Das Dichterklavier

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Marcus Soike

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Die Schreibmaschine grinste den Dichter an wie das Maul eines Hammerhais, der seine dritten Zähne präsentieren will. Der Dichter war Flachfressen gewohnt. Laptops.

"Und dein Maulgeruch!", krächzte er, tippte es aber nicht.

Sein Laptop war kaputt und wartete auf eine professionelle Datenrettung. Seine drei älteren Laptops: Dito. Seine gesamten Kurzgeschichten waren in ihrem Bestand gefährdet - oder prosaischer: Einige Verbindungen von 0 und 1 fielen weg.

Im Sixpack, folienverpackt, standen die Bierflaschen dicht an dicht. Zündkerzen warteten auf den Funken, eine Wodkaflasche spuckte "Gorbatschow" als freie Assoziation aus, ein paar Pfläumchen warteten auf Pflückung.

Er wollte sich besaufen. Nach dem Verlust seines Laptops. Storys seiner Jugendzeit - sollten sie nun für immer verloren sein?

Mit dem Bleistift zu schreiben: Hoher Coolnessfaktor.

Mit der Kaligraphi-Feder: romantisch.

Mit dem Kugelschreiber: zumindest zweckmäßig.

Mit der Schreibmaschine: Sehr große Angriffsfläche, auf die man einhämmern kann.

Der Hammerhai blitzte obszön mit seinen Zähnchen. Dass nur die Finger nicht in das Maul geraten, nicht die Hand, nicht der Dichter an sich! War es nicht genug, sturzbetrunken durch die Gegend zu wanken, musste man auch in dieses Ungeheuer stürzen? In einen Computer-Drucker zu fallen, war ein Gnadentod, weil man sofort von einem Stromschlag getötet wurde. Bei der Schreibmaschine hatte man es mit Zähnen, Hämmern, rauen Kanten, ja einer Walze zu tun.

Plötzlich hatte er ein Papierblatt in der Hand, auf dem gedruckt, gehämmert stand: "Ich bin ein Auslaufmodell, wie du; Wir müssten wunderbar miteinander können;"

Hatte er auch etwas getippt? Schwer zu sagen, aber er hatte jetzt dieses Blatt mit dem Sprüchlein in der Hand.

Der Dichter wusste, dass die Punkt-Taste der Maschine kaputt war, darum wohl das Semikolon. Diese Maschine musste also diesen Einwurf gedruckt haben. Aber er hatte ihn nicht getippt!

Statt zu tippen, hatte er Pappen gelutscht. Das konnte er beschwören. Wieviele allerdings - nicht mehr. Hätte er Koks genommen, hätte seine Nase ein eigenes Gedächtnisprotokoll aufgebaut. Die LSD-getränkte Pappe... jetzt musste er sich nichts mehr aus den Fingern saugen.

Der Dichter spannte ein neues Blatt in die Maschine ein. Er wartete kurz - nichts geschah. Dann konnte er nicht umhin, folgendes zu tippen: "Ich bin so suffgetränkt, wie du ölgetränkt bist;"

Innerhalb einer Sekunde, mit einer hohen Geschwindigkeit der Anschläge, tippte die Maschine von Zauberhand: "Kleine Schläge erhöhen das Denkvermögen, oder? Bei dir könnte es länger dauern, ich mach mir da schon Druck;"

"Wer bist du?", tippte der Dichter.

"So dicht wie du bist, kannst du dir eine beliebige Antwort aussuchen;"

Die Maschine duftete nach Öl und Tannenwald, nach angekokeltem Gummi. Das Tastenfeld schien Spalier zu stehen - aber nicht auf dem flachen Sumpfniveau eines Flachmaten-Automaten, sondern wie auf den Rängen eines altgriechischen Theaters.

Der Dichter brauchte einen Saufkumpan... eben wurde ihm bewusst, dass er sich keinen aus den Fingern zu saugen brauchte. Seine Finger waren nun anderweitig beschäftigt...

Und wenn sein Saufkumpan halt nur Nähmaschinenöl soff...

Die Maschine sagte: "Setze Zeichen auf meine Walze, die den Weg ebnet;"

Der Dichter fand diesen Einfall wunderschön, gut, es war nicht seiner, aber er schrieb als Antwort: "Du beschreibst begrenzte Schriftrollen, bist aber selbst endlose Schriftrolle;"

Die Antwort kam: "Wenn diese Schriftrolle endlos ist, schnapp dir irgendwo ein Eselsohr;"

Der Dichter: "Ich freue mich über die Masse an Papier, die du endlos auswirfst - ist wie ein endloses Daumenkino;"

"Ich habe verölte Nasenhaare auf den Zähnen;", kam es von der Maschine.

-"Mein Stift ist ein zweischneidiges Schwert;", versetzte der Dichter.

-"Meine Tinte ist frisch aus dem edelsten Tiefsee-Tintenfisch gepresst;"

-"Mein Tipp-Ex kommt von erlesenen Nerd-Eiterbeulen;"

-"Das A im Klammeraffen kriegt einen Ständer;"

So ging es hin und her, Call and Response, man ergänzte sich. Ein Typoskript entstand und entzog so etwas wie einer "Schreibhemmung" jede Grundlage.

Hierzu fiel der Maschine ein: "Tastenhemmung und Schreibhemmung bedingen sich;"

Ein feuchtfröhlicher Abend nahm seinen Lauf. Feucht, weil es floss; fröhlich, denn es floss. Auf allen Rängen der wildgewordenen Tastentreppe tanzten die Buchstaben, sie sangen die klackernde Melodie mit, waren selbst die Melodie, die sich aus dem klackernden Chaos löste und einen Zusammenhang bekam. Dichter und Maschine im Palaver. Zwischendurch immer wieder die Leertaste: Die Pause ist das Wichtigste in der Musik... Die Melodie einer neuen Kurzgeschichte wurde druckreif, lesbar, beim lauten Vorlesen auch hörbar.

Eine Nacht, so dicht gefüllt, dass dem folgenden Tag nur Kater, Depression, Lethargie blieben - breitgewalzt wie der Text, der hier entstand. Es ging dem Dichter um den hämmernd eingestanzten Augenblick, es ging um den nächsten Taktschlag, die nächste Pause als Tippex-Klecks, um den nächsten Zeilensprung oder Vers, den musikalisch eingetrommelten Satz.

Die Schreibmaschine trainierte die Finger, auf dass sie in Zukunft besser die Oberfläche abkratzen konnten. Das Getrommel der Finger war Kontrapunkt zu dem Getrommel der Hämmerchen. Das Trommelfeuer formte Worte, Laute, Klänge, Sätze, lyrischen Rhythmus, prosaischen Fluss. Seine Stories, deren Code auf den Laptops nur anonymes Klick-Klick war, rekonstruierte der Dichter nun wie eine bekannt gebliebene Melodie auf dem Dichterklavier.

"Ein jeder Anschlag meiner Maschine ist ein Anschlag auf Computer", postulierte der Dichter, tippte es, schwarz auf weiss.

Ab jetzt: Was er sagte, was er tippte, was ihm durch den Rausch eingehämmert wurde, was seine imaginäre Tippse meckerte: Es war alles eins.

"Statt der Wahl zwischen 0 und 1 will ich die ganze Klaviatur!", tippte er, toppte so sein Getippse von eben.

Stakkatomäßig klatschten seine Finger auf... ein trippelnder Tausendfüßler tappste in seinem Gehirn herum.

In seinem Kopf legte sich ein Schalter um (Die Semikolon-Taste?), öffneten sich Fenster, wurden Ordner verschoben und mit namhaften Eigenschaften versehen; bekam Text Format, ohne formatiert zu werden; griff die Suchmaschine auf den Brockhaus von 1969 zurück; umtanzten sich die Binärzahlen so lange, bis sie noch die fünfte Dimension erschufen; wurde auf das Gepostete eine Briefmarke (Air Post) geklebt...

Der Dichter hatte die Story heruntergeschrieben und war bedient... wo seinen Erguss nun speichern?

In seinem Kopf in den Wolken - nicht in der Cloud. Unter feste Schädeldecken - nicht auf Festplatten. Auf Papier - nicht im Drucker verendend, abstürzend. Schwarz auf Weiss - nicht auf dem billigsten Monitor. In einem Gedankengebäude aus Granit - nicht in einem Brett vorm Kopf.

Dichterklavier statt Kinderkeyboard.

Der Dichter tippte: "Das ist ein guter Tipp;"

;)
 

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