Das Gubbi und Herr Womms
(Eine Vorlesegeschichte für Kinder im Grundschulalter)
Der lange Morgen
Das Gubbi saß schon eine ganze Weile auf dem Fensterbrett. Während hinter ihm die Sonne ihre Strahlen durch das Glas schickte, blickte das Gubbi in das pikobello aufgeräumte Wohnzimmer. Dort saß auf einem großen Sessel Herr Womms. Das Gubbi …
Wie bitte?
Ach so, Ihr wisst nicht, was ein Gubbi ist?
Na dann will ich es Euch mal erklären.
Ein Gubbi ist ein Wesen, das nicht groß, aber auch nicht klein ist. Und wenn Ihr eins seht, wisst Ihr wie es aussieht. Ich könnte es Euch jetzt beschreiben, aber das hilft nicht. Denn Gubbis sehen immer so aus, wie man es selbst möchte. Ich könnte Euch also nur beschreiben, wie ich Gubbis sehe, aber nicht, wie Ihr sie sehen würdet.
Das gilt natürlich nur für die Zeit, in der sie sichtbar sind. Meistens bleiben Gubbis aber unsichtbar. Nicht, weil sie scheu sind, sondern weil das ihre Aufgabe einfacher macht.
Was ihre Aufgabe ist? Na, sie helfen Menschen, zu verstehen!
Das versteht Ihr nicht?
Dann lasst uns schnell wieder ins Wohnzimmer von Herrn Womms zurückkehren und das Gubbi bei seiner wundersamen Arbeit begleiten.
Herr Womms war schon alt. Nicht uralt, aber so alt, dass er seit ein paar Jahren nicht mehr arbeiten musste. Er war also viel zuhause. Herr Womms wohnte allein, eine Frau Womms gab es nicht.
Wenn man die Leute gefragt hätte, wie denn der alte Womms so sei, hätten sie wohl unterschiedlich geantwortet. Die älteren würden sagen, er sei ein Miesepeter. Andere würden ihn wohl einen Grummel heißen. Und die älteren Kids würden ihn einen Nörgler oder Hater nennen.
Herr Womms saß also in seinem Sessel und vom Fensterbrett aus beobachtete ihn das Gubbi. Er hörte Radio, aß eine Stulle mit Wurst und grummelte leise Beschimpfungen vor sich hin. Das tat der alte Womms immer, wenn ihm das, was die Dame im Radio sagte, nicht passte. Und das war recht oft so.
Das Gubbi drehte sich um und sah aus dem Fenster. Es blickte über Herrn Womms Garten, in dem blitzeblank geputzte Gartenzwerge einen Rasen bewachten, der so akkurat geschnitten war, als wäre er ein Teppich. Es fehlte nur das Schild „Rasen betreten verboten!“. Aber das stand hier nicht. Es stand nämlich im Vorgarten.
Hinter dem Rasen stand eine Hecke, halb so hoch wie ein erwachsener Mann und so dicht wie eine grüne Mauer. Dahinter war ein kleiner Park mit einer Wiese. Und dort spielten vier Kinder Fußball.
Ein Junge dribbelte und schoss einen schnellen Ball auf das Tor. Doch die Torhüterin war auf Zack und hielt den Ball mit einem gekonnten Hechtsprung. In einem hohen Bogen flog die Pille durch die Luft.
Das Gubbi schaute genau auf den Ball. Plötzlich, kaum zu merken, machte der Ball im Flug einen kleinen Schlenker. Gerade so, dass er nicht auf der Wiese im Park, sondern auf Herrn Womms‘ Rasenteppich hinter der Hecke landete.
„Oh nein!“, stöhnte die Torhüterin. Vor zwei Sekunden hatte sie sich noch über die Glanzparade gefreut, aber jetzt schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn und blickte in Richtung der Hecke.
„Du musst klingeln! Du hast ihn zuletzt berührt!“, sagte der Junge, der den Ball geschossen hatte.
„Aber du hast so hart geschossen!“, sagte ein anderes Mädchen.
Und so stritten die Kinder eine Weile. Denn keines von ihnen wollte zum alten Womms. Aber am Ende einigten sie sich, dass sie alle gemeinsam gehen würden.
Und so kam es, dass Herr Womms vier Kinder vor seinem Haus stehen sah, als er nach einem Klingeln, das ihn natürlich sehr gestört hatte, die Tür öffnete.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte Herr Womms auf die Kinder hinab.
„Ähm“, begann die Torhüterin leise, „unser Fußball ist …“
„Sprich lauter, Mädchen! Man versteht ja gar nichts“, unterbrach sie der alte Womms donnernd. „Was wollt ihr hier zur Mittagszeit?“
Erschrocken zuckten die Kinder zusammen.
Herr Womms starrte die Kinder weiter an. Seine Augenbrauen waren noch enger zusammengerückt.
Der Junge, der den Ball geschossen hatte, tippelte von einem Fuß auf den anderen und sagte: „Unser Ball ist über ihre Hecke geflogen. Würden Sie ihn uns bitte, bitte wiedergeben?“
Vier Paare Kinderaugen schauten Herrn Womms erwartungsvoll an.
Herr Womms wiederum blickte jedem der Kinder genau ins Gesicht. Dann sagte er sehr ruhig: „Natürlich bekommt ihr euren Ball zurück.“
Die Kinder sahen einander freudig an und wollten schon „Danke“ sagen, da schob Herr Womms schroff hinterher: „In einer Stunde! Nach der Mittagsruhe bekommt ihr ihn!“
„Was? Bitte nicht!“, rief die Torhüterin. „Was sollen wir denn bis dahin machen?“, fragte das andere Mädchen entsetzt.
„Ist mir egal!“, polterte Herr Womms. „Wartet halt. Und seid vor allem ruhig dabei!“
Damit drehte er sich um und die Tür fiel mit einem lauten Rumms ins Schloss.
Herr Womms ging zurück ins Wohnzimmer. Er war zufrieden. Jetzt wäre erstmal Ruhe draußen. Der Park ist ja auch kein Spielplatz. Und schon dreimal nicht neben meinem Garten, dachte er.
Das Gubbi saß derweil weiter auf der Fensterbank. Es hatte alles genau beobachtet. Und es war sich nun ganz sicher: Hier gab es einiges zu tun. Herr Womms würde kein einfacher Fall werden.
In einer Stunde würde er den Kindern den Ball also zurückgeben. Dann musste Herr Womms ohnehin aus dem Haus, denn er hatte einen Termin in der Stadt. Und überhaupt: Er verstand das Genöle der Kinder nicht. Eine Stunde geht doch schnell vorbei. Es waren ja auch nur noch achtundfünfzig Minuten und sechsundzwanzig Sekunden. Und so ließ sich der alte Womms wieder in seinen Sessel fallen und genoss die Ruhe.
Das Gubbi hockte nun gegenüber von Herrn Womms auf einer Wanduhr. Es überlegte kurz. Dann schaute es Herrn Womms an und pfiff. Es war ein kurzer Pfiff. Das kann man sagen. Wie er sich anhörte, weiß man aber nicht. Menschen können Gubbi-Pfiffe nicht hören. Sie fühlen aber ein kleines und kurzes Kitzeln.
Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr. Er biss in seine Wurststulle und hörte wieder dem Radio zu. Nur irgendwie war das Programm öde. Er wechselte den Sender. Aber auch dieser gefiel ihm nicht. Und der nächste Sender auch nicht. Herr Womms fand einfach keine Sendung, die ihn interessierte. Nirgendwo gab es etwas Spannendes. Und noch viel merkwürdiger: Er fand nichts, das ihn aufregte. Nichts, worüber er meckern konnte. So saß er in seinem Sessel und fragte sich, wie lange er wohl schon durch die Sender geschaltet hatte.
Das gibt’s doch nicht, wunderte er sich, nachdem er auf die Wanduhr geblickt hatte. Es waren gerade einmal zwei Minuten vergangen. „Ich muss mich irren“, sagte er laut zu sich selber. Er beobachtete die Zeiger der Uhr. Irgendwas konnte nicht stimmen. Der Sekundenzeiger schien vom einen Tick bis zum nächsten Tack viel länger zu brauchen als sonst.
Muss wohl die Batterie sein, war sich Herr Womms sicher.
Er grübelte darüber nach, was er nun noch machen könnte. Die Zeitung lesen? Nein, am Morgen schon gemacht. Ein Buch? Keine Lust. Aufräumen? Alles war ordentlich. Es gab nichts zu tun.
Er ging zum Fenster und blickte hinaus in den Park. Dort saßen die Kinder auf einer Bank. Ihre Füße baumelten über dem Boden. Ihre Köpfe waren auf die Hände gestützt. Gemeinsam starrten sie in Richtung von Herrn Womms‘ Haus.
„Na, da ist Euch wohl so langweilig wie mir, was?“, grummelte Herr Womms.
Fast richtig, aber nur fast, dachte das Gubbi.
Den Rest der Stunde verbrachte der alte Womms mit Auf-und-Ab-Gehen im Wohnzimmer. Mit Sitzen und Gähnen. Mit zwei weiteren vergeblichen Versuchen, im Radio ein interessantes Programm zu finden. Und mit Aus-dem-Fenster-Starren. Es half alles nichts. Auch ein Wechsel der Batterien in der Uhr beschleunigte die Zeit nicht. Herr Womms grübelte noch eine Weile, woran das wohl liegen mochte. So eine Langeweile hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr gehabt. Vermutlich zuletzt, als er noch in die Schule ging. Und das war lange her.
Endlich war es dann aber doch soweit. Herr Womms musste zu seinem Termin in die Stadt. Er holte seinen Hut und wollte schon zur Tür hinaus, da fiel ihm der Fußball wieder ein. Er drehte um, ging durchs Wohnzimmer in den Garten und schmiss den Ball über die Hecke. Ohne die Kinder eines Blickes zu würdigen, machte er auf seinem Absatz kehrt. Er war schon fast wieder im Haus, da hörte er den Jubel der Fußballer.
„Jetzt geht das wieder los!“, brummte er und betrat das Wohnzimmer.
Aus dem Augenwinkel sah er die Wanduhr. Herr Womms stoppte. Er schaute auf die Uhr und kratzte sich am Kopf. Die Zeiger gingen wieder so, wie sie es schon immer taten. Eine Sekunde war wieder eine Sekunde und eine Minute war wieder eine Minute. Merkwürdig, aber so kann ich mir wenigstens den Uhrmacher sparen, dachte Herr Womms.
Und während er das Haus verließ, fühlte er sich anders als sonst. Irgendwie erleichtert. So, als hätte jemand eine Fessel gelöst. Oder so, als hätte man ihm etwas erfüllt, auf das er schon lange gewartet hatte. Er war zufrieden.
So ging er zur Straßenbahnhaltestelle.
Auf der Wiese stürmten und flankten die vier Kinder wieder. Ihr Lachen hörte man im ganzen Park.
Ein unerwarteter Retter
Herr Womms stand in der Straßenbahn und schwitzte. Von draußen schien die Sonne durch die Fenster der Tram. Die Hitze gefiel ihm nicht. Auch, dass er keinen Sitzplatz hatte, gefiel ihm nicht. Und erst recht gefiel ihm nicht, dass die Bahn zwei Minuten Verspätung hatte.
Über Herrn Womms, an einem Griff, der von einer Haltestange hing, schaukelte das Gubbi. Es beobachtete Herrn Womms genau. Dabei sah es, wie er seine Fahrkarte in die Hosentasche steckte. Genau in die Tasche, in der er für gewöhnlich auch seine Taschentücher hatte.
Natürlich hätte Herr Womms auch eine digitale Fahrkarte auf einem Handy haben können. Aber er hatte kein Smartphone.
„Telefone sind zum Telefonieren da, basta!“, pflegte Herr Womms zu sagen. Daher hatte er nur ein altes Handy, auf dem keine Apps installiert werden konnten. Und deshalb hatte Herr Womms nun seine Papierfahrkarte in die Hosentasche gesteckt.
An der nächsten Haltestelle stiegen einige Leute aus. Zwei Reihen vor Herrn Womms wurde ein Sitzplatz frei. Er steuerte geradewegs auf ihn zu, als sich kurz vor ihm ein Junge hinsetzte. Er mochte vielleicht zehn Jahre alt sein und stand vorher mit dem Rücken zu Herrn Womms.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, polterte der alte Womms den Jungen an. Dieser schaute von seinem Sitzplatz mit großen Augen zu Herrn Womms hinauf.
„Wie frech bist du denn? Nimmst hier älteren Leuten den Sitzplatz weg!“, schimpfte der alte Womms weiter.
„Entschuldigung“, begann der Junge kleinlaut, „ich habe Sie gar nicht gesehen. Sie können …“
„Papperlapapp!“, unterbrach ihn Herr Womms mit hochrotem Kopf. „Jetzt suchst du auch noch Ausreden. Erst frech sein und dann nicht zu deinem Fehler stehen. Das habe ich gerne! Los, runter von dem Platz!“
Der Junge starrte Herrn Womms für einen Moment mit großen, feucht glänzenden Augen an. Dann stand er wortlos auf und gab den Sitz frei.
Herr Womms ließ sich auf das harte Polster fallen, grummelte noch etwas und wandte seinen Blick dem Fenster zu. Der Junge blickte sich um. Einige Erwachsene hatten die Szene beobachtet. Aber niemand sagte etwas.
Die Tram hielt an der nächsten Haltestelle. Ein Fahrkartenkontrolleur stieg zu.
Das Gubbi schaukelte derweil noch auf dem Haltegriff. Es fixierte mit seinem Blick ein Stück der Fahrkarte, das aus Herrn Womms‘ Hosentasche hinauslugte. Da gab es einen kleinen Ruck, als die Straßenbahn über eine Weiche fuhr. Dabei fiel die Fahrkarte aus Herrn Womms‘ Tasche und segelte langsam, wie ein Blatt im seichten Herbstwind, unter den Sitz.
„Die Fahrkarten, bitte!“, rief der Kontrolleur durch den Wagen. Die Leute streckten ihm ihre Handys hin. Einige zeigten auch Papierfahrkarten oder Dauerfahrausweise in Plastikhüllen. Als der Kontrolleur fast bei Herrn Womms war, pfiff das Gubbi.
Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr.
„Ihre Fahrkarte, bitte!“, sagte eine Stimme neben Herrn Womms. Er drehte sich zur Seite und blickte an dem Kontrolleur hinauf.
Meine Güte, ist der groß, dachte Herr Womms. Der Mann schien fast doppelt so hoch zu sein, wie der alte Womms auf seinem Sitzplatz. Und richtig stark wirkte er. Der muss wohl in seiner Freizeit Bodybuilding machen, war sich Herr Womms sicher.
„Natürlich, junger Mann. Hier ist sie schon“, sagte er betont freundlich in Richtung des riesigen Kontrolleurs. Dabei griff seine Hand in die Hosentasche. Seine Finger fummelten wie kleine Pinzetten in ihr herum. Aber außer einer Taschentuchpackung war dort nichts zu finden.
Herr Womms schwitzte nun noch mehr.
„Die Fahrkarte, bitte!“, wiederholte der Kontrolleur nun etwas bestimmter, während er von oben auf den alten Womms in seinem Sitz herabblickte.
„Moment, die muss hier sein“, murmelte Herr Womms mit leiser Stimme. Seine Pinzettenfinger tanzten nun wild durch alle Taschen. Doch sie fanden nichts.
„Haben Sie nun eine Fahrkarte oder nicht?“, fragte der Kontrolleur sehr ungeduldig.
Sie muss doch irgendwo sein, hoffte Herr Womms. Er schaute sich im Wagen um. Es kam ihm vor, als starrten ihn alle Fahrgäste an. Einige tuschelten etwas.
Die Schweißtropfen auf seiner Stirn verbanden sich langsam zu kleinen, fließenden Fäden und seine Wangen glühten. Außerdem schien irgendwas mit der Bahn nicht zu stimmen, glaubte Herr Womms. Er hörte ein lautes Klopfen auf seinen Ohren. Doch dann merkte er, dass es sein eigenes Herz war, das er schlagen hörte.
„So, wenn Sie keine Fahrkarte haben, dann bekomme ich jetzt Ihren Ausweis und Sie eine Strafe!“, sagte der Fahrkartenkontrolleur nun sehr streng. Dabei holte er einen kleinen Computer hervor und begann auf diesem zu tippen. „Und wenn Sie sich widersetzen, rufe ich auch die Polizei“, ergänzte der Kontrolleur.
„Um Gottes Willen! Das muss doch wirklich nicht sein. Ich hatte die Karte doch irgendwo“, stotterte Herr Womms, während er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. So hilflos und klein hatte er sich noch nie gefühlt.
„Hier, bitte sehr. Sie muss unter den Sitz gefallen sein“, hörte Herr Womms auf einmal eine freundliche Stimme. Er blickte über seine Schulter und sah den Jungen, den er vom Sitzplatz verscheucht hatte. Dieser hielt ihm mit ausgestrecktem Arm seine Fahrkarte entgegen.
„Oh! Da ist sie ja“, sagte der alte Womms, während er hörbar erleichtert ausatmete.
„Na, da haben Sie ja nochmal Glück gehabt!“, gab der Kontrolleur zurück. „Wollen Sie dem Jungen nicht Danke sagen?“
„Äh doch, ja natürlich. Danke, Junge“, murmelte Herr Womms.
„Gerne!“, sagte dieser, drehte sich um und stieg aus.
Herr Womms fühlte sich augenblicklich besser. Auch der Fahrkartenkontrolleur wirkte nicht mehr so riesig. Und Herr Womms war sich auch nicht mehr sicher, ob die anderen Fahrgäste überhaupt etwas mitbekommen hatten. Sie unterhielten sich weiter mit ihren Sitznachbarn oder sahen aus den Fenstern.
Herr Womms stieg einen Stopp später ebenfalls aus. An der Haltestelle hielt er kurz inne und atmete tief durch. Gott sei Dank hatte der Junge so gute Augen gehabt und ihm seine Beschimpfung nicht übelgenommen, freute sich Herr Womms. Auch wenn er natürlich überzeugt war, dass sein Wutanfall berechtigt war. Klar, so war Herr Womms halt.
Echt eine harte Nuss, stellte das Gubbi fest.
Fahrradketten und Prüfungsangst
Der alte Womms ging den Rest der Strecke zu seinem Termin zu Fuß. Der Weg dauerte noch ein gutes Stück. Er führte an den Rand der Innenstadt. Dort säumten hohe Bäume die Straßen und Herr Womms genoss ihren Schatten. So gelang es ihm, zufrieden zu sein und gleichzeitig auch auf etwas schimpfen zu können, nämlich die Hitze.
Neben Herrn Womms ging das Gubbi. Man hätte die beiden durchaus für ein ungleiches, aber auch irgendwie vertrautes Paar halten können, das da gemeinsam unterwegs war. Aber das tat natürlich niemand. Denn das Gubbi blieb weiterhin unsichtbar. Und so sahen weder Herr Womms noch die Passanten auf der Straße, wie das Gubbi neben dem alten Womms durch die schattigen Straßen schritt. Dabei dachte es darüber nach, was den beiden wohl als nächstes passieren würde.
Als sie schon fast am Ziel waren, bog Herr Womms in eine ruhigere Nebenstraße. Dort sah er ein Mädchen, das so alt war, dass es wohl in die zweite oder dritte Klasse ging. Es hockte auf dem Bürgersteig neben seinem Fahrrad. Mit schwarzen, verschmierten Händen versuchte es, die Fahrradkette auf das Kettenblatt zurück zu heben.
„Mensch Mädchen!“, sagte Herr Womms kopfschüttelnd. Er war bis auf ein paar Schritte an sie herangetreten. „So wird das nichts!“
„Oh – hallo. Ich weiß nicht, wie ich das repariere. Das ist mir noch nie passiert“, sagte die Fahrradfahrerin. Dabei lächelte sie Herrn Womms an. Ihr Gesicht war mit einem kleinen Streifen Kettenöl verziert, der von ihrer Nase über die rechte Wange lief.
„Na und? Nur weil was noch nie passiert ist, kann man trotzdem wissen, was zu tun ist!“, maulte Herr Womms besserwisserisch zurück. „Was lernt ihr denn heutzutage noch in der Schule? Und haben dir deine Eltern nichts beigebracht?“, fragte er vorwurfsvoll.
Das Mädchen schaute aus der Hocke zu Herrn Womms hoch. Sie kniff die Augen zusammen und gab in deutlichen Worten zurück: „Ich kann schon eine ganze Menge! Ich lerne viel und bin gut in der Schule!“
„Tja, dann lernst du wohl nicht das richtige. Typisch für die Kinder von heute. Für wirklich wichtige Dinge habt ihr halt kein Interesse!“, blökte er und stapfte an dem Mädchen vorbei die Straße hinunter.
Das Mädchen schaute ihm hinterher, stand auf und schob mit hängendem Kopf ihr Fahrrad um die nächste Ecke.
Als Herr Womms endlich an seinem Ziel angekommen war, blickte er auf ein kleines, graues Gebäude. Über dem Eingang stand: „Bürgeramt“. Hier hatte Herr Womms seinen Termin. Vor Herrn Womms öffnete sich die Schiebetüre und er trat ein. Drinnen zog er eine Nummer an einem kleinen Automaten und setzte sich in ein Wartezimmer voller anderer Leute. Das störte ihn natürlich und er grummelte viele Beschimpfungen in sich hinein.
Nach einer Weile blinkte die Nummer auf dem Zettel in Herrn Womms Hand auf dem Monitor im Wartezimmer auf. Herr Womms erhob sich und ging zu dem Büro, das ihm auf dem Monitor angezeigt wurde. Er klopfte und trat ein. Ein Mann hinter einem Schreibtisch bedeutete ihm mit einer Geste seiner Hand, dass sich Herr Womms hinsetzen solle. Das Schild auf dem Schreibtisch verriet, dass der Beamte Herr Stempelberg hieß.
Er begrüßte Herrn Womms mit einem kurzen und genuschelten: „Was möchten Sie?“
Herr Stempelberg war ein älterer Herr, dessen graue Haare wie ein Siegerkranz halbrund um eine kleine Glatze liefen. Dazu trug er ein knitteriges, kariertes Hemd mit einer Kordhose.
Herr Womms teilte Herrn Stempelberg mit, dass er einen neuen Personalausweis benötigte. Daraufhin schnaufte der Beamte aus, als wäre er grade einhundert Stufen hochgestiegen und wandte sich seinem Computerbildschirm zu. Seine Finger hackten auf die Buchstaben der Tastatur und manchmal verschob er die Computermaus auf dem Tisch. Zwischen Tastenhacken und Mausschieben stellte er Herrn Womms Fragen, wie z.B. „Geburtsort und -datum?“, „Wohnanschrift stimmt noch?“ Herr Womms beantwortete die Fragen alle sehr gewissentlich. Ein wenig fühlte er sich wie in einer Prüfung.
Das Gubbi saß derweil auf einem Stapel Akten am Rande des Schreibtischs und hörte aufmerksam zu, als Herr Stempelberg sagte: „So, Herr Womms. Fast geschafft. Nur noch eine kleine Formalie: Das biometrische Passfoto, bitte!“
Das Gubbi pfiff. Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr.
Herr Womms griff in die Brusttasche seines Hemds und holte ein akkurat zugeschnittenes Passfoto heraus. Er reichte es über den Schreibtisch und Herr Stempelberg beäugte es mit prüfendem Blick.
„Haben Sie sich beim Fotografieren wehgetan?“, fragte der Beamte mit gerunzelter Stirn.
„Nein, warum?“, wunderte sich Herr Womms.
„Weil Sie Ihren Mund so komisch verziehen und gequält schauen.“, erklärte Herr Stempelberg.
„Äh, ich lächle …“, gab Herr Womms mit leicht roten Wangen zurück.
„Ahja, lächeln, nun denn“, sagte Herr Stempelberg und schüttelte den Kopf. „Ist aber auch egal, Herr Womms, denn so wird das nichts!“, stellte er mit amtlicher Stimme fest. „Da müssen Sie nochmal einen neuen Termin vereinbaren. Denn auf biometrischen Fotos soll man nicht lächeln oder verkrampft gucken oder was auch immer Sie da tun.“
„Das wusste ich gar nicht“, stotterte Herr Woms. „Ich dachte freundlich schauen wäre besser, wenn man mal von der Polizei kontrolliert wird.“
„Aber Herr Womms, das weiß doch jedes Kind, wie Passfotos aussehen müssen!“, tadelte Herr Stempelberg.
Herr Womms fühlte sich unwohl. Irgendwie schämte er sich. Zudem erinnerte ihn Herr Stempelberg immer mehr an eine Person aus Herrn Womms‘ Jugend: an seinen alten Schuldirektor, Herrn Rügenkamp.
Vor dessen Prüfungen war der junge Womms damals immer sehr aufgeregt gewesen. Und gerade jetzt fühlte er sich, als hätte Herr Rügenkamp ihm eine Aufgabe gestellt und er könnte sie vor der ganzen Klasse nicht lösen. Und das, obwohl er ja mit Herrn Rügenkamp, der eigentlich Herr Stempelberg war, alleine im Raum saß.
Herr Stempelberg schaute Herrn Womms mit einer Mischung aus Mitleid und Enttäuschung tief in die Augen und erhob sich.
„Ja, also, ich …“, stotterte Herr Womms. Dann erhob auch er sich und verabschiedete sich: „Also, dann bis zum nächsten Mal. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe.“
Damit drehte Herr Womms sich um und eilte ohne dem Beamten die Hand zu geben aus dem Büro. Er flüchtete aus der Bürgeramt und beruhigte sich erst, als er um die nächste Straßenecke bog.
Das Gubbi flitzte hinter Herrn Womms hinterher. Na also, langsam wird es doch, dachte es.
Allein im Dunkeln
Herr Womms ging noch eine Weile durch die Stadt und dachte nach. Er dachte darüber nach, warum ihm heute so viele Gefühle begegnet waren, die er schon lange nicht mehr erlebt hatte. Und über diese Gedanken wurde es langsam dunkel.
Erschrocken sah er auf die Uhr. Er musste sich beeilen, um die letzte Straßenbahn zu bekommen. Weil die Stadt sich keinen Nachtbus leisten will, dachte er. Wozu bezahle ich eigentlich Steuern, fragte er sich mürrisch.
Hastigen Schrittes eilte er zur Haltestelle. Das Gubbi war froh, in seiner Jackentasche zu sein. So musste es sich nicht ebenfalls abhetzen.
Noch fünf Minuten, bis die Bahn kommt – prima, das hat geklappt, freute sich Herr Womms. Neben ihm stand nur eine Teenagerin, vielleicht fünfzehn oder sechzehn, mit einem kleineren Jungen, vielleicht halb so alt, an der Haltestelle.
Herr Womms blieb stehen und sah in die andere Richtung. Von Kindern und ihren Problemen hatte er heute wirklich genug gehabt, befand er.
„Mist!“, hörte er jetzt die Teenagerin stöhnen, während sie auf ihr Handy blickte. „Die Bahn fällt aus.“
„Oh manno!“, gab der Junge zurück. „Ich will nach Hause, es wird ja schon dunkel!“
Herr Womms fragte sich, ob er nicht doch so ein Smartphone brauchte. Er hätte nie erfahren, dass die Tram ausfällt. Ewigkeiten hätte er hier noch gewartet. Aber er war skeptisch. Ob das wirklich stimmte, zweifelte er. In diesem Internet sollen ja allerhand Falschinformationen verbreitet werden, überlegte er.
Am Ende entschied er aber, sich nach einer Alternative zur Straßenbahn umzusehen. Sicher ist sicher, dachte er.
Just in diesem Moment sah das Gubbi, das seinen Kopf aus der Jackentasche gesteckt und alles beobachtet hatte, ein Taxi um die Ecke biegen. Das Gubbi pfiff.
Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr. Dann pfiff auch er.
Das Taxi wendete und blieb kurz vor Herrn Womms am Straßenrand stehen.
Er griff nach der Autotür, als ihn von hinten die Teenagerin ansprach: „Entschuldigung“, sagte sie höflich.
„Was ist?“, gab Herr Womms schroff zurück.
„Könnten Sie uns wohl ein Stück mitnehmen? Wir bezahlen natürlich auch unseren Teil der Fahrt. Wir müssen nur bis zur Blumengasse.“
„Blumengasse?“, fragte Herr Womms ungläubig. „Nur bis zur Blumengasse? Was heißt hier ‚nur‘?“, maulte er. „Das sind mindestens zehn Minuten Umweg für mich. Ich hatte einen langen Tag und will heim. Ihr seid jung, ihr könnt laufen!“, legte Herr Womms fest und öffnete die Tür des Taxis.
„Aber das war die letzte Straßenbahn und mein kleiner Bruder hat Angst im Dunkeln!“, versuchte die Teenagerin Herrn Womms zu überzeugen.
Aber dieser blieb hart: „Nein, und nochmals nein! Ich nehme keine Fremden mit. Und überhaupt sollte ein Junge keine Angst haben. Außerdem ist das hier eine ordentliche Stadt, keine Großstadt. Hier passiert euch nichts.“
Mit diesen Worten stieg der alte Womms ins Taxi und knallte die Tür zu. Eine Minute später rauschte das Auto davon. Im Rückspiegel sah Herr Womms die beiden Kinder langsam kleiner werden.
Es waren vielleicht noch fünf Minuten Autofahrt, als das Taxi plötzlich ins Schlingern geriet. Der Fahrer hatte alle Mühe, das Auto unter Kontrolle zu halten. Herr Womms wurde von rechts nach links geschleudert und klammerte sich am Griff über dem Seitenfenster fest. Das Gubbi hatte es sich im Becherhalter der Mittelarmlehne gemütlich gemacht und konnte sich dort gut abstützen. Schließlich hielt das Taxi am Straßenrand.
„Herrgott!“, meckerte Herr Womms, „was soll denn das? Haben Sie getrunken?“
„Natürlich nicht!“, blökte der Taxifahrer zurück. „Warten Sie mal. Ich gucke, was los ist.“
Damit stieg er aus und ging um die Motorhaube zum rechten Vorderreifen. Er beugte sich herunter, fummelte etwas herum und stand dann auf. Der Taxifahrer öffnete die Beifahrertür und verkündete: „So Chef, die Fahrt endet hier. Der Reifen ist platt und der Querlenker hat auch was abgekriegt. Die Karre muss abgeschleppt werden.“
„Dann rufen Sie mir doch bitte einen anderen Wagen von Ihrer Zentrale“, forderte Herr Womms.
„Um die Uhrzeit? Hier draußen? Das wird nix, Meister“, gab der Fahrer kopfschüttelnd zurück. „Da kommt kein Kollege mehr. Wir sind doch nicht in einer Großstadt!“
Mit diesen Worten und einer Geste, die wie eine tiefe Verbeugung mit ausladender Armbewegung aussah, komplimentierte der Taxifahrer den alten Womms aus dem Wagen.
„Ein erwachsener Mann wie Sie wird die Viertelstunde Fußweg doch wohl schaffen! Oder haben Sie etwa Angst im Dunkeln?“, lachte der Fahrer.
Herr Womms stieg aus, grummelte leise „Natürlich nicht!“, gab dem Taxifahrer das Geld, das auf dem Taxameter stand und ging los.
Zunächst war Herr Womms damit beschäftigt, leise Beschimpfungen gegen den Taxifahrer und seinen schlechten Fahrstil zu grummeln. Wäre er ein besserer Fahrer, müsste ich jetzt nicht zu Fuß gehen, bewertete Herr Womms seine Situation.
Dann begann er sich zu orientieren und schnurstracks in Richtung Zuhause zu laufen. Der alte Womms kannte die Gegend gut und war schnell am Rande des Parks, an dem die Kinder am Morgen Fußball gespielt hatten, angekommen. Von hier aus waren es noch etwa sieben oder acht Minuten bis zu seinem Haus.
Herr Womms blickte sich um, während er durch einen kleinen Wald ging, der den Eingang zum Park markierte. Irgendwie war es heute dunkler als sonst, wunderte er sich. Seine Nackenhärchen stellten sich auf und er merkte, wie seine Ohren wie kleine Radarantennen die Umgebung abhörten. Dabei blickte er abwechselnd über die rechte und linke Schulter. Und dies so oft, dass er im Dunkeln mehrfach über Wurzeln stolperte, wobei er sich jedes Mal fürchterlich erschreckte.
„Komm, Womms, du bist den Weg schon tausend Mal gegangen, stell‘ dich nicht an!“, sprach er sich laut Mut zu. Trotzdem beschleunigte er seinen Schritt immer mehr, bis er fast schon lief. Das Gubbi in seiner Jackentasche wippte auf und ab.
Je mehr der alte Womms versuchte, sich selbst Mut zuzureden, desto stärker schlug sein Herz. Ein Rascheln dort, ein Knacken hier. Alles schien ihm zu gelten. Wurde er verfolgt? Oder waren es wilde Tiere?
Endlich war er zuhause angekommen! Völlig verschwitzt und mit zittrigen Händen kramte Herr Womms den Haustürschlüssel aus seiner Hosentasche. Er öffnete die Tür nur einen Spalt, quetschte sich hindurch und drückte die Tür mit seinem ganzen Körpergewicht ins Schloss. Dann drehte er den Schlüssel zweimal um – sicher ist sicher!
Er blickte durch das Fenster neben der Tür. Nur mit einem Auge und nur durch einen kleinen Spalt zwischen Fensterrahmen und zur Seite geschobener Gardine.
Als er sicher war, dass er nicht verfolgt wurde, schleppte er sich die Treppe zu seinem Schlafzimmer hoch. Er war fix und fertig. So eine Angst hatte er schon ewig nicht mehr gespürt.
Nachdem er sich gewaschen hatte, fiel der alte Womms hundemüde ins Bett und schlief sofort ein.
Das Gubbi saß derweil auf dem Nachttisch und beobachtete ihn genau. „Na, dann wollen wir mal!“, sagte es leise. Als es sicher war, dass Herr Womms schlief, pfiff es. Diesmal zweimal.
Ein unruhiger Traum
Herr Womms saß auf einer Parkbank. Seine Füße baumelten in der Luft. Er wartete. Worauf wusste er nicht. Er wusste nur, dass er schon lange wartete. Vor ihm lag ein großer Fußball, der von einem Gartenzwerg gehalten wurde. Der Fußball hatte Zeiger, die langsam, sehr langsam tickten. Herr Womms wurde unruhig.
Da war sie wieder: die Langeweile, die er schon am Morgen erlebt hatte. Er blickte sich um. Neben ihm saßen auf einmal die Fußballer vom vorherigen Morgen und nickten ihm zu. Dann verschwanden sie.
Plötzlich ruckte die Bank an und fuhr los. Die Stadt rauschte an ihm vorbei, als auf einmal der Junge aus der Tram neben ihm saß. Diesmal war der Junge aber größer als Herr Womms und trug eine Mütze mit Schirm. So eine, wie sie die Schaffner in Herrn Womms‘ Kindheit trugen.
Der Junge sagte nichts. Er blickte Herrn Womms nur an und klapperte mit einer alten Fahrkartenzange, die früher zum Entwerten der Tickets genutzt wurde.
Herr Womms kramte nach seiner Fahrkarte, fand aber stattdessen nur einen Zeitungsartikel. Und obwohl er ihn nicht lesen konnte, wusste er, dass darauf stand: „Erwachsener Mann fährt schwarz – Menschen sind empört!“
Herr Womms fühlte sich augenblicklich ungerecht behandelt, denn er war sich sicher, dass er ein Ticket hatte. Er fühlte sich wieder klein und hilflos, wie zuvor in der Tram. Er schaute von der Zeitung auf. Der Junge schaute ihn an und nickte.
Die Parkbank hielt direkt in Herrn Stempelbergs Büro.
Aber dort war kein Schreibtisch, sondern ein Lehrerpult und hinter diesem saß sein alter Direktor, Herr Rügenkamp. Dieser stellte Herrn Womms eine Rechenaufgabe, die Herr Womms überhaupt nicht verstand. Der Direktor schüttelte den Kopf und schlug mit einer Fahrradkette auf das Pult. Und obwohl Herr Womms nicht hörte, was Herr Rügenkamp sagte, war ihm klar, dass er eine Sechs bekommen hatte.
Er stand auf und verließ das Büro.
Die Tür wurde ihm von dem Mädchen mit dem Kettenölstreifen im Gesicht geöffnet. Herr Womms fühlte sich unwissend und unnütz – so wie am Tage im Bürgeramt. Das Mädchen sah ihn an und nickte.
Als die Bürotür zu fiel, saß Herr Womms auf einmal in einem Taxi. Dieses steuerte durch einen dunklen Wald und neben ihm, auf dem Fahrersitz, saß ein gruseliger Wolf. Dieser blickte Herrn Womms böse an und begann zu heulen. Herr Womms bekam augenblicklich wieder schlimme Angst.
Er öffnete die Tür und sprang aus dem Taxi. Als er landete war er plötzlich in seinem Flur. Augenblicklich rappelte er sich auf und schaute aus dem Fenster.
Draußen, auf seinem Rasen, direkt neben dem Schild „Betreten verboten!“, saßen die Teenagerin und der kleine Junge vom Abend. Herr Womms schlotterte und spürte wieder die Angst aus dem Park. Die beiden Kinder sahen ihn an und nickten.
Ein neuer Tag
Der alte Womms wachte auf.
Sein Kissen war schweißnass und seine Bettdecke hatte er aus dem Bett gestrampelt. Außerdem lag er quer auf der Matratze.
Was für ein Traum, dachte Herr Womms und schüttelte sich. Er stand auf und ging ins Bad. Dort nahm er erstmal eine ordentliche Dusche. Danach rasierte er sich akkurat und schaute in den Spiegel. Dort sah er natürlich sich. Aber irgendwie hatte er das Gefühl auch all die Kinder vom Vortag zu sehen. Dort in seinem Gesicht.
Nach der Dusche und der Rasur ging Herr Womms in die Küche.
Er schmierte sich eine Stulle und gönnte sich einen großen Kaffee. Das Radio ließ der alte Womms ausgeschaltet. Er musste nachdenken. Dafür brauchte er Ruhe.
Auf einmal hörte er draußen, wie etwas umfiel. Er blickte auf und sah, dass wieder der Fußball in seinem Garten gelandet war und einen seiner Zwerge umgestoßen hatte. Der war aber zum Glück nicht kaputt gegangen.
Herr Womms stand auf und ging in den Garten. Er stapfte zu seinem Zwerg, stellte ihn auf und nahm den Fußball in beide Hände. Dann ging er zur Hecke und blickte in den Park.
Dort standen die Fußballer vom Vortag und diskutierten. Sie waren uneinig, ob sie bei dem „ollen Grummel“ klingeln sollten, oder ob es besser war, in den Garten zu schleichen und den Ball heimlich zu holen. Schließlich hatten sie keine Lust nochmal eine Stunde zu warten.
Als sie den alten Womms sahen, verstummten sie und blickten ihn mit großen Augen an. Er blickte zurück.
Schließlich nahm er den Ball und warf ihn über die Hecke zu den Kindern. Die rissen die Augen noch weiter auf. Wortlos drehte Herr Womms sich um und schlurfte zurück zu seinem Haus. Dann hörte er, wie die Kinder ein lautes „Danke!“ riefen.
„Schon gut, passt schon!“, murmelte der alte Womms vor sich hin.
Zu dieser Zeit war das Gubbi schon auf dem Weg zu seinem nächsten Fall.
ENDE
(Eine Vorlesegeschichte für Kinder im Grundschulalter)
Der lange Morgen
Das Gubbi saß schon eine ganze Weile auf dem Fensterbrett. Während hinter ihm die Sonne ihre Strahlen durch das Glas schickte, blickte das Gubbi in das pikobello aufgeräumte Wohnzimmer. Dort saß auf einem großen Sessel Herr Womms. Das Gubbi …
Wie bitte?
Ach so, Ihr wisst nicht, was ein Gubbi ist?
Na dann will ich es Euch mal erklären.
Ein Gubbi ist ein Wesen, das nicht groß, aber auch nicht klein ist. Und wenn Ihr eins seht, wisst Ihr wie es aussieht. Ich könnte es Euch jetzt beschreiben, aber das hilft nicht. Denn Gubbis sehen immer so aus, wie man es selbst möchte. Ich könnte Euch also nur beschreiben, wie ich Gubbis sehe, aber nicht, wie Ihr sie sehen würdet.
Das gilt natürlich nur für die Zeit, in der sie sichtbar sind. Meistens bleiben Gubbis aber unsichtbar. Nicht, weil sie scheu sind, sondern weil das ihre Aufgabe einfacher macht.
Was ihre Aufgabe ist? Na, sie helfen Menschen, zu verstehen!
Das versteht Ihr nicht?
Dann lasst uns schnell wieder ins Wohnzimmer von Herrn Womms zurückkehren und das Gubbi bei seiner wundersamen Arbeit begleiten.
Herr Womms war schon alt. Nicht uralt, aber so alt, dass er seit ein paar Jahren nicht mehr arbeiten musste. Er war also viel zuhause. Herr Womms wohnte allein, eine Frau Womms gab es nicht.
Wenn man die Leute gefragt hätte, wie denn der alte Womms so sei, hätten sie wohl unterschiedlich geantwortet. Die älteren würden sagen, er sei ein Miesepeter. Andere würden ihn wohl einen Grummel heißen. Und die älteren Kids würden ihn einen Nörgler oder Hater nennen.
Herr Womms saß also in seinem Sessel und vom Fensterbrett aus beobachtete ihn das Gubbi. Er hörte Radio, aß eine Stulle mit Wurst und grummelte leise Beschimpfungen vor sich hin. Das tat der alte Womms immer, wenn ihm das, was die Dame im Radio sagte, nicht passte. Und das war recht oft so.
Das Gubbi drehte sich um und sah aus dem Fenster. Es blickte über Herrn Womms Garten, in dem blitzeblank geputzte Gartenzwerge einen Rasen bewachten, der so akkurat geschnitten war, als wäre er ein Teppich. Es fehlte nur das Schild „Rasen betreten verboten!“. Aber das stand hier nicht. Es stand nämlich im Vorgarten.
Hinter dem Rasen stand eine Hecke, halb so hoch wie ein erwachsener Mann und so dicht wie eine grüne Mauer. Dahinter war ein kleiner Park mit einer Wiese. Und dort spielten vier Kinder Fußball.
Ein Junge dribbelte und schoss einen schnellen Ball auf das Tor. Doch die Torhüterin war auf Zack und hielt den Ball mit einem gekonnten Hechtsprung. In einem hohen Bogen flog die Pille durch die Luft.
Das Gubbi schaute genau auf den Ball. Plötzlich, kaum zu merken, machte der Ball im Flug einen kleinen Schlenker. Gerade so, dass er nicht auf der Wiese im Park, sondern auf Herrn Womms‘ Rasenteppich hinter der Hecke landete.
„Oh nein!“, stöhnte die Torhüterin. Vor zwei Sekunden hatte sie sich noch über die Glanzparade gefreut, aber jetzt schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn und blickte in Richtung der Hecke.
„Du musst klingeln! Du hast ihn zuletzt berührt!“, sagte der Junge, der den Ball geschossen hatte.
„Aber du hast so hart geschossen!“, sagte ein anderes Mädchen.
Und so stritten die Kinder eine Weile. Denn keines von ihnen wollte zum alten Womms. Aber am Ende einigten sie sich, dass sie alle gemeinsam gehen würden.
Und so kam es, dass Herr Womms vier Kinder vor seinem Haus stehen sah, als er nach einem Klingeln, das ihn natürlich sehr gestört hatte, die Tür öffnete.
Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte Herr Womms auf die Kinder hinab.
„Ähm“, begann die Torhüterin leise, „unser Fußball ist …“
„Sprich lauter, Mädchen! Man versteht ja gar nichts“, unterbrach sie der alte Womms donnernd. „Was wollt ihr hier zur Mittagszeit?“
Erschrocken zuckten die Kinder zusammen.
Herr Womms starrte die Kinder weiter an. Seine Augenbrauen waren noch enger zusammengerückt.
Der Junge, der den Ball geschossen hatte, tippelte von einem Fuß auf den anderen und sagte: „Unser Ball ist über ihre Hecke geflogen. Würden Sie ihn uns bitte, bitte wiedergeben?“
Vier Paare Kinderaugen schauten Herrn Womms erwartungsvoll an.
Herr Womms wiederum blickte jedem der Kinder genau ins Gesicht. Dann sagte er sehr ruhig: „Natürlich bekommt ihr euren Ball zurück.“
Die Kinder sahen einander freudig an und wollten schon „Danke“ sagen, da schob Herr Womms schroff hinterher: „In einer Stunde! Nach der Mittagsruhe bekommt ihr ihn!“
„Was? Bitte nicht!“, rief die Torhüterin. „Was sollen wir denn bis dahin machen?“, fragte das andere Mädchen entsetzt.
„Ist mir egal!“, polterte Herr Womms. „Wartet halt. Und seid vor allem ruhig dabei!“
Damit drehte er sich um und die Tür fiel mit einem lauten Rumms ins Schloss.
Herr Womms ging zurück ins Wohnzimmer. Er war zufrieden. Jetzt wäre erstmal Ruhe draußen. Der Park ist ja auch kein Spielplatz. Und schon dreimal nicht neben meinem Garten, dachte er.
Das Gubbi saß derweil weiter auf der Fensterbank. Es hatte alles genau beobachtet. Und es war sich nun ganz sicher: Hier gab es einiges zu tun. Herr Womms würde kein einfacher Fall werden.
In einer Stunde würde er den Kindern den Ball also zurückgeben. Dann musste Herr Womms ohnehin aus dem Haus, denn er hatte einen Termin in der Stadt. Und überhaupt: Er verstand das Genöle der Kinder nicht. Eine Stunde geht doch schnell vorbei. Es waren ja auch nur noch achtundfünfzig Minuten und sechsundzwanzig Sekunden. Und so ließ sich der alte Womms wieder in seinen Sessel fallen und genoss die Ruhe.
Das Gubbi hockte nun gegenüber von Herrn Womms auf einer Wanduhr. Es überlegte kurz. Dann schaute es Herrn Womms an und pfiff. Es war ein kurzer Pfiff. Das kann man sagen. Wie er sich anhörte, weiß man aber nicht. Menschen können Gubbi-Pfiffe nicht hören. Sie fühlen aber ein kleines und kurzes Kitzeln.
Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr. Er biss in seine Wurststulle und hörte wieder dem Radio zu. Nur irgendwie war das Programm öde. Er wechselte den Sender. Aber auch dieser gefiel ihm nicht. Und der nächste Sender auch nicht. Herr Womms fand einfach keine Sendung, die ihn interessierte. Nirgendwo gab es etwas Spannendes. Und noch viel merkwürdiger: Er fand nichts, das ihn aufregte. Nichts, worüber er meckern konnte. So saß er in seinem Sessel und fragte sich, wie lange er wohl schon durch die Sender geschaltet hatte.
Das gibt’s doch nicht, wunderte er sich, nachdem er auf die Wanduhr geblickt hatte. Es waren gerade einmal zwei Minuten vergangen. „Ich muss mich irren“, sagte er laut zu sich selber. Er beobachtete die Zeiger der Uhr. Irgendwas konnte nicht stimmen. Der Sekundenzeiger schien vom einen Tick bis zum nächsten Tack viel länger zu brauchen als sonst.
Muss wohl die Batterie sein, war sich Herr Womms sicher.
Er grübelte darüber nach, was er nun noch machen könnte. Die Zeitung lesen? Nein, am Morgen schon gemacht. Ein Buch? Keine Lust. Aufräumen? Alles war ordentlich. Es gab nichts zu tun.
Er ging zum Fenster und blickte hinaus in den Park. Dort saßen die Kinder auf einer Bank. Ihre Füße baumelten über dem Boden. Ihre Köpfe waren auf die Hände gestützt. Gemeinsam starrten sie in Richtung von Herrn Womms‘ Haus.
„Na, da ist Euch wohl so langweilig wie mir, was?“, grummelte Herr Womms.
Fast richtig, aber nur fast, dachte das Gubbi.
Den Rest der Stunde verbrachte der alte Womms mit Auf-und-Ab-Gehen im Wohnzimmer. Mit Sitzen und Gähnen. Mit zwei weiteren vergeblichen Versuchen, im Radio ein interessantes Programm zu finden. Und mit Aus-dem-Fenster-Starren. Es half alles nichts. Auch ein Wechsel der Batterien in der Uhr beschleunigte die Zeit nicht. Herr Womms grübelte noch eine Weile, woran das wohl liegen mochte. So eine Langeweile hatte er schon eine Ewigkeit nicht mehr gehabt. Vermutlich zuletzt, als er noch in die Schule ging. Und das war lange her.
Endlich war es dann aber doch soweit. Herr Womms musste zu seinem Termin in die Stadt. Er holte seinen Hut und wollte schon zur Tür hinaus, da fiel ihm der Fußball wieder ein. Er drehte um, ging durchs Wohnzimmer in den Garten und schmiss den Ball über die Hecke. Ohne die Kinder eines Blickes zu würdigen, machte er auf seinem Absatz kehrt. Er war schon fast wieder im Haus, da hörte er den Jubel der Fußballer.
„Jetzt geht das wieder los!“, brummte er und betrat das Wohnzimmer.
Aus dem Augenwinkel sah er die Wanduhr. Herr Womms stoppte. Er schaute auf die Uhr und kratzte sich am Kopf. Die Zeiger gingen wieder so, wie sie es schon immer taten. Eine Sekunde war wieder eine Sekunde und eine Minute war wieder eine Minute. Merkwürdig, aber so kann ich mir wenigstens den Uhrmacher sparen, dachte Herr Womms.
Und während er das Haus verließ, fühlte er sich anders als sonst. Irgendwie erleichtert. So, als hätte jemand eine Fessel gelöst. Oder so, als hätte man ihm etwas erfüllt, auf das er schon lange gewartet hatte. Er war zufrieden.
So ging er zur Straßenbahnhaltestelle.
Auf der Wiese stürmten und flankten die vier Kinder wieder. Ihr Lachen hörte man im ganzen Park.
Ein unerwarteter Retter
Herr Womms stand in der Straßenbahn und schwitzte. Von draußen schien die Sonne durch die Fenster der Tram. Die Hitze gefiel ihm nicht. Auch, dass er keinen Sitzplatz hatte, gefiel ihm nicht. Und erst recht gefiel ihm nicht, dass die Bahn zwei Minuten Verspätung hatte.
Über Herrn Womms, an einem Griff, der von einer Haltestange hing, schaukelte das Gubbi. Es beobachtete Herrn Womms genau. Dabei sah es, wie er seine Fahrkarte in die Hosentasche steckte. Genau in die Tasche, in der er für gewöhnlich auch seine Taschentücher hatte.
Natürlich hätte Herr Womms auch eine digitale Fahrkarte auf einem Handy haben können. Aber er hatte kein Smartphone.
„Telefone sind zum Telefonieren da, basta!“, pflegte Herr Womms zu sagen. Daher hatte er nur ein altes Handy, auf dem keine Apps installiert werden konnten. Und deshalb hatte Herr Womms nun seine Papierfahrkarte in die Hosentasche gesteckt.
An der nächsten Haltestelle stiegen einige Leute aus. Zwei Reihen vor Herrn Womms wurde ein Sitzplatz frei. Er steuerte geradewegs auf ihn zu, als sich kurz vor ihm ein Junge hinsetzte. Er mochte vielleicht zehn Jahre alt sein und stand vorher mit dem Rücken zu Herrn Womms.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, polterte der alte Womms den Jungen an. Dieser schaute von seinem Sitzplatz mit großen Augen zu Herrn Womms hinauf.
„Wie frech bist du denn? Nimmst hier älteren Leuten den Sitzplatz weg!“, schimpfte der alte Womms weiter.
„Entschuldigung“, begann der Junge kleinlaut, „ich habe Sie gar nicht gesehen. Sie können …“
„Papperlapapp!“, unterbrach ihn Herr Womms mit hochrotem Kopf. „Jetzt suchst du auch noch Ausreden. Erst frech sein und dann nicht zu deinem Fehler stehen. Das habe ich gerne! Los, runter von dem Platz!“
Der Junge starrte Herrn Womms für einen Moment mit großen, feucht glänzenden Augen an. Dann stand er wortlos auf und gab den Sitz frei.
Herr Womms ließ sich auf das harte Polster fallen, grummelte noch etwas und wandte seinen Blick dem Fenster zu. Der Junge blickte sich um. Einige Erwachsene hatten die Szene beobachtet. Aber niemand sagte etwas.
Die Tram hielt an der nächsten Haltestelle. Ein Fahrkartenkontrolleur stieg zu.
Das Gubbi schaukelte derweil noch auf dem Haltegriff. Es fixierte mit seinem Blick ein Stück der Fahrkarte, das aus Herrn Womms‘ Hosentasche hinauslugte. Da gab es einen kleinen Ruck, als die Straßenbahn über eine Weiche fuhr. Dabei fiel die Fahrkarte aus Herrn Womms‘ Tasche und segelte langsam, wie ein Blatt im seichten Herbstwind, unter den Sitz.
„Die Fahrkarten, bitte!“, rief der Kontrolleur durch den Wagen. Die Leute streckten ihm ihre Handys hin. Einige zeigten auch Papierfahrkarten oder Dauerfahrausweise in Plastikhüllen. Als der Kontrolleur fast bei Herrn Womms war, pfiff das Gubbi.
Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr.
„Ihre Fahrkarte, bitte!“, sagte eine Stimme neben Herrn Womms. Er drehte sich zur Seite und blickte an dem Kontrolleur hinauf.
Meine Güte, ist der groß, dachte Herr Womms. Der Mann schien fast doppelt so hoch zu sein, wie der alte Womms auf seinem Sitzplatz. Und richtig stark wirkte er. Der muss wohl in seiner Freizeit Bodybuilding machen, war sich Herr Womms sicher.
„Natürlich, junger Mann. Hier ist sie schon“, sagte er betont freundlich in Richtung des riesigen Kontrolleurs. Dabei griff seine Hand in die Hosentasche. Seine Finger fummelten wie kleine Pinzetten in ihr herum. Aber außer einer Taschentuchpackung war dort nichts zu finden.
Herr Womms schwitzte nun noch mehr.
„Die Fahrkarte, bitte!“, wiederholte der Kontrolleur nun etwas bestimmter, während er von oben auf den alten Womms in seinem Sitz herabblickte.
„Moment, die muss hier sein“, murmelte Herr Womms mit leiser Stimme. Seine Pinzettenfinger tanzten nun wild durch alle Taschen. Doch sie fanden nichts.
„Haben Sie nun eine Fahrkarte oder nicht?“, fragte der Kontrolleur sehr ungeduldig.
Sie muss doch irgendwo sein, hoffte Herr Womms. Er schaute sich im Wagen um. Es kam ihm vor, als starrten ihn alle Fahrgäste an. Einige tuschelten etwas.
Die Schweißtropfen auf seiner Stirn verbanden sich langsam zu kleinen, fließenden Fäden und seine Wangen glühten. Außerdem schien irgendwas mit der Bahn nicht zu stimmen, glaubte Herr Womms. Er hörte ein lautes Klopfen auf seinen Ohren. Doch dann merkte er, dass es sein eigenes Herz war, das er schlagen hörte.
„So, wenn Sie keine Fahrkarte haben, dann bekomme ich jetzt Ihren Ausweis und Sie eine Strafe!“, sagte der Fahrkartenkontrolleur nun sehr streng. Dabei holte er einen kleinen Computer hervor und begann auf diesem zu tippen. „Und wenn Sie sich widersetzen, rufe ich auch die Polizei“, ergänzte der Kontrolleur.
„Um Gottes Willen! Das muss doch wirklich nicht sein. Ich hatte die Karte doch irgendwo“, stotterte Herr Womms, während er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischte. So hilflos und klein hatte er sich noch nie gefühlt.
„Hier, bitte sehr. Sie muss unter den Sitz gefallen sein“, hörte Herr Womms auf einmal eine freundliche Stimme. Er blickte über seine Schulter und sah den Jungen, den er vom Sitzplatz verscheucht hatte. Dieser hielt ihm mit ausgestrecktem Arm seine Fahrkarte entgegen.
„Oh! Da ist sie ja“, sagte der alte Womms, während er hörbar erleichtert ausatmete.
„Na, da haben Sie ja nochmal Glück gehabt!“, gab der Kontrolleur zurück. „Wollen Sie dem Jungen nicht Danke sagen?“
„Äh doch, ja natürlich. Danke, Junge“, murmelte Herr Womms.
„Gerne!“, sagte dieser, drehte sich um und stieg aus.
Herr Womms fühlte sich augenblicklich besser. Auch der Fahrkartenkontrolleur wirkte nicht mehr so riesig. Und Herr Womms war sich auch nicht mehr sicher, ob die anderen Fahrgäste überhaupt etwas mitbekommen hatten. Sie unterhielten sich weiter mit ihren Sitznachbarn oder sahen aus den Fenstern.
Herr Womms stieg einen Stopp später ebenfalls aus. An der Haltestelle hielt er kurz inne und atmete tief durch. Gott sei Dank hatte der Junge so gute Augen gehabt und ihm seine Beschimpfung nicht übelgenommen, freute sich Herr Womms. Auch wenn er natürlich überzeugt war, dass sein Wutanfall berechtigt war. Klar, so war Herr Womms halt.
Echt eine harte Nuss, stellte das Gubbi fest.
Fahrradketten und Prüfungsangst
Der alte Womms ging den Rest der Strecke zu seinem Termin zu Fuß. Der Weg dauerte noch ein gutes Stück. Er führte an den Rand der Innenstadt. Dort säumten hohe Bäume die Straßen und Herr Womms genoss ihren Schatten. So gelang es ihm, zufrieden zu sein und gleichzeitig auch auf etwas schimpfen zu können, nämlich die Hitze.
Neben Herrn Womms ging das Gubbi. Man hätte die beiden durchaus für ein ungleiches, aber auch irgendwie vertrautes Paar halten können, das da gemeinsam unterwegs war. Aber das tat natürlich niemand. Denn das Gubbi blieb weiterhin unsichtbar. Und so sahen weder Herr Womms noch die Passanten auf der Straße, wie das Gubbi neben dem alten Womms durch die schattigen Straßen schritt. Dabei dachte es darüber nach, was den beiden wohl als nächstes passieren würde.
Als sie schon fast am Ziel waren, bog Herr Womms in eine ruhigere Nebenstraße. Dort sah er ein Mädchen, das so alt war, dass es wohl in die zweite oder dritte Klasse ging. Es hockte auf dem Bürgersteig neben seinem Fahrrad. Mit schwarzen, verschmierten Händen versuchte es, die Fahrradkette auf das Kettenblatt zurück zu heben.
„Mensch Mädchen!“, sagte Herr Womms kopfschüttelnd. Er war bis auf ein paar Schritte an sie herangetreten. „So wird das nichts!“
„Oh – hallo. Ich weiß nicht, wie ich das repariere. Das ist mir noch nie passiert“, sagte die Fahrradfahrerin. Dabei lächelte sie Herrn Womms an. Ihr Gesicht war mit einem kleinen Streifen Kettenöl verziert, der von ihrer Nase über die rechte Wange lief.
„Na und? Nur weil was noch nie passiert ist, kann man trotzdem wissen, was zu tun ist!“, maulte Herr Womms besserwisserisch zurück. „Was lernt ihr denn heutzutage noch in der Schule? Und haben dir deine Eltern nichts beigebracht?“, fragte er vorwurfsvoll.
Das Mädchen schaute aus der Hocke zu Herrn Womms hoch. Sie kniff die Augen zusammen und gab in deutlichen Worten zurück: „Ich kann schon eine ganze Menge! Ich lerne viel und bin gut in der Schule!“
„Tja, dann lernst du wohl nicht das richtige. Typisch für die Kinder von heute. Für wirklich wichtige Dinge habt ihr halt kein Interesse!“, blökte er und stapfte an dem Mädchen vorbei die Straße hinunter.
Das Mädchen schaute ihm hinterher, stand auf und schob mit hängendem Kopf ihr Fahrrad um die nächste Ecke.
Als Herr Womms endlich an seinem Ziel angekommen war, blickte er auf ein kleines, graues Gebäude. Über dem Eingang stand: „Bürgeramt“. Hier hatte Herr Womms seinen Termin. Vor Herrn Womms öffnete sich die Schiebetüre und er trat ein. Drinnen zog er eine Nummer an einem kleinen Automaten und setzte sich in ein Wartezimmer voller anderer Leute. Das störte ihn natürlich und er grummelte viele Beschimpfungen in sich hinein.
Nach einer Weile blinkte die Nummer auf dem Zettel in Herrn Womms Hand auf dem Monitor im Wartezimmer auf. Herr Womms erhob sich und ging zu dem Büro, das ihm auf dem Monitor angezeigt wurde. Er klopfte und trat ein. Ein Mann hinter einem Schreibtisch bedeutete ihm mit einer Geste seiner Hand, dass sich Herr Womms hinsetzen solle. Das Schild auf dem Schreibtisch verriet, dass der Beamte Herr Stempelberg hieß.
Er begrüßte Herrn Womms mit einem kurzen und genuschelten: „Was möchten Sie?“
Herr Stempelberg war ein älterer Herr, dessen graue Haare wie ein Siegerkranz halbrund um eine kleine Glatze liefen. Dazu trug er ein knitteriges, kariertes Hemd mit einer Kordhose.
Herr Womms teilte Herrn Stempelberg mit, dass er einen neuen Personalausweis benötigte. Daraufhin schnaufte der Beamte aus, als wäre er grade einhundert Stufen hochgestiegen und wandte sich seinem Computerbildschirm zu. Seine Finger hackten auf die Buchstaben der Tastatur und manchmal verschob er die Computermaus auf dem Tisch. Zwischen Tastenhacken und Mausschieben stellte er Herrn Womms Fragen, wie z.B. „Geburtsort und -datum?“, „Wohnanschrift stimmt noch?“ Herr Womms beantwortete die Fragen alle sehr gewissentlich. Ein wenig fühlte er sich wie in einer Prüfung.
Das Gubbi saß derweil auf einem Stapel Akten am Rande des Schreibtischs und hörte aufmerksam zu, als Herr Stempelberg sagte: „So, Herr Womms. Fast geschafft. Nur noch eine kleine Formalie: Das biometrische Passfoto, bitte!“
Das Gubbi pfiff. Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr.
Herr Womms griff in die Brusttasche seines Hemds und holte ein akkurat zugeschnittenes Passfoto heraus. Er reichte es über den Schreibtisch und Herr Stempelberg beäugte es mit prüfendem Blick.
„Haben Sie sich beim Fotografieren wehgetan?“, fragte der Beamte mit gerunzelter Stirn.
„Nein, warum?“, wunderte sich Herr Womms.
„Weil Sie Ihren Mund so komisch verziehen und gequält schauen.“, erklärte Herr Stempelberg.
„Äh, ich lächle …“, gab Herr Womms mit leicht roten Wangen zurück.
„Ahja, lächeln, nun denn“, sagte Herr Stempelberg und schüttelte den Kopf. „Ist aber auch egal, Herr Womms, denn so wird das nichts!“, stellte er mit amtlicher Stimme fest. „Da müssen Sie nochmal einen neuen Termin vereinbaren. Denn auf biometrischen Fotos soll man nicht lächeln oder verkrampft gucken oder was auch immer Sie da tun.“
„Das wusste ich gar nicht“, stotterte Herr Woms. „Ich dachte freundlich schauen wäre besser, wenn man mal von der Polizei kontrolliert wird.“
„Aber Herr Womms, das weiß doch jedes Kind, wie Passfotos aussehen müssen!“, tadelte Herr Stempelberg.
Herr Womms fühlte sich unwohl. Irgendwie schämte er sich. Zudem erinnerte ihn Herr Stempelberg immer mehr an eine Person aus Herrn Womms‘ Jugend: an seinen alten Schuldirektor, Herrn Rügenkamp.
Vor dessen Prüfungen war der junge Womms damals immer sehr aufgeregt gewesen. Und gerade jetzt fühlte er sich, als hätte Herr Rügenkamp ihm eine Aufgabe gestellt und er könnte sie vor der ganzen Klasse nicht lösen. Und das, obwohl er ja mit Herrn Rügenkamp, der eigentlich Herr Stempelberg war, alleine im Raum saß.
Herr Stempelberg schaute Herrn Womms mit einer Mischung aus Mitleid und Enttäuschung tief in die Augen und erhob sich.
„Ja, also, ich …“, stotterte Herr Womms. Dann erhob auch er sich und verabschiedete sich: „Also, dann bis zum nächsten Mal. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe.“
Damit drehte Herr Womms sich um und eilte ohne dem Beamten die Hand zu geben aus dem Büro. Er flüchtete aus der Bürgeramt und beruhigte sich erst, als er um die nächste Straßenecke bog.
Das Gubbi flitzte hinter Herrn Womms hinterher. Na also, langsam wird es doch, dachte es.
Allein im Dunkeln
Herr Womms ging noch eine Weile durch die Stadt und dachte nach. Er dachte darüber nach, warum ihm heute so viele Gefühle begegnet waren, die er schon lange nicht mehr erlebt hatte. Und über diese Gedanken wurde es langsam dunkel.
Erschrocken sah er auf die Uhr. Er musste sich beeilen, um die letzte Straßenbahn zu bekommen. Weil die Stadt sich keinen Nachtbus leisten will, dachte er. Wozu bezahle ich eigentlich Steuern, fragte er sich mürrisch.
Hastigen Schrittes eilte er zur Haltestelle. Das Gubbi war froh, in seiner Jackentasche zu sein. So musste es sich nicht ebenfalls abhetzen.
Noch fünf Minuten, bis die Bahn kommt – prima, das hat geklappt, freute sich Herr Womms. Neben ihm stand nur eine Teenagerin, vielleicht fünfzehn oder sechzehn, mit einem kleineren Jungen, vielleicht halb so alt, an der Haltestelle.
Herr Womms blieb stehen und sah in die andere Richtung. Von Kindern und ihren Problemen hatte er heute wirklich genug gehabt, befand er.
„Mist!“, hörte er jetzt die Teenagerin stöhnen, während sie auf ihr Handy blickte. „Die Bahn fällt aus.“
„Oh manno!“, gab der Junge zurück. „Ich will nach Hause, es wird ja schon dunkel!“
Herr Womms fragte sich, ob er nicht doch so ein Smartphone brauchte. Er hätte nie erfahren, dass die Tram ausfällt. Ewigkeiten hätte er hier noch gewartet. Aber er war skeptisch. Ob das wirklich stimmte, zweifelte er. In diesem Internet sollen ja allerhand Falschinformationen verbreitet werden, überlegte er.
Am Ende entschied er aber, sich nach einer Alternative zur Straßenbahn umzusehen. Sicher ist sicher, dachte er.
Just in diesem Moment sah das Gubbi, das seinen Kopf aus der Jackentasche gesteckt und alles beobachtet hatte, ein Taxi um die Ecke biegen. Das Gubbi pfiff.
Herr Womms kratzte sich kurz am Ohr. Dann pfiff auch er.
Das Taxi wendete und blieb kurz vor Herrn Womms am Straßenrand stehen.
Er griff nach der Autotür, als ihn von hinten die Teenagerin ansprach: „Entschuldigung“, sagte sie höflich.
„Was ist?“, gab Herr Womms schroff zurück.
„Könnten Sie uns wohl ein Stück mitnehmen? Wir bezahlen natürlich auch unseren Teil der Fahrt. Wir müssen nur bis zur Blumengasse.“
„Blumengasse?“, fragte Herr Womms ungläubig. „Nur bis zur Blumengasse? Was heißt hier ‚nur‘?“, maulte er. „Das sind mindestens zehn Minuten Umweg für mich. Ich hatte einen langen Tag und will heim. Ihr seid jung, ihr könnt laufen!“, legte Herr Womms fest und öffnete die Tür des Taxis.
„Aber das war die letzte Straßenbahn und mein kleiner Bruder hat Angst im Dunkeln!“, versuchte die Teenagerin Herrn Womms zu überzeugen.
Aber dieser blieb hart: „Nein, und nochmals nein! Ich nehme keine Fremden mit. Und überhaupt sollte ein Junge keine Angst haben. Außerdem ist das hier eine ordentliche Stadt, keine Großstadt. Hier passiert euch nichts.“
Mit diesen Worten stieg der alte Womms ins Taxi und knallte die Tür zu. Eine Minute später rauschte das Auto davon. Im Rückspiegel sah Herr Womms die beiden Kinder langsam kleiner werden.
Es waren vielleicht noch fünf Minuten Autofahrt, als das Taxi plötzlich ins Schlingern geriet. Der Fahrer hatte alle Mühe, das Auto unter Kontrolle zu halten. Herr Womms wurde von rechts nach links geschleudert und klammerte sich am Griff über dem Seitenfenster fest. Das Gubbi hatte es sich im Becherhalter der Mittelarmlehne gemütlich gemacht und konnte sich dort gut abstützen. Schließlich hielt das Taxi am Straßenrand.
„Herrgott!“, meckerte Herr Womms, „was soll denn das? Haben Sie getrunken?“
„Natürlich nicht!“, blökte der Taxifahrer zurück. „Warten Sie mal. Ich gucke, was los ist.“
Damit stieg er aus und ging um die Motorhaube zum rechten Vorderreifen. Er beugte sich herunter, fummelte etwas herum und stand dann auf. Der Taxifahrer öffnete die Beifahrertür und verkündete: „So Chef, die Fahrt endet hier. Der Reifen ist platt und der Querlenker hat auch was abgekriegt. Die Karre muss abgeschleppt werden.“
„Dann rufen Sie mir doch bitte einen anderen Wagen von Ihrer Zentrale“, forderte Herr Womms.
„Um die Uhrzeit? Hier draußen? Das wird nix, Meister“, gab der Fahrer kopfschüttelnd zurück. „Da kommt kein Kollege mehr. Wir sind doch nicht in einer Großstadt!“
Mit diesen Worten und einer Geste, die wie eine tiefe Verbeugung mit ausladender Armbewegung aussah, komplimentierte der Taxifahrer den alten Womms aus dem Wagen.
„Ein erwachsener Mann wie Sie wird die Viertelstunde Fußweg doch wohl schaffen! Oder haben Sie etwa Angst im Dunkeln?“, lachte der Fahrer.
Herr Womms stieg aus, grummelte leise „Natürlich nicht!“, gab dem Taxifahrer das Geld, das auf dem Taxameter stand und ging los.
Zunächst war Herr Womms damit beschäftigt, leise Beschimpfungen gegen den Taxifahrer und seinen schlechten Fahrstil zu grummeln. Wäre er ein besserer Fahrer, müsste ich jetzt nicht zu Fuß gehen, bewertete Herr Womms seine Situation.
Dann begann er sich zu orientieren und schnurstracks in Richtung Zuhause zu laufen. Der alte Womms kannte die Gegend gut und war schnell am Rande des Parks, an dem die Kinder am Morgen Fußball gespielt hatten, angekommen. Von hier aus waren es noch etwa sieben oder acht Minuten bis zu seinem Haus.
Herr Womms blickte sich um, während er durch einen kleinen Wald ging, der den Eingang zum Park markierte. Irgendwie war es heute dunkler als sonst, wunderte er sich. Seine Nackenhärchen stellten sich auf und er merkte, wie seine Ohren wie kleine Radarantennen die Umgebung abhörten. Dabei blickte er abwechselnd über die rechte und linke Schulter. Und dies so oft, dass er im Dunkeln mehrfach über Wurzeln stolperte, wobei er sich jedes Mal fürchterlich erschreckte.
„Komm, Womms, du bist den Weg schon tausend Mal gegangen, stell‘ dich nicht an!“, sprach er sich laut Mut zu. Trotzdem beschleunigte er seinen Schritt immer mehr, bis er fast schon lief. Das Gubbi in seiner Jackentasche wippte auf und ab.
Je mehr der alte Womms versuchte, sich selbst Mut zuzureden, desto stärker schlug sein Herz. Ein Rascheln dort, ein Knacken hier. Alles schien ihm zu gelten. Wurde er verfolgt? Oder waren es wilde Tiere?
Endlich war er zuhause angekommen! Völlig verschwitzt und mit zittrigen Händen kramte Herr Womms den Haustürschlüssel aus seiner Hosentasche. Er öffnete die Tür nur einen Spalt, quetschte sich hindurch und drückte die Tür mit seinem ganzen Körpergewicht ins Schloss. Dann drehte er den Schlüssel zweimal um – sicher ist sicher!
Er blickte durch das Fenster neben der Tür. Nur mit einem Auge und nur durch einen kleinen Spalt zwischen Fensterrahmen und zur Seite geschobener Gardine.
Als er sicher war, dass er nicht verfolgt wurde, schleppte er sich die Treppe zu seinem Schlafzimmer hoch. Er war fix und fertig. So eine Angst hatte er schon ewig nicht mehr gespürt.
Nachdem er sich gewaschen hatte, fiel der alte Womms hundemüde ins Bett und schlief sofort ein.
Das Gubbi saß derweil auf dem Nachttisch und beobachtete ihn genau. „Na, dann wollen wir mal!“, sagte es leise. Als es sicher war, dass Herr Womms schlief, pfiff es. Diesmal zweimal.
Ein unruhiger Traum
Herr Womms saß auf einer Parkbank. Seine Füße baumelten in der Luft. Er wartete. Worauf wusste er nicht. Er wusste nur, dass er schon lange wartete. Vor ihm lag ein großer Fußball, der von einem Gartenzwerg gehalten wurde. Der Fußball hatte Zeiger, die langsam, sehr langsam tickten. Herr Womms wurde unruhig.
Da war sie wieder: die Langeweile, die er schon am Morgen erlebt hatte. Er blickte sich um. Neben ihm saßen auf einmal die Fußballer vom vorherigen Morgen und nickten ihm zu. Dann verschwanden sie.
Plötzlich ruckte die Bank an und fuhr los. Die Stadt rauschte an ihm vorbei, als auf einmal der Junge aus der Tram neben ihm saß. Diesmal war der Junge aber größer als Herr Womms und trug eine Mütze mit Schirm. So eine, wie sie die Schaffner in Herrn Womms‘ Kindheit trugen.
Der Junge sagte nichts. Er blickte Herrn Womms nur an und klapperte mit einer alten Fahrkartenzange, die früher zum Entwerten der Tickets genutzt wurde.
Herr Womms kramte nach seiner Fahrkarte, fand aber stattdessen nur einen Zeitungsartikel. Und obwohl er ihn nicht lesen konnte, wusste er, dass darauf stand: „Erwachsener Mann fährt schwarz – Menschen sind empört!“
Herr Womms fühlte sich augenblicklich ungerecht behandelt, denn er war sich sicher, dass er ein Ticket hatte. Er fühlte sich wieder klein und hilflos, wie zuvor in der Tram. Er schaute von der Zeitung auf. Der Junge schaute ihn an und nickte.
Die Parkbank hielt direkt in Herrn Stempelbergs Büro.
Aber dort war kein Schreibtisch, sondern ein Lehrerpult und hinter diesem saß sein alter Direktor, Herr Rügenkamp. Dieser stellte Herrn Womms eine Rechenaufgabe, die Herr Womms überhaupt nicht verstand. Der Direktor schüttelte den Kopf und schlug mit einer Fahrradkette auf das Pult. Und obwohl Herr Womms nicht hörte, was Herr Rügenkamp sagte, war ihm klar, dass er eine Sechs bekommen hatte.
Er stand auf und verließ das Büro.
Die Tür wurde ihm von dem Mädchen mit dem Kettenölstreifen im Gesicht geöffnet. Herr Womms fühlte sich unwissend und unnütz – so wie am Tage im Bürgeramt. Das Mädchen sah ihn an und nickte.
Als die Bürotür zu fiel, saß Herr Womms auf einmal in einem Taxi. Dieses steuerte durch einen dunklen Wald und neben ihm, auf dem Fahrersitz, saß ein gruseliger Wolf. Dieser blickte Herrn Womms böse an und begann zu heulen. Herr Womms bekam augenblicklich wieder schlimme Angst.
Er öffnete die Tür und sprang aus dem Taxi. Als er landete war er plötzlich in seinem Flur. Augenblicklich rappelte er sich auf und schaute aus dem Fenster.
Draußen, auf seinem Rasen, direkt neben dem Schild „Betreten verboten!“, saßen die Teenagerin und der kleine Junge vom Abend. Herr Womms schlotterte und spürte wieder die Angst aus dem Park. Die beiden Kinder sahen ihn an und nickten.
Ein neuer Tag
Der alte Womms wachte auf.
Sein Kissen war schweißnass und seine Bettdecke hatte er aus dem Bett gestrampelt. Außerdem lag er quer auf der Matratze.
Was für ein Traum, dachte Herr Womms und schüttelte sich. Er stand auf und ging ins Bad. Dort nahm er erstmal eine ordentliche Dusche. Danach rasierte er sich akkurat und schaute in den Spiegel. Dort sah er natürlich sich. Aber irgendwie hatte er das Gefühl auch all die Kinder vom Vortag zu sehen. Dort in seinem Gesicht.
Nach der Dusche und der Rasur ging Herr Womms in die Küche.
Er schmierte sich eine Stulle und gönnte sich einen großen Kaffee. Das Radio ließ der alte Womms ausgeschaltet. Er musste nachdenken. Dafür brauchte er Ruhe.
Auf einmal hörte er draußen, wie etwas umfiel. Er blickte auf und sah, dass wieder der Fußball in seinem Garten gelandet war und einen seiner Zwerge umgestoßen hatte. Der war aber zum Glück nicht kaputt gegangen.
Herr Womms stand auf und ging in den Garten. Er stapfte zu seinem Zwerg, stellte ihn auf und nahm den Fußball in beide Hände. Dann ging er zur Hecke und blickte in den Park.
Dort standen die Fußballer vom Vortag und diskutierten. Sie waren uneinig, ob sie bei dem „ollen Grummel“ klingeln sollten, oder ob es besser war, in den Garten zu schleichen und den Ball heimlich zu holen. Schließlich hatten sie keine Lust nochmal eine Stunde zu warten.
Als sie den alten Womms sahen, verstummten sie und blickten ihn mit großen Augen an. Er blickte zurück.
Schließlich nahm er den Ball und warf ihn über die Hecke zu den Kindern. Die rissen die Augen noch weiter auf. Wortlos drehte Herr Womms sich um und schlurfte zurück zu seinem Haus. Dann hörte er, wie die Kinder ein lautes „Danke!“ riefen.
„Schon gut, passt schon!“, murmelte der alte Womms vor sich hin.
Zu dieser Zeit war das Gubbi schon auf dem Weg zu seinem nächsten Fall.
ENDE