Das letzte Veilchen (und über ihm flog eine Drohne)

In seiner klugen Dichterhand
Dreht er das zarte Veilchen
So steht er schon ein Weilchen
Im friedlich sanften Grünland

Es könnten weit die Blicke schweifen
Bis hin zum roten Horizont
Das hat der Dichter schlecht gekonnt
„Sieh an, dies Veilchen hier trägt Streifen!

In samtig weicher Blütenhaut
Gehen Äderchen des Lebens!
Ist jedes Dasein nicht vergebens
Wenn man nicht zoomt und gründlich schaut?“

Der Dichter dichtet, fokussiert
Auf jedes winzige Detail
Erst hielt er sich das Veilchen heil
Dann hat er es gekonnt seziert

Staubblatt, Blüte, Kelch und Krone
Die Systematik kennt er auch
„Wie lieblich ist der Veilchenhauch!“
Schrieb er. Da roch es ringsum schon nach Rauch.
Und über ihm flog eine Drohne.

Noch immer schaut der Dichter stur
Auf Blumenreste in der Hand
Sein Ohr bleibt sträflich ignorant
Fürs Kriegsgeheul in jeder Flur

Das Veilchen gibt ihm keinen Ton
Er hört nur Reime in sich hallen
Erst als direkt die Bomben knallen
Erschreckt er sich dann vielleicht schon

Jetzt hebt der Dichter seinen Blick
Er kennt die Flur nicht wieder:
Ein Schlachtfeld. Blutig. Menschenbrüder
zerreißen sich den Leib, die Glieder.
Von einem Schädel blieb ein Stück.

So steht er starr und würd noch stehen
Wenn Kugeln hätten nicht getroffen
So lassen wir das Ende offen:
Der Dichter ward nicht mehr gesehen
Doch nur vom Veilchen blieben Krumen
Die ließen sich vom Wind verwehen
Und waren die letzten Blumen
 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten