Das Schaf

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Die langen Halme des Wiesenschaumkrauts waren nass vom Tau und bogen sich elegant zu Boden, die Butterblumen glänzten in der gerade aufgegangenen Sonne, aber das Schaf hatte keine Lust zu essen. Die ganze Nacht über hatte es unbeweglich im Gras gelegen und zugesehen, wie die Milchstraße über ihm ihre Bahn zog. Es hatte wieder die Sterne nach ihren Gedanken gefragt und wieder hatten sie nicht geantwortet. Es hatte die Eule gesehen und ihr einen Gruß zugerufen, aber die Eule hatte nur ärgerlich gezischt und war ihrer Wege geflogen.
Das Schaf fühlte sich hohl, eine große Leere war in ihm, und wenn es leise blökte, hallte der Laut an den Wänden der Leere entlang, wiederholte sich endlos, bis das Schaf anfing, sich vor seiner eigenen Stimme zu fürchten.
Wind verfing sich in den Locken seines dichten Fells und blies den Morgentau davon. Wo er wohl hinflog? Das Schaf schloss die Augen und versuchte sich die Welt hinter dem Zaun vorzustellen. Vielleicht gab es dort unvorstellbare Wunder... vielleicht aber auch nicht. Ab und zu kam ein Mensch vorbei, der Futter brachte und ihm über das Fell strich, aber er ging meist schnell wieder. Das Schaf sah ihm dann hinterher und wünschte sich, es könnte mitgehen, auch wenn ihm die Welt hinter dem Zaun fremd und unheimlich erschien. Aber der Mensch wollte ihn nicht mitnehmen, also blieb das Schaf, wo es war.
Über ihm stiegen Lerchen auf, sie sangen und stritten sich, und das Schaf legte den Kopf auf das Gras. Es fiel ihm schwer, lange Gedanken zu denken, sie verhedderten sich ineinander wie Brombeergestrüpp und stachen, wenn es versuchte, sie zu entwirren.
Bis vor einem Winter hatte ein zweites Schaf bei ihm gelebt und das Leben war hell gewesen. Sie hatten zusammen gegessen, das zweite Schaf hatte Butterblumen besonders gemocht und nachts lagen sie Fell an Fell und sangen leise dem Licht der Milchstraße entgegen, bis sie einschliefen.
Eines Morgens war das zweite Schaf abgeholt worden. Es kam nicht zurück. Die Milchstraße und die Sterne schwiegen seitdem, und das Schaf schlief lieber am Tag, wenn der Wind sanft über sein Fell blies und es sich anfühlte, als ob ein zweites Schaf neben ihm läge.
Die Sonne stieg höher und brannte den restlichen Morgentau davon. Das Schaf schloss die Augen. Es träumte von fremdem Fell und glänzenden Nasen, von harten Hufen und unbekannten Stimmen, so vielfältig wie die Schwebfliegen über den Brombeerbüschen. Die Stimme des Menschen übertönte sie alle. Verwirrt öffnete das Schaf die Augen. Der Mensch stand am Gatter. Er hatte ein fremdes Schaf dabei, das verängstigt aussah. Das Schaf stemmte sich mühsam hoch. Der Tag glänzte heller als alle letzten Tage, als es langsam auf das Gatter zuging.


(als Antwort auf die Frage: "Wie nennt sich wohl die Schwermut beim Schaf, das einsam ist?", aus dem Buch "Das Buch der Fragen" von Pablo Neruda)
 

jon

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Sehr schön!
Nur das mit dem Echo ist Unsinn, in mehrfacher Hinsicht. Zum einen gibt es bei dieser Lokalität keines (es passt also nicht zum „Realismus“ des Restes), zum anderen würde das einsame Schaf Schafstimmen eher als Trost oder Versprechen empfinden (sich also nicht fürchten). Diese Zeilen würde ich einfach streichen.
 

Ubertas

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Ganz kurz ein paar Schafsgedanken meinerseits, lieber Jon.
Mein Eindruck an dieser Textstelle, falls du diese meinst,
Das Schaf fühlte sich hohl, eine große Leere war in ihm, und wenn es leise blökte, hallte der Laut an den Wänden der Leere entlang, wiederholte sich endlos, bis das Schaf anfing, sich vor seiner eigenen Stimme zu fürchten.
ist folgender:
Für mich als Leserin befinde ich mich durch diese Art der Formulierung augenblicklich im "Schafsinneren", nicht mehr im Außen. Das Schaf fühlt eine solche Leere und Einsamkeit in sich, sodass diese Leere, die ja eigentlich keine Wände besitzt, für es zu einem inneren Raum wird, dem es nicht mehr zu entfliehen weiß. Der Laut seiner Stimme hallt an diesen inneren Wänden (wie in einem Gefängnis) entlang. Es gibt kein Entkommen. Gerade das Fürchten vor der eigenen Stimme, sagt mir zweierlei. Einerseits erinnert es mich an das mögliche Gefühl des Schafes, seinem "Blöken" würde nichts mehr erwidert. Es ist leise um es geworden. Es blökt auch nur noch leise. Später im Text wird ja das zweite Schaf erwähnt, das nun fehlt. Es gibt keine Antwort mehr auf seine Stimme. Andererseits finde ich mich durch diese Textpassage an den Schmerz des Alleinseins, an die Bitterkeit der Einsamkeit erinnert. Nach langem Schweigen in diesem Zustand, wird selbst die eigene Stimme fremd, so als würde sie einem nicht mehr gehören. Daher ist meiner Meinung nach dieser Innenblick ein wichtiger Abschnitt im Text, der die Gefühlswelt des Schafes zusätzlich verdeutlicht.

Liebe Grüße in die Runde :) !
ubertas
 

jon

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Hallo ubertas,
dieser Lesart kann ich folgen, deshalb nehme ich das „Unsinn“ zurück. Jetzt stört mich nur noch dieser eine Ausflug in die Metapher in einem ansonsten sehr konkreten Text. (Nur "Die Milchstraße und die Sterne schwiegen seitdem" ist noch Metapher, denn natürlich waren von Milchstraße und Sternen auch vorher keine als Botschaft/Rede/Gesang deutbaren Geräusche gekommen.)
 

Ubertas

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Hallo jon,
Das ist ein interessanter Aspekt, den du erwähnst. Wenn ich zu Beginn des Textes lese, dass das Schaf die Gedanken der Sterne befragt, versucht es in einen Dialog zu treten. Ihm wird erneut nicht geantwortet. An dieser Stelle:
Sie hatten zusammen gegessen, das zweite Schaf hatte Butterblumen besonders gemocht und nachts lagen sie Fell an Fell und sangen leise dem Licht der Milchstraße entgegen, bis sie einschliefen.
Dort singen beide gemeinsam dem Licht der Milchstraße entgegen, dieses kosmische Band, gleich ihrer Zweisamkeit, ist in diesem Moment existent. Es wird besungen.
Weiter im Text, an der Stelle, die du benennst, wird diese Zugehörigkeit und Verbindung zerrissen. Bei "Die Milchstraße und die Sterne schwiegen seitdem", kommt für mich zum Ausdruck, dass der Himmel für das Schaf in Abwesenheit des zweiten, schwarz geworden ist. Die Unendlichkeit des Augenblicks, die Sterne als Zeichen der Hoffnung und einer gemeinsamen Zukunft, sind unsichtbar geworden. Der Himmel schweigt im Verlust des geliebten anderen Schafes. Der Moment wird still, die Unendlichkeit hat seine Bedeutung verloren. So ist mein Empfinden in diesen Bildern.
Lieben Gruß,
ubertas
 

jon

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Dass die Schafe Sterne und Milchstraße ansingen, heißt ja nicht, dass diese „zurücksingen“. Das Ansingen ist gewissermaßen real (man kann das Blöken oder auch die fiktiven Gedanken der Schafe so nennen), eine Antwort wäre reine Metapher (für das emotionale Echo bei der gemeinsamen Betrachtung des Nachthimmels).
 

Ubertas

Mitglied
Ich finde deine Sichtweise sehr gut, besonders bezogen auf die "Realität des Textes", die für mich hauptsächlich im Schafserleben liegt. Dieses "Zurücksingen" braucht es aus meiner Sicht auch nicht, genauso wenig wie eine Akustik zuvor, denn es geht - und klar bin ich im Interpretatorischen unterwegs - mehr um einen Bedeutungsverlust als um ein Schweigen nach etwas Hörbarem.
Das Spannende an dieser Stelle ist, lieber jon, und ich glaube, mich deiner Vorstellung, deiner Hineinsicht etwas annähern zu können, dass sich hier gerade eine ganz andere Frage ergibt: Darf das so sein und wenn ja, weshalb?
Ich bleibe noch immer im Flugmodus des Lesers und stelle dabei eine Frage fest: Was ist die Wahrheit dieser Metapher?
Und an diesem Punkt, denn er blieb bisher von mir aus nur in einer Randnotiz präsent als "Wundervoll" - einen lieben Dank an stachelbeermond für das Einstellen dieses Textes, der die Dichte besitzt, um aus ihm diese Unterhaltung zu schöpfen.
 



 
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