Das Laster zur Last zu fallen

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Hermann Schrader hasst romantische Sonnenuntergänge. Und das vor allem, weil seine Frau wie die meisten anderen Frauen, die er so kennt, von diesen Farblichtspielen schwärmen.
Bei ihm kommt, immer wenn gegen Abend die Sonne sich Richtung Horizont senkt, Untergangsstimmung auf.
Er liebt Sonnenaufgänge, ohne dabei romantische Gefühle zu entwickeln.
Solange Schrader dazu noch in der Lage ist, wird er sich Sonnenuntergangsstimmungen widersetzen.
Er weiß nicht, woher er es hat. Aber er war schon immer einer, der Widerstand leistete.
Wer traut sich schließlich in unserer Hochleistungskonsensgesellschaft schon, der Allgemeinheit wirklich zur Last zufallen?
Glaubt Schrader seinen schwadronierenden Zeitgenossen in der Politik, so müssen wegen des so genannten demographischen Faktors die älteren Menschen bald lebenslang arbeiten. Frühzeitige Rentenzahlungen werden täglich unwahrscheinlicher. Das muss doch den Trotz arbeitsunwilliger und vor allem arbeitsunfähiger Alter herausfordern.
Es gilt, der Arbeitswelt in der mit dem Tod endenden Vorrentenzeit pflichtgemäß seinen Anteil an gesellschaftlichen Diensten abzuliefern. Nur wirklich ganz altes Eisen gehört auf den Schrott.
Ja, selbst Alteisen lässt sich weiter verarbeiten. Sogar wenn er wollte, wird es Hermann Schrader als Rentner mit erwartungsgemäß geringem Einkommen nicht einmal gelingen, ein guter Konsument zu sein. Er wird dazu verdienen müssen, um das deutsche aufschwunggeile Wirtschaftssystem nachhaltig zu unterstützen.
Es sei denn, altermann und altefrau hat noch einiges auf der hohen Kante und nicht bei zukünftigen Pleitebanken liegen. Doch Schraders Vermögen ist begrenzt. Und davon wollen
Altenpflege oder gar Seniorenresidenz irgendwann bezahlt werden.
Früher sterben und seinem einzigen Sohn ein kleines Erbe zu hinterlassen, von dem er die Beerdigungskosten bezahlen könnte, wäre natürlich eine sozial unbelastende Lösung.
Aber Hermann Schrader will leben und seinem einzigen und heftigsten Laster frönen. Er will anderen Leuten erbarmungslos zur Last fallen. Nur das macht ihm wirklich Spaß.
Ab seinem siebzigsten Lebensjahr hat er vor, das nachhaltigst zu tun. Jetzt mit neunundsechzig bereitet er sich akribisch darauf vor.
Bei einem Seniorentheaterkurs hat er schon gelernt, lebensecht einen Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzutäuschen.
Und genau das probierte er neulich in der U-Bahn im richtigen Leben aus. Training – möglichst nahe an der Realität - ist eben alles.
Wann kommt er in seinem Alter sonst schon in den Genuss, schwächelnd in den Armen einer jüngeren warmherzigen Blondine zu liegen? Blondinen waren immer schon seine Schwäche.
Leider war diese hellhaarige Frau nicht bereit, ihn im Rettungswagen ins Krankenhaus zu begleiten.
Doch die Krankenschwester und die Ärztin in der Notfallstation waren zwar nicht blond aber ansonsten auch nicht übel.
Obwohl die Mediziner keinen rechten Befund ausfindig machen konnten, hatte Hermann Schrader so überzeugend gespielt, dass er drei Tage zur Beobachtung bleiben durfte.
Selten war sein Leben fremden Frauen so wichtig.
Selbst Katharina, seine eigene, besuchte ihn täglich und machte sich endlich einmal echte Sorgen um ihn.
Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus hat er bisher keinen Infarkt mehr simuliert. Aber er meldete sich umgehend für den nächsten Theaterkurs an.
Mit Vorliebe spielte er dort einen trotteligen, aber liebenswerten Alten, dem frau und mann eigentlich so gut wie gar nichts verwehren konnten. Diese Rolle war merkwürdiger Weise in vielen Schwänken äußerst gefragt.
Jeden Morgen studierte Schrader beim Rasieren, unwiderstehlich zu lächeln, bis selbst er seinem traurig-lachfaltigem Gesicht rein überhaupt nichts mehr abschlagen konnte.
Das führte zunächst dazu, dass er nach dem Rasieren auf die Frage, ob er denn noch ein wenig ins Bett gehen dürfe, länger im Schlafzimmer blieb, als es seiner Frau lieb war. Sie wollte ihn für sich arbeiten lassen und ihn zu diversen Hilfsdiensten im Haus einteilen.
Katharina, einst blond - jetzt weißhaarig - war leider nahezu die einzige, die immer noch nicht auf sein entwaffnend hilfloses Lächeln hereinfiel. Sie glaubte, sie müsse ihm, damit er nicht einroste, ständig Bewegung und Aufgaben verschaffen, die ihn auch geistig forderten.
Dennoch gewann er jedes Mal ein wenig mehr Zeit, bis er sich lächelnd aus dem Bett erhob. Und oft genug, war seiner Frau die Warterei so lästig, dass sie inzwischen schon den Müll zu den Tonnen brachte.
Nicht zuletzt aufgrund seiner Theaterarbeit, die ihn übrigens geistig sehr forderte, lernte er den anschließenden Ärger großzügig und mit leicht anklagendem Lächeln auszuhalten.

Hilflos, wie er sich inzwischen geben konnte, stellte er sich daher gestern an einer Fußgängerampel auf, humpelte an einer Krücke, als habe er eine Hüftoperation gerade erfolgreich überstanden, bei grün immer fast bis zur Fahrbahnmitte. Dort angekommen, sprang die Ampel auf rot. Brav humpelte Hermann, unter dem Gehupe ungeduldiger Autofahrer zu jener Fahrbahnkante zurück, von der er gestartet war.
Beim dritten missglückten Versuch stand neben ihm endlich eine wirklich nette junge Frau mit einem Fahrrad. „Schaffen Sie es nicht, Opa?“ fragte sie.
Hermann Schrader nickte.
„Moment, dann helfe ich Ihnen gleich.“
Sie stellte ihr Fahrrad an eine Hausmauer, kam zurück, nahm seine Krücke in die eine Hand, stützte ihn mit der anderen und wartete mit ihm auf das grüne Ampel-Männchen.
Um realistischer zu wirken, begann Hermann leicht zu zittern.
„Opa, hast du Angst?“
Er nickte verlegen.
„Nicht nötig. Ich bring dich schon sicher rüber…!“
Die Ampel sprang auf grün. Schwer gestützt auf den Arm der – wieder einmal - netten Blondine begann er seinen Weg über die Straße. Die junge Frau stöhnte ein wenig unter seiner Last und Schrader gab sich bemüht, sie zu entlasten.
„Lass nur, Opa. Ich schaff das schon!“ Sie packte ihn fester und gemeinsam kamen sie, nachdem sich schon wieder das rote Männchen zeigte, am Bordstein an.
Hermann wollte sich bedanken, ließ die Frau los und sackte fast zusammen. Schnell griff sie wieder zu.
„Ich kann dich ja jetzt nicht einfach hier allein liegen lassen.“
Hermann nickte bescheiden und zugleich heftig.
„Drüben ist ein kleines Café. Da trinken wir zusammen noch was und dann rufst du jemanden an, der dich hier abholen kann.“
„Ich hab niemanden, den ich anrufen kann.“ Das entsprach sogar irgendwie der Wahrheit. Denn würde Katharina ihn abholen, wäre die wohl kaum bereit, ihn zu stützen.
Die junge Frau legte ihren Arm um Hermanns Schultern. „Wir werden schon eine Lösung finden.“

Im Café fragte er sie, was er denn für sie bestellen könne.
„Einen Latte macchiato.“
„Einen Latte macchiato und für mich einen Cappuccino.“
Die Serviererin, eine ältere Frau, die Hermann irgendwoher zu kennen glaubte, nickte und grinste, als würde sie Hermanns Spiel durchschauen.
Seine blonde Helferin saß ihm zunächst schweigend gegenüber.
Schrader versuchte, ihr von seiner guten alten Zeit zu erzählen und deutete bescheiden an, einst ein wirklicher Charmeur gewesen zu sein.
Schon in der Schule, behauptete er, seien ihm die Mädels nachgelaufen.
Plötzlich neigte sie ihren Kopf zur Seite, fuhr sich mit den Fingern der rechten Hand durch ihre Haare und sagte lächelnd: „Du erinnerst mich an meinen Opa. Der hat mir auch immer erzählt, er sei so ein heißer Hengst gewesen. Dabei wusste ich von meiner Oma, dass er äußerst schüchtern und kaum in der Lage war, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Und sie habe ihn nur dazu gekriegt, weil sie eine Ohnmacht simulierte. Das machte man damals als Frau wohl so, wenn gar nichts mehr half.“
Hermann nickte.
Als er seinen Cappuccino ausgetrunken hatte, kam jener kritische Moment, in dem ihn der lästige Harndrang zwang, die Toilette aufzusuchen.
Er entschuldigte sich artig und erhob sich hastig, um sich umgehend zu jenem Ort der Erleichterung zu begeben.
Seine blonde Helferin sprang auf und wollte ihn stützen. Doch er war schon einige eilige Schritte ohne seine Krücke gegangen. Demostrativ hielt er sich an der Klinke der Toilettentür fest. Doch dann ließ ihm der verdammte Druck keine Wahl. Hermann riss die Tür auf und stürzte zur jener mit der Aufschrift Herren.
Als er humpelnd an den Tisch zurückkehrte, lag neben seiner Tasse ein Zettel.
„Opa, du musst noch viel beim Seniorentheater üben…“

Die Serviererin kam mit der Rechnung. „Sie zahlen doch zusammen. Oder? Übrigens kennen wir uns nicht vom Theaterkurs? Du konntest doch den Herzinfarkt so lebensecht darstellen.“
Ja, jetzt erinnerte sich Hermann an das Gesicht. Sie war reichlich unbegabt und hatte immer nur peinliche Nebenrollen zu spielen. Bei seinem Herzinfarkt sollte sie den Krankenwagen anrufen und wusste nicht einmal die Telefonummer.
„Alte Petze…!“ knurrte Schrader, zahlte und ging zur Tür.
Als er an der Straße darauf wartete, dass die Fußgängerampel wieder das grüne Männchen zeigte, machte er plötzlich auf dem Absatz kehrt und ging in das Café zurück.
Die Serviererin empfing ihn lachend und mit seiner Krücke in der Hand. „Hier, hast du vergessen! Und denk daran: Üben, üben, üben!“
Hermann lachte. „Na klar! Und was ich dich noch fragen wollte: Magst du eigentlich romantische Sonnenuntergänge?“
Sie sah ihn erstaunt an und ihre faltigen Gesichtzüge wurden ein wenig weicher.
„Ja, warum?“
Schrader grinste. „Weil ich nur Sonnenaufgänge liebe.“
 

Hagen

Mitglied
Hallo Karl,

irgendwie fühle ich mich ertappt.
Steckt nicht in einem Rentner wie Du und ich ein kleiner Hermann Schrader?
Allerdings gibt es, nicht dass ich wüßte, in meiner Heimatstadt eine Theaterseniorengruppe. Tut es Senioren-Breakdance auch?
Ach, ich habe keine Zeit dazu, weil meine Frau mich schon wieder ruft, weil sie mit dem Anschließen der Wasserhahnes nicht klar kommt.

Ausserdem haben wir inzwischen vier! Stöcke und da muss langsam mal ein entsprechender Halter für gebaut werden.
Und dann habe ich noch die eine oder andere Geschichte (seltsamerweise werden die immer länger) für die LL zu schreiben, weil mein Kopf sonst überläuft.

So, und jetzt werde ich mir, weil lange schlafen ist der einzige Luxus, den ich mir als Rentner erlauben kann, einen Sonnenaufgang angucken. Allerdings geht das bei diesem Sch...wetter auch nicht.
Dafür haben die Geld, aber die Rente erhöhen, das tun die nicht!

Herzliche Grüße
yours Hagen

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nichts endet wie geplant!
 
Lieber Hagen,
wie schön immer wieder auf Mitleidensgenossen zu treffen.
Machen wir uns weiterhin einen Spaß aus unserem noch verbleibenden Leben...
Danke für deinen mitfühlenden Kommentar und herzlichen Gruß
Karl
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Ja Karl, ...

... das ist wieder mal Humor vom Feinsten. Unaufdringlich, tiefgründig und in Deinem gewohnt ausgereiften Schreibstil.

Habe mich beim Lesen bestens amüsiert und werde mir überlegen, auch mal die Ampelnummer zu versuchen. Die helfende Hand einer jüngeren Dame, Haarfarbe egal, könnte natürlich auch mein Herz höher schlagen lassen und Erinnerungen an alte Zeiten wecken.

Aber wie ich meine reelle Chance einschätze, wird sich dann beim zehnten Überquerungsversuch ein noch viel älterer Herr bei mir unterhaken, von seiner neuen Rheumasalbe schwärmen, Tips für den Rollatorkauf geben und schnell wieder verschwinden.

Danke für diese kleine, große Satire und liebe Grüße … Ironbiber
 
Hallo Ironbiber,
ja, es gibt doch immer wieder perfekte alte Schauspieler, die einem überlegen sind.
Danke für dein Lob und herzliche Grüße
Karl
 

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