Cineres Dei Futuri (Zukünftiger Götter Asche)

frynstaden

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Capitulum I: Inter Gigantes (Unter Giganten)

Sie brauchte nur einen Augenblick, um sich auf der freien Fläche zu orientieren, auf die sie unvermittelt transportiert worden war. Ein Augenblick jedoch, der in ihrem Beruf alles kosten konnte. Sie hatte kein Auge für die saftgrünen Wiesen, die urwüchsigen Sträucher und fernen Bäume und die Flugsaurier, die vereinzelt den azurblauen, nur leicht umwölkten Himmel säumten. Hell sandte die Sonne gerade ihre Strahlen über eine fern sichtbare, von Bäumen bedeckte Hügelkette. Ein neuer Tag war am Dämmern.
Stattdessen hatte sie zuvorderst Schmerzen. Wie ein jedes Mal, wenn sie in die Vergangenheit reiste, wenn irgendwer in die Vergangenheit und zurück reiste, waren die Strapazen für den Körper kaum auszuhalten. Nur diejenigen, die körperlich und mental geeignet waren, wurden für Berufe wie die intertemporale Strafverfolgung ausgebildet, aus der sie ursprünglich kam. Die Singularität zerriss einen förmlich und führte den Kosmischen Faden entlang zu einem mehr oder weniger präzisen Zielort. Diese beim Urknall geformten eindimensionalen Strukturen, welche Raum und Zeit des Alls durchqueren, hatte man Mitte des 22. Jahrhunderts entdeckt. Ein paar Jahrzehnte später stellte man schließlich fest, dass sich diese über Singularitäten ansteuern ließen, um verschiedene Punkte der Vergangenheit zu erreichen. Es war die Theorie der vielen Universen, die hierdurch nicht nur Nahrung bekam, sondern die schließlich bestätigt wurde.
Jede Reise bedeutete eine Tortur und war doch unvermeidlich. Sie hatte keine Zeit, sich groß zu dauern oder auf die Leiden ihres Körpers zu achten, sondern zwang sich zur Aufmerksamkeit.
Sie wusste, dass ihr Ziel nahe sein musste und auch, dass es wohl auf der Hut vor Häschern wie ihr wäre. Die Flucht an diesen prähistorischen Ort war überstürzt geschehen. Ein Umstand, der für ihren Auftrag zwar dienlich war, doch war von Anfang an unklar geblieben, mit welchen Waffen oder Unterstützern zu rechnen sein mochte.
Nach der ersten Orientierung, der Vergewisserung, dass zumindest kein unmittelbares Ungemach drohte, widmete sie sich den Anzeigen ihrer Displays am linken Unterarm und vor Augen im Helmvisier. Sie prüfte die Sensorik und die Waffen, ehe sie die Ortung kalibrierte. Erst mit dem bläulichen Ping, der vom Helmdisplay vor ihrem Auge und in einer Distanz von etwa fünfunddreißig Kilometern angezeigt wurde, gewann sie an Ruhe. Unmittelbare Gefahr drohte somit nicht.
Es dürfte einen Tag dauern, bis sie ihr Ziel würde stellen können. Womöglich sogar zwei Tage, wenn es sich weiter entfernte und sie selbst von Hindernissen aufgehalten werden würde.
Hindernisse wie beispielsweise jene anderen Pings auf ihrem Display. Jede größere Bewegung wurde von den Sensoren ihrer Rüstung in Größe und Beschaffenheit erfasst und von der internen Künstlichen Intelligenz in Echtzeit ausgewertet. Bedrohlich waren die Lebewesen freilich nicht, die gerade über sie hinweg flogen. Dies wusste sie bereits aus den Aufzeichnungen sowie den Trainingsstunden. Wohl aber konnte jede Art von Hindernis sie für ihren Gegner verraten, vor allem, wenn es mit einem Schusswechsel oder anderen Auffälligkeiten einhergehen sollte.
Etwa acht Kilometer von ihr entfernt begann das Dickicht des urtümlichen Waldes, einer Düsternis, die sich bis zu den Hügeln dahinter erstreckte. Diese naturbelassene Umgebung würde sie zweifelsohne Zeit und Mühe kosten, was ihrem Ziel für eine bessere Verteidigung gereichen konnte. Ob ein Überraschungsmoment auf ihrer Seite war, vermochte sie unglücklicherweise nicht zu schätzen und auf Glück oder Zufälle wollte sie sich nicht verlassen.
So ließ sie die im Morgendunst befindliche Ebene hinter sich und wandte sich gen Osten, jenem Wald und der steigenden Sonne entgegen. Zweiundreißig Kilometer Luftlinie trennten sie nach der Ebene noch von ihrem Ping. Der Abstand nahm weniger ab, als sie hoffte. Ihr Ziel war in Bewegung.
Bedacht darauf, jedes Bohei zu vermeiden, hielt sie von den größeren Sauriern, die mit dem beginnenden Tag um sie herum zu streifen begannen, Abstand. Trotz der Aufmerksamkeit, die sie den Anzeigen ihrer Geräte schenkte, schenken musste, um nicht sehenden Auges in eine Gefahr zu laufen, verlor sie sich doch in Gedanken. Der Anblick der unberührten Natur lastete auf ihr. Um sie herum befand sich das Urbild dessen, was die Erde ihrer Zeit einmal ausgemacht hatte. Diese einstige Zeit, in der die Menschheit noch nicht einmal als ein ferner Traum bezeichnet werden konnte, in der Prometheus noch nicht vom Himmel gestiegen und den Menschen sein Feuer dargeboten hatte.
Zu ihrer eigenen Zeit jedoch hatte man nicht nur das Feuer gezähmt und machtvolle Fusionsreaktoren erschaffen. Man hatte den Weltraum, zumindest das eigene Sonnensystem, erobert und seit ein paar Dekaden sogar Einsteins Grenzen selbst überwunden. Doch bei all der technologischen Macht, die die Menschheit ihr Eigen nennen konnte, hatte sie es nie mehr in ihrer Geschichte vermocht, der Natur auch nur den Bruchteil der jungfräulichen Schönheit von einst zurückzubringen. Stattdessen war es im Laufe der Jahrhunderte des Homo Faber eher zum Gegenteil gekommen. Das Anthropozän hatte seine Spuren deutlich in der Welt hinterlassen und nicht nur dort, sondern auch auf den übrigen Planeten und Monden, die von der menschlichen Expansion ins All befallen wurden.
Ob dieser Gedanken legte sich Schwermut um ihren Geist. Denn auch die Idylle jener Welt, jener alternativen Erde, war nun befleckt vom Makel der Menschen. Ihre Entwicklung mochte nun einen ganz anderen Verlauf nehmen.
Unvermittelt ertönte fernes dumpfes Donnern, brachte den Boden unter ihren Füßen zur Vibration und lenkte ihre Aufmerksamkeit weg vom Trübsal ihres Geistes. Einzelne Instrumente schlugen kurzzeitig aus und warnten sie, dass sich größere Objekte näherten.
Staunend erblickte sie die Giganten, unter denen sie nun weilte. Von der Lektüre her wusste sie, um welche Lebewesen es sich handelte. Diesen gegenüberzustehen, in den Schatten gestellt zu werden von den Kolossen, der höchste mit immerhin zwölf Metern Höhe, die sich sorgenlos ihren Weg bahnten, war jedoch ein besonderes Ereignis..
Der leicht transparente Ping auf ihrem Display mahnte sie jedoch ihres Auftrags. Sie hatte weder Zeit, sich auszuruhen, noch um die Erhabenheit der hiesigen Fauna zu bewundern. Sie musste weiter und nun bald in den Wald eintauchen, der sich einer großen, grünen Mauer gleich vor ihr ausdehnte und den Blick auf die ferneren Berge versperrte.
Sie tauchte ein in ein dämmriges Zwielicht, da die Kronen der mächtigen Bäume einen großen Teil des Lichts fingen. Von fern waren die Geräusche von Tieren zu vernehmen, die sie nicht zuordnen, geschweige den benennen konnte. Trotz dessen schien ein jedes Knacken der Zweige, ein jedes Rascheln der Blätter unter dem schweren Tritt ihrer Stiefel laut vernehmlich nachzuhallen und die natürlichen Geräusche zu überdecken.
Der Weg durch das Unterholz war mühsamer, als sie zuvor annahm. Mit ihrer Rüstung kam sie zwar problemlos durch das von unzähligen Pflanzen, Ranken und Sträuchern umwucherte Gelände, doch versperrten ihr wiederkehrend Bäume den Pfad, sodass sie sich auf Umwege einlassen musste. Das Entfernen der natürlichen Barrieren, das Brennen einer Schneise durch diesen Wald, kam für sie nicht nur aus Pietätsgründen nicht infrage, sondern auch der Heimlichkeit ihrer Pirsch wegen.
Als der Abend allmählich über ihr dämmerte und sie bis auf acht Kilometer an ihr Ziel genaht war, bemerkte sie eine Kluft vor sich. Auch gewahrte sie, dass sich ihr Ziel scheinbar nicht weiter bewegte, sondern möglicherweise ein Lager aufgeschlagen hatte. Nur schwerlich konnte sie die Dimensionen des bewaldeten Areals überblicken, welches sich in einer Senke vor ihr, vor den ersten Ausläufern der Hügelkette, erstreckte. Fest stand, dass sie den Abstieg wagen musste, wollte sie ihr Ziel erreichen.
Sie beschloss jedoch, dieses Unterfangen auf den Morgen zu verschieben. Bei Nacht, selbst einer sternenklaren wie dieser, war die Gefahr eines Fehltritts in diesem rauen Gelände groß und auch ihre Rüstung würde einen Sturz aus großer Höhe nur schwerlich dämpfen mögen. Zudem wollte sie nicht riskieren, in eine Falle zu laufen. Ihr Ziel mochte schlafen, sich von den Strapazen der Flucht erholen, aber es mochte genauso gut die Umgebung im Auge behalten und sich auf alles konzentrieren, was auch nur das kleinste Geräusch machte.
Entsprechend justierte sie die Einstellungen, stellte eine Perimeterwarnung auf und beschloss, kurz vor der Dämmerung aufzubrechen. Die Sonne voraus würde ihr genug Ärger bereiten. Es schadete somit nicht, noch im morgendlichen Dunst den Abstieg und der Reise letzten Teils zu beginnen. Vielleicht sogar dann, wenn ihr Ziel aufgrund der langen Nacht eingenickt oder anderweitig unaufmerksam wäre.
Die Nacht verlief unaufgeregt und der Morgen nahte so rasch heran wie der Schlaf, der am Vorabend über sie gekommen war. Nur einmal hatte sie ein Alarm aus dem Schlaf gerissen. Es war gegen drei Uhr, als eine Art Detonation verzeichnet wurde. Ob dies mit ihrem Ziel zusammenhing oder es eine natürliche Ursache dafür gab, vermochten die Instrumente nicht zu sagen und da es fortan ruhig war, schlief sie ohne neuerliche Störung weiter.
Dennoch war die Nacht zu kurz und zu unbequem, um sich erholt fühlen zu können. Der erste Blick ging zu dem Ping ihres Displays, anhand dessen sie sah, dass ihr Ziel unverändert am selben Ort geblieben war.
Rasch sammelte sie die schmalen Stäbe der Sensorik, die sie im Umkreis verteilt hatte, zusammen, verstaute diese wieder und machte sich an den Abstieg. Schmale Streifen von vorstehendem Fels führten die Klippe hinab. Teilweise musste sie von einem Vorsprung zum nächsten mithilfe der Hydraulik und Antriebsenergie ihres Skaphanders springen. Einzelne Steine lösten sich dabei vom Untergrund und polterten in die Tiefe.
Während ihres Abstiegs zog der Morgen allmählich herauf. Vor sich konnte sie die bewaldete Fläche klar erkennen. Einzelne Tiere säumten den Himmel, bewegten sich über die Baumkronen hinweg und verschwanden wieder innerhalb des Blätterdickichts. Ihr Ziel verharrte weiterhin am selben Fleck.
Sollte es Notiz von ihr genommen haben? Möglicherweise sogar einen Erstschlag planen und sich mit Fallen oder anderen Bosheiten vorbereiten? Sie wusste keine Antwort, verlangsamte jedoch in Erwartung eines drohenden Schreckens den Schritt und benötigte mehr Zeit, als sie erwartet hätte, bis sie in die unmittelbare Nähe ihres Ziels gelangte. Einhundert Meter, fünfzig, dreißig, sie war bereit, von ihrem Gegner überrascht zu werden, angegriffen womöglich aus einer Baumkrone heraus oder unmittelbar von vorn. Doch nichts dergleichen passierte. Stattdessen fand sie sich unvermittelt auf einer Lichtung wieder.
Dergleichen hatte sie vom Hang nicht kommen sehen, so dicht standen die Bäume. Nun jedoch erstreckte sich etwa kreisrund auf zwei Dutzend Meter im Durchmesser eine schwarzgebrannte Fläche vor ihr aus. Die Gräser und Sträucher, die es hier gegeben haben mochte, waren zu Asche verbrannt, Bäume im Zentrum kaum mehr als eingeäscherte Stümpfe, Bäume an den Rändern der Fläche angesengt. Einzelne Rußpartikel lagen in der Luft und die Temperatur schien laut den Anzeigen noch immer um zehn Grad gegenüber der Umgebung erhöht zu sein. Im morgendlichen Dunst schien die Erde leicht zu dampfen, Spuren vergangener Glut zeichneten sich noch leicht in der Asche ab. Das Ereignis, welches hierfür verantwortlich war, schien nicht lange her zu sein. Es mochte jene Detonation gewesen sein, die sie des Nachts weckte.
Der Blick auf den Ping zeigte, dass ihr Ziel zweifelsfrei vor Ort war. Es war keine zehn Meter mehr vor ihr, doch war nichts zu erkennen. Kein Zeichen des Lebens schien auf dieser Fläche mehr übrig und doch blinkte beständig der fahle blaue Ping auf ihrem Display auf. Ein Gedanke dämmerte in ihr auf, während sie langsam, weiter eines Angriffs bedacht, näher trat.
Sie befand sich schließlich direkt auf dem Ping. Die Anzeige gab eine deutlich zu erkennende Null aus und ein Zweifel, dass ein Fehler vorlag, konnte es nicht geben. Jedenfalls nicht bei dieser Umgebung. Vermutlich war ihr Ziel von einem einheimischen Lebewesen überrascht worden, irgendein wildes Urtier, welches über Nacht jagte und ein wehrloses Opfer wähnte.
Sie sah sich um und betrachtete das Zentrum der verheerten Fläche. Der Boden zeigte deutliche Spuren einer Detonation. Vermutlich musste eine Granate im Spiel gewesen sein, die ihr Ziel zum Schutz gebrauchte und die in dessen Hand selbst hochgegangen sein musste. Selbst wenn dies nur eine Ablenkung war, selbst wenn ihr Ziel über seine Verfolgung Bescheid wusste, würde es ohne Transponder nicht zurückkehren können. Es würde hier alleine den Tod finden, irgendwann, einsam und vielleicht auf mehr oder weniger brutale Weise.
Ihr genügte dieses Resultat. Der Ping war noch aktiv, sodass ihr Auftrag erfüllt werden konnte. Sie wandte sich zurück und blickte zur Erde, um den Transponder aufzuspüren – und wurde in jenem Moment von ihren Füßen gerissen.
„Scheiße“, entfuhr es ihr ob dieser Unaufmerksamkeit.
Sie prüfte die Anzeigen. Die Integrität des Skaphanders war in keiner Weise beschädigt. Es war lediglich die Wucht eines Aufpralls, die sie zugrunde schmetterte und die Asche um sie herum aufwirbelte. Einige Anzeigen leuchteten rötlich und zeigten eine mögliche Bedrohung an. Es bewegten sich vier Pings um sie herum, ein fünfter schien unmittelbar bei ihr.
Tatsächlich befand sich ein Raptor auf ihrem Skaphander und scharrte mit seinen Krallen an der Rüstung. Er vermochte es nicht einmal, ihr einen Kratzer zuzufügen. Selbst die vereinzelten Bisse, die er in ihren Arm und ihre Schulter richtete, hatten nicht einmal kosmetische Effekte. Einer der übrigen Raptoren näherte sich, als sie am Boden lag, ebenfalls und versuchte, an ihrem Bein zu picken. Auch ein dritter folgte und hackte schließlich auf ihrem Visier herum. Die beiden übrigen warteten möglicherweise auf offene Wunden, in die sie selbst mit ihren messerscharfen Zähnen einzudringen vermochten, um sie zu verschlingen.
Die wenigen Sekunden genügten dennoch, ihr einen Schrecken einzujagen. Die Raptoren bedeuteten zwar keine Gefahr, sie waren lediglich Störungen im sonstigen Prozedere. Doch sie schalt sich selbst für die fehlende Aufmerksamkeit, die sie der Umgebung vormals geschenkt hatte. Ein solcher Fehler konnte ein anderes Mal tödlich sein.
Verärgert über sich selbst zog sie eine Klinge von ihrer Wade, um dieses törichte Getier zu stellen. Sie packte den Raptor, der ihren Kopf wollte, mit der Rechten und rammte ihr Messer in dessen Haupt. Blutend sackte das Tier zusammen. Während die anderen an Abstand gewannen, da ihr vermeintlich wehrloses Opfer keineswegs leichte Beute war, richtete sie sich auf.
Der Skaphander war völlig intakt, blitzte in der Morgensonne, die nun vollends aufgegangen war. Sie wirkte wie ein anthrazitfarbener Monolith, der einen Augenblick regungslos stand und von den Raptoren achtsam beäugt sowie geschmeidig umrundet wurde.
Erneut versuchten es die wilden Tiere. Einem Angriff konnte sie durch simples Wegdrehen ausweichen, während sie einen anderen Raptor am Gefieder packte. Sie wollte bereits die Klinge in dessen Hals rammen, da wurde sie erneut zur Seite gerammt, von den Klauen einer anderen Bestie niedergeschlagen.
Sie hatte nicht die Zeit, sich nacheinander diesen Störungen zu widmen. Dies lohnte der Mühe nicht und sie hatte Besseres zu tun, als sich länger als nötig aufzuhalten. Dies galt umso mehr, da sie auch keine Rücksicht mehr auf Heimlichkeit nehmen musste. Gelassen griff sie nach dem Gaußgewehr an ihrer Seite und machte sich ohne Mühsal über diese Vorfahren der modernen Vögel her. Es genügte bereits ein Schuss, der einen anderen Raptor am Kopf traf und somit den zweiten Toten markierte. Das schrill pfeifende Geräusch war so durchdringend, dass im nahen Wald lautes Gekreisch folgte und die Raptoren nach einem kurzen Stillstand ob des Schrecks Reißaus nahmen. Die drei verbliebenen Tiere verschwanden einen Augenblick später im nahen Unterholz.
Nach einem prüfenden Blick auf die Sensorik und sicherstellend, dass es keine erneute Störung gäbe, wandte sie sich ihrem Auftrag und dem eigentlichen Ziel ihrer Aktivitäten auf dieser Welt zu. Endlich Ruhe, dachte sie frustriert und suchte mittels des Pings den Ort, wo der Transmitter unterhalb der Asche liegen musste. Beim Inspizieren bemerkte sie auch einzelne Granatsplitter, die ihre Theorie von zuvor stützten. Es waren die einzigen Reste der Explosion, die alles lebende Gewebe schlicht verdampft hatte.
Sie würde eine ähnliche Detonation erschaffen, um nicht händisch in Schutt und Erde graben zu müssen. Für diesen Zweck aktivierte sie ihre Handartillerie und begab sich in sichere Entfernung. Mühelos sprengte sie in Richtung des Pings die Erde auf und begab sich anschließend in die brodelnden Flammen, die auf der pechschwarzen Fläche wehten.
Inmitten einer kleinen Insel aus Gestein lag das Kleinod, welches sie suchte. Still und einsam, kaum handtellergroß und von dunkler, grauer Farbe war der Biochip des Flüchtigen, den sie als Beweis des erledigten Auftrags zurückbringen musste. Es war das Pfand, welches ihren Lohn sicherte.
Somit blieben lediglich zwei Dinge zu tun. Ohne die Landschaft, diese sonst noch unberührte Welt, eines weiteren Blickes zu würdigen, verstaute sie das Objekt in dem Sicherungskasten ihres Anzugs und startete die Rückführung. Binnen eines Wimpernschlags ging es nun Millionen Jahre auf dem Kosmischen Faden entlang in die Zukunft, zurück in ihre eigene Zeit und auf ihre eigene Welt.

Capitulum II: In Uribus Magnis (In Großstädten)

Weißwolf erwachte in einem Raum voller medizinischer Apparaturen. Ihre Kapsel war noch verschlossen, öffnete sich jedoch einen Moment später. Ein weißer Dunst entstieg dem Inneren, warme Luft ihres Körpers und Anzugs, die die kalte Umgebung durchdrang.
Mehrere Personen in Schutzausrüstung traten an sie heran und nahmen ihr die Rüstung ab. Für den Moment nahm sie diese Menschen nur verschwommen wahr, denn es waren jene kurzen Momente der Orientierungslosigkeit nach einem Transfer. Jene Momente, in denen das Reißen der Glieder unerträglich schien, aber man auch keine Kraft für auch nur den kleinsten Ausdruck des Schmerzes aufzuwenden vermochte. Doch dieses Mal drohte ihr keine Gefahr.
Helles Licht leuchtete kurz hintereinander in ihre grünen Augen.
„Der Pupillenreflex ist vorhanden“, hörte sie dumpf die Stimme des nahen Arztes, während sie reflexhaft blinzelte. Sie wusste, dass man sie einigen Tests unterziehen würde. Dies war jedoch auch schon alles, zu dem sie momentan imstande war. „Vitalfunktionen intakt“, fuhr der Mann über ihr an andere gerichtet fort, ehe er sich abwandte, „Atmung stabil. Legen Sie die Nährstoffinfusion und bringen Sie sie anschließend zur Dekontamination.“
Die Mitarbeiter taten wie geheißen. Ihr Arm wurde gegriffen, ein Stich gesetzt und die kleine Pumpe justiert. Nun hieß es warten.
Es war diese kurze Zeit der erzwungenen Ruhe, die ihr nicht gefiel. Die wenigen Minuten zwischen dem Aufwachen in ihrer Zeit und der freien Bewegung, in denen ihr nichts blieb außer die eigenen düsteren Gedanken. Gedanken insbesondere an das, was sie verloren hatte. Gedanken an das, was sie mit dem hier verdienten Geld vielleicht würde erreichen können, wenn sie es nicht im Anschluss versoff.
Im Gegensatz zu den allermeisten anderen ihrer Zeitgenossen huldigte sie nicht der Gottheit der Maschinen und der Ecclesia Technologiae (Ecclesia Technologiae (lat.): Kirche der Technologie). Zeitreisen und das Divertissement, welche diese dem Pöbel versprachen, um ihn auf Kurs zu halten, bedeuteten ihr nichts.
Die Kirche und ihre Lateiner erschienen lediglich als neue Gewandung des Teufels. Ein Teufel, der jedoch zugleich Macht über sie hatte, auch ihr Leben bestimmte und dafür sorgte, dass sie sich bloß anderen Sünden hingab.
Denn für sie war das Geld der Mammon geblieben und ihre Arbeit versprach zwar einiges, aber nicht genug für ihre letzten Ziele. Ziele, für die sie ihre Seele herzugeben bereit war.
Weißwolf sparte einen großen Teil des verdienten Lohns in der Hoffnung, über die richtigen Kanäle und mit den richtigen Sicherheiten noch einmal zur Erde fliegen zu können. Vier Jahre nach ihrem Unglück hatte sie nicht loslassen können. Stattdessen war eher das Gegenteil passiert.
Endlich kehrten die Kräfte zurück. Sie war imstande, sich aufzurichten und die Larmoyanz ihres Geistes beiseite zu schieben. Sie unterdrückte einen Schmerzenslaut und gab sich normal. Wie gewohnt würde es Stunden, manchmal Tage dauern, bis die Schmerzen in den Gliedern verschwanden. Zeit, die sie für sich verbringen durfte, die sie sich als Urlaub zugestand.
„Kommen Sie“, meinte einer der Mitarbeiter, ebenfalls gekleidet in eine seinen Körper umhüllende gelbe Schutzausrüstung, und unterstützte Weißwolf beim Ausstieg aus der Kapsel. „Hier entlang“, gebot er sanft.
Sie wurde durch die engen Pfade im Raum, der von medizinischen und anderen Apparaturen sowie insgesamt vier Kapseln für eine Reise gefüllt war, zur Schleuse geführt. Kaltes, weißes Licht der Leuchten umfloss sie auf dem Weg, drang in jeden Winkel. Schweiß stand ihrem Begleiter auf der Stirn, sie erkannte ihn deutlich durch das Sichtfenster.
Er machte sich an einem Display an der Schleuse zu schaffen, die kurz darauf den Weg freigab. Das Licht veränderte sich, gab einen orangen Farbton als Warnung aus.
Sie trat ein. Von innen war es eine schlichte mattgraue Röhre, etwa fünf Meter lang. Man schloss die Eingangstür hinter ihr. Sodann befreite sich Weißwolf von den übrigen Teilen ihres Skaphanders, die noch an ihr hafteten, noch bevor die entsprechende Aufforderung aus dem Lautsprecher drang.
Das orange Licht blieb, signalisierte die potenzielle Gefahr, derer man sich entledigte. Ein feiner Nebel stieg an ihr hoch, der Erreger, die an ihr aus der fernen Zeit haften mochten, tötete.
„Bluttests negativ. Keine Anzeichen von Erregern“, erschallte eine Lautsprecherdurchsage.
Fast zeitgleich erblindeten die Warnleuchten, tauchten die Schleuse in einen dämmrigen Schein, kurz bevor sich die andere Seite öffnete und warmes Licht die Röhre erfüllte. Sie war befreit und trat zu einer Kabine, wo sie sich umzog.
Als sie herauskam, wurde sie von zwei Wächtern empfangen. Sie trugen sichtbare Waffen am Gürtel, waren ansonsten jedoch formell gekleidet.
„Der Spion ist tot“, begann Weißwolf, denn sie wusste, wie die Frage lauten würde.
Einer der Wächter nickte. „Hier entlang“, sagte er eher schroff, „der Herr erwartet Euch.“
Begleitet von den Wächtern, einer vor und einer hinter ihr, schritt sie zu ihrem Auftraggeber. Sie kannte den Weg nach ihren vormaligen beiden Aufenthalten in diesem vor den Autoritäten verborgen gehaltenen Anwesen bereits. Das Prozedere schien ohnehin jedes Mal gleich zu sein.
Gleich einem Trancezustand, nur auf ihre anschließende Ruhepause bedacht, betrat sie die Wohngemächer von Barranis, einem mehr oder weniger mächtigen Unterweltfürsten, der in einer Verbindung zu Strenov stand.
Strenov war jene geheimnisvolle Frau, deren Name nur geflüstert wurde und die eines der solaren Syndikate führte oder zumindest für dessen Führung mit verantwortlich war. Jenen Organisationen, zu denen Weißwolf selbst vorzudringen gedachte, um eine Lösung für den Weg nach Erden zu finden. Nur aus diesem Grund hatte sie den Auftrag überhaupt angenommen.
Natürlich ging es immer auch ums Geld. Aber es ging vor allem darum, Kontakte zu schaffen, zu wissen, wer an welchem Ort welche Strippen zog, welche Marionetten kontrollierte und auch, wo sich der jeweilige Puppenspieler aufhielt.
Die Dankesworte von Barranis, ein feister Kerl in den Sechzigern mit schütterem grauen Haar, nach ihrem Report interessierten sie wenig. Weißwolf übergab regungslos den Transponder und ließ sich für den Dienst auszahlen. Es hatte sie vorher nicht interessiert, wer der Spion war und welche Tat er begangen haben mochte, ob es überhaupt ein Spion und nicht nur eine Form der Blutrache war. Jetzt interessierte sie ebenso wenig, was Barranis zu tun gedachte. Hellhörig wurde Weißwolf nur, als Barranis, wohl eher im Redeschwall als tatsächlich durchdacht, von einem Transfernetzwerk auf Io sprach, welches in letzter Zeit ähnliche Probleme mit Verrätern oder zumindest Leuten hatte, die ihren Mund zu weit aufrissen.
Sie würde dem nachgehen, wenn es die Lage zuließ.
Für den Moment jedoch konnte sie die Ruhe kaum erwarten und verließ den Sitz dieses Mannes auf demselben Weg, wie sie vor wenigen Tagen gekommen war: mit Begleitschutz.
Ihr Ruf und Ansehen als Kopfgeldjäger hatten sich herumgesprochen, sodass weitere Sicherheitsvorkehrungen, um vielleicht die Residenz ihres Auftraggebers oder dessen Identität zu verhüllen, längst nicht mehr nötig waren. Wer sie brauchte, wusste sie zu erreichen und konnte auf ihre Diskretion vertrauen.
Jetzt konnte sie fürs Erste etwas Ruhe genießen. Dachte sie wenigstens.
Denn als sie auf etwa fünfzig Meter Höhe vor dem Panorama einer der Megastädte des Titan stand, fern über sich die gläserne Kuppel und der tiefschwarze Himmel, waren die Erschöpfung und Müdigkeit fast zur Gänze verflogen. Sie kannte dieses Phänomen der ersten Niedergeschlagenheit nach einer temporalen Reise. Zwar wusste sie nie, wann dieses Phänomen auftrat, doch wusste Weißwolf, wie sie damit umgehen musste, um nicht stundenlang wach zu liegen.
Sie begab sich vom Vorhof des Gebäudes in die Gassen hinab. Die beiden Wachtposten auf dem Weg bereiteten ihr keine Probleme, sondern entließen sie wortlos.
Die Luft der Stadt, in der sich über achthundert Millionen Menschen tummelten, kam ihr wie Gift vor. Vergangen waren die frischen Dämpfe des vormaligen Domizils. Je weiter hinab sie in die Senken schritt, desto stickiger wurde es.
Statt der Rückkehr in ihr Hotel, der Reise mit einer der überfüllten Untergrundbahnen, begab sie sich in den Dreck der unteren Stadt und suchte die Zerstreuung.
Der Kontrast zwischen dem fernen schwarzen All über ihr, dessen Sterne nicht einmal zu erahnen waren, und den Lichtern überall um Weißwolf konnte kaum größer sein. An jeder Straßenecke grüßte das Elend. Unrat wurde notdürftig von einzelnen Robotern beiseite geschafft, Huren warben um neue Kunden und Reklamen versprachen alle möglichen Dinge. Von der bloßen Zerstreuung einer eigenen Zeitreise hin zu den Versprechungen von Jugend, Schönheit oder Reichtum, wenn man im Vorfeld nur etwas Geld zu geben bereit war.
Ein jedes Versprechen verflüchtigte sich bei näherer Betrachtung aber es gab immer Menschen, die diesen Verlockungen nicht zu widerstehen in der Lage waren. Das, was wirklich einen Neubeginn bringen mochte, versprachen diese Reklamen nicht: den Flug in die unerforschten Tiefen des Alls, den Platz auf einer der Archen, mit denen Glücksritter das Universum erkundeten, um neue Welten zu erschließen und sich ein Leben fern des solaren Systems und seines Imperators aufzubauen.
Für Weißwolf bedeutete es kein Verlust, würde man diese Dinge nehmen und verschwinden lassen. Die Menschheit hatte jede Menschlichkeit verloren und wohin der sich so human wähnende Mensch auch ging, folgte ihm das Leid auf den Fuß. Die Natürlichkeit der Welten und auch seinesgleichen wusste er, früher oder später zugrunde zu richten.
Doch trotz allem war Weißwolf selbst ein Teil dieses Systems und sah keine Möglichkeit, dieses zu verändern. Sie hatte die Möglichkeit vielleicht einmal gehabt, aber aus eigenem Interesse, aus ihrem eigenen Egoismus heraus, fahren lassen. Nun spielte sie nach dessen Regeln und versuchte, die Scherben, die ihr noch geblieben waren, aufzukehren.
Weißwolf schüttelte ihren Kopf, versuchte diese Gedanken rasch zu verbannen und wand sich daher dem nächstbesten Lokal zu. Sie würde tun, was sie so oft nach einem erfolgreichen Auftrag tat, sie würde sich betrinken, weil sie, gefangen in dieser eigenen depressiven Stimmung, keine andere Option sah. Für sie war es besser, im Suff zu liegen und sich den weltlichen Verlockungen hinzugeben, als die Traurigkeit der Erinnerungen zu ertragen und jenen Dingen nachzuhängen, die sie vor wenigen Jahren erst verlor.
Die trüben Dünste der Kaschemme umringten Weißwolf, als sie die Tür öffnete. Erstaunlicherweise schien die Luft, trotz des Rauchs darin, immer noch besser als der Smog der Stadt zu sein. Die verkommenen Gestalten, die sich umtrieben, beachtete sie nicht. Sie war eine von ihnen, gliederte sich ein, blieb unauffällig.
Wie auch die Menschen, die sie umgaben, verlor sich Weißwolf im Alkohol. Er wirkte für den Anfang jedoch nur marginal, was das Betäuben ihrer negativen Gedanken anbelangte. Denn für den Anfang wenigstens rotierte ihr Kopf noch zu sehr. Die leidvollen philosophischen Gedanken ließen sie nicht los. Ob vor tausenden von Jahren oder auch in tausend Jahren, schätzte Weißwolf beim Anblick ihres leeren Glases am Tresen, der Mensch würde immer derselbe bleiben. Er würde die selben Fehler machen, blieb eine jämmerliche und lächerliche Gestalt, die in seinem nächsten gespiegelt wurde. Die Defizite einer Generation nach der anderen glichen sich aufs Haar.
Erneut dachte sie von Trauer erfüllt an ihre Vergangenheit, an ihr Kind, welches sich vielleicht nicht einmal mehr an sie erinnerte. Dies war der Schmerz, der tief in Weißwolf saß, der sie quälte und vernichtete. Aber es war auch der einzige Antrieb, den sie noch hatte. Denn vielleicht zählte ihr Kind auf sie, vielleicht wartete ihr Sohn, dass sie wiederkäme.
Sie bestellte einen Wodka und beschloss, es sein zu lassen für den Abend. Schon morgen, wusste Weißwolf, musste sie wieder sie selbst sein, die Plagen beiseite schieben.
Weißwolf war noch nicht ganz fertig, als es eine Art Tumult zu geben schien. Manche der Gäste verließen eilig die Räumlichkeiten, andere stahlen sich über den Hintereingang hinaus. Sie wollte gerade nachsehen, was der Grund für dieses Aufhebens war, als sich die Ereignisse überschlugen.
„Rasch“, meinte eine Stimme nahe bei ihr, „die Tüte drüber und weg hier. Wir machen schon genug Ärger.“
„Check“, hörte Weißwolf eine andere stimme, ehe ihr ein lichtundurchlässiger Sack über den Kopf gestülpt wurde.
Weißwolf, sehr zur Verwunderung ihrer beiden Häscher, lachte unvermittelt auf, als ihre Arme am Rücken fixiert und ihr Kopf auf den Thekengrund gedrückt wurde.
All die Technologie, dachte sie sich, die die Menschen nicht nur in die Tiefen des Raums, sondern auch die Abgründe der Zeit geführt hatte, und man nutzte noch immer schwarze Säcke, um jemanden zu entführen.
Warum man sie entführte, wusste Weißwolf zwar nicht zu sagen, aber das würde sich schon früh genug klären. Eine Gefahr für sich sah sie nicht. Sie nahm an, dass man sie auf eine mehr oder weniger brutale Weise zu jemandem bringen würde, der ihr schon alles zu erklären bereit war – und sie lag dabei richtig.
Als sich der erste Schock der beiden Angreifer gelegt hatte, fuhren sie mit ihrem Werk fort. Weißwolf spürte einen scharfen Hieb an ihrer Schläfe. Er war präzise ausgeführt und so stark, dass sie bewusstlos wurde.

Weißwolf erwachte in einem dunklen Raum.
Sie wusste sich zusammenzureimen, was nach dem Angriff geschehen sein mochte. Dem Schmerz ihrer Oberarme folgend, musste man sie nach der Betäubung unter den Achseln gegriffen und hinter sich her gezerrt haben.
Beim Umblicken fielen ihr die Schatten von Menschen an den Wänden ringsum auf. Vier Bewacher hatte man zum Schutz postiert. Ihre Waffe hatte man ihr abgenommen, auch waren ihre Hände noch immer am Rücken zusammengebunden.
„Nun bin ich hier“, begann Weißwolf sitzend an einen der Wächter gerichtet. „Zu welchem Zweck?“
„Diese Antwort werdet ihr erhalten. Mein Herr wünscht euch zu sprechen.“
„Eurem Herrn ist klar, dass er mich hätte anrufen können?“, fragte Weißwolf verstimmt, „oder ist er alleine nicht fähig, ein Mädchen anzusprechen, dass er Euch gebraucht als Flügelmann?“
„Hütet Eure Zunge!“, schallte es zurück von ihrem Gegenüber, der einen Schritt zu ihr setzte..
„Sonst –„, begann Weißwolf bereits provozierend, erntete jedoch eine schallende Ohrfeige.
„Meine Güte, als ob ein Mädchen mich hier schlägt“, meinte Weißwolf daraufhin spottend. „Habt Ihr schon einmal überlegt, ob Voltigieren etwas für Euch wäre?“, fuhr sie trotzig fort.
Natürlich war der Schlag schmerzend. Aber sie würde sich sicherlich nicht die Blöße geben, irgendeine Regung des Schmerzes zu zeigen. Sie würde diesem Mann keine Genugtuung verschaffen.
„Ich kann gerne noch eine Schelle drauf legen.“
„Nur zu, ich habe scheinbar nichts Besseres zu tun. Aber passt auf, dass Euch kein Nagel dabei bricht. Denn bei derlei Handarbeit habe ich meine Zweifel.“
„Ich schätze, Ihr könnt meinem Herrn auch mit ein paar Zähnen weniger gegenübertreten“, grollte der Andere und wollte bereits erneut zum Schlag ausholen, um sie, einem kleinen Mädchen gleich, zu züchtigen. „Mal sehen, wie schön Euch das Grinsen dann steht.“
„Haltet ein, Porijen“, erklang in jenem Moment die scharfe Stimme eines anderen Mannes, der die Pforte geöffnet und die Situation in Sekundenbruchteilen erfasst zu haben schien. „Es gab klare Anweisungen und ich hatte dich gewarnt, dass sie“, er pausierte einen Moment, „speziell ist.“
„Und verkatert“, ergänzte Weißwolf zum Gruß ansetzend.
Ihre Glieder schmerzten und ihr Kopf dröhnte.
„Offenkundig“, sprach der andere bestätigend. „Speziell und verkatert. Dies ist jedoch dem Betäubungsmittel geschuldet, nicht Eurem jüngsten Rausch.“
„Lassen wir also die Förmlichkeiten“, sagte Weißwolf nun wieder ernst, „der Herr gibt sich also die Ehre und möchte an meinem Elend teilhaben oder mich endlich aufklären. So oder so, wer seid Ihr?“
„Namen tun hier nichts zur Sache“, meinte der Unbekannte schroff, während Porijen zurück an die Wand trat.
„So sprechen nur schwache Menschen, die sich in Dunkelheit verbergen, die aus Angst unfähig zum Handeln sind und die am Ende irgendwo ziemlich einsam sterben.“
„Eure persönlichen Angriffe bedeuten mir nichts. Wenn Ihr denn nun fertig mit der Belehrung seid, können wir uns dem Geschäftlichen widmen.“
„Sagt Ihr es mir. Ich bin doch hier der Gefangene. Mir war immerhin schon so langweilig, dass ich euer Mädchen hier meine Wangen streicheln ließ. Kratzen konnte ich mich ja nicht“, höhnte Weißwolf und wartete auf eine Reaktion dieses Porijen.
Sie wurde nicht enttäuscht. Weißiwolf schien es, als wollte er sie erneut schlagen, als zuckten seine Mundwinkel kaum wahrnehmbar. Doch schaffte er es, vermutlich auch der Anwesenheit seines Oberen geschuldet, sich zu beherrschen und zu schweigen.
„Wahrlich, dem können wir abhelfen“, meinte der Fremde und richtete sich an die Wachen ringsum. „Helft ihr aus diesen Fesseln hinaus. Geleitet uns zur Audienz.“
Weißwolf rührte sich nicht, während man die Fesseln löste. Sie wartete darauf, dass man ihr das Aufstehen gebot, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Denn bei aller Höflichkeit, die ihr zumindest von diesem Mann, dessen Name Radarius Taravon lautete, entgegen schlug, war sie noch immer ein Gefangener, um nicht zu sagen ein Entführter.
Taravon nahm Weißwolf schließlich neben sich, die vier Wachen flankierten sie in Zweiergruppen vorn und hinten. Ihr Weg verlief durch eine Reihe breiter Tunnel. Einzelne Kabel und Rohrleitungen säumten die teils ungeschliffenen felsigen Wände. Weißwolf wusste nicht zu sagen, wo sie sich befand, versuchte sich jedoch den Weg und manche Abzweigungen zu merken.
„Ich habe hier ein Papier, welches Euer Interesse wecken könnte“, meinte Taravon beiläufig auf ihrem gemeinsamen Weg durch die Gänge.
Weißwolf schwieg.
„Ach, ehe ich es vergesse“, fuhr Taravon nach kurzer Pause fort, „Euer kleiner Saphir auf Erden dürfte Euch bereits vergessen haben. Euer Trachten in allen Ehren, doch könnte all dies umsonst sein.“
Weißwolf, sonst auf äußerliche wie auch innerliche Gelassenheit bedacht, verlor die Fassung ob der Anspielung auf ihr Kind. Es konnte nichts anderes gemeint sein, nicht zuletzt, weil dies sein einstiger Spitzname war.
„Was wisst Ihr von meinem Knaben?“, herrschte sie Taravon an, während sie ihm den Unterarm an den Hals legte und an die Felswand drückte.
Kaum einen Augenblick später war ein Gerangel am Einsetzen, da die übrigen Wächter eingriffen und sie zu Boden rangen.
Taravon blieb unbeeindruckt.
„Haltet ein“, gebot Taravon seinen Wachen. „Sie ist keine Gefahr, sondern nur aufgebracht. Der Löweninstinkt einer Mutter, selbst wenn der Löwe noch nicht ganz ausgenüchtert ist“, frotzelte er weiter.
Auf sein Geheiß ließen die Wächter von Weißwolf ab, blieben jedoch in ihrer Nähe. Taravon hielt ebenfalls einen etwas größeren Abstand und klopfte sich seine linke Schulter ab, die mit Schmutzpartikeln bedeckt war.
„Was wisst Ihr von meinem Knaben?“, fragte Weißwolf direkt wiederholend und war wie festgewurzelt. Dem Griff einer Wache, die sie zum Weitergehen ermutigen wollte, entzog sie sich wütend: „Loslassen, diese Antwort schuldet Ihr mir.“
„Da habe ich wohl etwas angefangen“, stöhnte Taravon in gespielter Gleichgültigkeit. „Zumindest hat dies Euer Interesse geweckt, wie? Fakt ist, dass ich selbst nicht mehr Informationen besitze, als diese hier, meine Liebe. So folgt mir doch bitte weiter und findet heraus, was die Wahrheit hinter diesen Andeutungen sein mag. Ich bin mir sicher, dies mag ein erhellender Tag für uns beide werden.“
„Fein“, erwiderte Weißwolf zerknirscht und ließ von ihm ab.
Taravon, wohl nun mehr auf seine Sicherheit bedacht als zuvor, lief den Rest des Weges am Schluss seiner Schar. Als sie das Ende des Tunnels, eine verschlossene runde Pforte, erreichten, steckte man Weißwolfs Haupt erneut unter eine schwarze Tüte und führte sie noch eine Weile weiter.
Sie diskutierte nicht, sondern ließ es geschehen. Sie wollte Antworten auf die Andeutungen und dafür war sie zu allem bereit.
Der weitere Weg verlief schleppender mit verbundenen Augen, doch das Gelände war ebenerdig. Es schien zwei Mal kurz hintereinander, als würden sie mit einem Aufzug nach oben fahren. Weißwolf schätzte, dass sie zumindest nicht mehr unterhalb der Oberfläche sein konnten.
Schließlich, in einem neuerlichen Aufzug, wurde ihr der Sichtschutz abgezogen. Die Wächter waren alle noch da, auch Taravon. Er befand sich an der Tür des Aufzugs und gab bei dieser Gelegenheit noch ein paar mahnende Worte auf den Weg.
„Mir ist bewusst, dass dies vorhin an einem heiklen Thema rührte und Ihr diesbezüglich keinen Spaß versteht. Ich rate euch jedoch, Euch im Angesicht des Castae (Casta, -ae (lat.): Reine, Fromme. Höherer Rang im Syndikat) zu benehmen. Diese Chance dürfte sich Euch kein zweites Mal bieten.“
„Ich bin die Ruhe selbst“, meinte Weißwolf knirschend und versuchte sich auf alles vorzubereiten, was nun wohl kommen mochte. Jede kleinste Spitze, jeden Verweis auf ihr Kind, sie versuchte die unterschiedlichsten Szenarien der Gesprächsführung bereits zu durchdenken und Gleichmut zu heucheln.
Als sich die Tür des Aufzugs öffnete, betrat Weißwolf eine andere Welt. Kein dämmriges Neonlicht mehr, keine Rohrleitungen und erst recht keine Enge. Weißwolf betrat ein Foyer, hell erleuchtet und an den Seiten mit Holz vertäfelt. Es war der Eingangsbereich zu einem Restaurant, gesäumt von Gästen und umrandet von einer gläsernen Front, die den Blick auf eine Stadt unter einer Kuppel freigab.
Es war nicht dieselbe wie jene, aus der Weißwolf entführt wurde. Scheinbar war mehr Zeit vergangen zwischen ihrer Bewusstlosigkeit und dem Aufwachen, als sie vormals dachte. Ihr Zeitgefühl bereitete ihr Sorge. Ausgehend von ihren Schmerzen hätte sie kaum ein paar Stunden als Versäumnis angenommen. Doch diese Stadt sagte ihr, dass sie wohl einige Tage unterwegs gewesen sein mochte. Nach Ganymed flog es sich nicht über Nacht.
Sie wurde von Taravon zu einer Tafel in einem Seitenraum geführt. Die Wächter blieben am Fahrstuhl stehen, passten sich mit ihrer Kleidung geradezu als formelle Türsteher ein, während Taravon am Eingang des Saals zurückblieb.
„Willkommen in meinem Haus“, wurde Weißwolf von derjenigen Person gegrüßt, die mittig an der Tafel, mit dem Rücken zu einer Glasfront, saß.
Der Mann, dessen dunkle Haare kurz geschnitten waren, hatte sich in einem edlen Sessel zurückgelehnt, der vermutlich extra für ihn hier platziert worden war. Zweifelsohne nicht nur ein Stammgast, sondern wohl der Besitzer selbst. Seine Kleidung bestand aus einem beigefarbenen Anzug mit einer irritierend blau-weiß gestreiften Krawatte.
„Setzt Euch, speist und hört zu. Danach entscheidet“, sagte der Gastgeber.
„Kurz und knapp“, stellte Weißwolf fest. „Dies gefällt mir, ganz im Gegensatz dazu, dass Ihr mich schlafend nach Ganymed brachtet.“
„Lasst Euch nicht von der Stadt und meinem Procedere ablenken, sondern bleibt ruhig an Ort und Stelle. Ihr weilt hier unter den Castae und Ihr versteht sicher, dass wir ein paar Vorsichtsmaßnahmen unser Eigen wissen.“
„Fein. Ruft beim nächsten Mal trotzdem an. Dann fliege ich selbst und man braucht mir keinen Muskelkater bescheren.“
„Warten wir es ab“, meinte er und blätterte in einer Reihe von Dokumenten.
Die übrigen Anwesenden hatten währenddessen ihr Mahl eingestellt und beobachteten ihren Meister. Niemand wagte es, zu essen, während er dies nicht tat. Weißwolf lehnte sich derweil entspannt zurück, die Beine überschlagen. Auch ihr war nicht nach den Speisen zumute, wenngleich sie innerlich zugab, lange nichts mehr dieser Qualität gerochen und gesehen, geschweige denn gegessen zu haben.
Dieses Lokal war eindeutig über ihrer sonstigen Preisklasse, die eher einem schnellen Snack entsprach.
„Worum geht es?“, fragte Weißwolf.
Sie brauchte die Frage nach dem Namen dieses Mannes nicht zu stellen. Die Castam hielten sich bedeckt und einen von Ihnen überhaupt zu treffen war bereits ein großer Mehrwert. Sein Gesicht würde sie sich merken, wie auch die Zusammenhänge zu diesem Ort. So viele Lokale, die den Blick auf die Städte Ganymeds freigaben, würde es nicht geben.
Wahrscheinlich allenfalls, dass ein jedes diesem Mann gehörte.
„Von Euren Taten hörte ich“, meinte ihr Gegenüber regungslos. „Wiederkehrend habt ihr das eine oder andere Ärgernis in irgendwelchen Zeiten beseitigt. Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, aus dem ich Euch vorlud.“
„Entführte“, korrigierte Weißwolf, doch der Andere ließ sich davon nicht irritieren, sondern fuhr einfach fort.
„Ihr seid nicht nur in letzter Zeit eine vielbeschäftigte Frau gewesen. Die Jagd, deretwegen Ihr im Mesozoikum wart, muss bemerkenswerte Bilder geboten haben. Auch die übrigen Einsätze, die Ihr einst noch als Agent ausführtet, offenbaren eure Fähigkeiten, die über ein normales Maß hinausgehen, und hielten spektakuläre Zeiten bereit, die ihr mit Bravour bestanden habt. Bedauerlicherweise empfehlen meine Ärzte mir, nicht mehr die Strapazen einer solchen Reise auf sich zu nehmen, soda-“
„Schluss damit“, forderte Weißwolf, woraufhin der Mann innehielt und amüsiert grinste.
Ganz im Gegensatz zu den Wächtern, die aufgrund von Weißwolfs Widerworten bereits kurz vor einem Eingreifen waren. Auch Taravon rollte mit den Augen,
„Hört auf zu salbadern. Sagt endlich, was ihr wollt, sonst ist dieses Treffen vorbei.“
„Fein, fein“, ließ sich die tiefe Stimme des anderen vernehmen, „kein Grund für Ungemach. Ihr möchtet erleuchtet werden? Bitte sehr: Mein Begehren dreht sich um den Sohn des solaren hohen Herren.“
„Um Ares?“, wunderte sich Weißwolf und versuchte ihre innerliche Fassungslosigkeit zu überspielen. „Das klingt bereits nach Ungemach, nach Dingen, die es nicht anzurühren gilt.“
Ares, alleine der Name jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Er war das älteste Kind der verzogenen Brut des Imperators. Als solches genoss er nicht nur die Freuden seiner hohen Geburt, sondern hatte sich einen ganz eigenen Sinn für Sadismus und Grausamkeiten angeeignet. Weißwolf hatte
Ares nur ein einziges Mal kennengelernt und dieses Treffen, keine drei Stunden hatte es dereinst gewährt, hatte ihr gereicht. Er war für sie ein missratener, rücksichtsloser, überheblicher und zuvorderst eingebildeter Mensch. Würde man im Wörterbuch nach Hautevolee suchen, so würde man ob der Arroganz und Bosheit dieses Sprosses wohl sein Bild anstelle einer Definition finden.
Dass jetzt jemand wie ein Casta hinter Ares her war, sagte ihr, dass er sich nicht verändert hatte. Gleichzeitig hielt sie es für absurd, nach seinem Leben oder irgendetwas anderem zu trachten, was ihn oder allgemein die imperiale Familie betraf. Sie waren auf der Erde und diese war außer Reichweite und selbst wenn sie nicht auf der Erde waren, waren sie zu schwer bewacht.
Auch eine Bestechung der Wächter kam nicht infrage. Mit was auch? Geld, Ansehen, all diese Dinge entfielen, da die imperialen Kräfte allesamt ihren Platz auf der Erde hatten
„Genau deswegen seid Ihr nun hier und nicht jemand anderes. Aufgrund Eurer Taten, Eurer Vergangenheit, dürftet Ihr den Schneid haben, der anderen fehlt. Ihr wart der Jahrgangsbeste der Akademie, wart bereits mit achtzehn Jahren umworben worden und als Genie der Waffen, Logik und des strategischen Denkens gefeiert. Seitdem Ihr den Geheimdienst verlassen habt, seid Ihr offiziell außerdem tot, sodass man Euch nicht einmal zu mir zurückverfolgen könnte. Euer Deckname ist das Einzige, was noch in den Akten erkennbar war.“
„Tot werde ich auch bleiben. Was wollt Ihr tun, wenn ich mich weigere, mich erpressen mit dem Ministerium? Diese Drohung wird nicht wirken.“
„Ich sagte Euch schon, dass Ihr hier frei seid zu gehen. Ich führte dies jedoch aus zwei Gründen an“, erklärte der Casta scharf. „Erstens sollt Ihr sehen, dass jede Form von Lügen zwecklos ist. Sicherlich seid Ihr nicht der Typ für derartige Ränke, doch wollte ich es erwähnt haben. Zweitens, vermutlich auch wichtiger, ist, dass Ihr mit Ares die Chance auf Euer Kind erhaltet.“
„Überlegt Euch gut, was Ihr als nächstes sagt.“
„Nicht doch. Hört Ihr nur gut zu, bis ich am Ende bin. Dies mag Eure ersehnte Chance sein, mit Eurem kleinen Stern zu leben und vielleicht aus dem offiziellen Tode herauszutreten. Ein Leben, welches Ihr in Freiheit, in einem eigenen Domizil, mit Euer ureigenen Familie zu führen vermögt.“
„Wie glaubt Ihr, dass Ihr dies erreichen könnt?“, fragte Weißwolf, zwar innerlich aufgebracht, aber von einer Neugier auf Antworten zur Gelassenheit getrieben.
„Wir kennen seinen Aufenthaltsort. Wir wissen, was er täglich treibt, all seine Verrichtungen sind uns bekannt. Wenn Ihr uns die Hand reicht, so verhelfen auch wir Euch zu Eures Kindes Kontakt, zur Reise nach Erden und dem, was Ihr wohl als Entführung bezeichnen mögt.“
„Das klingt nach einem faustischen Pakt.“
„Wen schert es, wie die Dinge heißen? Zählt am Ende nicht das Ergebnis, das Kind in Eurem Arm?“
„Seit zweihundert Jahren ist die Erde versiegelt und Ihr habt ganz beiläufig den Weg dorthin?“, Weißwolf staunte.
Sicherlich, die Reise zur Erde war ihr Ziel gewesen und vermutlich war es kein Zufall, dass sie nach all ihrer Mühe wahrlich bei den Castae angelangt war. Doch konnte sie nicht glauben, dass die Reise so einfach sein sollte, selbst wenn das Ziel dafür Ares lautete.
Wäre es so einfach, hätten die Castae dies bereits zu einem Geschäftsmodell erhoben. Doch hatten sich die abgeschossenen Gleiter, die es in der Anfangsphase der Quarantäne gegeben hatte, rasch herumgesprochen. Niemand war mehr so wahnsinnig und versuchte auch nur, einen Raumgleiter für den Transfer zu bekommen.
„Natürlich ist es nicht einfach“, nahm der Casta ihr die Worte förmlich aus dem Kopf. „Der Schlüssel dazu führt über Ares. Wir möchten, dass Ihr ihn bei seiner nächsten Reise begleitet, dass Ihr neben ihm als einer seiner Gardisten lauft.“
„Das allein wird es ja wohl nicht sein, mal von der Frage abgesehen, wie das gelingen soll. Ares Truppen, das halbe Ministerium vermutlich, stehen zu seinem Schutz bereit.“
„Wir haben dafür unlängst eine Lösung gefunden“, meinte der Casta nebulös.
„Solltet Ihr es doch geschafft haben, jemanden zu erpressen?“, Weißwolf wollte unbedingt mehr wissen.
Ihre Energie für diese Sache war nun geweckt.
„Es war mehr ein spontaner Krankenstand.“
„Also eine Entführung oder ein Todesfall.
„Gut kombiniert“, gab der Mann anerkennend zu. „Es scheint, wir haben schon die richtige Person hierfür ausgewählt. Der Zufall hat uns Letzteres beschert und ehe das Ministerium davon erfuhr, nahmen wir den Platz eines Agenten ein. Wir sind im Besitz des Transmitters sowie auch des nötigen Skaphanders und können eine Person in die Zeitlinie von Ares einklinken, sobald er seine Reise beginnt.“
„Sagen wir mal, dass das klappt und mich das Schutzgitter nicht zu einem Haufen Dampf verwandelt, was gilt es zu tun, wenn ich bei Ares bin?“
„Ares hat in seinem Kopf die Codes für das Schutzsystem der Erde. Hiermit“, er holte einen nagelgroßen Chip hervor, den er mittig zwischen sich und Weißwolf legte, „können wir aus geringere Distanz den Download seiner neuronalen Strukturen starten, während er nicht überwacht wird. Die Schwierigkeit war bislang das Herankommen an diese Leute. Dies steht uns nun offen. Sobald die Reise beendet ist, wird man den Chip finden und zerstören, sodass Ihr ihn erstens Ares eingeben und zweitens, vor Ende der Reise, auch wieder an Euch nehmen müsst.“
Weißwolf griff sich fassungslos an ihre Stirn. Dieser Plan war an Tollheit kaum zu überbieten. Doch hatte sie auch keine bessere Idee und wenn dies der einzige Weg sein sollte, so würde sie ihn beschreiben. Ob sie es nicht versuchte oder bei dem Versuch starb, war unerheblich, denn auf diese Weise würde sie ihr Kind nicht wiedersehen. Lediglich dies hier bot ihr die Chance auf Veränderung.
Der Casta hatte recht.
„So bleibt noch eine Sache zu klären. Für den Sprung in die Vergangenheit-“
„Brauchen wir der Vorbereitung Zeit“, wurde Weißwolf von ihm unterbrochen, „ und die entsprechende Gelegenheit. Wir haben daran gedacht und sind bereits an diesen Bausteinen des Plans zugange. Wir überwachen Ares, soweit es uns möglich ist. Durch unsere Ohren wissen wir, dass sein Sprung in eine andere Zeit bald bevorsteht. Wir gehen von seinem Geburtstag in zwei Wochen aus, weswegen Ihr die Eile, Euch hierher zu bringen, wohl besser verstehen mögt. Dies brachte uns Eure Aufmerksamkeit und Euch die Fakten.“
Er sah Weißwolf einen Moment an. Sie rührte sich nicht.
„Dann ist es beschlossene Sache“, sagte Weißwolf vorsichtiger, als sie es im Sinn hatte. „Ich werde Ares' Wache sein und Euch die Daten bringen. Seht Ihr nur zu, dass Ihr mich auch nach Erden bringt, sonst wird dieses Mahl hier keine hübsche Erinnerung bleiben.“
Der Casta grinste. Es war kein boshaftes Grinsen, sondern zeugte eher von Selbstsicherheit. Diese Leute schienen wahrlich davon überzeugt zu sein, dass ein Transfer zur Erde mit einer Kopie von Ares' neuronalem Muster möglich sein würde.
„Das wird werden, keine Sorge“, ließ sich der Mann sodann auch selbstgefällig vernehmen. Genießt dieses Mahl hier noch und verzeiht mir im Anschluss, denn Ihr werdet diese Gemächer erneut orientierungslos verlassen müssen und Ihr werdet, bis Ares seine Reise antritt, auch mein Gast bleiben. Seht es weniger als Geiselhaft, sondern vielmehr als Vorsichtsmaßnahme an.“
„Also wieder der schwarze Sack. All die Technik, aber manches bleibt gleich.“
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, raunte der Alte und erhob sich. „Dieses Mal wird es jedoch kein Sack sein, aber Ihr werdet Euch ausgeruht fühlen und besser behandelt werden.“
Mit ihm standen auch die anderen Anwesenden, die vormals stille Zeugen waren, auf und verabschiedeten sich brav. Seine Leibwache folgte und als sie den Raum verlassen hatte, kam ein Kellner herein, um Weißwolf nach Getränken zu fragen.
Sie tat, wie ihr vormals geheißen. Nun, um all diese Neuigkeiten zu verarbeiten, ließ sie sich das Essen nicht nehmen. Die Chance, in einem solchen Lokal zu speisen, würde sich ihr so schnell nicht erneut bieten. Gewissermaßen fühlte es sich auch wie eine Henkersmahlzeit an, doch schob sie diese pessimistischen Gedanken einstweilen bei Seite.
Auch die anderen Anwesenden fingen schließlich mit dem Essen an oder setzten dieses fort. Einzelne Gespräche fanden zwar statt, doch in einem solchen Flüsterton zueinander, dass Weißwolf kaum mehr als Wortfetzen aufzuschnappen vermochte.
Schließlich, als das reichhaltige Essen zu Ende war, forderte man Weißwolf in einen Nebenraum. Dort geschah, was der Casta angekündigt hatte: Man betäubte Weißwolf und brachte sie fort. Nun war Sie vom Entführungsopfer also zum Schutzgefangenen aufgestiegen, dachte sie in jenen Momenten vor der Dunkelheit, als eine Dosis Dorminyl in ihre Armvene gespritzt wurde.
 
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marcm200

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zu den Kapiteln 1-2:

Inhaltlich:

Jagd auf Verbrecher in der Vergangenheit. Das erinnert an die TV-Serie "Continuum". Das Setting im Dschungel ist interessant und auch gut beschrieben, ich würde nur noch mehr von der Umgebung darlegen - Geräusche, Gerüche, gerade beim Kampf mit den Raptoren, sodass das Setting voll ausgeschöpft wird und es mehr als eine reine Verfolgungsjagd ist.

Die Hauptfigur nimmt den Transponder und kehrt in ihre Zeit zurück. Aber lautete ihr Auftrag nicht, den Verbrecher zu fangen/zu stellen und nicht nur einen Chip, der in der Erde vergraben war, zu bergen? Denkt sie nicht so weit, dass dies einfach eine Irreführung des Verbrechers gewesen ist? Ich glaube ja ihr "Der Spion ist tot" nicht. Da kommt sicherlich noch was nach.

800 Millionen Menschen in einer Stadt auf dem Titan - das nenne ich Gigantismus!


Interessante Punkte deuten sich an: Versiegelung der Erde, Imperator.

Ich finde es gut, dass hier eine längere Geschichte im Entstehen ist. Schreibst du sie noch, oder ist sie bereits fertig?

Ist der Name "Weißwolf" ein Name wie "Müller"? Oder bezeichnet er irgendetwas an der Hauptfigur (Aussehen, Charakter)?

Das erste Kapitel hat mich gut unterhalten. Das zweite war teilweise ebenfalls interessant, nur die depressiven Gedanken und die fatalistische Einstellung finde ich weniger spannend. Ebensowenig das Motiv der Hauptfigur, ihren Sohn zu suchen. Da hätte ich etwas Geheimnisvolleres erhofft. Aber vielleicht ist es ja nur eine falsche Fährte?

Ich werde die nächsten Kapitel aber weiter verfolgen.


Auch wenn der entsprechende Hinweis oben nun nicht mehr steht:
Dass du erst Rückmeldungen abwarten willst, bist du alle Kapitel einstellst, kann ich nachvollziehen. Ich werde das zukünftig ebenso handhaben.




Ein paar Einzelanmerkungen:

Stilistisch:

Du beschreibst in Kap 1 und 2 am Anfang jeweils die Orientierungslosigkeit nach Zeitsprüngen. Ich würde bei solchen Wiederholungen klarmachen, dass dir als Autor dies bewusst ist. Also vielleicht das erste Kapitel mit einem Gedanken "Sie stellte sich schon auf die körperlichen Strapazen ein" und das zweite dann mit "Es kam, wie sie erwartet hatte, doch der Moment der Orientierungslosigkeit stellte hier, im Gegensatz zum Dschungel, keine Gefahr dar." Ansonsten klingt es für mich zu repetitiv.

- "über eine fern sichtbaren, von Bäumen bedeckte Hügelkette" - ich würde eher "in der Ferne sichtbare" schreiben. Das klingt für meine Ohren flüssiger.

- "Erst mit dem bläulichen Ping, der vor ihrem Auge und in einer Distanz von etwa fünfunddreißig Kilometern angezeigt wurde" - meinst du hier, dass etwas in 35 km Entfernung angemessen wurde und nun einen blauen Punkt im Helmdisplay abgibt? Dann würde ich eher von "dessen Ursprung mit einer Entfernung von 35 km..." schreiben. Ansonsten klingt es, als ob ihr Anzug etwas dorthin projiziert.


- "Wohl aber konnte. Wohl aber konnte jede" - diese Wort-/Satzdopplung klingt für mich holprig.

- "Ob ein Überraschungsmoment auf ihrer Seite war, vermochte sie immerhin nicht zu schätzen und auf Glück oder Zufälle wollte sie sich nicht verlassen." - das "immerhin" ist in meinen Augen falsch. Vom Sinn her würde ich "überhaupt" oder "unglücklicherweise" nehmen.

- "32 Kilometer Luftlinie trennten sie von ihrem Ping und noch wurde der Abstand jede Minute größer." - du hast oben "fünfunddreißig" ausgeschrieben, dann würde ich es, um konsistent zu bleiben, auch hier tun. Inhaltlich fehlt ein "wieder größer", denn der Abstand sank ja zuerst von 35 auf 32.

- "und ihr sein Feuer dargeboten hatte.Zu ihrer eigenen Zeit" - vielleicht könnte man, um Konfusion beim Leser zu vermeiden, eins der "ihre" umformulieren, da die Worte sich ja einmal auf die Erde, dann auf die Hauptfigur beziehen. Mich hat das , auch an manch anderer Stelle, immer ein wenig stocken lassen im Lesefeluss.

- "Stattdessen war im Laufe der Jahrhunderte des Homo Faber eher zum Gegenteil gelangt" - das ist eine zu umgangssprachliche Ebene, "gelangt" im Sinne von "gereicht", "als Ergebnis haben". Ich würde eher von "war es im Laufe ... gekommen" schreiben. Ebenso würde ich davor "Bohei" durch "Lärm" bspw. ersetzen. Oder später "Scheiße", "versoff". Gerade im Vergleich zu bspw. "Larmoyanz" ist das ein zu starker Kontrast.

- "auf acht Kilometer an ihr Ziel genaht war" - für meine Ohren besser "bis auf acht Kilometer ihrem ziel angenähert hatte"

- "der Reise letzten Teils zu beginnen." - ich würde "der Reise letzter Teil" schreiben, besser aber "den letzten Teil der Reise"

- "um sie zu schlingen." - das verstehe ich nicht. "sie" - die Wunden zu "schlingen", "sie" = die Hauptfigur zu "verschlingen"?

- "Einem Angriff drehte sich sie weg2 - besser "Einem Angriff konnte sie durch simples Wegdrehen entgehen"

- Ein wenig unschön finde ich die In-Satz-Wortdopplungen wie "Boden" in "Moment zu Boden gerissen", "Kopf" bei "Kopf wollte mit der Rechten".

- "Nach einem prüfenden Blick auf die Sensorik und sicher" - dem "sicher" fehlt ein Verb. Ich würde eher "und nun der Gewissheit, dass" schreiben, da es ja dem "Nach" des Satzanfangs folgt.

- "„der Herr erwartet euch.“" - das "Euch" scheint mir hier eine formelle Anrede zu sein. Ich würde es daher groß schreiben.



Schreibfehler:
- "Ein [ ein ] paar Jahrzehnte später stellte man schließlich fest,
dass SICH diese über Singularitäten ansteuern ließen, um verschiedene
Punkte der Vergangenheit zu erreichen."
- "Sie hatte keine Zeit, sich groß zu BE dauern oder "
- "Sie hatte weder Zeit, sich aus ZU ruhen, noch um "
- "die Kronen der mächtigen Bäume [ n ] einen"
- "versperrten ihr [ e ] wiederkehrend Bäume den Pfad,"
- "an GE griffen womöglich aus einer Baumkrone "
- "haben mochte, waren zu Asche verbrannt [ e ]"
- "einheimischen Lebewesen überrascht { wurden ] WORDEN"
- "ihren Arm oder { oder ] Schulter richtete,"
- "Doch sie { scholt ] SCHALT sich selbst "
- "sie zugrunde schmetterte und " -> "die sie auf den Grund schmetterte"
- "meinte einer der Mitarbeiter, ebenfalls gekleidet in eine seinen Körper umhüllende gelbe Schutzausrüstung KOMMA (Einschubende) und unterstützte "
- " zu jemandem bringe N würde,"
- "Als sich DER erste Schock der beiden Angreifer gelegt hatte,"
- "die vier [ Wochen ] WACHEN"
- "könnte all dies umsonst sei N"
- "Fähigkeiten, die über ein normales Maß hinausgehen KOMMA und hielten "
- "dass jede Form von Lügen zwecklos [ sind ] IST"
 

frynstaden

Mitglied
Danke. Grundsätzlich ist die Geschichte schon bis zum Ende, ggf. sogar einem dritten Buch, durchdacht. Muss sie nur noch schreiben. Kapitel 3 entsprechend über den Link (dort steht dann auch wieder der Hinweis). Denke, da wird sich einiges klären - und ja, Fehler wird es geben. Die Gründe dafür kann leider auch die Wordkorrektur nicht richten.
 

marcm200

Mitglied
"nur noch schreiben" :)

Was Fehler angeht: Ich habe mir die Geschichte per TTS vorlesen lassen. Man hört vieles, was man beim Selbst-Korrekturlesen übersieht. Kann ich nur empfehlen.
 



 
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