Das neue Schiff

Schnittig und elegant lag sie da, die ESS „Program“, ein Raumschiff der neuesten Entwicklungsstufe. Durch das Fenster der langsam veraltenden Raumstation betrachtet konnte dem begeisterten Raumfahrer nur warm ums Herz werden.

„Ist sie nicht ein Prachtstück, Captain?“, fragte der junge erste Offizier, Jim Powell. Gerade erst hatte er die letzten Schulungen hinter sich gebracht um diesen verantwortungsvollen Posten bekleiden zu dürfen. In seiner Unform, einer Mischung aus der Kleidung früherer Handelsmarinen und modernster Raumanzüge, wirkte er mindestens genauso aus dem Ei gepellt wie das Schiff, welches sie nun bald betreten würden.

Captain Mortimer Lassaux, genannt Morty, ein alter erfahrener Raumfahrer, von dem manche sagten, er habe seine Ausbildung noch auf den alten Windjammern auf dem Atlantik begonnen, blickte kritisch zwischen Jim und der Program hin und her. Offenbar war ihm nicht ganz wohl in seiner Haut. Aber ihm stand die Jungfernfahrt mit diesem Schiff zu.

„Man sollte sich nicht so schnell vom Äußeren blenden lassen, mein junger Freund!“, war Mortys skeptische Reaktion.

Die Bedienung war komplett neu gestaltet worden. Auch er hatte Schulung über Schulung über sich ergehen lassen müssen und musste zugeben, die Art der intuitiven Bedienung, wie sie hier erstmals angewendet wurde, hätte ihm in früheren Jahren manch ein Problem und viel Zeit ersparen können. Er hätte nicht für jede Kleinigkeit tief in die Unterwelten des Schiffes und seiner Steuerung eintauchen müssen, wenn es schon damals möglich gewesen wäre die benötigten Funktionen lediglich durch einen Klick auf das sich anbietende Icon zu starten.

Hier stand er nun. Die Festreden gingen weiter, sein Blick aber hing an der schlanken Gestalt der Program. Hoffentlich machte sie ihm nicht soviel Ärger wie die letzte schlanke Gestalt, mit der er es zu tun hatte, seine Ex-Frau Margret. Mit einem Seufzen trennte er sich vom Fenster und wendete sich wieder dem Redner zu. Gerade war es ein Vertreter des Software-Herstellers: „ …. Hundertfünfzig Jahren …. Erfahrung und Fortschritt …. Anwenderfreundlichkeit …. Blablabla…“ Lohnte es sich ernsthaft jemanden für einen solchen Unsinn hier herauf zu fliegen?

In der Gruppe der Menschen um ihn herum sah er seine Mannschaft. 22 Menschen, die mit ihm die erste Fahrt wagen würden. Dazwischen jede Menge Personen, die sich die Gelegenheit eines solchen Festakts zur Unterbrechung der Routine an Bord einer Raumstation nicht hatten entgehen lassen wollen.

Die Gespräche zwischen den Leuten gingen hin und her. Die einen beglückwünschten sich gegenseitig, teilnehmen zu dürfen an dieser Fahrt. Andere beglückwünschten sich dafür nicht teilnehmen zu müssen.

Nervös scharte Morty mit den Füßen. Er hatte keine Lust mehr auf weiteres Gerede, er wollte endlich loslegen. Und endlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, wurde das Band an der Luftschleuse zerschnitten. Ein Glas Sekt wurde gegen die Schleusenluke geschüttet, die moderne Form der Schiffstaufe und mit einem leichten Piep öffnete sich die Türe. Immer zu viert betrat die Mannschaft der Program die Schleuse und enterte endlich das Schiff.

Hier nun war er endlich Herr des Geschehens.

Jeder suchte umgehend seine Station auf und meldete sich dienstbereit. Morty grinste zufrieden, das hatte effizient funktioniert und unterschied sich erheblich von dem quälenden Gesülze dort drüben auf der Station.

„Jim, leiten sie die Startsequenz ein!“, gab Morty den ersten Befehl als neuer Kommandant. An der Mischung aus Strenge und beinahe freundschaftlicher Zuneigung konnten die Zuhörer die vielen Jahre Befehlserfahrung spüren.

Mit einem zackigen „Zu Befehl!“ quittierte Jim die Ansage.

Er drückte einen der wenigen Knöpfe, die es auf den Armaturen der Program noch gab. Er war tatsächlich mit „Start“ beschriftet, würde aber den Rechner und nicht das ganze Schiff starten. Auf den Bildschirmen erschien kurz das bekannte Logo aus vier bunten Flächen, dazu erklang eine allen vertraute kurze Melodie, dann zeigten die Bildschirme die erwarteten Oberflächen.

„Captain, das Schiff ist bereit!“, gab er Bescheid. Morty streckte seine Finger aus und kickte auf das erste Icon. ‚Abkoppeln‘ stand dort. Und ‚Verknüpfung‘. Alle spürten das tiefe Rumpeln und eine durch Mark und Bein gehende Erschütterung, als sich die Türen drucksicher schlossen, die Klammern lösten, mit denen Schiff und Station bisher verbunden waren und die Station ihren lebensermöglichenden Tunnel einzog. Frei schwebten sie nun nebeneinander, Schiff und Station.

Ein zweiter Klick, „Gyrostaten ausrichten“ und die Program schwang langsam um ihre Achse, richtete ihre Nase in die dunkle tiefe Weite des Alls, für das sie gebaut worden war.

Noch ein Klick. „Manövertriebwerk“. Und die Ansage an den ersten Offizier: „Jim, bitte die Schubkraft langsam steigern“.

Alles schien wie am Schnürchen zu klappen, die vielen Befehle und Bestätigungen, die früher notwendig gewesen wären, sie blieben erspart. Langsam vergrößerte sich der Abstand der beiden Welltallgebilde.

Der Blick auf seinen Kontroll-Monitor verwirrte Morty etwas. Hatte er die Icon nicht anders angeordnet? Eine schnelle Kontrolle ergab jedoch die Vollständigkeit aller Anwendungen.

Aus der Lebenserhaltung meldete sich ein Techniker. Sein Bild erschien auf dem Kommunikations-Monitor in einem fahlen blauen Schein. „Captain, irgendetwas stimmt hier nicht, einer meiner Bildschirme ist erst eingefroren, jetzt zeigt er nur noch blaues Licht!“. „Das sollen sich die Wartungs-Heinis ansehen, wenn wir zurückkommen. Bis dahin hoffe ich wir haben einen Ersatz!“ „Ja“, erklang die Antwort aus den unteren Räumen, „wir sind gerade dabei, die Dateien hochzuladen. Noch 13 Sekunden. Hmm. 12 Minuten. Nein, einen Augenblick … fertig, es kann weiter gehen!“

Erleichtert guckte Morty seinen ersten Offizier an und kommentierte mit einem Grinsen: „Die Dame fängt die Zickerei aber früh an!“

Einige Zeit verging, alles schien reibungslos zu verlaufen, weder Menschen noch Maschinen machten größere Probleme. Die Fahrt ging zum translunaren Portal. Hier sollte die Passage geprobt werden, einmal hin zur zweiten Erde, und dann wieder zurück. Der Vorbeiflug am Mond war immer wieder überwältigend, der Abstand zur Oberfläche zeitweise geringer als der, denn früher ein Düsenflugzeug zur Erdoberfläche hatte.

„Captain?“, erklang eine Meldung von weiter unten, „Kann es sein, dass es Verzögerungen im Ablauf gibt? Wenn ich hier eine Eingabe mache dauert es manchmal Sekunden, bis auch passiert, was ich wollte!“ „Ja, bei mir auch!“ „und bei mir“. Ein Stimmengewirr erfüllte die Kommunikation.

„Disziplin!“, ordnete Morty an und Augenblicklich herrschte Ruhe. Einer nach dem anderen wurde nun angerufen

Im Moment der größten Annäherung kam und die Verzögerungen in der Bedienung ihrer Geräte blieben, so als würde der Rechner ein eigenes Leben entwickeln und einen Augenblick darüber nachdenken wollen, ob er dem Auftrag nachkommen wolle oder nicht. Nachdem einige weitere Meldungen auf der Brücke angekommen waren gab es Entwarnung, alles lief wieder wie gewohnt, die Fahrt konnte weiter gehen.

Morty tippte auf einen seiner Icons und die Nase der Program richtete sich auf das Zentrum des Tores aus. Die Fahrt nahm zu, es kam der Moment ‚of-no-return‘, ab welchem sie keine Chance mehr hatten den Anflug auf das Tor abzubrechen. In diesem Moment erschien auf dem Bildschirm vor Morty die Meldung:

„Update erfolgreich, System startet neu!“, gefolgt von der bekannten Melodie eines herunterfahrenden Rechners. Verzweifelte Blicke flogen auf der Brücke hin und her, Klappen wurden geöffnet und wie wild auf Tasten herum gedrückt. Die Bildschirme blieben dunkel, bis auf einen, der eine quälend langsame Fortschrittsanzeige darbot.

Die Program passierte das Tor. Aber auf der anderen Seite erschien sie nicht. Sie war verschwunden.

Die Medien auf der Erde titelten in fetten Lettern:

Program abgestürzt?“

So war die Program zum ersten und zugleich letzten Raumfahrzeug der eins voller Hoffnung gestarteten Windows-Klasse geworden.
 

marcm200

Mitglied
Gut geschriebene kleine Geschichte. Als das System ein Zwangsupdate durchführte, ohne Rücksicht darauf, was gerade läuft, dachte ich sofort an "Gruppenrichtlinien". Und "Windows" kam dann ja auch. Nette Idee!

Ein paar kleinere Anmerkungen:

Ich würde "Erste Offizier" schreiben. Es ist ja eher ein Titel und keine Zählung.

Rein faktisch fährt ein Schiff, aber ein Raumschiff fliegt m.E. durchs All. Ich würde daher eher vom "ersten Flug" sprechen.

- "13 Sekunden. Hmm. 12 Minuten" - Sekunden, dann Minuten bei der Schätzdauer. War das Absicht, um zu zeigen, dass hier was im System grundlegend nicht stimmt?

Schreibfehler:
- "und k L ickte auf das erste Icon"
- "Klammern lösten, mit denen ... waren KOMMA und die Station"
- „Gyrostaten ausrichten“ - da fehlt m.E. ein Redner oder ein explizites Satzende.
- "in die dunkle KOMMA (m.E. gleichrangige Attribute) tiefe Weite"
- "als der, den [ n ] frühe"

Insgesamt hat mich die Geschichte gut unterhalten.
 
Vielen Dank für die Rückmeldung.
Die Zeitangabe war pure Absicht, nachdem mir genau so etwas kurz Wörner, damals noch unter Windows, passiert war. Wild springende Zeitangaben.
Danke auch für die Hinweise auf die anderen Fehler. Da werde ich bei meinen Geschichten echt "betriebsblind" und sehe sie nicht mehr.

Wie war das, darf ich sie hier bearbeiten?
Das ist ja mein erster Text hier ...
 



 
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