Nichts konnte seine Stimmung noch betrüben. Der Moment schien ihm erst langsam fortzuschreiten als Thomas am frühen Vormittag die Augen öffnete und sich allmählich, doch mit stetig steigender Vorfreude aus seinem Bett hervortat. Was er erblickte, was in seinem noch müden Gesichtsausdruck Interesse weckte, war das Bild der Vorhänge etwas links vor seinem Bett. Als er sich noch zugedeckt hielt, noch gähnte, schaute er auf die hereinfallenden Sonnenstrahlen des Fensters, die ihm wie Seide und Vorboten eines prächtigen Tages vorkamen. Doch schon nach einer Minute nach dem Aufwachen überkam ihm der Wunsch, Nein, der Wille schnell aus dem Bett zu springen, sich munter anzuziehen und nur noch eines zu tun: Endlich mit seinem neuen Fahrrad hinaus, hinaus (!) zu fahren, nicht mehr, nie mehr zu gehen, den Wind und die neu erfahrene Geschwindigkeit zu kosten, die sich wie jenes anfühlte was dem Wort „Freiheit“ nun am Nächsten für Thomas schien.
Es war ein herrlicher Samstagvormittag, es sollte ein noch viel schönerer Tag werden. Der kleine Thomas hatte vor, mit seinem Fahrrad die Einfahrt zu seinem Landhaus herauf zu dem Dorfteich zu gelangen, an dem nebenan ein Platz war, wo die Bushaltestelle des Dorfes und die Straße zu seiner Einfahrt war, wo man problemlos seine Kreise als Fahrradfahrer um ein Stück Graswiese herumdrehen konnte. Thomas kannte die Bushaltestelle gut, jeden Winkel erkundete er, jedes Graffiti an den roten Balken und jede mysteriöse Telefonnummer, die irgendjemand dort aufschrieb, hätte er aus seinem Gedächtnis aufsagen können. Genauso wusste Thomas um die morgendliche Kälte in vorherigen Monaten des Winters, wo er seinen Atem und seine zittrigen Hände im Schein des morgendlichen Mondes hell erleuchtet sah. All dies lernte er kennen, wenn er morgens zur Schule geschickt wurde und die Warterei zu einer Qual verkam, doch sein Vater nahm ihn nur selten im Auto mit zur Schule. Doch endlich war der Winter endgültig vorbei, es war mittlerweile Mai und das Wetter kehrte sich zu einem einladenden Frühling, der jeden aus dem Haus verführen konnte. Keinen Moment mehr im Haus! Jetzt zog es Thomas zu seinem neuen Fahrrad, nur ging er sicherheitshalber zuvor in die Küche gegenüber dem großen Flur seines Zimmers, um seiner Mutter Bescheid zu geben. Sie willigte ein, während sie ihren Plan erwähnte, schon einmal das Mittagessen vorzubereiten.
Der große Moment war gekommen und eine Vorfreude stieg in Thomas auf, wie es ihn nur selten befiel, denn sein Alltag zeichnete sich eher durch Monotonie des immer gleichen Schulalltages aus. Aber desto stärker wirkte jeder neue Impuls, neue Aufregung, frische Erfahrungen, neue Erkenntnisse, die er draußen in der Natur erreichen konnte. Die Natur: Welch eine Anziehung übte sie auf jedes Kind aus, der Drang in Thomas war groß und noch weitere Jahre später sollte er sich ertappen, wie er beiläufig doch aus voller Neugier Spinnen, Insekten und Pflanzen beobachtete. Doch das Fahrrad war nun für jetzt sein bester Freund, der aber erst erkämpft werden musste durch Blut, Schweiß und Tränen. Die Fähigkeit das Fahrrad zu beherrschen, um die musste Thomas schmerzlich ringen, so dachte er sich als er endlich am Ölhäuschen des Hauses im Hinterhof sein Fahrrad ergriff und den weichen Gummisaum der Handgriffe des Lenkrades fühlte. Es packte ihn die Lust nach Geschwindigkeit, nach Freiheit, und zwar jene Freiheit, welche nicht gegeben, sondern nur genommen wird. Wie viele Male musste er leiden, musste er bangen als er seine ersten Übungen zum Fortkommen auf dem Sattel morgens antrat, musste er immer wieder scheitern und sich übel zugerichtet auf dem Boden wiederfinden als er von der leichten Anhöhe bei der Scheune seine ersten Versuche ausführte. Ca. 30-mal, vielleicht mehr, lag der mit dem Fahrrad im Staub gestürzte Thomas auf dem harten Kieselboden, Tränen flossen und Hoffnung zerbarst, um aber dann immer wieder von Neuem geschöpft zu werden. Dabei war es aber nicht sein Vater, sondern die Kinder einer befreundeten Familie, welche Thomas halfen und ihm immer wieder Mut machten.
Schlussendlich war aber der Triumph zu ihm gekehrt auf einem Untergrund voller Rückschläge und alles Schlimme der Vergangenheit war passe. Nun erkannte Thomas das Gefühl von Schnelligkeit und es würde zu seiner neuerworbenen Wonne in seiner bisherigen Kindheit werden. Dies waren die heroischen Gedanken eines 8-jährigen als sich Thomas aufsattelte und den eroberten Kieselboden über das Hofgelände entlang, die Einfahrtsstraße hinauf zur Bushaltestelle begab. Sonnenschein umgab ihn, sein Schatten als Begleiter grüßend, spannte sich vor Freude sein Hals an. Plötzlich wirkten alle Farben um ihn herum noch satter, das Grün an den benachbarten Bäumen grüner, die Luft bei jedem Atemzug frischer, und sogar die Blätter des Ahornbaumes auf halber Strecke zur Wiese schienen ihm zu zuwinken, ihn gar zu beglückwünschen an diesem Tag.
Thomas war in guter Fahrt, genoss den Wind in seinem Gesicht, legte in den Kurven der Straße um die Bushaltestelle herum immer Pausen ein beim Treten der Pedale, um den Schwung zu nutzen und sich Federleicht zu fühlen und so zog Thomas seine Runden. Dabei war er aber bescheiden, wollte er doch nur 10 Runden um die Bushaltestelle herum seine Kreise ziehen, um dann wieder den Kurs nach Hause zu setzen. Nicht ewig, aber regelmäßig wollte Thomas diese Gefilde genießen, wie ein teures Getränk in wiederverschließbarer Flasche, um das Glück nach jeder Kost zu verlängern. Gedanken von Freiheit, von Unerschütterlichkeit drangen in ihn, so als ob der Lauf seiner Strecke dem seines Lebens entsprach, immerhin waren auch seine Tage in der Schule eine schon ihm schal gewordene Leier, aber so auf dem Fahrradsattel sitzend kann er, könnte doch jeder seine Last im Leben leichtnehmen.
Thomas befand sich in seiner letzten Runde, nur noch diesen einen Schwung wollte er nehmen, die letzte Brise des Windes in seinem Gesicht spüren, dann hieße es aber schnell wieder nach Hause zu fahren. So näherte er sich auf gerader Strecke der Kurve, welche in der Richtung zu seinem Haus liegt und lenkte nach rechts. Was im nächsten Moment geschah, wenn Zeit und Raum überhaupt noch für einen Menschen fühlbar sind, gleicht einem plötzlichen Sprung in eine andere Welt. Ein heftiger Stoß von hinten an das Heck seines Fahrrades, der weder vorher gehört noch für den es irgendwelche Anzeichen gab, stürzte Thomas mit vollkommender Wucht bei spürbarer Geschwindigkeit auf den schroffen, scharfkantigen Asphaltboden, der an jener Stelle nicht sanft, nicht geschmeidig, sondern rau und voller abbröckelnder Stücke, große wie kleine, dazwischen Kiesel in mannigfaltiger Variation, war. Eine solche Straße war dies, dass an den Seiten der Asphalt schon teils abgetragen, löchrig, aber noch einzelne Teile vorhanden waren, auf denen Thomas nun wie auf einer Käsereibe reißend rutschte und seine Haut aufriss. Noch Ein, Zwei Meter weiter, noch in der Lenkung der Kurve krachend, rieben sich Thomas Gesicht und Arme, da weder Helm noch Armschützer sie behüteten, auf dem unbarmherzigen Belag auf, während nun das Fahrrad wie eine Mange auf Thomas rechtem Bein lag und dieses entsetzlich quetschte. Endlich kam Thomas mit samt Fahrrad zum Erliegen und einige Sekunden vergingen.
Als Thomas auf dem Boden prallte, zogen Licht und Schatten, Tag und Nacht, Leben und Tod wie die Gestirne am Himmel vorbei wie in klarer Sommernacht, als wenn es den unbescholtenen jungen Menschen nach draußen zieht, um in den Sternen den Grund seiner Existenz zu erraten. Der Schock über die neuen, bisher nie geahnten Schmerzen, die Lage aus zuvor nie gekannter Höhe des Fahrrades und nie zuvor gelebter Freude über das Leben in Erebus Finsternis zu fallen, und das völlige Unwissen wieso dies geschah, ließen Thomas Geist für einen Moment aus seinem Körper entschwinden und es schien mit einem Male, dass Realität nur ein Schein ist, aus Bergen wurden Täler, aus Oben Unten, aus strahlenstem Glück das abscheulichste Unglück. Jenes von dem, was wir fühlen, wenn der Körper in Ruhe und Mäßigkeit seinen täglichen Gang zieht wie die Runden, die Thomas nur wenige Sekunden zuvor in völliger Eintracht genoss, nun aber in Sphären sich wiederfand, als verließe er eine Welt, reiste hinaus ins Unbekannte, und betrat eine Neue. Und diese neue Welt… hasste ihn.
Thomas Gedanken:
„Hörst du mich?... Wo bin Ich?... Wie ist dies passiert? Oder war alles Bisherige nur ein Traum und nun bin ich erwacht? Was war echt und was nicht, als ich heute mit meinen Händen das Fahrrad ergriff, war das Gummi und der Sattel, alles was ich fühlte, nur eine Einbildung? Schlafwandelte ich mir meinen Weg aus dem Bett heraus? War dies meine Mutter der ich in der Küche begegnete? Oder habe ich gleich einem Einsiedler in fremder Gestalt nur eine Fassade gelebt, von dem Beginn an, wo die ersten Erinnerungen blieben? Warum…
Waren es Sekunden oder Tage? Nichts schien mehr real oder wie zuvor. Urbi et Orbi mussten neu erfahren werden.
Das Erste, was Thomas sah, als sich ein Auge langsam zuckend öffnete, waren die Finger seiner derangierten linken Hand, wo sich Hautfetzen, weiße wie rote neben rohem Fleisch und Gewebe, Staub, und viele kleine Kieselkrümel, graue wie schwarze, tummelten. Die Härte über den Boden kam als Nächstes herein, als immer mehr Nerven spürbar vibrierten, wie ein Gewirr aus Tausend Fäden an denen unzählige Perlen unablässig einander prallten und zu einer einzigen Kakophonie an Schmerzen verkamen.
Das Erste, was Thomas hörte, war ein Lachen, das allmählich immer weiter sich von ihm entfernte. Dann war um ihn herum Ruhe, aber in seinem Inneren die Ruhe eines Sturmes. Nur das eigene Zucken, das eigene Röcheln, das Vibrieren seiner eigenen Gliedmaßen, war zu vernehmen.
Überall an seinem Oberkörper brannte seine Haut bei Kontakt mit den Asphaltstückchen in seinem Fleisch in Hand- und Gesichtsflächen aber noch um ein Vielfaches mehr, bis ins unerträgliche, aber die bisherige Grenze des Erträglichen übertrat Thomas in diesem Moment ohnehin um ein Hundertfaches. Bei ersten verzweifelnden Bewegungen seiner blutigen Hände zum Aufstehen auf den Boden zu setzen, kam eine neue Welle feurig stechender Qualen, diesmal auch von unten. Endlich merkte Thomas ohne hinzusehen, dass sein Bein unter dem Fahrrad, welches er zuvor noch lieben lernte, nun sein rechtes Bein einklemmte, kein Aufrichten ermöglichte, und das permanente Einprasseln neuer Schmerzlawinen in seinen Kopf ihn fast bewegungsunfähig machte. Noch einmal, und noch einmal, und nur noch einmal! Nur durch das beharrliche Strampeln seines linken Beines, welches einigermaßen noch verschont blieb, konnte allmählich das Fahrrad, gerade erst noch wie ein neuer Freund, nun wie ein Peiniger, von seinem rechten Bein geschoben werden. Thomas musste die Zähne zusammenbeißen und heftig Stoßatmen als er endlich unter heftigen Zuckungen auf Füßen stand. Seine Beine zitterten wie Pudding, seine Hände vibrierten nach und links und rechts hin und her, musste er nun doch sie an seiner mittlerweile dreckigen Hose irgendwie abwischen, um sich der grausigen Krümel zu entledigen. Dann erst konnte er endlich weinen, und er weinte als wenn jedes Böse der Erde ihn getroffen hätte.
Alles war nun finster geworden, das Grün an den Bäumen verschwand, das Gute des Tages verging, die Sonne verschwand hinter den Wolken. Grau und Schwarz, Braun und Dunkelblau war nun die Welt als Thomas unter den zuckenden Bewegungen seiner Beine, unter herzzerschneidendem Gewimmer sich aufmachte, um so schnell als möglich wie auf einem Teppich aus Scherben sein Fahrrad aufzugreifen und nach Hause zu humpeln. Die ersten Schritte waren zaghaft, aber allmählich ließen die Schmerzen auf halbem Wege zu seinem Haus nach, da das einsetzende Adrenalin endlich Wirkung zeigte.
So konnte aber Thomas nicht länger warten, der Weg schien sich ihm immer länger zu ziehen, so bestieg er doch trotz größter Zweifel und eingeschränkter Sicht durch seine Tränen noch einmal sein Fahrrad, um schneller das rettende Heim zu erreichen, durch alle Schmerzen hindurch, denn seine Wut war für diesen Augenblick größer als seine Trauer geworden. Als er die Fassade seines Hauses nach schier unendlichen Mühen zu fassen bekam, versuchte er noch irgendwie das Fahrrad an die Hauswand anzulehnen, doch es rutschte herunter zu Boden und stieß noch an seine Beine. Neuer Schmerz und Zorn ließen Thomas von der Mauer wegstoßen, einen letzten Schrei erzeugen, und zittrig wie er noch immer war, die Haustür mit seinem Ellbogen aufgehen. Gewimmer, leises Gewimmer erhallte in dem Flur des Landhauses, denn kein Wort in seinem Wortschatz oder im Wortschatz überhaupt konnte die Abscheulichkeit der letzten 10 Minuten ansatzweise wiedergeben. Instinktiv ging Thomas, um Hilfe zu ersuchen auf seinen wackligen Beinen und den zu seiner Brust gezogenen Armen in die Küche, wo seine Mutter sich befand. Als langsam die Tür der Küche aufging, stand Thomas Mutter am Herd und briet gerade ein Stück Fleisch in der Pfanne an. Bratenfettgeruch und das Geräusch von heißem Geknister der Pfanne erfüllte den Raum. Nur mit kleinen Schritten und nur die leisen Geräusche von ihm zu hören, humpelte Thomas durch den Korridor hinter seiner Mutter vorbei zum Küchentisch und dem Stuhl, um endlich seinem geschundenen Körper die dringendste Pause zu geben. Als Thomas den Küchenstuhl fast erreichte, nahm nun endlich seine Mutter von dem Gewimmer hinter ihr Notiz und ihre Schultern drehten sich schon in Richtung zum Küchentisch, doch ihre Augen warfen noch einen letzten prüfenden Blick auf das gebratene Fleisch. Was Thomas Mutter als Nächstes sah, war eine grässliche, groteske Verzerrung ihres einstigen Sohnes.
Mit einem einzigen Schrei, der aber durch das halbe Haus raste, überfiel der Schock die Mutter von Thomas und ihre Augen rissen sich auf, sodass auch Thomas zucken musste. Sofort nahm sie die Pfanne von der Herdplatte herunter, der Herd war aber noch eingeschaltet, denn Tausend Gedanken schnellten jetzt durch ihren Kopf. „Was war geschehen?! Was ist nur passiert?!“ Doch Thomas Zunge vermochte kein einziges Wort über seine Zähne zu tragen, nur eine leise Steigerung seines Gewimmers war zu vernehmen, während er die Augen zusammenkniff und sein Kopf nach unten sank. Endlich war die Mutter zu Thomas gekommen, noch das Grauen tief in ihrem Gesicht ablesbar, doch instinktiv wusste sie was zu tun war. Sie nahm Thomas an den Armen, zog ihn in Richtung des Waschbeckens vor dem Küchentisch und hob ihn an den Achseln hoch. Dann öffnete sie mit blitzschnellen Handbewegungen lauwarmes Wasser und zog dem Kind behutsam die Jacke aus, wobei Thomas die meiste Zeit nur noch die Augen zu hielt, als wenn er die Realität nicht mehr sehen will, geschweige denn ein Teil dessen sein. Die Mutter strich ihm mit nassen Händen über Gesicht und Hände, um endlich die plagenden Krümmel aus seinen Wunden zu waschen. Unter Wasser waren die Tränen unsichtbar.
Wie die eigene Hand vors Gesicht gehalten, um Schande im eigenen Antlitz zu verbergen, die Niederlage nicht zeigen zu wollen, ein Symbol für das Zurückweichen, dem Verstecken, dem Entgehen, so war es, so fühlte Thomas dies, als seine Mutter aus der Esskammer kam und nachdem sie die Wunden gesäubert hatte, nun Bandagen dem verängstigten Kind anzulegen. Nur ein kurzes Knistern der Schere war zu hören und etwas Wühlen in der roten Erste-Hilfe Kiste, dann spürte Thomas schon den sanften Auftrag des weißen Stoffgewebes. Rund herum und nun über das ganze Gesicht gezogen, ein Schlitz für die Augen und den Mund ausgenommen, war nun Thomas Welt und seine Warte aus der er sie betrachtete, eine andere. Er war nun ein solches Kind geworden, keines, dass mit 8 Jahren lachte und die Welt jeden Tag neu entdeckte, eher eines, dem Sodom und Gomorra gebracht wurde, oder es ihm zu folgen schien, eines, wo jedes Leid von Zehn Menschenleben sich abscheulich in jenem Moment zeigte, wo er stürzte.
Eine Zeit verging bis Thomas wieder sprechen konnte, doch er schilderte noch am selbigen Tag, als die Sonne ihren höchsten Punkt verließ, was er wusste. Es war kein Unfall, jemand hatte ihm das Verbrechen angetan, und seine Eltern spürten, wer es war: Ein bekannter Dorfrüpel, den Thomas nie zuvor sah, nie etwas angetan hatte, doch das Schicksal fragt nicht nach Gründen. Nun war für Thomas der Tag aber zu Ende als seine Beichte zu Ende war. Müde bis zur Ohnmacht verhalf ihm seine Mutter zurück ins Bett und brachte ihm später Abendessen und Tee, welche er nur mit dem Strohhalm aufnahm, um seine Bandagen nicht zu lockern. Endlich herrschte Ruhe, doch noch rumorte es in seinem Kopf und seine zerfetzte Haut vibriere noch den ganzen Tag weiter. Erst die nächsten Tage sollten die ersehnte Heilung bringen.
Zwei Tage nach dem Unglück sah sich Thomas in die Küche gehend, wo er die Tür zur Waschküche geschlossen vor sich sah. Dies fiel ihm sofort auf und als er sich ihr näherte, die Arme und das Gesicht noch immer in Bandagen gehüllt, so hörte er eine Unterhaltung tiefer mannhafter Stimmen, doch nur unverständliche Laute kamen in seine Ohren. Ein verletztes Kind mit Bandagen vor einer geschlossenen, murmelnden Tür: Hier kommst du nicht herein, dieses Portal bleibt für dich zu, du hast hier noch keine Berechtigung. Wehrlos und klein bist du jetzt hier in dieser Welt, wo du nicht dein Glück trägst, sondern dein Unglück erträgst. Zuerst musst du stärker und klüger und reifer werden, denn Stärke allein ist das Lenkrad der Geschichte. Ohnmächtig und schwach ist jedes Kind, nicht klug, denn die Klugheit muss blind ertastet werden, langsam von einem blutigen Sturz zum Nächsten, das eine Leid hinter dir, ein Neues vor dir. Hoffnung hatte das Kind, das Leben nahm es. Nun steht es da, vor einer geschlossenen Tür, wo die Freude hätte sein können, doch noch kann das Kind nicht herein. Denn diese Welt ist für ihn noch verschlossen.
Es stellte sich heraus im Laufe des Tages, dass Thomas Vater und der Vater des Rüpels in der Waschküche miteinander redeten über den Vorfall. Es ergab keine Anzeige, denn der Vater versprach Besserung für seinen Sohn, doch Jahre später noch als seine Wunden längst verheilt waren, sollte Thomas in der Zeitung lesen, dass eben jener brutale Sohn, der Gnade nicht kannte, nur Gnadenlosigkeit, wegen Drogenhandels in die lokale JVA eingewiesen wurde, doch wollte Thomas jetzt nur noch schweigen und niemals wieder an diese grausame Begegnung erinnert werden. Das Fahrrad wurde die nächsten 3 - 4 Wochen nach dem Tag nicht einmal angefasst, denn es umfing nun eine unheilvolle Gestalt, welches jedem Pech zu bringen schien, der es berührt, so dachte zumindest der achtjährige Thomas.
Es sollte einmal ein Nachbar behauptet haben, dass Thomas ein Unglücksrabe sei. War es wirklich so? Und war er der Einzige, dem derartiges widerfuhr? Gewiss nicht. Unzählige stumme Seelen gibt es, deren Schreie nur im Innersten erhallen. Eines Tages erlangte Thomas die Freude des Fahrradfahrens erneut und dieses Unrecht wiederholte sich nicht wieder.
Manchmal kommt das Licht des Tages erst zaghaft zu dir zurück, doch seien wir froh, dass es überhaupt mal da ist.
Es war ein herrlicher Samstagvormittag, es sollte ein noch viel schönerer Tag werden. Der kleine Thomas hatte vor, mit seinem Fahrrad die Einfahrt zu seinem Landhaus herauf zu dem Dorfteich zu gelangen, an dem nebenan ein Platz war, wo die Bushaltestelle des Dorfes und die Straße zu seiner Einfahrt war, wo man problemlos seine Kreise als Fahrradfahrer um ein Stück Graswiese herumdrehen konnte. Thomas kannte die Bushaltestelle gut, jeden Winkel erkundete er, jedes Graffiti an den roten Balken und jede mysteriöse Telefonnummer, die irgendjemand dort aufschrieb, hätte er aus seinem Gedächtnis aufsagen können. Genauso wusste Thomas um die morgendliche Kälte in vorherigen Monaten des Winters, wo er seinen Atem und seine zittrigen Hände im Schein des morgendlichen Mondes hell erleuchtet sah. All dies lernte er kennen, wenn er morgens zur Schule geschickt wurde und die Warterei zu einer Qual verkam, doch sein Vater nahm ihn nur selten im Auto mit zur Schule. Doch endlich war der Winter endgültig vorbei, es war mittlerweile Mai und das Wetter kehrte sich zu einem einladenden Frühling, der jeden aus dem Haus verführen konnte. Keinen Moment mehr im Haus! Jetzt zog es Thomas zu seinem neuen Fahrrad, nur ging er sicherheitshalber zuvor in die Küche gegenüber dem großen Flur seines Zimmers, um seiner Mutter Bescheid zu geben. Sie willigte ein, während sie ihren Plan erwähnte, schon einmal das Mittagessen vorzubereiten.
Der große Moment war gekommen und eine Vorfreude stieg in Thomas auf, wie es ihn nur selten befiel, denn sein Alltag zeichnete sich eher durch Monotonie des immer gleichen Schulalltages aus. Aber desto stärker wirkte jeder neue Impuls, neue Aufregung, frische Erfahrungen, neue Erkenntnisse, die er draußen in der Natur erreichen konnte. Die Natur: Welch eine Anziehung übte sie auf jedes Kind aus, der Drang in Thomas war groß und noch weitere Jahre später sollte er sich ertappen, wie er beiläufig doch aus voller Neugier Spinnen, Insekten und Pflanzen beobachtete. Doch das Fahrrad war nun für jetzt sein bester Freund, der aber erst erkämpft werden musste durch Blut, Schweiß und Tränen. Die Fähigkeit das Fahrrad zu beherrschen, um die musste Thomas schmerzlich ringen, so dachte er sich als er endlich am Ölhäuschen des Hauses im Hinterhof sein Fahrrad ergriff und den weichen Gummisaum der Handgriffe des Lenkrades fühlte. Es packte ihn die Lust nach Geschwindigkeit, nach Freiheit, und zwar jene Freiheit, welche nicht gegeben, sondern nur genommen wird. Wie viele Male musste er leiden, musste er bangen als er seine ersten Übungen zum Fortkommen auf dem Sattel morgens antrat, musste er immer wieder scheitern und sich übel zugerichtet auf dem Boden wiederfinden als er von der leichten Anhöhe bei der Scheune seine ersten Versuche ausführte. Ca. 30-mal, vielleicht mehr, lag der mit dem Fahrrad im Staub gestürzte Thomas auf dem harten Kieselboden, Tränen flossen und Hoffnung zerbarst, um aber dann immer wieder von Neuem geschöpft zu werden. Dabei war es aber nicht sein Vater, sondern die Kinder einer befreundeten Familie, welche Thomas halfen und ihm immer wieder Mut machten.
Schlussendlich war aber der Triumph zu ihm gekehrt auf einem Untergrund voller Rückschläge und alles Schlimme der Vergangenheit war passe. Nun erkannte Thomas das Gefühl von Schnelligkeit und es würde zu seiner neuerworbenen Wonne in seiner bisherigen Kindheit werden. Dies waren die heroischen Gedanken eines 8-jährigen als sich Thomas aufsattelte und den eroberten Kieselboden über das Hofgelände entlang, die Einfahrtsstraße hinauf zur Bushaltestelle begab. Sonnenschein umgab ihn, sein Schatten als Begleiter grüßend, spannte sich vor Freude sein Hals an. Plötzlich wirkten alle Farben um ihn herum noch satter, das Grün an den benachbarten Bäumen grüner, die Luft bei jedem Atemzug frischer, und sogar die Blätter des Ahornbaumes auf halber Strecke zur Wiese schienen ihm zu zuwinken, ihn gar zu beglückwünschen an diesem Tag.
Thomas war in guter Fahrt, genoss den Wind in seinem Gesicht, legte in den Kurven der Straße um die Bushaltestelle herum immer Pausen ein beim Treten der Pedale, um den Schwung zu nutzen und sich Federleicht zu fühlen und so zog Thomas seine Runden. Dabei war er aber bescheiden, wollte er doch nur 10 Runden um die Bushaltestelle herum seine Kreise ziehen, um dann wieder den Kurs nach Hause zu setzen. Nicht ewig, aber regelmäßig wollte Thomas diese Gefilde genießen, wie ein teures Getränk in wiederverschließbarer Flasche, um das Glück nach jeder Kost zu verlängern. Gedanken von Freiheit, von Unerschütterlichkeit drangen in ihn, so als ob der Lauf seiner Strecke dem seines Lebens entsprach, immerhin waren auch seine Tage in der Schule eine schon ihm schal gewordene Leier, aber so auf dem Fahrradsattel sitzend kann er, könnte doch jeder seine Last im Leben leichtnehmen.
Thomas befand sich in seiner letzten Runde, nur noch diesen einen Schwung wollte er nehmen, die letzte Brise des Windes in seinem Gesicht spüren, dann hieße es aber schnell wieder nach Hause zu fahren. So näherte er sich auf gerader Strecke der Kurve, welche in der Richtung zu seinem Haus liegt und lenkte nach rechts. Was im nächsten Moment geschah, wenn Zeit und Raum überhaupt noch für einen Menschen fühlbar sind, gleicht einem plötzlichen Sprung in eine andere Welt. Ein heftiger Stoß von hinten an das Heck seines Fahrrades, der weder vorher gehört noch für den es irgendwelche Anzeichen gab, stürzte Thomas mit vollkommender Wucht bei spürbarer Geschwindigkeit auf den schroffen, scharfkantigen Asphaltboden, der an jener Stelle nicht sanft, nicht geschmeidig, sondern rau und voller abbröckelnder Stücke, große wie kleine, dazwischen Kiesel in mannigfaltiger Variation, war. Eine solche Straße war dies, dass an den Seiten der Asphalt schon teils abgetragen, löchrig, aber noch einzelne Teile vorhanden waren, auf denen Thomas nun wie auf einer Käsereibe reißend rutschte und seine Haut aufriss. Noch Ein, Zwei Meter weiter, noch in der Lenkung der Kurve krachend, rieben sich Thomas Gesicht und Arme, da weder Helm noch Armschützer sie behüteten, auf dem unbarmherzigen Belag auf, während nun das Fahrrad wie eine Mange auf Thomas rechtem Bein lag und dieses entsetzlich quetschte. Endlich kam Thomas mit samt Fahrrad zum Erliegen und einige Sekunden vergingen.
Als Thomas auf dem Boden prallte, zogen Licht und Schatten, Tag und Nacht, Leben und Tod wie die Gestirne am Himmel vorbei wie in klarer Sommernacht, als wenn es den unbescholtenen jungen Menschen nach draußen zieht, um in den Sternen den Grund seiner Existenz zu erraten. Der Schock über die neuen, bisher nie geahnten Schmerzen, die Lage aus zuvor nie gekannter Höhe des Fahrrades und nie zuvor gelebter Freude über das Leben in Erebus Finsternis zu fallen, und das völlige Unwissen wieso dies geschah, ließen Thomas Geist für einen Moment aus seinem Körper entschwinden und es schien mit einem Male, dass Realität nur ein Schein ist, aus Bergen wurden Täler, aus Oben Unten, aus strahlenstem Glück das abscheulichste Unglück. Jenes von dem, was wir fühlen, wenn der Körper in Ruhe und Mäßigkeit seinen täglichen Gang zieht wie die Runden, die Thomas nur wenige Sekunden zuvor in völliger Eintracht genoss, nun aber in Sphären sich wiederfand, als verließe er eine Welt, reiste hinaus ins Unbekannte, und betrat eine Neue. Und diese neue Welt… hasste ihn.
Thomas Gedanken:
„Hörst du mich?... Wo bin Ich?... Wie ist dies passiert? Oder war alles Bisherige nur ein Traum und nun bin ich erwacht? Was war echt und was nicht, als ich heute mit meinen Händen das Fahrrad ergriff, war das Gummi und der Sattel, alles was ich fühlte, nur eine Einbildung? Schlafwandelte ich mir meinen Weg aus dem Bett heraus? War dies meine Mutter der ich in der Küche begegnete? Oder habe ich gleich einem Einsiedler in fremder Gestalt nur eine Fassade gelebt, von dem Beginn an, wo die ersten Erinnerungen blieben? Warum…
Waren es Sekunden oder Tage? Nichts schien mehr real oder wie zuvor. Urbi et Orbi mussten neu erfahren werden.
Das Erste, was Thomas sah, als sich ein Auge langsam zuckend öffnete, waren die Finger seiner derangierten linken Hand, wo sich Hautfetzen, weiße wie rote neben rohem Fleisch und Gewebe, Staub, und viele kleine Kieselkrümel, graue wie schwarze, tummelten. Die Härte über den Boden kam als Nächstes herein, als immer mehr Nerven spürbar vibrierten, wie ein Gewirr aus Tausend Fäden an denen unzählige Perlen unablässig einander prallten und zu einer einzigen Kakophonie an Schmerzen verkamen.
Das Erste, was Thomas hörte, war ein Lachen, das allmählich immer weiter sich von ihm entfernte. Dann war um ihn herum Ruhe, aber in seinem Inneren die Ruhe eines Sturmes. Nur das eigene Zucken, das eigene Röcheln, das Vibrieren seiner eigenen Gliedmaßen, war zu vernehmen.
Überall an seinem Oberkörper brannte seine Haut bei Kontakt mit den Asphaltstückchen in seinem Fleisch in Hand- und Gesichtsflächen aber noch um ein Vielfaches mehr, bis ins unerträgliche, aber die bisherige Grenze des Erträglichen übertrat Thomas in diesem Moment ohnehin um ein Hundertfaches. Bei ersten verzweifelnden Bewegungen seiner blutigen Hände zum Aufstehen auf den Boden zu setzen, kam eine neue Welle feurig stechender Qualen, diesmal auch von unten. Endlich merkte Thomas ohne hinzusehen, dass sein Bein unter dem Fahrrad, welches er zuvor noch lieben lernte, nun sein rechtes Bein einklemmte, kein Aufrichten ermöglichte, und das permanente Einprasseln neuer Schmerzlawinen in seinen Kopf ihn fast bewegungsunfähig machte. Noch einmal, und noch einmal, und nur noch einmal! Nur durch das beharrliche Strampeln seines linken Beines, welches einigermaßen noch verschont blieb, konnte allmählich das Fahrrad, gerade erst noch wie ein neuer Freund, nun wie ein Peiniger, von seinem rechten Bein geschoben werden. Thomas musste die Zähne zusammenbeißen und heftig Stoßatmen als er endlich unter heftigen Zuckungen auf Füßen stand. Seine Beine zitterten wie Pudding, seine Hände vibrierten nach und links und rechts hin und her, musste er nun doch sie an seiner mittlerweile dreckigen Hose irgendwie abwischen, um sich der grausigen Krümel zu entledigen. Dann erst konnte er endlich weinen, und er weinte als wenn jedes Böse der Erde ihn getroffen hätte.
Alles war nun finster geworden, das Grün an den Bäumen verschwand, das Gute des Tages verging, die Sonne verschwand hinter den Wolken. Grau und Schwarz, Braun und Dunkelblau war nun die Welt als Thomas unter den zuckenden Bewegungen seiner Beine, unter herzzerschneidendem Gewimmer sich aufmachte, um so schnell als möglich wie auf einem Teppich aus Scherben sein Fahrrad aufzugreifen und nach Hause zu humpeln. Die ersten Schritte waren zaghaft, aber allmählich ließen die Schmerzen auf halbem Wege zu seinem Haus nach, da das einsetzende Adrenalin endlich Wirkung zeigte.
So konnte aber Thomas nicht länger warten, der Weg schien sich ihm immer länger zu ziehen, so bestieg er doch trotz größter Zweifel und eingeschränkter Sicht durch seine Tränen noch einmal sein Fahrrad, um schneller das rettende Heim zu erreichen, durch alle Schmerzen hindurch, denn seine Wut war für diesen Augenblick größer als seine Trauer geworden. Als er die Fassade seines Hauses nach schier unendlichen Mühen zu fassen bekam, versuchte er noch irgendwie das Fahrrad an die Hauswand anzulehnen, doch es rutschte herunter zu Boden und stieß noch an seine Beine. Neuer Schmerz und Zorn ließen Thomas von der Mauer wegstoßen, einen letzten Schrei erzeugen, und zittrig wie er noch immer war, die Haustür mit seinem Ellbogen aufgehen. Gewimmer, leises Gewimmer erhallte in dem Flur des Landhauses, denn kein Wort in seinem Wortschatz oder im Wortschatz überhaupt konnte die Abscheulichkeit der letzten 10 Minuten ansatzweise wiedergeben. Instinktiv ging Thomas, um Hilfe zu ersuchen auf seinen wackligen Beinen und den zu seiner Brust gezogenen Armen in die Küche, wo seine Mutter sich befand. Als langsam die Tür der Küche aufging, stand Thomas Mutter am Herd und briet gerade ein Stück Fleisch in der Pfanne an. Bratenfettgeruch und das Geräusch von heißem Geknister der Pfanne erfüllte den Raum. Nur mit kleinen Schritten und nur die leisen Geräusche von ihm zu hören, humpelte Thomas durch den Korridor hinter seiner Mutter vorbei zum Küchentisch und dem Stuhl, um endlich seinem geschundenen Körper die dringendste Pause zu geben. Als Thomas den Küchenstuhl fast erreichte, nahm nun endlich seine Mutter von dem Gewimmer hinter ihr Notiz und ihre Schultern drehten sich schon in Richtung zum Küchentisch, doch ihre Augen warfen noch einen letzten prüfenden Blick auf das gebratene Fleisch. Was Thomas Mutter als Nächstes sah, war eine grässliche, groteske Verzerrung ihres einstigen Sohnes.
Mit einem einzigen Schrei, der aber durch das halbe Haus raste, überfiel der Schock die Mutter von Thomas und ihre Augen rissen sich auf, sodass auch Thomas zucken musste. Sofort nahm sie die Pfanne von der Herdplatte herunter, der Herd war aber noch eingeschaltet, denn Tausend Gedanken schnellten jetzt durch ihren Kopf. „Was war geschehen?! Was ist nur passiert?!“ Doch Thomas Zunge vermochte kein einziges Wort über seine Zähne zu tragen, nur eine leise Steigerung seines Gewimmers war zu vernehmen, während er die Augen zusammenkniff und sein Kopf nach unten sank. Endlich war die Mutter zu Thomas gekommen, noch das Grauen tief in ihrem Gesicht ablesbar, doch instinktiv wusste sie was zu tun war. Sie nahm Thomas an den Armen, zog ihn in Richtung des Waschbeckens vor dem Küchentisch und hob ihn an den Achseln hoch. Dann öffnete sie mit blitzschnellen Handbewegungen lauwarmes Wasser und zog dem Kind behutsam die Jacke aus, wobei Thomas die meiste Zeit nur noch die Augen zu hielt, als wenn er die Realität nicht mehr sehen will, geschweige denn ein Teil dessen sein. Die Mutter strich ihm mit nassen Händen über Gesicht und Hände, um endlich die plagenden Krümmel aus seinen Wunden zu waschen. Unter Wasser waren die Tränen unsichtbar.
Wie die eigene Hand vors Gesicht gehalten, um Schande im eigenen Antlitz zu verbergen, die Niederlage nicht zeigen zu wollen, ein Symbol für das Zurückweichen, dem Verstecken, dem Entgehen, so war es, so fühlte Thomas dies, als seine Mutter aus der Esskammer kam und nachdem sie die Wunden gesäubert hatte, nun Bandagen dem verängstigten Kind anzulegen. Nur ein kurzes Knistern der Schere war zu hören und etwas Wühlen in der roten Erste-Hilfe Kiste, dann spürte Thomas schon den sanften Auftrag des weißen Stoffgewebes. Rund herum und nun über das ganze Gesicht gezogen, ein Schlitz für die Augen und den Mund ausgenommen, war nun Thomas Welt und seine Warte aus der er sie betrachtete, eine andere. Er war nun ein solches Kind geworden, keines, dass mit 8 Jahren lachte und die Welt jeden Tag neu entdeckte, eher eines, dem Sodom und Gomorra gebracht wurde, oder es ihm zu folgen schien, eines, wo jedes Leid von Zehn Menschenleben sich abscheulich in jenem Moment zeigte, wo er stürzte.
Eine Zeit verging bis Thomas wieder sprechen konnte, doch er schilderte noch am selbigen Tag, als die Sonne ihren höchsten Punkt verließ, was er wusste. Es war kein Unfall, jemand hatte ihm das Verbrechen angetan, und seine Eltern spürten, wer es war: Ein bekannter Dorfrüpel, den Thomas nie zuvor sah, nie etwas angetan hatte, doch das Schicksal fragt nicht nach Gründen. Nun war für Thomas der Tag aber zu Ende als seine Beichte zu Ende war. Müde bis zur Ohnmacht verhalf ihm seine Mutter zurück ins Bett und brachte ihm später Abendessen und Tee, welche er nur mit dem Strohhalm aufnahm, um seine Bandagen nicht zu lockern. Endlich herrschte Ruhe, doch noch rumorte es in seinem Kopf und seine zerfetzte Haut vibriere noch den ganzen Tag weiter. Erst die nächsten Tage sollten die ersehnte Heilung bringen.
Zwei Tage nach dem Unglück sah sich Thomas in die Küche gehend, wo er die Tür zur Waschküche geschlossen vor sich sah. Dies fiel ihm sofort auf und als er sich ihr näherte, die Arme und das Gesicht noch immer in Bandagen gehüllt, so hörte er eine Unterhaltung tiefer mannhafter Stimmen, doch nur unverständliche Laute kamen in seine Ohren. Ein verletztes Kind mit Bandagen vor einer geschlossenen, murmelnden Tür: Hier kommst du nicht herein, dieses Portal bleibt für dich zu, du hast hier noch keine Berechtigung. Wehrlos und klein bist du jetzt hier in dieser Welt, wo du nicht dein Glück trägst, sondern dein Unglück erträgst. Zuerst musst du stärker und klüger und reifer werden, denn Stärke allein ist das Lenkrad der Geschichte. Ohnmächtig und schwach ist jedes Kind, nicht klug, denn die Klugheit muss blind ertastet werden, langsam von einem blutigen Sturz zum Nächsten, das eine Leid hinter dir, ein Neues vor dir. Hoffnung hatte das Kind, das Leben nahm es. Nun steht es da, vor einer geschlossenen Tür, wo die Freude hätte sein können, doch noch kann das Kind nicht herein. Denn diese Welt ist für ihn noch verschlossen.
Es stellte sich heraus im Laufe des Tages, dass Thomas Vater und der Vater des Rüpels in der Waschküche miteinander redeten über den Vorfall. Es ergab keine Anzeige, denn der Vater versprach Besserung für seinen Sohn, doch Jahre später noch als seine Wunden längst verheilt waren, sollte Thomas in der Zeitung lesen, dass eben jener brutale Sohn, der Gnade nicht kannte, nur Gnadenlosigkeit, wegen Drogenhandels in die lokale JVA eingewiesen wurde, doch wollte Thomas jetzt nur noch schweigen und niemals wieder an diese grausame Begegnung erinnert werden. Das Fahrrad wurde die nächsten 3 - 4 Wochen nach dem Tag nicht einmal angefasst, denn es umfing nun eine unheilvolle Gestalt, welches jedem Pech zu bringen schien, der es berührt, so dachte zumindest der achtjährige Thomas.
Es sollte einmal ein Nachbar behauptet haben, dass Thomas ein Unglücksrabe sei. War es wirklich so? Und war er der Einzige, dem derartiges widerfuhr? Gewiss nicht. Unzählige stumme Seelen gibt es, deren Schreie nur im Innersten erhallen. Eines Tages erlangte Thomas die Freude des Fahrradfahrens erneut und dieses Unrecht wiederholte sich nicht wieder.
Manchmal kommt das Licht des Tages erst zaghaft zu dir zurück, doch seien wir froh, dass es überhaupt mal da ist.
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