Das Nest

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Nick

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"Was ist das Ziel?", fragte Paul, während er auf die Rückbank des Kleinbusses stieg.
"Ein Nest in Mitte", antwortete Mats vom Beifahrersitz. Paul nickte.
Ana, Eric und drei weitere Vermummte kletterten neben Paul auf die Rücksitze. Im Licht der untergehenden Sonne glänzten ihre Sturmgewehre rot.
Eric zog die schwere Seitentür des Sprinters zu. Schlagartig saßen sie in einem grauen Halbdunkel. Die abgeklebten Scheiben ließen nur wenig Licht durch.
"Wir wissen nicht viel", sagte Mats, während der Sprinter langsam auf das Außentor des Lagers Berlin-Süd 2 zufuhr. "Verlassenes Appartementgebäude. Im ersten Stock tut sich was. Fünf Insassen, vielleicht mehr."
Durch die abgedunkelte Frontscheibe sah Paul, wie zwei Wachposten das Tor der Basis öffneten. Die Männer salutierten träge. Wie die Insassen des Sprinters trugen sie weite Kleidung, dicke Handschuhe und Motorradhelme mit heruntergeklappten Visieren.
Als der Sprinter auf die unbefestigte Straße Richtung Stadtmitte einbog, jagten zwei Kampfhubschrauber über sie hinweg. Mats' Armband blinkte. Er drückte zweimal darauf, um eine Verbindung herzustellen.
"Ja", sagte er mit gesenktem Kopf, dann "Okay", und legte auf.
"Fahren Sie über Kreuzberg", befahl er dem Fahrer. "Die Straßen im Süden sind blockiert."
Der Fahrer nickte.

Ein plötzlicher, heftiger Stoß riss Paul nach vorne. Ein metallisches Knirschen, dann schlug sein Helm auf Anas Knieschützer auf. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihm schwarz vor Augen.
"Was zum Teufel war das?", grunzte Mats, den der Stoß ebenfalls nach vorn geworfen hatte.
"Ein Krater. Hinter der Kreuzung. Kann nicht sehr alt sein." Der Fahrer wirkte nicht im Geringsten irritiert.
"Passen Sie besser auf."
Paul richtete sich auf, zog seinen Spaltleder-Handschuh aus, klappte das Visier hoch und tastete seine Unterlippe ab. Als er seinen Zeigefinger ins Licht hielt, sah er Blut. Er konnte die Gesichter der anderen Soldaten unter ihren Visieren nicht sehen, aber er war sicher, dass der Blutgeruch sie nervös machte.
"Das wird schon wieder", sagte Ana.

Eine Viertelstunde später war die Sonne nur noch ein Glühen am Horizont. Die Soldaten klappten die Visiere hoch.
"Bald werden die Nächte wieder länger", sagte Eric. Paul nickte.
Der Sprinter fuhr durch die menschenleeren Straßen des früheren Bezirks Kreuzberg. Aus einem Hinterhof quoll dicker, schwarzer Rauch. Vereinzelt standen ausgeweidete Autos am Straßenrand.
Der Fahrer beschleunigte.
„Da", sagte Ana nach ein paar Minuten und nickte in die Richtung einer zerschossenen Ruine. "Da hinten habe ich als Kind Basketball gespielt."
Sie passierten einen verlassenen Quarantäne-Checkpoint - zwei Bahnen Stacheldraht, das Gerippe eines Militärzelts. BERLIN BLEIBT FREI, war in roter Schrift auf die zerrissene Zeltplane gesprüht worden.

Kurz darauf hielt der Fahrer mitten auf der Straße. Sie stiegen aus und stellten sich in einem Halbkreis um Mats auf.
Aus den Augenwinkeln sah Paul Bewegungen auf den Dächern. Mats hatte sie ebenfalls gesehen.
"Unser Auftrag lautet, das Nest in Nummer 237 zu zerstören", erklärte der Kommandant und zeigte auf ein Appartementhaus auf der linken Straßenseite. "Das Haus steht seit Ende der Quarantäne leer. Die meisten Bewohner sind geflüchtet oder tot. Bislang war hier nichts los. Aber in den vergangenen Tagen haben die Drohnen mehrmals gefilmt, wie schweres Gerät ins Haus gebracht wurde. Was, wissen wir nicht. Von wem, wissen wir nicht. Die oberen Stockwerke sind unbewohnbar - während der Quarantäne hat es dort gebrannt. Aber auf den Drohnenbildern ist deutlich erkennbar, dass die Balkone im ersten Stock mit Stacheldraht gesichert worden sind. Dort vermuten wir das Nest."
Er schwieg kurz und sah in die Runde. "Das ist alles. Den Rest finden wir jetzt raus. Der Fahrer bleibt hier. Alle anderen gehen rein."
Die Soldaten nickten. Es gab keinen Plan, keine Taktik, keine Regeln. Keiner von ihnen hatte militärische Erfahrung. Es spielte auch keine Rolle: Sie würden das Nest finden und den Widerstand brechen - ganz gleich, wer dort drinnen auf sie wartete. Sie entsicherten ihre Gewehre und gingen auf das Haus zu.

Nummer 237 war eines der vielen Wohnhäuser, die in den Siebzigerjahren entstanden waren: ein Koloss aus Stahl und Beton, mehr als hundert Wohnungen. In der Eingangshalle im Erdgeschoss herrschte ein wüstes Durcheinander aus Einkaufswagen, Koffern, Planen, Autoreifen, Feldbetten und Kabeln. Paul fragte sich, wie es hier früher ausgesehen haben mochte. Vorher. Er stellte sich Rollatoren und Kinderwagen auf der einen Seite vor, Briefkästen auf der anderen.
Sie durchquerten die Eingangshalle mit erhobenen Gewehren. Am Ende befanden sich die Fahrstühle und das Treppenhaus. Mats öffnete die Tür zur Treppe, warf einen Blick hinein und ging dann voran. Paul musste an die Schemen auf den Dächern denken. Wie lange, bis sie ihnen entgegentreten würden?
Das Treppenhaus war kalt und leer, die Wände aus nacktem Beton mit Graffitti bedeckt. Langsam nahmen sie eine Stufe nach der anderen. Im ersten Stock angelangt, stellten sie sich vor der Tür in den Flur auf und warteten auf Mats' Befehl.
Der Kommandant trat vor, umfasste die Klinke, drückte sie herunter und öffnete. Sie blickten in einen dunklen, stillen Flur. Er hob seine Hand und bedeutete Paul, die rechte Seite zu sichern. Paul nickte. Auf Mats' Kommando hin lehnte er sich in den Flur und richtete den Lauf des Gewehrs auf die rechte Seite. Bis zum Ende des Flurs etwa zwanzig Meter vor ihnen war alles frei. Die Wohnungstüren auf beiden Seiten waren geschlossen. Mats' Seite war ebenfalls frei.
"Okay", flüsterte der Kommandant. Sie betraten den Gang.

Paul spürte den Angriff, bevor er ihn sah. Der Flur war immer noch leer und dunkel, aber etwas war anders. Paul wusste, dass die anderen es ebenfalls spürten. Er wusste, dass ihre Augen sich unter den Visieren weiteten, genau wie seine, und dass sie die Angst der Menschen rochen. Instinktiv warf er sich auf den Boden.
Die erste Granate schoss über seinen Kopf hinweg und flog durch die Tür ins Treppenhaus. Die Detonation presste seine Eingeweide schmerzhaft zusammen. Einen Moment lang hörte er überhaupt nichts; dann drangen die Schüsse und Schreie gedämpft und verzerrt zu ihm, als befände er sich unter Wasser. Trümmer aus Wänden und Decke, sandiger Betonstaub und Tapetenfetzen verteilten sich über den Flur. Paul schmeckte Blut - zum zweiten Mal an diesem Abend - und spürte, dass etwas in seinem Bein steckte.
Er klappte sein staubbedecktes Visier hoch. Am Ende des Ganges standen drei Gestalten: eine kleine, die einen Granatwerfer hielt, und zwei andere, die den Schützen um mehrere Köpfe überragten. Der Kleine war damit beschäftigt, seine Waffe nachzuladen. Die Großen zielten mit Pistolen in Pauls Richtung. Einer der beiden gab unsichere Schüsse ab. Erneut prasselten Mauerstückchen herab.
Paul zog sein unverletztes Bein an und griff nach seinem Gewehr. Er richtete sich auf seine Ellenbogen auf, legte das Gewehr an und feuerte zwei kurze Salven in Richtung der drei Gestalten. Er zielte nicht - dafür war keine Zeit.
Die zweite Granate explodierte mehrere Meter hinter ihm, dort, wo Mats gestanden hatte. Die Detonation war kleiner als die erste, aber Paul spürte erneut, wie sein Inneres sich verkrampfte. Diesmal fielen große Zementbrocken aus der Decke, einer bohrte sich in Pauls Rücken. Er spürte, wie Rippen brachen. Schmerz jagte in Schockwellen durch seinen Körper. Die beiden großen Gestalten schossen erneut. Eine Kugel bohrte sich in Pauls linke Schulter, eine andere streifte seine Wade. Auch vom entgegengesetzten Ende des Flurs - dem Ende, das Mats gesichert hatte - wurde jetzt geschossen. Eine dritte Kugel fraß sich durch Pauls Rücken. Dann verlor er das Bewusstsein.

Wenige Minuten später holte das Kreischen einer Motorsäge ihn aus der Bewusstlosigkeit. Baustellenfluter leuchteten den Flur aus. Säuerlicher Benzingeruch lag in der Luft. Aus den Augenwinkeln konnte Paul sieben, vielleicht acht Menschen erkennen. Sie hielten große, lange Gegenstände in den Händen - Baseballschläger oder Rohre oder Vorschlaghammer. Wie die drei Gestalten, die auf Paul geschossen hatten, trugen sie Lumpen. Mats, Ana, Eric und die anderen beiden Soldaten lagen, von den Explosionen umgeworfen, bewusstlos am Boden.
"Fang mit dem da an", sagte eine Stimme in Pauls Rücken. Das stotternde Geräusch der Motorsäge entfernte sich. Dann veränderte sich seine Textur, es wurde dunkler und satter. Die Sägezähne kreisten nicht mehr im Leeren: Sie fraßen sich durch Muskeln, Sehnen und Knochen. Ein gurgelndes Geräusch mischte sich unter das Reißen und Schneiden, dann hatten sie sich befreit.
"Nummer eins", sagte eine weitere Stimme.
Paul sah aus den Augenwinkeln einen dunklen Gegenstand durch den Flur fliegen, gegen eine Wand prallen und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlagen. Der Gegenstand machte eine Vierteldrehung, dann blieb er bewegungslos liegen. Erics tote, leere Augen starrten Paul an.
"Jetzt den hier", sagte die erste Stimme.
Erneut bewegte sich die Motorsäge. Aber diesmal war sie nicht schnell genug.
Ein gellender Schrei übertönte das Rattern der Motorsäge. Dann fiel etwas Schweres zu Boden.
"Macht ihn weg von mir!", schrie eine Stimme aus der Richtung, in der die Motorsäge gewesen war. "Macht ihn weg! Macht ihn weg!"
Paul drehte seinen Kopf - langsam, er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Aber keiner der Menschen im Flur achtete auf ihn. Alle starrten auf den Mann mit der Motorsäge.
Den Mann ohne Motorsäge: Die Maschine lag einen halben Meter entfernt auf dem Boden, ihr Motor starb hustend ab. Der Mann sah mit weit aufgerissenen Augen auf sein linkes Bein. Und auf das Ding, das sein Bein fraß.

Mats' von Tumoren überwucherter Schädel glänzte bleich im Scheinwerferlicht. Sein Kiefer war unnatürlich weit aufgerissen, der Bart troff vor Blut. Lange, dünne Zähne gruben sich in das Bein des Mannes. Der Motorsägenmann schlug mit bloßen Fäusten auf seinen Kopf ein.
Ebenso gut hätte er auf eine Schraubzwinge einprügeln können.
Mats' Zähne zogen und rissen am Muskelfleisch. Das Bein gab nach, der Mann knickte ein und fiel zu Boden. Im Bruchteil einer Sekunde war Mats über ihm. Seine langen Zähne zerrissen den Hals des Motorsägenmannes, seine schwarze Zunge leckte gierig das hervorschießende Blut auf. Aus dem panischen Schreien des Mannes wurde ein Flüstern, ein Gurgeln und schließlich Stille.
Der Blutgeruch war jetzt überall. Paul spürte, wie der Hass in seinen Adern pochte, heiß, gierig, unersättlich.
Als Mats den Kopf hob, sah Paul einmal mehr dem ganzen Schrecken der Seuche ins Gesicht. Wie alle Infizierten hatte Mats schwarze Augen ohne Pupillen. Die doppelte Reihe seiner spitzen Zähne glänzte blutverschmiert. Dickes Narbengewebe wucherte um seine zerrissenen Lippen.
Infizierte, dachte Paul nicht zum ersten Mal, sehen Insekten ähnlicher als Menschen.
Die anderen Soldaten waren aufgestanden und hatten ihre Helme ausgezogen. Ihre Zähne leuchteten weiß. Ihre Augen waren ohne Leben. Auch Paul richtete sich zitternd auf, zog seinen Helm aus fuhr mit seiner schwarzen Zunge über die Doppelreihen seiner langen, scharfen Zähne.
Der Blutgeruch war überwältigend.
Dann dachte er nichts mehr.
 
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Nick

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Hallo @SilberneDelfine! Vielen Dank für deinen Kommentar!

Ich hadere ein bisschen mit der Story - bin dabei, sie etwas zu kürzen und die heftigsten Klischees rauszustreichen. Umso mehr freut es mich aber, dass dir schon diese Version gefällt! Man liest sich!
 

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