Das neue Volk
Berlin Wandsdorf, Jahr 2045. In der Regierungsanlage der Demokratischen Republik Zukunftsland spiegelt sich das Neonlicht der Bildschirme in den glatten, minimalistischen Möbeln des Beschlussraums. Ein großer, runder Tisch steht im Zentrum, an ihm versammeln sich die höchsten Beamten der Republik.
Der Generalvorsitzende klopft mit der Faust auf den Tisch und lässt seinen Blick über das Motto gleiten. Er sagt bedeutsam: „Das Volk hat erneut unser Vertrauen verspielt. Die Lage ist eindeutig.“
Der Außenminister tippt vorsichtig auf sein Tablet. „Sollen wir nicht zuerst … die Gründe analysieren? Eine Befragung, vielleicht?“
„Warum analysieren?“ spöttelt der Generalvorsitzende. „Wir wissen alles. Das Volk ist unzuverlässig. Ein logistisches Problem.“
Der Militärberater murmelt leise: „Gezielte Aufrüstung, vorsichtige Überwachung – Kontrolle effizient erhöhen.“
Der Vorsitzende nickt strategisch. „Ja. Aber wir brauchen mehr: ein neues Volk. Ein Volk, das uns versteht, das applaudiert. Das mit uns mitdenkt. Unser Volk!“
„Auswählen … oder eher motivieren?“ fragt der Außenminister zögernd.
Der Bürokrat schreibt mit, nickt mechanisch. „… eher motivieren?“
„Auswählen“, sagte der Generalvorsitzende kalt lächelnd. „Wer applaudiert, bleibt. Wer widerspricht, wird gewandelt. Optimiert. Effizient, sauber, unauffällig. Budrifiziert.“
Die digitalen Formulare des Bürokraten stapeln sich wie Türme aus Daten. „Wir könnten bereits Listen erstellen, Loyalität prüfen, Optimierung starten …“
Der Generalvorsitzende blickt zufrieden auf das Motto über dem Saal. „Sehen Sie die Zukunft: Ein Volk, das uns vertraut. Das nie enttäuscht wird. Wir sind das Volk!“
Der Außenminister runzelt die Stirn. „Und wenn sie sich wieder ändern?“
„Dann wählen wir erneut. Und erneut. Bis das einzige Volk perfekt ist.“
Die Bildschirme flackern und Zeichenströme laufen darüber, auf ihnen blitzt auf: „Optimierung der Bürger gestartet“. Akten und Tablets werden geordnet, Bürokraten notieren alles. Das Licht flackert. In den metallischen Schatten des Saals spiegelt sich die leise, unaufhaltsame Transformation eines Volkes, das bald eins sein würde mit dem einen Staat, mit dem einen Generalvorsitzenden.
Draußen, jenseits der glatten Mauern der Regierungsanlage, ahnt niemand, dass die Zukunft der Menschheit bereits lange in molekularen Protokollen geplant war.
Über dem Saal prangte das Motto:
„Das Volk hat
das Vertrauen der Regierung verscherzt.
Wäre es da nicht doch einfacher,
die Regierung löste das Volk auf
und wählte ein anderes?“
— Quelle: Gedicht Die Lösung,
in: Buckower Elegien, 1953.
„Das Volk hat
das Vertrauen der Regierung verscherzt.
Wäre es da nicht doch einfacher,
die Regierung löste das Volk auf
und wählte ein anderes?“
— Quelle: Gedicht Die Lösung,
in: Buckower Elegien, 1953.
Berlin Wandsdorf, Jahr 2045. In der Regierungsanlage der Demokratischen Republik Zukunftsland spiegelt sich das Neonlicht der Bildschirme in den glatten, minimalistischen Möbeln des Beschlussraums. Ein großer, runder Tisch steht im Zentrum, an ihm versammeln sich die höchsten Beamten der Republik.
Der Generalvorsitzende klopft mit der Faust auf den Tisch und lässt seinen Blick über das Motto gleiten. Er sagt bedeutsam: „Das Volk hat erneut unser Vertrauen verspielt. Die Lage ist eindeutig.“
Der Außenminister tippt vorsichtig auf sein Tablet. „Sollen wir nicht zuerst … die Gründe analysieren? Eine Befragung, vielleicht?“
„Warum analysieren?“ spöttelt der Generalvorsitzende. „Wir wissen alles. Das Volk ist unzuverlässig. Ein logistisches Problem.“
Der Militärberater murmelt leise: „Gezielte Aufrüstung, vorsichtige Überwachung – Kontrolle effizient erhöhen.“
Der Vorsitzende nickt strategisch. „Ja. Aber wir brauchen mehr: ein neues Volk. Ein Volk, das uns versteht, das applaudiert. Das mit uns mitdenkt. Unser Volk!“
„Auswählen … oder eher motivieren?“ fragt der Außenminister zögernd.
Der Bürokrat schreibt mit, nickt mechanisch. „… eher motivieren?“
„Auswählen“, sagte der Generalvorsitzende kalt lächelnd. „Wer applaudiert, bleibt. Wer widerspricht, wird gewandelt. Optimiert. Effizient, sauber, unauffällig. Budrifiziert.“
Die digitalen Formulare des Bürokraten stapeln sich wie Türme aus Daten. „Wir könnten bereits Listen erstellen, Loyalität prüfen, Optimierung starten …“
Der Generalvorsitzende blickt zufrieden auf das Motto über dem Saal. „Sehen Sie die Zukunft: Ein Volk, das uns vertraut. Das nie enttäuscht wird. Wir sind das Volk!“
Der Außenminister runzelt die Stirn. „Und wenn sie sich wieder ändern?“
„Dann wählen wir erneut. Und erneut. Bis das einzige Volk perfekt ist.“
Die Bildschirme flackern und Zeichenströme laufen darüber, auf ihnen blitzt auf: „Optimierung der Bürger gestartet“. Akten und Tablets werden geordnet, Bürokraten notieren alles. Das Licht flackert. In den metallischen Schatten des Saals spiegelt sich die leise, unaufhaltsame Transformation eines Volkes, das bald eins sein würde mit dem einen Staat, mit dem einen Generalvorsitzenden.
Draußen, jenseits der glatten Mauern der Regierungsanlage, ahnt niemand, dass die Zukunft der Menschheit bereits lange in molekularen Protokollen geplant war.
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