Nacht. Nasse Wände. Dreckige Straße. Licht der Laternen am Straßenrand. Es regnet. Marie ist froh, als sie endlich das Haus ihres Vaters erreicht. Ein mehrstöckiges Wohnhaus. Hoffentlich geht es ihm gut. Sie stürmt die Treppen hoch. Sie bereut es, ihn erst jetzt zu besuchen. Seit er kein Geld mehr schickt. Ihr Vater lebt allein, geschieden. Er ist krank, leidet am unheilbaren Delfin-Syndrom. Er hört Stimmen, Gekicher in seinem Kopf.
Wohnung 669. Eine Tür und eine Fußmatte. Die Tür ist verschlossen, auf der Matte liegen Zeitungen der letzten drei Tage. Marie sucht ihren Schlüssel, greift in ihre Handtasche, durchwühlt Verpackungen und Müll, packt den Schlüssel, zieht ihn heraus, lässt ihn fallen. An ihm hängt ein Delfinanhänger. Den Anhänger hat sie von ihrem Vater. Sie hat ihn bekommen, damals am Scheidungstag. Warum ein Delfin? Weil ihre Mutter wie einer kichert? Weil sie ein bisschen so aussieht wie einer? Nach der Scheidung verschwand sie. Marie, den Namen hat sie von ihrer Mutter.
Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, reißt die Tür auf. Die Lampen sind aus, die Luft ist stickig, riecht nach abgestandenem Fisch. Nach abgerissenen Schuppen und verfaultem Fleisch. Sie schaltet das Licht an. Eine schwache Beleuchtung. Ihr Vater liegt in der Ecke, sein Rücken ist krumm, seine Beine sind ausgestreckt, seine Augen halb offen. In seiner Hand eine Flasche, die Flasche ist leer, ‚Salzwasser‘ steht drauf, in der Handschrift ihres Papas. Marie stürzt zu ihrem Vater, legt ihm beide Hände auf die Wangen. Falten überall, die Haut ist sehr trocken, doch aus seinen Augen treten Tränen, sie sind glitschig.
„Papa, Papa!“, brüllt sie ihn an, will, dass er aufwacht, drückt seinen Körper flach auf den Boden, presst ihre Hände auf seinen Brustkorb, beginnt im schnellen Rhythmus zu stoßen. Es ekelt sie, das Gefühl zerbrechender Knochen. Der Mund ihres Vaters steht offen, die Rippen knacken, Wasser spritzt aus seinem Rachen, er hustet, kommt zurück ins Leben. Er reißt die Augen auf, in ihnen liegt Angst, er schreit: „Marie?“
Er starrt sie an, weiß, dass sie da ist, spürt ihre warmen Hände auf seiner Brust. Anwesenheit. Niemand sonst würde ihn retten. Ihn mit seiner Krankheit.
„Papa!“ Sie atmet auf. Er verliert wieder das Bewusstsein. Sie ruft einen Krankenwagen.
Zwanzig Minuten später.
Ein Raum und eine Liege. Auf der Liege ein Kranker. Sanitäter tragen ihren Vater nach draußen. Sie bleibt. Dann:
Der Rettungswagen fährt weg. Das Heulen der Sirenen zieht ihren Vater tiefer in das dunkle Blau der Nacht. Sie schaut sich in der Wohnung um, packt Sachen für ihren Vater ein: Hemden, Hosen und eine Zahnbürste. Die Bürste ist dreckig, der Dreck ist alt. Ob sie ihre Mutter anrufen soll? Nein.
Marie zieht eine Hose aus dem Schrank ihres Vaters, eine Brosche fällt heraus. Ein Delfin. Wunderschön, schöner als ihr Anhänger. Sie kennt diese Brosche nicht. Hat ihr Vater sie mal getragen? Marie dreht die Brosche in ihrer Hand. Ein Name ist eingraviert. Nina. Noch nie davon gehört. Kennt ihr Vater eine Nina? Marie legt sie wieder zurück in den Schrank. Sie nimmt Tüten voll mit Kleidung und geht. Hält inne. Dreht sich dann um, und packt die Brosche doch ein.
Sie macht sich auf den Weg ins Krankenhaus.
Mitten in der Nacht, sie ist müde, die Straßen kaum befahren, denkt an ihren Vater. Sie glaubt, nein, sie weiß, dass alles gut wird.
Gekicher in ihrem Kopf, die Schnauze eines Delfins, sie zuckt zusammen, bremst ruckartig, bleibt stehen. Ihr Atem ist schnell, die Luft ist schlecht, sie schmeckt nach Fisch. Ihre Haut ist nass, Schweiß, denkt sie sich. Sie hält die Luft an, so wie ihr Vater es ihr beim Tauchen beigebracht hat. Zählt. 21, 22, 23. Taucht wieder auf. Atmet aus, atmet ein. atmet aus.
Eine Ampel. Ihr Auto steht, die Ampel ist rot. Fährt eh keiner. Sie beschleunigt.
Den LKW sieht sie nicht kommen. Er schlägt in sie ein, schleudert ihr Auto durch die Luft.
Wieder Gekicher, die Schnauze eines Delfins.
Der Wagen landet in einem Geschäft, sie fliegt durch die Scheibe. Das Glas zerbrochen, ihr Kopf voller Scherben, Blut tropft auf den Boden.
Sie aber weiß nicht, was geschieht. Schwimmt zusammen mit ihrem Vater in einer Bucht mit Delfinen.
Wohnung 669. Eine Tür und eine Fußmatte. Die Tür ist verschlossen, auf der Matte liegen Zeitungen der letzten drei Tage. Marie sucht ihren Schlüssel, greift in ihre Handtasche, durchwühlt Verpackungen und Müll, packt den Schlüssel, zieht ihn heraus, lässt ihn fallen. An ihm hängt ein Delfinanhänger. Den Anhänger hat sie von ihrem Vater. Sie hat ihn bekommen, damals am Scheidungstag. Warum ein Delfin? Weil ihre Mutter wie einer kichert? Weil sie ein bisschen so aussieht wie einer? Nach der Scheidung verschwand sie. Marie, den Namen hat sie von ihrer Mutter.
Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, reißt die Tür auf. Die Lampen sind aus, die Luft ist stickig, riecht nach abgestandenem Fisch. Nach abgerissenen Schuppen und verfaultem Fleisch. Sie schaltet das Licht an. Eine schwache Beleuchtung. Ihr Vater liegt in der Ecke, sein Rücken ist krumm, seine Beine sind ausgestreckt, seine Augen halb offen. In seiner Hand eine Flasche, die Flasche ist leer, ‚Salzwasser‘ steht drauf, in der Handschrift ihres Papas. Marie stürzt zu ihrem Vater, legt ihm beide Hände auf die Wangen. Falten überall, die Haut ist sehr trocken, doch aus seinen Augen treten Tränen, sie sind glitschig.
„Papa, Papa!“, brüllt sie ihn an, will, dass er aufwacht, drückt seinen Körper flach auf den Boden, presst ihre Hände auf seinen Brustkorb, beginnt im schnellen Rhythmus zu stoßen. Es ekelt sie, das Gefühl zerbrechender Knochen. Der Mund ihres Vaters steht offen, die Rippen knacken, Wasser spritzt aus seinem Rachen, er hustet, kommt zurück ins Leben. Er reißt die Augen auf, in ihnen liegt Angst, er schreit: „Marie?“
Er starrt sie an, weiß, dass sie da ist, spürt ihre warmen Hände auf seiner Brust. Anwesenheit. Niemand sonst würde ihn retten. Ihn mit seiner Krankheit.
„Papa!“ Sie atmet auf. Er verliert wieder das Bewusstsein. Sie ruft einen Krankenwagen.
Zwanzig Minuten später.
Ein Raum und eine Liege. Auf der Liege ein Kranker. Sanitäter tragen ihren Vater nach draußen. Sie bleibt. Dann:
Der Rettungswagen fährt weg. Das Heulen der Sirenen zieht ihren Vater tiefer in das dunkle Blau der Nacht. Sie schaut sich in der Wohnung um, packt Sachen für ihren Vater ein: Hemden, Hosen und eine Zahnbürste. Die Bürste ist dreckig, der Dreck ist alt. Ob sie ihre Mutter anrufen soll? Nein.
Marie zieht eine Hose aus dem Schrank ihres Vaters, eine Brosche fällt heraus. Ein Delfin. Wunderschön, schöner als ihr Anhänger. Sie kennt diese Brosche nicht. Hat ihr Vater sie mal getragen? Marie dreht die Brosche in ihrer Hand. Ein Name ist eingraviert. Nina. Noch nie davon gehört. Kennt ihr Vater eine Nina? Marie legt sie wieder zurück in den Schrank. Sie nimmt Tüten voll mit Kleidung und geht. Hält inne. Dreht sich dann um, und packt die Brosche doch ein.
Sie macht sich auf den Weg ins Krankenhaus.
Mitten in der Nacht, sie ist müde, die Straßen kaum befahren, denkt an ihren Vater. Sie glaubt, nein, sie weiß, dass alles gut wird.
Gekicher in ihrem Kopf, die Schnauze eines Delfins, sie zuckt zusammen, bremst ruckartig, bleibt stehen. Ihr Atem ist schnell, die Luft ist schlecht, sie schmeckt nach Fisch. Ihre Haut ist nass, Schweiß, denkt sie sich. Sie hält die Luft an, so wie ihr Vater es ihr beim Tauchen beigebracht hat. Zählt. 21, 22, 23. Taucht wieder auf. Atmet aus, atmet ein. atmet aus.
Eine Ampel. Ihr Auto steht, die Ampel ist rot. Fährt eh keiner. Sie beschleunigt.
Den LKW sieht sie nicht kommen. Er schlägt in sie ein, schleudert ihr Auto durch die Luft.
Wieder Gekicher, die Schnauze eines Delfins.
Der Wagen landet in einem Geschäft, sie fliegt durch die Scheibe. Das Glas zerbrochen, ihr Kopf voller Scherben, Blut tropft auf den Boden.
Sie aber weiß nicht, was geschieht. Schwimmt zusammen mit ihrem Vater in einer Bucht mit Delfinen.