Das Scherben-Mäntelchen und der Bär

DIESA

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Einst, zog ein Kind durch die Welt, das hatte nichts in seinem Leben außer einem Mäntelchen, das war zum Schutz, voll und übervoll mit Spiegelscherben bewebt.
Jeder der das Kind im Mäntelchen traf, der hatte es gern, denn damals hatten die Leute noch keine Selfies und nur die Könige und Prinzessinnen in ihren Schlössern hatten manchmal einen Spiegel um sich zu frisieren.
Darum wussten die Menschen nicht, dass sie sich nur selbst sahen, wenn sie dem Mäntelchen freundlich zuwinkten. „Wohin des Weges?“ riefen sie und antworteten sich gleich selbst und freuten sich noch lange nach dem das Mäntelchen weiter gezogen war, über die gesellige Begegnung mit dem sympathischen Fremden.

So zog das Spiegelscherben Mäntelchen durchs Land, bis es am Waldrand den Bären traf. Der Bär war hoch erfreut einen anderen Bären zu treffen und so beschloss er, dass sie ein Stück gemeinsam durch den Wald gehen würden. Der Bär kannte allerlei Weisheiten über den Wald, die guten und die bösen, die er auf dem Weg vor sich hinbrummte und das Kind im Mäntelchen versank in seinen Erzählungen, so dass es ab und zu leise antwortete und jedesmal wenn es etwas sagte, fiel eine Scherbe zu Boden. Bei einer besonders großen Scherbe, blieb der Bär stehen weil er dachte sein neuer Freund hätte eine Pause eingelegt. Doch kam es ihm gleich seltsam vor, denn er war er ein besonders kluger Bär und einer der wenigen Bären, die schon mal in einen Spiegel geschaut hatten.

Der Bär war nämlich in Wirklichkeit ein verzauberter Prinz, der in seinem Schloss einen Spiegel zum frisieren gehabt hatte. Bis sein Königreich eines Tages angegriffen wurde und er sich, in seiner Angst, erkannt und getötet zu werden selbst verzauberte. Dass können manche Prinzen. Aber weil er noch so jung war, schaffte er es in der Aufregung nicht sich in einen Vogel zu verwandeln und davon zu fliegen. Sondern verwandelte sich stattdessen in einen starken Bären, der die Angreifer in die Flucht schlug. Aber seine Rückverwandlung blieb aus und so zog er durchs Land auf der Suche nach einem Rückzauber.

Als nun aber die Scherbe vor ihm auf dem Waldboden lag, da witterte seine feine Bären Nase, sehr zu seiner Überraschung, ein Mädchen! Und er fühlte seit langem etwas so menschliches in sich, dass er dem Mäntelchen nicht mehr von der Seite weichen wollte.

So redete der Bär weiter: „Sag mein Freund, wo haben wir uns getroffen?“ und leise hörte er „Am Rand.“ und eine Scherbe fiel zu Boden. „Und welchen Weg hast du davor genommen?“ und wieder die leise Stimme „Übers Feld.“ und wieder fiel eine Scherbe herab. Jetzt konnte der Bär erkennen, dass unter den vielen glänzenden Scherben ein langer Mantel mit Kapuze lag. Mulmig wurde dem Bären, aber er fragte so beiläufig wie möglich „Und Freund, wen hast du am Weg getroffen?“

„Einen Mann der war so fröhlich wie ich, eine Frau die war so traurig wie ich, einen Weg der war so lang wie ich, einen Freund der ist so versteckt wie ich.“ Und die Scherben fielen herab, dass es dem Bären zu unheimlich wurde und mit einer Pranke packte er das Mäntelchen. Das Kind war steif vor Angst, noch nie hatte es jemand gesehen, geschweige den gepackt! In Panik drehte es sich weg und sah hinter sich die Spur aus Scherben glitzern.
Da setzte es die Kapuze ab und der Bär sah dem Mädchen in sein schmutziges Gesicht. Das Kind ging zurück um seine Scherben aufzuheben, aber dem Bär gefiel das Mädchen so gut, dass er es auf seinen Rücken nahm und den Weg fortsetzte. „Wohin wollen wir gehen?“, fragte der Bär fröhlich, aber das Mädchen ließ sich Zeit bevor es antwortete: „Heim.“

Dann war das Mädchen still und der Bär war still und erst nach langem gehen, spürte der Bär die Tränen des Mädchens, die sein Fell nass machten. Und er fühlte sich so gut wie noch nie in seinem Leben davor und er war sich sicher, das Mädchen nimmer mehr allein lassen zu wollen.
Als sie an die Lichtung kamen, an dem das Haus des Mädchens stand war der Bär ganz nass von den Tränen und das Gesicht des Mädchens glänzte sauber in der Abendstimmung.
„Nun bin ich nass und den ganzen Tag gelaufen, lass mich bei dir schlafen.“ „Gerne Bär, roll dich hier vor meinem Haus zusammen, die Morgensonne wird dich trocknen.“ „Ich bin doch kein Hund, dass ich mich vor deinem Haus zusammenrolle! Ich hab dich den ganzen Weg getragen, mein Fell hast du nass gemacht mit deinen Tränen, lass mich bei dir schlafen.“ „Gerne Bär, ich hab eine gemütliche Couch auf der kannst du schlafen.“ „Bin ich denn ein Fremder dass ich auf der Couch schlafe? Deine Scherben hab ich dir abgenommen, dein Gesicht hab ich gesehen, lass mich bei dir schlafen!“
Da dachte das Mädchen lange nach, bevor es sagte: „Meine Scherben hast du mir genommen, jetzt weiß ich nicht mehr wer ich bin. Meine Tränen hast du ertragen, damit du mein Gesicht sehen kannst. Wenn du mich kennen willst und bei mir schlafen willst, dass wirst du nie mehr weg gehen können.“ Aber der Bär wollte ja nicht weggehen, er liebte das Mädchen weil ihn ihr Mäntelchen an sein falsches Fell erinnerte und voller Freude riss er mit einer Kralle, einem gekonnten Schneider gleich, das Mäntelchen in zwei. Da sah er, dass das Mädchen gar schon eine Frau war und sein Herz begann so wild zu schlagen, dass er dachte er müsste am Fleck tot umfallen. Aber stattdessen löste sich mit einem lauten RATSCH sein nasses Fell und der Prinz war von seinem Zauber befreit.

Als Mann und Frau gingen die beiden ins Haus und schliefen beieinander ein und wollten einander, die sie sich als einzige erkannt hatten, nie mehr wieder verlassen.
 

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