Das blaue Wunder

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molly

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Das blaue Wunder

Teil 1 Was die Pfeffermännchen erleben Für Kinder ab 4

Teil 2 Was der Räuber erlebt


1.Was die Pfeffermännchen erleben


Die Pfeffermännchen saßen an ihrem runden Tisch. Roto trug seine rote Mütze, Azuro blaue Socken, Gelbert hatte ein gelbes Hemd an
und Grünter eine grüne Hose. Sie überlegten sich, was sie am nächsten Ferientag unternehmen wollten.

"Ich würde gerne an den kleinen Badesee zum Schwimmen gehen. Was meint ihr dazu?" fragte Azuro.

„Du wolltest doch mit dem Zug fahren", antwortete Gelbert.

Azuro antwortete: "Ja, aber bei dem herrlichen Sommerwetter schwitzen wir im Zug. Wir reisen an einem Regentag oder im Herbst.“
Die Pfeffermännchen fanden diesen Vorschlag prima. Sie holten ihre Rucksäcke, packten Badehose und Badetuch ein.
Danach setzten sie sich auf die Bank vor dem Haus und warteten, bis die Sonne unterging. Dann wuschen sie sich von Kopf bis Fuß,
putzen sich die Zähne und legten sich in ihre Betten. Eine Weile redeten sie noch vom Ausflug am nächsten Tag.

„Ich will einmal tief hinuntertauchen“, murmelte Roto, legte sich auf die Seite und schlief ein. Nach und nach verstummten ihre Stimmen.
Sie schlummerten und träumten vom Badesee.

Am nächsten Morgen weckte Roto die anderen sehr früh auf. "Aus den Federn, Freunde", rief er, ging von Bett zu Bett und zog
den Pfeffermännchen die Decke herunter.

„Ich habe eine schöne Geschichte geträumt und jetzt weiß ich nicht, wie sie weiter geht", maulte Gelbert und zog sich die Decke über
den Kopf. Azuro nahm sie weg und rief: „Schlafmütze du, beeil dich, wir gehen baden.“

Die Pfeffermännchen beeilten sich und schon bald spazierten sie auf dem Weg zum kleinen See. Die Luft flimmerte angenehm warm,
es würde ein heißer Sommertag werden. Sie eilten an der Bäckerei vorbei, aber der Bäckermeister Hinz war nicht zu sehen.

„Er schläft jetzt" sagte Roto und die Pfeffermännchen bogen in den Wald ein.

„Wir sind wohl die einzigen, die so früh unterwegs sind", meinte Grünter.

Aber das stimmte nicht.

Ganz in ihrer Nähe schlich Räuber Kunibert umher. Er hatte Hunger und wollte beim Bäcker Hinz Brötchen stehlen. Plötzlich blieb er stehen.
Er legte eine Hand ans Ohr und lauschte. Eben war es noch still im Wald und nun hörte er Stimmen. Das passte ihm gar nicht.
Kunibert nahm sein Seil, das er stets bei sich trug, schwang es wie ein Lasso auf den untersten Ast einer hohen Eiche und kletterte
den Baum hinauf. Nun stieg er weiter von Ast zu Ast, kletterte immer höher, bis er genau sehen konnte, wer da am frühen Morgen
in seinem Wald schwatzte.

„Da kommen diese Pfeffermännchen“, brummte er, „eines hat eine Taucherbrille auf der Stirn. Die wollen zum kleinen See,
zu meinem See", sprach er so vor sich hin. „Nun, diesen Spaß will ich ihnen heute und für immer verderben, die werden
ihr blaues Wunder erleben.“ Er kletterte den Baum hinunter, löste das Seil vom Ast, rollte es auf und band es an seinen Hosengürtel.
Voll Zorn raste er zu seinem Baumhaus und kramte in seiner Räuberkiste. Bald fand er, was er suchte. Er steckte ein Paket unter den Arm
und eilte mit großen Schritten zum kleinen See. Die Pfeffermännchen waren noch nicht angekommen, aber ihr Lachen konnte er schon hören.
Er lief am Seeufer entlang und streute das blaue Pulver, das er aus der Räuberkiste geholt hatte, ins Wasser.
Dann stieg er auf einen Baum, um die Pfeffermännchen zu beobachten. Der Räuber Kunibert war ein Meister im Bäume klettern.
Aber ein Räuber, der in einem Baumhaus wohnte, musste das auch gut können.

Die Pfeffermännchen waren angekommen und zogen ihre Badehosen an. „Wollen wir alle zusammen hineinspringen?" fragte Grünter.

„Natürlich“, jauchzte Azuro“, „das wird eine herrliche Spritzerei geben!" Sie stellten sich in einer Reihe an den Rand des Sees.

„Ich zähle", sagte Roto und begann: "Eins, zwei, drei, alle hinein!“ Sie sprangen in das kühle Wasser, gingen unter und tauchten wieder auf.

„Wie seht ihr denn aus", rief Gelbert, „ihr seid ja alle blau im Gesicht, am Bauch und an den Armen."

Roto lachte laut: „Gelbert, schau dich mal an, du bist durch und durch blau“. Gelbert betrachtete seine Arme. „Tatsächlich, alles ist blau,
sogar der kleine Finger“, sagte er und streckte den kleinen Finger in die Luft.

„Juhu“, rief Grünter, „heute sind wir alle blaue Pfeffermännchen!" Sie spritzten und planschten begeistert im blauen Wasser herum.
Das hatten sie noch nie erlebt.

Der Räuber Kunibert auf dem Baum hätte niemals geglaubt, dass die Pfeffermännchen sich über das blaue Wasser freuen würden.
Er zischte: „Den Pfeffermännchen wird das Lachen noch vergehen.“ Er stieg schnell vom Baum. Mit großen Schritten entfernte er sich vom See und verschwand im Wald.

Nach einer Weile kletterten die Pfeffermännchen aus dem Wasser und nun sahen sie die Bescherung. Nicht nur, dass sie überall blau waren,
nein, auch ihre Badehosen sahen anders aus.
Roto rief: „Das blaue Wasser hat meine rote Badehose lila gefärbt.“

„Meine blaue Badehose ist dunkelblau geworden“, stellte Azuro fest.

Gelbert vermisste seine gelbe Badehose und rief: „meine hat das blaue Wasser grün gefärbt, und Grünters grüne Badehose schimmert türkis.“

„Das ist ein seltsamer blauer See, lasst uns schnell nach Hause gehen", riet Roto.

Azuro meinte: „Wir müssen uns dringend entfärben.“

„Abtrocknen dürfen wir uns nicht, sonst werden die Handtücher blau!“ jammerte Gelbert." Sie schüttelten die Wassertropfen ab
und hüpften einmal um den kleinen See. Danach waren sie fast trocken. Sie nahmen ihre Kleider vorsichtig zwischen die Finger,
schnappten den Rucksack und machten sich auf den Heimweg.

*
Das blaue Wunder

2. Was der Räuber erlebt

Räuber Kunibert gelangte zu seinem Baumhaus. "Kunigunde", rief er, „hol mir die Tannenzapfen!“ Die Räuberfrau trat verschlafen auf den kleinen Balkon vor dem Baumhaus und rekelte und streckte sich. Sie gähnte laut und fragte: „Hast du die Brötchen mitgebracht?“ „Quatsch, ich habe keine Zeit an Brötchen zu denken, Tannenzapfen brauche ich, aber schnell!" befahl er. Kunigunde holte aus dem Baumhaus den Sack mit den Tannenzapfen und warf ihn hinunter. Der Sack knallte auf Kuniberts linken Fuß und er schrie laut auf: „Jetzt tut mein Fuß weh.“ Er hob sein linkes Bein hoch und tänzelte auf dem rechten hin und her.

„Verschwinde, verschone mich mit deinem Jammern“, sagte Kunigunde. „Vergiss die Brötchen nicht!" Sie reckte und streckte sich noch einmal und verzog sich gähnend ins Baumhaus.

Räuber Kunibert lud den Sack auf den Rücken und stapfte in Richtung See zurück. Mit der Zeit wurde der Sack mit den Tannenzapfen immer schwerer. Er nahm ihn vom Rücken und schleifte ihn den letzten Rest des Weges hinter sich her. Kunibert schwitzte sehr und hätte sich gerne eine Weile ausgeruht. Doch dann dachte er daran, dass er bald mit den Tannenzapfen die Pfeffermännchen aus dem See vertreiben würde. Er kniff den Mund zusammen und schleppte sich weiter. Endlich stand er auf dem Hügel, oberhalb des kleinen Sees. Der Räuber holte seine Tannenzapfenschleuder aus der Hosentasche. Schon schoss er die ersten Tannenzapfen ab, und hörte sie im Wasser aufklatschen. Aber kein Pfeffermännchen schrie auf, seltsam, dass alles so still blieb! Kunibert schob sich an den Rand des Hügels und schaute in den See hinunter.

„Das ist doch die Höhe“, schrie er und stampfte mit seinen Turnschuhen auf den Boden. „Ich könnte vor Wut in der Luft zerplatzen!“ Aber er platzte nicht, er ließ sich ins Gras plumpsen. Am liebsten hätte er geheult. Die Pfeffermännchen waren entwischt. Er runzelte die Stirn und überlegte angestrengt, wie er die Pfeffermännchen daran hintern konnte, nicht ständig durch den Wald zu spazieren. Sonst entdeckten sie noch sein Baumhaus. Doch ihm fiel nichts ein. Er würde Kunigunde fragen, vielleicht hatte sie eine gute Idee. Kunibert stand auf und stieß dabei den Sack mit den Tannenzapfen um. Sein Bauch begann zu kribbeln. Das passierte stets, wenn er wütend wurde. Er hob den Sack hoch und schleuderte ihn mit letzter Kraft in den Wald hinein. Der Sack prallte an einen Baum und platzte auf. Freudig stürzten sich die Eichhörnchen auf die Zapfen. Kunibert aber trottete müde nach Hause. „Kunigunde, lass mir die Strickleiter herunter, ich will hinauf ins Haus klettern", rief er. Die Strickleiter brauchte er nur, wenn er sehr müde war. Sonst nahm er sein Seil oder kletterte einfach den Baumstamm hinauf.

Oben im Baumhaus blieb alles ruhig, Kunibert stöhnte: „Auch das noch, warum ist Kunigunde nicht zu Hause?“ Sein Schnurrbart zitterte leicht. Wenn die Sonne darauf schien, glänzte der wie reines Gold. Jeden Morgen wickelte er die Schnurbartenden um einen Finger und zwirbelte sie nach oben. Kein Räuber weit und breit hatte so einen schönen Schnurrbart. Doch jetzt freute er sich nicht darüber. Gerne hätte er sich frisches Wasser aus dem Brunnen unter dem Baumhaus hochgekurbelt. Aber der Zorn auf die Pfeffermännchen und der schwere Sack mit den Tannenzapfen hatten ihn kraftlos gemacht. Er setzte sich auf den Boden, zog seine Turnschuhe aus und lehnte sich an den Baum. Dann schob er die Mütze ins Gesicht, verschränkte die Arme über dem Bauch, und schlief ein.

Bald darauf kam Kunigunde zurück. Sie trug in jeder Hand einen Eimer voll mit Wasser, keuchte und schwitzte sehr. Ihr schwarzes Haarnetz war verrutscht und hing ihr ins Gesicht. Als sie den schlafenden Räuber sah, stellte sie die Eimer mit einem Ruck auf den Boden. Einige Spritzer trafen Kunibert im Gesicht, er jedoch zitterte nur kurz mit dem Schnurrbart und schnarchte weiter. Kunigunde wusste, wie sie ihren Räubermann am schnellsten wach bekam. Sie brach einen Tannenzweig ab und kitzelte damit Kuniberts nackte Füße. Mit einem Schrei sprang er auf.

„Vermaledeites Kanonenrohr, du plagst meine armen Füße", schimpfte er.

"Hast du die Brötchen?" fragte Kunigunde und überhörte sein Klagen.

Kunibert rief: „Denkst du nur an die Brötchen? Die Pfeffermännchen sind wichtiger und die sind mir entwischt, ich armer, armer Räuber!“ Kunigunde setzte sich neben den Räuber auf den warmen Waldboden. Sie wollte alles von den Pfeffermännchen wissen und Kunibert berichtete, wie er unterwegs zum Brötchen stehlen war und dabei die Pfeffermännchen im Wald entdeckte hatte, wie er ihnen zuerst mit dem blauen Wasser und dann mit den Tannenzapfen einen Denkzettel verpassen wollte und dass nichts geklappt hatte. Kunigunde war längst aufgestanden. Sie stemmte die Arme in die Seite und blickte den Räuber grimmig an. „Du also hast unseren kleinen See blau gemacht.“

„Ja, aber die Pfeffermännchen freuten sich trotzdem, es hat nichts genutzt“, sagte der Räuber. Kunigunde schimpfte: „Du bist ein riesengroßer Rops Dops, das Wasser in unserem Brunnen kommt aus dem kleinen See und nun ist es blau. Ich mag aber keinen blauen Kaffee, keine blaue Suppe, keinen blauen Tee und ich will mich auch nicht mit blauem Wasser waschen! Darum musste ich aus dem Bach im Wald sauberes Wasser herschleppen, aber von nun an machst du diese Arbeit.“

Der Räuber versprach: „Ich streue nie mehr blaues Pulver ins Wasser, aber nenn mich nicht riesengroßer Rops Dops, das kann ich nicht leiden.“ Doch Kunigunde war so wütend über ihren Räuber. Sie nahm den Eimer, der neben ihr stand und goss einen Schwall Wasser über Kunibert.

„So, jetzt klettere fix ins Baumhaus und lass mir die Strickleiter herunter", befahl sie. Kunibert schüttelte sich und wischte das Wasser aus dem Gesicht. Der schöne Schnurrbart hing herunter und tropfte. Der Räuber sah wie ein kleines, trauriges Walross aus. Aber das Wasser hatte ihn erfrischt und er kletterte den Baum hinauf, warf die Strickleiter runter und half Kunigunde beim Hochklettern.

„Du hast heute schon genug Dummheiten gemacht", sagte sie. „Ausnahmsweise werde ich die Brötchen kaufen. Du kochst Kaffee und wenn wir gefrühstückt haben, reden wir über die Pfeffermännchen.“ Sie legte sich das Haarnetz wieder ordentlich um den Kopf, holte aus der Truhe Geld für die Brötchen und kletterte die Strickleiter hinunter.

„Aber dass du mir das saubere Wasser zum Kaffeekochen nimmst“, rief sie ihm noch zu. Dann eilte sie zur Bäckerei. Kunibert zog die Strickleiter hinauf ins Baumhaus, niemand sonst durfte in ihre Wohnung gelangen. Nach dem Frühstück legten sich die beiden in ihre Hängematten. Sie redeten lange über die Pfeffermännchen. Noch ehe Kunigunde und Kunibert wussten, wie sie die Pfeffermännchen ärgern könnten, waren die Räuber fest eingeschlafen.

*
Währen die Räuber tief und fest in ihrem Baumhaus schliefen, stellten sich die Pfeffermännchen zu Hause unter die Dusche. Mit einer Bürste und viel Seife schrubbten sie sich sauber. An den Armen und Beinen ging das gut, aber auf dem Bauch und im Gesicht kitzelte die Bürste sehr und sie kicherten und lachten dabei. Danach wusch jedes Pfeffermännchen seine Badehose. Sie rieben und schrubbten, kneteten und spülten beinahe eine Stunde, bis jede Badehose wieder die richtige Farbe hatte. Danach hängten sie ihre Badehosen auf die Leine.
Azuro meinte: „Das Plantschen im kleinen See hat mir Spaß gemacht.“

„Mir auch“, antwortete Gelbert. „Schade, dass er uns blau färbt.“

„Eines weiß ich,“ meldete sich Grünter, „wenn jemand den See gefärbt hat, wird er bestraft.“

Roto sagte: „Morgen werden wir Bauer Merten von diesem blauen See erzählen. Jetzt backen wir Waffeln und genießen unseren freien Tag.“

Und das taten sie. Die Pfeffermännchen stellten die Liegestühle im Garten auf und legten sich gemütlich hinein, erzählten sich Geschichten, aßen ihre Waffeln, bis es Zeit war, den Sonnenuntergang zu beobachten.

Ende

*** *** *** ***

Monika Rieger

Wer die Pfeffermännchen in der LL kennen lernen möchte:

Hier sind die Titel, man kann sie einzeln aufrufen

Gute Nacht, Gelbert kommt. Der Räuber Kunibert. Der vierte Mann

Der Schreck am Nachmittag, Der Fremde im Garten, Willibald im Wald

Großer Freund, Ein schlimmer Tag, Als Azuro einmal nicht einschlafen konnte

Das neue Haarnetz, Kuniberts letzter Einbruch, Kunibert und Richter Klagewetter

Die Strafarbeit, Nächtlicher Besuch
 
Zuletzt bearbeitet:

molly

Mitglied
Die Pfeffermännchen, das sind Fortsetzungsgeschichten. Natürlich wird der Bösewicht einmal für seine Untaten (Wasserfärben und mehr ...) bestraft. Doch bisher weiß nicht einmal der Wachtmeister Stutzhuber, wo sich Kunibert versteckt.
 

Ji Rina

Mitglied
Liebe molly,

Eine süsse, sehr akkurat geschriebene Geschichte. Besonders der erste Teil hat mir gut gefallen. Aber auch der zweite, mit all den kleinen Einzelheiten (Kuniberts Hängeleiter, sein Schnurbart und all die Details, die Du so gut einbaust).

Es gibt nichts schöneres, als die Augen eines Kindes, während man ihnen so etwas vorliest ;)

Liebe Grüsse,

Ji
 

molly

Mitglied
Liebe Ji,

Herzlichen Dank fürs Lesen und den Sternenreigen. Es ist wunderbar,ein Echo zu erhalten.

Viele Grüße

molly
 

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