Er nimmt den Mantel von der Garderobe. Mütze, Schal und Handschuhe, die Stiefel sind imprägniert. Es ist nicht weit. Der Wind hat nachgelassen, vereister Boden knirscht unter seinen Schuhen. Der zugefrorene See liegt vor ihm wie ein Gemälde, erstarrt und halb verborgen in den Nebelschwaden. So früh am Morgen sind hier keine Menschen unterwegs, es ist herrlich still. Er saugt die kalte Luft ein, kleine Wölkchen bilden sich vor seinem Mund. Das Eis sieht fest genug aus, um darauf zu laufen, aber vor wenigen Tagen brach ein Junge ein, die Feuerwehr fand nur das Loch. Es wurde davor gewarnt, das Eis zu betreten. Die jungen Leute sind unvorsichtig, das liegt in der Natur der Dinge. Glauben, unsterblich zu sein, oder sind unwissend. Er weiß nicht, wie alt der Junge war, das stand nicht in dem Bericht, oder er hat es vergessen. Vielleicht noch sehr jung, mit einem Ball unterwegs, hatte ihn nicht kontrollieren können und wollte ihn wiederholen. Aber wer weiß das schon, er malt sich immer so Sachen aus.
Am Rand des Sees findet er ein paar Steine, sammelt sie auf. Einer ist schön flach, nicht zu groß und nicht zu klein, er wirft ihn mit Schwung auf das Eis. Der Stein klackert, er hört ihn viele Male aufschlagen, selbst dann noch, als er im Nebel verschwunden ist. Es war ein guter Stein, die anderen, die er aufgesammelt hat, sind zu rund oder zu schwer oder zu unförmig. Er sucht das Ufer ab. Findet nichts Geeignetes. Unter einem kahlen Baum sieht er dunkle Flecken, er bückt sich, aber es ist nur verschmutzter Schnee. Als Jugendlicher hatte er mit Freunden gern Steine aufs Wasser geworfen, schön flach, damit sie wieder aufsprangen, mit kleinen Spritzern, bevor sie versanken. Der mit den meisten Aufprallern hatte gewonnen. Es wundert ihn selbst, dass ihm das einfällt, gerade jetzt, hier am See in der Kälte, er kann sich sogar noch an die Gesichter der Freunde erinnern. Ein Rothaariger war dabei, der nicht stillsitzen konnte, und ein Dicker. Wobei man das nicht sagen darf, seine Tochter Lotte hätte ihn zurechtgewiesen. Diskriminierend seien solche Beschreibungen, das ginge gar nicht. Ginge gar nicht war ihr Lieblingsausdruck. Auch dass er Fleisch esse, ginge gar nicht, ob er denn nicht einmal darüber nachdächte, was das für die Umwelt bedeuten würde, das Environment, aber bitte schön, jeder so, wie er meint. Den Geruch von Fleisch fände sie so ekelerregend, dass sie das nicht ertragen kann. Und auch nicht will. Wenn sie zum Essen kam, kochte er Nudeln mit Pilzen, machte Salate, Dumplings (Ist da Ei im Teig?). Trotzdem war der Junge, an den er sich erinnert, dick, ein richtiger Fettsack. Das würde er seiner Tochter gegenüber natürlich nicht so ausdrücken. Genauso wenig ihre ständigen Retouren der online bestellten Sachen ansprechen, die dem Wohl des Planeten auch nicht sonderlich zuträglich waren. Aber das war was ganz anderes, solche Argumente führten nur zum Streit, und den wollte er nicht.
Als er weiter den Boden absucht, hört er es. Klack, klack, klack. Erst verhalten, dann lauter, schließlich sieht er den Stein auf dem Eis auf sich zuschlittern, fast direkt vor ihm kommt er zum Liegen, nicht einen Meter entfernt. Verdutzt schaut er darauf. Die Richtung, aus der er kam, liegt im Nebel. Vorsichtig tastet er sich mit einem Bein auf die Eisdecke, zieht einen Handschuh aus und hebt den Stein auf, bevor er wieder ans Ufer geht. Es ist der, den er geworfen hat, er ist sich ziemlich sicher. Er ist nicht kalt, eher von angenehmer Temperatur, als hätte ihn jemand mit seinen Händen warmgerieben, bevor er ihn geworfen hat. Und dann mit dieser Präzision. Unfassbar, ein Ronaldo des Steinewerfens. Seine Tochter würde ihn sofort unterbrechen und darauf hinweisen, dass Frauen genauso gut werfen könnten. Hat er aber oft genug beobachtet, können sie nicht. Hier hat ein Mann geworfen, oder zumindest ein Junge. Seine Hände gleiten über die glatte Oberfläche, nirgendwo eine Kante oder Riss, dunkle Linien ziehen sich durch das helle Material, ein perfektes Wurfgeschoss. Ausholen, ein Bein etwas vorgestellt, der Oberkörper schwingt leicht nach vorn, loslassen, nicht zu hochwerfen, schön flach. Es erklingt wieder das Klonk, mehrmals, wird leiser, bis es still ist. Die Richtung müsste ungefähr gepasst haben, aber so genau kann kein Mensch zielen. Er schon gar nicht. Wenn die Hände nicht zu sehr zittern, ist er froh. An guten Tagen tun sie es nicht, heute ist ein guter Tag.
Er zieht sich den schwarzen Lederhandschuh wieder an, den hatte ihm seine Lotte vor vielen Jahren geschenkt. Da war sie sechs, vielleicht sieben, und Ellen lebte noch. Natürlich hatte Ellen die gekauft, aber seine Tochter hatte mit ausgesucht und platzte fast vor Stolz, als sie ihm das Geschenk überreichte. Da war das Leben einfach und stabil, alles hatte seine Ordnung, gehörte irgendwo hin. Zumindest scheint es ihm so rückblickend. Vielleich war es auch nur das Unwissen darüber, was das Leben noch für ihn bereithielt. Mit den Erinnerungen ist es wie mit dem Nebel über dem See, eine wabernde Masse, nicht immer greifbar und Veränderungen unterworfen. Als Ellen nicht mehr war, versuchte er, Lotte ein guter Vater zu sein, sie großzuziehen, an ihrer Seite zu stehen. So gut es eben ging neben seinem Job. Als sie mit Neunzehn auszog, wusste er nicht, ob er darüber erleichtert war oder nicht. Aber wenn er vom Job abends nach Hause kam, war da niemand mehr. Als das Entlassungsschreiben kam und er den Job verlor, war das für ihn ein Schock, von dem er sich lange nicht erholte. Das Loch, in das er fiel, war dunkel und tief. Morgens kam er kaum aus dem Bett, nachts schlief er schlecht und ein Tag konnte ganz schön lang sein, wenn man nur noch den anderen beim Leben zusah.
Ein Geklacker auf dem See lässt ihn aufhorchen, der Stein gleitet auf ihn zu. Etwa fünf, sechs Meter vor ihm bleibt er liegen, hell, von dunklen Adern durchzogen, ein Handschmeichler, ein Objekt, das zu sagen scheint, fass mich ruhig an, es wird dir gefallen, jetzt heb mich schon auf! Und das würde er gern, aber dazu müsste er aufs Eis. Er sucht das Ufer nach einem längeren Ast ab, während er sich fragt, wie man einen Stein mit dieser Präzision werfen kann. Der Typ ist geradezu unmenschlich gut, ein Vollprofi, ein bemerkenswerter Künstler, auch wenn ein bisschen mehr Schwung noch besser gewesen wäre. Fünfzig Meter sind es, vielleicht sechzig, bis zur anderen Seite des Sees, die dort im Nebel verborgen ist. Wer will da mit ihm spielen? Er findet einen längeren Ast, halb mit Schnee bedeckt, aber mit dem lässt sich der Stein nicht erreichen. „Hey, du!“, ruft er in den Nebel. „Das war zu kurz!“ Fast scheint es ihm, als erzeugten seine Rufe einen Hall in der frostigen Kälte. Eine Antwort kommt nicht, alles bleibt still. Wenn er den Stein will, muss er auf das Eis. Er will ihn, es ist seiner. Ob der Junge, der hier eingebrochen ist, auch einen Stein holen wollte? Sich dann zu weit vorgewagt hatte? Ein Junge wiegt nicht viel, besonders dick kann die Eisdecke nicht sein. Liegt seine Leiche auf dem Grund des Sees, oder ist sie nach oben getrieben worden, direkt unter das Eis? Er malt sich immer so Sachen aus.
Unschlüssig steht er am Rand, hält den Ast in der Hand. Die Finger werden langsam steif von der Kälte, die Füße auch. Er könnte vorsichtig aufs Eis robben, es dann mit dem Ast versuchen. Das würde das Gewicht verteilen. Dem Mantel würde es sicher nicht guttun, aber er will den Stein. Wird ihn in das Regal stellen, neben den Fotos von Ellen und Lotte, den Muscheln und kleinen Mitbringseln von Reisen, die sich angesammelt haben. Entscheidungen sind nicht seine Sache, waren sie noch nie. „Es ist wohl besser, wenn ich ausziehe“, hatte Lotte gesagt und es klang mehr wie eine Frage. Er hatte nicht geantwortet, es ihr überlassen. Dann zog sie aus. Ein paar Freunde halfen ihr beim Umzug, vermutlich alles Vegetarier, aber schleppen konnten sie. Zum Schluss wollte er ihr einen Umschlag mit Geld geben. „Für den Start“, hatte er gesagt. Sie sah ihn an und drehte sich um, nahm das Kuvert nicht zur Kenntnis. Lauter Fünfzig Euro Scheine, keine Hunderter, er wollte es richtig machen, aber ohne Ellen gelang es ihm nicht. Und vielleicht war es ihm noch nie gelungen. Die Tochter verschwand aus der gemeinsamen Wohnung, als wäre sie nur zu Besuch gewesen. Dabei lag es an ihm und es war auch nicht so, dass der Kontakt mit Lotte abbrach. Hin und wieder rief sie an, gratulierte zu seinem Geburtstag, kam manchmal sogar vorbei. Nahm ihn kurz in den Arm, überreichte ein Geschenk, das letzte Mal war es ein Duschgel. Er wollte wissen, ob sie einen Freund hat, traute sich aber nicht zu fragen. Dann musste sie los und beide waren froh darüber.
Er wirft den Ast weg, ist sowieso zu kurz. Auf der anderen Seite des Ufers hat sich der Nebel etwas zurückgezogen, hält sich aber noch immer zwischen den Buchen und Eichen, deren kahle Spitzen nun zu sehen sind. Wer auch immer den Stein geworfen hat, muss sich dort in in den Schwaden verbergen. Der Stein liegt deutlich und klar vor ihm, leuchtet geradezu auf dem milchigen Eis, so wunderschön. Kälte zieht in ihm hoch, an seinem Schal hat sich Raureif gebildet, kleine glitzernde Kristalle kleben an dem Stoff. Die Hände spürt er kaum noch, die Handschuhe wärmen nicht genug, Fäustlinge wären besser. Er zögert, kann sich, wie immer, nicht entscheiden. Wie oft hatte Ellen ihm das vorgeworfen: „Kannst du dich bitte festlegen, eine Wahl treffen, das kann doch nicht so schwer sein.“ Für ihn war es das aber. Was, wenn er die falsche Wahl traf, einen Abzweig nahm, der in keine gute Richtung führte? Es ging nur um ein Urlaubsziel, Italien oder Norwegen, Süden oder Norden, Strand und Dolce Vita oder Einsamkeit in der Natur. Ellen buchte dann den Süden, es war die falsche Wahl: Viel zu voll, zu heiß und die Strände waren auch nicht schön. Sie stritten häufig in dem Urlaub, dabei war das alles eine Lappalie. Die Frage „Kannst du dir ein Kind vorstellen?“ war da schon ein anderes Kaliber. Ihm fiel keine Antwort ein.
Er weiß um seine Schwäche und hasst sich dafür. „Manchmal bist du ein stilles Wasser“, hatte Ellen gesagt. „Ich möchte nicht wissen, was sich da für Geschöpfe in der Tiefe tummeln.“ Er weiß es. Da sind keine, da ist nur Leere. Nicht verwunderlich, dass sie ihn verlassen hat, auch wenn es aufgrund einer Krankheit war. „Wollen Sie sich von Ihrer Frau noch verabschieden?“, fragte der Arzt. Woher sollte er das wissen? Der Arzt sah ihn eine Weile an und sagte dann: „Ok.“ Drehte sich um und ging. Er stand eine Weile in dem Gang. Dann betrat er das Zimmer. Ellen lag da und er wusste nicht, was er tun sollte. Auf der Beerdigung klammerte Lotte sich an ihn und weinte. Er blieb regungslos, wartete, dass die Prozedur zu einem Ende kam. Es waren viele Leute da, Ellen hatte einen großen Bekanntenkreis. Das gesamte Kollegium war erschienen, ihr Tennis-Verein, die meisten kannte er nicht. Es wurden Reden gehalten, an die er sich nicht erinnern kann, er blieb stumm.
Der Stein liegt da. Die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft, der Nebel wird blasser, zerfasert an den Rändern. Es wird ein schöner kalter Tag werden. Er geht langsam auf das Eis, dann wird sein Schritt schneller. „Wer kann sich nicht entscheiden?“, brüllt er in den Nebel. Und diesmal kommt eine Antwort, ein Knacken, ein ächzendes Geräusch, entweder aus dem Nebel oder von dem Eis. Es ist ihm egal. Er schlägt die klammen Hände zusammen, um die Kälte zu vertreiben, schreitet über das Eis, den Stein fest im Blick. Der kommt nicht in das Regal zu den Muscheln, er wird ihn Lotte schenken. Ihn in ihre offene Hand legen, ihre Finger darum schließen. So will er es, er hat sich entschieden. Der linke Fuß bricht ein, er zieht ihn aus dem Wasser, das Eis unter dem rechten gibt nach, der Halt darunter zersplittert. Die Kälte erreicht ihn nicht sofort, als er einsinkt. Er greift nach dem Stein, der jetzt ganz nah ist, klammert sich an die wegbrechenden Eisränder. Der Stein kommt ins Rutschen, fällt ins Wasser und verschwindet in der Tiefe. Er rudert mit den Armen, spürt das eisige Nass, versucht, die Panik zu unterdrücken. Seine Sachen saugen sich voll, er schluckt Wasser, es zieht ihn nach unten. Kurz glaubt er tatsächlich, dass jemand an ihm zerrt, vielleicht der Junge, der hier ertrunken ist, sich nun an ihn klammert in seiner Verzweiflung. Dann denkt er an den Stein, der da unten irgendwo liegen muss.
Der im Nebel sieht seinen rudernden Bewegungen zu, die weniger werden, bis sie ganz aufhören und sich das aufgewühlte Wasser wieder beruhigt. Bei den Temperaturen wird es nicht lange dauern, bis sich eine neue Eisschicht gebildet hat. Er dreht sich um und geht. Auf seinem Weg lässt er hin und wieder einen Stein fallen, sie sehen alle gleich aus. Flach sind die, hell mit dunklen Adern darin, perfekt, um sie aufs Eis zu werfen. Hat man sie mehrmals berührt, möchte man sie besitzen. Einen legt er nah ans Ufer neben einen kleinen Strauch. Wenn die Sonne höher wandert, wird er wunderbar leuchten.
Am Rand des Sees findet er ein paar Steine, sammelt sie auf. Einer ist schön flach, nicht zu groß und nicht zu klein, er wirft ihn mit Schwung auf das Eis. Der Stein klackert, er hört ihn viele Male aufschlagen, selbst dann noch, als er im Nebel verschwunden ist. Es war ein guter Stein, die anderen, die er aufgesammelt hat, sind zu rund oder zu schwer oder zu unförmig. Er sucht das Ufer ab. Findet nichts Geeignetes. Unter einem kahlen Baum sieht er dunkle Flecken, er bückt sich, aber es ist nur verschmutzter Schnee. Als Jugendlicher hatte er mit Freunden gern Steine aufs Wasser geworfen, schön flach, damit sie wieder aufsprangen, mit kleinen Spritzern, bevor sie versanken. Der mit den meisten Aufprallern hatte gewonnen. Es wundert ihn selbst, dass ihm das einfällt, gerade jetzt, hier am See in der Kälte, er kann sich sogar noch an die Gesichter der Freunde erinnern. Ein Rothaariger war dabei, der nicht stillsitzen konnte, und ein Dicker. Wobei man das nicht sagen darf, seine Tochter Lotte hätte ihn zurechtgewiesen. Diskriminierend seien solche Beschreibungen, das ginge gar nicht. Ginge gar nicht war ihr Lieblingsausdruck. Auch dass er Fleisch esse, ginge gar nicht, ob er denn nicht einmal darüber nachdächte, was das für die Umwelt bedeuten würde, das Environment, aber bitte schön, jeder so, wie er meint. Den Geruch von Fleisch fände sie so ekelerregend, dass sie das nicht ertragen kann. Und auch nicht will. Wenn sie zum Essen kam, kochte er Nudeln mit Pilzen, machte Salate, Dumplings (Ist da Ei im Teig?). Trotzdem war der Junge, an den er sich erinnert, dick, ein richtiger Fettsack. Das würde er seiner Tochter gegenüber natürlich nicht so ausdrücken. Genauso wenig ihre ständigen Retouren der online bestellten Sachen ansprechen, die dem Wohl des Planeten auch nicht sonderlich zuträglich waren. Aber das war was ganz anderes, solche Argumente führten nur zum Streit, und den wollte er nicht.
Als er weiter den Boden absucht, hört er es. Klack, klack, klack. Erst verhalten, dann lauter, schließlich sieht er den Stein auf dem Eis auf sich zuschlittern, fast direkt vor ihm kommt er zum Liegen, nicht einen Meter entfernt. Verdutzt schaut er darauf. Die Richtung, aus der er kam, liegt im Nebel. Vorsichtig tastet er sich mit einem Bein auf die Eisdecke, zieht einen Handschuh aus und hebt den Stein auf, bevor er wieder ans Ufer geht. Es ist der, den er geworfen hat, er ist sich ziemlich sicher. Er ist nicht kalt, eher von angenehmer Temperatur, als hätte ihn jemand mit seinen Händen warmgerieben, bevor er ihn geworfen hat. Und dann mit dieser Präzision. Unfassbar, ein Ronaldo des Steinewerfens. Seine Tochter würde ihn sofort unterbrechen und darauf hinweisen, dass Frauen genauso gut werfen könnten. Hat er aber oft genug beobachtet, können sie nicht. Hier hat ein Mann geworfen, oder zumindest ein Junge. Seine Hände gleiten über die glatte Oberfläche, nirgendwo eine Kante oder Riss, dunkle Linien ziehen sich durch das helle Material, ein perfektes Wurfgeschoss. Ausholen, ein Bein etwas vorgestellt, der Oberkörper schwingt leicht nach vorn, loslassen, nicht zu hochwerfen, schön flach. Es erklingt wieder das Klonk, mehrmals, wird leiser, bis es still ist. Die Richtung müsste ungefähr gepasst haben, aber so genau kann kein Mensch zielen. Er schon gar nicht. Wenn die Hände nicht zu sehr zittern, ist er froh. An guten Tagen tun sie es nicht, heute ist ein guter Tag.
Er zieht sich den schwarzen Lederhandschuh wieder an, den hatte ihm seine Lotte vor vielen Jahren geschenkt. Da war sie sechs, vielleicht sieben, und Ellen lebte noch. Natürlich hatte Ellen die gekauft, aber seine Tochter hatte mit ausgesucht und platzte fast vor Stolz, als sie ihm das Geschenk überreichte. Da war das Leben einfach und stabil, alles hatte seine Ordnung, gehörte irgendwo hin. Zumindest scheint es ihm so rückblickend. Vielleich war es auch nur das Unwissen darüber, was das Leben noch für ihn bereithielt. Mit den Erinnerungen ist es wie mit dem Nebel über dem See, eine wabernde Masse, nicht immer greifbar und Veränderungen unterworfen. Als Ellen nicht mehr war, versuchte er, Lotte ein guter Vater zu sein, sie großzuziehen, an ihrer Seite zu stehen. So gut es eben ging neben seinem Job. Als sie mit Neunzehn auszog, wusste er nicht, ob er darüber erleichtert war oder nicht. Aber wenn er vom Job abends nach Hause kam, war da niemand mehr. Als das Entlassungsschreiben kam und er den Job verlor, war das für ihn ein Schock, von dem er sich lange nicht erholte. Das Loch, in das er fiel, war dunkel und tief. Morgens kam er kaum aus dem Bett, nachts schlief er schlecht und ein Tag konnte ganz schön lang sein, wenn man nur noch den anderen beim Leben zusah.
Ein Geklacker auf dem See lässt ihn aufhorchen, der Stein gleitet auf ihn zu. Etwa fünf, sechs Meter vor ihm bleibt er liegen, hell, von dunklen Adern durchzogen, ein Handschmeichler, ein Objekt, das zu sagen scheint, fass mich ruhig an, es wird dir gefallen, jetzt heb mich schon auf! Und das würde er gern, aber dazu müsste er aufs Eis. Er sucht das Ufer nach einem längeren Ast ab, während er sich fragt, wie man einen Stein mit dieser Präzision werfen kann. Der Typ ist geradezu unmenschlich gut, ein Vollprofi, ein bemerkenswerter Künstler, auch wenn ein bisschen mehr Schwung noch besser gewesen wäre. Fünfzig Meter sind es, vielleicht sechzig, bis zur anderen Seite des Sees, die dort im Nebel verborgen ist. Wer will da mit ihm spielen? Er findet einen längeren Ast, halb mit Schnee bedeckt, aber mit dem lässt sich der Stein nicht erreichen. „Hey, du!“, ruft er in den Nebel. „Das war zu kurz!“ Fast scheint es ihm, als erzeugten seine Rufe einen Hall in der frostigen Kälte. Eine Antwort kommt nicht, alles bleibt still. Wenn er den Stein will, muss er auf das Eis. Er will ihn, es ist seiner. Ob der Junge, der hier eingebrochen ist, auch einen Stein holen wollte? Sich dann zu weit vorgewagt hatte? Ein Junge wiegt nicht viel, besonders dick kann die Eisdecke nicht sein. Liegt seine Leiche auf dem Grund des Sees, oder ist sie nach oben getrieben worden, direkt unter das Eis? Er malt sich immer so Sachen aus.
Unschlüssig steht er am Rand, hält den Ast in der Hand. Die Finger werden langsam steif von der Kälte, die Füße auch. Er könnte vorsichtig aufs Eis robben, es dann mit dem Ast versuchen. Das würde das Gewicht verteilen. Dem Mantel würde es sicher nicht guttun, aber er will den Stein. Wird ihn in das Regal stellen, neben den Fotos von Ellen und Lotte, den Muscheln und kleinen Mitbringseln von Reisen, die sich angesammelt haben. Entscheidungen sind nicht seine Sache, waren sie noch nie. „Es ist wohl besser, wenn ich ausziehe“, hatte Lotte gesagt und es klang mehr wie eine Frage. Er hatte nicht geantwortet, es ihr überlassen. Dann zog sie aus. Ein paar Freunde halfen ihr beim Umzug, vermutlich alles Vegetarier, aber schleppen konnten sie. Zum Schluss wollte er ihr einen Umschlag mit Geld geben. „Für den Start“, hatte er gesagt. Sie sah ihn an und drehte sich um, nahm das Kuvert nicht zur Kenntnis. Lauter Fünfzig Euro Scheine, keine Hunderter, er wollte es richtig machen, aber ohne Ellen gelang es ihm nicht. Und vielleicht war es ihm noch nie gelungen. Die Tochter verschwand aus der gemeinsamen Wohnung, als wäre sie nur zu Besuch gewesen. Dabei lag es an ihm und es war auch nicht so, dass der Kontakt mit Lotte abbrach. Hin und wieder rief sie an, gratulierte zu seinem Geburtstag, kam manchmal sogar vorbei. Nahm ihn kurz in den Arm, überreichte ein Geschenk, das letzte Mal war es ein Duschgel. Er wollte wissen, ob sie einen Freund hat, traute sich aber nicht zu fragen. Dann musste sie los und beide waren froh darüber.
Er wirft den Ast weg, ist sowieso zu kurz. Auf der anderen Seite des Ufers hat sich der Nebel etwas zurückgezogen, hält sich aber noch immer zwischen den Buchen und Eichen, deren kahle Spitzen nun zu sehen sind. Wer auch immer den Stein geworfen hat, muss sich dort in in den Schwaden verbergen. Der Stein liegt deutlich und klar vor ihm, leuchtet geradezu auf dem milchigen Eis, so wunderschön. Kälte zieht in ihm hoch, an seinem Schal hat sich Raureif gebildet, kleine glitzernde Kristalle kleben an dem Stoff. Die Hände spürt er kaum noch, die Handschuhe wärmen nicht genug, Fäustlinge wären besser. Er zögert, kann sich, wie immer, nicht entscheiden. Wie oft hatte Ellen ihm das vorgeworfen: „Kannst du dich bitte festlegen, eine Wahl treffen, das kann doch nicht so schwer sein.“ Für ihn war es das aber. Was, wenn er die falsche Wahl traf, einen Abzweig nahm, der in keine gute Richtung führte? Es ging nur um ein Urlaubsziel, Italien oder Norwegen, Süden oder Norden, Strand und Dolce Vita oder Einsamkeit in der Natur. Ellen buchte dann den Süden, es war die falsche Wahl: Viel zu voll, zu heiß und die Strände waren auch nicht schön. Sie stritten häufig in dem Urlaub, dabei war das alles eine Lappalie. Die Frage „Kannst du dir ein Kind vorstellen?“ war da schon ein anderes Kaliber. Ihm fiel keine Antwort ein.
Er weiß um seine Schwäche und hasst sich dafür. „Manchmal bist du ein stilles Wasser“, hatte Ellen gesagt. „Ich möchte nicht wissen, was sich da für Geschöpfe in der Tiefe tummeln.“ Er weiß es. Da sind keine, da ist nur Leere. Nicht verwunderlich, dass sie ihn verlassen hat, auch wenn es aufgrund einer Krankheit war. „Wollen Sie sich von Ihrer Frau noch verabschieden?“, fragte der Arzt. Woher sollte er das wissen? Der Arzt sah ihn eine Weile an und sagte dann: „Ok.“ Drehte sich um und ging. Er stand eine Weile in dem Gang. Dann betrat er das Zimmer. Ellen lag da und er wusste nicht, was er tun sollte. Auf der Beerdigung klammerte Lotte sich an ihn und weinte. Er blieb regungslos, wartete, dass die Prozedur zu einem Ende kam. Es waren viele Leute da, Ellen hatte einen großen Bekanntenkreis. Das gesamte Kollegium war erschienen, ihr Tennis-Verein, die meisten kannte er nicht. Es wurden Reden gehalten, an die er sich nicht erinnern kann, er blieb stumm.
Der Stein liegt da. Die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft, der Nebel wird blasser, zerfasert an den Rändern. Es wird ein schöner kalter Tag werden. Er geht langsam auf das Eis, dann wird sein Schritt schneller. „Wer kann sich nicht entscheiden?“, brüllt er in den Nebel. Und diesmal kommt eine Antwort, ein Knacken, ein ächzendes Geräusch, entweder aus dem Nebel oder von dem Eis. Es ist ihm egal. Er schlägt die klammen Hände zusammen, um die Kälte zu vertreiben, schreitet über das Eis, den Stein fest im Blick. Der kommt nicht in das Regal zu den Muscheln, er wird ihn Lotte schenken. Ihn in ihre offene Hand legen, ihre Finger darum schließen. So will er es, er hat sich entschieden. Der linke Fuß bricht ein, er zieht ihn aus dem Wasser, das Eis unter dem rechten gibt nach, der Halt darunter zersplittert. Die Kälte erreicht ihn nicht sofort, als er einsinkt. Er greift nach dem Stein, der jetzt ganz nah ist, klammert sich an die wegbrechenden Eisränder. Der Stein kommt ins Rutschen, fällt ins Wasser und verschwindet in der Tiefe. Er rudert mit den Armen, spürt das eisige Nass, versucht, die Panik zu unterdrücken. Seine Sachen saugen sich voll, er schluckt Wasser, es zieht ihn nach unten. Kurz glaubt er tatsächlich, dass jemand an ihm zerrt, vielleicht der Junge, der hier ertrunken ist, sich nun an ihn klammert in seiner Verzweiflung. Dann denkt er an den Stein, der da unten irgendwo liegen muss.
Der im Nebel sieht seinen rudernden Bewegungen zu, die weniger werden, bis sie ganz aufhören und sich das aufgewühlte Wasser wieder beruhigt. Bei den Temperaturen wird es nicht lange dauern, bis sich eine neue Eisschicht gebildet hat. Er dreht sich um und geht. Auf seinem Weg lässt er hin und wieder einen Stein fallen, sie sehen alle gleich aus. Flach sind die, hell mit dunklen Adern darin, perfekt, um sie aufs Eis zu werfen. Hat man sie mehrmals berührt, möchte man sie besitzen. Einen legt er nah ans Ufer neben einen kleinen Strauch. Wenn die Sonne höher wandert, wird er wunderbar leuchten.
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