Das Anwesen

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Weltenbruch

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Mary war noch nicht zu Hause. Ich wusste nicht, wo sie war. Niemand war durch die schmierigen Fenster zu sehen, nur ein einsamer Pferdekarren, der durch das Dorf gezogen wurde. Auf dem Hügel die Lichter des Anwesens. Wie immer. Tag und Nacht. Das Anwesen schlief nicht. Das Anwesen konnte nicht schlafen. Dem Anwesen gehörte unser Zehnt. Es war unsere Kirche und wir betraten sie nie.

Ich wendete mich ab und warf noch etwas Holz in den Ofen, damit der Brei im Topf weiterköcheln konnte, dann schaute ich nach unseren Kindern. Sie schnitzten Figuren, die wir auf dem Stadtmarkt für ein paar Münzen verschachern konnten. Das half.

Ich ging zurück in die Küche und rührte den Brei noch einmal um. Bald war das Essen fertig. Wo war sie? Sie war nur kurz losgegangen um Wasser vom Brunnen zu holen.

Ich sah wieder aus dem Fenster und … da! Keine 20 Meter entfernt am Anfang der Straße. Hinter sich zog sie einen abgedeckten Handkarren. Sie kam an die Tür und klopfte im vereinbarten Rhythmus. Ich machte auf. Sie kam rein, schwieg, zog den Wagen hinter sich hinein. Ihr Blick war kalt, vollkommen neutral, nicht als Position sondern entfernt von jedem Standpunkt.

„Wo hast du gesteckt?!“

Sie schüttelte nur den Kopf und nahm die Plane vom Handkarren herunter, vier Säcke kamen zum Vorschein. Nacheinander öffnete sie sie. Zwei Säcke Korn, ein Sack mit Münzen und ein Sack mit Spielzeug. Wortlos, aber nun lächelnd gab sie jedem der Kinder eins der Spielzeuge. Da war eine kleine Gitarre, ein Abakus, ein Holzschwert und Schild. Und ich sah, dass noch mehr in dem Sack war.

Die Kinder griffen danach, freuten sich, überlegten nicht, was das bedeutete. Ich zitterte. Als sie mich ansah und es aussprach, wusste ich es längst.

„Ich war beim Anwesen.“

„Komm mit.“

„Ich will nicht.“

Ich packte sie am Arm und zerrte sie in die Küche, schloss die Tür. Die Kinder würden trotzdem alles hören können, aber das war mir egal.

„Was ist passiert, was hast du getan? Was hast du getan?!“

„Ich habe ein Opfer gebracht. Für meine Kinder.“

„Du hast dich schänden lassen!“

„Ich habe ein Opfer gebracht“, wiederholte sie nur.

„WAS HAST DU GETAN! SPRICH ES AUS!“

Sie schwieg. Alles an ihr ekelte mich an.

Ich schlug zu. Ihre erst kürzlich verheilte Lippe platzte wieder auf und sie ging zu Boden, wimmerte.

„WAS HAST DU GETAN?!“

Sie schwieg, wimmerte nur und ich trat zu, trat wieder zu, wieder und wieder. Dieses Miststück hatte es nicht verdient, hatte mich nicht verdient. Ich trat wieder zu, wieder, wieder, bis sie ohnmächtig wurde. Ich hielt inne, ging zu ihr runter. Sie atmete noch. Was hatte sie getan? Was hatte sie unserer Familie angetan?

Ich nahm mir ein Messer aus der Küche, starrte Mary noch einmal lange an und ging ins Wohnzimmer. Meine Kinder hatten sich wohl schon beim ersten Schrei in ihr Zimmer zurückgezogen. Ich verließ das Häuschen. Wie sollte es jetzt noch weitergehen?

Als ich auf der Straße war, schlug mein Atem Wolken, aber ich spürte die Kälte nicht. Ich lief weiter, begann zu rennen, ignorierte alles. Diese Bastarde würden das nicht noch einmal machen.

Das Tor zum Anwesen kam in Sicht und ich bereitete mich darauf vor, die Wache anzugreifen. Doch als ich es erreichte, nickte sie mir einfach zu und öffnete das Tor.

Kurz war ich perplex, aber dachte nicht weiter darüber nach. Das Anwesen war zu weit gegangen – das würde ich nicht einfach so akzeptieren. Die beschlagene Tür am Eingang war geöffnet und ich trat ein. Nun spürte ich die Kälte doch. Ich ging durch einen Korridor ohne jede Tür, nur Wände mit Bildern, die ich nicht verstand. Nach ein oder zwei Minuten erreichte ich das Ende. Eine weitere Tür. Ich trat ein.

Nichts. Nur Wände. Ein runder Raum. Das war das gesamte Anwesen? Es war gigantisch und alles was ich sah, war ein Korridor und dieser Raum? Niemand war hier. Keine mächtigen Männer in blendenden Roben oder sonstwas wovon die Leute so erzählten. Nichts.

Plötzlich fiel die Tür hinter mir zu. Es gab trotzdem Licht, aber ich konnte nicht sehen, woher es kam. Ich versuchte die Tür wieder zu öffnen, doch es ging nicht, ich rüttelte, nichts passierte, ich fing an dagegenzutreten, zu schreien, schrie und trat und schrie und trat und schrie und trat.



Ich kam zu mir. Alles tat weh. Ich zitterte. Ich rappelte mich auf, stöhnte. Alles tat weh, aber ich musste es wissen. Ich schleppte mich in unsere Wohnstube. Er war nicht da. Wie versprochen. Er war nicht da. Ich sah nach den Kindern und sie hatten sich schlafen gelegt. Draußen wurde es langsam hell. Ich ging vor die Tür, die immer noch offen stand und sah hoch zum Anwesen.

Ich habe ein Opfer gebracht. Für meine Kinder“, flüsterte ich. „Es war ein leichtes Opfer. Danke.“
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Kleine böse Geschichte. Muss man vielleicht zweimal lesen, haut aber rein, wenn man den Plot begreift.
 

XRay

Mitglied
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen! Hat mich an Kafka erinnert.
Irritiert hat mich nur die Schreibweise von „Mary“, da ich als Handlungsort eher den Balkan oder Osteuropa vermutet hatte.
 

gareth

Mitglied
Ich habe, dem Hinweis von lapismont folgend, die Geschichte jetzt zweimal gelesen, mit einem Tag Pause dazwischen. Aber, im Gegensatz zu ihm, habe ich sie nicht verstanden. Ich beschränke mich deshalb in meinen Anmerkungen auf ein paar Sachen, die mir aufgefallen sind.

Die Geschichte spielt in einem Dorf. Vermutlich im Winter. Außerhalb, auf einem Hügel gibt es das Anwesen. Dort brennt immer Licht, was man von weither immer sehen kann. Bei Nacht und bei Tag. Der Ich-Erzähler der Geschichte ist ein Familienvater, der mit seiner Frau unzufrieden ist. Darauf gibt es einen ersten Hinweis, als er aus dem Fenster nach der Abwesenden sieht:
Niemand war durch die schmierigen Fenster zu sehen.
Das könnte man als ordentliche Hausfrau ändern. Die Lebens- und Wohnverhältnisse sind wohl ärmlich. Sie wohnen in einem kleinen Häuschen. Wenn man sich vom Fenster abwendet, ist da der Holzofen, auf dem Brei kocht. Aber eigentlich muss man in die Küche gehen um den Brei umzurühren.
Das Paar hat mehrere Kinder. Sie haben ein eigenes Zimmer und

[...] schnitzten Figuren, die wir auf dem Stadtmarkt für ein paar Münzen verschachern konnten.

Geachtet wird die Arbeit der Kinder offenbar nicht, sonst würde man bei den Figurenwohl an Verkaufen denken und nicht an Verschachern.

Die Frau kommt nach hause, zieht überraschend einen abgedeckten Handkarren mit vier Säcken darauf hinter sich her und klopft an der Tür.

Sie kam rein, schwieg, zog den Wagen hinter sich hinein.

Ich habe als Leser den Eindruck, der Handkarren steht nun im Wohnzimmer. Als erstes wird ihr Gesichtsausdruck bemerkt und von dem Mann auf schwer verständliche Weise interpretiert

Ihr Blick war kalt, vollkommen neutral, nicht als Position sondern entfernt von jedem Standpunkt.


Wenn der Blick als kalt empfunden wird, kann er nicht gleichzeitig neutral sein. Vielleicht ist er leer.

Sie wird angeherrscht wo sie gesteckt habe und nimmt die Plane ab.

vier Säcke kamen zum Vorschein. Nacheinander öffnete sie sie. Zwei Säcke Korn, ein Sack mit Münzen und ein Sack mit Spielzeug. Wortlos, aber nun lächelnd gab sie jedem der Kinder eins der Spielzeuge. Da war eine kleine Gitarre, ein Abakus, ein Holzschwert und Schild. Und ich sah, dass noch mehr in dem Sack war
.

Um es kurz zu machen: Die Frau wird in die Küche gezerrt. Die drei relevanten Dialogzeilen sind

„Ich habe ein Opfer gebracht. Für meine Kinder.“
„Du hast dich schänden lassen!“
„Ich habe ein Opfer gebracht“ [...]


Der Mann ekelt sich vor ihr. Er schlägt sie, wieder einmal, zu Boden und tritt auf sie ein, bis sie ohnmächtig ist. Danach greift er sich ein Messer und geht zum Anwesen. Die Wache lässt ihn ohne weiteres ein. Das Anwesen ist leer aber er kann von dort nicht mehr entkommen. Hilflos, wie seiner Frau gegenüber, tritt er gegen die zugefallene Tür und schreit. So weit die Analogie.

Nachdem die Frau aus der Ohmacht erwacht ist, wird sie plöltzlich, überraschender und gewagter Weise zur Ich-Erzählerin und bedankt sich (vermutlich) beim Anwesen. Das gebrachte Opfer für ihre Kinder, von dem sie seit ihrer Rückkehr spricht, könnte man nun darin sehen, dass sie ihren Mann bewusst in dem Glauben ließ, sie habe sich für die mitgebrachten Güter prostituiert und seine körperliche Gewalt hinzunehmen um ihn auf diese Weise dazu zu bringen, aus Rachlust zum Anwesen zu gehen, in dem Wissen (!), dass dieses sie dann von ihm befreien wird. Allerdings kann sie sich das nicht selbst ausgedacht haben, weil man dazu wissen muss, was das Anwesen üblicherweise so macht, und es bleibt auch offen, welchen Vorteil das Anwesen selbst aus dem Einbehalt des Ehemanns zieht. Bezahlt dafür hat es. Ein Sack Münzen ist in jedem Fall ein ziemliche Menge Geld. Aber was wird, wenn Korn und Geld verbraucht sind?

Fragen über Fragen. Abschließend verweise ich deshalb auf den ersten Satz meiner Anmerkungen.
Grüße gareth
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Moin gareth,

ich pack mal meine Erklärung in den Spoiler.

Der Mann ist ein Schläger und Tunichtgut. Er geht davon aus, seine Frau hätte im Tempel ihren Körper verkauft, um die paar Dinge zu bekommen. In Wahrheit, hat sie ihn geopfert dafür. Letztlich ist es für den Text egal, was der Tempel nun mit dem Typen anstellt. Wichtig ist, dass die Frau sich irgendwie von dem Typen getrennt hat. Der Tempel ist die Analogie für diesen Schritt.

Bestimmt könnte man das ganze noch in eine größere Handlung stecken, am Stil feilen, aber für mich hat das kleine Fabel ganz gut funktioniert.
 

gareth

Mitglied
Nach einiger Zeit bin ich ja auch bei dieser Interpretation gelandet, lieber lapismont. Aber bevor mich eine Geschichte
[...] an Kafka erinnert.
muss sie erst einmal handwerklich ordentlich gemacht und gut und glaubhaft erzählt sein. Ein Ich-Erzähler der aus dem Nirgendwo, gefangen in einer leeren, rächenden Einrichtung, über die dramatischen Erlebnisse seiner letzten Stunden berichtet und dann plötzlich das Wort seiner armen Frau als Ich-Erzählerin überlassen muss.... Ein kleines, wenig durchdachtes, wenn auch sicher engagiert geschriebenes Märchen, das während des Lesens eine Frage nach der anderen aufwirft. Vielleicht will der/die/das Autor/in Weltenbruch selbst ja auch noch etwas dazu sagen.
 

James Blond

Mitglied
Nee, Leute, nee. Der Text funktioniert nicht. Er versucht sich zwar an einer überraschenden Pointe, die aber wirkt auch auf den zweiten Blick zu konstruiert, um zu überzeugen. Dazu müsste der Pakt der geprügelten Ehefrau mit dem Anwesen motiviert werden, Funktion und Mechanismus des Anwesens deutlicher werden. So bleibt alles Idee, flüchtige Skizze zu einem Plot, der vielleicht einmal ausgearbeitet werden könnte.
So wie er ist, entfaltet der Text mit seinen hinlänglich bekannten Zitaten von Armut und Macht auf mich keine Wirkung. Die Erwähnung Kafkas ist nur grotesk, die LeLu-Empfehlung ist es leider auch. :(

Gruß
JB
 

XRay

Mitglied
gareth und James:
Ich stimme Euch nach erneuter Lektüre zu!
Meine assoziative Erinnerung an Kafka beim ersten Überfliegen des Textes bezog sich NICHT auf die Machart - das wäre absurd! - sondern war nur ein Erinnerungsblitz von der Art, bei dem man bei genauem Nachdenken gar nicht mehr sagen kann, wie er entstanden ist. Dennoch: irgendwie gefällt mir das Ding doch, und in die Tonne hauen würde ich es nicht, wohl aber mir mehr Klarheit über Ort, Zeit und Motive wünschen.
Gruss
XRay
 

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