Das gute Leben

Papiertiger

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Ausgeschlafen aufwachen an einem Sonntagmorgen. Ein Frühstück in einer originalgetreuen französischen Brasserie mit Milchkaffee und Croissant. Am Vortag ein Bummel über einen idyllischen Flohmarkt mit schönen, alten Dingen. Ein Flanieren durch die Altstadt. Ein zweites Date mit der Frau Deiner Träume. Sie sieht umwerfend aus. Das Gespräch ist gut. Gegen Mittag verabschiedet ihr Euch. Das dritte Date ist wahrscheinlich und Du gehst mit einem Lächeln, fröhlich beschwingt durch die Innenstadt. Bummeln in einer Buchhandlung, die auf drei Etagen zum Verweilen einlädt. Es gibt sogar eine Ecke, in der warme Getränke angeboten werden. Du warst hier schon oft für spannende, informative Lesungen. Weiter, aber ganz entspannt, ohne Zeitdruck, Richtung Comicladen. Im Schaufenster steht liebevoll dekoriert in den Originalkartons das Hasbro-Spielzeug aus Deiner Kindheit, ein AT-AT aus „Das Imperium schlägt zurück“. Du stehst und staunst, fühlst Dich ein wenig wie als Kind vor dem Weihnachtsbaum stehend. Du betrittst den Laden. Die Verkäuferin begrüßt Dich mit Namen. Der Geruch frischer Comics. Das vielfältige Angebot, hochwertige Hardcover-Bände, relativ preiswerte Hefte. Actionfiguren. Poster. Tassen. Du schlägst einen Comic auf, dieser unvergleichliche Reiz, den kein anderes Medium bietet, die Faszination für kunstvolle, expressive Zeichnungen, das Schwelgen in Farben und all das verbunden zu einer Geschichte, die unterhält und in andere Welten entführt. Großartig!

Und dann. Vergehen zehn Jahre. Du warst viel im Internet. Hast gearbeitet, hattest zu tun, hast oft den Paketboten vor der Tür. Und nun gehst Du wieder in die Stadt und es sieht aus wie der Anfang der ersten Staffel von „The Walking Dead“. Der Lebensstrom scheint versiegt zu sein. Leerstände und Geschäfte, die sich nicht an Dich richten: Spelunken, Wettbüros, E-Zigaretten-Shops, billige Burger-Bräter. Der Lebensstrom, der das gute Leben lebendig erhält nennt sich: Geld. Und Du fühlst Dich wie in einer Virtual-Reality-Vorführung aus einem VWL-Seminar. So, liebe Studentinnen und Studenten, werden unsere Städte aussehen, wenn sie nicht mehr bereit sind für gute Waren und Dienstleistungen angemessene Preise zu bezahlen.

Was tun, wenn man Ersthelfer ist? Eine Notbeatmung. Also auf unsere Situation übertragen, einfach mal im achten Drogeriemarkt, der früher die Buchhandlung auf drei Etagen war, Seife, Duschgel und Apfel-Chips kaufen, einfach nur um den örtlichen Einzelhandel am Leben zu erhalten? Und dann ist da ja noch das größere Anliegen, den Wunsch Widerstand zu leisten. Widerstand leisten, allein schon für die geistige Gesundheit. Widerstand gegen der Zerfall, gegen den Verfall der guten Sitten, das Zerbröseln der Demokratie, der Aufstieg der Dummen, die es bis ins Weiße Haus geschafft haben. Den neuen Springsteen-Song nochmal streamen, als Akt des Widerstands? Noch einen kritischen Post in den sozialen Netzwerken teilen? Wählen gehen, klar. Demonstrieren gehen, auch das. Widersprechen, wenn jemand Dinge von sich gibt, mit denen man nicht einverstanden ist. Und vor allem: vor der eigenen Haustür kehren und integer bleiben.

Es mag noch etwas dauern. Aber das gute Leben wird zurückkehren. Es gibt so viele vernünftige, fähige, angenehme Menschen. Es tut nicht Not einen 80-jährigen Narzissten gegen einen anderen 80-jährigen Mann antreten zu lassen, zumal beide so wirken als würden sie dringend einen anständigen Mittagsschlaf brauchen. Es gibt doch mehr als genug normale Menschen unter 80. Lasst die doch mal ran an Verantwortung und die dringenden Aufgaben!

Aber was rege ich mich auf. Es wird besser werden. Und mein Leben ist ohnehin ein gutes Leben. Sorge dafür, dass es anderen auch gegönnt ist.
 

jon

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Generell:
Das ist keine Erzählung. Formal ist es eher Kurzprosa; der schwache rote Faden, der eher wie ein sich voranhangelnder Gedankenstrom daher kommt, lässt es mich am ehesten für die Rubrik Tagebuch geeignet scheinen.
Das Wort „du“ wird klein geschrieben. In Briefen „duldet“ der Duden „Du“ - aber das hier ist kein Brief.

Ausgeschlafen aufwachen an einem Sonntagmorgen. Ein Frühstück in einer originalgetreuen französischen Brasserie mit Milchkaffee und Croissant.
Das stört. Der Text macht nach dem hier einen Sprung zurück, kommt aber nicht wieder zum Sonntag zurück. Und das, was an nostalgischen Erinnerungen aufgezählt wird, ist auch nicht Sonntag-typisch.

Am Vortag ein Bummel über einen idyllischen Flohmarkt mit schönen, alten Dingen.
Sowas geht heute auch noch.

Ein zweites Date mit der Frau Deiner Träume. Sie sieht umwerfend aus. Das Gespräch ist gut. Gegen Mittag verabschiedet ihr Euch. Das dritte Date ist wahrscheinlich und Du gehst mit einem Lächeln, fröhlich beschwingt durch die Innenstadt.
Das Date hat nichts mit dem Thema zu tun, auf das der Text zusteuert. Außerdem färbt es das unmittelbar Folgende um: Das wäre vielleicht gar nicht so schön gewesen, wenn die Hochstimmung aus dem Date nicht mitgeschwungen hätte.

Das vielfältige Angebot, hochwertige Hardcover-Bände, relativ preiswerte Hefte.
Dass die Hefte (relativ) preiswert sind, würde ich in einem Text, der auf die Kritik an der Macht des Geldes hinausläuft, weglassen.

… all das verbunden zu einer Geschichte, die unterhält und in andere Welten entführt. Großartig!
Fassen wir zusammen: Das Date war toll, der Buchladen war toll und am tollsten war der Comicladen.
Im 10-Jahre-später-Teil ist (neben „kein Date“) nur das Fehlen der beiden (sich de facto ähnelnden) Läden ein Gegensatz zu hier. Daraus wird dann eine Generalkritik an … was auch immer.

Du warst viel im Internet. Hast gearbeitet, hattest zu tun, hast oft den Paketboten vor der Tür.
Zum Thema gehört hier nur der Teil mit den Paketen (Zeichen für das Einkaufsverhalten). Das andere ist Füllmaterial.

Der Lebensstrom scheint versiegt zu sein. Leerstände und Geschäfte, die sich nicht an Dich richten: Spelunken, Wettbüros, E-Zigaretten-Shops, billige Burger-Bräter.
Das Problem: Für diese Elemente gibt es oben kein Gegenstück. Läden, die sich nicht an das erzählende Ich wenden, gab es ganz sicher auch vor zehn Jahren schon (so lange ist das ja nicht her).

Der Lebensstrom, der das gute Leben lebendig erhält nennt sich: Geld.
Auch dazu gibt es kein Gegenstück.
Geld ist kein Strom. Der Strom, den du meinst, besteht aus Geld.

So, liebe Studentinnen und Studenten, werden unsere Städte aussehen, wenn sie nicht mehr bereit sind für gute Waren und Dienstleistungen angemessene Preise zu bezahlen.
Wer? Meinst du „wenn Sie nicht mehr bereit sind“?

Was tun, wenn man Ersthelfer ist?
Wozu diese Wendung? Vor allem: Was, wenn man das nicht ist? Dann ist das Folgende obsolet.

Und dann ist da ja noch das größere Anliegen, den Wunsch Widerstand zu leisten. Widerstand leisten, allein schon für die geistige Gesundheit. Widerstand gegen der Zerfall, gegen den Verfall der guten Sitten, das Zerbröseln der Demokratie, der Aufstieg der Dummen, die es bis ins Weiße Haus geschafft haben.
Das (und das Folgende) ist ein neues Thema, das hat mit dem bisherigen Laden-Thema (vielleicht auch dem „Ambiente im öffentlichen Raum“) nichts zu tun.

Es tut nicht Not einen 80-jährigen Narzissten gegen einen anderen 80-jährigen Mann antreten zu lassen, zumal beide so wirken als würden sie dringend einen anständigen Mittagsschlaf brauchen.
Das verstehe ich nicht – welche zwei 80-Jährige?

Es gibt doch mehr als genug normale Menschen unter 80. Lasst die doch mal ran an Verantwortung und die dringenden Aufgaben!
Auch das verstehe ich nicht. Die meisten Entscheider und Akteure sind unter 80, zum Teil deutlich drunter.

Sorge dafür, dass es anderen auch gegönnt ist.
Das richtige Wort hier ist „vergönnt“.
 

jon

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Mal noch die Korrektorat (außer das mit dem du/Du):

Und dann. Vergehen zehn Jahre.
Das mit Punkt zu trennen, ist inhaltlich nicht gerechtfertigt und erzeugtauch keine sinnvolle Betonung. Und dann vergehen zehn Jahre.

Du warst viel im Internet. Hast gearbeitet, hattest zu tun, hast oft den Paketboten vor der Tür.
Zeitfehler. hattest

Der Lebensstrom, der das gute Leben lebendig erhältKOMMA nennt sich: Geld.
Der Doppelpunkt ist formal falsch. Man schreibt ja auch nicht „Mein Name ist: Johanna.“ oder
(Genau genommen nennt sich der Lebensstrom nicht, aber das ist wohl inzwischen als Synonym für „heißt“ oder „ist“ akzeptiert.)

So, liebe Studentinnen und Studenten, werden unsere Städte aussehen, wenn sie nicht mehr bereit sindKOMMA für gute Waren und Dienstleistungen angemessene Preise zu bezahlen.
… Duschgel und Apfel-Chips kaufen, einfach nurKOMMA um den örtlichen Einzelhandel am Leben zu erhalten?
Und dann ist da ja noch das größere Anliegen, den WunschKOMMA Widerstand zu leisten.
der
… oder meinst du: „… dem Wunsch Widerstand zu leisten.“? Semantisch würde das gehen, aber ich wüsste jetzt nicht, wie das inhaltlich passen könnte.

Widerstand gegen der Zerfall, gegen den Verfall der guten Sitten, das Zerbröseln der Demokratie, der Aufstieg der Dummen, die es bis ins Weiße Haus geschafft haben.
den

Es tut nicht NotKOMMA einen 80-jährigen Narzissten gegen einen anderen 80-jährigen Mann antreten zu lassen, zumal beide so wirkenKOMMA als würden sie dringend einen anständigen Mittagsschlaf brauchen.
not (Das Verb heißt nottun.)
 

Papiertiger

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Vielen Dank für das sehr umfangreiche Lektorat und die gut begründete Kritik. Ich lasse das sacken und schreibe den nächsten Text dann idealerweise besser. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Das "Ihnen" schreibe ich groß, aus Höflichkeit
 

jon

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Vielen Dank für das sehr umfangreiche Lektorat und die gut begründete Kritik. Ich lasse das sacken und schreibe den nächsten Text dann idealerweise besser. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Das "Ihnen" schreibe ich groß, aus Höflichkeit
Hüstel: Das „Ihnen“ gehört auch großgeschrieben, weil es eine Beugung von „Sie“ ist. ;)
Aber schön, wenn es hilfreich war.
 



 
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