Arno Abendschön
Mitglied
An dem Fest lag mir nichts. Ich würde den Abend einfach über mich ergehen lassen, dachte ich und war froh, dass wir den Nachmittag frei hatten. Auch die anderen Berliner wollten der Stadt für ein paar Stunden entfliehen. Merkwürdiges Fest, auf das man sich vorbereitet, indem man den Festort bis zuletzt meidet ...
„Wir waren noch nie in der Lüneburger Heide. Können wir nicht mal in die Heide fahren?“ – „Ja,, sie blüht vielleicht gerade. Das schafft man doch an einem Nachmittag?“
Wir fuhren also mit drei Autos zum Südrand der Heide. Da war nur weite Wiesenlandschaft, von Kanälen und Baumreihen durchzogen. Wir bogen wiederholt ab, von Haupt- auf Nebenstraßen, dann auf Feld- und Waldwege, die nicht gesperrt waren. Die Gegend änderte sich, als wir weiter nach Norden kamen, wurde trockener, einsamer. Dürftiger Kiefernwald herrschte nun vor. Wir erwarteten, bald doch noch das typische Bild der Heide vor uns auftauchen zu sehen. Stattdessen öffnete sich im Wald eine Lichtung mit Wiesen und Feldern und einer Gruppe von Gebäuden. Auch um sie war es menschenleer. Endlich entdeckten wir eine ältere Frau, im Garten arbeitend.
„Entschuldigung, ist hier irgendwo Heide? Können Sie uns sagen, wo wir noch echte Heide finden?“
„Nein, hier gibt’s keine Heide“, sagte sie kurz angebunden, durch ihren Tonfall alle weiteren Fragen von vornherein abschneidend. Sie bückte sich schon wieder über das Beet.
„Geben wir’s auf.“ Die Fahrer wendeten mitten auf dem sandigen Weg. Dann wollten wir noch in irgendeine größere Stadt und kamen nach Celle. Sein Kern ist bekannt für viel altes Fachwerk, reich verziert und oft bunt bemalt. Wir waren schon knapp mit der Zeit und schafften noch einen kurzen Gang durch zwei, drei Gassen, dann mussten wir weiter.
Unsere Fahrer jagten in Dreierkolonne über die große Bundesstraße südwärts. An der Kreuzung mit einer Ost-West-Chaussee wäre es beinahe passiert. Ich saß bei Kraushaar im letzten Wagen und wir entgingen, als wir den anderen hinterherschossen, gerade noch einem Zusammenstoß. In Zukunft will ich nur noch mit Paetzold fahren.
Als wir in *** ankamen, war keine Zeit mehr, noch auf unsere Zimmer zu gehen. In diesen Minuten fing das festliche Essen schon an, es wurden eben die Kalten Platten aufgetragen. Wir sanken gerade rechtzeitig auf unsere Stühle.
Bergfest? Man sollte es Talfest nennen. Ich will nur hoffen, wir haben damit die Sohle erreicht.
Zum Essen gab es Freibier. Rundherum aßen sie und nahmen nach jedem zweiten Bissen einen großen Schluck. Es wurde bald lebhafter, geräuschvoller als bei gewöhnlichen Abendessen. Nur wir an unserem Tisch kamen erst nach und nach in rechte Stimmung, wenn überhaupt. Ich sah manchmal hinüber zum Tisch der Frankfurter. Ihre Gesichter glänzten in froher Erwartung, auch das vom lieben Heinz. Mir schien, sie hielten sich in dieser Phase gerader als sonst und sie aßen manierlicher, sprachen deutlicher. Es gibt nur dieses eine Fest während der ganzen Zeit an der Akademie, man muss sich entsprechend würdig geben. Nach der Abschlussprüfung fahren alle schnell nach Hause, mit oder ohne Diplom.
Als das Essen vorbei war, standen viele von den Tischen auf und gingen oder standen herum. Ich blieb mit Heise und Paetzold sitzen. Das fünfköpfige Festkomitee baute in unsererer Nähe eine Stuhlreihe auf und platzierte sich da. Dann sagte jeder von ihnen ein kurzes, neckisches Grußwort ins Mikrophon, wozu er sich gravitätisch erhob und den Stuhl geräuschvoll rangierte. Die Zuhörer applaudierten zu Beginn des Manövers wie am Ende, wenn der Redner ihnen mit der Bierflasche zuprostete und demonstrativ daraus trank. Die Komik bestand im Missverhältnis zwischen betriebenem Aufwand und kurzer, nichtssagender Rede. Fast alle schienen das so zu empfinden, hatten Spaß an der Selbstveräppelung. Heinz und die Frankfurter schrieen ein ums andere Mal: „Hurra, hurra!“
Danach trank man weiter. Ich sah jetzt auch Schnapsflaschen kreisen, aus denen kleine Gläser vollgeschenkt und schnell gekippt wurden. Im Nu stieg der Geräuschpegel noch einmal deutlich an, zumal man uns jetzt auch musikalisch beschallte.
Den Hauptteil des Abends habe ich noch mitbekommen, bevor ich gegangen bin. Der Rheinländer Stuhlmann rezitierte aus großenteils von ihm selbst verfasster Festzeitung. Er hatte auf knapp ein Dutzend von uns Spottverse geschmiedet, über die zu lachen für die Porträtierten selbstverständlich war. Auch ich gehörte zu dieser Prominenz und ich wundere mich jetzt, dass es mich zunächst erstaunte; gehe ich doch wie ein Unberührbarer zwischen ihnen herum und glaubte mich vor Zudringlichkeiten sicher. Mein Desinteresse hielt ich für eine schützende Membran, während sie tatsächlich in mindestens einer Richtung durchlässig zu sein scheint. Menschen wie Stuhlmann verzeihen nicht, wenn einer nicht teilnimmt, nicht an ihren Vergnügungen, nicht an ihren Kümmernissen, nicht an der Teilnahme, die sie für sich selbst aufbringen.
Ich musste vier boshafte Zeilen über mich anhören. Sie wurden belacht wie alles andere auch, nicht mehr, nicht weniger. Ich saß da, scheinbar ungerührt – ich hatte mir rasch einen mäßig interessierten, neutralen Gesichtsausdruck zurechtgemacht – und war innerlich über so viel Hass dann doch erschrocken. Übrigens hat Stuhlmann unzweifelhaft Talent.
Nachher bekamen alle von ihm persönlich ein Exemplar dieser Bierzeitung überreicht. Ich nahm meines an und begann in ihm zu blättern. Stuhlmann ist auch ein begabter Illustrator. Er hat die Wirkung seiner giftigen Poeme mit Zeichnungen zu erhöhen verstanden, scharf und boshaft Beobachtetes. Jetzt weiß ich, warum er mich in den letzten Wochen immer wieder so ausgiebig gemustert hat. Ich habe ihm ahnungslos Modell gestanden und gesessen für eine gehässige Karikatur. Oder habe ich wirklich eine so höhnische Miene zur Schau getragen?
Was hat er denn nun über mich gedichtet? Zu meinem Glück habe ich es so wenig an mich herankommen lassen, dass sich mir kein Detail eingeprägt hat. Das Heftchen liegt schon in meinem Papierkorb, ich werde mich nicht nach ihm bücken.
Nicht mehr auslöschen kann ich dagegen die Erinnerung daran, wie Stuhlmann in seinem Sudelbuch mit Heinz umgesprungen ist. Auch ihm wurde ein Gedicht gewidmet, länger als das auf mich gemünzte. Er ist „der Bärtige aus Darmstadt“. Schon über den Titel wurde viel gelacht: „Genie im Kleinformat“. Heinz lachte laut mit, wie geschmeichelt, ich sah es von meinem Platz aus mit rasch wachsendem Ärger. Genie im Kleinformat – wie scharfsinnig daneben … Es ist ja wahr, dass etwas ganz und gar Ungewöhnliches, in gewissem Sinn auch Genialisches an ihm ist, an seinem Auftreten, seiner Ausstrahlung, nur eben nicht an den Leistungen seines Verstandes. Es gehört in den Bereich der Seele. Infam, das ins Lächerliche ziehen zu wollen.
Und zu weiterer Charakterisierung diese acht kleinen Wörter, eben diese acht Einsilber: „Er ist nicht Mensch, er ist nicht Tier …“ Das nahmen alle beifällig auf, wie die kürzestmögliche Formel für Heinz. Und auch er selbst billigte sie, schweigend. Was für ein Wesen ist das denn: nicht Mensch, nicht Tier? Etwas dazwischen, meint Stuhlmann wohl, wie ich ihn kenne. Nicht mehr ganz Tier, aber noch nicht ganz Mensch – also ein Mensch zweiter Klasse, allenfalls. Am Ende ein Untermensch, wie das früher so schlimm hieß?
Oder bezieht Stuhlmann sich vielleicht auf etwas, das zwischen ihnen vorgefallen ist? Auf etwas Konkretes, das er, Stuhlmann, mit äußerstem Nachdruck zurückweisen muss, indem er es für animalisch erklärt? Fragt sich dann nur, auf welches Tier er anspielen will.
Stuhlmann gab auch Heinz ein Exemplar. Dabei lächelte er – durchbohrend, so will ich es einmal nennen. Heinz nahm die Broschüre wie ein Geschenk an, dessen Wert er zu würdigen versteht; offenbar noch immer geschmeichelt. Da ging ich schnell hinaus - ihm ist nicht zu helfen.
Die meisten sind noch im Kasino, während ich hier seit einer Dreiviertelstunde schreibe. Wie ruhig es jetzt einmal auf den Etagen ist … Erwähnte ich schon, dass es hier mit der Abend- und Nachtruhe sonst nicht weit her ist?
„Wir waren noch nie in der Lüneburger Heide. Können wir nicht mal in die Heide fahren?“ – „Ja,, sie blüht vielleicht gerade. Das schafft man doch an einem Nachmittag?“
Wir fuhren also mit drei Autos zum Südrand der Heide. Da war nur weite Wiesenlandschaft, von Kanälen und Baumreihen durchzogen. Wir bogen wiederholt ab, von Haupt- auf Nebenstraßen, dann auf Feld- und Waldwege, die nicht gesperrt waren. Die Gegend änderte sich, als wir weiter nach Norden kamen, wurde trockener, einsamer. Dürftiger Kiefernwald herrschte nun vor. Wir erwarteten, bald doch noch das typische Bild der Heide vor uns auftauchen zu sehen. Stattdessen öffnete sich im Wald eine Lichtung mit Wiesen und Feldern und einer Gruppe von Gebäuden. Auch um sie war es menschenleer. Endlich entdeckten wir eine ältere Frau, im Garten arbeitend.
„Entschuldigung, ist hier irgendwo Heide? Können Sie uns sagen, wo wir noch echte Heide finden?“
„Nein, hier gibt’s keine Heide“, sagte sie kurz angebunden, durch ihren Tonfall alle weiteren Fragen von vornherein abschneidend. Sie bückte sich schon wieder über das Beet.
„Geben wir’s auf.“ Die Fahrer wendeten mitten auf dem sandigen Weg. Dann wollten wir noch in irgendeine größere Stadt und kamen nach Celle. Sein Kern ist bekannt für viel altes Fachwerk, reich verziert und oft bunt bemalt. Wir waren schon knapp mit der Zeit und schafften noch einen kurzen Gang durch zwei, drei Gassen, dann mussten wir weiter.
Unsere Fahrer jagten in Dreierkolonne über die große Bundesstraße südwärts. An der Kreuzung mit einer Ost-West-Chaussee wäre es beinahe passiert. Ich saß bei Kraushaar im letzten Wagen und wir entgingen, als wir den anderen hinterherschossen, gerade noch einem Zusammenstoß. In Zukunft will ich nur noch mit Paetzold fahren.
Als wir in *** ankamen, war keine Zeit mehr, noch auf unsere Zimmer zu gehen. In diesen Minuten fing das festliche Essen schon an, es wurden eben die Kalten Platten aufgetragen. Wir sanken gerade rechtzeitig auf unsere Stühle.
Bergfest? Man sollte es Talfest nennen. Ich will nur hoffen, wir haben damit die Sohle erreicht.
Zum Essen gab es Freibier. Rundherum aßen sie und nahmen nach jedem zweiten Bissen einen großen Schluck. Es wurde bald lebhafter, geräuschvoller als bei gewöhnlichen Abendessen. Nur wir an unserem Tisch kamen erst nach und nach in rechte Stimmung, wenn überhaupt. Ich sah manchmal hinüber zum Tisch der Frankfurter. Ihre Gesichter glänzten in froher Erwartung, auch das vom lieben Heinz. Mir schien, sie hielten sich in dieser Phase gerader als sonst und sie aßen manierlicher, sprachen deutlicher. Es gibt nur dieses eine Fest während der ganzen Zeit an der Akademie, man muss sich entsprechend würdig geben. Nach der Abschlussprüfung fahren alle schnell nach Hause, mit oder ohne Diplom.
Als das Essen vorbei war, standen viele von den Tischen auf und gingen oder standen herum. Ich blieb mit Heise und Paetzold sitzen. Das fünfköpfige Festkomitee baute in unsererer Nähe eine Stuhlreihe auf und platzierte sich da. Dann sagte jeder von ihnen ein kurzes, neckisches Grußwort ins Mikrophon, wozu er sich gravitätisch erhob und den Stuhl geräuschvoll rangierte. Die Zuhörer applaudierten zu Beginn des Manövers wie am Ende, wenn der Redner ihnen mit der Bierflasche zuprostete und demonstrativ daraus trank. Die Komik bestand im Missverhältnis zwischen betriebenem Aufwand und kurzer, nichtssagender Rede. Fast alle schienen das so zu empfinden, hatten Spaß an der Selbstveräppelung. Heinz und die Frankfurter schrieen ein ums andere Mal: „Hurra, hurra!“
Danach trank man weiter. Ich sah jetzt auch Schnapsflaschen kreisen, aus denen kleine Gläser vollgeschenkt und schnell gekippt wurden. Im Nu stieg der Geräuschpegel noch einmal deutlich an, zumal man uns jetzt auch musikalisch beschallte.
Den Hauptteil des Abends habe ich noch mitbekommen, bevor ich gegangen bin. Der Rheinländer Stuhlmann rezitierte aus großenteils von ihm selbst verfasster Festzeitung. Er hatte auf knapp ein Dutzend von uns Spottverse geschmiedet, über die zu lachen für die Porträtierten selbstverständlich war. Auch ich gehörte zu dieser Prominenz und ich wundere mich jetzt, dass es mich zunächst erstaunte; gehe ich doch wie ein Unberührbarer zwischen ihnen herum und glaubte mich vor Zudringlichkeiten sicher. Mein Desinteresse hielt ich für eine schützende Membran, während sie tatsächlich in mindestens einer Richtung durchlässig zu sein scheint. Menschen wie Stuhlmann verzeihen nicht, wenn einer nicht teilnimmt, nicht an ihren Vergnügungen, nicht an ihren Kümmernissen, nicht an der Teilnahme, die sie für sich selbst aufbringen.
Ich musste vier boshafte Zeilen über mich anhören. Sie wurden belacht wie alles andere auch, nicht mehr, nicht weniger. Ich saß da, scheinbar ungerührt – ich hatte mir rasch einen mäßig interessierten, neutralen Gesichtsausdruck zurechtgemacht – und war innerlich über so viel Hass dann doch erschrocken. Übrigens hat Stuhlmann unzweifelhaft Talent.
Nachher bekamen alle von ihm persönlich ein Exemplar dieser Bierzeitung überreicht. Ich nahm meines an und begann in ihm zu blättern. Stuhlmann ist auch ein begabter Illustrator. Er hat die Wirkung seiner giftigen Poeme mit Zeichnungen zu erhöhen verstanden, scharf und boshaft Beobachtetes. Jetzt weiß ich, warum er mich in den letzten Wochen immer wieder so ausgiebig gemustert hat. Ich habe ihm ahnungslos Modell gestanden und gesessen für eine gehässige Karikatur. Oder habe ich wirklich eine so höhnische Miene zur Schau getragen?
Was hat er denn nun über mich gedichtet? Zu meinem Glück habe ich es so wenig an mich herankommen lassen, dass sich mir kein Detail eingeprägt hat. Das Heftchen liegt schon in meinem Papierkorb, ich werde mich nicht nach ihm bücken.
Nicht mehr auslöschen kann ich dagegen die Erinnerung daran, wie Stuhlmann in seinem Sudelbuch mit Heinz umgesprungen ist. Auch ihm wurde ein Gedicht gewidmet, länger als das auf mich gemünzte. Er ist „der Bärtige aus Darmstadt“. Schon über den Titel wurde viel gelacht: „Genie im Kleinformat“. Heinz lachte laut mit, wie geschmeichelt, ich sah es von meinem Platz aus mit rasch wachsendem Ärger. Genie im Kleinformat – wie scharfsinnig daneben … Es ist ja wahr, dass etwas ganz und gar Ungewöhnliches, in gewissem Sinn auch Genialisches an ihm ist, an seinem Auftreten, seiner Ausstrahlung, nur eben nicht an den Leistungen seines Verstandes. Es gehört in den Bereich der Seele. Infam, das ins Lächerliche ziehen zu wollen.
Und zu weiterer Charakterisierung diese acht kleinen Wörter, eben diese acht Einsilber: „Er ist nicht Mensch, er ist nicht Tier …“ Das nahmen alle beifällig auf, wie die kürzestmögliche Formel für Heinz. Und auch er selbst billigte sie, schweigend. Was für ein Wesen ist das denn: nicht Mensch, nicht Tier? Etwas dazwischen, meint Stuhlmann wohl, wie ich ihn kenne. Nicht mehr ganz Tier, aber noch nicht ganz Mensch – also ein Mensch zweiter Klasse, allenfalls. Am Ende ein Untermensch, wie das früher so schlimm hieß?
Oder bezieht Stuhlmann sich vielleicht auf etwas, das zwischen ihnen vorgefallen ist? Auf etwas Konkretes, das er, Stuhlmann, mit äußerstem Nachdruck zurückweisen muss, indem er es für animalisch erklärt? Fragt sich dann nur, auf welches Tier er anspielen will.
Stuhlmann gab auch Heinz ein Exemplar. Dabei lächelte er – durchbohrend, so will ich es einmal nennen. Heinz nahm die Broschüre wie ein Geschenk an, dessen Wert er zu würdigen versteht; offenbar noch immer geschmeichelt. Da ging ich schnell hinaus - ihm ist nicht zu helfen.
Die meisten sind noch im Kasino, während ich hier seit einer Dreiviertelstunde schreibe. Wie ruhig es jetzt einmal auf den Etagen ist … Erwähnte ich schon, dass es hier mit der Abend- und Nachtruhe sonst nicht weit her ist?