Coco Loco

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onivido

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Abstinenzlern ist Coco Loco wahrscheinlich kein Begriff. Also um es kurz zu machen. Man nehme eine Kokusnuss, öffne sie mit drei gut gezielten Machetenhieben, -Vorsicht mit den Fingern,- giesse etwa ein Viertel der Kokusmilch heraus und fülle mit Rum oder Tequila auf. Dieses Getränk ist fester Bestandteil der mexikanischen Zivilisation. Planung dagegen ist nicht ihre hervorragendste Eigenschaft.

Schon eine ganze Woche war ich in Acapulco, um ein System einzuschalten, das noch gar nicht installiert war. In Anbetracht der angenehmen Urlaubsatmosphäre dieser Stadt am Meer fiel mein Protest sehr gemässigt aus und wurde zum Glück nicht beachtet.
Der Ort war überlaufen von amerikanischen Touristen. Die Männer kamen hierher, um Wasserski su fahren, zu tauchen, zum Parapente fliegen und um sich zu betrinken, die Frauen ebenfalls. Die meisten betranken sich zwar nicht, gönnten sich dafür aber einen Latin Lover.
Ich vertrieb mir die Zeit damit in den Strandcafés das Treiben der mexikanischen Machos und der amerikanischen Touristinnen zu beobachten und darauf zu warten, dass es den mexikanischen Damen zu bunt wurde und sie es ihren Landsmännern gleichtun wollten. Die meisten Kellner kannten mich bereits. Sie belächelten meine venezolanischen Redensarten und hatten sich damit abgefunden, dass ich, meinem Äusseren zum Trotz, kein US Bürger war, was sich manchmal vorteilhaft bei der Bezahlung der Rechnung auswirkte.

An einem sonnigen Morgen wanderte ich ein Stück den Sandstrand entlang mit dem einzigen Ziel, die mehr oder weniger entkleideten Strandnixen zu bewundern.
“Miren a este gringo tan loco- Schaut euch diesen verrückten Ami an!” hörte ich eine spöttische Frauenstimme.
“Seht euch einmal an, wie der an den Strand kommt! Schwarze Schuhe,- auf Hochglanz poliert, - schwarze Hose, ein frisch gebügeltes weisses Hemd mit langen Ärmeln. Dem fehlt nur noch eine Krawatte, dann kann er gleich ins Büro gehen. Bei dem ist doch eine Schraube locker.”
Damit hatte sie Recht. Nein, nicht mit der lockeren Schraube, aber mit meinem Aufzug. Ich war immer so gekleidet, um auf Abruf umgehend, ohne Zeitverlust bei meiner Arbeitstelle aufkreuzen zu können.
“Vielleicht ist er ein Missionar, ein Mormone, der noch eine Frau sucht”, witzelte eine andere.
Ich wandte mich um und sah eine Gruppe von spottenden Mädchen. Ich lächelte ihnen freundlich zu.
“Hey, Mister!” rief eine und hielt mir eine Kamera entgegen.
“Könnten Sie nicht ein Foto von uns machen?”
“My pleasure”, antwortete ich wahrheitsgemäss.
Die Mädchen brachten sich in Position und feixten - natürlich auf spanisch - darüber, was sie mit mir anstellen könnten, wenn ich nicht gar so dämlich aussehen würde. Ein echter Gringo eben, leider. Ein simpler Typ ohne ein bischen Pfeffer, einfach fade.
“Rosana, leg ihm doch mal die Hand an den Schenkel. Mal schauen was er macht.”
“Warum denn ich, mach das du doch mal.”
“Ich denke du sollst das machen, weil du daran gewöhnt bist.”
“Ich habe das nicht nötig, Schätzchen, ich brauche den Männern die Hand nicht auf den Schenkel zu legen.”
“Eso! Eso! Así se habla!” kreischten die Freundinnen.
“Das wissen wir, darum wäre es mal interessant zu sehen, wie du mit dem Gringo klar kommst.”
“Nur nicht neidisch werden, Xochil!” ereiferte sich eine Dritte. “Die Idee war doch deine. Da musst du das auch tun. Warum umarmst du ihn denn nicht wenigstens?”
“Xochil, Xochil, que lo abrace, que lo bese, sie soll ihn umarmen, sie soll ihn küssen!” schrien alle im Chor.
“Bueno, was zahlt ihr, wenn ich es tue?”
“Wir spendieren dir einen Coco Loco, damit du dir den faden Geschmack aus dem Mund spülen kannst.”
“Say cheese,” sagte ich.
“Cheeeese!”
Die Kamera klickte und ich gab sie zurück, aber nicht dem Mädchen, das sie mir ausgehändigt hatte, sondern Xochil. Dabei ging ich schmunzelnd fast bis auf Tuchfühlung an sie heran. Tuchfühlung ist übrigens nicht das geeignete Wort. Xochil war nur sehr spärlich betucht. Sie fasste die Kamera hastig und brachte ein:
“Thank you, mister” hervor, das frech klingen sollte, aber sie machte keine Anstalten mich zu umarmen. Im Gegenteil, sie wich sogar einen kleinen Schritt zurück. War ich ihr vielleicht zu hässlich? Dieser Gedanke wurmte mich. Es macht mir nichts aus für dumm gehalten zu werden. Wenigstens bilde ich mir ein, dass ich das nicht bin, zumindest nicht dümmer als andere. Aber hässlich? Da war ich mir nicht so sicher, deshalb gab ich ihr reichlich Zeit ihrem Versprechen nachzukommen. Nichts passierte.
“You are welcome”, sagte ich schliesslich ein wenig enttäuscht und liess meinen Blick hemmungslos über ihren, –wie schon erwähnt, spärlich betuchten Körper wandern. Nicht schlecht. Ich schaltete auf Angriff.
“May I buy you a Coco Loco - darf ich dich zu einem Coco Loco einladen?”fragte ich mit ausdrucksloser Miene.
Xochil starrte mir mit leicht geöffnetem Mund ins Gesicht. Ihre vollen Lippen reizten mich sie zu küssen.
“Ya que acabas de perder uno - weil du ja gerade einen verloren hast”, setzte ich auf spanisch erklärend hinzu.
 
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