Das Kamizu

5,00 Stern(e) 2 Bewertungen

lietzensee

Mitglied
Das Kamizu

Durch den Türspalt beobachtete Karl das Kinderzimmer. Er sah Bauklötze, eine Spielkonsole und das Kamizu . Dieses Ding war mit pinkem Flausch bedeckt. Die Augen rotierten und Bobby lachte. Karl biss sich auf die Lippen, als er das Lachen hörte. Bobby und das Kamizu sahen sich lange an. Dann klatschte Bobby in die Hände und rief: "Los geht es!" Er stürmte durch die Tür in Richtung Küche. Gerade noch rechtzeitig konnte Karl zur Seite springen. Das Kamizu wackelte auf seinen staksigen Beinen hinterher. Im Laufen drehte es seinen Kopf zu Karl zurück, so, wie kein Wesen seinen Kopf drehen sollte, weil... Weil es eine widernatürliche Bewegung war. Andererseits, war pinkes Fell denn natürlich?
Karl rieb sich die Stirn, während er auf das Klirren von Tassen und Tellern in der Küche hörte. Drei Wochen war es her, dass er dem Quengeln seines Sohnes nachgegeben hatte. Er hatte sich glücklich geschätzt, im Internet überhaupt noch eins der begehrten Kamizus zu ergattern. In der Küche splitterte Glas. Jetzt war sich Karl über sein Glück nicht mehr so sicher.
Mit dem Paket in der Hand, hatte der Lieferfahrer merkwürdig gelächelt. Vielleicht hatte das an der Zigarette in seinem Mundwinkel gelegen. "Ein Kimazi?", hatte er gefragt, als er Karl einen Zettel zum Unterschreiben hin hielt.
"Ein Kamizu", hatte Karl korrigiert.
"Jedenfalls auch so ein Ding", der Fahrer hatte auf die Fußmatte geascht. "Irgendwie will diese Dinger jetzt jeder haben. Ich verstehe nicht, warum. Pink ist doch hässlich." Er hatte gegrinst. Aber das Grinsen hatte unsicher gewirkt. "Letzte Chance, sich umzuentscheiden. Ich kann das Paket fallen lassen und über die Versicherung abrechnen. Wir können es auch als gestohlen melden und sie kriegen ihr Geld zurück. Ich frage mich sowieso, wie gut diese Dinger brennen." Er hatte Karl angesehen, als wäre ihm viel an dessen Antwort gelegen. "Na unterschreiben sie schon", hatte er dann abrupt gesagt. "Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!"
Auf der Arbeit hatte Karl Geschichten von anderen Eltern gehört. Zum Reden hatte man im Büro kaum noch Zeit, weil alle mit den Maschinen mithalten mussten. Mitten in einem Meeting aber hatte Regine plötzlich gesagt, dass sie künstlich rollenden Augen hasste. Fasst hatte sie geschrien.
"Halb so schlimm wie diese Sammelkarten-Manie vom letzten Jahr", hatte Herbert sie zu beruhigen versucht. Als sie später einen Design-Entwurf besprachen, hatte Regina erneut einen Wutanfall bekommen und sich danach entschuldigt: "Es war wegen diesen pinken Streifen im Entwurf."
Karl blickte aus dem Wohnzimmerfenster. Für einen Augenblick glaubte er, ein kleines, pinkes Wesen über die Straße rennen zu sehen. Dann sprang er plötzlich auf. In der Küche hörte er die Messerschublade klirren.
Verbote halfen nichts. Schreien half nichts. Tatsächlich hatte er sich geschworen, seinen Bobby nie wieder wegen diesem Spielzeug anzuschreien. Der Junge hatte stumm vor ihm gestanden, dabei aber nicht auf Karl, sondern auf das Kamizu geblickt. Gemeinsam hatten er und das Spielzeug sich dann Karl zugewandt. Vier Augen mit diesem unheimlichen Blick... Nie wieder! Irgendwie musste Karl seinen Sohn anders erreichen. Er nagte an seiner Unterlippe.
"Können wir uns mal unterhalten?", fragte er. Die Gelegenheit war günstig. Das Kamizu lief mit einem Küchenmesser in der Hand zwischen den Büschen im Garten umher. Es war gut sichtbar, aber außer Hörweite.
Bobby sah ihn zweifelnd an. "Geht es um Mami?"
"Es geht nicht um Mami." Karl war überrascht. Er merkte, dass er an seine Frau kaum noch dachte. Sie war von einem ihrer Protestmärsche nicht wieder gekommen. Dem Fortschritt hatte sie schon immer skeptisch gegenüber gestanden und Karl hatte sie gewarnt, sich nicht mit den falschen Leuten einzulassen. Aber es war doch seine Frau gewesen, seine Susanne. Karl kniff die Augen zusammen. Jetzt durfte er sich nicht ablenken lassen. "Es geht um dein Spielzeug."
"Oh"
Karl sprach davon, wie sehr er seinen Sohn liebte. Darüber sprach er vielleicht zu lange, weil er nicht wusste, wie er von diesem Thema darauf wechseln sollte, dass das Kamizu weg musste. Es war eine Gefahr, für Bobby, für ihn, für alle. Karls Puls begann schneller zu schlagen. Jetzt hatte er die richtigen Worte gefunden und merkte, wie lange schon er sie hatte aussprechen wollen.
"Du lügst! Kamizus manipulieren keine Kinder!" Natürlich hatte Karl mit dieser Antwort nicht gerechnet. Erschrocken sah er seinen Sohn an. Bobby blickte aber nicht auf ihn, sondern auf das Kamizu im Garten. Das erwiderte den Blick und seine Augen rollten. "Es ist besser, wenn du jetzt nicht weiter redest", fügte Bobby hinzu. "Halte den Mund und geh ins Bett."
Dann zwinkerte das Kamizu Karl zu. Der hatte nicht gewusst, dass diese künstlichen Augen auch zwinkern konnten. Die staksiger, kleiner Arm winkte ihm und ließ pinkes Fell flattern.
Nach diesem Vorfall sprach Bobby kaum noch mit seinem Vater. Stumm schluckte er am Frühstückstisch sein Müsli und stumm schloss er sich Abends in sein Zimmer. Die Pinke Pest war natürlich immer dabei. Dass es so nicht weitergehen konnte, erklärte Karl schließlich durch ein kleines Glasfenster hindurch.
"Warum?", fragte der Polizist.
"Weil dieses Ding mir meinen Sohn entführt hat!"
"Aber ihr Sohn ist doch noch in ihrem Haus"
"Ja."
"Sie wurden in keinen vertraglichen Rechten verletzt."
"Nein..."
"Man hat ihnen das Kamizu ehrlich verkauft und sie selbst haben es ihrem Sohn geschenkt. Niemand hat es ihnen aufgedrängt!"
"Nein", gestand Karl. Er sah auf den schmutzigen Boden vor sich, Zigarettenkippen, Papierfetzen... Er versuchte, sich zu sammeln. "Was..." Karl bis sich auf die Lippe. "...was raten Sie mir, zu tun?"
"Die ganze Sache nicht so ernst zu nehmen." Der Polizist lachte. "Seien Sie doch froh, dass Ihr Sohn an etwas Freude hat. Und es steht auch uns Erwachsenen gut, uns mal etwas auf Spiel und Spaß einzulassen." Er lehnte sich gegen die Scheibe des Fensters: "Ich zum Beispiel, spiele in der Mittagspause jetzt immer mit den Kollegen verstecken."
Für den nächsten Tag ließ Karl sich krank schreiben. Er brauchte seine ganze Kraft. Doch fühlte er sich erleichtert wie schon lange nicht mehr, denn er hatte einen Entschluss gefasst. Er schlief aus und frühstückte. Dann machte er sich an seinen Vorsatz.
"Wo ist das Kamizu?", fragte er Bobby.
Bobby begann zu weinen.
"Wo versteckt es sich?" schrie Karl. Aber er hätte nicht schreien brauchen.
"Ich bin hier", sprach die Stimme direkt hinter ihm.
Erschrocken drehte Karl sich um.
Das Kamizu sah ihn an, "Was willst du von mir, Karl?"
"Ich will nichts von dir."
"Lüge mich nicht an." Ein kleiner, pinker Finger zeigte auf ihn.
"Du hast recht." Karl fühlte, wie sein Puls schneller schlug. "Ich will, dass du verschwindest und ich will dass du nie wieder deinen widerlichen Blick auf meinen Sohn legst." Er holte Luft und das Kamizu sah ihn an. Die Augen des Spielzeugs rotierten und plötzlich fühlte Karl sich merkwürdig. Er starrte in die Augen, die sich drehten und drehten und für einen Moment glaubte er, das mit pinkem Fell bedeckte Gesichtchen zu lieben. Mit aller Kraft seines Verstandes machte er sich eine einfache Sache bewusst: Diese Augen waren aus Plastik. Sie waren im Spritzgussverfahren erzeugt und das Resultat einer Marketingstrategie. Karl erinnerte sich, dass er auch mal ein Kind gewesen war. Damals hatte er eine einfache Lektion gelernt: Plastikteile waren zerbrechlich.
Er schlug zu. Seine Fäuste prasselten auf das kleine Wesen nieder und die Plastik knackte wie Eierschalen. Ein herrliches Geräusch! Erst als von dem pinken Fell nur noch Fetzen übrig waren, merkte Karl, dass er sich die Knöchel blutig geschlagen hatte.
Bobby sah auf die Reste seines Spielzeuges. Er schwieg. Als er dann sprach, überraschte er Karl. "Manchmal habe auch ich mich vor ihm gefürchtet." Er sah seinen Vater an. "Du musst nicht weinen, Papa." Tatsächlich, Karls Wangen waren tränenfeucht.
Gemeinsam kehrten Vater und Sohn den Plastikmüll zusammen. Sie warfen alles in den Recycling-Eimer und Karl war glücklich. Das Haus war still. Sein Sohn antwortete, wenn er zu ihm sprach. "Weißt du, Bobby, was ein Happy End ist?" Karl lächelte.
Da klingelte es an der Tür.
Als er öffnete, lächelte Karl noch immer. "Was ist denn?"
"Sie wissen genau, was ist." Vor ihm Stand der Lieferant, der das Spielzeug vor Wochen gebracht hatte.
Karl biss sich auf die Lippe. "Ich wüsste nicht, was sie das angeht."
Der Lieferant hatte sich verändert. Zwischen seinen Lippen glomm keine Zigarette mehr. Aber auch sonst hatte sein Lächeln etwas Kaltes bekommen. Er zog ein Stück Papier aus der Tasche und hielt es Karl dicht vor die Augen. Unter dem eng gedruckten Text war Karls Unterschrift zu erkennen. "Sie haben eine Vertragsverletzung begangen. Ihre Pflicht war die Sorge und Pflege der Dauerleihgabe."
"Sie sind doch nur ein Lieferant."
"Sie haben nicht begriffen, um was es hier geht." Der Lieferant legte den Kopf schief, als würde er auf etwas lauschen. "Hören Sie die Sirenen?" Dann schüttelte er plötzlich den Kopf. "Aber Sie haben Recht. Ich bin Lieferant und eigentlich wegen etwas anderem hier." Aus seiner Tragetasche zog er ein Paket mit einem großen, pinken Firmenlogo. "Das hier ist für dich, mein Junge, als vorläufiger Ersatz."
Bobby drückte sich an seinen Vater. Nun hörte auch Karl die Sirenen.
"Das ist er", rief der Lieferant, als drei Polizisten aus ihrem Wagen sprangen.
Sie drückten Karl gegen die Wand. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Lieferant Bobby über den Kopf strich. Man führte Karl ab. Hinter den Scheiben von Polizeiauto und Lieferwagen sah er große, rotierende Augen.
 



 
Oben Unten