Das Mädchen mit dem runden Gesicht

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Ich bin noch ein wenig lebendig. Wenn ich durch die Straßen ziehe, fühle ich das. Ein bischen glaube ich auch an die Liebe, wenn ich so alleine durch die Straße ziehe. Wenn ich zuhause hocke, und ich hocke oft zuhause, glaube ich nicht an die Liebe. Ich bin ja viel zu beschäftigt um an die Liebe zu glauben. Zumindest glaube ich, dass ich viel zu beschäftigt bin, um an die Liebe zu glauben. Ich weiß auch gar nicht, wie man das macht. An etwas zu glauben. Es stellt sich ein, sage ich dann immer, aber es stellt sich nicht ein, wenn ich zuhause sitze. Nur manchmal, da öffne ich meinen Schrank und in dem Schrank ist ein Gewehr versteckt, da glaube ich an das Gewehr. Ich sage dann ganz laut: "ich glaube an das Gewehr" und meine Mutter, bei der ich wohne, sagt dann immer: "an das Gewehr kann man doch nicht glauben, Kind. Du brauchst eine Frau, Kind, an die Liebe kann man ja glauben, aber an ein Gewehr?"

Ich weiß auch gar nicht, was das bedeutet. Wie glaubt man denn an ein Gewehr? Und warum ich gerade an dieses Gewehr glaube, weiß ich auch nicht. Vielleicht weil ich es sehe, vielleicht glaube ich gerade an dieses Gewehr, weil ich es sehen kann und weil ich weiß, wo es ist. Aber manchmal gehe ich raus. Ich gehe dann die Straße entlang, die von den Häusern wegführt. Und dann glaube ich auch an die Liebe. Ein bischen glaube ich an die Liebe, wenn die Häuser immer kleiner werden und die Menschen weniger. Warum ich dann an die Liebe glaube, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil die Häuser immer ferner rücken und die Nacht schön ist, wenn sie so fernab der Häuser geschieht. Einmal habe ich sogar ein Mädchen getroffen, weit weg von der Stadt. Und ich habe sie angesprochen, weil ich es wollte, obwohl ich selten mit Menschen rede. Nur mit meiner Mutter rede ich oft, aber da höre ich kaum zu. Ob sie an die Liebe glaubt, habe ich sie gefragt. Sie hatte einen ganz runden Mund und ein rundes Gesicht, das weiß ich noch. Ich glaube sie hat ein bischen an die Liebe geglaubt, auch wenn sie es verneint hat. Mädchen glauben alle an die Liebe, glaube ich. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich oft sitze und deswegen lange Spaziergänge machen muss um in Bewegung zu bleiben und ob sie nicht ein bischen mitkommen möchte. Da hat sie gelacht und gesagt, dass ich ein Dummkopf bin und sie schon einen hat, bei dem sie schläft. Dann ist sie gegangen und hat nur ihren Geruch dagelassen, der ein bischen an die Liebe erinnerte. Ich glaube zumindest, dass es so war.

Als ich zuhause war, an dem Abend, wollte ich das Gewehr entsorgen. Warum weiß ich nicht mehr. Aber es steht noch immer da. Im Schrank. Ich glaube ja an das Gewehr, auch wenn ich es jetzt seltener betrachte. Mutter hat mir erst vor kurzem wieder gesagt, ich solle das Teil doch endlich fortwerfen. Vielleicht tue ich das auch, ich weiß es noch nicht.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Gut, dass der Autor dieses interessanten kleinen Porträts einer Mutter-Sohn-Beziehung nicht psychologisierend zu erklären sucht, sondern erzählend bleibt und feine Fäden zieht zwischen den Figuren, die genau genommen nicht miteinander agieren. Sie klammern sich an Vorstellungen, deren Wiederholungen zu nichts führen: Der Sohn verliert keinen Gedanken an Auszug und Gründung einer eignen Familie, die Mutter pragmatisiert das Thema Liebe, der Sohn glaubt an das, was er sieht, die Mutter glaubt an das, was oft weit weg ist (Liebe) und nicht an das, was real ist, der Sohn geht weit fort von Menschen und kann auf diese Weise die Liebe ein wenig an sich heranlassen - er trifft ein Mädchen (das ist ein literarischer Trick!), mit dem ihn nichts verbindet: Ihr Dialog bleibt flach und bedeutungslos, denn es gibt die Mutter - und das Gewehr! Das Gewehr ist der Vater, der väterliche Phallus (den sich der Sohn aneignet), die latente Gewalt in kaputten Familien, immer optional als finale 'Rettung': Die Mutter zu töten, weil sie den Vater (vermeintlich) getötet hat, oder sich selbst auszulöschen, weil dieses ewige und ewige Hocken in einem öden Zuhause unerträglich geworden ist. Niemals wird der Sohn das Gewehr entsorgen, damit entsorgte er sich selbst ... wo er doch eine Mutter hat, die ihm Refugium gibt für sein Grübeln über das nicht Ergründbare eines Gegenstandes - Glaube!

Lieber Patrick, schön, wieder von dir was gelesen zu haben. Diese Kurzprosa verdient 'nur' 4,5 Sterne - wg. einiger Rechtschreib- und Interpunktionholperer. Ich als ausgebildeter Kaufmann weiß hinlänglich, dass ab der 5 hinterm Komma aufgerundet wird. So kommt es also, wie es kommen musste ...

Schönen Gruß von
Dyrk
 
Hi Dyrk

Deine Interpretation ist echt interessant. Vorallem die Deutung des Gewehrs. Das hat mich richtig gefreut, dass du dir so viel Mühe gemacht hast. :)

Die Rechtschreibung ist miserabel, ich weiß. Ich habe eine leichte Rechtschreibschwäche und übersehe beim Kontrollieren leider auch einiges. Aber ich übe weiter, ein bischen besser ist es schon geworden.

L.G und Danke für den tollen Kommentar
Patrick
 

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