fossie
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Dass er anders war, wusste er schon lange. Irgendwann interessierte es ihn auch nicht mehr, was sie über ihn dachten. Ihre Blicke verrieten es ihm, wechselten von verächtlich bis spöttisch. Wenige zeigten Verständnis. Seine Verhaltensweisen fielen in der Öffentlichkeit auf, aber er wollte sich trotzig so geben, wie er immer sein wollte – bereits damals als Kind. Wenn er zurückdachte, seit wann das so war, hatte er keine Antwort darauf. Bekam ich so etwas in die Wiege gelegt oder war es vielleicht gar eine Krankheit, die nicht heilbar ist, fragte er sich manchmal. Es war ihm irgendwann gleichgültig geworden.
In dieser Zeit spielte er auch lieber mit gleichaltrigen Mädchen, denn da ist man weder Fisch noch Fleisch, rein biologisch betrachtet. Auch äußerlich unterschied er sich damals kaum von ihnen, seine langen blonden Haare gehörten schon immer wie selbstverständlich zu ihm und waren sein ganzer Stolz. Wollte seine Mutter mit ihm zum Frisör, kam es für ihn einer Katastrophe gleich. Sie einigten sich dabei meistens auf eine Kürzung von wenigen Zentimetern.
Sein Gesicht war weichgezeichnet und seine Körperstatur kleiner und schwächlicher als bei den meisten männlichen Altersgenossen. In der Schule machten sie sich regelmäßig lustig über ihn und es rollten bittere Tränen über seine Wangen. Vor allem den Sportunterricht hasste er abgrundtief und seine Noten fielen entsprechend aus.
Dann folgte die schlimme Zeit der Pubertät, die ihm brutal und ohne, dass er es wollte, sein zukünftiges männliches Leben vor Augen führte. Während andere in seinem Alter stolz feststellten, dass ihnen endlich zaghaft Barthaare im Gesicht wuchsen und sie dem weiblichen Geschlecht gegenüber selbstbewusst auftreten konnten, sorgte das bei ihm nur für Frustration. „Lass dir endlich deine langen Haare schneiden“, drängten ihn außerdem die Eltern verstärkt, „sonst hält man dich noch für ein Mädchen oder schwul.“
Und er selbst? Er fühlte sich nicht schwul, das wusste er für sich. Jemals mit einem Mann etwas anzufangen, wäre für ihn der Horror gewesen, igitt! Er war ein junger Mann und wollte auch nie etwas anderes sein.
Die langen blonden Haare waren außerdem sein ganzer Stolz. Blickte er jedoch in den Spiegel, kamen ihm tatsächlich ernste Zweifel. Er fand sich irgendwie hübsch, aber das war doch nur etwas für Frauen. Was war mit ihm los? Das konnte doch alles nicht sein, zumal er doch nur Frauen liebte, dachte er. Dieser Gedanke ließ ihn ab da nicht mehr los. Innerlich zerrissen zwischen einer gewissen Selbstverliebtheit und einem normalen Verhalten vieler junger Männer in seinem Alter. Fraglos schien er überfordert zu sein.
Sein Äußeres war auffällig, ließ ihn mit seinen weichen Gesichtszügen feminin aussehen. Er hoffte, dass sich dies noch ändern würde, wenn er älter werde. Zu allem Übel dauerte es länger, bis sich bei ihm im Gesicht endlich der erste Bartwuchs bildete, den man wiederum nur als Flaum bezeichnen konnte. Vom Verhalten her gab er sich deshalb krampfhaft männlich, was allerdings nichts nützte, weil Gleichaltrige ihn meist nicht ernst nahmen. Er konnte doch nichts dafür, dass er anders war. Das nagte am Selbstvertrauen.
Als junger Erwachsener war es sein Traum, endlich eine Freundin zu haben, denn er wollte von den anderen akzeptiert werden. Aber war er ehrlich zu sich, überlegte er. Später hatte er zwei Ehen hinter sich. Der Grund für die Trennung war immer derselbe. Er musste seine Neigung stets vor ihr verbergen und schämte sich. Bis sie ihn ertappte, was durchgehend den Anfang vom Ende der Beziehung bedeutete. Nur wenige seiner Mitmenschen, denen er sich heimlich anvertraute, brachten Verständnis auf, aber seine Ehefrauen gehörten nicht dazu.
Schweren Herzens begab er sich sogar in psychotherapeutische Behandlung, weil sie hofften, dass sich dadurch vielleicht etwas ändern würde. Aber wie sollte das geschehen, wenn die Partnerin nach wie vor dafür kein Verständnis zeigte?
„Besser, ich lebe allein“, sagte er sich – und so kam es auch. Ab da war er neugierig auf sein zweites Ich geworden, wollte endlich ausprobieren, wie weit er gehen konnte. Eine neue Körperlichkeit stellte sich ein. Was für ein wunderschönes Gefühl war das plötzlich. Vor allem, wenn er die Rolle tauschte, steigerte es sein Selbstwertgefühl und Glücksgefühle waren plötzlich da, die er vorher nie gekannt hatte, weil er alles im Verborgenen tun musste.
Eines Tages würde er es in der Öffentlichkeit zeigen, wer er wirklich war. Dann könnte er endlich zu dem stehen, was von je her in ihm existiert hatte. Die Vorstellung der inneren Befreiung ließ ihn tief durchatmen. Den letzten radikalen Schritt würde er sich allerdings aufsparen, denn soweit war er noch nicht. Außerdem hatte er ziemliche Angst vor dem, was da auf ihn zukommen könnte. Er hatte sich nämlich ausgiebig informiert in Fachzeitschriften, recherchierte ergänzend im Internet. Es wäre ein gravierender Eingriff in den Körper, nach welchem häufige Komplikationen auftreten würden, sagten die Fachleute. Ganz zu schweigen von der psychischen Belastung die damit einhergehen würde. Je früher man sich dieser speziellen OP unterziehen würde, desto besser wären die Erfolgsaussichten, es dennoch unbeschadet zu überstehen und weiter ein gesundes Leben führen zu können.
Für ihn war es ein Selbstfindungsprozess. Der hatte sich lange hingezogen, Depressionen gesellten sich nicht selten dazu und sorgten für einen Schwebezustand, der ihn ab und an verzweifeln ließ. Dann folgten unsanfte Landungen in der Realität, weil er das Innere nach außen kehren wollte, ungefähr wie man einen Mantel auf links dreht, es aber nicht kann. Der innere Kampf, sich in einem anderen Erscheinungsbild zu präsentieren, Neuland zu betreten, wurde zu einem übermächtig wachsenden Bedürfnis. In ihm schlummerte eine zweite Person, die mit Nachdruck ihr Recht forderte und ihn an den Rand der Persönlichkeitsspaltung brachte. Vor seinem geistigen Auge sah er sie, wie sie mit angezogenen Knien und nackt irgendwo in einer Ecke am Boden seines Körpers saß und hemmungslos weinte. Oft musste er schluchzend mit einstimmen. Es war zur Hölle geworden, für ihn und für sie. „Es muss, es muss, es muss sein - ich kann es nicht mehr länger wegsperren“, schrie er heimlich verzweifelt.
Es musste endlich geschehen, zumindest äußerlich. Er würde vorsichtig vorgehen, wollte keinesfalls auffallen. Am besten wäre ein Montagabend nach Einbruch der Dämmerung. Andere, die er im Internet kennengelernt hatte, erzählten von ihren Erfahrungen, wie glücklich sie hinterher waren und dass sie dieses geile Gefühl ab da nie mehr missen wollten. In der Nacht, so wurde es ihm empfohlen, wäre es für einen Anfänger ideal, da würde man weniger auffallen.
Deshalb begann er an einem frühen Montagnachmittag mit der Vorbereitung, denn es würde Zeit in Anspruch nehmen, da machte er sich nichts vor. Seine Erscheinung sollte dezent und keinesfalls auffällig wirken, durchschnittlich eben. Er würde sich Mühe geben und wenn man im Vorbeigehen in der Dunkelheit ihm nicht direkt ins Gesicht sähe, könnte es klappen.
Als Erstes stieg er in die Badewanne und versuchte, die nötige Entspannung zu erreichen. Denn relaxed musste er sein, das war unbedingte Voraussetzung.
Er verwendete ein dezentes Parfüm, sollte es am Hals brennen und rote Flecken nach sich ziehen, würde er das mit Puder in den Griff bekommen. Ein Parfüm konnte man vor allem unauffällig an dezenten Stellen des Körpers platzieren.
Es folgte die Wahl der richtigen Kleidung, ein Thema für sich. Er ging äußerst selbstkritisch vor. Sollte daran nur das geringste Detail unangenehm auffallen, würde er sich absolut lächerlich vorkommen. Sein Kleiderschrank verfügte zum Glück über einen großen Spiegel, was die Sache erleichterte und den Zeitaufwand reduzierte. Routiniert kontrollierte er bei mehreren Anproben sein Aussehen. Ja, das sah zuletzt nicht schlecht aus.
Jetzt blieb nur noch der Kopf. Da halfen zwar nur künstliche Haare, aber auch hierbei wollte Hairstyling gelernt sein und er hatte deshalb oft vor dem Badspiegel damit posiert, sodass es ihm leichter gelang. Das Ergebnis fiel sehr zufriedenstellend aus. Ohne fremde Hilfe von einer Friseurin hatte er es sogar hinbekommen, das sollte ihm erstmal einer nachmachen. Ich könnte mich glatt in dich verlieben, sagte er zu seinem Spiegelbild.
Aber der Schritt zur totalen Verwandlung sollte erst noch folgen, als er sich sein Gesicht vornahm. Das sollte zur Kür des Ganzen werden. Zwar würde es länger dauern, aber die Zeit nahm er sich. Das war der wichtigste Faktor für sein Outing. Da musste Filigranarbeit wie bei einem Uhrwerk geleistet werden – eine Herausforderung sondersgleichen. Selbstredend hatte er zuvor geübt, machte jede Menge Selfies. Er zeigte sie auch im Internet herum, wofür er viele Smilies erntete mit aufmunternden Worten. Aber jetzt wurde es ernst, der entscheidende Moment rückte unaufhaltsam näher.
Doch was war das? Je länger er vor dem Spiegel stand, überkam ihn plötzlich ein Zittern, die ruhige Hand, die er für sein Gesicht so nötig brauchte, versagte ihm den Dienst. Lampenfieber wie bei einem Schauspieler stellte sich ein. In der engen und körperbetonten Polyester-Kleidung begann er langsam zu schwitzen. „So ein verdammter Mist, das kann ich absolut nicht gebrauchen“, stöhnte er. Was tun? Er griff nach dem Deo und pumpte sich einen eiskalten Schwall unter beide Achselhöhlen. Das verschaffte ihm Erleichterung und senkte seine Körpertemperatur auf ein erträgliches Maß.
Er schnaufte tief, als er sich wieder beruhigt hatte. Lass dir Zeit, sagte er sich. Eigentlich hätte er jetzt etwas Alkoholisches vertragen können, aber gleich mit einer Fahne unterwegs - ein NoGo!
Jetzt die Krönung des Ganzen – die passenden Schuhe. Da besaß er eine große Auswahl und hatte sich schon am Vorabend nach zwei Stunden endlosen Probierens das richtige Paar ausgesucht. Sie drückten zwar etwas und waren relativ eng, aber sahen wahnsinnig elegant aus.
Der abschließende Blick in den Spiegel verriet ihm, dass er seiner Wunschvorstellung erstaunlich nahegekommen war. Er zupfte sich noch die Haare zurecht und dann konnte es losgehen.
Endlich würde er sich überwinden, nach langem Kampf mit sich selbst. „Hütchen, Schühchen, Täschchen passend …“, hieß es in dem Lied. Jedes noch so winzige Detail stimmte, das sagte ihm sein wiedergewonnenes Selbstvertrauen. Den Anderen würde jede Unstimmigkeit sofort auffallen. Im Geiste stellte er sich dennoch ihren heimlichen Spott vor, den er im Vorübergehen ernten würde. Hinter seinem Rücken würden sie garantiert den Kopf schütteln oder über ihn lästern. Aber das musste ihm egal sein.
Bevor er die Türklinke seiner Haustür herunterdrückte, überkam ihn ein Gefühl des Glücks. Er musste an die Anderen denken, von denen es viele noch immer nicht schafften. Er dagegen würde sich jetzt ein für alle Mal befreien. Ein verhuschtes Grinsen blitzte kurz in seinem Gesicht auf, als ihm dieser Gedanke kam. Nein, er wollte nicht zu ihnen gehören, nie und nimmer.
Dennoch trübte sich seine Stimmung kurz ein, als er daran dachte, ob ihn jemand wegen seines Andersseins ansprechen und ihn sogar beschimpfen könnte. Bleib cool und genieße es, redete er sich ein „Hey, mach mich nicht an“ oder „Lass mich gefälligst in Ruhe, Alter“, würde er ihnen mutig entgegenschleudern, wenn sie ihn mit „schwul“, „abartig“ oder gar als „perverse Schwuchtel“ beschimpfen würden.
Denn eines war sicher: Der Abend und die anschließende Nacht, würden ihm ganz allein gehören und er würde es ausleben.
Noch immer hatte er die Türklinke nicht losgelassen, als sich ein neuer Zweifel einschlich. Was mache ich da, ich muss verrückt sein, flüsterte er. Er setzte sich ächzend auf den Stuhl in der Diele und versuchte, an nichts zu denken, den Kopf leer zu kriegen und sich zu entspannen. Er zählte bis zwanzig, dann, nach einigen Minuten war es endlich so weit. Entschlossen stand er auf, zog die enge Lederjacke an und ging nach draußen.
Als er auf dem Gehsteig vorm Haus stand, wusste er: Es würde definitiv das erste Mal sein, dass er in Frauenkleidung in der Öffentlichkeit unterwegs wäre und niemand könne ihn davon abhalten. Er hatte eine Bühne betreten, die jetzt ihm alleine gehören sollte. Oh, wie schön ist Panama!
In dieser Zeit spielte er auch lieber mit gleichaltrigen Mädchen, denn da ist man weder Fisch noch Fleisch, rein biologisch betrachtet. Auch äußerlich unterschied er sich damals kaum von ihnen, seine langen blonden Haare gehörten schon immer wie selbstverständlich zu ihm und waren sein ganzer Stolz. Wollte seine Mutter mit ihm zum Frisör, kam es für ihn einer Katastrophe gleich. Sie einigten sich dabei meistens auf eine Kürzung von wenigen Zentimetern.
Sein Gesicht war weichgezeichnet und seine Körperstatur kleiner und schwächlicher als bei den meisten männlichen Altersgenossen. In der Schule machten sie sich regelmäßig lustig über ihn und es rollten bittere Tränen über seine Wangen. Vor allem den Sportunterricht hasste er abgrundtief und seine Noten fielen entsprechend aus.
Dann folgte die schlimme Zeit der Pubertät, die ihm brutal und ohne, dass er es wollte, sein zukünftiges männliches Leben vor Augen führte. Während andere in seinem Alter stolz feststellten, dass ihnen endlich zaghaft Barthaare im Gesicht wuchsen und sie dem weiblichen Geschlecht gegenüber selbstbewusst auftreten konnten, sorgte das bei ihm nur für Frustration. „Lass dir endlich deine langen Haare schneiden“, drängten ihn außerdem die Eltern verstärkt, „sonst hält man dich noch für ein Mädchen oder schwul.“
Und er selbst? Er fühlte sich nicht schwul, das wusste er für sich. Jemals mit einem Mann etwas anzufangen, wäre für ihn der Horror gewesen, igitt! Er war ein junger Mann und wollte auch nie etwas anderes sein.
Die langen blonden Haare waren außerdem sein ganzer Stolz. Blickte er jedoch in den Spiegel, kamen ihm tatsächlich ernste Zweifel. Er fand sich irgendwie hübsch, aber das war doch nur etwas für Frauen. Was war mit ihm los? Das konnte doch alles nicht sein, zumal er doch nur Frauen liebte, dachte er. Dieser Gedanke ließ ihn ab da nicht mehr los. Innerlich zerrissen zwischen einer gewissen Selbstverliebtheit und einem normalen Verhalten vieler junger Männer in seinem Alter. Fraglos schien er überfordert zu sein.
Sein Äußeres war auffällig, ließ ihn mit seinen weichen Gesichtszügen feminin aussehen. Er hoffte, dass sich dies noch ändern würde, wenn er älter werde. Zu allem Übel dauerte es länger, bis sich bei ihm im Gesicht endlich der erste Bartwuchs bildete, den man wiederum nur als Flaum bezeichnen konnte. Vom Verhalten her gab er sich deshalb krampfhaft männlich, was allerdings nichts nützte, weil Gleichaltrige ihn meist nicht ernst nahmen. Er konnte doch nichts dafür, dass er anders war. Das nagte am Selbstvertrauen.
Als junger Erwachsener war es sein Traum, endlich eine Freundin zu haben, denn er wollte von den anderen akzeptiert werden. Aber war er ehrlich zu sich, überlegte er. Später hatte er zwei Ehen hinter sich. Der Grund für die Trennung war immer derselbe. Er musste seine Neigung stets vor ihr verbergen und schämte sich. Bis sie ihn ertappte, was durchgehend den Anfang vom Ende der Beziehung bedeutete. Nur wenige seiner Mitmenschen, denen er sich heimlich anvertraute, brachten Verständnis auf, aber seine Ehefrauen gehörten nicht dazu.
Schweren Herzens begab er sich sogar in psychotherapeutische Behandlung, weil sie hofften, dass sich dadurch vielleicht etwas ändern würde. Aber wie sollte das geschehen, wenn die Partnerin nach wie vor dafür kein Verständnis zeigte?
„Besser, ich lebe allein“, sagte er sich – und so kam es auch. Ab da war er neugierig auf sein zweites Ich geworden, wollte endlich ausprobieren, wie weit er gehen konnte. Eine neue Körperlichkeit stellte sich ein. Was für ein wunderschönes Gefühl war das plötzlich. Vor allem, wenn er die Rolle tauschte, steigerte es sein Selbstwertgefühl und Glücksgefühle waren plötzlich da, die er vorher nie gekannt hatte, weil er alles im Verborgenen tun musste.
Eines Tages würde er es in der Öffentlichkeit zeigen, wer er wirklich war. Dann könnte er endlich zu dem stehen, was von je her in ihm existiert hatte. Die Vorstellung der inneren Befreiung ließ ihn tief durchatmen. Den letzten radikalen Schritt würde er sich allerdings aufsparen, denn soweit war er noch nicht. Außerdem hatte er ziemliche Angst vor dem, was da auf ihn zukommen könnte. Er hatte sich nämlich ausgiebig informiert in Fachzeitschriften, recherchierte ergänzend im Internet. Es wäre ein gravierender Eingriff in den Körper, nach welchem häufige Komplikationen auftreten würden, sagten die Fachleute. Ganz zu schweigen von der psychischen Belastung die damit einhergehen würde. Je früher man sich dieser speziellen OP unterziehen würde, desto besser wären die Erfolgsaussichten, es dennoch unbeschadet zu überstehen und weiter ein gesundes Leben führen zu können.
Für ihn war es ein Selbstfindungsprozess. Der hatte sich lange hingezogen, Depressionen gesellten sich nicht selten dazu und sorgten für einen Schwebezustand, der ihn ab und an verzweifeln ließ. Dann folgten unsanfte Landungen in der Realität, weil er das Innere nach außen kehren wollte, ungefähr wie man einen Mantel auf links dreht, es aber nicht kann. Der innere Kampf, sich in einem anderen Erscheinungsbild zu präsentieren, Neuland zu betreten, wurde zu einem übermächtig wachsenden Bedürfnis. In ihm schlummerte eine zweite Person, die mit Nachdruck ihr Recht forderte und ihn an den Rand der Persönlichkeitsspaltung brachte. Vor seinem geistigen Auge sah er sie, wie sie mit angezogenen Knien und nackt irgendwo in einer Ecke am Boden seines Körpers saß und hemmungslos weinte. Oft musste er schluchzend mit einstimmen. Es war zur Hölle geworden, für ihn und für sie. „Es muss, es muss, es muss sein - ich kann es nicht mehr länger wegsperren“, schrie er heimlich verzweifelt.
Es musste endlich geschehen, zumindest äußerlich. Er würde vorsichtig vorgehen, wollte keinesfalls auffallen. Am besten wäre ein Montagabend nach Einbruch der Dämmerung. Andere, die er im Internet kennengelernt hatte, erzählten von ihren Erfahrungen, wie glücklich sie hinterher waren und dass sie dieses geile Gefühl ab da nie mehr missen wollten. In der Nacht, so wurde es ihm empfohlen, wäre es für einen Anfänger ideal, da würde man weniger auffallen.
Deshalb begann er an einem frühen Montagnachmittag mit der Vorbereitung, denn es würde Zeit in Anspruch nehmen, da machte er sich nichts vor. Seine Erscheinung sollte dezent und keinesfalls auffällig wirken, durchschnittlich eben. Er würde sich Mühe geben und wenn man im Vorbeigehen in der Dunkelheit ihm nicht direkt ins Gesicht sähe, könnte es klappen.
Als Erstes stieg er in die Badewanne und versuchte, die nötige Entspannung zu erreichen. Denn relaxed musste er sein, das war unbedingte Voraussetzung.
Er verwendete ein dezentes Parfüm, sollte es am Hals brennen und rote Flecken nach sich ziehen, würde er das mit Puder in den Griff bekommen. Ein Parfüm konnte man vor allem unauffällig an dezenten Stellen des Körpers platzieren.
Es folgte die Wahl der richtigen Kleidung, ein Thema für sich. Er ging äußerst selbstkritisch vor. Sollte daran nur das geringste Detail unangenehm auffallen, würde er sich absolut lächerlich vorkommen. Sein Kleiderschrank verfügte zum Glück über einen großen Spiegel, was die Sache erleichterte und den Zeitaufwand reduzierte. Routiniert kontrollierte er bei mehreren Anproben sein Aussehen. Ja, das sah zuletzt nicht schlecht aus.
Jetzt blieb nur noch der Kopf. Da halfen zwar nur künstliche Haare, aber auch hierbei wollte Hairstyling gelernt sein und er hatte deshalb oft vor dem Badspiegel damit posiert, sodass es ihm leichter gelang. Das Ergebnis fiel sehr zufriedenstellend aus. Ohne fremde Hilfe von einer Friseurin hatte er es sogar hinbekommen, das sollte ihm erstmal einer nachmachen. Ich könnte mich glatt in dich verlieben, sagte er zu seinem Spiegelbild.
Aber der Schritt zur totalen Verwandlung sollte erst noch folgen, als er sich sein Gesicht vornahm. Das sollte zur Kür des Ganzen werden. Zwar würde es länger dauern, aber die Zeit nahm er sich. Das war der wichtigste Faktor für sein Outing. Da musste Filigranarbeit wie bei einem Uhrwerk geleistet werden – eine Herausforderung sondersgleichen. Selbstredend hatte er zuvor geübt, machte jede Menge Selfies. Er zeigte sie auch im Internet herum, wofür er viele Smilies erntete mit aufmunternden Worten. Aber jetzt wurde es ernst, der entscheidende Moment rückte unaufhaltsam näher.
Doch was war das? Je länger er vor dem Spiegel stand, überkam ihn plötzlich ein Zittern, die ruhige Hand, die er für sein Gesicht so nötig brauchte, versagte ihm den Dienst. Lampenfieber wie bei einem Schauspieler stellte sich ein. In der engen und körperbetonten Polyester-Kleidung begann er langsam zu schwitzen. „So ein verdammter Mist, das kann ich absolut nicht gebrauchen“, stöhnte er. Was tun? Er griff nach dem Deo und pumpte sich einen eiskalten Schwall unter beide Achselhöhlen. Das verschaffte ihm Erleichterung und senkte seine Körpertemperatur auf ein erträgliches Maß.
Er schnaufte tief, als er sich wieder beruhigt hatte. Lass dir Zeit, sagte er sich. Eigentlich hätte er jetzt etwas Alkoholisches vertragen können, aber gleich mit einer Fahne unterwegs - ein NoGo!
Jetzt die Krönung des Ganzen – die passenden Schuhe. Da besaß er eine große Auswahl und hatte sich schon am Vorabend nach zwei Stunden endlosen Probierens das richtige Paar ausgesucht. Sie drückten zwar etwas und waren relativ eng, aber sahen wahnsinnig elegant aus.
Der abschließende Blick in den Spiegel verriet ihm, dass er seiner Wunschvorstellung erstaunlich nahegekommen war. Er zupfte sich noch die Haare zurecht und dann konnte es losgehen.
Endlich würde er sich überwinden, nach langem Kampf mit sich selbst. „Hütchen, Schühchen, Täschchen passend …“, hieß es in dem Lied. Jedes noch so winzige Detail stimmte, das sagte ihm sein wiedergewonnenes Selbstvertrauen. Den Anderen würde jede Unstimmigkeit sofort auffallen. Im Geiste stellte er sich dennoch ihren heimlichen Spott vor, den er im Vorübergehen ernten würde. Hinter seinem Rücken würden sie garantiert den Kopf schütteln oder über ihn lästern. Aber das musste ihm egal sein.
Bevor er die Türklinke seiner Haustür herunterdrückte, überkam ihn ein Gefühl des Glücks. Er musste an die Anderen denken, von denen es viele noch immer nicht schafften. Er dagegen würde sich jetzt ein für alle Mal befreien. Ein verhuschtes Grinsen blitzte kurz in seinem Gesicht auf, als ihm dieser Gedanke kam. Nein, er wollte nicht zu ihnen gehören, nie und nimmer.
Dennoch trübte sich seine Stimmung kurz ein, als er daran dachte, ob ihn jemand wegen seines Andersseins ansprechen und ihn sogar beschimpfen könnte. Bleib cool und genieße es, redete er sich ein „Hey, mach mich nicht an“ oder „Lass mich gefälligst in Ruhe, Alter“, würde er ihnen mutig entgegenschleudern, wenn sie ihn mit „schwul“, „abartig“ oder gar als „perverse Schwuchtel“ beschimpfen würden.
Denn eines war sicher: Der Abend und die anschließende Nacht, würden ihm ganz allein gehören und er würde es ausleben.
Noch immer hatte er die Türklinke nicht losgelassen, als sich ein neuer Zweifel einschlich. Was mache ich da, ich muss verrückt sein, flüsterte er. Er setzte sich ächzend auf den Stuhl in der Diele und versuchte, an nichts zu denken, den Kopf leer zu kriegen und sich zu entspannen. Er zählte bis zwanzig, dann, nach einigen Minuten war es endlich so weit. Entschlossen stand er auf, zog die enge Lederjacke an und ging nach draußen.
Als er auf dem Gehsteig vorm Haus stand, wusste er: Es würde definitiv das erste Mal sein, dass er in Frauenkleidung in der Öffentlichkeit unterwegs wäre und niemand könne ihn davon abhalten. Er hatte eine Bühne betreten, die jetzt ihm alleine gehören sollte. Oh, wie schön ist Panama!