Heike Bauer
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Montagmorgen. Stefan lenkte den gelben Transporter um die letzte Kurve der schmalen Landstraße. Das Dorf Brandholz lag vor ihm, tief in die Mulde zwischen den drei Bergrücken gepresst. Es war eine Sackgasse am Ende der Welt – wer hierherkam, hatte ein Ziel oder sich hoffnungslos verirrt.
Der Nebel stand wie eine weiße Wand in den Gassen. Stefan sah nur die Schieferdächer aus dem Dunst ragen, während die Reifen seines Wagens fast lautlos über den feuchten Asphalt glitten.
Es war 09:15 Uhr. Normalerweise wäre hier jetzt die „Rushhour“ der Bergidylle: Die Nordic-Walking-Gruppe würde mit rhythmischem Klick-Klack ihrer Stöcke die Hauptstraße besetzen, Rentner würden die Gehwege fegen und der Bäcker hätte die Auslagen voll mit dampfenden Hörnchen.
Doch Brandholz war stumm.
Stefan stoppte vor der Konditorei „Süße Ecke“. Die Vitrine war leer. Kein Duft von Hefe oder Kaffee. Nur die Preisschilder für „Hefezopf“ und „Vollkornbrot“ standen einsam auf den Glasböden, als warteten sie auf eine Lieferung, die niemals kommen würde.
Neben dem Brunnen am Marktplatz lehnte ein rotes Mountainbike. Der Ständer war ausgeklappt, der Rahmen feucht vom Tau. Ein halbvoller Wasserbecher stand auf dem Brunnenrand. Es wirkte, als hätte der Fahrer nur kurz innegehalten, um zu trinken, und wäre dann mitten im Schluck einfach... verdampft.
Das Wasser des Brunnens plätscherte unermüdlich. Es war ein gleichmäßiges, fast grausames Geräusch in dieser unnatürlichen Stille.
Stefan schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich eine Gemeindeversammlung“, murmelte er, doch er glaubte es selbst nicht. Er griff nach dem Stapel für das Rathaus – das machte er immer zuerst. Das Dorfamt war sein Hauptkunde, hier lieferte er Akten, Bescheide und Büromaterialien aus.
Er hievte zwei schwere Kartons auf die Sackkarre und rollte über das Kopfsteinpflaster zum massiven Portal des Rathauses. Die Tür war nicht verschlossen. Sie schwang mit einem langen, klagenden Quietschen auf.
„Post!“, rief Stefan in die Eingangshalle. Seine Stimme hallte von den hohen Wänden zurück, unnatürlich laut und fremd.
Keine Antwort. Auf dem Tresen der Bürgerberatung lag eine Brille auf einem aufgeschlagenen Formular. Daneben stand eine Tasse Kaffee; ein dünner, weißlicher Film hatte sich bereits auf der Oberfläche gebildet. Der Computerbildschirm dahinter war schwarz – kein Standby-Licht, kein Summen des Lüfters. Nichts.
Plötzlich schrillte das Telefon auf dem Schreibtisch los.
Ein alter, mechanischer Apparat. Das Klingeln riss an Stefans Nerven wie eine Säge. Er starrte auf das Gerät. Es wirkte wie ein Eindringling aus einer anderen Welt. Er hob nicht ab.
Das Klingeln brach nach dem zehnten Mal abrupt ab, nur um sofort wieder zu beginnen. Das Dorf war abgeschnitten, aber die Außenwelt hämmerte verzweifelt gegen die unsichtbare Tür.
Stefan hielt es drinnen nicht mehr aus. Er ließ die Pakete einfach im Flur stehen – die Unterschrift war ihm jetzt egal – und trat zurück auf den Marktplatz.
Dort sah er ihn. Ein Berner Sennenhund, groß und massiv, schlich aus dem Schatten der Uhrmacherei. Es war „Bello“, der Hund des Bürgermeisters, der normalerweise jeden Fremden mit einem gemütlichen Wuff begrüßte.
Er schnüffelte an einer verlassenen Einkaufstasche, aus der eine Packung Milch gelaufen war. Die weiße Flüssigkeit war träge über das unebene Kopfsteinpflaster gesickert und hatte sich in den Vertiefungen zwischen den Steinen gesammelt. Ein ganzer Schwarm Fliegen tanzte bereits in der feuchten Vormittagssonne darüber, ein gieriges Summen, das die unnatürliche Stille des Marktplatzes nur noch unterstrich.
Der Berner Sennenhund leckte nicht an der Milch. Er schien den Geruch kaum wahrzunehmen. Mit gesenktem Kopf und eingezogener Rute schlich er im Zickzack über den Platz, die Nase dicht am Boden, als suchte er verzweifelt nach einer vertrauten Spur, die vor einiger Zeit einfach abgerissen war. Es war das Bild vollkommener Orientierungslosigkeit.
Stefan beobachtete das Tier und spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. In Brandholz war alles Materielles an seinem Platz – die Autos, die Blumenkästen, die halbvolle Milchpackung –, nur die Seele des Dorfes war wie mit einem chirurgischen Schnitt entfernt worden.
Aus der offenen Tür des Rathauses hinter ihm drang erneut das unerbittliche Klingeln des Festnetzes. Ring-Ring. Ring-Ring. Es klang jetzt fast wie ein Hilfeschrei.
Stefan wollte den Hund locken, doch in diesem Moment blieb sein Blick an der Fassade des Elektrogeschäfts „Radio-Schulz“ hängen. Über dem Eingang prangte eine große, runde Außenuhr. Ihre Zeiger standen starr auf 08:14 Uhr.
Er trat einen Schritt näher und drückte sein Gesicht gegen die kalte Schaufensterscheibe. Im Inneren des Ladens sah alles so ordentlich aus, so bereit für den nächsten Kunden. Die Preisschilder standen in Reih und Glied neben einer prachtvollen, alten Standuhr – einem mechanischen Erbstück, das als Blickfang im Verkaufsraum diente. Im Hintergrund schimmerte das Wasser im Tank eines modernen Kaffeevollautomaten; eine stille Reserve für einen Morgenkaffee, der nie gebrüht worden war.
Diese Ordnung war eine Lüge.
Die Bildschirme der ausgestellten Fernseher und Tablets waren nicht einfach nur ausgeschaltet. Sie wirkten von innen heraus zerstört, als hätte ein unsichtbares Feuer die feinen Schaltkreise zu Schlacke verschmolzen. Kein einziges Standby-Lämpchen leuchtete an der langen Regalwand. Es gab kein leises Summen von Transformatoren, das man in solchen Geschäften normalerweise als konstantes Hintergrundrauschen wahrnahm. Sogar die digitalen Preisschilder an den Regalböden zeigten nur noch tote, graue Leere.
Stefan spürte eine instinktive Gänsehaut. Er erinnerte sich an Berichte über Blitzeinschläge, aber das hier war präziser. Es war kein chaotischer Einschlag gewesen, eher ein chirurgischer Schlag, der alles Digitale hingerichtet hatte.
Das Paradoxon war körperlich greifbar: Während die Mikroprozessoren in den Geräten gegrillt worden waren, blieb alles Analoge unberührt. Das Wasser im Tank der Kaffeemaschine war klar, die bedruckten Pappschilder leuchteten in knalligen Farben und das schwere Messing des Türgriffs glänzte im fahlen Licht. Die alte Standuhr im Zentrum des Ladens war das einzige Gerät, das noch Leben vortäuschte – ihr massives Pendel schwang unbeeindruckt hin und her und gab ein hölzernes, rhythmisches Tock-Tock von sich, das wie ein höhnischer Herzschlag in der Stille des Ladens widerhallte.
Er trat unbewusst einen Schritt zurück. Der Kontrast zwischen der toten Elektronik und der tickenden Mechanik machte ihm klar, dass dies kein Unfall war. Jemand hatte die Zeit für alles Moderne angehalten und Brandholz in ein analoges Gefängnis verwandelt.
Das Klingeln im Inneren des Rathauses hörte plötzlich auf. Die Stille, die darauf folgte, war schwerer als zuvor. Das Dorf war kein Ort mehr, es war eine Kulisse.
Stefan riss sich vom Anblick der tickenden Standuhr los. Die Panik, die er bisher mühsam unterdrückt hatte, stieg nun wie eine kalte Flut in ihm auf. Er rannte über das Kopfsteinpflaster zurück zu seinem gelben Transporter. Das Geräusch seiner eigenen Schritte auf dem Stein kam ihm in der unnatürlichen Stille des Dorfes wie ein Donnerhall vor.
Er sprang auf den Fahrersitz und riss den Zündschlüssel herum.
Nichts. Kein Aufleuchten der Kontrolllampen, kein vertrautes Piepen des Anschnallwarners, nicht einmal das schwache Glimmen der Kilometeranzeige. Das Armaturenbrett blieb eine tote, schwarze Wand aus Plastik. Er versuchte es wieder und wieder, drehte den Schlüssel mit solcher Gewalt, dass das Metall fast nachgab.
In diesem Moment begriff er die volle Tragweite des chirurgischen Schlags: Sein moderner Diesel war kein mechanisches Fahrzeug mehr, sondern ein computergesteuertes System – und das Gehirn dieses Systems war nun ein Klumpen geschmolzenen Siliziums. Der elektromagnetische Impuls hatte nicht nur die Fernseher bei „Radio-Schulz“ getötet; er hatte seinen Wagen in einen zwei Tonnen schweren Briefbeschwerer verwandelt.
Stefan schlug mit der Faust gegen das Lenkrad. „Komm schon!“, schrie er, doch seine Stimme wurde sofort vom dichten Nebel und dem fernen, klagenden Brüllen der Kühe verschluckt.
Er griff instinktiv nach seinem Smartphone in der Seitentasche seiner Hose. Als er es herausholte, spürte er eine leichte Restwärme am Gehäuse. Das Display war von einem feinen Netz aus Rissen durchzogen, und ein hässlicher, dunkler Fleck breitete sich unter dem Glas aus. Es war Schrott. Er war in der Sackgasse von Brandholz gefangen, abgeschnitten von der Welt, ohne die Möglichkeit, Hilfe zu rufen oder das Tal zu verlassen.
Stefan riss sich vom Anblick seines zerstörten Handys los. Die Stille des Dorfes wurde nun von einer neuen, bedrohlichen Ebene durchbrochen. Aus den Häusern ringsum drang ein vielstimmiges Chor des Schreckens: Haustiere, die seit Stunden in den verlassenen Wohnzimmern gefangen waren, begannen gegen die Türen zu kratzen und zu jaulen. Das verzweifelte Brüllen der ungemolkenen Kühe von den nahen Weiden schwoll zu einem klagenden Mahlstrom an.
In Brandholz war der Rhythmus der Natur untrennbar mit der Hand des Menschen verknüpft gewesen – eine Symbiose, die jemand mit einem digitalen Skalpell einfach durchtrennt hatte.
Gerade als Stefan die Fahrertür wieder aufstoßen wollte, sah er sie im Rückspiegel.
Drei dunkelgraue Geländewagen schoben sich lautlos aus dem Nebel am Dorfeingang. Sie glitten wie Raubfische durch das Weiß, ohne Motorengeräusch – schwere Elektrofahrzeuge, die offensichtlich speziell abgeschirmt worden waren, um dem elektromagnetischen Impuls standzuhalten. Sie hielten in perfekter Formation auf dem Marktplatz. Männer in olivgrünen Overalls sprangen heraus, die Gesichter maskenhaft leer unter futuristischen Helmen.
Doch die militärische Präzision hielt nur Sekunden. Als die Männer mit der rohen Realität des Dorfes konfrontiert wurden – mit dem Schmerzgebrüll des Viehs und dem Chaos der anderen verlassenen Kreaturen – stutzten sie. Stefan sah, wie der Einsatzleiter hektisch auf ein Klemmbrett starrte. Sie waren Experten für Logistik und Evakuierung, aber sie waren vollkommen überfordert von dem biologischen Lärm, den man nicht einfach „löschen“ konnte.
Um diese Schwäche zu verbergen, fixierte der Leiter plötzlich den gelben Transporter. Er wirkte fast erleichtert, ein menschliches Problem gefunden zu haben, das er nach Vorschrift behandeln konnte.
„Sie da! Aussteigen!“, brüllte er und stapfte auf Stefan zu.
Stefan begriff blitzschnell: Er war der einzige Fehler in einem ansonsten perfekt bereinigten System. Er war der Zeuge, den der Verantwortliche nicht eingeplant hatte. Inmitten des anschwellenden Lärms der Festnetztelefone, die nun in jedem zweiten Haus gleichzeitig zu schrillen begannen, während die Anrufbeantworter die verzweifelten Stimmen der Außenwelt in die leeren Gassen plärrten, sah Stefan seine einzige Chance.
Er wartete nicht, bis der Beamte die Tür erreichte. Er hechtete über die Mittelkonsole, ignorierte den stechenden Schmerz in seinem Knie und riss die Beifahrertür auf. Mit einem Satz war er draußen, landete auf dem feuchten Kopfsteinpflaster und rollte sich ab. Das Blech des Transporters diente ihm als Sichtschutz, während er geduckt zur schmalen Gasse hinter der Bäckerei rannte.
„Halt! Bleiben Sie stehen!“, gellte die Stimme hinter ihm.
Stefan warf sich in den Schatten zwischen den Häusern. Hier war es so eng, dass die Geländewagen ihm nicht folgen konnten. Der Geruch nach Mehl und altem Stein schlug ihm entgegen. Er hastete tiefer in das Labyrinth der Hinterhöfe, vorbei an aufgestapelten Holzscheiten und weißen Betttüchern, die wie Geister auf den Leinen hingen.
Stefan löste sich von der rauen Wand und schlich geduckt am Fundament der Häuserzeile entlang. Jedes Knirschen des Kieselsteins unter seinen Sohlen klang in seinen Ohren wie ein Verrat. Er erreichte den schmalen Lichtschacht eines alten Kohlenkellers, dessen gusseisernes Gitter nur noch locker in den Angeln hing. Mit brennenden Lungen und schweißnassen Händen zwängte er sich rückwärts in die klamme Tiefe.
Der Keller war ein Labyrinth aus gemauerten Rundbögen und modrigem Geruch. Stefan tastete sich an der kalten, feuchten Wand entlang, während von oben, durch die Kellerfenster, das ferne Stiefelklackern der Patrouillen zu hören war. Plötzlich spürte er einen Luftzug und ein fast lautloses Huschen direkt neben seinem Bein.
Ein gellender, kurzer Schrei entwich seiner Kehle, bevor er sich die Hand auf den Mund presste. Zwei bernsteinfarbene Augen glühten im fahlen Restlicht auf. Es war die dreifarbige Glückskatze der Bäckerin. Das Tier strich ihm nun mit einer fast verzweifelten Intensität um die Knöchel und gab ein heiseres, lautloses Miauen von sich. Die Katze zitterte am ganzen Leib. Sie schien in Stefan den letzten Anker einer Welt zu sehen, die noch nicht aus den Fugen geraten war.
Stefan beruhigte das Tier kurz mit einer zittrigen Handbewegung und kroch weiter durch das feuchte Dunkel. Er passierte rostige Rohrleitungen und alte Weinregale, bis er am Ende des Verbindungsganges die hölzerne Tür zum Heizungskeller erreichte. Das Tier folgte ihm wie ein Schatten, jede seiner Bewegungen spiegelnd, als wüssten sie beide, dass sie die einzigen lebendigen „Störfaktoren“ in einem toten Sektor waren.
Vorsichtig drückte er die Klinke nach unten. Die Tür gab nach, und Stefan schlüpfte in einen weiteren Kellerraum. Über ihm, durch die Deckenbalken, drang das unerbittliche mechanische Schrillen eines Telefons nach unten.
Stefan kauerte in der Dunkelheit, den Rücken gegen den kühlen Beton gepresst. Jedes Mal, wenn er glaubte, die Stille würde endlich einkehren, wurde sie von einem neuen, schrillen Geräusch zerrissen. Über ihm, auf Höhe der Steinterrasse, ertönte ein hektisches Scharren – das Geräusch von Krallen, die vergeblich Halt auf glattem Glas suchten. Es war ein rhythmisches, verzweifeltes Klopfen, das ihm die Haare im Nacken aufstellte.
Stefan presste den Rücken gegen den kalten Beton. In der Dunkelheit des Kellers begannen seine Sinne sich zu verselbstständigen. Ihm kam es so vor, als würde draußen eine dunkle Wolke des Schicksals entstehen, ein lautloser, grauer Schatten, der sich aus der Stille des Tals speiste und nun unaufhaltsam über die feuchten Wiesen von Brandholz glitt.
Stefan drückte sich tiefer in die Nische hinter dem alten Heizöltank. Der modrige Geruch von feuchtem Kellerstaub biss in seiner Nase. Oben auf der Straße hörte er jetzt das metallische Klacken von Autotüren und kurze, abgehackte Kommandos.
„Sektor Marktplatz gesichert. Transporter lokalisiert, Fahrer flüchtig“, dröhnte eine Stimme durch ein Funkgerät, verzerrt und unnatürlich laut in der toten Stille des Dorfes.
Stefan verstand nicht, was hier passierte, aber die Professionalität dieser Männer machte ihm Angst. Das war keine Hilfsaktion. Wenn ein ganzer Landstrich elektronisch gegrillt wurde und Minuten später eine maskierte Truppe auftauchte, um die Zeugen einzusammeln, war das ein geplanter Zugriff.
Die Katze an seinen Füßen starrte zur Kellertür. Sie fauchte leise.
Schritte über ihn. Schwer, rhythmisch. Jemand war in das Haus über ihm eingedrungen. Das alte Gebälk knarrte unter dem Gewicht der Stiefel. Stefan hielt den Atem an, bis sein Brustkorb schmerzte. Er sah sich im Halbdunkel um. Der Keller war eine Sackgasse, genau wie das Dorf.
Sein Blick fiel auf ein kleines, quadratisches Fenster direkt unter der Decke, das in den Garten hinter dem Haus führte. Es war mit einem groben Drahtgitter gesichert und mit Spinnweben überzogen. Es war eng, verdammt eng, aber seine einzige Chance, bevor sie die Kellertreppe herunterkamen.
Er schob eine alte Holzkiste unter das Fenster, stieg darauf und griff nach dem Riegel. Das Metall war verrostet und wehrte sich. Mit einem hässlichen Quietschen sprang es auf. Stefan erstarrte, lauschte nach oben. Das Gehen über ihm hatte aufgehört.
„Keller prüfen“, rief eine Stimme von oben.
Jetzt oder nie.
Stefan zog sich hoch, ignorierte den Dreck, der ihm in die Augen fiel, und zwängte seine Schultern durch die Öffnung. Der Draht riss an seinem Arbeitsshirt, die raue Hauswand schürfte ihm die Unterarme auf. Mit einem letzten, verzweifelten Stoß drückte er sich hindurch und landete unsanft in einem verwilderten Forsythienbusch.
Er blieb eine Sekunde liegen, das Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. Vor ihm lag der Garten, dahinter eine steile Wiese, die direkt in den dichten Wald des Bergrückens führte.
Wenn er den Wald erreichte, hätten sie es schwerer. Die Geländewagen waren auf den Wegen unschlagbar, aber im Unterholz zählte nur, wer sich auskannte. Und Stefan war hier in der Gegend aufgewachsen.
Er rappelte sich auf und rannte los. Er mied die offene Fläche und hielt sich im Schutz der hohen Hecken. Als er den Waldrand erreichte, warf er einen Blick zurück.
Auf dem Marktplatz stand einer der Männer in den grauen Overalls. Er blickte genau in Stefans Richtung. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf dem dunklen Visier seines Helms. Der Mann hob den Arm und deutete mit dem Finger direkt auf ihn. Er sagte nichts, er rannte auch nicht los. Er wirkte fast geduldig.
Stefan drehte sich um und verschwand zwischen den Fichten. Er musste zu der alten Jagdhütte am Gipfel. Dort gab es kein Telefon, keinen Strom und nichts Digitales, das hätte schmelzen können. Aber dort gab es ein altes Funkgerät aus den 70ern – rein mechanische Röhrentechnik. Wenn das, was er im Dorf gesehen hatte, ein gezielter Schlag gegen moderne Mikroelektronik war, dann war alte, primitive Technik vielleicht das Einzige, was noch funktionierte.
Er musste die Außenwelt warnen. Falls es da draußen noch jemanden gab, der zuhörte.
Stefan rannte, bis seine Lungen brannten. Das weiche Moos schluckte das Geräusch seiner Schritte, und der steile Anstieg zwang ihn dazu, sich an Wurzeln und tiefhängenden Ästen hochzuziehen. Der Wald wirkte seltsam unberührt – hier gab es keine Elektronik, die hätte sterben können, nur das zeitlose Rauschen der Tannen.
Nach zwanzig Minuten sah er das graue Schieferdach der Hütte. Sie gehörte dem alten Breitner, einem kauzigen Kerl, der schon vor Jahren verstorben war. Die Hütte war von den Menschen verlassen, doch Stefan wusste, dass die alte Technik im Inneren noch vorhanden war.
Er riss die schwere Holztür auf. Es roch nach kaltem Rauch und altem Fett.
In der Ecke, auf einem massiven Eichentisch, stand das Gerät: ein schwerer, olivgrüner Kasten mit analogen Drehknöpfen und einer runden Skala, die gelblich schimmerte, als er den massiven Kippschalter umlegte.
Ein tiefes, brummendes Summen erfüllte den Raum.
Stefan starrte auf die kleine Lampe am Gehäuse. Sie leuchtete. Die Röhren brauchten einen Moment, um warm zu werden, dann erfüllte ein statisches Rauschen das Zimmer. Es war das schönste Geräusch, das er je gehört hatte. Während unten im Tal alles Digitale tot war, lebte diese 50 Jahre alte Technik einfach weiter.
Er griff nach dem schweren Bakelit-Mikrofon und drückte die Sendetaste.
„Hier ist Stefan. Hört mich jemand? Brandholz ist... ich weiß nicht, was hier passiert ist. Hier sind Männer in Overalls. Alles ist tot. Hört mich jemand?“
Zuerst kam nur das weiße Rauschen. Dann, ganz schwach, knackte es in der Leitung. Eine Stimme schälte sich aus dem Äther, verzerrt und fern, aber menschlich.
„...hier... Notfrequenz 4... Wer spricht da? Sind Sie in einer Sperrzone?“
„Ich bin in Brandholz!“, rief Stefan. „Wer sind Sie?“
„Hören Sie gut zu“, die Stimme wurde klarer, klang aber gehetzt. „Bewegen Sie sich weg von allen metallischen Strukturen. Das war kein Unfall. Es ist ein Testlauf. Ein 'Null-Szenario'. Sie löschen die digitale Signatur ganzer Regionen, um die Reaktion der Bevölkerung zu testen. Die Männer, die Sie sehen... das ist keine Hilfe. Das ist die Entsorgungseinheit.“
Stefan wollte antworten, doch ein plötzliches Schattenwerfen am Fenster ließ ihn erstarren.
Draußen, über den Baumwipfeln, schwebte lautlos eine Drohne. Es war keine der kleinen Hobby-Drohnen, die er kannte. Sie war groß, mattschwarz und hatte die Form eines flachen Diskus. Sie hatte keine Rotoren; sie schien auf einem Polster aus purer Energie zu reiten. Ein roter Laserstrahl tastete langsam die Außenwand der Hütte ab.
Die Stimme aus dem Funkgerät schrie fast: „Verschwinden Sie dort! Wenn sie das Signal orten, wird die Hütte zum Ziel! Das Feld wird erneut...“
Ein gellendes Pfeifen übertönte die Stimme. Die Röhren im Funkgerät begannen plötzlich hellblau zu leuchten – ein unnatürliches, schönes Licht. Stefan ließ das Mikrofon fallen, als das Metall in seiner Hand glühend heiß wurde.
Er stürzte zur Hintertür, hinaus in den Wald, gerade als ein lautloser Lichtblitz die Hütte hinter ihm in ein kaltes, weißes Feuer hüllte. Es gab keine Explosion, kein Knall. Als er sich im Laufen umdrehte, war die Hütte einfach... weg. An ihrer Stelle stand nur noch ein Gerüst aus glühender Asche, das in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus.
Der Schock über die lautlose Vernichtung der Hütte trieb Stefan tiefer in das Dickicht. Er rannte nicht weg vom Dorf, sondern instinktiv parallel zum Kamm des Bergrückens. Er wusste: Wenn sie ihn oben am Gipfel orten konnten, war der Wald kein Versteck, sondern eine Falle.
Er musste zurück. Im Dorf gab es Keller, Winkel und Menschen – oder zumindest das, was von ihrer Anwesenheit übrig war. In der Wildnis war er ein einsames Ziel auf einem Infrarotschirm; im Dorf war er eine Anomalie in einem komplexen System.
Stefan nutzte das ausgetrocknete Bett eines schmalen Bachlaufs, um ungesehen an Höhe zu verlieren. Er rutschte mehr, als er ging, das kalte Wasser drang in seine Schuhe, doch das war ihm egal. Der Bach führte direkt hinter die alte Friedhofsmauer, die am tiefsten Punkt des Hanges lag und einen toten Winkel für die Drohnen bildete.
Schlammig und mit zerrissenem Ärmel erreichte er die Rückseite der massiven Bruchsteinmauer. Er atmete flach, den Geschmack von Ozon und verbranntem Holz noch immer auf der Zunge. Er zog sich vorsichtig an den kalten Steinen hoch und spähte durch eine Scharte zwischen zwei Grabsteinen hindurch auf den Marktplatz.
Dort bot sich ihm das neue Bild:
Ein tiefer, satter Motorenklang – diesmal kein Summen, sondern ein echtes, mechanisches Grollen – kündigte ein weiteres Fahrzeug an. Ein schwerer, gepanzerter Geländewagen in mattem Schwarz rollte auf den Platz. Als der Wagen hielt, sprangen die Männer in den Overalls sofort in Habachtstellung.
Ein Mann stieg aus. Er trug keinen Helm, nur eine schlichte schwarze Uniform. Sein Gesicht war gezeichnet von Müdigkeit und einem tiefen Zorn. Das war unverkennbar der Einsatzleiter.
Er blickte nicht auf den schwarzen Würfel oder die gesammelten Daten. Sein Blick schweifte über den Marktplatz, blieb an der ausgelaufenen Milch haften und wanderte dann zu dem Berner Sennenhund, der immer noch orientierungslos im Kreis lief. Das unerträgliche Brüllen der Kühe von den nahen Ställen schien hier unten jetzt noch lauter zu sein.
„Aris!“, herrschte der Einsatzleiter den Jungen mit dem Tablet an. „Warum schreien diese Tiere immer noch?“
„Chef, die biologische Reaktion war nicht Teil des Protokolls... wir dachten, die Ruhe würde einkehren, sobald...“
„Sie dachten?“, unterbrach ihn der Leiter. Sein Gesicht lief rot an. „Das hier sollte eine lautlose Operation werden! Ein klinischer Test! Stattdessen klingt dieses Tal wie ein Schlachthof. Das Signal dieser Viecher wird man noch drei Dörfer weiter hören. Wenn die Presse oder die Anwohner der Nachbarregionen hier auftauchen, bevor wir fertig sind, sind wir alle erledigt!“
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Und wo ist der Fahrer des gelben Wagens?“
„Wir suchen ihn noch. Er ist in den Wald geflüchtet.“
„Finden Sie ihn. Sofort. Er ist der einzige Faktor, der hier nicht hergehört.“
Stefan wollte gerade den Rückzug antreten, als er unvorsichtig war. Sein verletztes Knie gab unter ihm nach, und ein paar lose Steine der Mauer polterten lautstark den Abhang hinunter.
Die Männer erstarrten. Drei Gewehrmündungen schwenkten in Millisekunden in seine Richtung.
„Nicht schießen!“, brüllte der Einsatzleiter. „Ich will ihn lebend!“
Zwei Männer packten Stefan, bevor er auch nur aufstehen konnte, und zerrten ihn grob auf den Marktplatz. Er wurde unsanft vor den Einsatzleiter geworfen. Stefan spürte das heiße Kopfsteinpflaster an seinen Handflächen.
„Der Postbote“, sagte der Leiter leise. Er sah Stefan an, als wäre er ein Insekt unter einem Mikroskop. „Sie haben einen verdammt schlechten Tag für Ihre Tour gewählt, Herr...?“
„Stefan“, presste er hervor. Er blickte zu den Häusern, aus denen immer noch das verzweifelte Jaulen der Hunde drang. „Was haben Sie mit den Leuten gemacht?“
„Die Leute sind sicher. Aber die Tiere...“ Der Leiter blickte genervt zu den Weiden hoch, wo eine Kuh gerade so laut brüllte, dass man sein eigenes Wort kaum verstand. „Diese verdammten Kreaturen ruinieren die gesamte Akustik der Messung. Meine Männer wissen nicht, wie man mit... Natur umgeht.“
Er sah Stefans gelbe Uniform an, die Dreckflecken und die schwieligen Hände eines Mannes, der auf dem Land aufgewachsen war. Ein zynisches Lächeln legte sich auf seine Lippen.
„Sie kommen aus der Gegend, Stefan. Sie wissen, wie man dieses Gebrüll abstellt, oder?“
Stefan starrte ihn ungläubig an. „Die Tiere müssen gemolken werden. Und gefüttert. Wenn die Euter entzünden, krepieren sie.“
Der Einsatzleiter nickte seinen Männern zu. „Lassen Sie ihn los.“ Er trat einen Schritt näher an Stefan heran. „Hören Sie gut zu. Sie werden jetzt tun, was Sie am besten können: Den Landwirt spielen. Sie sorgen dafür, dass in diesem Dorf Ruhe einkehrt. Meine Männer werden Sie begleiten. Wenn Sie versuchen zu rennen oder wenn Sie auch nur eine Sekunde lang glauben, den Helden spielen zu müssen, wird dieser 'Testlauf' für Brandholz sehr viel endgültiger enden.“
Er legte Stefan eine schwere Hand auf die Schulter. „Wir werden das hier als einen großflächigen Stromausfall deklarieren. Sie werden kein Wort über den Impuls verlieren, kein Wort über die Männer in den Helmen und schon gar nicht über das, was Sie oben am Waldrand gesehen haben. Wenn Sie schweigen, dürfen Sie morgen wieder Ihre Pakete ausfahren. Wenn nicht... nun ja, Sie haben gesehen, wie schnell Technik ersetzt werden kann.“
Stefan sah in die kalten Augen des Mannes. Ihm blieb keine Wahl.
„Ich brauche Eimer“, sagte Stefan heiser. „Und jemanden, der die Tore zu den Ställen aufbricht.“
Stefan griff sich zwei verzinkte Eimer aus dem Schuppen hinter dem Rathaus. Aris, der junge Techniker mit der Sensor-Brille, folgte ihm wie ein Schatten. Er hielt sein Gewehr ungelenk, fast so, als hätte er mehr Angst vor der Waffe als vor Stefan.
„Komm schon“, sagte Stefan barsch und nickte in Richtung des großen Stalls von Bauer Moser. „Wenn wir nicht anfangen, bricht hier in einer Stunde das Chaos aus.“
Sie traten in die dämmrige Kühle des Stalls. Die Kühe standen unruhig in ihren Boxen, die Euter prall und schmerzhaft gespannt. Das Brüllen war hier drinnen ohrenbetäubend. Stefan setzte sich wortlos auf einen Schemel, presste seine Stirn gegen die warme Flanke der ersten Kuh und begann mit dem rhythmischen Handmelken. Das metallische Pling-Pling der ersten Milchstrahlen im leeren Eimer war das erste normale Geräusch an diesem Morgen.
Aris beobachtete ihn fasziniert und angewidert zugleich. „Dass die so einen Lärm machen können... das stand in keinem der Simulationsberichte.“
„In euren Berichten kommen wahrscheinlich keine Lebewesen vor, was?“, murmelte Stefan, ohne den Rhythmus zu unterbrechen.
Aris blickte nervös zur Tür, wo einer der älteren Wachen patrouillierte. „Es ist eine Übung der höchsten Geheimhaltungsstufe“, flüsterte er dann. „‚Projekt Stiller Herbst‘. Es geht um die vollständige digitale Isolierung strategischer Zonen. Wir haben die Menschen evakuiert – laut Plan sind alle Bewohner von Brandholz heute Nacht unter dem Vorwand einer fiktiven Giftgas-Warnung in Busse gestiegen. Das Dorf sollte leer sein.“
„Leer?“, Stefan lachte kurz und humorlos auf. „Ihr habt die Menschen wie Schachfiguren abtransportiert, aber die Tiere habt ihr einfach vergessen. Die zählen wohl nicht zur strategischen Zone?“
„Sie waren kein Teil der digitalen Infrastruktur“, sagte Aris entschuldigend. „Der Algorithmus hat nur emittierende Signale berechnet. Kühe senden keine Daten. Dass sie physisch... so präsent sind, hat die Einsatzleitung vollkommen überfahren.“
Stefan wechselte zum nächsten Tier. „Und was passiert jetzt? Der Chef da draußen sieht nicht so aus, als würde er die Leute morgen wieder nach Hause lassen.“
Aris wurde blass. „Die Evakuierung ist offiziell. Die Leute sind in einer Quarantäne-Station. Wenn dieser Test hier nicht als ‚sauber‘ in die Akten geht – also ohne zivile Zeugen und ohne diesen biologischen Lärm –, dann wird das Dorf zur Sperrzone erklärt. Permanent.“
Stefan hielt inne. Das bedeutete, Brandholz würde sterben. Nicht durch den Impuls, sondern durch die Bürokratie einer Geheimoperation, die ihren eigenen Fehler vertuschen wollte.
„Hör zu“, sagte Stefan leise und sah Aris direkt an. „Ihr wollt Ruhe? Ich gebe euch Ruhe. Ich bringe das Vieh zum Schweigen. Aber du musst mir helfen. Ihr habt die Telefone im Rathaus wieder zum Klingen gebracht, nachdem der Impuls durch war. Das heißt, ihr habt eine Brücke nach draußen, die nicht digital ist. Ein Notfall-Analog-Netz.“
Aris nickte kaum merklich. „Die alten Kupferleitungen. Wir nutzen sie für die interne Kommunikation, weil sie nicht gebraten wurden.“
„Wenn ich hier fertig bin“, sagte Stefan, während er den nächsten Eimer füllte, „musst du mich an dieses Telefon lassen. Nur für eine Minute. Wenn die Leute in der Quarantäne-Station erfahren, dass ihre Tiere hier krepieren, bricht dort ein Aufstand aus, den kein Sicherheitsdienst der Welt kontrollieren kann. Dann müsst ihr das Dorf öffnen.“
Aris starrte auf die Milch. Er wirkte hin- und hergerissen zwischen seiner Karriere und dem schieren Grauen vor der Inkompetenz seiner Vorgesetzten. „Der Einsatzleiter wird dich erschießen, wenn er dich am Apparat erwischt.“
„Er braucht mich“, entgegnete Stefan und deutete auf die langen Reihen wartender Tiere. „Ich bin der Einzige hier, der weiß, wie man diese Katastrophe leise hält.“
Stefan schuftete bis tief in den Nachmittag. Seine Schultern schmerzten, und seine Hände waren vom Melken krampfartig versteift. Er zog von Hof zu Hof, begleitet von Aris und zwei bewaffneten Schatten, die mit jedem vollen Eimer und jedem verstummten Stall sichtlich ruhiger wurden. Der beißende Geruch von frischer Milch und Stallmist vermischte sich mit dem fahlen Nebel, der immer noch schwer über Brandholz hing.
Gegen 17:00 Uhr war das Dorf fast vollständig verstummt. Nur noch das ferne Plätschern des Brunnens war zu hören.
Der Einsatzleiter erwartete sie vor dem Rathaus. Er hatte seine Handschuhe ausgezogen und rauchte eine Zigarette. Er sah Stefan lange an, fast mit so etwas wie Anerkennung, auch wenn seine Augen kalt blieben.
„Die Stille steht dem Dorf gut, Stefan“, sagte er und warf die Kippe auf das Kopfsteinpflaster. „Gute Arbeit. Sie haben uns – und sich selbst – eine Menge Unannehmlichkeiten erspart.“
„Was jetzt?“, fragte Stefan heiser. Er war zu müde für Angst.
„Jetzt bringen wir Sie nach Hause. Mein Fahrer wird Sie zu Ihrer Wohnung außerhalb der Zone begleiten.“ Der Leiter machte eine Pause. „Sie werden morgen früh aufwachen und die Nachrichten hören. Es gab einen massiven Transformatorbrand im Umspannwerk Brandholz. Ein seltener technischer Defekt, der einen lokalen EMP-Effekt ausgelöst hat. Die Versicherung wird für Ihren Transporter aufkommen. Die Bewohner kehren in zwei Tagen zurück.“
Er trat einen Schritt näher, sein Atem roch nach Tabak. „Kein Wort über die grauen Wagen. Kein Wort über Aris oder mich. Wir sind nie hier gewesen. Wenn Sie reden, werden die Leute Sie für einen Verrückten halten, der durch den Schock den Verstand verloren hat. Und wir... wir werden dafür sorgen, dass Sie nie wieder eine Postroute bekommen. Haben wir uns verstanden?“
Stefan nickte langsam. Er wusste, dass Widerstand zwecklos war. Diese Männer besaßen die Wahrheit, bevor sie überhaupt ausgesprochen war.
Man setzte ihn in einen unscheinbaren, älteren Kleintransporter mit analogen Anzeigen. Während sie aus dem Tal herausfuhren, sah Stefan im Rückspiegel, wie die grauen Geländewagen verladen wurden. Die dunklen Helme verschwanden hinter Planen.
Zuhause angekommen, setzte Stefan sich in seine dunkle Küche. Er schaltete das Licht nicht ein. Er saß einfach nur da und starrte auf seine Hände, die immer noch nach Stall und Kuh rochen.
Auf dem Küchentisch lag seine alte, mechanische Armbanduhr – ein Erbstück seines Vaters, das er morgens abgelegt hatte. Er nahm sie in die Hand, drehte an der Krone und hörte das feine, metallische Ticken. Es war ein einsames, ehrliches Geräusch.
Draußen auf der Straße hörte er das ferne Surren der Zivilisation, das Rauschen der digitalen Welt, die keine Ahnung hatte, wie dünn das Eis war, auf dem sie tanzte. Stefan wusste jetzt, dass ein einziger Knopfdruck genügte, um alles wegzuwischen – alles, bis auf das Vieh, den Mist und das Ticken einer alten Uhr.
Er legte sich angezogen auf das Bett und schloss die Augen. Er würde schweigen. Nicht, weil er loyal war, sondern weil er wusste, dass ihm ohnehin niemand glauben würde, dass ein ganzes Dorf an einem Montagmorgen einfach aufgehört hatte zu existieren, nur um Platz für ein Experiment zu machen.
In der Ferne schlug die Kirchturmuhr von Brandholz. Sie war mechanisch. Sie ging noch immer genau.
Drei Tage später rollte Stefan mit einem Ersatzwagen der Post – einem klapprigen alten Modell, das noch ohne Bordcomputer auskam – wieder die Landstraße nach Brandholz hinauf. Der Nebel war verschwunden und gab den Blick auf die drei Bergrücken frei, die das Dorf wie steinerne Wände umschlossen.
Es wirkte alles wie immer. Die Nordic-Walking-Gruppe war unterwegs, das rhythmische Klick-Klack ihrer Stöcke hallte von den Hauswänden wider. Vor der „Süßen Ecke“ saßen Rentner in der Sonne und tunkten Hefezopf in ihren Kaffee. Der Duft von frischem Gebäck lag schwer und vertraut in der Luft.
Stefan stoppte am Rathaus. Er lud die Pakete aus, seine Bewegungen waren mechanisch. Als er die schwere Portaltür aufstieß, sah er die Sekretärin am Tresen sitzen. Sie trug die Brille, die er vor drei Tagen auf dem Formular hatte liegen sehen.
„Schrecklich, nicht wahr, Herr Stefan?“, sagte sie und schüttelte den Kopf, während sie den Empfang quittierte. „Dieser Kurzschluss im Umspannwerk. Mein Fernseher ist komplett hinüber. Und das Handy erst – einfach geschmolzen, sagen die Techniker.“
„Ja“, antwortete Stefan kurz angebunden. „Ein seltener Defekt, hat man mir gesagt.“
Er verließ das Rathaus und ging zum Brunnen. Dort traf er auf Bauer Moser, der gerade einige Utensilien auf seinen Pick-up lud. Der Bauer sah müde aus, seine Augen waren gerötet.
„Moser“, nickte Stefan ihm zu. „Alles okay im Stall?“
Der Bauer hielt inne und sah Stefan lange an. In seinem Blick lag etwas, das nicht zu der Geschichte vom Transformatorbrand passte. „Die Kühe sind ruhig, Stefan. Seltsam ruhig. Als ich wiederkam, waren sie gemolken. Sauberer, als ich es je gemacht hätte.“
Er trat einen Schritt näher und senkte die Stimme. „Die Leute vom Katastrophenschutz sagen, sie hätten Spezialisten geschickt, um die Evakuierung der Tiere vorzubereiten, bevor der Stromausfall behoben wurde. Aber...“ Er deutete auf den Boden. „Dort drüben, hinter dem Schuppen. Ich habe eine leere Schachtel Zigaretten gefunden. Eine Marke, die es hier gar nicht gibt. Und die Filter... die sehen aus, als kämen sie aus dem Labor.“
Stefan sah die Schachtel nicht an. Er sah auf seine eigenen Hände, an denen die feinen Kratzer der Kellerfenster-Flucht langsam verkrusteten.
„Vielleicht haben wir einfach nur Glück gehabt, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, sagte Stefan leise.
„Glück?“, Moser lachte trocken. „Sie haben uns die Technik genommen, uns wie Vieh verladen und uns dann wieder hier abgesetzt, als wäre nichts gewesen. Aber schau dir die Vögel an, Stefan.“
Stefan blickte nach oben. Die Bäume waren voll von Spatzen und Amseln, aber kein einziger sang. Sie saßen stumm auf den Zweigen und beobachteten das Dorf.
„Die merken, dass die Luft sich verändert hat“, murmelte Moser.
Stefan stieg wieder in seinen Wagen. Er wusste, dass das Dorf Brandholz nun zwei Zeitrechnungen hatte. Die eine, die auf den neuen Digitaluhren der Bewohner tickte, die sie sich eilig nach dem „Unfall“ gekauft hatten. Und die andere, die in den Köpfen derer existierte, die den Geruch von Ozon und das Schweigen der Maschinen miterlebt hatten.
Als er das Dorf verließ, passierte er die Außenuhr von „Radio-Schulz“. Sie war ersetzt worden. Die Zeiger drehten sich wieder, präzise und unerbittlich.
Stefan griff nach seinem neuen Diensthandy, das auf dem Beifahrersitz lag. Er zögerte kurz, dann schaltete er es aus. Für den Rest der Fahrt wollte er nur das Geräusch des Motors hören – ehrlich, mechanisch und ohne Zeugen am anderen Ende der Leitung.
Der Nebel stand wie eine weiße Wand in den Gassen. Stefan sah nur die Schieferdächer aus dem Dunst ragen, während die Reifen seines Wagens fast lautlos über den feuchten Asphalt glitten.
Es war 09:15 Uhr. Normalerweise wäre hier jetzt die „Rushhour“ der Bergidylle: Die Nordic-Walking-Gruppe würde mit rhythmischem Klick-Klack ihrer Stöcke die Hauptstraße besetzen, Rentner würden die Gehwege fegen und der Bäcker hätte die Auslagen voll mit dampfenden Hörnchen.
Doch Brandholz war stumm.
Stefan stoppte vor der Konditorei „Süße Ecke“. Die Vitrine war leer. Kein Duft von Hefe oder Kaffee. Nur die Preisschilder für „Hefezopf“ und „Vollkornbrot“ standen einsam auf den Glasböden, als warteten sie auf eine Lieferung, die niemals kommen würde.
Neben dem Brunnen am Marktplatz lehnte ein rotes Mountainbike. Der Ständer war ausgeklappt, der Rahmen feucht vom Tau. Ein halbvoller Wasserbecher stand auf dem Brunnenrand. Es wirkte, als hätte der Fahrer nur kurz innegehalten, um zu trinken, und wäre dann mitten im Schluck einfach... verdampft.
Das Wasser des Brunnens plätscherte unermüdlich. Es war ein gleichmäßiges, fast grausames Geräusch in dieser unnatürlichen Stille.
Stefan schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich eine Gemeindeversammlung“, murmelte er, doch er glaubte es selbst nicht. Er griff nach dem Stapel für das Rathaus – das machte er immer zuerst. Das Dorfamt war sein Hauptkunde, hier lieferte er Akten, Bescheide und Büromaterialien aus.
Er hievte zwei schwere Kartons auf die Sackkarre und rollte über das Kopfsteinpflaster zum massiven Portal des Rathauses. Die Tür war nicht verschlossen. Sie schwang mit einem langen, klagenden Quietschen auf.
„Post!“, rief Stefan in die Eingangshalle. Seine Stimme hallte von den hohen Wänden zurück, unnatürlich laut und fremd.
Keine Antwort. Auf dem Tresen der Bürgerberatung lag eine Brille auf einem aufgeschlagenen Formular. Daneben stand eine Tasse Kaffee; ein dünner, weißlicher Film hatte sich bereits auf der Oberfläche gebildet. Der Computerbildschirm dahinter war schwarz – kein Standby-Licht, kein Summen des Lüfters. Nichts.
Plötzlich schrillte das Telefon auf dem Schreibtisch los.
Ein alter, mechanischer Apparat. Das Klingeln riss an Stefans Nerven wie eine Säge. Er starrte auf das Gerät. Es wirkte wie ein Eindringling aus einer anderen Welt. Er hob nicht ab.
Das Klingeln brach nach dem zehnten Mal abrupt ab, nur um sofort wieder zu beginnen. Das Dorf war abgeschnitten, aber die Außenwelt hämmerte verzweifelt gegen die unsichtbare Tür.
Stefan hielt es drinnen nicht mehr aus. Er ließ die Pakete einfach im Flur stehen – die Unterschrift war ihm jetzt egal – und trat zurück auf den Marktplatz.
Dort sah er ihn. Ein Berner Sennenhund, groß und massiv, schlich aus dem Schatten der Uhrmacherei. Es war „Bello“, der Hund des Bürgermeisters, der normalerweise jeden Fremden mit einem gemütlichen Wuff begrüßte.
Er schnüffelte an einer verlassenen Einkaufstasche, aus der eine Packung Milch gelaufen war. Die weiße Flüssigkeit war träge über das unebene Kopfsteinpflaster gesickert und hatte sich in den Vertiefungen zwischen den Steinen gesammelt. Ein ganzer Schwarm Fliegen tanzte bereits in der feuchten Vormittagssonne darüber, ein gieriges Summen, das die unnatürliche Stille des Marktplatzes nur noch unterstrich.
Der Berner Sennenhund leckte nicht an der Milch. Er schien den Geruch kaum wahrzunehmen. Mit gesenktem Kopf und eingezogener Rute schlich er im Zickzack über den Platz, die Nase dicht am Boden, als suchte er verzweifelt nach einer vertrauten Spur, die vor einiger Zeit einfach abgerissen war. Es war das Bild vollkommener Orientierungslosigkeit.
Stefan beobachtete das Tier und spürte, wie sich ihm die Kehle zuschnürte. In Brandholz war alles Materielles an seinem Platz – die Autos, die Blumenkästen, die halbvolle Milchpackung –, nur die Seele des Dorfes war wie mit einem chirurgischen Schnitt entfernt worden.
Aus der offenen Tür des Rathauses hinter ihm drang erneut das unerbittliche Klingeln des Festnetzes. Ring-Ring. Ring-Ring. Es klang jetzt fast wie ein Hilfeschrei.
Stefan wollte den Hund locken, doch in diesem Moment blieb sein Blick an der Fassade des Elektrogeschäfts „Radio-Schulz“ hängen. Über dem Eingang prangte eine große, runde Außenuhr. Ihre Zeiger standen starr auf 08:14 Uhr.
Er trat einen Schritt näher und drückte sein Gesicht gegen die kalte Schaufensterscheibe. Im Inneren des Ladens sah alles so ordentlich aus, so bereit für den nächsten Kunden. Die Preisschilder standen in Reih und Glied neben einer prachtvollen, alten Standuhr – einem mechanischen Erbstück, das als Blickfang im Verkaufsraum diente. Im Hintergrund schimmerte das Wasser im Tank eines modernen Kaffeevollautomaten; eine stille Reserve für einen Morgenkaffee, der nie gebrüht worden war.
Diese Ordnung war eine Lüge.
Die Bildschirme der ausgestellten Fernseher und Tablets waren nicht einfach nur ausgeschaltet. Sie wirkten von innen heraus zerstört, als hätte ein unsichtbares Feuer die feinen Schaltkreise zu Schlacke verschmolzen. Kein einziges Standby-Lämpchen leuchtete an der langen Regalwand. Es gab kein leises Summen von Transformatoren, das man in solchen Geschäften normalerweise als konstantes Hintergrundrauschen wahrnahm. Sogar die digitalen Preisschilder an den Regalböden zeigten nur noch tote, graue Leere.
Stefan spürte eine instinktive Gänsehaut. Er erinnerte sich an Berichte über Blitzeinschläge, aber das hier war präziser. Es war kein chaotischer Einschlag gewesen, eher ein chirurgischer Schlag, der alles Digitale hingerichtet hatte.
Das Paradoxon war körperlich greifbar: Während die Mikroprozessoren in den Geräten gegrillt worden waren, blieb alles Analoge unberührt. Das Wasser im Tank der Kaffeemaschine war klar, die bedruckten Pappschilder leuchteten in knalligen Farben und das schwere Messing des Türgriffs glänzte im fahlen Licht. Die alte Standuhr im Zentrum des Ladens war das einzige Gerät, das noch Leben vortäuschte – ihr massives Pendel schwang unbeeindruckt hin und her und gab ein hölzernes, rhythmisches Tock-Tock von sich, das wie ein höhnischer Herzschlag in der Stille des Ladens widerhallte.
Er trat unbewusst einen Schritt zurück. Der Kontrast zwischen der toten Elektronik und der tickenden Mechanik machte ihm klar, dass dies kein Unfall war. Jemand hatte die Zeit für alles Moderne angehalten und Brandholz in ein analoges Gefängnis verwandelt.
Das Klingeln im Inneren des Rathauses hörte plötzlich auf. Die Stille, die darauf folgte, war schwerer als zuvor. Das Dorf war kein Ort mehr, es war eine Kulisse.
Stefan riss sich vom Anblick der tickenden Standuhr los. Die Panik, die er bisher mühsam unterdrückt hatte, stieg nun wie eine kalte Flut in ihm auf. Er rannte über das Kopfsteinpflaster zurück zu seinem gelben Transporter. Das Geräusch seiner eigenen Schritte auf dem Stein kam ihm in der unnatürlichen Stille des Dorfes wie ein Donnerhall vor.
Er sprang auf den Fahrersitz und riss den Zündschlüssel herum.
Nichts. Kein Aufleuchten der Kontrolllampen, kein vertrautes Piepen des Anschnallwarners, nicht einmal das schwache Glimmen der Kilometeranzeige. Das Armaturenbrett blieb eine tote, schwarze Wand aus Plastik. Er versuchte es wieder und wieder, drehte den Schlüssel mit solcher Gewalt, dass das Metall fast nachgab.
In diesem Moment begriff er die volle Tragweite des chirurgischen Schlags: Sein moderner Diesel war kein mechanisches Fahrzeug mehr, sondern ein computergesteuertes System – und das Gehirn dieses Systems war nun ein Klumpen geschmolzenen Siliziums. Der elektromagnetische Impuls hatte nicht nur die Fernseher bei „Radio-Schulz“ getötet; er hatte seinen Wagen in einen zwei Tonnen schweren Briefbeschwerer verwandelt.
Stefan schlug mit der Faust gegen das Lenkrad. „Komm schon!“, schrie er, doch seine Stimme wurde sofort vom dichten Nebel und dem fernen, klagenden Brüllen der Kühe verschluckt.
Er griff instinktiv nach seinem Smartphone in der Seitentasche seiner Hose. Als er es herausholte, spürte er eine leichte Restwärme am Gehäuse. Das Display war von einem feinen Netz aus Rissen durchzogen, und ein hässlicher, dunkler Fleck breitete sich unter dem Glas aus. Es war Schrott. Er war in der Sackgasse von Brandholz gefangen, abgeschnitten von der Welt, ohne die Möglichkeit, Hilfe zu rufen oder das Tal zu verlassen.
Stefan riss sich vom Anblick seines zerstörten Handys los. Die Stille des Dorfes wurde nun von einer neuen, bedrohlichen Ebene durchbrochen. Aus den Häusern ringsum drang ein vielstimmiges Chor des Schreckens: Haustiere, die seit Stunden in den verlassenen Wohnzimmern gefangen waren, begannen gegen die Türen zu kratzen und zu jaulen. Das verzweifelte Brüllen der ungemolkenen Kühe von den nahen Weiden schwoll zu einem klagenden Mahlstrom an.
In Brandholz war der Rhythmus der Natur untrennbar mit der Hand des Menschen verknüpft gewesen – eine Symbiose, die jemand mit einem digitalen Skalpell einfach durchtrennt hatte.
Gerade als Stefan die Fahrertür wieder aufstoßen wollte, sah er sie im Rückspiegel.
Drei dunkelgraue Geländewagen schoben sich lautlos aus dem Nebel am Dorfeingang. Sie glitten wie Raubfische durch das Weiß, ohne Motorengeräusch – schwere Elektrofahrzeuge, die offensichtlich speziell abgeschirmt worden waren, um dem elektromagnetischen Impuls standzuhalten. Sie hielten in perfekter Formation auf dem Marktplatz. Männer in olivgrünen Overalls sprangen heraus, die Gesichter maskenhaft leer unter futuristischen Helmen.
Doch die militärische Präzision hielt nur Sekunden. Als die Männer mit der rohen Realität des Dorfes konfrontiert wurden – mit dem Schmerzgebrüll des Viehs und dem Chaos der anderen verlassenen Kreaturen – stutzten sie. Stefan sah, wie der Einsatzleiter hektisch auf ein Klemmbrett starrte. Sie waren Experten für Logistik und Evakuierung, aber sie waren vollkommen überfordert von dem biologischen Lärm, den man nicht einfach „löschen“ konnte.
Um diese Schwäche zu verbergen, fixierte der Leiter plötzlich den gelben Transporter. Er wirkte fast erleichtert, ein menschliches Problem gefunden zu haben, das er nach Vorschrift behandeln konnte.
„Sie da! Aussteigen!“, brüllte er und stapfte auf Stefan zu.
Stefan begriff blitzschnell: Er war der einzige Fehler in einem ansonsten perfekt bereinigten System. Er war der Zeuge, den der Verantwortliche nicht eingeplant hatte. Inmitten des anschwellenden Lärms der Festnetztelefone, die nun in jedem zweiten Haus gleichzeitig zu schrillen begannen, während die Anrufbeantworter die verzweifelten Stimmen der Außenwelt in die leeren Gassen plärrten, sah Stefan seine einzige Chance.
Er wartete nicht, bis der Beamte die Tür erreichte. Er hechtete über die Mittelkonsole, ignorierte den stechenden Schmerz in seinem Knie und riss die Beifahrertür auf. Mit einem Satz war er draußen, landete auf dem feuchten Kopfsteinpflaster und rollte sich ab. Das Blech des Transporters diente ihm als Sichtschutz, während er geduckt zur schmalen Gasse hinter der Bäckerei rannte.
„Halt! Bleiben Sie stehen!“, gellte die Stimme hinter ihm.
Stefan warf sich in den Schatten zwischen den Häusern. Hier war es so eng, dass die Geländewagen ihm nicht folgen konnten. Der Geruch nach Mehl und altem Stein schlug ihm entgegen. Er hastete tiefer in das Labyrinth der Hinterhöfe, vorbei an aufgestapelten Holzscheiten und weißen Betttüchern, die wie Geister auf den Leinen hingen.
Stefan löste sich von der rauen Wand und schlich geduckt am Fundament der Häuserzeile entlang. Jedes Knirschen des Kieselsteins unter seinen Sohlen klang in seinen Ohren wie ein Verrat. Er erreichte den schmalen Lichtschacht eines alten Kohlenkellers, dessen gusseisernes Gitter nur noch locker in den Angeln hing. Mit brennenden Lungen und schweißnassen Händen zwängte er sich rückwärts in die klamme Tiefe.
Der Keller war ein Labyrinth aus gemauerten Rundbögen und modrigem Geruch. Stefan tastete sich an der kalten, feuchten Wand entlang, während von oben, durch die Kellerfenster, das ferne Stiefelklackern der Patrouillen zu hören war. Plötzlich spürte er einen Luftzug und ein fast lautloses Huschen direkt neben seinem Bein.
Ein gellender, kurzer Schrei entwich seiner Kehle, bevor er sich die Hand auf den Mund presste. Zwei bernsteinfarbene Augen glühten im fahlen Restlicht auf. Es war die dreifarbige Glückskatze der Bäckerin. Das Tier strich ihm nun mit einer fast verzweifelten Intensität um die Knöchel und gab ein heiseres, lautloses Miauen von sich. Die Katze zitterte am ganzen Leib. Sie schien in Stefan den letzten Anker einer Welt zu sehen, die noch nicht aus den Fugen geraten war.
Stefan beruhigte das Tier kurz mit einer zittrigen Handbewegung und kroch weiter durch das feuchte Dunkel. Er passierte rostige Rohrleitungen und alte Weinregale, bis er am Ende des Verbindungsganges die hölzerne Tür zum Heizungskeller erreichte. Das Tier folgte ihm wie ein Schatten, jede seiner Bewegungen spiegelnd, als wüssten sie beide, dass sie die einzigen lebendigen „Störfaktoren“ in einem toten Sektor waren.
Vorsichtig drückte er die Klinke nach unten. Die Tür gab nach, und Stefan schlüpfte in einen weiteren Kellerraum. Über ihm, durch die Deckenbalken, drang das unerbittliche mechanische Schrillen eines Telefons nach unten.
Stefan kauerte in der Dunkelheit, den Rücken gegen den kühlen Beton gepresst. Jedes Mal, wenn er glaubte, die Stille würde endlich einkehren, wurde sie von einem neuen, schrillen Geräusch zerrissen. Über ihm, auf Höhe der Steinterrasse, ertönte ein hektisches Scharren – das Geräusch von Krallen, die vergeblich Halt auf glattem Glas suchten. Es war ein rhythmisches, verzweifeltes Klopfen, das ihm die Haare im Nacken aufstellte.
Stefan presste den Rücken gegen den kalten Beton. In der Dunkelheit des Kellers begannen seine Sinne sich zu verselbstständigen. Ihm kam es so vor, als würde draußen eine dunkle Wolke des Schicksals entstehen, ein lautloser, grauer Schatten, der sich aus der Stille des Tals speiste und nun unaufhaltsam über die feuchten Wiesen von Brandholz glitt.
Stefan drückte sich tiefer in die Nische hinter dem alten Heizöltank. Der modrige Geruch von feuchtem Kellerstaub biss in seiner Nase. Oben auf der Straße hörte er jetzt das metallische Klacken von Autotüren und kurze, abgehackte Kommandos.
„Sektor Marktplatz gesichert. Transporter lokalisiert, Fahrer flüchtig“, dröhnte eine Stimme durch ein Funkgerät, verzerrt und unnatürlich laut in der toten Stille des Dorfes.
Stefan verstand nicht, was hier passierte, aber die Professionalität dieser Männer machte ihm Angst. Das war keine Hilfsaktion. Wenn ein ganzer Landstrich elektronisch gegrillt wurde und Minuten später eine maskierte Truppe auftauchte, um die Zeugen einzusammeln, war das ein geplanter Zugriff.
Die Katze an seinen Füßen starrte zur Kellertür. Sie fauchte leise.
Schritte über ihn. Schwer, rhythmisch. Jemand war in das Haus über ihm eingedrungen. Das alte Gebälk knarrte unter dem Gewicht der Stiefel. Stefan hielt den Atem an, bis sein Brustkorb schmerzte. Er sah sich im Halbdunkel um. Der Keller war eine Sackgasse, genau wie das Dorf.
Sein Blick fiel auf ein kleines, quadratisches Fenster direkt unter der Decke, das in den Garten hinter dem Haus führte. Es war mit einem groben Drahtgitter gesichert und mit Spinnweben überzogen. Es war eng, verdammt eng, aber seine einzige Chance, bevor sie die Kellertreppe herunterkamen.
Er schob eine alte Holzkiste unter das Fenster, stieg darauf und griff nach dem Riegel. Das Metall war verrostet und wehrte sich. Mit einem hässlichen Quietschen sprang es auf. Stefan erstarrte, lauschte nach oben. Das Gehen über ihm hatte aufgehört.
„Keller prüfen“, rief eine Stimme von oben.
Jetzt oder nie.
Stefan zog sich hoch, ignorierte den Dreck, der ihm in die Augen fiel, und zwängte seine Schultern durch die Öffnung. Der Draht riss an seinem Arbeitsshirt, die raue Hauswand schürfte ihm die Unterarme auf. Mit einem letzten, verzweifelten Stoß drückte er sich hindurch und landete unsanft in einem verwilderten Forsythienbusch.
Er blieb eine Sekunde liegen, das Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. Vor ihm lag der Garten, dahinter eine steile Wiese, die direkt in den dichten Wald des Bergrückens führte.
Wenn er den Wald erreichte, hätten sie es schwerer. Die Geländewagen waren auf den Wegen unschlagbar, aber im Unterholz zählte nur, wer sich auskannte. Und Stefan war hier in der Gegend aufgewachsen.
Er rappelte sich auf und rannte los. Er mied die offene Fläche und hielt sich im Schutz der hohen Hecken. Als er den Waldrand erreichte, warf er einen Blick zurück.
Auf dem Marktplatz stand einer der Männer in den grauen Overalls. Er blickte genau in Stefans Richtung. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf dem dunklen Visier seines Helms. Der Mann hob den Arm und deutete mit dem Finger direkt auf ihn. Er sagte nichts, er rannte auch nicht los. Er wirkte fast geduldig.
Stefan drehte sich um und verschwand zwischen den Fichten. Er musste zu der alten Jagdhütte am Gipfel. Dort gab es kein Telefon, keinen Strom und nichts Digitales, das hätte schmelzen können. Aber dort gab es ein altes Funkgerät aus den 70ern – rein mechanische Röhrentechnik. Wenn das, was er im Dorf gesehen hatte, ein gezielter Schlag gegen moderne Mikroelektronik war, dann war alte, primitive Technik vielleicht das Einzige, was noch funktionierte.
Er musste die Außenwelt warnen. Falls es da draußen noch jemanden gab, der zuhörte.
Stefan rannte, bis seine Lungen brannten. Das weiche Moos schluckte das Geräusch seiner Schritte, und der steile Anstieg zwang ihn dazu, sich an Wurzeln und tiefhängenden Ästen hochzuziehen. Der Wald wirkte seltsam unberührt – hier gab es keine Elektronik, die hätte sterben können, nur das zeitlose Rauschen der Tannen.
Nach zwanzig Minuten sah er das graue Schieferdach der Hütte. Sie gehörte dem alten Breitner, einem kauzigen Kerl, der schon vor Jahren verstorben war. Die Hütte war von den Menschen verlassen, doch Stefan wusste, dass die alte Technik im Inneren noch vorhanden war.
Er riss die schwere Holztür auf. Es roch nach kaltem Rauch und altem Fett.
In der Ecke, auf einem massiven Eichentisch, stand das Gerät: ein schwerer, olivgrüner Kasten mit analogen Drehknöpfen und einer runden Skala, die gelblich schimmerte, als er den massiven Kippschalter umlegte.
Ein tiefes, brummendes Summen erfüllte den Raum.
Stefan starrte auf die kleine Lampe am Gehäuse. Sie leuchtete. Die Röhren brauchten einen Moment, um warm zu werden, dann erfüllte ein statisches Rauschen das Zimmer. Es war das schönste Geräusch, das er je gehört hatte. Während unten im Tal alles Digitale tot war, lebte diese 50 Jahre alte Technik einfach weiter.
Er griff nach dem schweren Bakelit-Mikrofon und drückte die Sendetaste.
„Hier ist Stefan. Hört mich jemand? Brandholz ist... ich weiß nicht, was hier passiert ist. Hier sind Männer in Overalls. Alles ist tot. Hört mich jemand?“
Zuerst kam nur das weiße Rauschen. Dann, ganz schwach, knackte es in der Leitung. Eine Stimme schälte sich aus dem Äther, verzerrt und fern, aber menschlich.
„...hier... Notfrequenz 4... Wer spricht da? Sind Sie in einer Sperrzone?“
„Ich bin in Brandholz!“, rief Stefan. „Wer sind Sie?“
„Hören Sie gut zu“, die Stimme wurde klarer, klang aber gehetzt. „Bewegen Sie sich weg von allen metallischen Strukturen. Das war kein Unfall. Es ist ein Testlauf. Ein 'Null-Szenario'. Sie löschen die digitale Signatur ganzer Regionen, um die Reaktion der Bevölkerung zu testen. Die Männer, die Sie sehen... das ist keine Hilfe. Das ist die Entsorgungseinheit.“
Stefan wollte antworten, doch ein plötzliches Schattenwerfen am Fenster ließ ihn erstarren.
Draußen, über den Baumwipfeln, schwebte lautlos eine Drohne. Es war keine der kleinen Hobby-Drohnen, die er kannte. Sie war groß, mattschwarz und hatte die Form eines flachen Diskus. Sie hatte keine Rotoren; sie schien auf einem Polster aus purer Energie zu reiten. Ein roter Laserstrahl tastete langsam die Außenwand der Hütte ab.
Die Stimme aus dem Funkgerät schrie fast: „Verschwinden Sie dort! Wenn sie das Signal orten, wird die Hütte zum Ziel! Das Feld wird erneut...“
Ein gellendes Pfeifen übertönte die Stimme. Die Röhren im Funkgerät begannen plötzlich hellblau zu leuchten – ein unnatürliches, schönes Licht. Stefan ließ das Mikrofon fallen, als das Metall in seiner Hand glühend heiß wurde.
Er stürzte zur Hintertür, hinaus in den Wald, gerade als ein lautloser Lichtblitz die Hütte hinter ihm in ein kaltes, weißes Feuer hüllte. Es gab keine Explosion, kein Knall. Als er sich im Laufen umdrehte, war die Hütte einfach... weg. An ihrer Stelle stand nur noch ein Gerüst aus glühender Asche, das in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus.
Der Schock über die lautlose Vernichtung der Hütte trieb Stefan tiefer in das Dickicht. Er rannte nicht weg vom Dorf, sondern instinktiv parallel zum Kamm des Bergrückens. Er wusste: Wenn sie ihn oben am Gipfel orten konnten, war der Wald kein Versteck, sondern eine Falle.
Er musste zurück. Im Dorf gab es Keller, Winkel und Menschen – oder zumindest das, was von ihrer Anwesenheit übrig war. In der Wildnis war er ein einsames Ziel auf einem Infrarotschirm; im Dorf war er eine Anomalie in einem komplexen System.
Stefan nutzte das ausgetrocknete Bett eines schmalen Bachlaufs, um ungesehen an Höhe zu verlieren. Er rutschte mehr, als er ging, das kalte Wasser drang in seine Schuhe, doch das war ihm egal. Der Bach führte direkt hinter die alte Friedhofsmauer, die am tiefsten Punkt des Hanges lag und einen toten Winkel für die Drohnen bildete.
Schlammig und mit zerrissenem Ärmel erreichte er die Rückseite der massiven Bruchsteinmauer. Er atmete flach, den Geschmack von Ozon und verbranntem Holz noch immer auf der Zunge. Er zog sich vorsichtig an den kalten Steinen hoch und spähte durch eine Scharte zwischen zwei Grabsteinen hindurch auf den Marktplatz.
Dort bot sich ihm das neue Bild:
Ein tiefer, satter Motorenklang – diesmal kein Summen, sondern ein echtes, mechanisches Grollen – kündigte ein weiteres Fahrzeug an. Ein schwerer, gepanzerter Geländewagen in mattem Schwarz rollte auf den Platz. Als der Wagen hielt, sprangen die Männer in den Overalls sofort in Habachtstellung.
Ein Mann stieg aus. Er trug keinen Helm, nur eine schlichte schwarze Uniform. Sein Gesicht war gezeichnet von Müdigkeit und einem tiefen Zorn. Das war unverkennbar der Einsatzleiter.
Er blickte nicht auf den schwarzen Würfel oder die gesammelten Daten. Sein Blick schweifte über den Marktplatz, blieb an der ausgelaufenen Milch haften und wanderte dann zu dem Berner Sennenhund, der immer noch orientierungslos im Kreis lief. Das unerträgliche Brüllen der Kühe von den nahen Ställen schien hier unten jetzt noch lauter zu sein.
„Aris!“, herrschte der Einsatzleiter den Jungen mit dem Tablet an. „Warum schreien diese Tiere immer noch?“
„Chef, die biologische Reaktion war nicht Teil des Protokolls... wir dachten, die Ruhe würde einkehren, sobald...“
„Sie dachten?“, unterbrach ihn der Leiter. Sein Gesicht lief rot an. „Das hier sollte eine lautlose Operation werden! Ein klinischer Test! Stattdessen klingt dieses Tal wie ein Schlachthof. Das Signal dieser Viecher wird man noch drei Dörfer weiter hören. Wenn die Presse oder die Anwohner der Nachbarregionen hier auftauchen, bevor wir fertig sind, sind wir alle erledigt!“
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Und wo ist der Fahrer des gelben Wagens?“
„Wir suchen ihn noch. Er ist in den Wald geflüchtet.“
„Finden Sie ihn. Sofort. Er ist der einzige Faktor, der hier nicht hergehört.“
Stefan wollte gerade den Rückzug antreten, als er unvorsichtig war. Sein verletztes Knie gab unter ihm nach, und ein paar lose Steine der Mauer polterten lautstark den Abhang hinunter.
Die Männer erstarrten. Drei Gewehrmündungen schwenkten in Millisekunden in seine Richtung.
„Nicht schießen!“, brüllte der Einsatzleiter. „Ich will ihn lebend!“
Zwei Männer packten Stefan, bevor er auch nur aufstehen konnte, und zerrten ihn grob auf den Marktplatz. Er wurde unsanft vor den Einsatzleiter geworfen. Stefan spürte das heiße Kopfsteinpflaster an seinen Handflächen.
„Der Postbote“, sagte der Leiter leise. Er sah Stefan an, als wäre er ein Insekt unter einem Mikroskop. „Sie haben einen verdammt schlechten Tag für Ihre Tour gewählt, Herr...?“
„Stefan“, presste er hervor. Er blickte zu den Häusern, aus denen immer noch das verzweifelte Jaulen der Hunde drang. „Was haben Sie mit den Leuten gemacht?“
„Die Leute sind sicher. Aber die Tiere...“ Der Leiter blickte genervt zu den Weiden hoch, wo eine Kuh gerade so laut brüllte, dass man sein eigenes Wort kaum verstand. „Diese verdammten Kreaturen ruinieren die gesamte Akustik der Messung. Meine Männer wissen nicht, wie man mit... Natur umgeht.“
Er sah Stefans gelbe Uniform an, die Dreckflecken und die schwieligen Hände eines Mannes, der auf dem Land aufgewachsen war. Ein zynisches Lächeln legte sich auf seine Lippen.
„Sie kommen aus der Gegend, Stefan. Sie wissen, wie man dieses Gebrüll abstellt, oder?“
Stefan starrte ihn ungläubig an. „Die Tiere müssen gemolken werden. Und gefüttert. Wenn die Euter entzünden, krepieren sie.“
Der Einsatzleiter nickte seinen Männern zu. „Lassen Sie ihn los.“ Er trat einen Schritt näher an Stefan heran. „Hören Sie gut zu. Sie werden jetzt tun, was Sie am besten können: Den Landwirt spielen. Sie sorgen dafür, dass in diesem Dorf Ruhe einkehrt. Meine Männer werden Sie begleiten. Wenn Sie versuchen zu rennen oder wenn Sie auch nur eine Sekunde lang glauben, den Helden spielen zu müssen, wird dieser 'Testlauf' für Brandholz sehr viel endgültiger enden.“
Er legte Stefan eine schwere Hand auf die Schulter. „Wir werden das hier als einen großflächigen Stromausfall deklarieren. Sie werden kein Wort über den Impuls verlieren, kein Wort über die Männer in den Helmen und schon gar nicht über das, was Sie oben am Waldrand gesehen haben. Wenn Sie schweigen, dürfen Sie morgen wieder Ihre Pakete ausfahren. Wenn nicht... nun ja, Sie haben gesehen, wie schnell Technik ersetzt werden kann.“
Stefan sah in die kalten Augen des Mannes. Ihm blieb keine Wahl.
„Ich brauche Eimer“, sagte Stefan heiser. „Und jemanden, der die Tore zu den Ställen aufbricht.“
Stefan griff sich zwei verzinkte Eimer aus dem Schuppen hinter dem Rathaus. Aris, der junge Techniker mit der Sensor-Brille, folgte ihm wie ein Schatten. Er hielt sein Gewehr ungelenk, fast so, als hätte er mehr Angst vor der Waffe als vor Stefan.
„Komm schon“, sagte Stefan barsch und nickte in Richtung des großen Stalls von Bauer Moser. „Wenn wir nicht anfangen, bricht hier in einer Stunde das Chaos aus.“
Sie traten in die dämmrige Kühle des Stalls. Die Kühe standen unruhig in ihren Boxen, die Euter prall und schmerzhaft gespannt. Das Brüllen war hier drinnen ohrenbetäubend. Stefan setzte sich wortlos auf einen Schemel, presste seine Stirn gegen die warme Flanke der ersten Kuh und begann mit dem rhythmischen Handmelken. Das metallische Pling-Pling der ersten Milchstrahlen im leeren Eimer war das erste normale Geräusch an diesem Morgen.
Aris beobachtete ihn fasziniert und angewidert zugleich. „Dass die so einen Lärm machen können... das stand in keinem der Simulationsberichte.“
„In euren Berichten kommen wahrscheinlich keine Lebewesen vor, was?“, murmelte Stefan, ohne den Rhythmus zu unterbrechen.
Aris blickte nervös zur Tür, wo einer der älteren Wachen patrouillierte. „Es ist eine Übung der höchsten Geheimhaltungsstufe“, flüsterte er dann. „‚Projekt Stiller Herbst‘. Es geht um die vollständige digitale Isolierung strategischer Zonen. Wir haben die Menschen evakuiert – laut Plan sind alle Bewohner von Brandholz heute Nacht unter dem Vorwand einer fiktiven Giftgas-Warnung in Busse gestiegen. Das Dorf sollte leer sein.“
„Leer?“, Stefan lachte kurz und humorlos auf. „Ihr habt die Menschen wie Schachfiguren abtransportiert, aber die Tiere habt ihr einfach vergessen. Die zählen wohl nicht zur strategischen Zone?“
„Sie waren kein Teil der digitalen Infrastruktur“, sagte Aris entschuldigend. „Der Algorithmus hat nur emittierende Signale berechnet. Kühe senden keine Daten. Dass sie physisch... so präsent sind, hat die Einsatzleitung vollkommen überfahren.“
Stefan wechselte zum nächsten Tier. „Und was passiert jetzt? Der Chef da draußen sieht nicht so aus, als würde er die Leute morgen wieder nach Hause lassen.“
Aris wurde blass. „Die Evakuierung ist offiziell. Die Leute sind in einer Quarantäne-Station. Wenn dieser Test hier nicht als ‚sauber‘ in die Akten geht – also ohne zivile Zeugen und ohne diesen biologischen Lärm –, dann wird das Dorf zur Sperrzone erklärt. Permanent.“
Stefan hielt inne. Das bedeutete, Brandholz würde sterben. Nicht durch den Impuls, sondern durch die Bürokratie einer Geheimoperation, die ihren eigenen Fehler vertuschen wollte.
„Hör zu“, sagte Stefan leise und sah Aris direkt an. „Ihr wollt Ruhe? Ich gebe euch Ruhe. Ich bringe das Vieh zum Schweigen. Aber du musst mir helfen. Ihr habt die Telefone im Rathaus wieder zum Klingen gebracht, nachdem der Impuls durch war. Das heißt, ihr habt eine Brücke nach draußen, die nicht digital ist. Ein Notfall-Analog-Netz.“
Aris nickte kaum merklich. „Die alten Kupferleitungen. Wir nutzen sie für die interne Kommunikation, weil sie nicht gebraten wurden.“
„Wenn ich hier fertig bin“, sagte Stefan, während er den nächsten Eimer füllte, „musst du mich an dieses Telefon lassen. Nur für eine Minute. Wenn die Leute in der Quarantäne-Station erfahren, dass ihre Tiere hier krepieren, bricht dort ein Aufstand aus, den kein Sicherheitsdienst der Welt kontrollieren kann. Dann müsst ihr das Dorf öffnen.“
Aris starrte auf die Milch. Er wirkte hin- und hergerissen zwischen seiner Karriere und dem schieren Grauen vor der Inkompetenz seiner Vorgesetzten. „Der Einsatzleiter wird dich erschießen, wenn er dich am Apparat erwischt.“
„Er braucht mich“, entgegnete Stefan und deutete auf die langen Reihen wartender Tiere. „Ich bin der Einzige hier, der weiß, wie man diese Katastrophe leise hält.“
Stefan schuftete bis tief in den Nachmittag. Seine Schultern schmerzten, und seine Hände waren vom Melken krampfartig versteift. Er zog von Hof zu Hof, begleitet von Aris und zwei bewaffneten Schatten, die mit jedem vollen Eimer und jedem verstummten Stall sichtlich ruhiger wurden. Der beißende Geruch von frischer Milch und Stallmist vermischte sich mit dem fahlen Nebel, der immer noch schwer über Brandholz hing.
Gegen 17:00 Uhr war das Dorf fast vollständig verstummt. Nur noch das ferne Plätschern des Brunnens war zu hören.
Der Einsatzleiter erwartete sie vor dem Rathaus. Er hatte seine Handschuhe ausgezogen und rauchte eine Zigarette. Er sah Stefan lange an, fast mit so etwas wie Anerkennung, auch wenn seine Augen kalt blieben.
„Die Stille steht dem Dorf gut, Stefan“, sagte er und warf die Kippe auf das Kopfsteinpflaster. „Gute Arbeit. Sie haben uns – und sich selbst – eine Menge Unannehmlichkeiten erspart.“
„Was jetzt?“, fragte Stefan heiser. Er war zu müde für Angst.
„Jetzt bringen wir Sie nach Hause. Mein Fahrer wird Sie zu Ihrer Wohnung außerhalb der Zone begleiten.“ Der Leiter machte eine Pause. „Sie werden morgen früh aufwachen und die Nachrichten hören. Es gab einen massiven Transformatorbrand im Umspannwerk Brandholz. Ein seltener technischer Defekt, der einen lokalen EMP-Effekt ausgelöst hat. Die Versicherung wird für Ihren Transporter aufkommen. Die Bewohner kehren in zwei Tagen zurück.“
Er trat einen Schritt näher, sein Atem roch nach Tabak. „Kein Wort über die grauen Wagen. Kein Wort über Aris oder mich. Wir sind nie hier gewesen. Wenn Sie reden, werden die Leute Sie für einen Verrückten halten, der durch den Schock den Verstand verloren hat. Und wir... wir werden dafür sorgen, dass Sie nie wieder eine Postroute bekommen. Haben wir uns verstanden?“
Stefan nickte langsam. Er wusste, dass Widerstand zwecklos war. Diese Männer besaßen die Wahrheit, bevor sie überhaupt ausgesprochen war.
Man setzte ihn in einen unscheinbaren, älteren Kleintransporter mit analogen Anzeigen. Während sie aus dem Tal herausfuhren, sah Stefan im Rückspiegel, wie die grauen Geländewagen verladen wurden. Die dunklen Helme verschwanden hinter Planen.
Zuhause angekommen, setzte Stefan sich in seine dunkle Küche. Er schaltete das Licht nicht ein. Er saß einfach nur da und starrte auf seine Hände, die immer noch nach Stall und Kuh rochen.
Auf dem Küchentisch lag seine alte, mechanische Armbanduhr – ein Erbstück seines Vaters, das er morgens abgelegt hatte. Er nahm sie in die Hand, drehte an der Krone und hörte das feine, metallische Ticken. Es war ein einsames, ehrliches Geräusch.
Draußen auf der Straße hörte er das ferne Surren der Zivilisation, das Rauschen der digitalen Welt, die keine Ahnung hatte, wie dünn das Eis war, auf dem sie tanzte. Stefan wusste jetzt, dass ein einziger Knopfdruck genügte, um alles wegzuwischen – alles, bis auf das Vieh, den Mist und das Ticken einer alten Uhr.
Er legte sich angezogen auf das Bett und schloss die Augen. Er würde schweigen. Nicht, weil er loyal war, sondern weil er wusste, dass ihm ohnehin niemand glauben würde, dass ein ganzes Dorf an einem Montagmorgen einfach aufgehört hatte zu existieren, nur um Platz für ein Experiment zu machen.
In der Ferne schlug die Kirchturmuhr von Brandholz. Sie war mechanisch. Sie ging noch immer genau.
Drei Tage später rollte Stefan mit einem Ersatzwagen der Post – einem klapprigen alten Modell, das noch ohne Bordcomputer auskam – wieder die Landstraße nach Brandholz hinauf. Der Nebel war verschwunden und gab den Blick auf die drei Bergrücken frei, die das Dorf wie steinerne Wände umschlossen.
Es wirkte alles wie immer. Die Nordic-Walking-Gruppe war unterwegs, das rhythmische Klick-Klack ihrer Stöcke hallte von den Hauswänden wider. Vor der „Süßen Ecke“ saßen Rentner in der Sonne und tunkten Hefezopf in ihren Kaffee. Der Duft von frischem Gebäck lag schwer und vertraut in der Luft.
Stefan stoppte am Rathaus. Er lud die Pakete aus, seine Bewegungen waren mechanisch. Als er die schwere Portaltür aufstieß, sah er die Sekretärin am Tresen sitzen. Sie trug die Brille, die er vor drei Tagen auf dem Formular hatte liegen sehen.
„Schrecklich, nicht wahr, Herr Stefan?“, sagte sie und schüttelte den Kopf, während sie den Empfang quittierte. „Dieser Kurzschluss im Umspannwerk. Mein Fernseher ist komplett hinüber. Und das Handy erst – einfach geschmolzen, sagen die Techniker.“
„Ja“, antwortete Stefan kurz angebunden. „Ein seltener Defekt, hat man mir gesagt.“
Er verließ das Rathaus und ging zum Brunnen. Dort traf er auf Bauer Moser, der gerade einige Utensilien auf seinen Pick-up lud. Der Bauer sah müde aus, seine Augen waren gerötet.
„Moser“, nickte Stefan ihm zu. „Alles okay im Stall?“
Der Bauer hielt inne und sah Stefan lange an. In seinem Blick lag etwas, das nicht zu der Geschichte vom Transformatorbrand passte. „Die Kühe sind ruhig, Stefan. Seltsam ruhig. Als ich wiederkam, waren sie gemolken. Sauberer, als ich es je gemacht hätte.“
Er trat einen Schritt näher und senkte die Stimme. „Die Leute vom Katastrophenschutz sagen, sie hätten Spezialisten geschickt, um die Evakuierung der Tiere vorzubereiten, bevor der Stromausfall behoben wurde. Aber...“ Er deutete auf den Boden. „Dort drüben, hinter dem Schuppen. Ich habe eine leere Schachtel Zigaretten gefunden. Eine Marke, die es hier gar nicht gibt. Und die Filter... die sehen aus, als kämen sie aus dem Labor.“
Stefan sah die Schachtel nicht an. Er sah auf seine eigenen Hände, an denen die feinen Kratzer der Kellerfenster-Flucht langsam verkrusteten.
„Vielleicht haben wir einfach nur Glück gehabt, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, sagte Stefan leise.
„Glück?“, Moser lachte trocken. „Sie haben uns die Technik genommen, uns wie Vieh verladen und uns dann wieder hier abgesetzt, als wäre nichts gewesen. Aber schau dir die Vögel an, Stefan.“
Stefan blickte nach oben. Die Bäume waren voll von Spatzen und Amseln, aber kein einziger sang. Sie saßen stumm auf den Zweigen und beobachteten das Dorf.
„Die merken, dass die Luft sich verändert hat“, murmelte Moser.
Stefan stieg wieder in seinen Wagen. Er wusste, dass das Dorf Brandholz nun zwei Zeitrechnungen hatte. Die eine, die auf den neuen Digitaluhren der Bewohner tickte, die sie sich eilig nach dem „Unfall“ gekauft hatten. Und die andere, die in den Köpfen derer existierte, die den Geruch von Ozon und das Schweigen der Maschinen miterlebt hatten.
Als er das Dorf verließ, passierte er die Außenuhr von „Radio-Schulz“. Sie war ersetzt worden. Die Zeiger drehten sich wieder, präzise und unerbittlich.
Stefan griff nach seinem neuen Diensthandy, das auf dem Beifahrersitz lag. Er zögerte kurz, dann schaltete er es aus. Für den Rest der Fahrt wollte er nur das Geräusch des Motors hören – ehrlich, mechanisch und ohne Zeugen am anderen Ende der Leitung.