Das Englische Frühstück

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Hagen

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Das Englische Frühstück


Es ist mein Job als erfahrener Rentner täglich das Frühstück zu machen, und das mache ich auch gerne. Jeden Morgen etwas anderes, jeden Morgen wird das Frühstück vom Vortag ein kleines Bisschen getoppt; - ich versuche es jedenfalls, und manchmal gelingt es mir sogar. Dann kann ich meiner Herzensdame, die liebe, goldene, wunderbare Ulrike, wachküssen und sie an den gedeckten Frühstückstisch bitten.

Herrlich.

Ich bin auch schon vor dem Frühstück losgeradelt um frische Croissants und Baguette für ein französisches Frühstück zu holen, aber ein typisch französisches Frühstück fällt in der Regel nicht allzu opulent aus und wird auch mit Milchkaffee kredenzt.

Igitt! – die wunderbare Ulrike und ich brauchen nach durchliebter Nacht erst mal einen anständigen Kaffee, mindestens einen Pott!

Sowohl Mittag-, als auch Abendessen werden in Frankreich als mehrgängige Menüs serviert und, da Kochen von der wunderbaren Ulrike, mir und den Franzosen als Kunst gesehen wird, bereiten wir das Mahl mit sehr viel Mühe und Liebe zu.

Auch wenn es mir manchmal mit dem Kochen noch nicht so recht gelingt, weiß die liebe Ulrike das zu schätzen, denn mittlerweile kriege ich auch ein ‚British Breakfast‘, für das man laut der längst vergessenen, aber von mir gerne gesehenen Forsyte-Saga, mindestens drei Personen Personal brauchte, ganz alleine hin. Das dauert allerdings ein Weilchen, wenn es richtig edel werden soll.

Nun ja, während der Speck in der Pfanne brutzelt, die kleinen Würstchen vor sich hin braten, die Spiegeleier langsam fest werden, die Tomaten und Pilze gemächlich die gewünschte Färbung annehmen, der Black Pudding sinnig vor sich hin brät und die Bohnen mit der Brown Sauce die gewünschte Konsistenz annehmen, freue ich mich schon auf die leuchtenden Augen der wunderbaren Ulrike wenn wir frühstücken, Englisch und edel.

Die Zubereitung des Englischen Frühstücks dauert, wie gesagt, natürlich auch ein Weilchen, deshalb gibt’s das auch nur alle zwei bis drei Wochen bei uns, sonntags, wenn Zeit da ist. Leider müssen wir auf Hammel und die sogenannten Kippers, gesalzene Räucherheringe, oder auch ‚Cod‘, Kabeljau, gelegentlich Teil eines englischen Frühstücks, verzichten. Das schaffe ich nicht auch noch und die liebe Ulrike entsagt dem auch gerne, weil ich sie nicht ‘mästen‘ soll.

Den Abschluss des Frühstücks bilden eine weitere Tasse Tee sowie Toast, manchmal auch French Toast, mit gesalzener Butter und Marmelade aus Orangen, Zitronen oder Limetten.

Wunderbar. So richtig schön zum Frühstücken und Wohlfühlen. Trotzdem brachen Erinnerungen in mir auf:

Zu Junggesellenzeiten, als ich noch viel gearbeitet habe, genehmigten meine Kumpels und ich uns alle vier Wochen ein sogenanntes ‚Herrenwochenende‘ in einem Ferienhaus in der Lüneburger Heide. Wir haben richtig edel gekocht, natürlich auch das eine oder andere Fläschlein dabei leer gemacht, Billard gespielt, Chuck Norris-Filme geguckt, naja, was man so macht, unter richtigen Männern, aber immer ‘Britisch gefrühstückt‘, auch mit Hammelbraten und Kippers, wie es sich gehört.

Aus, vorbei die Zeit, kommt nicht mehr wieder, ich habe aber gelernt, wie ‘Mann‘ ein Britisches Frühstück zünftig zubereitet.

Das erzählte ich leichtsinnigerweise meiner Ex, und das Ergebnis war, dass sie auch mal eben ein ‚Britisches Frühstück‘ haben wollte. Sogar mit dem traditionellen, englischen Tee.

Ich ließ mich natürlich nicht lumpen und besorgte die Ingredienzien. War gar nicht so einfach damals, als ich noch mächtig Überstunden gekloppt hatte und es noch das Ding mit den Ladenöffnungszeiten gab. Aber egal, ich schaffte es.

Fairerweise erwähne ich, dass meine Ex absolut nicht ‚dumm‘ war. Sie war Lehrerin und schrieb auch Kolumnen für eine Frauenzeitung. Sie saß jedenfalls meistens zuhause an meinem Macintosh und erkundigte sich wann es was zu essen gibt. Ich war ja nur das ‚blöde Arsch‘, als Fertigungsplaner sozusagen ‚Werktätiger‘ und schrieb nur blöde Geschichten, die kein Mensch lesen wollte. Da konnte man für eine Kolumnistin, Kaffee kochen oder was zu essen machen, das kann ‚Mann‘ schließlich tun, da er mit einer Frau, welcher der ‚Schreibkunst‘ frönt, zusammen ist. Mann muss eben drüber hinwegsehen, dass sie sowas Profanes wie kochen, eben nicht auch noch kann.

Aber das nebenbei, nicht dass jemand ankommt und mich als Macho, Chauvi, Frauenhasser oder sowas bezeichnet, und wenn ich was gegen Frauen schreibe gleich schlecht bewertet, aber es ist halt so.

Gut, als ich am Vorabend des Britischen Frühstücks nach Hause kam, hatte meine Ex alle kleinen Würstchen schon gebraten, natürlich nur halb durch, mit einer Unmenge an Fett – ihre Mutter machte das auch immer so – und nur die Hälfte gegessen. Dann behauptete sie, die wären lecker und ich sollte doch mal eben neue besorgen.

Erwähnte ich das Ding mit den Ladenöffnungszeiten?

Ich schaffte es gerade noch fünf Minuten vor diesen und war von der Arbeit, den Überstunden und den Einkäufen platt. Absolut platt.

Aber die große Kolumnistin nahm mich anschließend im Bett noch mächtig her, der einzige Grund, weswegen ich mit ihr noch zusammen war, und ein Englisches Frühstück breiten wollte.

Das tat ich dann auch, aber sie war etwas vor mir aufgestanden und hatte zwei Beutel Reis für mich zum kochen gebracht und eine große Dose Bohnensuppe ebenfalls geöffnet.

Als ich sie fragte, was das soll, antwortete sie: „Naja, ich muss heute Abend nochmal in die Schule, Konferenz. Anschließend gehe ich mit den Kollegen essen. Deshalb habe ich dir auch schon mal Reis aufgesetzt, du kannst dir dann ja dazu machen, was du willst, brauchst ihn nur wieder aufwärmen.“

„Der Reis reicht für vier Personen, wer soll das denn alles essen? – Hast du auch mal auf die Uhr geguckt? Dieser Reis dauert zwölf Minuten. Wie lange kocht der schon?“

„Das weiß ich doch nicht.“

„Und die Bohnensuppe? Was soll das?“

„Gehört doch zum Englischen Frühstück, Bohnen, wie du sagtest. Ich habe dir schon mal etwas vorbereitet.“

„Aber nicht die große Dose Bohnensuppe! Zum Englischen Frühstück habe ich eine kleine Dose Backed Beans mitgebracht. Das reicht, da ja noch andere Ingredienzien dazu kommen.“

„Ach, du musst doch auch immer was zu meckern haben, wenn ich schon mal was für dich vorbereite …“

Es ging noch ein Weilchen so weiter, ich habe es nicht mehr so genau in Erinnerung, aber die Vorbereitungen zum Englischen Frühstück getroffen.

Sie blieb noch ein Weilchen in der Küche sitzen, gewandet in dem ‚Schlampenlook‘ den ich bei ihr schätzte, so schön mit ‚Bademantel von offen‘, um eine Zigarette zu rauchen.

Lief nunmehr ganz gut, aber als ich begann, die Speckstreifen einzeln zu wenden, riss sie mir den Pfannenwender aus der Hand, schippte alle Speckstreifen zusammen und drehte sie um. „So geht das doch! Macht meine Mutter auch immer so.“

Ich zog die Speckstreifen auseinander, „wenn man das so macht, kommen die Streifen übereinander zu liegen. Manche verbrennen und manche sind nicht ganz durch.“

„Ist doch egal!“

Sie schnappte sich eins der halb durchgebratenen Würstchen aus der Pfanne, warf ihre Zigarettenkippe ins Waschbecken und verschwand. Ich setzte Tee an und machte gnadenlos weiter. Nun mussten die Eier in die Pfanne, die Bohnen durchgerührt mit der Brown Sauce gewürzt und der Back Pudding sowie die Würstchen und Pilze nochmal gewendet werden.

Ich war gerade dabei die Eier aufzuschlagen, als sie wieder reinkam, eins der Würstchen stibitzte und meinte, ich sollte ihr mal eben eine fast leere Parfumflasche mit einer Zange öffnen.

„Jetzt nicht! Mache ich nachher.“

„Kannst du doch mal eben machen.“

„Ich bin gerade in der heißen Phase des Kochens, es wir noch etwa drei Minuten dauern.“

„Ach so. Aber du wirst mir doch mal eben schnell die Parfumflasche öffnen können!“, sie stibitzte noch ein Würstchen aus der Pfanne und ging wieder weg.

Ich briet richtig schöne Spiegeleier, tat sie auf einen Teller, die Speckstreifen, die Würstchen, die Pilze, den Back Pudding und die Bohnen dazu.

Herrgott, der Tee.

Genau nach drei Minuten hatte ich alles komplett, sogar den Tee, wunderbar aromatisch, und das Englische Frühstück, es wird traditionell auf einem Teller serviert, stand noch dampfend auf dem Tisch.

Sie kam nicht.

Ich ging gucken. Weil ich sie gerne im Schlampenlook sah, hatte sie angefangen sich anzuziehen, „soll ich das Blaue oder das Grüne anziehen?“

„Das Rote! – Kommst du jetzt zum Frühstück? Sonst wird alles kalt.“

„Ich komme sofort“, sagte sie, zog mit unheimlichem Zeitaufwand das Gelbe an und schraubte ihren Lippenstift auf, „ich glaube, ich möchte heute doch lieber Kaffee. Koch den doch mal eben, ich komme dann.“

Was half’s?

Eine Frau vom Schminken abhalten ist ein hoffnungsloses Unterfangen, das hatte ich schon gelernt. Bevor eine unendlich lange Diskussion über Kaffee losging, kochte ich welchen, das ging schneller.

„Kommst du denn Frühstücken?“

„Jaha!“

Sie kam wirklich, schüttete den von mir bereits eingeschenkten Kaffee weg, holte sich frischen, aß eines der Würstchen und verschwand wieder mit dem Kaffee, „ich komme gleich.“

Sie kam nicht und ich war soweit, mal wieder alleine zu frühstücken, da kam sie doch: „Du muss mir mal eben was helfen! Das da oben ist auf einmal weg. Mach doch mal eben wieder hin.“

Sie meinte wahrscheinlich die Standardmenüleiste ihres Computers.

„Ja, gleich nach dem Frühstück.“

„Nein jetzt!“

Diskussionen waren sinnlos, es dauerte eine Weile bis ich ihren Computer wieder zum Laufen gebracht hatte, denn es war noch alles Mögliche Anderes weggeklickt oder zugeschaltet.

Während ich am Arbeiten war, ging sie in die Küche und aß die Würstchen. Der Rest wurde kalt.

Als ich fertig war, wollte sie den Speck nicht mehr: „Teilweise verbrannt, teilweise roh! Das ist ja eine Zumutung!“

Was den Black Pudding betraf, da kam: „Kenn ich nicht, mag ich nicht!“, und wieso ich ihr kalte Pilze, Spiegeleier und Bohnen andrehen wollte.

Sie setzte sich wieder an ihren Computer.

„Geht ja wieder! – Mach mir doch mal eben frischen Kaffee.“

Irgendwann platzte mir der Kragen, zumal sie eine Kolumne begonnen hatte, über „Die Unfähigkeit der Männer zu kochen.“

Weil sich derartige Vorfälle häuften, „das musst du nicht so eng sehen, was ist denn schon dabei?“, und sie mich mit einem Kollegen betrog, „ach Mensch, hab‘ dich doch nicht so! Mir war gerade danach und du warst ja mal wieder mal nicht da, musstest ja Überstunden machen …“, trennten wir uns auch bald.

Dieser und weitere Vorgänge dieser Art brachte mich auf die Ideen der nachfolgenden Geschichten, aber davon später.

„Oh, das riecht hier aber lecker“, die liebe Ulrike kam in die Küche.

„Ich bin gerade soweit. Setz‘ dich hin und nimm dir schon mal einen Tee.“

„Prima! – Du hast also endlich mal wieder ein Englisches Frühstück gemacht. Ich kann es kaum erwarten. – Aber du siehst so nachdenklich aus. Was ist denn mit dir?“

„Och, ich – äh, ‘hab mir überlegt, mich mal an Pupusas für ein Mittelamerikanisches Frühstück zu wagen …“

„Das wird sicherlich auch interessant. Aber nun lass und frühstücken, bevor alles kalt wird.“
 

hein

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Hallo Hagen,

bei dieser Vorgeschichte kann ich dir nur raten: halte deine aktuelle Herzensdame fest!

Wenn ich das nächste Mal im Hotel so ein richtig schönes englische Frühstück sehe werde ich an die denken - und trotzdem daran vorbeilaufen.

LG
hein
 

Maribu

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Hallo Hagen,

sehr gelungener und amüsanter Text!

Mit der wunderbaren Ulrike hat der Protagonist ja einen Glücksgriff gemacht!
Hatten die beiden schon goldene Hochzeit?

Die 'Kolumen-Ex', die den Bademantel aufreizend nur offen trug, hat den Pro
im Bett hart `rangenommen. - Vielleicht war das auch ein Test für den nächsten Artikel?!
Er soll froh sein, dass sie sich für: "Die Unfähigkeit der Männer zu kochen"
entschieden hatte.
Der Titel hätte ja auch heißen können: "Die Unfähigkeit der Männer, ihre Partnerin zu befriedigen"

Das hätte sein Selbstbewustsein bestimmt angekratzt! Auch wenn die Leser nicht wissen konnten,
wer sich so erfolglos verausgabt hat.

Bis denne, Maribu
 

Hagen

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Hallo Hein,
nichts Anderes als zusammenzubleiben haben die wunderbare Ulrike und ich vor.
Aber ein Englisches Frühstück solltest Du Dir unbedingt mal antun!
Wir lesen uns!

Herzlichst
yours Hagen
 

Hagen

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Hallo Maribu,
Danke für's Lob, ich habe mich sehr darüber gefreut und die wunderbare Ulrike darauf gleich, trotz des miesen Wetters zu einem Parfait mit Mandelkrokant und Eierlikör, selbstgefertigt obwohl 'richtige Männer' keinen Likör, speziell Eierliör, zu sich nehmen, an unserer Hausbar eingeladen. Naja, wir haben anschließend noch einen Full Metal Jacket, ein von mir kreierter Cocktail, genossen.
Goldene Hochzeit hatten wir noch nicht, aber wir arbeiten darauf hin; - obwohl wir zwar eine gefühlte Ewigkeit, aber in der Realität etwas mehr als ein Jahr zusammen sind und uns noch nie gesritten haben.
Da jedes mal falsch anfängt, gabe ich das Ding mit meiner Ex unter 'Lebenserfahrung' verbucht.
Wir lesen uns!

Herzlichst
yours Hagen
 

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