Am Rand der Leere gibt es kein Echo. Wer dort spricht, hört nur sich selbst — und selbst das nur für den Bruchteil eines Augenblicks, bevor die Stille alles wieder zurückfordert.
Lirien wusste das. Sie wusste es, seit sie denken konnte.
Sie saß auf dem letzten Stein der Welt, einem flachen, weißgrauen Felsvorsprung, der in das Nichts hinausragte wie die Zunge eines erschöpften Tieres. Hinter ihr: der Wald, kahl und schweigsam, seine Bäume längst ohne Blätter, ohne Rinde, ohne Farbe. Vor ihr: nichts. Nicht Schwärze, nicht Dunkelheit — denn Dunkelheit wäre noch etwas gewesen. Es war die vollständige Abwesenheit von allem. Eine Leere, so vollkommen, dass sie beim Hineinschauen das Gefühl hatte, die eigenen Gedanken lösten sich langsam auf wie Zucker in lauwarmem Wasser.
Ihre Flügel lagen still an ihrem Rücken. Sie hatte sie seit Wochen nicht mehr gehoben.
Einmal hatte Lirien Farben gekannt. Nicht aus Büchern oder Erzählungen der Alten — sondern wirklich gekannt, mit dem Leib, mit der Haut. Das Gelb des ersten Morgenlichts, das durch die Baumkronen fiel. Das tiefe, satte Grün der Moospolster nach dem Regen. Das Rot der Hagebutten im Herbst, so leuchtend, dass es fast schmerzte. Doch das war lange her. So lange, dass sie manchmal zweifelte, ob es je wirklich gewesen war — oder ob sie sich diese Welt nur zusammengeträumt hatte, in den langen grauen Stunden an diesem Stein.
Die Leere fraß die Farben. Das wussten alle. Und trotzdem war Lirien hierher zurückgekehrt, wieder und wieder, als wäre dieser Ort das Einzige, das noch zu ihr gehörte.
* * *
An diesem Abend — oder war es Morgen? Die Zeit hatte hier aufgehört, sich zu unterscheiden — schloss sie die Augen.
Sie spürte die Kälte des Steins durch ihr dünnes Kleid. Sie spürte das leise Zittern ihrer Flügel, das immer dann kam, wenn sie zu lange an diesem Ort blieb. Und sie spürte etwas anderes: eine Erschöpfung, die tiefer saß als Müdigkeit. Eine Erschöpfung, die nicht vom Laufen kam oder vom Kämpfen, sondern vom Grausein. Vom Warten auf nichts. Vom Vergessen, warum man überhaupt noch hier stand.
Sie öffnete den Mund.
Es war kein Gebet — nicht wirklich. Sie glaubte nicht an die alten Götter, nicht an die Geister der Steine oder die Stimmen der Wurzeln, von denen die Ältesten sprachen. Aber sie glaubte an diesen Moment, an die Schwere in ihrer Brust, und sie sprach, weil sie nicht mehr schweigen konnte.
»Ich wünsche mir Farbe«, sagte sie. Ihre Stimme klang fremd in der Stille, zu laut, zu lebendig für diesen Ort. »Nicht Glück. Nicht Frieden. Keine große Wahrheit.« Sie schluckte. »Nur Farbe. Irgendetwas, das leuchtet. Irgendwo, das atmet.«
Die Leere antwortete nicht.
Natürlich nicht. Die Leere antwortete nie.
Lirien senkte den Kopf. Sie wartete darauf, dass die Scham kam — die vertraute, stille Scham darüber, mit sich selbst gesprochen zu haben wie ein Kind im Dunkeln. Doch die Scham blieb aus. Stattdessen spürte sie etwas Wärmeres: eine Art Erschöpfung, die sich langsam in Frieden wandelte. Als hätte das Aussprechen allein etwas gelöst, das sie nicht gewusst hatte, wie festzuhalten.
Dann schlief sie ein.
* * *
Sie erwachte im Gras.
Das war das Erste, was sie registrierte — nicht das Licht, nicht die Luft, nicht die Geräusche. Sondern das Gras. Den Druck der Halme an ihren Handflächen, kühl und lebendig und federnd, als würde die Erde selbst unter ihr atmen. Sie blinzelte. Das Licht war so stark, dass ihre Augen einen Moment brauchten, um sich zu finden.
Dann sahen sie.
Grün. Überall Grün — nicht das fahle, sterbende Grün des Waldes hinter dem Stein, sondern ein Grün von so vielen Schattierungen, dass ihr kein Wort dafür einfiel. Smaragd und Moos und Wiesensage und das helle, fast gelbliche Grün junger Blätter, die das Licht von hinten durchließen wie Papier vor einer Kerze. Und dazwischen — Farben. Ein Blumenfeld, das sich bis zum Horizont erstreckte: Violett und Safrangelb und das tiefste, reichste Blau, das sie je gesehen hatte, das Blau, das man nur einmal sieht und dann für den Rest des Lebens sucht.
Lirien setzte sich auf.
Über ihr wölbte sich ein Himmel, der nicht aufhörte. Keine Decke, keine Grenze — nur Weite, in einem Türkis, das irgendwo zwischen Morgen und Mittag lag. Wolken zogen träge dahin, weiß und gebauscht, so selbstverständlich schön, dass es ihr die Kehle zuschnürte.
Sie hob die Hand. Hielt sie in das Licht.
Ihre Haut warf einen Schatten. Einen echten, warmen Schatten, der sich mit ihr bewegte. Sie hatte vergessen, wie das aussah.
Langsam, zögernd, als würde sie einem scheuen Tier nicht erschrecken wollen, entfaltete sie ihre Flügel. Sie spürte den Widerstand der Luft — und dann, als sie sich streckte, etwas, das sie nicht sofort benennen konnte. Leichtigkeit. Nicht die Leere, die alles wegfraß. Sondern eine Leichtigkeit, die trug.
Sie stand auf.
Um sie herum bewegte sich das Gras im Wind, und jede einzelne Bewegung war ein Wort in einer Sprache, die sie einmal gekannt hatte und gerade eben, in diesem Moment, wieder zu verstehen begann.
Sie wusste nicht, wohin diese Welt gehörte. Sie wusste nicht, ob sie je zurückfinden würde — zu dem Stein, zum Wald, zur Leere. Vielleicht war das der Preis. Vielleicht war das das Geschenk.
Lirien schloss die Augen noch einmal. Ließ die Sonne auf ihr Gesicht fallen. Und lächelte — nicht weil alles gut war, sondern weil sie, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, genau das spürte, was sie sich gewünscht hatte.
Etwas, das leuchtete.
Das Licht der Welt.
Lirien wusste das. Sie wusste es, seit sie denken konnte.
Sie saß auf dem letzten Stein der Welt, einem flachen, weißgrauen Felsvorsprung, der in das Nichts hinausragte wie die Zunge eines erschöpften Tieres. Hinter ihr: der Wald, kahl und schweigsam, seine Bäume längst ohne Blätter, ohne Rinde, ohne Farbe. Vor ihr: nichts. Nicht Schwärze, nicht Dunkelheit — denn Dunkelheit wäre noch etwas gewesen. Es war die vollständige Abwesenheit von allem. Eine Leere, so vollkommen, dass sie beim Hineinschauen das Gefühl hatte, die eigenen Gedanken lösten sich langsam auf wie Zucker in lauwarmem Wasser.
Ihre Flügel lagen still an ihrem Rücken. Sie hatte sie seit Wochen nicht mehr gehoben.
Einmal hatte Lirien Farben gekannt. Nicht aus Büchern oder Erzählungen der Alten — sondern wirklich gekannt, mit dem Leib, mit der Haut. Das Gelb des ersten Morgenlichts, das durch die Baumkronen fiel. Das tiefe, satte Grün der Moospolster nach dem Regen. Das Rot der Hagebutten im Herbst, so leuchtend, dass es fast schmerzte. Doch das war lange her. So lange, dass sie manchmal zweifelte, ob es je wirklich gewesen war — oder ob sie sich diese Welt nur zusammengeträumt hatte, in den langen grauen Stunden an diesem Stein.
Die Leere fraß die Farben. Das wussten alle. Und trotzdem war Lirien hierher zurückgekehrt, wieder und wieder, als wäre dieser Ort das Einzige, das noch zu ihr gehörte.
* * *
An diesem Abend — oder war es Morgen? Die Zeit hatte hier aufgehört, sich zu unterscheiden — schloss sie die Augen.
Sie spürte die Kälte des Steins durch ihr dünnes Kleid. Sie spürte das leise Zittern ihrer Flügel, das immer dann kam, wenn sie zu lange an diesem Ort blieb. Und sie spürte etwas anderes: eine Erschöpfung, die tiefer saß als Müdigkeit. Eine Erschöpfung, die nicht vom Laufen kam oder vom Kämpfen, sondern vom Grausein. Vom Warten auf nichts. Vom Vergessen, warum man überhaupt noch hier stand.
Sie öffnete den Mund.
Es war kein Gebet — nicht wirklich. Sie glaubte nicht an die alten Götter, nicht an die Geister der Steine oder die Stimmen der Wurzeln, von denen die Ältesten sprachen. Aber sie glaubte an diesen Moment, an die Schwere in ihrer Brust, und sie sprach, weil sie nicht mehr schweigen konnte.
»Ich wünsche mir Farbe«, sagte sie. Ihre Stimme klang fremd in der Stille, zu laut, zu lebendig für diesen Ort. »Nicht Glück. Nicht Frieden. Keine große Wahrheit.« Sie schluckte. »Nur Farbe. Irgendetwas, das leuchtet. Irgendwo, das atmet.«
Die Leere antwortete nicht.
Natürlich nicht. Die Leere antwortete nie.
Lirien senkte den Kopf. Sie wartete darauf, dass die Scham kam — die vertraute, stille Scham darüber, mit sich selbst gesprochen zu haben wie ein Kind im Dunkeln. Doch die Scham blieb aus. Stattdessen spürte sie etwas Wärmeres: eine Art Erschöpfung, die sich langsam in Frieden wandelte. Als hätte das Aussprechen allein etwas gelöst, das sie nicht gewusst hatte, wie festzuhalten.
Dann schlief sie ein.
* * *
Sie erwachte im Gras.
Das war das Erste, was sie registrierte — nicht das Licht, nicht die Luft, nicht die Geräusche. Sondern das Gras. Den Druck der Halme an ihren Handflächen, kühl und lebendig und federnd, als würde die Erde selbst unter ihr atmen. Sie blinzelte. Das Licht war so stark, dass ihre Augen einen Moment brauchten, um sich zu finden.
Dann sahen sie.
Grün. Überall Grün — nicht das fahle, sterbende Grün des Waldes hinter dem Stein, sondern ein Grün von so vielen Schattierungen, dass ihr kein Wort dafür einfiel. Smaragd und Moos und Wiesensage und das helle, fast gelbliche Grün junger Blätter, die das Licht von hinten durchließen wie Papier vor einer Kerze. Und dazwischen — Farben. Ein Blumenfeld, das sich bis zum Horizont erstreckte: Violett und Safrangelb und das tiefste, reichste Blau, das sie je gesehen hatte, das Blau, das man nur einmal sieht und dann für den Rest des Lebens sucht.
Lirien setzte sich auf.
Über ihr wölbte sich ein Himmel, der nicht aufhörte. Keine Decke, keine Grenze — nur Weite, in einem Türkis, das irgendwo zwischen Morgen und Mittag lag. Wolken zogen träge dahin, weiß und gebauscht, so selbstverständlich schön, dass es ihr die Kehle zuschnürte.
Sie hob die Hand. Hielt sie in das Licht.
Ihre Haut warf einen Schatten. Einen echten, warmen Schatten, der sich mit ihr bewegte. Sie hatte vergessen, wie das aussah.
Langsam, zögernd, als würde sie einem scheuen Tier nicht erschrecken wollen, entfaltete sie ihre Flügel. Sie spürte den Widerstand der Luft — und dann, als sie sich streckte, etwas, das sie nicht sofort benennen konnte. Leichtigkeit. Nicht die Leere, die alles wegfraß. Sondern eine Leichtigkeit, die trug.
Sie stand auf.
Um sie herum bewegte sich das Gras im Wind, und jede einzelne Bewegung war ein Wort in einer Sprache, die sie einmal gekannt hatte und gerade eben, in diesem Moment, wieder zu verstehen begann.
Sie wusste nicht, wohin diese Welt gehörte. Sie wusste nicht, ob sie je zurückfinden würde — zu dem Stein, zum Wald, zur Leere. Vielleicht war das der Preis. Vielleicht war das das Geschenk.
Lirien schloss die Augen noch einmal. Ließ die Sonne auf ihr Gesicht fallen. Und lächelte — nicht weil alles gut war, sondern weil sie, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, genau das spürte, was sie sich gewünscht hatte.
Etwas, das leuchtete.
Das Licht der Welt.