Daisy Rellik

Dreiviertel drei ist eine äußerst charmante Tageszeit. Sie enthält nicht ein Gramm an Wichtigkeit, und doch zerläuft sie einem auf der Zunge wie die rhythmusbetonteste und Eindruck erweckendste Zeit aller Zeiten. In der Uhrzeit dreiviertel drei finden wir die perfekte Zeit, sie enthält nicht die Poesie des Sonnenaufgangs am Morgen oder der Funkeln der Sternen in der Nacht, weder Geister noch Mahlzeiten sind von ihr abhängig, sie ist unberührt von sporadischen Morden und symbolträchtigen Selbstmorden, sauber zurückgelassen vom Lauf der Zeit.


Um dreiviertel drei an diesem einen Sommertag fuhr eine junge Frau mit dem Namen Daisy Rellik an einem kleinem Cafe, in dem Träume wahr wurden, vorbei und stellte ihren zerbeulten Pick-Up vor dem Apartment ab, in dem sie wohne, keine fünfzig Meter von dem Cafe entfernt, in dem sie noch nie gewesen war. Sie war Mitte dreißig, zierlich, und hatte rotes langes Haar, dunkelrot. Ihre Lieblingskekse waren Chocolate-chipped Cookies. Als sie sieben Jahre alt war, malte sie Bilder von Häusern ohne Fenster. Sie hatte mal einen Hund, der Johnny Ace hieß. Sie redete nicht mehr mit ihren Eltern. Ihre Eltern redeten nicht mehr miteinander. Margariten haben weiße Blütenblätter, die anscheinend die Ungewissheit der Liebe in einer Kultur symbolisieren, die sich auf Blumen verlässt, um Gefühle auszudrücken, ihre Menschen zerpflücken die kleinen weißen Flügel, um sich der Liebe anderer zu vergewissern. Rellik rückwärts buchstabiert ergibt das englische Wort für Mörder. Killer rückwärts buchstabiert ergibt jedoch keine Sinn, im Gegensatz zu dem Wort God, dass zu Dog wird.


Daisy parkte also ihren Wagen.


Sie stieg aus und lief um ihn herum zum Kofferraum. Sie erinnerte sich noch gut an den Zustand des Fords, als sie ihn vor vier Jahren gekauft hatte. Die Reifen waren komplett abgenutzt, die Handbremse klemmte fest und der Spiegel auf der Fahrerseite hing herunter wie eine losgelöste Rippe. Sie hatte sich sofort in ihn verliebt. Daisy öffnete den Kofferraum und zog einen großen Müllsack heraus. Er war am oberen Ende mit grauem Industrieklebeband zugeschnürt. Der Sack schlug mit einem dumpfen Geräusch auf der Kante des Bürgersteigs auf. Daisy schüttelte den Kopf. Ihr war, als füllte ein furchtbarer Gestank ihren Mund. Sie schaute auf dem Müllsack und dachte daran, ihn einfach dort liegen zu lassen, er war einfach viel zu schwer für sie.


Aus der Vordertür ihres Apartmentgebäudes kam Fred, der Mexikaner, dem der gesamte Block gehörte. Es schien, als gehörten alle Geschäfte in der Nachbarschaft Ausländern. Es war diese Art von Gegend; der kleine Supermarkt an der Ecke gehörte einer indischen Familie, die vor über dreißig Jahren nach Amerika gekommen war; einem gutaussehenden griechischen Adonis namens Georgi gehörte die Videothek, in der er den Damen Sonderpreise machte; es gab eine Bar ein paar Straßen weiter, die ein australischer Kerl eröffnet hatte; er nannte sein Trinkloch "Ned Kelly's", eine überfüllte, kleine, dunkle Kneipe am Abend, in der tagsüber die bester Burger der Gegend serviert wurden.


"Hey Miss Rellik, soll ich ihnen mit dem Sack da helfen?"

"Oh Fred, würden sie? Sie sind ein Engel!"

"Ach was, den Nachbarn hilft man doch immer, oder?"

Fred war über sechzig aber hatte die Kraft eines Teenagers. Er hatte einen schwarzen Schnurbart und trug immer einen halblangen Mantel über einen kurzärmeligen Hemd. Heute war das Hemd himmelblau und der Mantel dunkelrot. Er kam zu Daisy herüber und half ihr, den Sack hochzuheben. Er fragte sich, was sie da drin hatte. Als sie damals eingezogen war, hatte er für sie kleinere Handwerksarbeiten erledigt. Er wunderte sich noch immer über den Inhalt des komischen Gepäcks und darüber, wo Daisy wohl in den letzten Tagen gewesen sein mochte. Sie hievten den Sack in den Eingang des Wohnhauses. Daisy wohnte im ersten Stock. Die Treppe war unterteilt, auf der Hälfte lag ein Fenster, dass einen breiten orangefarbenen Lichtstrahl hereinließ, in dem man tausend Staubkörner durch die Luft schweben sah. Neben dem Fenster hing ein Kunstdruck von Van Gogh, "Sternennacht".


"Sie waren für ein paar Tage weg, Miss Rellik?"

"Ja, hatte zu Hause ein paar Dinge zu erledigen und bin auf dem Rückweg durch die Berge gefahren und habe am See übernachtet."

"Sie waren am See? Waren sie in dem kleinen Hotel?"

"Genau, kennen sie es?"

"Da gibt es die besten Steaks, Miss Rellik!"

"Ich glaube, da haben sie recht Fred, aber sie wissen ja, ich muss an die Ausmaße denken." Sie lachte, deutete mit der Hand auf ihren Po und sah Fred direkt in die Augen.


"Ich wollte sie auch noch fragen, Miss Rellik, es eilt nicht, aber wäre es ihnen möglich, die Miete für die beiden letzten Monate bald zu bezahlen?" fragte der Mexikaner sichtlich nervös.


"Nun Fred, ich dachte, wir hätten eine Abmachung?"

"Aber Miss Rellik, ich bin ein alter Mann, der auch Geld braucht."

Sie hielten inne, als sie an Daisys Wohnungstür ankamen und stellten den Müllsack ab. Fred stand still da und Daisy schaute ihn an. Ihr fiel auf, dass der unterste Knopf an seinem Hemd fehlte und man seinen Bauchnabel sehen konnte. Auf seiner Stirn sammelte sich Schweiß und er bemühte sich, würdevoll auszusehen während sie ihn so scharf ansah. Zwischen ihnen lag die gleiche Energie wie zwischen einer Tigerin, die durch die Stangen ihres Käfigs starrt, und ihrem Publikum. Für einen Augenblick fühlte sich Daisy genau so, als gefangenes Ausstellungsobjekt, sich der auf sie gerichteten perversen Blicke völlig bewusst. Dann nahm sie den Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn um. Klick. Die Luft um sie herum zögerte für einen Augenblick, bevor sie in den Flur der Wohnung strömte, wartete wie die Patronen einer Waffe auf dem Moment, abgefeuert zu werden. Dann schwang die Tigerin ihre Krallen.


"Warum kommen sie nicht später noch einmal vorbei? Lassen sie mich auspacken, duschen, ein bisschen Make-up auftragen, und dann kommen sie rauf und wir regeln das mit der Miete. Wollen wir das so machen Fred?" Ihre Stimme klang gut, ihre Augen sahen böse aus. Fred fühlte sich schlecht.


Der besiegte Mexikaner lag verwundet am Boden. Die Tigerin hatte geknurrt, und er fühlte sich schuldig. Er lag zuckend am Boden wie der Stier in einer Arena; das Blut lief an ihm herunter und versickerte im Sand, er konnte hören, wie das Publikum dem Matador applaudierte, der neben ihm Siegerposen einnahm. Junge Mädchen in weißen Kleidern pressten sich Rosenkränze an die Brust, Blumen flogen dem Sieger zu. Der Stier lag vergessen am Boden, die heiße Sonne versengte sein blutiges Fell, der Säbel steckte noch in seiner Flanke. Er hatte das rote Tuch des Matadors gesehen, war darauf zugestürmt, und auf den Trick hereingefallen. Konnte man es ihm übel nehmen?


"Soll ich in einer Stunde wiederkommen, Miss Rellik?"

"Das wäre genau richtig. Ich werde was Hübsches anziehen."

Der Vermieter trat zurück und ging die Treppe wieder herunter und Daisy trat in ihre Wohnung, den Sack hinter sich herschleifend. Fred warf einen letzten Blick auf ihn bevor er in die Wohnung und aus seinem Blickwinkel verschwand, die Tür wurde zugeschlagen und er hörte das Schnappen des Schlosses. Klick. Dann das Rasseln der Türkette. Dann Stille.
Manchmal fühlte sich Fred, als wäre er Daisys Vater. Half ihr hier und da. Und manchmal fühlte er sich einfach einsam. Er ging in seine eigene Wohnung und öffnete die Kühlschranktür, ohne auf die Katze zu achten. Er zog ein Sechserpack Bier aus dem untersten Fach, das Licht des Kühlschranks und die kalte Luft traf seinen Oberkörper. Dann setzte er sich in seinen Sessel, schaltete den Fernseher an und schaute sich das Spiel an. Houston war am gewinnen. Er wunderte sich immer noch. Was war in dem Plastiksack?


Daisy konnte den Sportkommentator aus dem Fernsehen unter ihr hören. Sie hatte den Sack in ihr Wohnzimmer gezogen und schaltete jetzt ihre Stereoanlage an, um nicht mehr von den Stimmen aus Freds Fernseher gestört werden zu können. Sie wiegte sich sanft im Takt der Musik, zündete eine Zigarette an und fuhr mit der Hand durch ihre Haare. Sie atmete tief aus und betrachte den Müllsack durch den dichten Rauch, der vor ihr aufstieg. Durch das Fenster konnte sie den Verkehr hören, und nebenan vögelte ein Pärchen. Die Stimme des Kommentators drang immer noch ab und zu zu ihr hoch, und über ihr probte gerade jemand eine Rede, vermutlich vor dem Spiegel. Sie schaute wieder auf den Müllsack and ging dann zu ihm herüber.


Während sie damit anfing, das starke Klebeband abzuwickeln, dachte sie noch einmal genauer über die letzte Nacht nach. Sie erinnerte sich an den See, und wie schön er ausgesehen hatte, wie sich der mit Champagner getränkte Abendhimmel in seiner dunklen Tiefe gespiegelt hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie den leeren Highway entlang gefahren war. Sie fuhr bei geöffnetem Fenster, um nicht einzuschlafen. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Etwa dreizehn Meilen vor dem Hotel hatte sie den Anhalter mitgenommen. Die Kiste in ihrem Zimmer hatte hoffnungslos geflimmert ohne ein Bild zu zeigen. Das Essen war beschissen. Als er seinen Daumen ausstreckte hatte sie ihm in die Augen gesehen und war erst mal vorbei gefahren. Etwa dreißig Meter weiter hielt sie an, und ihr Herz hatte in ihrem ganzen Leben nie so langsam geschlagen wie in dem Moment, den er brauchte um zu begreifen, dass er mitgenommen wurde. Sie hatte den Rückwärtsgang eingelegt, genau neben ihm angehalten und die Scheibe heruntergekurbelt. Sie hatte ihm wieder in die Augen geschaut und gedacht, dass es jene Augen waren, die den Wagen anhielten und den Rückwärtsgang einlegten, dann hatte sie gelächelt und den Fremden gefragt, wohin er wolle.


"Paris, Texas... ganz egal."

"Steig ein, ich nehme dich bis zu dem Hotel am See mit, weiter fahre ich heute nicht."

Er hatte seinen Rucksack hinten auf die Ladefläche geworfen und sich auf den Sitz neben sie geschwungen. "Hi, ich bin Sam." Er war kein Indianer, und sein Akzent hörte sich Britisch an. Er saß da und rieb sich den Staub aus den Augen. Daisy stellte sich vor und erzählte ihm von dem Hotel, das etwa zwanzig Minuten von ihnen entfernt lag. Er sagte, er habe Hunger. Sie fragte ihn wieder, wo er hin wollte, und wieder antwortete er Paris, Texas. Sie dachte an Natascha Kinski. Er musste lachen und meine, er würde herumreisen. Fragte sie, wo sie hin wolle. Sie erzählte es ihm. Sie fragte ihn, ob er rauche, und er zog zwei selbstgedrehte Zigaretten aus seiner Jackentasche und bot ihr eine an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte ein totes Reh gelegen. Er zündete beide an und reichte ihr eine, beim ersten Zug musste sie husten. Er sprach über Essen und Musik und übers Vögeln. Die hohen Bäume auf beiden Seiten der Straße schauten auf sie herunter. Er lachte viel. Sie sagte kaum etwas, und wenn sie etwas sagte, hörte sie sich nervös an. Er unterstrich sein Lachen jedes Mal mit einer weiten Handbewegung. Sie sprach, als redete sie mit einem toten Mann. Die ganze Zeit kam ihnen kein einziges Auto entgegen. Dann begann er, mit den Fingerspitzen auf sein Knie zu trommeln, zu einem stillen Beat, den nur er hören konnte. Dabei schaute er in die verdorrte Wildnis. Ein Auto kam ihnen entgegen. Sie sprachen wenig. Sie fragte ihn, ob er auf seinen Reisen viele Leute träfe, und er antworte, dass es meisten Leute wie er selbst waren. Dann fing er an zu erzählen, und sie hörte auf zuzuhören. Wenn er sie etwas fragte, drehte sie ich das Gesicht zu und lächelte. Das verwirrte ihn. Er verstummte und blickte wieder auf die Straße. Es gab fast kein Licht mehr, nur das der Scheinwerfer und der untergehenden Sonne Lichtjahre entfernt. Wieder ein totes Tier am Straßenrand. Er zog an seiner Zigarette und behielt den Rauch lange in seiner Lunge. Seine Augen wurden zu Schlitzen und der Rauch entwich langsam aus seinen leicht geöffneten Lippen. Er fragte sie, ob es in dem Hotel eine Bar gab. Sie antwortete, sie wäre noch niemals zuvor dort gewesen. Gegen sieben Uhr kamen sie an dem Hotel an.


Es gab nur noch ein freies Zimmer. Sie diskutierten erst gar nicht lange. Er stellte sich freundlich und bot an, im Wagen zu schlafen. Sie lehnte das ab und zeigte ihre praktische Seite, indem sie vorschlug, Kopf an Fuß zu schlafen. Sie saßen vor dem alten Fernseher in ihrem Zimmer und versuchten, Empfang zu bekommen. Dann redeten sie für eine halbe Stunde. Die Sonne ertrank nun im Himmel. Sie meinte, sie hätte Hunger, und er antwortete, er hätte kein Geld bis er wieder in die Stadt käme, aber dass er es ihr zurückzahlen würde. Sie schauten sich an, und ohne weitere Worte zu verlieren wusste sie, dass er ihr das Geld zurückgeben würde. Daisy hatte dagesessen und mit Zweifeln auf ihr Steak gestarrt. Er redete die ganze Zeit. Über Musik, Literatur, Reisen, Vögeln. Übers Vögeln redete er mehr als über die anderen Themen zusammen. Daisy konnte nicht verstehen, dass er länger davon sprach, wie er es diesem Mädchen in Tennessee mit dem Mund gemacht hatte als über Led Zeppelin, Rimbaud und einem Jahr in Indien zusammengenommen. Sie erzählte ein bisschen von ihren Eltern, aber die meiste Zeit schwiegen sie beide, während sie aßen. Danach setzten sie sich in die Bar, und teilten sich ein Bier nach dem anderen, wieder versprach er ihr, das Geld zurückzuzahlen. Dann spielten sie Pool.


Daisy hatte das ganze Klebeband vom Müllsack entfernt. Ihre Zigarette hatte sie auch zu Ende geraucht. Ihre dunkelroten Haare waren ihr wieder in die Augen gefallen und sie strich sie hinter ihre Ohren. Sie hörte, wie Fred unten den Fernseher anbrüllte, das Pärchen nebenan war wieder still. Sie zog sich die Bluse aus ihrer Jeans, öffnete den obersten Knopf und blies sich ihren kühlen Atem ins Gesicht. Dann stand sie auf, ging in die Küche und wühlte in den Schubladen herum. Sie kam mit einem großen Messer zurück, sein Griff war aus dunklem Holz. Sie schlitze den schwarzen Sack der Länge nach auf und achtete genau darauf, den Inhalt nicht zu zerstören. Die im Plastiksack gefangene Luft strömte heraus wie Ratten aus einem überfluteten Abwasserkanal und zwang Daisy, den Atem anzuhalten, denn der erste Zug, den sie davon eingearbeitet hatte, zerriss ihr die Lunge. Sie drehte sich von dem Müllsack weg, drückte die Hand gegen ihren Mund und schaute aus dem Fenster auf den blauen Himmel.

Nachdem sie das schwarze Plastik zur Seite geschoben hatte, verlangsamte sich ihr Herzrhythmus in ein dumpfes Schlagen. Sie beugte sich vor und legte ihre Lippen auf Sams trockenen blauen Mund, ihre Zunge schob sich an der Kälte seiner Lippen vorbei und neckte ihn. Seine Augen waren weit geöffnet und beschädigt. Sie erinnerte sich plötzlich, wie schön er ausgesehen hatte, als er seine Liebe für sie ausschrie und sie ihn unter die kalte Oberfläche des Sees gedrückt hatte. Die kleinen Blasen, die von ihm hochsprudelten, verließen das Wasser und stießen die drei Worte aus, die sie hören wollte. Als sie ihre Lippen von seinem Mund nahm, bemerkte sie, wie ihr Speichel an seiner trockenen Haut zurückblieb. Sie schälte den Rest des Plastiksacks von ihm los, warf ihn achtlos neben das Sofa und beugte sich über Sams Körper. Daisy küsste beide seiner geöffneten Augen und war sich sicher, dass seine Seele sie noch immer beobachtet, noch immer liebte, obwohl er sich nicht bewegte.


Dann trat sie von dem schönen, nackten Körper auf ihrer Couch zurück und betrachtete seine verschrammten Glieder, die roten Würgemale an seinem Hals. Sie beugte sich wieder vor und ließ ihre Zunge über den unvollkommenen Nacken ihres Liebhabers gleiten. Sie fühlte sich wie ein Akustikgitarre, deren Seiten auf eine drängende, fortschreitende Weise geschlagen würden. Fragte sich, ob er die Hitze ihrer Zungenspitze fühlen konnte, die auf seiner blassen Haut kreiste. Fragte sich, ob er die Vibrationen hunderter galaktischer Explosionen spüren konnte, wenn ihn ihre Lippen berührten.


Daisy stand wieder auf, schaute ein letztes Mal auf den stummen jungen Mann auf ihrer Couch und lief rüber in ihr Schlafzimmer. Sie zog sich hastig die Bluse über den Kopf, schlüpfte aus ihren übrigen Kleidungsstücken und stand nackt neben ihrem Bett. Sie zitterte unter der leichten Berührung der Luft in ihrem Zimmer. An ihrer Wand hing ein signiertes, gerahmtes Poster von Lenny Kravitz. Für einen Augenblick stellte sie sich vor, wie er sie ansah. Sie legte sich aufs Bett, ihre Finger berührten ihren Körper. Sie sah Lenny an, wie er sie ansah. Sie erinnerte sich, wie Sam ihr kleines grünes Höschen am See zur Seite geschoben hatte. Sie hatte ihn in sich reingelassen und dann seinen Kopf unter die Wasseroberfläche gedrückt. Sie hatte ihre starken Hüften gegen seine haarigen Beine gepresst während ihre Hände seinen Hals drückten. Er hatte seinen letzten Atemzug in sie rein geatmet, und hatte angefangen, Blut zu husten. Es vernebelte sein Gesicht wie bei dem Einschlag einer nuklearen Bombe roten Rauch den Himmel verdunkelt. Sie stieß hart zu als sich sein Rücken wölbte, und er kam in ihr drin, ganz plötzlich, und schob sich noch weiter in sie rein. Und dort blieb er, bewegungslos, während sie keuchte. Als sein Körper leblos zusammenfiel, stand sie auf und zog sich an. Sie hatte den Pick-Up ans Ufer des Sees manövriert und brachte ihn damit weg. Dann fuhren sie wieder, alles war so perfekt. Als sie sich geliebt hatten, war die Sonne gerade erst untergegangen, und der Mond hatte erst angefangen emporzusteigen. Weder Sonne noch Mond hatten zugesehen, wie sie ihn am See vögelte, weder Sonne noch Mond konnten das Geschehe bezeugen. Daisy stöhne leise auf als sie sich den champagnerdurchtränkten Himmel vorstellte, den dunklen tiefen See, den Hauch der lauwarmen Luft an ihrem Körper, ihre Beine verkrampften, ihr Körper wand sich. Are you gonna go my way? Sie schaute Lenny wieder an und spürte den Schweiß auf ihrer Haut.


Dann ließ sie sich ein Bad einlaufen, fügte eine Reihe von Kräutern und Ölen hinzu, hielt den Zeh ins Wasser, um die Temperatur zu überprüfen. Dann zog sie die Vorhänge zu, zündete eine Kerze and und ließ Sams schlaffen, kalten Körper in das Badewasser gleiten. Sie hörte, wie seine kalte Haut an der Seite der Wanne entlang rutschte, es klang fast wie ein Wal, der unter Wasser nach einem anderen Wal ruft. Sie stellte ihn so auf, das er am Ende der Wanne saß und ließ sich selbst vorsichtig zwischen seinen Beinen nieder, drückte ihren Rücken gegen seine Brust. Sie bewegte sich leicht und fühlte, wie sein schlaffer Körper gegen ihren Rücken fiel. Sie zog seine Arme um sich herum, drückte ihm einen Schwamm in die Hand und wusch ihre Brust mit seinen Fingerspitzen. Im Schatten der Kerze sahen sie perfekt aus, und so viel mehr, wie Romeo und Julia. Sie nahm seine freie Hand und begann, sich mit ihr zu streicheln, ließ seine Finger langsam Achten auf ihre Haut zeichnen. Sie kippte ihren Kopf nach vorne und spürte, wie seine Lippen auf ihren Nacken fielen, öffnete seinen Mund und fühlte seine trockene Zunge auf ihrer Haut. Sie lehnte sich stärker gegen ihn, damit seine Leblosigkeit näher an ihre Körperwärme kam. Die Kerze flackerte, sie verkaufte das Abbild zweier Liebenden, untergrub ihr Verlangen und kristallisierte sie in einem dunklen Portrait auf der gekachelten Wand des kleinen Badezimmers. Daisy hatte Leuchtsterne unter die Decke des Bads geklebt, die jetzt zwischen den beiden Liebenden funkelten. Plötzlich fiel ihr das Van Gogh Gemälde wieder ein, und ließ sie scharf einatmen. Ihre Schatten berührten sich, sein Kopf nickte vor und zurück, als sie nach seinen Haaren griff. Ihre Hände packten seine Hände, versteiften sich unter seinem Griff. Vom Wohnzimmer aus glitt Musik heraus wie die Trümmer aus einem Schiffswrack.


All I need from you... is all your love... all I need from you... is all your love...


Als das Wasser kalt wurde, stand Daisy auf, kleine Schaumflocken fielen von ihr ab. Sie trat aus der Wanne und ging durch das Wohnzimmer zurück in ihr Schlafzimmer, stellte die Musik lauter und wiegte ihren Kopf dazu im Takt. Sie fühlte, wie eine Sauberkeit über ihren Körper glitt, die auch der Dieb, der Jesus das Kreuz übergab, auf dem Hügel von Golgatha gespürt haben musste. Sie starrte aus dem Fenster und fühlte die Sonne auf ihrer Haut, wie sie die Wassertropfen, die an ihr herunterglitten, aufwärmte. Auf einem Regal neben ihrem Bett stand ihre Sammlung an Porzellanpuppen, eine für jeden Monat, die sie in dem Apartment gewohnt hatte. Sie lehnte sich gegen die Fensterbank und sah wie ein kleiner weißer Vogel vom Himmel glitt, mit den Flügeln flatterte, wie dann ausstreckte und neben ihr landete. Er saß da und betrachtete sie, sie starrte ihn an. Dann schweifte ihr Blick über die Straße, durch die Bäume hindurch in ein offenes Fenster. An einer Wand hing ein Bild von einem Herzen. Es war aber lückenhaft, das Herz war in einzelnen Segmenten gemalt und dem Maler war die rote Farbe ausgegangen. Sie ließ ihren Blick nach oben gleiten, die Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel traten, fühlten sich auf ihrem Gesicht wie Glitter an. Dann wandte sie sich vom Fenster ab und sah auf die Uhr. Es war spät, sie musste sich anziehen.


Sie öffnete die Schublade mit ihrer Unterwäsche, nahm ein Paar Strümpfe, zog sie über ihre Beine und befestigte sie an ihrem Strumpfhalter, hakte den BH zu und sah in den Spiegel. Ihre langen roten Haare passten zum Dunkelgrün ihrer Wäsche, die schwarzen Strümpfe glänzten in der Sonne. Sie schaute wieder in die gegenüberliegende Wohnung, und jetzt war das Bild komplett, sie sah sich selbst in der Mitte, und lächelte. Es klopfte. Auf dem Weg zur Tür verschloss sie noch schnell das Badezimmer.


"Hallo Miss Rellik, sie sehen sehr schön aus."

"Danke Fred. Soll ich ihren Mantel nehmen?"

"Ich habe ihnen auch etwas mitgebracht..." Er hielt inne und seine zittrigen Hände griffen in eine Plastiktüte. Das Rascheln der Tüte machte ihn noch nervöser. Endlich zog er ein kleines Päckchen heraus. "Hier, Miss Rellik... nur eine Kleinigkeit."


"Danke Fred." Sie wickelte das Papier ab und legte es auf den zerschnittenen Plastiksack neben der Couch. Fred verfolgte ihre Bewegung mit den Augen und fragte sich erneut, was sie wohl mitgebracht hatte. Daisy schaute auf die Porzellanpuppe in ihren Händen. Sie trug ein kastanienbraunes Kleid und schwarze, glänzende Schuhe, weiße Spitze quoll unter dem Rock hervor. Die toten Augen der Puppe starrten sie an, Daisy richtete den Blick schnell auf Fred und nahm seine Hand. Sie gingen zusammen ins Schlafzimmer. Als sie die Puppe zu den anderen ins Regal stellte, erhob sich der weiße Vogel von der Fensterbank und flog davon.
 

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