Clarence

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Einem Zugluftwurm ist ständig kalt. Kein Wunder, schließlich sind seine Einsatzgebiete der zugige Türspalt und das kalte Fenster. Er ist immer hungrig, kann aber nichts essen, weil sein Maul zugenäht ist. Niemand hat vor ihm Respekt. Er ist ein Nichts, wird ständig geschubst, geschoben und mit Füßen getreten.
Geboren von einer seelenlosen Nähmaschine, sofort nach seiner "Geburt" abgeschoben in einen dunklen grauen Karton. Geduldig wartend auf eine Bestellung, die ihm aber niemals Befreiung bringen wird.
Clarence, so hatten ihn die Kinder getauft als sie ihn aus einem Sonderpostenmarkt mit nach Hause brachten, war einer von ihnen. An einen Wurm erinnerte nur sein endlos langer Körper. Ansonsten sah er mit seinem gelb-schwarz-gestreiften Fell und den Knopfaugen eher wie ein Tigerbaby aus. Wenn man in seine dunklen Glasaugen schaute, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um ein lebendiges Wesen handelte. Er schien alles um sich herum wahrzunehmen und jede Bewegung zu registrieren. Irgendwann habe ich mich sogar dabei ertappt, mit Clarence längere Gespräche zu führen.
Anfangs wurde mit ihm noch gekuschelt und geschmust, dass es für ihn eine wahre Freude sein musste. Als die Kinder älter wurden und lieber mit watschelnden Robotern und ferngesteuerten Autos spielten, landete Clarence im zugigen Flur vor der Tür zum Garten. Es dauerte nicht lange und sein Fell wurde grau und unansehnlich. Die warmen, dunklen Augen verloren ihren Glanz.
Überhaupt ging in Clarence eine merkwürdige Veränderung vor. Obwohl er sich aus eigener Kraft nicht fortbewegen konnte, lag er mal hier, mal dort, aber stets als Stolperstelle im Wege. Es gab Tage, an denen er dann wieder völlig unauffindbar war bis wir ihn irgendwo im Garten verwahrlost wiederfanden.
Auch an diesem besonders kalten, grauen Oktobertag, der Wind stand auf Nordwest, und der ständige Nieselregen drang durch jede Ritze der alten, nicht mehr dicht schließenden Tür, war Clarence wieder einmal verschwunden.

Für den Abend hatte sich Besuch angekündigt.
Ich konnte die Müllers mit ihren unerzogenen, lärmenden Kindern nicht leiden. Aber sie gehörten nun einmal zur Familie und Helena, meine Frau, sah es als ihre familiäre Pflicht an, den Kontakt zu den Familienmitgliedern aufrecht zu erhalten.
Die Besuche waren stets eine Heimsuchung, bei der die hyperaktiven Kinder durch unsere Wohnung rasten und erst zufrieden waren, wenn irgendetwas zu Bruch ging.
Der Leidtragende überhaupt war jedoch Clarence.
Die Müller-Kinder trampelten mit Begeisterung auf Clarence herum und hatten ihren Spaß daran, ihn in hohem Bogen in den höchsten Ast des Kirschbaumes zu schleudern. Ich litt jedes Mal mit Clarence und hätte es verstanden, wenn er sich mit einem gezielten Biss der Gören entledigen würde.
Heute sollte es wieder soweit sein. Der Nieselregen war inzwischen in einen ausgewachsenen Starkregen übergegangen und wir bereiteten uns auf das Unabwendbare vor.
„Wo ist Clarence? Ich werde ihn in Sicherheit bringen“, schlug ich vor.
Helena zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht hat er sich wieder einmal verkrümelt“, antwortete sie belustigt während sie den gedeckten Tisch im Esszimmer kontrollierte.
Ein unergründliches Poltern und Knirschen unterbrach unser Gespräch. Helena und ich stürzten ohne zu zögern durch den Vorgarten auf die Straße. Was wir jetzt sahen, verschlug uns fast den Atem. Müllers nagelneuer VW Golf war zur Hälfte in ein riesiges Loch in der Fahrbahndecke, direkt vor unserem Haus, eingebrochen. Die gesamte Familie Müller stand fassungslos vor ihrem Auto. Offensichtlich waren sie körperlich unversehrt.
Polizei, Feuerwehr und sogar der Notarzt waren nach wenigen Minuten zur Stelle. Die Bergung des Havaristen stellte sich als äußerst schwierig dar, weil das Loch immer größere Ausmaße annahm und das Auto immer weiter verschlang.
Die verstörten Müllers wurden allesamt zur psychologischen Betreuung ins Kreiskrankenhaus gebracht.
Noch Stunden nach dem Unfall waren Polizeibeamte und Mitarbeiter der Straßenverkehrsbehörde mit der Erforschung der Unfallursache beschäftigt. Alles wurde akribisch untersucht. Schließlich kam man zu dem Ergebnis, dass durch den Starkregen eine sogenannte Auswaschung ein unterirdisches Höhlensystem geschaffen hatte. Eiligst herbeigerufene Höhlenforscher stiegen hinab und tauchten erst nach Stunden wieder an der Erdoberfläche auf. Sie berichteten von einem unterirdischen Röhrensystem, das bis in die hinterste Ecke der Siedlung reichte. Als Fundstücke stellten sie den inzwischen angereisten Vertretern von Funk und Fernsehen Kotrückstände und Fellfetzen vor, die sie einer längst ausgestorbenen Tierart, einer Art Urwurm, zuordneten.
Seither berichtete man auch von rätselhaften Zwischenfällen. Angeblich soll im nahegelegenen Stadtwald eine Art Schlange ahnungslose Wanderer, überwiegend Familien mit Kindern, angegriffen haben. Todesfälle gab es bisher noch nicht.
Clarence jedenfalls blieb verschwunden, aber er lebt, da sind wir uns sicher.
 

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