Klappentext:
Nachdem der Lehrer den Duftschrank in der Termitenschule nicht richtig abgeschlossen hat, nutzt Theo die Gelegenheit, an einem ganz bestimmten Fläschchen zu riechen. Doch dann kommt ihm eine viel verwegenere Idee! Zusammen mit Freundin Ina stürzt er sich in ein tolles Abenteuer in der Ferne, das die beiden aber in arge Bedrängnis bringt.
Es war ein ganz normaler Montagmorgen in der Termitenschule. Nur noch eine Stunde, dann war der Unterricht endlich vorbei. Der neunjährige Theo hielt sich zwei Hände vor den Mund und gähnte leise. Er fand den Tierkundeunterricht heute furchtbar langweilig. Immer nur Bilder anschauen, wie öde!
Plötzlich stupste ihn sein Sitznachbar Klausi mit dem Ellenbogen an, und Theo schrak aus seinen Tagträumen. Statt hier zu sitzen, wollte er viel lieber raus in die Natur und Abenteuer erleben!
Die Stimme des Lehrers drang in sein Ohr. „Was ist das, Theo?“, fragte der große Termitenmann. Er war sehr dünn, und seine Kiefer klapperten beim Sprechen.
Theo fand Lehrer Stock ganz okay, und so schaute er sich das Bild, das dieser hochhielt, genau an. Nun, dieses Tier kannte auch er. „Das ist ein Grashüpfer. Oder...“ Er sah noch genauer hin und korrigierte sich dann. „Das ist eine Fangschrecke. Ich glaube, sie heißt auch Gottesanbeterin.“
Lehrer Stock hob anerkennend die Fühler. „Theo, auch wenn du mal wieder geschlafen hast, stimmt deine Antwort doch. Sehr schön.“ Er legte das Buch mit den vielen großen Bildern von Tieren, die alle draußen im Wald herumliefen und -flogen, auf den Lehrertisch, trat an den Schrank dahinter und sagte: „Ihr seid heute alle so müde. Ich denke, wir sollten in der letzten Unterrichtsstunde wohl besser Duftkunde machen. Das wird euch wieder munter machen.“
Duftkunde, dachte Theo und war hellauf begeistert. Das war viel interessanter als Bilder anzuschauen. Auch der Rest der Klasse wurde lebhafter. Viele Termitenkinder setzten sich nun wieder gerade auf und lümmelten sich nicht mehr in ihren Stühlen. Alle schauten gebannt nach vorne.
Herr Stock nahm fünf kleine Fläschchen aus dem Schrank und stellte sie fein säuberlich nebeneinander auf den Tisch. Die braunen Fläschchen waren so groß wie Theos Hand, und man konnte kaum hindurchschauen. Jedes trug ein Etikett, aber Theo konnte nicht lesen, was darauf stand. Es war einfach zu weit entfernt. Immerhin saß er ganz hinten im Klassenzimmer in der letzten Reihe.
Herr Stock öffnete das erste Fläschchen und erklärte: „Fangen wir an mit der Fangschrecke.“ Langsam träufelte er ein paar Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit auf einen gelben Schwamm, wie Theos Mutter ihn in der Küche beim Geschirrspülen benutzte. Der Lehrer ging um den Tisch herum zur vordersten Reihe der Schüler und gab Leni den Schwamm.
Das Termitenmädchen nahm ihn in die Hand. Noch roch sie nichts, und so näherte sie ihre Nase langsam dem Schwamm. Immer tiefer sog sie die Luft ein. Und dann, als der Schwamm fast ihre Nase berührte, verzog sie das Gesicht. „Igitt, das riecht ja wie... wie...“
„Wie eine Gottesanbeterin“, sagte der Lehrer. „Es gibt keinen anderen Ausdruck dafür. Prägt euch den Duft gut ein, denn wenn ihr ihn draußen mal riecht, seid auf der Hut! Diese Tiere haben unglaublich starke Beine. Wenn sie euch damit treten, fliegt ihr weit umher. Weiter als von der Tafel hier vorne bis zu Theo.“
Leni reichte den Schwamm weiter, und so roch jedes Kind in der Klasse einmal daran. Danach kamen die Düfte von Fröschen, Bienen und von einem roten Schmetterling, dessen Name sich Theo nicht merken konnte, weil er so lang war.
Ein Fläschchen blieb noch, doch da läutete die Schulglocke zum Ende des Unterrichts. Die Kinder schoben ihre Schulsachen in die Taschen, standen auf und liefen zur Tür des Klassenzimmers.
Lehrer Stock musste sehr laut sprechen, damit man ihn in dem ganzen Lärm noch hören konnte. „Wie Ameisen riechen, das erfahren wir nächste Woche.“ Während die Schüler aus dem Raum drängten, räumte der Lehrer die Fläschchen zurück in den Schrank und schloss die Tür.
Doch sie sprang wieder auf, aber Herr Stock merkte es nicht.
„Tschüss, Theo“, rief der Lehrer und verließ den Raum.
Jetzt war Theo alleine im Klassenzimmer. Als er das Wort ‚Ameise‘ gehört hatte, war jeder Gedanke an ein sofortiges Nachhausegehen vergessen. Ihn faszinierten diese Tiere, die fast genauso aussahen wie Termiten, aber viel kleiner waren und außerdem nicht so weiß und durchsichtig, sondern ganz schwarz. Theo kannte Ameisen nur aus der Ferne und von Bildern, aber das sollte sich jetzt ändern. Er schlich zum Schrank und öffnete ganz vorsichtig die Tür. Sie quietschte, und erschrocken stoppte er für eine Sekunde. Noch langsamer zog er die Tür ganz auf und holte das Fläschchen mit dem Etikett ‚Ameise‘ heraus. Er schraubte es auf und roch daran.
Hm, dachte Theo, das riecht wie Erde. Und wie Wasser. Und wie nasses Gras.
Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch. Theo drehte den Kopf und sah, wie sich die Klinke der Klassenzimmertür bewegte. Schreck durchzuckte ihn. Jetzt saß er in der Tinte. Wenn man ihn hier erwischte, würde er ganz schön Ärger bekommen, denn an den Schrank durfte man nur, wenn die Lehrer es erlaubten.
Was sollte er tun?
Er versuchte, das Fläschchen wieder zuzuschrauben. Aber seine Hände zitterten vor Aufregung, und so rutschte der Verschluss immer wieder ab. Nach ein paar Versuchen hatte er es dann doch geschafft und stellte die Flasche zurück.
Aber sie drohte im Schrank umzufallen!
Oh nein!, dachte Theo, und sein Gesicht wurde abwechselnd heiß und kalt. Wenn ich was kaputt mache, gibt es bestimmt eine ganz gewaltige Strafarbeit!
Doch seine mittleren Arme, die er ganz schnell auch noch zu Hilfe nahm, konnten das Fläschchen auffangen.
Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber die Tür hatte sich unterdessen geöffnet.
Eine Stimme fragte: „Theo, was tust du da?“
„Äh, also, ich, nun...“, stotterte Theo, aber dann erkannte er die Stimme. Es war Ina, eine Freundin. Ina war ein Jahr jünger als er und einen Kopf kleiner. Lange hatte sie in einer Kammer in Theos Nachbarschaft gewohnt, bis sie dann leider in ein anderes Viertel weggezogen war. Aber die beiden Termitenkinder trafen sich weiter häufig nach der Schule.
Theo atmete erleichtert auf. Ina würde ihn nicht verraten, ganz sicher nicht. „Rasch, komm rein und mach die Tür zu!“, flüsterte er und winkte mit zwei Händen.
Ina tat wie geheißen und kam näher. „Ah, du räumst den Duftschrank auf. Bist du wieder im Unterricht eingeschlafen und hast eine Strafarbeit bekommen? Bist du bald fertig? Wir haben heute doch denselben Nachhauseweg, weil ich zu meiner Oma gehe.“
Theo schüttelte den Kopf. Seine Fühler flogen hin und her, da er in seiner Aufregung vergessen hatte, die Kopfmuskeln anzuspannen.
Ihm war nämlich eine ganz tolle Idee gekommen!
Das wird ein Abenteuer!, dachte er begeistert.
„Nein, keine Strafarbeit. Aber Herr Stock hat die Tür nicht richtig zugemacht. Also habe ich das hier herausgenommen.“ Er griff nach der Flasche mit dem Ameisenduft und zeigte sie Ina.
„Ui!“, machte das Mädchen, als sie das Etikett las.
„Du, Ina, drüben am großen Teich, neben dem riesigen Stein, dort gibt es doch einen Ameisenbau. Den will ich mir ansehen. Kommst du mit?“
Ina machte große Augen. „Zu den Ameisen?“, flüsterte sie voller Ehrfurcht. „Aber die sollen doch so unglaublich stark sein. Was, wenn sie uns erwischen, dann...“
Theo unterbrach sie und winkte ab. „Pah“, sagte er. „Stark? Ich bin auch stark. Schau!“
Er stellte das Fläschchen auf den Tisch und winkelte seine vier Arme an. Sein Gesicht wurde rot vor Anstrengung. Ina sah bewundernd auf die Muskelberge der Arme.
Ja, Theo ist wirklich stark, dachte sie.
„Komm!“, meinte Theo, nahm die Flasche und ging zur Tür des Klassenzimmers. Er wartete nicht auf ihre Antwort, ob sie überhaupt mitkommen wollte.
Als Theo an ihr vorbei war, spannte auch Ina ihre Armmuskeln an. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, man sah einfach keine Muskelberge. Enttäuscht drehte sie sich um. Aber sie nahm sich ganz fest vor, sich in Zukunft im Sportunterricht mehr anzustrengen.
„Warte!“, rief sie mit ihrer hellen Stimme, doch Theo hatte den Klassenraum bereits verlassen. Ina ließ sich auf alle Sechse nieder und rannte los. Wenn Theo auch viel stärker war als sie, im Sechserlauf war sie eine der besten der Schule, und so hatte sie den Freund schnell eingeholt, obwohl dieser schon fast an der Treppe auf der anderen Seite der Pausenhalle war.
Doch Theo ging nicht durch die Tür hinaus, sondern stieg die Treppe hoch.
Ina fragte verwirrt: „Wo gehen wir denn jetzt hin?“
„Ins Kartenzimmer“, antwortete Theo und bog im ersten Stock nach rechts ab. Am Ende des langen Korridors öffnete er die Tür, und die beiden Termitenkinder betraten den Raum mit den vielen Karten, die alle schön aufgerollt in kleinen Fächern lagen. Theo ging an der Wand entlang, las die Schilder und fand endlich, was er gesucht hatte: einen Umgebungsplan des Termitenbaus, der bis zum Teich reichte und erst im letzten Monat fertiggestellt worden war. Theo zog die Rolle heraus, und während er sie auf dem Tisch ausbreitete, erklärte er: „Wir müssen uns den Weg genau einprägen, denn viele Termiten waren bestimmt noch nicht dort. Wir können also keiner Duftspur folgen.“
Die Kinder beugten ihre Köpfe über den Plan und fuhren mit den Fingern den Weg ab. Auf der Karte war zum Glück alles ganz genau eingezeichnet, und so wussten sie bald, an welchem Stein sie nach links und an welchem Grasbüschel sie nach rechts abbiegen mussten. Schließlich schob Theo den Plan wieder zurück in das Fach.
„Und jetzt? Gehen wir jetzt zu den Ameisen?“, wollte Ina wissen. Auch sie war total aufgeregt.
„Noch nicht“, meinte Theo, „ich muss vorher noch etwas holen.“
Sie verließen den Kartenraum und liefen zum Zeichensaal.
„Ina, du stehst Schmiere!“, bat Theo. „Wenn jemand kommt, klopf dreimal an die Tür.“
„Was willst du da drin denn machen?“, fragte Ina, doch Theo antwortete nicht.
Stattdessen öffnete er die Tür zum Zeichensaal und schlüpfte hinein. Ina stellte sich vor die Tür und schaute sich aufmerksam um. Aber sie sah niemanden. Da die Pause bereits vorüber war, befanden sich die Kinder, die noch Unterricht hatten, bereits wieder in ihren Klassenräumen. Und die anderen waren längst nach Hause gegangen.
Da öffnete sich die Tür zum Zeichensaal wieder und knallte in Inas Rücken. Rasch trat das Mädchen einen Schritt zur Seite, und Theo kam aus dem Raum heraus. Er trug einen geflochtenen Korb mit Deckel.
„Was ist das?“, fragte Ina leise.
„Später“, wich Theo aus. „Jetzt können wir los.“
Sie gingen die Treppe hinunter und verließen die Schule. Theo legte ein hohes Tempo vor, und Ina musste sich tüchtig anstrengen, um zweibeinig Schritt halten zu können. Rasch erreichten sie die Grenze des Termitenbaus und gingen durch eins der großen Tore in die Außenwelt.
„Naturkundeexkursion“, sagte Theo zu den beiden grimmig dreinblickenden Torwächtern, die dunkle Helme trugen und blitzende Schwerter. Ina fand, dass der quadratische Kopf der Wächter ziemlich furchteinflößend aussah.
Die Wachen nickten nur und ließen die Kinder passieren.
Theo und Ina bogen nach links, und bald war der Termitenbau nicht mehr zu sehen. Konzentriert blickten sich die beiden Kinder in der Umgebung um. Da sie den Weg wirklich gut auswendig gelernt hatten, kamen sie schnell voran.
Plötzlich hielt Theo an und setzte den Korb ab.
Ina wollte wissen: „Warum bleibst du stehen?“
„Wir müssen uns tarnen“, erwiderte Theo und hob den Deckel vom Korb. Darin stand ein großer Topf mit schwarzer Farbe. „Das habe ich aus dem Zeichensaal mitgenommen.“ Er wuchtete den Topf hinaus, stellte ihn auf den Boden und öffnete ihn. Glänzend schwarz schimmerte die dickflüssige Farbe darin.
Aber im Korb war noch mehr. „Und das hier“, fügte Theo hinzu und hielt vier Pinsel hoch, wie Ina sie von ihrem Opa kannte, wenn dieser Möbel anmalte.
Doch sie verstand noch nicht, was Theo damit vorhatte.
„Wir malen uns schwarz an. Dann sehen wir aus wie Ameisen“, erklärte Theo.
Das Mädchen zögerte. Warum sich anmalen, wenn man ein wenig den Bau der Ameisen beobachten wollte? Doch dann kam ihr ein Gedanke, der einfach unglaublich war. Sie blickte Theo mit weit aufgerissenen Augen an. „Willst du etwa...“
Theo nickte und grinste. „Klar will ich rein in den Bau. Wenn wir schon mal hier sind.“
„Aber“, warf Ina ein, und ihre Stimme war kaum zu hören, „die Ameisen riechen uns doch.“
„Nee“, triumphierte Theo und schüttelte den Kopf. „Hast du den Ameisenduft vergessen?“
Ina hatte das braune Fläschchen noch gar nicht gesehen, das Theo nun auch aus dem Korb holte. Er öffnete es und schüttete die Hälfte des Inhalts in die Farbe. Sorgfältig rührte er mit einem Pinsel um, bis alles wieder wie normale schwarze Farbe aussah. Danach begann er mit gleich zwei Pinseln auf einmal, seine Arme mit Farbe anzustreichen. Es folgten die Beine, der Bauch, der Rücken, und auch das Gesicht sowie die Fühler vergaß er nicht. „Hilf mir mal“, bat er und drehte sich um. „Ich komme nicht überall hin.“
Ina sah die beiden großen weißen Flecken auf Theos Rücken und malte sie rasch schwarz an.
„Du kannst gerne hier warten, wenn du Angst hast“, sagte Theo prahlerisch. „Ich erzähle dir dann alles, was ich erlebt habe.“
„Ich habe keine Angst!“, rief Ina laut, doch das stimmte nicht. Sie hatte sogar ganz schön viel Angst, aber es war auch furchtbar aufregend. Und die Neugier siegte. Also griff sie nach den beiden anderen Pinseln und malte sich selbst schwarz an. Da sie viel gelenkiger als Theo war, schaffte sie es ohne Hilfe. Nun sah auch sie aus wie eine Ameise und roch danach.
Theo legte Pinsel, Duftfläschchen und den leeren Farbtopf wieder in den Korb und stellte diesen hinter einen riesigen Kieselstein. Noch ein paar Grashalme darüber legen, und schon sah niemand mehr, dass hier etwas versteckt worden war.
Die beiden verkleideten Termitenkinder liefen weiter. Einmal waren sie sich uneins, in welche Richtung sie abbiegen sollten, aber Ina beharrte darauf, dass sie recht hatte, und so gab Theo nach. Es war die richtige Entscheidung, denn nach einer weiteren Kurve hörten sie plötzlich Fußgetrappel. Es mussten hunderte, nein tausende oder noch mehr Füße sein, die hier nicht weit entfernt herumwuselten. Ganz vorsichtig gingen Theo und Ina weiter. Sie schnüffelten aufmerksam in alle Richtungen, ob Gefahr drohte. Aber es näherte sich niemand. An einer dichten Graswand blieben sie stehen. Theo bog vorsichtig zwei Halme zur Seite und lugte dazwischen hindurch.
Und da sah er ihn.
Ein Ameisenbau lag vor ihnen. Aber er war bei Weitem nicht so hoch wie ihr eigenes Termitenzuhause. Doch Theo und Ina wussten, dass Ameisen oft weit in die Tiefe bauten.
„Ui!“, entfuhr es Ina beeindruckt.
Die Kinder sahen unzählige schwarze Ameisen, die auf allen Sechsen herumliefen. Es sah aus wie Chaos, aber doch schien jede Ameise zu wissen, was sie zu tun hatte. Viele schleppten Blattstücke, die sie auf den Rücken geschnallt hatten. Manche liefen aber auch aufrecht und trugen Blätter in den vier Händen.
„Du“, sagte Ina, „da hinten sind ganz kleine Ameisen.“ Sie deutete nach links, und Theos Blick folgte ihrem Finger. Eine Traube an winzigen Ameisen, die kaum so groß wie Theos Fühler waren, krochen übereinander.
„Ob das Ameisenkinder sind?“, fragte Ina weiter, aber Theo wusste es nicht.
Er schaute nach rechts. Ein großes Tor gähnte dort und führte sicherlich ins Innere des Baus. Neben dem Tor standen sechs riesige Ameisen, fast halb so groß wie Theo. Das mussten die Ameisentorwächter sein. Sie blickten noch grimmiger drein als die Termitenwachen zuhause.
„Wollen wir dort wirklich rein?“, fragte Ina mit zittriger Stimme. Nachdem sie die riesigen Wächter gesehen hatte, war sie nicht mehr so ganz davon überzeugt, dass ihr Vorhaben eine tolle Idee war.
Doch Theo nickte heftig. „Klar wollen wir rein. Wir fallen doch gar nicht auf. Wir nehmen ein Stück Blatt und gehen einfach rein. Wir sind halt zwei besonders große Ameisen. Das merken die Wächter gar nicht.“
„Na gut“, stimmte Ina zu, aber nun zitterten auch ihre Hände, als sie aus einem vom Baum heruntergefallenen Blatt ein großes Stück abriss. Sie ging auf alle Sechse und legte sich das Blatt auf den Rücken. Sie zog die oberen Schultern hoch und klemmte es im Nacken ein, sodass es nicht herunterfallen konnte. Theo tat es ihr nach.
Die beiden warfen sich noch einen kurzen Blick zu, atmeten tief durch und krochen dann hinter den Grashalmen hervor. Schnurgerade liefen sie auf den Eingang des Ameisenbaus zu. Theo beobachtete die Ameisen genau und bemühte sich, nicht schneller als diese zu laufen.
Nur nicht auffallen, dachte er immer wieder.
Vor dem Eingang bildete sich eine kleine Schlange, da die Ameisen aus allen Richtungen kamen, aber immer nur vier nebeneinander durch das Tor passten. So stellten sich Theo und Ina ans Ende der Schlange. Eine Ameise rechts von ihnen vervollständigte die Reihe.
Es ging nur langsam voran.
Inas Herz wummerte immer schneller und lauter, und sie glaubte schon, dass man das bestimmt hören konnte. Doch niemand reagierte darauf.
Plötzlich hörte sie den Torwächter fragen: „Erntegebiet?“ Ina erschrak, weil sie dachte, die Ameise habe sie angesprochen. Was sollte sie darauf antworten? Ihr fiel einfach nichts ein, doch dann erwiderte eine der vier Ameisen in der Reihe vor ihr: „Tümpel, Südseite, Feld 4.“ Der Wächter nickte und schrieb etwas auf ein grünes Blatt.
Als nächstes kam Theos Reihe am Einlass an. Theo hatte gut zugehört, denn als der Torwächter nach dem Erntegebiet fragte, wiederholte Theo einfach, was die Ameise vor ihm gesagt hatte. Ina hielt die Luft an. Ob das gut ging?
Es klappte.
Problemlos konnten die drei den Ameisenbau betreten. Theo griff Ina am Oberarm und verlangsamte so ihren Schritt. Die fremde Ameise neben ihnen aber lief in unvermindertem Tempo weiter und war bald nicht mehr zu sehen. Aber ihr Fußgetrappel war auf dem festgetrampelten Erdboden noch gut zu hören.
Es wurde immer dunkler. Nur ganz selten gab es einen dünnen Lichtschimmer, der aus einer Ritze in der Wand kam. Theo und Ina hörten, wie die Ameise vor ihnen nach rechts abbog. Als sie selbst an dieser Kreuzung ankamen, legte Theo sein Blattstück ab. Ina tat das Gleiche. Dann flüsterte er: „Wir gehen den anderen Weg, den nach links. Einverstanden?“
Ina nickte, obwohl Theo das in der Dunkelheit wohl nicht sehen konnte, und folgte ihm. Die beiden schnüffelten mal hierhin, mal dorthin, aber es war unmöglich, neben dem starken Ameisengeruch, der hier überall vorherrschte, noch etwas anderes zu riechen.
Zunächst geschah nichts. Sie gingen durch einen breiten, einsamen Gang, der einfach nicht aufhören wollte. Plötzlich aber hörten die Kinder Geräusche von vorne.
„Es kommt jemand“, flüsterte Theo. Er war nun besonders aufgeregt, aber er behielt das Tempo bei und ging scheinbar furchtlos voran. Eine Gruppe von Ameisen kam ihnen entgegen. Doch diese ignorierten die Termiten. Sie krochen wortlos an ihnen vorbei oder krabbelten über Theo und Ina, die ein Kichern unterdrücken mussten, denn die kleinen Ameisenfüße und -hände kitzelten sehr. Keine Ameise schien sich daran zu stören, dass jemand in die andere Richtung ging. Endlich waren die Ameisen vorbei, und Theo atmete leise auf. Ihre Tarnung funktionierte also auch in direkter Nähe. Das war gut zu wissen, denn es machte die Erkundung des Baus viel einfacher.
Theo und Ina liefen weiter, bis sie schließlich wieder eine Kreuzung erreichten.
„Wohin?“, fragte Ina.
Theo lauschte. Dann wies er nach rechts. „Von dort kommen Klopfgeräusche. Komm, wir schauen mal nach, was da los ist.“
Also bogen sie ab und folgten einem anderen Korridor, der auch nicht heller war. Manchmal stieß Ina mit der vorderen Schulter an die Schachtwand, was ein wenig schmerzte. Aber sie sagte nichts. Schließlich blieben die beiden stehen, als der Gang endete und in eine große Halle führte, aus der eine Menge Lärm kam. Größere Lichtschächte erlaubten den Termiten, mehr zu sehen als in den Gängen. Auf einem runden Platz, der bestimmt so groß wie der Pausenhof von Theos und Inas Schule war, lagen verschiedenfarbige Knäuel. Sie waren so groß wie Theos Faust und sahen irgendwie aus wie die Fleischbällchen, die Inas Oma manchmal zum Essen machte.
Oma!, dachte Ina erschrocken. Die habe ich ganz vergessen. Hoffentlich macht sie sich keine Sorgen!
Theo schaute auf das Treiben in der Halle. Zwei Ameisen liefen auf allen Sechsen über den Platz und stießen abwechselnd mit dem Kopf den hellsten, fast weißen Knäuel an. Dieser rollte dann wie eine Kugel herum, prallte auf andere Knäuel, und diese wiederum rollten weiter und blieben manchmal in einem Netz hängen. Theo schaute genau hin, aber niemand holte sie wieder heraus. Und jedes Mal, wenn ein Knäuel im Netz landete, schrie ein Teil der Zuschauermenge auf.
Theo war verwirrt. „Ein komisches Spiel“, sagte er leise zu Ina. „Verstehst du das?“
Das Termitenmädchen schüttelte den Kopf. „Völkerball ist es nicht. Das spielen wir immer im Sportunterricht in der Schule. Aber es sieht schon aus wie ein Ballspiel. Nur dass es hier ganz viele Bälle gibt. Hm, vielleicht wissen es unsere Lehrer?“
Theo zuckte mit den vier Achseln. „Wollen wir weiter?“
Ina war einverstanden, und so krochen die beiden zurück.
Plötzlich gab es ein Grummeln, und Ina erschrak wieder fürchterlich. War das ein Erdbeben? Das war gefährlich, hatte man ihnen in der Schule beigebracht. Man sollte sofort in besonders stark befestigte Sektionen des Baus laufen und dort warten. Aber gab es solche Bereiche auch hier? Ina horchte in die Dunkelheit. Vielleicht sollten sie den Ameisen aus der Sporthalle folgen? Die würden doch sicherlich wissen, was man bei einem Erdbeben machen musste. Doch aus dieser Richtung näherte sich niemand. Weiter war ab und an das Klacken zu hören.
Aber hier im Gang kam wieder das Grollen auf.
„Theo, was ist das?“
„Äh, also, nun ja“, stotterte Theo und lachte verlegen auf. „Ich habe Hunger. In der ganzen Aufregung habe ich vergessen, mein Nachhausegeh-Essen zu unserem Abenteuer mitzunehmen. Das liegt noch in meiner Schultasche im Klassenzimmer.“
„Mann“, sagte Ina und war ein wenig verärgert. Sie boxte Theo mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt.“ Sie griff in die kleine Umhängetasche an ihrem Bauch und zog etwas heraus. Sie faltete das Blattstück auseinander. „Gib mir deine Hand“, bat sie, und als Theo ihr seine Hand reichte, legte sie das große Stück Zucker hinein, das noch von ihrer Schulpausenverpflegung übrig war. Sie hatte heute Vormittag keinen rechten Hunger gehabt.
Theo roch daran. „Oh, klasse!“, freute er sich, und kurz darauf hörte man genüssliches Lutschen, als er den Zuckerbrocken in den Mund geschoben hatte. „Danke, Ina. Du bist die Beste!“
Ina lachte leise. Sie aß die kleinen Zuckerkrümelchen, die sich noch auf dem Blatt befanden, und die beiden Kinder gingen weiter. Theos Magen hatte sich beruhigt. Das Grummeln war verschwunden.
„Weißt du eigentlich den Weg zurück?“, fragte Ina, nachdem die beiden drei weitere Kreuzungen passiert hatten und willkürlich abgebogen waren. Ina hatte zwar versucht, sich alle Richtungsänderungen zu merken, aber das waren schon ganz schön viele. So richtig sicher, dass sie den Rückweg finden würde, war sie nicht mehr.
Theo zögerte mit einer Antwort. „Also, so genau weiß ich das auch nicht. Aber so riesig kann der Bau doch auch nicht sein. Wenn wir mit der Erkundung fertig sind, folgen wir einfach den Ameisengruppen, die uns entgegenkommen oder überholen. Irgendeine wird schon nach draußen gehen.“
Ina war ein wenig beruhigt. Theo hatte einen Plan, das war gut.
Da es nicht viel zu sehen gab und es weiterhin einfach nur intensiv nach Ameise roch, konzentrierten sich die beiden Termitenkinder stark auf ihr Gehör und den Tastsinn. Manchmal, wenn es ganz dunkel war, fühlte es sich fast an wie Blinde-Kuh-Spielen. Theo und Ina konnten nun bereits sehr früh an leichten Erschütterungen des Bodens spüren, wenn ihnen wieder jemand entgegenkam. Die Kinder machten sich einen Spaß daraus, zu erraten, wie viele Ameisen denn da wohl liefen. Und erstaunlich oft lag Theo ziemlich nahe an der richtigen Anzahl. Darüber freute er sich sehr.
Plötzlich drang ein Geräusch an ihre Ohren, das sie bis jetzt noch nicht gehört hatten. Es klang so, als schlüge jemand mit Holz auf einen Stein. Was das wohl sein mochte? Sie folgten dem Gang, aus dem das Geräusch kam. Wieder endete der Weg in einer Halle. Auch diese war heller erleuchtet als die Gänge und von vielen Ameisen bevölkert, die auf zwei Beinen standen und einen großen Halbkreis bildeten. Alle blickten eine besonders große Ameise an, die vor ihnen stand. Diese hatte in jeder der vier Hände einen kurzen Stock, und damit fuchtelte sie wie wild herum. Ina konnte den Bewegungen kaum mit den Augen folgen, so schnell waren diese. Aber die Ameisen im Halbkreis konnten offenbar etwas damit anfangen. Plötzlich erscholl das komische Geräusch, das die Termitenkinder hierher geführt hatte, vom linken Halbkreisrand, dann von rechts, dann zeitversetzt aus beiden Enden. Es klackte laut, und Ina sah, wie manche Ameisen auf ihre Kiefer bissen, die Münder aufrissen und wieder rasend schnell schlossen. Daher also kam das Klopfgeräusch.
Was tun die da?, fragte sich das Termitenmädchen.
„Du, Ina“, begann Theo, „machen die da unten vielleicht Musik?“
Ja, dachte Ina, das ist es. Das hier ist ein Chor!
Das kannte sie von ihren Eltern.
Ina nickte und wollte antworten, als plötzlich eine dunkle Stimme von hinten sagte: „Ihr seid spät, ihr beiden. Das Aufwärmen hat bereits begonnen. Rasch, nehmt eure Plätze ein.“
Inas Gedanken rasten. Sie konnten doch dort unten nicht mitsingen! Sie wussten doch überhaupt nicht, was dieses Herumgefuchtel zu bedeuten hatte. Theo und sie würden alles falsch machen, und man würde sie enttarnen.
Aber dann kam Ina eine Idee, denn so konnte sie auch dem Musikunterricht in der Schule immer entgehen, wenn sie keine Lust zum Singen hatte.
Ina hustete und räusperte sich. Mit ganz leiser Stimme, in die sie versuchte, ein Kratzen zu legen, sagte sie: „Wir sind erkältet.“
Hoffentlich bekommen Ameisen auch Schnupfen, dachte Ina. Sonst kriegen wir gleich mächtig Probleme.
Doch die Ausrede funktionierte auch hier. Die Ameise schob sich an ihnen vorbei und sagte anerkennend, während sie die Schräge in die Halle hinunterlief: „Ihr zeigt tolles Engagement, euch die Probe anzuhören, wenn ihr selbst krank seid.“
„Puh!“, entfuhr es Theo erleichtert, als die Ameise verschwunden war. „Super reagiert, Ina. Aber jetzt schnell zurück, bevor noch jemand auf uns aufmerksam wird.“
Ina war stolz auf sich. Das hatte sie wirklich gut gemacht, und die Erkundung des Baus wurde immer mehr zu einem wirklich tollen Abenteuer. Angst hatte sie nun keine mehr. Sie fragte sich vielmehr, was man hier noch alles so entdecken konnte.
Eine Viertelstunde liefen sie kreuz und quer herum, fanden aber nichts Interessantes. Dann aber sahen sie in der Ferne einen Schacht, der schräg nach unten führte. Langsam gingen sie näher. Eine größere Gruppe Ameisen stand am Schachtanfang und zog an einem Seil. Neugierig blickten die Termitenkinder auf das Geschehen. Plötzlich tauchte eine große Kiste aus der Tiefe auf. Die Ameisen mussten sie heraufgezogen haben. In der Kiste lag Erde. Zwei Ameisen hakten das Seil aus und trugen gemeinsam die Kiste weg. Dafür wurde eine leere an das Seil gebunden. Wenig später verschwand die Kiste im Schacht.
„Wie machen die das?“, flüsterte Ina.
„Auf der anderen Seite der Kiste hängt auch ein Seil, das habe ich eben gesehen. Irgendwo im Schacht sind auch Ameisen, und die ziehen die leere Kiste zu sich. Ich glaube, hier wird ein neuer Gang gegraben.“
Plötzlich drehten sich die Ameisen am Schachtanfang, die gerade nichts mehr zu tun hatten, um. Sie schnüffelten laut. „Ah, die Verstärkung, die wir angefordert haben, ist eingetroffen. Hier!“ Die Ameise hielt vier Schaufeln hoch.
„Meint der uns?“, wollte Ina wissen, und Theo nickte.
Die beiden traten zögerlich nach vorne.
„Hallo“, sagte Theo. Ihm war ein wenig unbehaglich zumute. Was wollten die Ameisen von ihnen?
„Ab nach unten. Am Ende sind zwei Kollegen ausgefallen. Ihr springt ein.“ Wieder schnüffelte die Ameise. „Ihr riecht stark. Das ist gut. So kommen wir schneller voran. Na, nun nehmt schon die Schaufeln. So schwer ist es auch nicht zu verstehen, was hier zu tun ist.“ Alle Ameisen lachten laut.
Theo und Ina nahmen jeder zwei Schaufeln und quetschten sich an der Ameisengruppe vorbei in den Schacht. Sie fühlten sich überrumpelt, aber was sollten sie anderes tun, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Weder Theo noch Ina fiel diesmal eine Ausrede ein.
Schnell liefen sie den Schacht entlang. Sie mussten vorsichtig sein, denn es ging schon ziemlich steil nach unten. Und der Boden war hier noch längst nicht so festgetrampelt wie in den anderen Gängen. Ab und an rutschten sie aus. Nach ein paar Minuten kamen sie am Ende an. Vier Ameisen schufteten, stöhnten und ächzten. Sie hieben mit Hacken in die Erde vor ihnen und schabten mit Schaufeln Erdbrocken weg. Eine Ameise säbelte mit einem scharfen Messer eine Wurzel durch. All das wurde in die Kiste geladen, und als diese bis weit über den Rand gefüllt war, zog einer der Arbeiter an einem dünnen Seil, das an der Decke verlief. Kurz darauf begann sich die Kiste zu bewegen. Die Ameisen oben zogen sie hinauf. Die Arbeiter hier unten aber konnten eine kurze Pause machen und wandten sich an die beiden Neuankömmlinge.
„Heh, ihr, übernehmt mal die nächste Lore alleine. Dann können wir uns noch ein wenig ausruhen.“
„Äh, ja, machen wir. Sollen wir jetzt schon?“, fragte Theo unsicher.
„Natürlich nicht“, kam die brummige Antwort. „Ihr wartet, bis die nächste leere Kiste da ist.“
„Ach so. Klar.“
Plötzlich schepperte es. Die kleine Glocke an der Decke schwang hin und her.
„Zieht die Lore am Seil herunter!“, befahl die Ameise, und Theo und Ina taten, was ihnen aufgetragen worden war. Eine halbe Minute später brauste die Kiste ziemlich schnell heran, so fest zogen die Termitenkinder. Die Holzlore prallte gegen Theos Unterschenkel, aber das ließ ihn kalt.
Nun begannen Theo und Ina zu graben. Mit Wucht hieben sie immer wieder in die Erde vor sich. Sie brachen so große Stücke heraus, dass die Lore kaum mehr als drei davon transportieren konnte. So kamen sie unheimlich schnell voran, wenn auch die Ameisen viel länger benötigten, um eine Lore zu füllen.
Doch Theo und Ina überlegten die ganze Zeit, wie sie hier wieder herauskommen sollten, ohne Verdacht zu erregen. Aber es fiel ihnen immer noch nichts ein, und so spielten sie einfach weiter die Ameisengrubenarbeiter. Aber das Graben und Hacken war anstrengend und die Luft stickig. Bald schon mussten sie immer häufiger husten. Als Theo das nächste Mal die Schaufel aus der Erde zog, war diese nass. Vor ihnen musste irgendwo Wasser sein.
Er dachte sich nichts dabei, und das war sein Fehler.
Noch einen Hieb mit der Hacke von Ina, und ein riesiger Strahl Wasser schoss in den Schacht. Theo und Ina waren sofort völlig durchnässt. Das Wasser tropfte nur so von ihnen herab. Sofort sprangen die Ameisen auf, rannten zur Lore, holten Erde heraus und versuchten, das Loch am Schachtende zu stopfen. Theo und Ina halfen, so gut sie konnten, aber die kleineren Ameisen konnten übereinander klettern und so das Leck von oben und unten, von links und von rechts gleichzeitig stopfen. Keuchend arbeiteten alle, und nach einer Minute war die Katastrophe verhindert. Aber auf dem Boden des Schachts stand das Wasser knöchelhoch. Es war sehr kalt.
„Das war knapp“, sagte eine Ameise. „Das Wasser hätte den Stollen fluten können.“ Er wandte sich an Theo und Ina. „Warum habt ihr nicht sofort aufgehört zu graben?“
„Haben wir doch!“, widersprach Theo. „Aber es ging alles so...“
Völlig unerwartet schwärmten die vier Ameisen aus. Theo und Ina konnten es genau hören, wie diese sich in ihrem Rücken nebeneinanderstellten und so die ganze Korridorbreite ausfüllten.
Warum das?, fragte sich Theo.
„Ihr seid keine Ameisen“, rief dieselbe Stimme wie zuvor. Der Sprecher schnüffelte. „Es ist noch etwas unscharf, aber ich glaube...“ Seine Stimme wurde schrill. „Alarm! Gefahr! Es sind Termiten!“
Eine Ameise sprang zum Deckenseil und zog wild daran. Sofort danach liefen alle vier Ameisen langsam zurück. „Ihr kommt hier nicht mehr raus“, sagte eine.
Theo und Ina waren wie vor den Kopf gestoßen. Was war passiert? Warum hatte man sie plötzlich erkannt? Doch es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Ein Plan musste her, und Theo hatte eine Idee. Er raunte Ina zu: „Los, wir rennen ihnen nach. Ich lenke sie ab, und du verschwindest. Lauf zu unserem Hügel und hol Hilfe!“
„Was?“, begehrte Ina auf. „Ich kann dich doch nicht hier alleine zurücklassen. Wer weiß...“
„Sei still, Ina! Tue, was ich sage!“, unterbrach Theo sie schroff. Er duldete in diesem Moment offensichtlich keine Widerworte, und so gehorchte Ina.
Die beiden liefen auf allen Sechsen los. Die Ameisen hörten es und wichen panisch schreiend zurück. Theo und Ina nahmen Tempo auf, und schließlich hatten sie die vier Ameisen erreicht. Theo stoppte und richtete sich, so gut es ging, drohend auf. Er hatte einmal gelesen, dass man sich zur Abwehr von Tieren groß machen sollte. Und das galt sicherlich auch für einen Ablenkungsangriff. Mit ganz tiefer Stimme sagte Theo aus der Höhe, denn sein Kopf befand sich an der Schachtdecke, weit über den Ameisen: „Ihr lasst uns durch, sonst wird Schreckliches passieren!“
Doch innerlich zitterte er und war bei Weitem nicht so mutig, wie er sich gab. Er hatte keine Ahnung, wie man Ameisen am besten bekämpfte. Ja, Theo war stark und groß, und mit diesen vier konnte er vielleicht fertig werden, zumal diese müde vom Arbeiten waren. Aber es würde Verstärkung kommen, und dann...
Aber das war nicht wichtig.
Wichtig war jetzt nur, Ina genügend Zeit zur Flucht zu verschaffen. Denn schließlich hatte er, Theo, sie in diese Lage gebracht, also musste er sie auch daraus befreien.
Theo stieß ein leises Fauchen aus und stupste gleichzeitig Ina an. Diese verstand und rannte los. Ganz an die Gangwand gepresst, lief sie vorwärts und krabbelte über die schreckstarren Ameisen. Dann wurden ihre Schritte immer leiser. Theo hoffte, dass Ina am Schachtende noch nicht von einer riesigen Ameisenarmee erwartet wurde.
Ina lief, so schnell sie es im Dunkeln hier konnte. Rasch erreichte sie das Ende des Schachtes. Sie hatte mitbekommen, was Theo gemacht hatte. Und so versuchte sie das gleiche. Sie richtete sich auf, senkte ihre Stimme und rief drohend: „Ihr lasst mich durch, sonst wird Schreckliches passieren!“
Auch die Arbeiter am Schachtanfang oben wagten keinen Angriff. Ina lief an ihnen vorbei und bog nach kurzem Nachdenken nach rechts ab. Sie glaubte sich zu erinnern, dass sie und Theo aus dieser Richtung gekommen waren. Keuchend rannte sie durch schummrige Gänge und stieß nicht selten mit dem Kopf irgendwo an. Die Fühler baumelten wild und schrammten oft über die Decke. Bald tat Ina alles weh. Ausdauerndes Rennen war sie nicht gewohnt. Aber sie machte verbissen weiter. Theo zählte auf sie, und sie wollte ihn nicht enttäuschen.
Plötzlich spürte sie einen Luftzug von vorne.
Ja!, dachte sie erleichtert. Sie hatte sich den Weg also doch richtig gemerkt. Dort vorne musste irgendwo der Ausgang sein.
Dass ihr auf ihrem langen Weg niemand begegnete, was sehr ungewöhnlich für einen vielbevölkerten Ameisenbau war, bemerkte sie nicht. Es schien, als würde sich niemand um sie kümmern, doch die Ameisen hatten einen Plan.
Ina bog um die nächste Ecke und sah einen Ausgang vor sich. Hell schimmerte das Tageslicht durch die kleine Öffnung.
Doch halt, das war nicht der Eingang, durch den sie hereingekommen war. Der war viel größer gewesen.
Egal, dachte Ina. Hauptsache raus aus dem Bau.
Ihre Füße und Hände trappelten laut auf dem Boden. Endlich erreichte sie den Ausgang. Vor ihr lag ein kleines Stück Sandboden, dahinter kam eine Wiese mit hohem Gras. Vorsichtig steckte Ina den Kopf aus dem Gang heraus ins Freie. Hier schien niemand zu sein, und so wagte sie sich ganz hinaus.
Im grellen Sonnenlicht fiel ihr sofort etwas auf, als sie ihre Hände sah.
Diese waren nicht mehr schwarz, sondern weiß, wie Termitenhände nun mal sind! Ina blickte an sich herunter. Alles weiß!
Jetzt wurde ihr auch klar, wie man sie enttarnt hatte. Das Wasser im Schacht musste die Farbe und den Ameisenduft weggewaschen haben!
Ina machte einen Schritt nach vorne. Doch kaum war sie aus dem Bau heraus, teilten sich die Grashalme. Unzählige Ameisen kamen drohend auf Ina zu. Manche trugen Lanzen, andere Schwerter. Alle sahen sehr grimmig und wild entschlossen aus.
Ina wollte zurückweichen, doch da spürte sie eine Berührung am Hinterleib. Panisch drehte sie sich um und sah, wie aus dem Gang, aus dem sie gerade ins Freie getreten war, eine Ameise nach der anderen kroch.
Ina war umzingelt. Sie konnte nicht nach vorne, und sie konnte nicht mehr zurück in den Ameisenbau, um einen anderen Fluchtweg zu suchen. Und da wurde Ina klar, dass es vermutlich keine Rolle spielte, durch welchen Ausgang sie den Bau verlassen wollte. Überall würden Ameisentruppen auf sie warten.
Da drehten sich die Ameisen, die vor ihr standen, plötzlich geschlossen um und beugten sich nach vorne. Sie reckten Ina den Hinterleib entgegen...
...und versprühten ihre Ameisensäure.
Ina schloss schnell die Augen, und da traf sie auch schon das eklige Zeug. Sofort begann ihre Haut zu jucken. Es tat nicht wirklich weh, aber es war so unangenehm, dass Ina an nichts anderes mehr denken konnte, als sich überall zu kratzen.
Ameisensäure wirkte wie Juckpulver. Und damit hatten Ina und ihre Freunde in der Schule ihren Lehrern oft einen Streich gespielt.
Doch dies hier war kein Streich. Es war bitterer Ernst.
Ina hatte plötzlich wieder fürchterliche Angst. Was würde nun mit ihr geschehen? Dabei hatten sie und Theo doch niemandem etwas Böses tun wollen. Sie wollten doch einfach nur die spannende Ameisenwelt kennenlernen.
Eine Ameise befahl mit herrischer Stimme: „Bringt sie ins Gefängnis!“
Ina wurde abgeführt. Unzählige Ameisenhände zogen und schoben sie vorwärts. Wenigstens beschoss man sie nicht weiter mit Ameisensäure, und so konnte Ina die Augen wieder öffnen. Aber das Jucken war schier unerträglich und ließ nur langsam nach. Ina und ihre Bewacher betraten den Ameisenbau, und wieder ging es lange Gänge hinab, doch Ina war zu niedergeschlagen, um sich den Weg zu merken.
Nur einmal flackerte Mut in ihr auf, als sie fragte: „Was geschieht mit mir?“
„Das entscheidet die Königin“, kam die barsche Antwort, und Ina schwieg wieder.
Nach langem Marsch wurde sie in eine kleine Kammer gestoßen. Durch drei Schlitze in der Decke fiel ein wenig Licht herein. Ina stolperte nach vorne, konnte sich aber auf den vier Armen abfangen und stürzte nicht. In einer Ecke regte sich etwas. Ina schnüffelte in die Richtung. War das etwa...
„Theo!“, rief sie laut und war für einen Moment überglücklich. „Geht es dir gut?“
Theo brummte ein knappes „Ja“ und rutschte ein Stück zur Seite, sodass Ina sich neben ihn auf den Boden setzen konnte. Die Ellenbogen der Kinder berührten sich, und so gaben sie sich gegenseitig ein wenig Trost.
„Theo, ich habe Angst“, sagte Ina nach einer Weile. Wieder kratzte sie sich am Bauch, aber der Juckreiz war nun erträglich geworden.
„Ich auch“, erwiderte Theo und legte zwei Arme um Inas Schultern. „Es ist meine Schuld, dass wir in der Klemme sitzen. Tut mir echt leid.“
„Ja, es ist deine Schuld. Wir hätten einfach zu meiner Oma gehen sollen.“
„Hm“, grummelte Theo. So richtig nach Zustimmung klang das nicht.
Dann schwiegen beide, und nur ab und an war ein leises Schluchzen von Ina zu hören. Theo hielt die Tränen noch zurück, aber es fiel ihm immer schwerer. So hatte er sich das Abenteuer nicht vorgestellt. Was machten Ameisen mit Eindringlingen? Hatte er das in der Schule schon gelernt? Theo konnte sich nicht daran erinnern. Vielleicht sollte er in Zukunft besser aufpassen.
Die Termitenkinder wussten nicht, wie lange sie so dasaßen, und sie dösten auch mehrmals ein, doch irgendwann tat sich etwas vor der Gefängnistür. Laute Stimmen riefen durcheinander, und dann schwang die Tür zur Kammer auf.
„Mitkommen!“, befahl eine Ameise, die den Kopf hereinsteckte.
Theo und Ina standen auf und folgten den Soldaten, die alle eine dunkelgrüne Uniform trugen. Vor ihnen gingen zehn Ameisen, alle bereit, wieder ihre Säure zu versprühen, und auch hinter ihnen liefen unzählige Ameisen, die sogar rückwärts gingen, sodass ihre Hinterleiber mit den Sprühdrüsen auf die Termitenkinder zeigten.
Nach vielen Kreuzungen kam die Gruppe in einer riesigen Halle an, die hell erleuchtet war und viel größer, als alles, was Theo und Ina bisher in der Ameisenwelt gesehen hatten. An einem Ende der Halle stand ein Podest mit drei prunkvollen Stühlen, auf denen drei Ameisen saßen, deren Köpfe etwas gelb Schimmerndes trugen. Am anderen Ende der Halle standen viele Ameisen. Das mussten Zuschauer sein. Und an den Seitenwänden stand je eine Ameise in einem wallenden Umhang.
Theo und Ina wurden vor das Podest geführt. Scheu blickten sie auf die drei Ameisen auf den Stühlen. Die mittlere klopfte mit einem Holzstab auf den Boden, und sofort erstarben alle Gespräche.
„Ich, Königin Camilla, eröffne die Gerichtsverhandlung“, sagte sie mit heller, angenehmer Stimme.
„Ich, die vorherige Königin Elisabeth, sitze bei“, sagte die Ameise links von Camilla. Theo sah mit Erstaunen, dass sie nicht schwarz war wie die anderen Ameisen, sondern grau. Außerdem war sie deutlich kleiner.
„Ich, die zukünftige Königin Kate, sitze ebenfalls bei“, sagte die Ameise ganz rechts. Auch ihre Haut war nicht schwarz, sondern eher wie Sand gefärbt, wies aber viele schwarze Stellen auf. Hinter ihr blitzte etwas, und als Theo genauer hinsah, wurde ihm klar, dass diese Kate-Ameise Flügel hatte. Genau wie die Termitenköniginnen. Aber, so fragte sich Theo, wo waren denn die Könige? Verstohlen blickte er sich um. Aber nirgendwo sonst sah er prunkvoll gekleidete Ameisen.
„Verlies die Anklage!“, gebot Königin Camilla.
Die Ameise an der rechten Wand begann vorzulesen: „Die beiden Gefangenen haben sich in niederträchtiger Absicht in unseren Lebensbau eingeschlichen, um diesen zu zerstören. Sie wollten das ruhmreiche Volk der Schwarzameisen vernichten und so die Welt ins Chaos stürzen.“
Ohne nachzudenken, rief Theo laut: „Das stimmt doch gar nicht!“ Er wandte sich an Camilla. „Frau Königin, wir wollten nur ein wenig eure Welt erkunden. Wir...“
„Schweig!“, herrschte ihn der Ankläger an. „Nur euer Anwalt darf für euch sprechen.“
„Was für...“, sagte Theo, doch Ina hielt ihm den Mund zu, sodass die restlichen Worte nur ein dumpfes Murmeln wurden.
Die Ameise, die dem Ankläger gegenüberstand, ergriff das Wort: „Meine lieben Mitameisen, hier liegt ein grandioser Irrtum vor. Wir haben von keinem unserer Späher einen Bericht darüber erhalten, dass diese beiden Termiten irgendetwas für uns Nachteiliges getan hätten. Ich habe hier das Gutachten unseres anerkanntetsten Termitenexperten“, er wies auf ein Stück Blatt, auf das Schriftzeichen eingeritzt waren, „und daraus geht eindeutig hervor, dass die Gefangenen in der Termitenwelt noch Kinder sind. Unmündige, dumme Kinder, die nicht nachdenken, bevor sie handeln.“
Es folgte ein hitziges Wortgefecht zwischen der Anklage und der Verteidigung. Theo und Ina konnten den Argumenten gar nicht folgen. Ihre Köpfe flogen hin und her, um immer denjenigen anzuschauen, der gerade sprach. Auch die drei Königinnen stellten Fragen und warfen Kommentare ein.
Nur Theo und Ina wurden nichts gefragt. Und sie hüteten sich nun, von sich aus zu sprechen.
Schließlich schien sich die Verhandlung ihrem Ende zuzuneigen.
„Kommen wir nun zum Strafmaß“, sagte Camilla und gab der Anklage das Wort.
„Ich fordere, die Gefangenen zu Frondienst für einen Mondumlauf zu verurteilen. Die Termiten sind stark, und sie sollten diese Fähigkeit für unser Volk einsetzen. Anschließend werden wir sie gegen Lösegeldzahlung an ihren Bau zurückgeben.“
Theo wurde bleich, als er das hörte. Ina aber wusste nicht, was das Wort Frondienst bedeutete, und so fragte sie den Freund leise danach. Theo erklärte es ihr. „Wir sollen für die Ameisen arbeiten. Wie im Schacht. Aber ohne Pause, und das viele, viele Tage lang.“
„O je“, entfuhr es Ina ängstlich. Das war nun kein Abenteuer mehr.
Als nächstes war die Verteidigung an der Reihe. „Ich fordere Freispruch.“ Mehr sagte der Ameisenanwalt nicht. Für ihn schien der Fall klar zu sein.
„Wir beraten uns“, entschied Königin Camilla, und die drei Herrscherinnen steckten die Köpfe zusammen. Leises Getuschel war zu hören, aber Theo und Ina konnten nicht verstehen, was gesagt wurde.
Die Beratung dauerte jedoch nicht lange, und die Königin wandte sich das erste Mal direkt an die angeklagten Termiten.
„Kinder, ihr habt eine Menge Unruhe in unseren Bau gebracht und so unsere Arbeiten verzögert. Ihr solltet wirklich besser darüber nachdenken, was ihr tut, und was das für Auswirkungen haben kann. Aber auch wir waren einmal jung und ungestüm, und so verstehen wir euch und glauben euch auch, dass ihr keine bösen Absichten hattet. Allerdings kann euer Eindringen nicht ungesühnt bleiben. Deshalb hört mein Urteil: Ihr seid schuldig des unerlaubten Eindringens und werdet zu zwei Tagen Fronarbeit verurteilt.“
„O je“, sagte Ina erneut. Das klang für sie immer noch nach einer fürchterlichen Strafe. Sie klammerte sich an Theo fest.
Doch Königin Camilla lächelte, als sie fortfuhr: „Aber, einen Tag Fronarbeit habt ihr schon abgeleistet, als ihr im Schacht gegraben habt. Und die weitere Arbeit, zu der ich euch verurteilt habe und für die wir Ameisen einen ganzen Tag benötigen würden, werdet ihr bis Sonnenuntergang bestimmt erledigt haben. Strengt euch also tüchtig an, und ihr könnt heute noch nach Hause.“
Damit war die Verhandlung beendet, und die Halle leerte sich schnell. Die Ameisen gingen wieder an ihre Arbeit.
Theo und Ina wurden auf eine große Wiese geführt, die sich in einiger Entfernung zum Ameisenbau befand, sodass Theo diesen gerade noch so am Horizont sehen konnte. Auf der Wiese lagen viele kleine Zweige nach Größe sortiert. Eine Ameise erklärte den Termitenkindern, was sie zu tun hatten.
„Okay“, sagte Theo und belud die Lore, die sie bereits im Schacht benutzt hatten, mit Zweigen. Danach trugen er und Ina die Kiste zum Bau, stellten sie ab, trugen eine leere Kiste zurück zur Wiese und beluden auch diese. Die ersten Male wurden sie noch von bewaffneten Soldaten, die böse Gesichter machten, begleitet, doch als die Ameisen sahen, dass die Verurteilten keine Anstalten machten zu fliehen, blieben die Bewacher schließlich zurück, und Theo und Ina liefen ihre Wege alleine. So schleppten sie weiter keuchend die Zweige zum Bau, wo Ameisen bereits angefangen hatten, einen großen, überdachten Versammlungsplatz zu bauen.
Als die Sonne fast untergegangen war, hatten Theo und Ina es endlich geschafft. Kein Zweig lag mehr auf der Wiese. Die Kinder waren schweißgebadet.
Jetzt wollten sie nur noch nach Hause.
Theo wandte sich an den Chef der Ameisen, der sie zuerst argwöhnisch begleitet und bewacht hatte, nun aber einen ganz netten Eindruck machte. „Können wir gehen?“, fragte Theo.
„Natürlich“, erwiderte die Ameise. „Ihr habt eure Strafe abgeleistet. Ihr seid frei. Wenn ihr noch etwas trinken wollt, nehmt euch nur vom Wasser.“ Er deutete auf ein großes Fass, in dem eine Schöpfkelle lag.
„O ja“, sagte Ina und trank gierig. Sie hatte großen Durst, sich aber nicht getraut, die Ameisen nach Wasser zu fragen. Auch Theo trank, und dann erst liefen sie los. Die Arbeit hatte sie wirklich müde gemacht, aber den Weg nach Hause würden sie noch schaffen.
Bald schon sahen sie die Heimat vor sich, wenngleich es nun schon ziemlich dunkel geworden war. Aber vor allem rochen sie ihre Heimat, und das war der schönste Geruch, den sie sich vorstellen konnten. Den beiden Kinder fiel ein riesiger Stein vom Herzen, dass sie dieses Abenteuer doch noch glimpflich überstanden hatten.
„Es war toll, nicht?“, sagte Theo und strahlte. Die Angst, die er im Gefängnis und vor Gericht verspürt hatte, schien weit weg zu sein.
Aber auch Ina fühlte sich sehr gut. Die Gefahr war überstanden, und nun trat das Positive in den Vordergrund. Sie nickte wild. „Es war ein ganz gewaltiges Abenteuer. Wenn wir das in der Schule erzählen, werden die anderen staunen. Aber jetzt will ich zu meiner Oma. Sie macht mein Lieblingsgericht, das schmeckt auch aufgewärmt super. Und ich habe einen Bärenhunger.“
„Was gibt's denn?“, fragte Theo.
„Pilzsuppe mit Schokoladenstreuseln. Und dazu Holzbrot!“, rief Ina und sprang vor Freude in die Luft, als sie den Eingang zur Termitenburg erreicht hatten.
Die Kinder nickten den beiden Torwächtern zu und liefen hinein.
„Das klingt lecker“, sagte Theo langsam.
Ina lachte. Sie hatte sofort die versteckte Frage in Theos Worten erkannt.
„Willst du mit uns essen?“
Theo nickte begeistert, und so gingen die beiden Freunde guter Laune die Gassen entlang zu Inas Oma, wo sie bereits erwartet wurden. Als die Kinder von ihrem Erlebnis erzählt hatten, verständigte die Oma zuerst einmal Theos und Inas Eltern, die auch wenig später eintrafen. Zuerst waren die Erwachsenen sehr böse und schimpften lange mit den Kindern, doch schließlich überwog die Erleichterung, dass alles gut ausgegangen war. Auch die Strafe fiel milde aus: Theo und Ina würden am kommenden Tag den ganzen Schulhof fegen und all die Erde, Blätter und Zweige wegräumen müssen, welche der Wind immerfort herbeiwehte. Aber die Erwachsenen konnten Theo und Ina verstehen, denn Termiten und besonders Termitenkinder waren nun einmal furchtbar neugierig.
„Wollen wir am Wochenende noch einmal zu den Ameisen gehen?“, schlug Theo vor, als er den dritten Teller Suppe gegessen hatte. „Wir haben ja noch längst nicht alles gesehen.“
Ina fand den Vorschlag auch gut. „Diesmal aber fragen wir sie, ob sie uns alles zeigen, ja?“
So machten sie es dann, und es wurde ein toller Ausflug. Sogar die Ameisenkönigin Camilla nahm sich ein wenig Zeit, um die Kinder herumzuführen.
ENDE