Als Oskar gegen Mittag die Küche betrat, um sich einen Kaffee zu machen (er war gerade aufgestanden), stand seine Mutter Susanne bereits an der Spüle und reinigte rasch und konzentriert die Stapel an schmutzigen Tellern und Gläsern neben ihr.
„Morgen.“
„Ja, morgen“, sagte sie, ohne den Blick von ihrer Arbeit abzuwenden.
Oskar schaute in den Kühlschrank. „Haben wir keine Milch mehr?“
Susanne legte die Spülbürste beiseite. „Woher soll ich das wissen? Bin ich die Einzige, die dafür zuständig ist?“
„Hab ich doch gar nicht gesagt, ich hab doch nur gefragt.“
Susanne knallte die Bürste in die Spüle. „Ich hab die Milch vergessen, okay? Elmer hätte auch mal dran denken können, aber der fühlt sich für gar nichts hier verantwortlich.“ Oskar beschloss, seinen Kaffee heute ohne Milch zu trinken. Mit der Tasse in der Hand lief er vorsichtig ins Wohnzimmer.
Er warf sich aufs Sofa, nahm die Fernbedienung und startete, halb im Liegen, die nächste Folge „Breaking Bad“. Schwarzen Kaffee hatte er noch nie gemocht. Er schmeckte einfach nur nach heißem, sehr bitterem Wasser.
Er erkannte an den Schritten auf der Treppe, dass sein Vater Elmer jetzt nach unten kam.
„Morgen, Oskar“, murmelte er tonlos und lief direkt weiter in die Küche.
Am Wochenende schlief auch sein Vater meistens bis zum Mittag, teils auch länger.
Oskar hörte das Rattern der Kaffeemaschine und einige Sekunden später die Stimme seines Vaters: „Fick doch die Wand an! Nicht mal mehr scheiß Milch ist da!“
Die Küchentür wurde zugeknallt, und Susanne lief leise vor sich hinschimpfend die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Zum Abendessen hatte Susanne Lasagne und Salat gemacht. Sie hatten schon seit Wochen nicht mehr gemeinsam gegessen, aber heute hatte seine Mutter darauf bestanden. Oskar nahm sich erneut vom Salat und achtete darauf, sich möglichst viele von den Oliven auf den Teller zu tun.
„Du hast einen guten Appetit heute“, sagte seine Mutter. „Bedeutet das, du hast dieses Zeug heute mal nicht genommen?“
„Du tust so, als würde ich das jeden Tag machen, Mama. Ich mach das nur, wenn's gar nicht anders geht.“
Sie schnaubte: „Offensichtlich geht es bei dir nie anders. Anstatt einfach mal die Zähne zusammenzubeißen ...“ Sie sprach nicht weiter.
Elmer schob seinen noch fast vollen Teller von sich. „Ich kann das alles nicht mehr hören. Ich hab's so satt.“
Oskar starrte auf einen Punkt auf dem Tisch. Das Meth nahm er seit fast einem Jahr. Am Anfang war es einfach göttlich gewesen. Mittlerweile nahm er es nur noch, weil sich ohne es alles unerträglich anfühlte.
„Du kannst es also nicht mehr hören, Elmer? Du hast doch kaum was damit zu schaffen! Hast du ihn schon ein einziges Mal zur Suchtberatung gefahren oder warst bei ihm, wenn er seine psychotischen Phasen gehabt hat?“
Elmer machte einen resignierten Laut. „Ist doch nicht meine Schuld, wenn Oskar so was Dummes macht. Soll ich das neben der Arbeit auch noch machen, oder wie denkst du dir das?“
Susanne schwieg. Oskar wusste, dass sie darauf vieles hätte erwidern können. Stattdessen sagte sie: „Egal. Reden wir über was anderes. Habt ihr euch schon überlegt, was wir mit Norbert und Claudia unternehmen könnten, wenn sie nächste Woche kommen?“
Norbert und Claudia waren ein Ehepaar, das seine Eltern letztes Jahr im Italienurlaub kennengelernt hatten. Sie hatten sich schnell und intensiv angefreundet, aber seitdem nicht mehr gesehen. Seine Mutter hatte den beiden schon lange angeboten, sie mal besuchen zu kommen, und nächsten Dienstag würden sie von Münster aus hierherkommen. Immerhin eine sechsstündige Autofahrt. Deshalb sollten sie auch gleich für mehrere Tage bleiben.
Elmer stöhnte. „Ich glaub, ich schaff das nicht, Susanne. Norbert ist einfach so anstrengend.“
Susanne stand auf und nahm ihren Teller und das Besteck. „Wenn einem immer alles zu viel ist, lebt man am Ende überhaupt nicht mehr. Dann kann man sich gleich begraben lassen.“
Dann räumte sie den Tisch ab, während Elmer in sein Handy schaute und Oskar den Rest des Dressings aus dem Salatteller schlürfte.
Oskar kniete auf dem Wohnzimmerteppich und sammelte Stofffusseln. Nachdem er einen ganzen Haufen zusammenhatte, versuchte er, sie zu zählen. Er kam bis „siebzehn“, dann wusste er nicht mehr, bis wohin er gekommen war, rief „Scheiße!“ und begann wieder von vorn. Es war dunkel draußen, aber er hatte keine Ahnung, ob es 22 Uhr oder vielleicht schon 3 Uhr war. Langsame Schritte kamen die Treppe hinunter. „Oskar?“
Er schreckte hoch. „Mama? Ich bin gleich fertig damit. Was ist ... Kannst du nicht schlafen?“
Sie setzte sich neben ihn auf den Teppich. „Nein. Ich war schon fast weg, dann hat der scheiß Nachbar von gegenüber wieder seine dumme Katze reingerufen, und das war's dann für mich. Ich hab gerade eben noch 'ne Zolpidem genommen, dann hab ich dich gehört.“
„Sorry, Mama.“
Sie streichelte seinen Unterarm. „Ist nicht so schlimm. Bist du wieder am Zählen?“
Er verstand die Frage nicht sofort. Nach einer Weile sagte er: „Glaub schon. Zum Glück ist Papa nicht wach geworden.“
Sie lachte freudlos. „Nein, den weckt so schnell nichts.“
Beide schwiegen eine Weile.
Dann sagte Susanne mit veränderter, verwaschener Stimme: „Ja, Elmer ... Ich hab in letzter Zeit oft daran gedacht, wie wir uns kennengelernt haben.“
Oskar setzte sich aufs Sofa.
„Er ist mir gleich aufgefallen und ich hab ihn dann angesprochen. Ich hab gedacht, er wär Türke und war dann ziemlich enttäuscht, als er den Mund aufgemacht hat und reinstes Hochdeutsch rauskam.“
Oskar spielte mit der Decke, die über dem Sofa hing. Er hatte diese Geschichte schon oft gehört.
Susanne lachte. „Und dann hab ich mich mit ihm verabredet. Wir wollten uns vor der Disco treffen. Ich hab fast 'ne Stunde auf ihn gewartet. Ich wollte gerade gehen, und glaub mir, danach hätte ich mich nie wieder mit ihm getroffen, und dann ist er doch noch gekommen. Genau in der Sekunde, als ich gerade gehen wollte. Was ist das für ein komischer Zufall?“ Ihre Stimme war immer verwaschener geworden, und Oskar hatte Mühe, sie noch zu verstehen. Anscheinend hatte sie das Zolpidem heute richtig high gemacht. Susanne saß schweigend auf dem Teppich und blickte nachdenklich auf irgendeinen Punkt an der Wand.
Dann lachte sie. Es war ein merkwürdiges Lachen. „Wenn er doch nur eine Minute später gekommen wäre ...“
Oskar atmete schwer. Seine Mutter versuchte aufzustehen, aber ihre Beine zitterten. „Mir ist irgendwie schwindlig.“
Er stand vom Sofa auf und griff ihr unter die Arme. „Das ist nur wegen des Zolpidems, Mama.“
Er half ihr vorsichtig die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.
Susanne hatte ein mehrgängiges Mittagessen zubereitet. Zuerst gab es zwei verschiedene Salate, dazu Aufbackbrötchen mit Kräuterbutter. Als Hauptgericht einen großen Topf Spaghetti Carbonara. Hinterher noch Vanilleeis mit heißen Himbeeren.
Norbert und Claudia schienen zufrieden und nahmen sich von allem mindestens zwei Mal.
Am ersten Abend ihres Besuchs hatte Susanne einfache Spaghetti mit Tomatensauce gemacht. Als sie fertig gegessen hatten, hatte Norbert offensichtlich gedacht, dass dies unmöglich schon alles sein konnte, und hatte dann seine Enttäuschung kaum verbergen können. Später hatte er Susanne dann gefragt, ob noch Brot im Haus wäre, da er noch nicht satt sei. Deshalb hatte Susanne sich heute ins Zeug gelegt.
Norbert tunkte ein Stück Kräuterbaguette in das Salatdressing. Bevor er zu Ende gekaut hatte, sagte er: „Susanne, ich habe zwei neue Songs geschrieben. Wir hören sie uns nach dem Essen an, oder?“ Als er fertig gesprochen hatte, spülte er seinen Bissen mit etwas Wein hinunter.
„Jetzt muss ich erst mal den Tisch abräumen und die Küche machen, Norbert“, sagte Susanne lächelnd.
Norbert wirkte irritiert. „Magst du keine Musik, Susanne?“
Nachdem schließlich auch Norbert satt zu sein schien, halfen Oskar und Elmer Susanne bei der Küchenarbeit.
Norbert und Claudia hatten beschlossen, einen kleinen Verdauungsspaziergang um die Häuser zu machen. Nachdem die Haustür hinter ihnen zugefallen war, sagte Susanne lächelnd: „Ja, Norbert und seine Gitarrensongs. Er glaubt echt, das ist das Wichtigste auf der Welt. Wenn sie nur wenigstens gut wären ...“
Oskar lachte.
„Die beiden sind manchmal wie Kinder, vor allem Norbert. Aber ich finde das so süß“, sagte sie.
Elmer stellte langsam und ungeschickt die Teller in die Spülmaschine. „Aber die haben schon einen an der Waffel. Und was du dir schon wieder alles bieten lässt, Susanne. So was würde ich mir nie gefallen lassen.“
Susanne antwortete nicht darauf. Sie spülte und trocknete die benutzten Teller.
„Du darfst die beiden nicht so beurteilen wie andere Leute. Wenn man seinen kleinen Sohn so plötzlich und auch noch so tragisch verliert, dann muss man ja irgendwie durchdrehen. Und Norbert findet eben einen Sinn in seinen Gitarrenliedern. Mir gefällt so was.“
Elmer schloss die Spülmaschine und lief zur Küchentür. Anscheinend hielt er seine Arbeit hier für beendet. Im Türrahmen sagte er noch: „Du hast halt wirklich einen Narren an den beiden gefressen, Susanne.“
Norbert und Claudia waren mittlerweile seit vier Tagen zu Besuch und würden morgen abreisen. Susanne und Norbert saßen zusammen im Wohnzimmer auf dem Sofa. Elmer hatte sich mal wieder nicht gut gefühlt und sich hingelegt, Oskar war mit Claudia in die Stadt gegangen.
„Susanne, ich schreib gerade einen neuen Song. Es geht um eine alte Frau, die sich noch mal verliebt. Der Text ist schon fertig und die Melodie hab ich im Kopf. Aber hier werd ich damit nicht mehr fertig. Ich schick dir den Song dann wieder über WhatsApp.“
„Dann kann ich mich ja auf was freuen.“ Sie hoffte, dass ihre Stimme nicht ironisch geklungen hatte.
Nach einem kurzen Schweigen sagte Norbert mit ernster Stimme: „Ich mag deine Familie wirklich total gern, Susanne. Jeden Einzelnen von ihnen.“
Susanne legte die Beine übereinander. „Wie man's nimmt.“
Er blickte sie erst an. „Weißt du, Probleme gibt's in jeder Familie, man sieht es halt von außen oft nicht.“
Susannes Mund wurde schmaler. Sie murmelte etwas, das Norbert nicht verstehen konnte.
„Entschuldigung, was hast du gesagt?“
Sie blickte auf ihre Hände und schluckte dann. „Nur, dass man sich in anderen Familien gegenseitig hilft. Hier bin ich irgendwie die Einzige, die sich zuständig fühlt. Oskar tut gar nichts, damit es ihm wieder besser geht, ständig nimmt er dieses scheiß Zeug, das ist seine einzige Lösung für alles. Und Elmer. Egal ...“
„Sag nicht 'egal'. Was ist mit Elmer?“
Sie blickte kurz zur Decke, dann schaute sie auf den Boden. „Kannst du dir vorstellen, wie schlimm diese Sache mit Oskar für mich ist? Ich geh daran kaputt! Und Elmer tut so, als würde ihn das gar nichts angehen. Jeder hier lässt sich einfach nur noch komplett gehen und ich, ich muss immer ...“ Ihre Stimme brach. Sie atmete einmal kontrolliert ein und aus. „Ich hab das halt so satt.“
Norbert nickte.
„Ich hab das so was von ... so was von beschissen satt, verdammte Scheiße!“, schrie sie.
Norbert war kurz zusammengezuckt. Dann nickte er nachdenklich: „Weißt du, ich glaub, Oskar hält es gerade einfach nicht anders aus. Er ist so sensibel, einfach zu zart für die Welt. Und Elmer ist ein Mensch, der nicht viel Kraft hat. Nicht alle sind wie du, Susanne. Aber er liebt Oskar wahnsinnig, das spürt man.“
Susanne schwieg.
„Er war so was von stolz, als er mir Oskars Bilder gezeigt hat, wie ein Kind. 'Ist das nicht genial?', hat er gesagt.“
Susanne blickte ihn scharf an. „Ja, kurz mal ein paar Bilder loben kostet ja auch nichts.“
Norbert schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Unser Paul hat immer Gedichte geschrieben. Und da war er gerade mal zehn. Sie waren einfach wunderschön. Ich hab ihm das auch oft gesagt.“
Er drehte sein Gesicht von ihr weg und schwieg. Susanne legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Unterarm. Er lag dort ein paar Sekunden, dann zog Norbert seinen Arm weg und sagte mit jetzt wieder festerer Stimme: „Oskars Bilder sind wirklich toll. Ich glaub, er hat das von Elmer. Elmer hat ein Gefühl für Schönheit. Ich hab das gemerkt, als ich ihm meine Lieder vorgespielt hab, und auch als er Oskars Bilder angeguckt hat.“
Susanne lächelte jetzt. „Kann schon sein.“
Man hörte, wie ein Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde. Oskar und Claudia kamen herein. „Wir sind wieder da!“, rief Oskar durch den Flur.
Am Samstag (Norbert und Claudia waren inzwischen abgereist) fing es an zu schneien. Schon die letzten Wochen war es relativ kalt gewesen, aber es war nie über einen dünnen Schneeregen hinausgegangen. Aber jetzt schneite es also, auch wenn der Schnee nur wenige Minuten liegen blieb, bevor er sich zu einer schleimigen Nässe auf den Straßen verwandelte. Susanne hatte Elmer und Oskar dazu überreden können, einen Ausflug in den Schwarzwald zu machen. Die Region lag einige hundert Meter höher, deshalb konnte man mit einer richtigen Schneelandschaft rechnen. Die Fahrt dauerte etwa 45 Minuten, während derer die Landschaft immer weißer und einsamer wurde. Schließlich parkten sie den Wagen am Rand eines Waldgebiets. Oskar nahm eine Dose Bier mit aus dem Auto. Vor der Hinfahrt hatte er einige Krümel der Kristalle, die in Alufolie verpackt in seinem Schrank lagen, zerkleinert und durch die Nase gezogen. Wenn er schon bei diesem Ausflug mitmachte, wollte er ihn wenigstens ein bisschen genießen können. Sie folgten einem schmalen Wanderweg immer tiefer in den Wald hinein. Oskars Schritte über die frische Schneedecke machten ein merkwürdig befriedigendes Geräusch. Seine Zehen waren etwas taub geworden. Die Zweige der Fichten hingen unter der Last der Schneemassen tief herab. „Ist das nicht wunderschön? Und so was praktisch direkt vor unserer Haustür. Leute aus Asien kommen extra für so was hierher“, rief Susanne.
„Es ist echt total schön“, sagte Oskar.
Seine Mutter hatte seit mehreren Tagen kaum geschlafen und die Schmerzen in ihrer linken Schulter waren immer stärker geworden.
Oskar behielt den letzten Schluck des Bieres lange in der Dose. Es beruhigte ihn immer, wenn noch ein Rest da war, auch wenn das bedeutete, dass er gezwungen war, die Dose in seiner Hand zu behalten, die mittlerweile von der Kälte wehtat.
Der Weg machte jetzt eine scharfe Biegung und eröffnete den Blick auf eine weite, nächtlich dunkle Landschaft, die durch den Schnee in ein ganz zartes Licht getaucht wurde. Nichts versperrte die Sicht, und man konnte die Landschaft mehrere Kilometer weit überblicken.
„Wow! Das ist doch der Hammer!“, rief Elmer. Er klang aufgeregt und bewegt. „Habt ihr so was schon mal gesehen? Da kommt man sich doch irgendwie ganz klein vor!.“ Elmer blickte gedankenverloren in die Ferne. Oskar beobachtete ihn dabei und lächelte. Aber da war auch so ein schweres Gefühl auf seiner Brust.
Der Rückweg fühlte sich viel kürzer an als der Hinweg. Oskar freute sich auf die warme Luft der Klimaanlage im Wagen.
„So was müssen wir doch wirklich öfter machen“, sagte Susanne mit munterer Stimme.
Oskar trank den letzten Schluck Bier, warf die Dose zwischen die Bäume und steckte seine tauben Hände in die Hosentaschen.
Für die Rückfahrt empfahl das Navi eine andere Route als vorhin. Anscheinend ging es schneller über die Autobahn. Elmer hielt das Lenkrad wie immer mit beiden Händen und fuhr sehr langsam, da die Landstraße stellenweise gefährlich glatt war. Er schaltete das Fernlicht ein.
Jetzt hörte Oskar seine Mutter sagen: „Du machst ja immer noch das mit den Augenbrauen, Elmer. Ich hab gedacht, du machst das schon seit Jahren nicht mehr.“
„Ist das jetzt auch wieder ein Problem?“, fragte Elmer.
Susanne legte die Füße aufs Armaturenbrett. „Eigentlich hab ich das ganz anders gemeint. Egal.“
Sie nahmen die Auffahrt auf die Autobahn. Heute Abend gab es kaum Verkehr.
Elmer beschleunigte auf 120 km/h, blieb aber auf dem Mittelstreifen. Seit zwanzig Minuten hatte niemand mehr etwas gesagt. Elmer schaltete das Radio ein und zappte durch die Sender.
„Hey Susanne, das ist 'Year of the Cat'! Kennst du das noch? Das haben wir doch damals immer gehört, als wir zum ersten Mal nach Griechenland gefahren sind.“
Oskar kannte den Song nicht, aber lauschte ihm jetzt aufmerksam.
„Ja, da waren wir noch jünger“, sagte Susanne mit nachdenklicher Stimme.
Sie fuhren jetzt in einen Tunnel. Dunkelheit wechselte sich ab mit kurzen, regelmäßig wiederkehrenden Lichtblitzen.
Oskar konnte jetzt sehen, wie Elmer seine rechte Hand auf Susannes Knie legte. Sie reagierte nicht darauf.
Der Song war zu Ende, und Elmer schaltete das Radio aus. Als das Wageninnere von der nächsten Laterne beleuchtet wurde, sah Oskar die Hand seiner Mutter. Sie lag jetzt auf Elmers Hand.
Oskar ließ das Fenster herunter und hielt sein Gesicht ganz nahe daran. Seine Haare wurden zerzaust.
Die Luft im Tunnel roch abgestanden und gleichzeitig belebend.
„Mach das Fenster rauf! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass die Abgase im Tunnel krebserregend sind?“, rief seine Mutter.
Er kurbelte das Fenster wieder hoch. „Sorry, Mama, ich hab's echt vergessen.“
Der Tunnel war offenbar sehr lang. Gedämpftes Licht und Dunkelheit wechselten in beruhigender Regelmäßigkeit. Oskar fühlte seinen Körper schwer werden. Als er aufblickte, sah er, dass seine Mutter ihn im Rückspiegel beobachtete und lächelte. Er gähnte und rutschte tiefer in den Rücksitz. Die drei saßen im Wagen, ganz dicht beieinander. Als das Auto über ein tiefes Schlagloch fuhr, schreckte er noch einmal hoch.
„Morgen.“
„Ja, morgen“, sagte sie, ohne den Blick von ihrer Arbeit abzuwenden.
Oskar schaute in den Kühlschrank. „Haben wir keine Milch mehr?“
Susanne legte die Spülbürste beiseite. „Woher soll ich das wissen? Bin ich die Einzige, die dafür zuständig ist?“
„Hab ich doch gar nicht gesagt, ich hab doch nur gefragt.“
Susanne knallte die Bürste in die Spüle. „Ich hab die Milch vergessen, okay? Elmer hätte auch mal dran denken können, aber der fühlt sich für gar nichts hier verantwortlich.“ Oskar beschloss, seinen Kaffee heute ohne Milch zu trinken. Mit der Tasse in der Hand lief er vorsichtig ins Wohnzimmer.
Er warf sich aufs Sofa, nahm die Fernbedienung und startete, halb im Liegen, die nächste Folge „Breaking Bad“. Schwarzen Kaffee hatte er noch nie gemocht. Er schmeckte einfach nur nach heißem, sehr bitterem Wasser.
Er erkannte an den Schritten auf der Treppe, dass sein Vater Elmer jetzt nach unten kam.
„Morgen, Oskar“, murmelte er tonlos und lief direkt weiter in die Küche.
Am Wochenende schlief auch sein Vater meistens bis zum Mittag, teils auch länger.
Oskar hörte das Rattern der Kaffeemaschine und einige Sekunden später die Stimme seines Vaters: „Fick doch die Wand an! Nicht mal mehr scheiß Milch ist da!“
Die Küchentür wurde zugeknallt, und Susanne lief leise vor sich hinschimpfend die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Zum Abendessen hatte Susanne Lasagne und Salat gemacht. Sie hatten schon seit Wochen nicht mehr gemeinsam gegessen, aber heute hatte seine Mutter darauf bestanden. Oskar nahm sich erneut vom Salat und achtete darauf, sich möglichst viele von den Oliven auf den Teller zu tun.
„Du hast einen guten Appetit heute“, sagte seine Mutter. „Bedeutet das, du hast dieses Zeug heute mal nicht genommen?“
„Du tust so, als würde ich das jeden Tag machen, Mama. Ich mach das nur, wenn's gar nicht anders geht.“
Sie schnaubte: „Offensichtlich geht es bei dir nie anders. Anstatt einfach mal die Zähne zusammenzubeißen ...“ Sie sprach nicht weiter.
Elmer schob seinen noch fast vollen Teller von sich. „Ich kann das alles nicht mehr hören. Ich hab's so satt.“
Oskar starrte auf einen Punkt auf dem Tisch. Das Meth nahm er seit fast einem Jahr. Am Anfang war es einfach göttlich gewesen. Mittlerweile nahm er es nur noch, weil sich ohne es alles unerträglich anfühlte.
„Du kannst es also nicht mehr hören, Elmer? Du hast doch kaum was damit zu schaffen! Hast du ihn schon ein einziges Mal zur Suchtberatung gefahren oder warst bei ihm, wenn er seine psychotischen Phasen gehabt hat?“
Elmer machte einen resignierten Laut. „Ist doch nicht meine Schuld, wenn Oskar so was Dummes macht. Soll ich das neben der Arbeit auch noch machen, oder wie denkst du dir das?“
Susanne schwieg. Oskar wusste, dass sie darauf vieles hätte erwidern können. Stattdessen sagte sie: „Egal. Reden wir über was anderes. Habt ihr euch schon überlegt, was wir mit Norbert und Claudia unternehmen könnten, wenn sie nächste Woche kommen?“
Norbert und Claudia waren ein Ehepaar, das seine Eltern letztes Jahr im Italienurlaub kennengelernt hatten. Sie hatten sich schnell und intensiv angefreundet, aber seitdem nicht mehr gesehen. Seine Mutter hatte den beiden schon lange angeboten, sie mal besuchen zu kommen, und nächsten Dienstag würden sie von Münster aus hierherkommen. Immerhin eine sechsstündige Autofahrt. Deshalb sollten sie auch gleich für mehrere Tage bleiben.
Elmer stöhnte. „Ich glaub, ich schaff das nicht, Susanne. Norbert ist einfach so anstrengend.“
Susanne stand auf und nahm ihren Teller und das Besteck. „Wenn einem immer alles zu viel ist, lebt man am Ende überhaupt nicht mehr. Dann kann man sich gleich begraben lassen.“
Dann räumte sie den Tisch ab, während Elmer in sein Handy schaute und Oskar den Rest des Dressings aus dem Salatteller schlürfte.
Oskar kniete auf dem Wohnzimmerteppich und sammelte Stofffusseln. Nachdem er einen ganzen Haufen zusammenhatte, versuchte er, sie zu zählen. Er kam bis „siebzehn“, dann wusste er nicht mehr, bis wohin er gekommen war, rief „Scheiße!“ und begann wieder von vorn. Es war dunkel draußen, aber er hatte keine Ahnung, ob es 22 Uhr oder vielleicht schon 3 Uhr war. Langsame Schritte kamen die Treppe hinunter. „Oskar?“
Er schreckte hoch. „Mama? Ich bin gleich fertig damit. Was ist ... Kannst du nicht schlafen?“
Sie setzte sich neben ihn auf den Teppich. „Nein. Ich war schon fast weg, dann hat der scheiß Nachbar von gegenüber wieder seine dumme Katze reingerufen, und das war's dann für mich. Ich hab gerade eben noch 'ne Zolpidem genommen, dann hab ich dich gehört.“
„Sorry, Mama.“
Sie streichelte seinen Unterarm. „Ist nicht so schlimm. Bist du wieder am Zählen?“
Er verstand die Frage nicht sofort. Nach einer Weile sagte er: „Glaub schon. Zum Glück ist Papa nicht wach geworden.“
Sie lachte freudlos. „Nein, den weckt so schnell nichts.“
Beide schwiegen eine Weile.
Dann sagte Susanne mit veränderter, verwaschener Stimme: „Ja, Elmer ... Ich hab in letzter Zeit oft daran gedacht, wie wir uns kennengelernt haben.“
Oskar setzte sich aufs Sofa.
„Er ist mir gleich aufgefallen und ich hab ihn dann angesprochen. Ich hab gedacht, er wär Türke und war dann ziemlich enttäuscht, als er den Mund aufgemacht hat und reinstes Hochdeutsch rauskam.“
Oskar spielte mit der Decke, die über dem Sofa hing. Er hatte diese Geschichte schon oft gehört.
Susanne lachte. „Und dann hab ich mich mit ihm verabredet. Wir wollten uns vor der Disco treffen. Ich hab fast 'ne Stunde auf ihn gewartet. Ich wollte gerade gehen, und glaub mir, danach hätte ich mich nie wieder mit ihm getroffen, und dann ist er doch noch gekommen. Genau in der Sekunde, als ich gerade gehen wollte. Was ist das für ein komischer Zufall?“ Ihre Stimme war immer verwaschener geworden, und Oskar hatte Mühe, sie noch zu verstehen. Anscheinend hatte sie das Zolpidem heute richtig high gemacht. Susanne saß schweigend auf dem Teppich und blickte nachdenklich auf irgendeinen Punkt an der Wand.
Dann lachte sie. Es war ein merkwürdiges Lachen. „Wenn er doch nur eine Minute später gekommen wäre ...“
Oskar atmete schwer. Seine Mutter versuchte aufzustehen, aber ihre Beine zitterten. „Mir ist irgendwie schwindlig.“
Er stand vom Sofa auf und griff ihr unter die Arme. „Das ist nur wegen des Zolpidems, Mama.“
Er half ihr vorsichtig die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.
Susanne hatte ein mehrgängiges Mittagessen zubereitet. Zuerst gab es zwei verschiedene Salate, dazu Aufbackbrötchen mit Kräuterbutter. Als Hauptgericht einen großen Topf Spaghetti Carbonara. Hinterher noch Vanilleeis mit heißen Himbeeren.
Norbert und Claudia schienen zufrieden und nahmen sich von allem mindestens zwei Mal.
Am ersten Abend ihres Besuchs hatte Susanne einfache Spaghetti mit Tomatensauce gemacht. Als sie fertig gegessen hatten, hatte Norbert offensichtlich gedacht, dass dies unmöglich schon alles sein konnte, und hatte dann seine Enttäuschung kaum verbergen können. Später hatte er Susanne dann gefragt, ob noch Brot im Haus wäre, da er noch nicht satt sei. Deshalb hatte Susanne sich heute ins Zeug gelegt.
Norbert tunkte ein Stück Kräuterbaguette in das Salatdressing. Bevor er zu Ende gekaut hatte, sagte er: „Susanne, ich habe zwei neue Songs geschrieben. Wir hören sie uns nach dem Essen an, oder?“ Als er fertig gesprochen hatte, spülte er seinen Bissen mit etwas Wein hinunter.
„Jetzt muss ich erst mal den Tisch abräumen und die Küche machen, Norbert“, sagte Susanne lächelnd.
Norbert wirkte irritiert. „Magst du keine Musik, Susanne?“
Nachdem schließlich auch Norbert satt zu sein schien, halfen Oskar und Elmer Susanne bei der Küchenarbeit.
Norbert und Claudia hatten beschlossen, einen kleinen Verdauungsspaziergang um die Häuser zu machen. Nachdem die Haustür hinter ihnen zugefallen war, sagte Susanne lächelnd: „Ja, Norbert und seine Gitarrensongs. Er glaubt echt, das ist das Wichtigste auf der Welt. Wenn sie nur wenigstens gut wären ...“
Oskar lachte.
„Die beiden sind manchmal wie Kinder, vor allem Norbert. Aber ich finde das so süß“, sagte sie.
Elmer stellte langsam und ungeschickt die Teller in die Spülmaschine. „Aber die haben schon einen an der Waffel. Und was du dir schon wieder alles bieten lässt, Susanne. So was würde ich mir nie gefallen lassen.“
Susanne antwortete nicht darauf. Sie spülte und trocknete die benutzten Teller.
„Du darfst die beiden nicht so beurteilen wie andere Leute. Wenn man seinen kleinen Sohn so plötzlich und auch noch so tragisch verliert, dann muss man ja irgendwie durchdrehen. Und Norbert findet eben einen Sinn in seinen Gitarrenliedern. Mir gefällt so was.“
Elmer schloss die Spülmaschine und lief zur Küchentür. Anscheinend hielt er seine Arbeit hier für beendet. Im Türrahmen sagte er noch: „Du hast halt wirklich einen Narren an den beiden gefressen, Susanne.“
Norbert und Claudia waren mittlerweile seit vier Tagen zu Besuch und würden morgen abreisen. Susanne und Norbert saßen zusammen im Wohnzimmer auf dem Sofa. Elmer hatte sich mal wieder nicht gut gefühlt und sich hingelegt, Oskar war mit Claudia in die Stadt gegangen.
„Susanne, ich schreib gerade einen neuen Song. Es geht um eine alte Frau, die sich noch mal verliebt. Der Text ist schon fertig und die Melodie hab ich im Kopf. Aber hier werd ich damit nicht mehr fertig. Ich schick dir den Song dann wieder über WhatsApp.“
„Dann kann ich mich ja auf was freuen.“ Sie hoffte, dass ihre Stimme nicht ironisch geklungen hatte.
Nach einem kurzen Schweigen sagte Norbert mit ernster Stimme: „Ich mag deine Familie wirklich total gern, Susanne. Jeden Einzelnen von ihnen.“
Susanne legte die Beine übereinander. „Wie man's nimmt.“
Er blickte sie erst an. „Weißt du, Probleme gibt's in jeder Familie, man sieht es halt von außen oft nicht.“
Susannes Mund wurde schmaler. Sie murmelte etwas, das Norbert nicht verstehen konnte.
„Entschuldigung, was hast du gesagt?“
Sie blickte auf ihre Hände und schluckte dann. „Nur, dass man sich in anderen Familien gegenseitig hilft. Hier bin ich irgendwie die Einzige, die sich zuständig fühlt. Oskar tut gar nichts, damit es ihm wieder besser geht, ständig nimmt er dieses scheiß Zeug, das ist seine einzige Lösung für alles. Und Elmer. Egal ...“
„Sag nicht 'egal'. Was ist mit Elmer?“
Sie blickte kurz zur Decke, dann schaute sie auf den Boden. „Kannst du dir vorstellen, wie schlimm diese Sache mit Oskar für mich ist? Ich geh daran kaputt! Und Elmer tut so, als würde ihn das gar nichts angehen. Jeder hier lässt sich einfach nur noch komplett gehen und ich, ich muss immer ...“ Ihre Stimme brach. Sie atmete einmal kontrolliert ein und aus. „Ich hab das halt so satt.“
Norbert nickte.
„Ich hab das so was von ... so was von beschissen satt, verdammte Scheiße!“, schrie sie.
Norbert war kurz zusammengezuckt. Dann nickte er nachdenklich: „Weißt du, ich glaub, Oskar hält es gerade einfach nicht anders aus. Er ist so sensibel, einfach zu zart für die Welt. Und Elmer ist ein Mensch, der nicht viel Kraft hat. Nicht alle sind wie du, Susanne. Aber er liebt Oskar wahnsinnig, das spürt man.“
Susanne schwieg.
„Er war so was von stolz, als er mir Oskars Bilder gezeigt hat, wie ein Kind. 'Ist das nicht genial?', hat er gesagt.“
Susanne blickte ihn scharf an. „Ja, kurz mal ein paar Bilder loben kostet ja auch nichts.“
Norbert schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Unser Paul hat immer Gedichte geschrieben. Und da war er gerade mal zehn. Sie waren einfach wunderschön. Ich hab ihm das auch oft gesagt.“
Er drehte sein Gesicht von ihr weg und schwieg. Susanne legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Unterarm. Er lag dort ein paar Sekunden, dann zog Norbert seinen Arm weg und sagte mit jetzt wieder festerer Stimme: „Oskars Bilder sind wirklich toll. Ich glaub, er hat das von Elmer. Elmer hat ein Gefühl für Schönheit. Ich hab das gemerkt, als ich ihm meine Lieder vorgespielt hab, und auch als er Oskars Bilder angeguckt hat.“
Susanne lächelte jetzt. „Kann schon sein.“
Man hörte, wie ein Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde. Oskar und Claudia kamen herein. „Wir sind wieder da!“, rief Oskar durch den Flur.
Am Samstag (Norbert und Claudia waren inzwischen abgereist) fing es an zu schneien. Schon die letzten Wochen war es relativ kalt gewesen, aber es war nie über einen dünnen Schneeregen hinausgegangen. Aber jetzt schneite es also, auch wenn der Schnee nur wenige Minuten liegen blieb, bevor er sich zu einer schleimigen Nässe auf den Straßen verwandelte. Susanne hatte Elmer und Oskar dazu überreden können, einen Ausflug in den Schwarzwald zu machen. Die Region lag einige hundert Meter höher, deshalb konnte man mit einer richtigen Schneelandschaft rechnen. Die Fahrt dauerte etwa 45 Minuten, während derer die Landschaft immer weißer und einsamer wurde. Schließlich parkten sie den Wagen am Rand eines Waldgebiets. Oskar nahm eine Dose Bier mit aus dem Auto. Vor der Hinfahrt hatte er einige Krümel der Kristalle, die in Alufolie verpackt in seinem Schrank lagen, zerkleinert und durch die Nase gezogen. Wenn er schon bei diesem Ausflug mitmachte, wollte er ihn wenigstens ein bisschen genießen können. Sie folgten einem schmalen Wanderweg immer tiefer in den Wald hinein. Oskars Schritte über die frische Schneedecke machten ein merkwürdig befriedigendes Geräusch. Seine Zehen waren etwas taub geworden. Die Zweige der Fichten hingen unter der Last der Schneemassen tief herab. „Ist das nicht wunderschön? Und so was praktisch direkt vor unserer Haustür. Leute aus Asien kommen extra für so was hierher“, rief Susanne.
„Es ist echt total schön“, sagte Oskar.
Seine Mutter hatte seit mehreren Tagen kaum geschlafen und die Schmerzen in ihrer linken Schulter waren immer stärker geworden.
Oskar behielt den letzten Schluck des Bieres lange in der Dose. Es beruhigte ihn immer, wenn noch ein Rest da war, auch wenn das bedeutete, dass er gezwungen war, die Dose in seiner Hand zu behalten, die mittlerweile von der Kälte wehtat.
Der Weg machte jetzt eine scharfe Biegung und eröffnete den Blick auf eine weite, nächtlich dunkle Landschaft, die durch den Schnee in ein ganz zartes Licht getaucht wurde. Nichts versperrte die Sicht, und man konnte die Landschaft mehrere Kilometer weit überblicken.
„Wow! Das ist doch der Hammer!“, rief Elmer. Er klang aufgeregt und bewegt. „Habt ihr so was schon mal gesehen? Da kommt man sich doch irgendwie ganz klein vor!.“ Elmer blickte gedankenverloren in die Ferne. Oskar beobachtete ihn dabei und lächelte. Aber da war auch so ein schweres Gefühl auf seiner Brust.
Der Rückweg fühlte sich viel kürzer an als der Hinweg. Oskar freute sich auf die warme Luft der Klimaanlage im Wagen.
„So was müssen wir doch wirklich öfter machen“, sagte Susanne mit munterer Stimme.
Oskar trank den letzten Schluck Bier, warf die Dose zwischen die Bäume und steckte seine tauben Hände in die Hosentaschen.
Für die Rückfahrt empfahl das Navi eine andere Route als vorhin. Anscheinend ging es schneller über die Autobahn. Elmer hielt das Lenkrad wie immer mit beiden Händen und fuhr sehr langsam, da die Landstraße stellenweise gefährlich glatt war. Er schaltete das Fernlicht ein.
Jetzt hörte Oskar seine Mutter sagen: „Du machst ja immer noch das mit den Augenbrauen, Elmer. Ich hab gedacht, du machst das schon seit Jahren nicht mehr.“
„Ist das jetzt auch wieder ein Problem?“, fragte Elmer.
Susanne legte die Füße aufs Armaturenbrett. „Eigentlich hab ich das ganz anders gemeint. Egal.“
Sie nahmen die Auffahrt auf die Autobahn. Heute Abend gab es kaum Verkehr.
Elmer beschleunigte auf 120 km/h, blieb aber auf dem Mittelstreifen. Seit zwanzig Minuten hatte niemand mehr etwas gesagt. Elmer schaltete das Radio ein und zappte durch die Sender.
„Hey Susanne, das ist 'Year of the Cat'! Kennst du das noch? Das haben wir doch damals immer gehört, als wir zum ersten Mal nach Griechenland gefahren sind.“
Oskar kannte den Song nicht, aber lauschte ihm jetzt aufmerksam.
„Ja, da waren wir noch jünger“, sagte Susanne mit nachdenklicher Stimme.
Sie fuhren jetzt in einen Tunnel. Dunkelheit wechselte sich ab mit kurzen, regelmäßig wiederkehrenden Lichtblitzen.
Oskar konnte jetzt sehen, wie Elmer seine rechte Hand auf Susannes Knie legte. Sie reagierte nicht darauf.
Der Song war zu Ende, und Elmer schaltete das Radio aus. Als das Wageninnere von der nächsten Laterne beleuchtet wurde, sah Oskar die Hand seiner Mutter. Sie lag jetzt auf Elmers Hand.
Oskar ließ das Fenster herunter und hielt sein Gesicht ganz nahe daran. Seine Haare wurden zerzaust.
Die Luft im Tunnel roch abgestanden und gleichzeitig belebend.
„Mach das Fenster rauf! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass die Abgase im Tunnel krebserregend sind?“, rief seine Mutter.
Er kurbelte das Fenster wieder hoch. „Sorry, Mama, ich hab's echt vergessen.“
Der Tunnel war offenbar sehr lang. Gedämpftes Licht und Dunkelheit wechselten in beruhigender Regelmäßigkeit. Oskar fühlte seinen Körper schwer werden. Als er aufblickte, sah er, dass seine Mutter ihn im Rückspiegel beobachtete und lächelte. Er gähnte und rutschte tiefer in den Rücksitz. Die drei saßen im Wagen, ganz dicht beieinander. Als das Auto über ein tiefes Schlagloch fuhr, schreckte er noch einmal hoch.