Friedrichshainerin
Mitglied
Ich hab ja hier im Forum schon mitgekriegt, dass sich unter uns auch Leute tummeln, die die Einundzwanzig überschritten haben. Genau für diese ist der Beitrag gedacht.
Monatelang hatte ich mir im Fernsehen gelangweilt folgenden Slogan angehört: „SPD und CDU können in der Koalition keine Einigung über die Pflegereform erzielen“. Mit einmal dann: „Die Parteien haben sich geeinigt. Die Pflegereform ist beschlossene Sache“.
Ich dachte: „Dann hört da ewige Gejammere über diese Reform, die natürlich keine war, das war mir schon bewusst, endlich auf“. Die Konsequenzen waren mir gar nicht klar.
Nun kommt es ganz dicke für meinen Nachbarn, Mitte der Achtzig, kann nicht mehr das Haus verlassen, kommt noch nicht mal zum Briefkasten unten im Flur oder zu den Mülltonnen.
Kein Geld mehr für Pflegestufe I. „Ich komme Ende Dezember das letzte Mal“, hat sein Einkaufsdienst schon gesagt. Der war eigentlich viel zu teuer und kam nur zwei lumpige Stunden im Monat. Kaufte immer viel zu wenig ein. Dafür 131€. Aber wie gesagt, jetzt gar nichts mehr.
Die sagen immer überall: "Das Gute an der Reform ist, dass Pflegestufe 1 nicht abgeschafft ist, es gibt bloß keine Kohle mehr. Das ist ja genauso, als wenn man zu einem Verurteilten sagt: "Die Todesstrafe ist verboten, morgen steigst du auf´s Schafott.
Ich, als gute Nachbarin, hatte für ihn schon digital Pflegestufe II beantragt, da die I viel zu niedrig war. Seine Mobilität geht gegen Null. Er kann ja kaum noch stehen, wenn ich an der Tür mit ihm rede.
Die erste hatte ich natürlich auch beantragt, weil sich nichts rührte. Ich war immer in dem Glauben, dass sein Hausarzt den gebrechlichen, ein bisschen naiven älteren Herrn an eine Seniorenberatungsstelle verweist, wo man ihm hilft, die Antragsformulare auszufüllen.
Wer ist hier in Deutschland nicht alles ein sogenannter Sozialarbeiter. Letztens traf ich einen, den ich schon in den Neunzigern in seinem besetzten Haus in der Pfarrstraße kennengelernt habe. "Meine Tochter studiert Soziale Arbeit", erzählte er mir. Wenn sich so viel Leute auf die Sozialfälle stürzen, brauch sich ja keiner mehr nen Kopp zu machen. Die Sozialleute müssten sich ja bei meinem Nachbarn gegenseitig auf die Füße treten. Stattdessen ganz anders.
Die Begutachterin kam und eine Woche später ein Schreiben, in dem die Pflegestufe abgelehnt wurde. Die Hürden sind wohl noch mal verschärft worden. Das ist doch völlig unlogisch. Die zweite Stufe wird nicht gewährt, und für die erste Stufe ist völlig das Geld gestrichen worden. Da hängen die Leute total in der Luft.
Ich habe auch mal eine dieser Begutachterinnen getroffen, als ich auf einer Weiterbildung war. Wir lernten uns im Fahrstuhl kennen und freundeten uns spontan an. Ich machte einen zweimonatigen Englischkurs und sie, die Pflege studiert hatte, ein Fortbildung im Abrechnungssystem der Kassen. Wir trafen uns immer in den Pausen.
Mir wurde einmal etwas mulmig, als sie mir über ihre Zeit berichtete, in der sie Leute besuchte, um die Einstufungen festzusetzen. "Wenn man einen Griff über der Badewanne anbringt, kann man gleich eine Stufe streichen", erzählte sie mir, stolz auf ihre Fähigkeiten. Mir wurde klar, dass unsere Freundschaft nicht lange halten würde. Aus dem Holz wird die Dame auch geschnitzt sein, die meinen Nachbar begutachtete.
Nun bekommt der gute Herr wegen der Reform ab dem neuen Jahr gar keine Hilfe mehr. Eigentlich müsste er verhungern.
Da werden manche sagen: „Warum nimmt er keinen Lieferservice in Anspruch?“ Ja, meine Lieben, das geht alles nur über Internet. Und dem technischen Fortschritt hat er sich seit Jahren verweigert.
Eigentlich ist das ja schon Anfang Zweitausend losgegangen, dass wir plötzlich alle am Handy und im Netz waren. Er hat das vollkommen ignoriert.
Auch meine Ratschläge, sich eine kleine Kühltruhe, einen Toaster, eine Mikrowelle anzuschaffen hat er in den Wind geschlagen.
Er leidet an Altersstarrsinn und bekommt es nicht mal in den Griff, vorauszuplanen, was er für vierzehn Tage so braucht, damit der Einkäufer weiß, was er bringen soll. So ist ständig kein Brot und keine Milch und keine Butter da. Und das bei einem Diabetiker.
Ich hatte die Hoffnung, dass bei der zweiten Pflegestufe jemand kommt, der ihn günstig beeinflusst und regelmäßig nach ihm sieht.
Er ist vielleicht nicht dumm, aber völlig sorglos und lässt sich treiben. Übrigens AfD-Wähler. Von denen, die so gar nichts Soziales in ihrem Programm haben, erhoffen sich ausgerechnet die, denen es schlecht geht, Hilfe.
Stattdessen schimpft er über Selensky. Der „Clown“, wie er ihn bezeichnet. Das ist alles andere als Musik für meine Ohren, aber ich nehme es als seinem Alter geschuldet.
Seine Verwandten, Kinder hat er keine, dachte ich jedenfalls, in einer Kleinstadt in der Nähe halten Verbindung aber kümmern sich eigentlich genau so wenig wie er selbst um seine Angelegenheiten. Sie hoffen wie er, dass alles sich von selbst regelt und schon irgendwie geht. Die Sorglosigkeit scheint wohl in der Familie zu liegen. Da hat wohl keiner vor, irgendwas für ihren Onkel anzuleiern.
Eigentlich palavern sie ja immer überall: „Kinder sind ein Armutsrisiko“.
„Ist wahrscheinlich genau umgekehrt“, denke ich, wenn ich meinen Nachbarn so sehe.
Vielleicht könnte man einen Zettel anpinnen: „Student“ - ist hier in der Gegend gefühlt jeder Zweite - „gesucht, der Wege für einen älteren Herren erledigt. Bezahlung nach Vereinbarung.“ Das könnte er sich vielleicht leisten, in seinem Zustand macht er ja auch nicht mehr die Nächte im Berghain durch. Aber er sagt mir ja noch nicht mal, wieviel Rente er bekommt. Ist misstrauisch. Auf alle Fälle nicht allzu viel.
Kinder hat er übrigens doch, wie sich herausstellte. „Wer sind die Beiden“, fragte ich ihn mal und zeigte auf ein Foto, das in seiner Wohnung hing. „Das sind meine beiden Töchter“, antwortete er stolz. Darauf ich: „Und warum bist du nicht mit ihnen in Verbindung?“ Es stellte sich heraus, dass seine Ex wieder zu ihrem Mann zurückgegangen war, als dieser seine Haftstraße abgesessen hatte.
Ob er darüber, dass er die Kinder eines anderen Mannes aufziehen sollte, aber so erfreut war, ist die zweite Frage. Fakt ist: Mein Nachbar musste bezahlen aber hat nie Kontakt gesucht. Wahrscheinlich ein Riesenfehler. Vielleicht haben sie Hilfe gebraucht. Mit einem Exknacki als Stiefvater, dem gerne mal die Hand ausrutscht.
Dass er sorglos und leichtsinnig ist, und er alles laufen lässt, wie es läuft, erwähnte ich schon.
Ich: „Sag mir, wie sie heißen, und wir schauen über Internet nach“. Er wollte nicht. Ich kann mir auch vorstellen warum. Wenn es zum Treffen kommt, lernen sie einen gebrechlichen Mann jenseits der Achtzig kennen. Das will er vermeiden.
Die einzige Stütze scheine nur ich zu sein. Dass er mir die ganze Verantwortung für sich aufhalst, finde ich weniger gut. Man macht zwar gerne mal ab und zu eine gute Tat und fühlt sich besser danach. Aber als Dauerzustand?
Monatelang hatte ich mir im Fernsehen gelangweilt folgenden Slogan angehört: „SPD und CDU können in der Koalition keine Einigung über die Pflegereform erzielen“. Mit einmal dann: „Die Parteien haben sich geeinigt. Die Pflegereform ist beschlossene Sache“.
Ich dachte: „Dann hört da ewige Gejammere über diese Reform, die natürlich keine war, das war mir schon bewusst, endlich auf“. Die Konsequenzen waren mir gar nicht klar.
Nun kommt es ganz dicke für meinen Nachbarn, Mitte der Achtzig, kann nicht mehr das Haus verlassen, kommt noch nicht mal zum Briefkasten unten im Flur oder zu den Mülltonnen.
Kein Geld mehr für Pflegestufe I. „Ich komme Ende Dezember das letzte Mal“, hat sein Einkaufsdienst schon gesagt. Der war eigentlich viel zu teuer und kam nur zwei lumpige Stunden im Monat. Kaufte immer viel zu wenig ein. Dafür 131€. Aber wie gesagt, jetzt gar nichts mehr.
Die sagen immer überall: "Das Gute an der Reform ist, dass Pflegestufe 1 nicht abgeschafft ist, es gibt bloß keine Kohle mehr. Das ist ja genauso, als wenn man zu einem Verurteilten sagt: "Die Todesstrafe ist verboten, morgen steigst du auf´s Schafott.
Ich, als gute Nachbarin, hatte für ihn schon digital Pflegestufe II beantragt, da die I viel zu niedrig war. Seine Mobilität geht gegen Null. Er kann ja kaum noch stehen, wenn ich an der Tür mit ihm rede.
Die erste hatte ich natürlich auch beantragt, weil sich nichts rührte. Ich war immer in dem Glauben, dass sein Hausarzt den gebrechlichen, ein bisschen naiven älteren Herrn an eine Seniorenberatungsstelle verweist, wo man ihm hilft, die Antragsformulare auszufüllen.
Wer ist hier in Deutschland nicht alles ein sogenannter Sozialarbeiter. Letztens traf ich einen, den ich schon in den Neunzigern in seinem besetzten Haus in der Pfarrstraße kennengelernt habe. "Meine Tochter studiert Soziale Arbeit", erzählte er mir. Wenn sich so viel Leute auf die Sozialfälle stürzen, brauch sich ja keiner mehr nen Kopp zu machen. Die Sozialleute müssten sich ja bei meinem Nachbarn gegenseitig auf die Füße treten. Stattdessen ganz anders.
Die Begutachterin kam und eine Woche später ein Schreiben, in dem die Pflegestufe abgelehnt wurde. Die Hürden sind wohl noch mal verschärft worden. Das ist doch völlig unlogisch. Die zweite Stufe wird nicht gewährt, und für die erste Stufe ist völlig das Geld gestrichen worden. Da hängen die Leute total in der Luft.
Ich habe auch mal eine dieser Begutachterinnen getroffen, als ich auf einer Weiterbildung war. Wir lernten uns im Fahrstuhl kennen und freundeten uns spontan an. Ich machte einen zweimonatigen Englischkurs und sie, die Pflege studiert hatte, ein Fortbildung im Abrechnungssystem der Kassen. Wir trafen uns immer in den Pausen.
Mir wurde einmal etwas mulmig, als sie mir über ihre Zeit berichtete, in der sie Leute besuchte, um die Einstufungen festzusetzen. "Wenn man einen Griff über der Badewanne anbringt, kann man gleich eine Stufe streichen", erzählte sie mir, stolz auf ihre Fähigkeiten. Mir wurde klar, dass unsere Freundschaft nicht lange halten würde. Aus dem Holz wird die Dame auch geschnitzt sein, die meinen Nachbar begutachtete.
Nun bekommt der gute Herr wegen der Reform ab dem neuen Jahr gar keine Hilfe mehr. Eigentlich müsste er verhungern.
Da werden manche sagen: „Warum nimmt er keinen Lieferservice in Anspruch?“ Ja, meine Lieben, das geht alles nur über Internet. Und dem technischen Fortschritt hat er sich seit Jahren verweigert.
Eigentlich ist das ja schon Anfang Zweitausend losgegangen, dass wir plötzlich alle am Handy und im Netz waren. Er hat das vollkommen ignoriert.
Auch meine Ratschläge, sich eine kleine Kühltruhe, einen Toaster, eine Mikrowelle anzuschaffen hat er in den Wind geschlagen.
Er leidet an Altersstarrsinn und bekommt es nicht mal in den Griff, vorauszuplanen, was er für vierzehn Tage so braucht, damit der Einkäufer weiß, was er bringen soll. So ist ständig kein Brot und keine Milch und keine Butter da. Und das bei einem Diabetiker.
Ich hatte die Hoffnung, dass bei der zweiten Pflegestufe jemand kommt, der ihn günstig beeinflusst und regelmäßig nach ihm sieht.
Er ist vielleicht nicht dumm, aber völlig sorglos und lässt sich treiben. Übrigens AfD-Wähler. Von denen, die so gar nichts Soziales in ihrem Programm haben, erhoffen sich ausgerechnet die, denen es schlecht geht, Hilfe.
Stattdessen schimpft er über Selensky. Der „Clown“, wie er ihn bezeichnet. Das ist alles andere als Musik für meine Ohren, aber ich nehme es als seinem Alter geschuldet.
Seine Verwandten, Kinder hat er keine, dachte ich jedenfalls, in einer Kleinstadt in der Nähe halten Verbindung aber kümmern sich eigentlich genau so wenig wie er selbst um seine Angelegenheiten. Sie hoffen wie er, dass alles sich von selbst regelt und schon irgendwie geht. Die Sorglosigkeit scheint wohl in der Familie zu liegen. Da hat wohl keiner vor, irgendwas für ihren Onkel anzuleiern.
Eigentlich palavern sie ja immer überall: „Kinder sind ein Armutsrisiko“.
„Ist wahrscheinlich genau umgekehrt“, denke ich, wenn ich meinen Nachbarn so sehe.
Vielleicht könnte man einen Zettel anpinnen: „Student“ - ist hier in der Gegend gefühlt jeder Zweite - „gesucht, der Wege für einen älteren Herren erledigt. Bezahlung nach Vereinbarung.“ Das könnte er sich vielleicht leisten, in seinem Zustand macht er ja auch nicht mehr die Nächte im Berghain durch. Aber er sagt mir ja noch nicht mal, wieviel Rente er bekommt. Ist misstrauisch. Auf alle Fälle nicht allzu viel.
Kinder hat er übrigens doch, wie sich herausstellte. „Wer sind die Beiden“, fragte ich ihn mal und zeigte auf ein Foto, das in seiner Wohnung hing. „Das sind meine beiden Töchter“, antwortete er stolz. Darauf ich: „Und warum bist du nicht mit ihnen in Verbindung?“ Es stellte sich heraus, dass seine Ex wieder zu ihrem Mann zurückgegangen war, als dieser seine Haftstraße abgesessen hatte.
Ob er darüber, dass er die Kinder eines anderen Mannes aufziehen sollte, aber so erfreut war, ist die zweite Frage. Fakt ist: Mein Nachbar musste bezahlen aber hat nie Kontakt gesucht. Wahrscheinlich ein Riesenfehler. Vielleicht haben sie Hilfe gebraucht. Mit einem Exknacki als Stiefvater, dem gerne mal die Hand ausrutscht.
Dass er sorglos und leichtsinnig ist, und er alles laufen lässt, wie es läuft, erwähnte ich schon.
Ich: „Sag mir, wie sie heißen, und wir schauen über Internet nach“. Er wollte nicht. Ich kann mir auch vorstellen warum. Wenn es zum Treffen kommt, lernen sie einen gebrechlichen Mann jenseits der Achtzig kennen. Das will er vermeiden.
Die einzige Stütze scheine nur ich zu sein. Dass er mir die ganze Verantwortung für sich aufhalst, finde ich weniger gut. Man macht zwar gerne mal ab und zu eine gute Tat und fühlt sich besser danach. Aber als Dauerzustand?
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