oder selbst der grünlich blaue Schein des fernen Uranus wären versierten Beobachtern nicht entgangen. Alles andere, selbst der Saturn mit seinen Ringen, wäre von ihrem Ort aus nur ein kleiner unbedeutender Lichtfleck gewesen und davon abgesehen bot das Universum nichts, was ein Mensch nicht auch von den Oberflächen der Planeten und Monde, die sie kolonisiert hatten, sehen konnte.
„Keine Tüten“, freute sich Weißwolf, als sie die Fahrt nach Enceladus antragen.
„Bilde dir nur nicht zu viel darauf ein“, raunte Taravon noch, ehe er die Augen schloss. „Ruht euch aus“, meinte er fast schon schlafend. „Jetzt habt Ihr die Zeit dazu.“
Fortsetzung kann folgen, sobald Kapitel 9 fertig ist. Wer ernstlich bis hierher gekommen ist und mehr lesen möchte, der möge das bitte hier als Antwort kommunizieren.