Das 13. Sternzeichen

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AliasI

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Die große Kreuzspinne hing lässig in der Mitte ihres perfekten Netzes. Das Netz schaukelte im Abendwind, der braungesprenkelte Körper der Spinne war unförmig aufgetrieben und sah aus, als er ob bald platzen würde, aber das beeinträchtigte die Eleganz der Spinne nicht im mindesten.

Sie war schön...

Und Daphne verspürte keinerlei Angst vor ihr. Warum auch? Eine Zeitlang hatte sie Angst vor Spinnen gehabt, fast alle Frauen hatten Angst vor ihnen, es schien in ihren Genen verwurzelt zu sein, dieser Abscheu vor dem Achtbeinigen, vor dem angeblich Schrecklichen. Natürlich war diese Angst rational nicht zu erklären, und vielleicht war es nur eine Art Massenhysterie wie bei den Lemmingen, die sich aus was für Gründen auch immer in gewisse Abgründe stürzten.

Plötzlich sah Daphne, wie eine kleinere Spinne am äußeren Rand des Netzes auftauchte und sich der großen näherte.

Daphne schaute fasziniert zu, und als sie erkannte, dass die große Spinne, die übrigens Arachne hieß, wie Daphne traumwandlerisch wusste, nicht in der Stimmung schien, den kleineren Eindringling freundlich zu empfangen, sondern sich auf ihn stürzte, ihn wohl biss, ihn dann mit Fäden umwickelte und ihn schließlich in den Rand ihres Netzes einwob, da lächelte sie in ihrem Traum. Es schien ihr nicht grausam zu sein sondern notwendig und... praktisch.


Am 23. Januar 1995 tauchte in den Medien eine wahrhaft zum Himmel schreiende Meldung auf: Es sei anscheinend zwischen Skorpion und Schütze ein neues Sternzeichen entstanden, sozusagen ein Judas unter den zwölf heiligen Apostelzeichen. Dieser blinde Passagier, der seitdem auf dem himmlischen Karussell des Presserummels mitfährt, heißt Ophiuchus. Er erhöhe die Zahl der Sternzeichen angeblich von der göttlichen Zwölf auf die unchristliche Dreizehn. Ophiuchus bringe den Tierkreis völlig durcheinander. Jungfrauen seien in Wahrheit Löwen, Löwen Krebse, Krebse Zwillinge usw.

Die Meldung blieb größtenteils unwidersprochen, vermutlich weil sie von der vernünftigen wissenschaftlichen Seite zu kommen schien. Auf deutsch heißt dieses Sternbild übrigens der Schlangenträger.


Totaler Quatsch, Sternbilder und auch Sternzeichen entstehen nicht plötzlich, diese angebliche Sensation las sich zwar interessant, aber es war nicht richtig. So ein Blödsinn!

Daphne fühlte sich ein bisschen enttäuscht, sie hatte zwar noch nie so richtig an Horoskope geglaubt, aber sie hatte immer schon nach einem Zusammenhang zwischen den zwölf Ekliptiksternbildern und dem sogenannten Tierkreis gesucht. Da musste doch was Wahres dran sein an diesem ganzen Scheiß mit den Horoskopen. Aber auf was stützte sich dieser Blödsinn? Und was war eigentlich der Unterschied zwischen Sternbildern und Sternzeichen und Tierkreiszeichen? Sie trugen ja zumindest den gleichen Namen...

Zur Blütezeit der antiken Astrologie (ca. 200 v.Chr.) waren die Sternzeichen – auch Tierkreis genannt. – und die Sternbilder identisch. Die Sternbilder haben sich jedoch wegen der Präzession der Erdachse im Laufe der Jahrtausende verschoben. Die westliche Astrologie arbeitet nur mit den Tierkreiszeichen, die vor ca. 200 v.Chr. am Himmel zu sehen waren. Astronomen und Vertreter der Wissenschaft aber sprechen in der Regel von Sternbildern und werfen den Astrologen zu Unrecht vor, die astronomischen Grundlagen falsch zu berechnen.

Wieso zu Unrecht? Daphne schüttelte den Kopf. Die Astrologen waren wirklich hinter der Zeit zurück... Egal, es gab also mittlerweile keine Übereinstimmung zwischen den Sternbildern und den Sternzeichen, beziehungsweise dem Tierkreis mehr. Früher, ja da waren beide wohl identisch gewesen, aber in der Zwischenzeit hatte sich die Erdachse verschoben, und nichts stimmte mehr überein. Aber die Astrologen rechneten immer noch mit dem alten Himmelsbild, mit dem Bild vor über zweitausend Jahren.

Am Anfang war es richtig nett mit Bernie, sie war tatsächlich in ihn verliebt gewesen, aber es hatte nicht lange vorgehalten. Nach ungefähr zwei Wochen verlor sie die rosarote Brille des Verliebtseins und sah ihn mit objektiven Augen: Er war einfach grässlich, er war eingebildet, hochmütig, sah gar nicht gut aus, quatschte zuviel, und er nervte sie ganz fürchterlich. Aber da sie im Augenblick nichts Besseres hatte, duldete sie ihn. Und es war recht amüsant manchmal. Wenn sie zusammen in eine Kneipe gingen, dann summte Bernhard giftig wie eine Hornisse, wahrscheinlich tat er das, um Rivalen zu vertreiben oder um zumindest kund zu tun: „Hier bin ich, der große Bernhard. Will sich einer mit mir anlegen?“ Bernhard konnte nicht gut mit anderen Männern, er hatte keine Freunde und wollte auch keine haben. Bernhard war nämlich der Beste, der Größte und der Intelligenteste unter der Sonne und alle anderen Männer fand er blöde. Bei Frauen verhielt es sich anders, mit denen kam er blendend zurecht. Daphne argwöhnte, dass er sich mit Frauen gut verstand, weil sie eben ‚nur’ Frauen waren und keine männlichen Konkurrenten. Dieser eingebildete Laffe!

Die Ekliptik ist eine Art scheibenförmige Zone um die Sonne, in der sich alle Planeten befinden, und hinter ihnen, natürlich in weiter Ferne befinden sich auch die Sternbildern, die wiederum aus Sonnen gebildet werden. Da aber das meiste Leben auf unserem Planeten Erde vom Mond bestimmt wird, als da sind Ebbe und Flut, muss man dem Erdmond natürlich oberste Priorität zuteilen. Ein Mondmonat dauert allerdings nur 28 Tage, und auf das ganze Jahr bezogen, müssten es somit 13 Mondmonate sein, um das ganze Erdjahr damit zu füllen. Einfache Rechnung: 28 x 13 = 364.

Selbstverständlich stimmte das Sonnenjahr nicht mit dem Mondjahr überein, es stimmte deswegen nicht, weil es alles an der Zahl ZWÖLF hing. Zwölf müssen es also sein? Quatsch, dachte Daphne, der wirklich nichts heilig war. Daphne war immer schon der rein wissenschaftliche Typ gewesen, der astronomische Typ und nicht der astrologische Typ. Sie war das Mädchen, das mit einem Teleskop in den Nachthimmel blickt, und sie war nicht das Mädchen, das in der ‚Sun’ ihr Horoskop liest. Nun ja, manchmal hatte sie ihr Horoskop gelesen, und sie fühlte sich danach immer enttäuscht. Die Schütze-Frau schien eine Idealistin zu sein, souverän, reisefreudig und so weiter, und Daphne fühlte sch absolut nicht wie eine Schütze-Frau. Daphne fühlte sich wie etwas ganz neues, etwas ganz anderes, etwas ganz neues anderes gemeines... Aber was war sie?

Daphne suchte verzweifelt nach einer Identität, die zu ihr passte, denn instinktiv spürte sie, dass sie mit anderen Menschen nicht viel gemein hatte. Sie war anscheinend eine neue Spezies.

Sie ignorierte die Zeilen über das Mondjahr, der Mond war nur ein Trabant der Erde, er hatte zwar schwerkraftmäßig großen Einfluss auf sie, aber er war nicht mystisch genug.

Alles ist verschoben, das war es, was sie im Kopf behielt. Gut, dann musste sie eben in dieser Richtung weitersuchen. Die Hobbyastronomin Daphne fing daraufhin an, nach rein wissenschaftlichen Hinweisen Ausschau zu halten, denn wenn die Astrologen mit dem Himmel rechneten, der vor circa zweitausend Jahren zu sehen war, dann wollte sie doch mal nachschauen, was vor circa zweitausend Jahren wirklich am Himmel zu sehen war.

Aber wo stand so etwas? Sie fand nichts. Und in ihrem Astronomiebuch war alles auf dem letzten Stand des Wissens und nicht auf dem Stand von vor zweitausend Jahren.

Sie dachte an ihren Traum mit der Spinne, und da kam ihr eine Idee, sie tippte instinktiv als Suchbegriff „Arachne“ ein, und oh Wunder, sie landete inmitten der Mythen der Griechischen Sagen, wurde schnell fündig und las etwas über eine gewisse Arachne:

Arachne, einst eine kunstvolle Weberin, ließ sich auf einen Wettbewerb mit der göttlichen Athene ein. Und was geschah? Arachne wob und stickte so perfekt, dass die Athene sich geschlagen geben musste, aber da sie eine Göttin war, konnte sie nicht zulassen. dass sie von einer Sterblichen geschlagen worden war. Also verwandelte sie die Arachne in eine Spinne, machte sie unsterblich, und die arme Arachne musste bis in alle Ewigkeiten weiterweben.

Gemein, kicherte Daphne vor sich hin. Aber wie macht man einen Menschen unsterblich? Klar, unter den griechischen Göttern war es üblich gewesen, irgendwelche Typen an den Himmel zu versetzen, und dadurch wurden sie dann unsterblich. Herkules... Automatisch dachte sie an Kevin Sorbo und musste wieder kichern.

Es stand zwar nirgendwo geschrieben, aber es musste so gewesen sein. Und es geschah vor ein paar tausend Jahren.

Jedenfalls entpuppte sich Bernie nach ein paar Wochen als unausstehliches ihr auf die Nerven gehendes Kind, aber nicht als ein liebenswertes lernfähiges Kind, sondern als ein eingebildetes Blag, das meinte, es wüsste schon alles. Daphne verabscheute ihn, und sie wollte ihn dringend loswerden. Es war nämlich etwas geschehen, womit sie im Leben nicht gerechnet hatte. Zuerst war sie geschockt gewesen, stand der Sache ablehnend gegenüber, wollte es nicht, aber nach ein paar Wochen wollte sie es dann doch. Sie wusste selber nicht warum.

Das 13. Ekliptiksternbild befindet sich zwischen Skorpion und Schütze, und es heißt zwar Ophiuchus, auf deutsch Schlangenträger, aber es hat die Meinung gegeben, dass der Schlangenträger in Wirklichkeit die Arachne ersetzt hat. Die Arachne ist nicht mehr aufzufinden. Vor dreitausend Jahren stand die Arachne mitten in der Ekliptik, und zwar als Sternbild zwischen dem Skorpion und dem Schützen, und dieses Sternbild konnte von Griechenland aus gesehen werden. Die Sternbilder der Südhalbkugel waren den griechischen ‚Göttern’ natürlich unbekannt, denn die Erde war damals noch eine Scheibe, mit dem Oceanos als Umrandung. Jetzt kann dieses Sternbild nur noch von der Südhalbkugel gesehen werden, und es wird Ara genannt...

Ja schau mal einer an! Ara ist die Arachne. Whow, dachte Daphne. Also war der Schlangenträger erst im nachhinein in die Lücke gestoßen, die sich zwischen dem Skorpion und dem Schützen aufgetan hatte. Denn das Sternbild Arachne war durch die Präzession der Erdachse nach Süden abgewandert, und es schien verdrängt worden zu sein in der Erinnerung der Menschen und vor allem der Astrologen. Irgendwann einmal gab es nur noch die göttlichen ZWÖLF Sternzeichen, und der Tierkreis war gefestigt, oder besser gesagt fixiert.

Bernie war nicht da. Gott sei Dank. Sie trafen sich nur noch zweimal in der Woche, und in letzter Zeit war Daphne dazu übergegangen, ihn alleine bei sich zu Hause zu lassen, während sie mit einer Freundin durch die Kneipen zog. Wenn sie dann besoffen nach Hause kam, durfte er sie pflegen. Er durfte ihr am nächsten Morgen den Kaffee ans Bett bringen, er durfte das Essen machen. Er durfte sie natürlich nicht mehr berühren, und sagen durfte er auch nichts.

Aber das mit dem Trinken, das war jetzt vorbei.

Und beim nächsten Treffen würde sie einen Streit mit Bernie provozieren und ihn dann hinauswerfen. Sie brauchte ihn nicht mehr.

Hatte sie ihn jemals gebraucht?


Daphne frohlockte. Sie wollte etwas Neues für sich, und sie machte sich ihre eigenen Regeln. Gut, sie hatte die Arachne wiederentdeckt, ein altes Sternzeichen, das es anscheinend schon ewig gab, das aber irgendwie herausgerutscht war aus dem Tierkreis.

Sie suchte weiter in alten Datenbanken mit Zeitungsausschnitten, las alles mögliche, las viel Mist und fand dann endlich eine möglicherweise spaßhafte Analyse des angeblichen Sternzeichens Schlangenträger, denn die Schlange verkörperte anscheinend alle schlechten Eigenschaften des Skorpions und des Schützen.
Als da beim Skorpion wären:
Gerissen, skrupellos, machtgierig, manipulierend, kompromisslos, triebhaft, auf Vorstellungen fixiert, jähzornig, misstrauisch, sarkastisch, nachtragend, grüblerisch, schwer zugänglich, undurchschaubar, eifersüchtig, rachsüchtig, verbissen, pessimistisch Der Skorpion-Typ verachtet Schwächen und versucht seine Fehler zu verstecken. Andere macht er gerne seelisch von sich abhängig und zieht sie, vor allem im erotisch-sexuellen Bereich, in seinen Bann. Bezugspersonen werden zu Objekten, mit denen er experimentiert.

Das war ja großartig! Daphnes Frohlocken steigerte sich zu maßlosem Entzücken.

Beim Schützen fiel es ihr schon schwerer, negative Eigenschaften festzustellen:
Realitätsfremd, maßlos, eigensinnig, egoistisch, unbesonnen, großspurig, fanatisch, dogmatisch, missionarisch, reizbar, moralisierend, belehrend, scheinheilig, hochstaplerisch, angeberisch, "Besserwisser" Der Schütze-Betonte neigt zu geistigem und moralischem Hochmut und zur Annahme, dass allein die Beschäftigung mit „höheren Dingen“ ihm Überlegenheit gibt. Er lässt sich von Titeln und äußerem Schein beeindrucken.

Auch der grandiose Schütze hatte also seine Schwächen. Aber das war es! Das war die neue Spezies! DAS WAR SIE!

Und die Schlange war in Wirklichkeit eine Spinne...

Bernie war nicht da, weil es nicht sein Tag war, und Daphne fühlte sich maßlos erleichtert über seine Abwesenheit. Kein Bernhard, der besitzergreifend neben ihr herging, ihr die Ohren mit uninteressantem Zeug voll plapperte, kein Bernhard, der ihr dauernd Komplimente machte und ihr von seinem letzten sogenannten Seitensprung erzählte, den er aus lauter Frust begangen hatte. Daphne war es natürlich scheißegal, wenn er ‚fremdging’, das Blöde war nur, er kam immer wieder angekrochen und erzählte ihr dann, wie es mit der anderen Frau gewesen war, es war nämlich so, als ob er sein Ding in Waschbecken mit lauwarmen Wasser gehalten hätte. Irgendwie amüsant hörte sich das an, aber Daphne fühlte sich schon lange nicht mehr geschmeichelt durch dieses Geschwätz. Der Kerl musste weg! Und alles war besser als dieser Typ, der sie jetzt schon ein halbes Jahr lang nervte. Warum kapierte er nicht, dass sie ihn loswerden wollte? Nein, der war zu dämlich dafür! Oder, dieser Gedanke kam ihr unwillkürlich, er wollte es nicht kapieren, er machte auf blöd, weil er nicht weg von ihr wollte... Das wurde ja immer besser. Dieser hinterhältige lästige Kerl!

Sie würde schon dafür sorgen, dass er ihr fern blieb.

Sie konnte ihn nicht mehr gebrauchen.

Er war ein Störenfried, und sie würde ihn töten, wenn er sich ihr wieder nähern würde.

Oh! Was für ein absurder Gedanke! Aber dieser Gedanke schien ihr nicht grausam zu sein sondern notwendig und... praktisch.

Sie machte einen fantastischen ruhigen Abendspaziergang. Allein zu sein, welch Entzücken! Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, und der Park war fast menschenleer.

Während sie darüber nachgrübelte, wie sie den allerletzten Streit mit Bernie inszenieren sollte, lief sie fast in ein Spinnennetz hinein.


Die große Kreuzspinne hing lässig in der Mitte ihres perfekten Netzes. Das Netz schaukelte im Abendwind, der braungesprenkelte Körper der Spinne war unförmig aufgetrieben und sah aus, als er bald platzen würde, aber das beeinträchtigte die Eleganz der Spinne nicht im mindesten.

Sie war schön...

Und sie war anscheinend trächtig oder wie man das so bei Spinnen nennen würde.

Sie war genauso trächtig wie sie, Daphne. Daphne hielt beschützend die Hände vor ihren üppiger werdenden Bauch. Ihr Kind brauchte keinen Vater, wer brauchte schon einen Vater, der Vater wurde sowieso viel zu sehr überschätzt...

Plötzlich sah Daphne, wie eine kleinere Spinne am äußeren Rand des Netzes auftauchte und sich der großen näherte.

Daphne schaute fasziniert zu, und als sie erkannte, dass die große Spinne nicht in der Stimmung schien, den kleineren Eindringling freundlich zu empfangen, sondern sich auf ihn stürzte, ihn wohl biss, ihn dann mit Fäden umwickelte und ihn schließlich in den Rand ihres Netzes mit einwob, da lächelte sie. Es erschien ihr nicht grausam zu sein sondern notwendig und... praktisch


„Hallo Schwester“, sagte sie und trat noch näher an das Netz heran.
 

herb

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hallo,

die Ironie dieser Story ist umwerfend. Und Daphne ist fürchterlich - sympathisch.
Endlich mal was anderes. Danke für den Lesegenuß und den Ausflug in esoterische Gefilde, grins

herzlich herb
 

AliasI

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vielen Dank!

Ich weiß natürlich, dass ich mir nicht viel Freunde gemacht habe durch diese verwegene Theorie, aber meine Theorie ist bestimmt nicht schlechter und auch nicht weniger „fundiert“ als alle anderen aus dieser Richtung.

Und was die fürchterliche-sympathische Daphne angeht, die mag ich auch, die hat bestimmt mehr Ahnung von Astronomie - das ist das böse Wort mit M - als alle Horoskope-Schreiber zusammen....

Liebe Grüße Ingrid
 

AliasI

Mitglied
Die große Kreuzspinne hing lässig in der Mitte ihres perfekten Netzes. Das Netz schaukelte im Abendwind, der braungesprenkelte Körper der Spinne war unförmig aufgetrieben und sah aus, als würde er bald platzen, aber das beeinträchtigte die Eleganz der Spinne nicht im mindesten.
Sie war schön... Und Daphne verspürte keinerlei Angst vor ihr. Warum auch? Fasziniert beobachtete sie, wie eine kleinere Spinne am äußeren Rand des Netzes auftauchte und sich vorsichtig der Mitte näherte. Ein Männchen vielleicht? Doch die große Spinne, die übrigens ARACHNE hieß, wie Daphne traumwandlerisch wusste, schien nicht in Stimmung zu sein. Sie stürzte sich auf den kleineren Artgenossen, biss ihn mit ihren Kieferzangen, umwickelte ihn mit Fäden – und wob ihn schließlich in den Rand ihres Netzes ein. Daphne lächelte in ihrem Traum. Es schien ihr nicht grausam zu sein, sondern notwendig und... praktisch.

EIN NEUES STERNZEICHEN IST ZWISCHEN SKORPION UND SCHÜTZE ENSTSTANDEN, ES TRÄGT DEN NAMEN OPHIUCHUS UND ERHÖHT DIE STERNZEICHEN VON DER GÖTTLICHEN ZWÖLF AUF DIE UNCHRISTLICHE DREIZEHN!
DER SCHLANGENTRÄGER, WIE DER OPHIUCHUS AUCH GENANNT WIRD, BRINGT DEN TIERKREIS VÖLLIG DURCHEINANDER, JUNGFRAUEN SIND IN WAHRHEIT LÖWEN, LÖWEN KREBSE, KREBSE ZWILLINGE UND SO WEITER... UND AUCH DAS DREIZEHNTE STERNZEICHEN MUSS GANZ NEU DEFINIERT WERDEN.

Totaler Quatsch, Sternbilder entstehen nicht über Nacht, und den Schlangenträger gibt es schon seit ewigen Zeiten! Diese angebliche Sensation las sich zwar interessant, aber sie war falsch. Was für ein Blödsinn!
Daphne fühlte sich enttäuscht, sie hatte zwar nie richtig an Horoskope geglaubt, aber sie suchte dringend etwas, mit dem sie sich identifizieren konnte. Denn sie und eine Schütze-Frau? Nein danke, sie war weder idealistisch noch reisefreudig.
Trotzdem musste doch was dran sein an dem ganzen Mist mit den Horoskopen. Aber worauf stützte es sich? Und was war eigentlich der Unterschied zwischen Sternbildern und Sternzeichen? Denn sie trugen ja zumindest die gleichen Namen...

ZUR BLÜTEZEIT DER ANTIKEN ASTROLOGIE (CA. 2000 V.CHR.) WAREN DIE STERNZEICHEN – AUCH TIERKREIS GENANNT – MIT DEN ASTRONOMISCHEN STERNBILDERN IDENTISCH. JEDOCH HABEN DIESE SICH WEGEN DER PRÄZESSION DER ERDACHSE IM LAUFE DER JAHRTAUSENDE VERSCHOBEN. TROTZDEM ARBEITET DIE WESTLICHE ASTROLOGIE IMMER NOCH MIT DEM HIMMEL, WIE ER VOR CIRCA 2000 JAHREN ZU SEHEN WAR...

Daphne musste lachen. Das war irgendwie absurd! Genauso absurd wie ihre Beziehung zu Bernie...

Am Anfang fand sie es richtig nett mit ihm, aber es hielt nicht lange vor. Nach ungefähr zwei Wochen verlor sie die rosarote Brille des Verliebtseins und sah ihn mit objektiven Augen: Er war grässlich, er war eingebildet, er war hochmütig, er sah gar nicht gut aus, er quatschte zuviel, und er nervte sie ganz fürchterlich.
Bernhard hielt sich nämlich für den Besten, den Größten und den Intelligentesten unter der Sonne, andere Männer verachtete er. Mit Frauen kam er allerdings blendend zurecht. Sie argwöhnte, dass er sich deswegen mit Frauen gut verstand, weil sie eben ‚nur’ Frauen waren und keine männlichen Konkurrenten. Dieser eingebildete Laffe!

Sie schnaubte unwillig vor sich hin und wandte sich wieder ihren Studien zu. ALLES IST VERSCHOBEN, das hatte sie im Kopf behalten. Sie fing daraufhin an, nach rein wissenschaftlichen Hinweisen Ausschau zu halten. Was konnte man wirklich vor zweitausend Jahren am Himmel sehen?
Sie fand nichts.
Doch urplötzlich kam ihr der Traum mit der Spinne in den Sinn, sie tippte als Suchbegriff „SPINNE“ ein, und oh Wunder, sie landete inmitten der Mythen der Griechischen Sagen, wurde schnell fündig und las etwas über eine gewisse ARACHNE. Seltsam, den Namen kannte sie doch...

ARACHNE, EINST EINE KUNSTVOLLE WEBERIN, LIEß SICH AUF EINEN WETTSTREIT MIT DER GÖTTLICHEN ATHENE EIN. UND WAS GESCHAH? ARACHNE WOB UND STICKTE SO PERFEKT, DASS DIE ATHENE SICH GESCHLAGEN GEBEN MUSSTE. ABER DA SIE EINE GÖTTIN WAR, KONNTE SIE NICHT VERWINDEN, VON EINER STERBLICHEN BESIEGT WORDEN ZU SEIN. ALSO VERWANDELTE SIE DIE ARACHNE IN EINE SPINNE, MACHTE SIE UNSTERBLICH, UND DIE ARME ARACHNE MUSSTE BIS IN ALLE EWIGKEITEN WEITERWEBEN.

Wie macht man jemanden unsterblich? Klar, die griechischen Götter versetzten irgendwelche Typen an den Himmel und verschafften ihnen dadurch das ewige Leben. Obwohl LEBEN konnte man das wohl nicht nennen...
Daphne seufzte auf, die Zeit mit Bernie kam ihr mittlerweile auch ewig lang vor. Wie sie ihn verabscheute! Sie musste ihn dringend loswerden, denn es war etwas geschehen...
Aber wo steckte die ARACHNE? Es gab kein Sternbild mit diesem Namen. Daphne suchte unverdrossen weiter und entdeckte schließlich doch etwas, es trug den Namen ARA...

VOR EIN PAAR TAUSEND JAHREN STAND DAS STERNBILD ARA MITTEN IN DER EKLIPTIK, UND ZWAR ZWISCHEN DEM SKORPION UND DEM SCHÜTZEN. DOCH JETZT KANN ES NICHT MEHR VON EUROPA AUS GESEHEN WERDEN...

Ist nicht wahr! Kann es wirklich sein? ARA ist die ARACHNE?
Also war der Schlangenträger erst im nachhinein in die Lücke gestoßen, die sich zwischen dem Skorpion und dem Schützen aufgetan hatte. Denn das Sternbild ARACHNE, später ARA genannt, war durch die Präzession der Erdachse nach Süden abgewandert, und es schien verdrängt worden zu sein in der Erinnerung der Menschen und vor allem der Astrologen. Irgendwann gab es nur noch die göttlichen ZWÖLF, und der Tierkreis war gefestigt.

Bernie war nicht da. Gott sei Dank! Sie trafen sich eh nur noch einmal in der Woche, und dann ließ Daphne ihn bei sich zu Hause, während sie mit einer Freundin ausging. Aber immerhin durfte er sie am nächsten Morgen pflegen, ihr den Kaffee ans Bett bringen und das Essen machen. Sonst durfte er nichts. Und beim nächsten Treffen würde sie einen Streit mit ihm provozieren und ihn dann hinauswerfen. Sie brauchte ihn nicht mehr.

Gut, sie hatte die ARACHNE wiederentdeckt, ein altes Sternzeichen, das es anscheinend schon ewig gab, aber was bedeutete das?
Sie suchte weiter, las alles mögliche – und fand dann eine spaßhafte Analyse des angeblichen Sternzeichens Schlangenträger, denn die Schlange verkörperte anscheinend alle schlechten Eigenschaften des Skorpions und des Schützen.
Als da beim Skorpion wären:
GERISSEN, SKRUPELLOS, MACHTGIERIG, MANIPULIEREND, TRIEBHAFT, MISSTRAUISCH, SARKASTISCH, VERBISSEN, RACHSÜCHTIG, UNDURCHSCHAUBAR...

Großartig!
Beim Schützen fiel es Daphne allerdings schon schwerer, negative Eigenschaften festzustellen, aber:
MAßLOS, EGOISTISCH, GROßSPURIG, DOGMATISCH, BELEHREND, HOCHSTAPLERISCH, SCHEINHEILIG, ANGEBERISCH, REIZBAR, BESSERWISSERISCH....

Na also, auch der grandiose Schütze hatte seine Vorzüge. Skorpion und Schütze zusammen, DAS WAR SIE, die neue Spezies, und die Schlange war in Wirklichkeit eine Spinne. Wenn schon Astrologie, dann richtig! Ihr Frohlocken steigerte sich zu haltlosem Entzücken.

Sie machte einen herrlich ruhigen Abendspaziergang. Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, und der Park war fast menschenleer. Allein zu sein, wie wunderbar! Kein Bernie, der besitzergreifend neben ihr herging, ihr die Ohren voll plapperte, ihr Komplimente machte und von seinem letzten Seitensprung erzählte, den er natürlich aus lauter Frust begangen hatte. Daphne war es natürlich egal, wenn er ‚fremdging’, das Blöde war nur, er kam immer wieder angekrochen und erzählte ihr dann, wie es mit der anderen Frau gewesen war, nämlich so, als ob er sein Ding in ein Waschbecken mit lauwarmen Wasser gehalten hätte. Aber sie fühlte sich schon lange nicht mehr geschmeichelt durch dieses Geschwätz. Er musste weg! Warum kapierte er das nicht! Nein, der war zu dämlich dafür! Oder, dieser Gedanke kam ihr unwillkürlich, er machte auf blöd, weil er nicht weg von ihr wollte. Dieser hinterhältige Kerl!
Doch jetzt war Schluss, sie konnte ihn nicht mehr gebrauchen, und sie würde ihn töten, falls er sich ihr jemals wieder näherte.
Was für ein absurder Gedanke. Aber er schien ihr nicht grausam zu sein, sondern notwendig und... praktisch.

Während sie darüber nachgrübelte, wie sie den allerletzten Streit mit Bernie inszenieren sollte, lief sie fast in ein Spinnennetz hinein.
Die große Kreuzspinne hing lässig in der Mitte ihres perfekten Netzes. Das Netz schaukelte im Abendwind, der braungesprenkelte Körper der Spinne war unförmig aufgetrieben und sah aus, als würde er bald platzen, aber das beeinträchtigte die Eleganz der Spinne nicht im mindesten.
Sie war schön... Und sie war anscheinend trächtig oder wie man das bei Spinnen so nennen würde.
Sie war genauso trächtig wie sie... Daphne legte beschützend die Hände auf ihren üppiger werdenden Bauch.
Plötzlich sah sie, wie eine kleinere Spinne am äußeren Rand des Netzes auftauchte und sich vorsichtig der Mitte näherte. Doch die große Spinne schien nicht in der Stimmung, den kleineren Eindringling freundlich zu empfangen, sie stürzte sich auf, biss ihn mit ihren Kieferzangen, umwickelte ihn mit Fäden und wob ihn schließlich in den Rand ihres Netzes ein.

Daphne lächelte. „Hallo Schwester“, sagte sie und trat noch näher an das Netz heran.
 

AliasI

Mitglied
endlich

und nach langer zeit bearbeitet, kürzer und straffer gemacht - und ich glaube: so geht's. ;-)
 

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