Das chinesische Zimmer

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das Hotel ist ziemlich ausgebucht,
in dem Ferdinand ein Zimmer sucht.
Doch ein Gast, so sagt man, ginge fort,
und so würde frei ein schöner Ort.

Ferdinand macht es also wie immer
und bezieht im ersten Stock sein Zimmer.
In der Türe sieht er einen Schlitz,
daraus fallen Zettel wie der Blitz.

Und im Zimmer sieht er einen Haufen
jener Zettel und beginnt zu schnaufen.
Er kann nicht hinaus durch seine Tür,
denn der Haufen ist zu groß dafür.

Kantonesisch aber sind die Lettern
sorgsam aufgeschrieben auf den Blättern.
Und er sagt: Es ist ein wahrer Fluch,
vielleicht finde ich ein Wörterbuch.


Was er findet, sind nur Instruktionen.
Er beginnt gleich, ohne sich zu schonen,
die Befehle einzeln auszuführen,
und schiebt das Ergebnis durch die Türen.

Vor der Türe stehen Professoren,
kratzen sich geschickt hinter den Ohren.
Und der erste sagt: Ganz unbeschränkt
steht jetzt fest, dass dieses Zimmer denkt.
 

Mondnein

Mitglied
Ja, ergiebig, dieses Motiv, lieber Bernd.

In Deinem Gedicht kommt gut raus, warum das "Chinesische Zimmer" als Denkfigur dafür dient, daß datenverarbeitende Systeme noch nicht Bewußtsein zeigen. Zunächst nicht jedem einleuchtend ist, daß ausgerechnet so etwas wie eine Übersetzung aus dem Chinesischen ein Beispiel dafür sein soll, als ob Übersetzen nicht in besonderem Maße das aktive Denken eines bewußten Weltenwanderers voraussetzte.

Der springende Punkt (scheint mir) ist, daß die "Übersetzung" im Beispiel des Chinesischen Zimmers eine reine Befolgung einer Gebrauchsanweisung ist, die ein Verstehen der Inhalte nicht voraussetzt.

Das heißt: Nur Imperative werden umgesetzt. Keine Aussagen verstanden, keine Fragen in die Inhalte getrieben. Keine reflektierende Distanzierung, um das Ganze in den Blick zu nehmen. Nur eine Befehlskette, die den Entscheidungs-Baum von Verzweigung zu Verzweigung abläuft.

Allerdings habe ich bisher noch keine gute sprachwissenschaftliche Definition von "Imperativ" gefunden. "Aussagesätze" sind seit Aristoteles definiert, nämlich als Prädikationen, die ein Subjekt bestimmen (bzw. dem Subjekt etwas zuschreiben). Alle Satzglieder werden vom Prädikat aus erfragt, die Kasûs bzw. Präpositionalen Fügungen antworten auf diese Fragen (wer, was, wem, wie). Das Prädikat in sich beantwortet auch Fragen, die von ihm aus den Inhalt ausloten, das sind in indoeuropäischen Sprachen die Tempora, Personen, Numeri und Modi. Die Dimensionen, die von einem Prädikat aus ausgelotet werden, nennt man analog zur Chemie "Valenzen" des dem Prädikat immanenten Verbs. Es ist etwa zwei- oder dreiwertig.

Nur "Imperative" sind in diesem System nicht definiert, es sei denn, die (geforderte) Handlung wäre Antwort auf die Frage, die durch den Imperativ gestellt wird bzw. Sättigung der entsprechenden Valenz des Verbs.

grusz, hansz
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Vielleicht kommt hier, im speziellen Kontext, das deutsche Wort "Befehlsform" zum Tragen.

Ferdinand führt lediglich Befehle (wie im Computer) aus, ohne sie zu verstehen. Im gegebenen Kontext ist auch "Anweisungen" synonym.

Interessant wären, wie hoch die Fehlerabhängigkeit ist und was passieren würde, wenn er sich nicht auf das Spiel einlässt und absichtlich Fehler macht, aber doch ein scheinbar richtiges Ergebnis erscheint. Oder wenn der Algorithmus selbst nicht zielführend ist, was ja bei Computerprogrammierung oft vorkommt.
 

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