JuvenalMarlowe
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„Die Vergangenheit ist nie wirklich vergangen.
Sie wartet nur darauf, wieder bewohnt zu werden." - frei nach Jack Finney
Das Foto. Es war ein Dienstagnachmittag im Oktober 1995, und Martin Lauer roch sofort, dass etwas mit der Fotografie nicht stimmte. Nicht das Motiv - die Alte Brücke, der Neckar im Dunst, eine Reihe Passanten im Sonnenlicht -, sondern das Material selbst. Er hielt den Albumin-Abzug unter die Lupe. Er bemerkte, wie das Silber an einer Stelle zu wandern schien. Ganz leicht, als wäre es noch nicht ganz entschieden, wo es hingehört.
Die Frau in der Bildmitte war das Letzte, was er bemerkte, bevor er die Lupe weglegte. Sie stand seitlich, ein Buch unter dem Arm, und blickte nicht in die Kamera. Nein - das war das Seltsame - die Dame blickte darüber hinaus.
Heidelberg, ca. 1894, stand auf der Rückseite des Umschlags in verblasster Tinte. Darunter, mit einem anderen Stift: Unbekannte Person, Brücke, Nachmittag.
Martin pinnte das Foto an die Korkwand über seinem Arbeitstisch und vergaß es. Oder er versuchte es.
* * *
Dr. Anne Vonderberg rief drei Tage später an. Ihre Stimme hatte die ruhige Autorität einer Frau, die Widerspruch nicht gewohnt ist.
„Herr Lauer. Sie haben die Fotografie restauriert, die wir vor drei Wochen eingeliefert haben."
„Teilweise. Sie ist in gutem Zustand."
„Ich weiß. Das ist nicht der Grund meines Anrufs." Eine kurze Pause. „Ich würde Ihnen gerne etwas erklären. Persönlich. Haben Sie morgen früh Zeit?"
Er hatte Zeit. Er hatte immer Zeit.
Das Projekt Senf. Das Stadtarchiv Mannheim lag in einem Backsteingebäude hinter dem Wasserturm, und der Korridor, durch den Vonderberg ihn führte, roch nach dem einzigen Parfüm, das Martin wirklich mochte: es roch nach altem Papier.
Sie führte ihn nicht in ein Büro, sondern in eine Wohnung. Das war das erste Wort, das ihm einfiel - nicht Raum, nicht Atelier. Eine Wohnung. Mit einem Federbett. Mit Vorhängen aus schwerem Damast. Mit einem Ofen, den man tatsächlich mit Kohle und Holz beheizte, wie Martin vermutete. Und mit einer kleinen Bibliothek, die ausschließlich aus Büchern, Zeitungen und Heften aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu bestehen schien.
„Setzen Sie sich, bitte", forderte Dr. Vonderberg ihn auf, und zeigte auf einen Stuhl mit geschwungenen Beinen, der aussah, als hätte er nie etwas anderes gekannt als Gaslicht. Dann sprach sie eine gute Stunde. Martin unterbrach sie kein einziges Mal.
Professor Albrecht Senf - sie zeigte ihm ein Porträtfoto - war ein älterer Mann. Er hatte das Gesicht eines Mannes, der zu viele Geheimnisse als Mahlzeit zu sich genommen hat. Sein akademisches Leben hatte er der Frage gewidmet, ob das, was wir Gegenwart nennen, tatsächlich ein Privileg ist. Oder war es pure Gewohnheit?
„Er ist der Überzeugung", fuhr Vonderberg fort, und Martin bemerkte das Präsens, „dass die Zeit kein Fluss ist, sondern ein Stoff. Wie eine Textilie. Dünn an manchen Stellen, dicker an anderen. Darüber hinaus ist er überzeugt, dass ein Mensch, der aufhört, in seiner eigenen Zeit zu denken, zu atmen, zu existieren - der wirklich und vollständig in eine andere Zeit eintaucht - an einer solchen dünnen Stelle hindurchgleiten kann."
„Keine Maschine", stellte Martin fest.
„Keine Maschine", bestätigte Anne Vonderberg. „Nur Immersion. Totales, kompromissloses ... Eintauchen in die Vergangenheit." Sie faltete die Hände. „Senf hat es selbst versucht. Er ist zurückgekehrt. Er ist jetzt krank, das ist wahr - aber nicht aus physischen Gründen. Er lebt", sie wählte die Worte sorgfältig, „in zwei Zeiten zugleich. Das ist auf Dauer erschöpfend."
Martin sah sich in der Wohnung um. „Und diese Räume ..."
„...Sind für Sie vorbereitet. Sechs Wochen. Danach entscheiden Sie."
Bevor Martin antwortete, stand Vonderberg auf und griff nach ihrer Jacke. „Kommen Sie" sagte sie. Keine Erklärung. Vor dem Archiv wartete ihr Wagen - ein dunkelblauer Volvo, blitzsauber und ohne Persönlichkeit, wie alles an ihr, das nach außen zeigte.
Sie fuhren durch die Innenstadt, vorbei am Wasserturm, dann südwärts durch das Quadratenraster der Stadt. Martin wusste nicht, wohin. Er fragte nicht. Das Schweigen im Wagen war kein unbehagliches - es war das Schweigen zweier Menschen, die beide wissen, dass das, was jetzt kommt, mehr Gewicht hat als jedes Gespräch davor.
Einmal, an einer roten Ampel bemerkte Dr. Vonderberg, ohne den Blick von der Straße zu nehmen: „Er ist vollkommen klar. Das müssen Sie wissen, bevor Sie ihn treffen."
Und nach einer Pause. „Manche Menschen halten das für das Schlimmste daran."
Kurz vor J5 - dem quadratischen Straßenzug, in dem sich das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit befindet, parkte sie den Wagen am Straßenrand. Von den Mannheimern wird das Institut seit jeher das „Zett-Ih“ genannt. Sie gingen ein paar Schritte zu Fuß und betraten den Eingang. An der Pforte kannte man Frau Dr. Vonderberg und grüßte sie. Sie gingen einen langen, hellen Korridor entlang. Es roch nicht etwa nach Krankenhaus, sondern nach antikem Bohnerwachs und, merkwürdigerweise, nach frisch gebrühtem Kaffee.
Professor Senfs Apartment lag im dritten Stock. Es war kein Krankenzimmer - es erinnerte nur sehr entfernt an ein solches. Ein kleines Wohnzimmer mit einem Sessel, einem nur zur Hälfte gefüllten Bücherregal, einer Stehlampe, deren Licht gedämpft und warm war. An der Wand die Reproduktion einer alten Stadtansicht. Wien, meine Martin zu erkennen. Er ätte nicht sagen können aus welcher Epoche. Ein schmales Bett, halb verborgen hinter einem Vorhang, wie etwas, das man nicht ganz wahrhaben will.
In dem Sessel saß ein alter Mann, sehr schmal, mit Händen auf den Armlehnen, die vollkommen ruhig lagen - nicht wie Hände, die ruhen, sondern wie Hände, die aufgehört haben, sich zu bewegen, weil alle Bewegung jetzt woanders stattfindet.
Professor Albrecht Senf. In Person.
Er war wach. Er sah Martin an, ohne sich zu rühren, und sein Blick hatte eine Qualität, die Martin nicht sofort einordnen konnte. Dann verstand er es: Senf sah ihn an, wie man jemanden ansieht, den man von früher kennt - obwohl sie sich nie begegnet waren.
„Sie gehen also", begann Senf das Gespräch. Keine Frage, mehr eine Feststellung. Martin antwortete trotzdem: „Ich weiß es noch nicht."
Senf nickte, als wäre das die klügste Antwort, die man geben konnte. Dann schwieg er eine Weile. Das Apartment roch nach altem Papier und Lavendel und, ganz leise, nach dem Kaffee von irgendwo im Haus. Martin bemerkte es erst, als er es schon wieder vergessen wollte. Senf wandte seinen Blick von ihm ab. Dann sprach er in einem Ton wie jemand, der einen Satz wiederholt, den er schon sehr oft gedacht hat: „Gehen Sie nicht zu jemandem hin. Gehen Sie in eine Zeit." Eine Pause. „Das ist nicht dasselbe."
Martin wartete auf mehr. Es kam nichts mehr. Senfs Augen hatten sich nicht geschlossen, aber sie blickten jetzt an ihm vorbei - durch die Wand, durch das Zett-Ih, durch Mannheim, irgendwohin, wo es nicht mehr 1995 war. Vielleicht durch das Wien-Bild. Vielleicht durch Wien selbst.
Vonderberg legte eine Hand kurz auf Martins Arm - das erste Mal, dass sie ihn berührte - und führte ihn zur Tür.
Auf dem Rückweg durch den Korridor ließ Vonderberg ihn einen Moment neben sich hergehen. Es war das erste Mal, dass Martin sie in Bewegung wahrnahm, nicht hinter einem Schreibtisch oder einem Rednerpult. Und dabei bemerkte er, was er in der Statik des Gesprächs übersehen hatte.
Er schätzte seine akademische Kollegin auf Mitte fünfzig, und sie trug das Alter wie ein perfekt sitzendes Chanel-Kostüm. Anne Vonderberg wirkte wie eine Frau, die sich nie die Mühe gemacht hatte, gegen das Altern anzugehen. Wohl nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es ihr nicht der Mühe wert zu sein schien. Die schwarze Bob-Frisur, glatt und gerade geschnitten, mit einer präzisen Stirnfranse, die ihr Gesicht rahmte wie ein gut gesetztes Zitat. Anne Vonderbergs Brille - ein großformatiges, schwarzes Gestell - wirkte nicht wie ein Zugeständnis an die Sehschwäche, sondern wie eine Entscheidung. Darunter Augen von einem kühlen Blaugrau, die die Gewohnheit hatten, Dinge zu vermessen, bevor sie ihnen begegneten.
ihr Marineblazer saß tadellos - und er saß eng genug, dass man darunter eine Figur ahnte, die der Blazer offenbar nicht zeigen sollte und dadurch umso mehr zeigte. Das cremefarbene Seidenoberteil, wo es oben am Ausschnitt sichtbar wurde, lag weich und schwer über einem Dekolleté, das Vonderberg mit der goldenen Kette markiert hatte wie eine Grenze, die man zur Kenntnis nehmen, aber nicht überschreiten sollte. Martin nahm sie zur Kenntnis. Die Kette ruhte in der Kerbe zwischen den Schlüsselbeinen, und darunter - da war eine Fülle, die der Blazer nur mäßig verbarg und die zu allem anderen an dieser Frau in einem merkwürdig spannungsvollen Verhältnis stand: zu der Präzision, der Kühle, der kontrollierten Autorität. Als hätte sie sorgfältig darauf geachtet mit ihrem Äußeren Distanz zu signalisieren. Doch ihr Körper schien eine eigene Sprache zu sprechen.
Wenn Anne Vonderberg eine Akte vom Regal nahm, wirkten ihre Bewegungen schnell und präzise. Sie trug eine elegante goldene Uhr - kein Zifferblatt, das man leicht lesen konnte. Als wäre Zeit etwas, das man nicht ständig kontrollieren musste, wenn man sie gut genug kannte.
Schweigend fuhren sie zurück. Martins Gedanken kreisten um die Anziehung, die von seiner bisher eher als herb und unnahbar empfundenen Kollegin ausging und ... Professor Senfs Experiment mit der Zeit. Wie sollte er sich entscheiden? Hielt ihn etwas zurückim Hier und Jetzt?
Sie kamen zurück und waren auf dem Weg zu Vonderbergs Büro. Am Ende des Korridors blieb sie stehen - ohne sich umzudrehen, den Blick auf die Tür vor ihr gerichtet. Als sie sprach, war ihre Stimme um eine Nuance leiser als im Büro: nicht vertraulich, eher wie jemand, der eine Aussage macht, die nicht für das Protokoll bestimmt ist.
„Senf hat mir bewiesen, dass es möglich ist. Ich hätte es selbst getan, aber ich bin zu alt dafür geworden."
Martin wartete. Sie lies es so stehen. Draußen, irgendwo im Gebäude, schlug eine Tür. Sie trat einen halben Schritt näher zur Tür, als wollte sie gehen - dann blieb sie noch einmal stehen.
„Es gibt ein Jahr", fügte sie leise hinzu. Und noch leiser jetzt. „1962. Wien. Es ist nicht wichtig." Und damit öffnete sie die Tür, und die Kälte des nächsten Korridors kam herein, und sie war wieder die Leiterin der Abteilung - präzise, methodisch, unnahbar.
Martin fragte nicht nach. Es gab Dinge, bei denen das Schweigen die einzige angemessene Antwort zu sein schien. Aber er nahm den Satz mit sich - 1962. Wien. Es ist nicht wichtig. Martin wusste nicht wie er Vonderbergs kryptische Äußerung verstehen sollte.
Sechs Wochen. Martin sagte am selben Abend noch zu. Er selbst wusste nicht genau warum. Vielleicht war es die Wohnung, die ihm vorkam wie ein Versprechen. Vielleicht war es das Foto der Frau auf der Brücke, das er immer noch vor Augen hatte. Vielleicht hatte er einfach, nach Jahren ruhiger, solider, einsamer Arbeit an toten Materialien, Sehnsucht nach etwas, das noch nicht fertig, das noch nicht konserviert war.
Die sechs Wochen waren seltsam und schön. Jeder Morgen begann mit der Heidelberger Zeitung vom Sommer 1894. Jede Mahlzeit wurde nach zeitgenössischen Rezepten zubereitet - er wurde darin unterwiesen, wie man eine Mehlsuppe kochte, wie man Brot mit der Hand statt mit dem Messer brach. Er trug Hosen mit hohem Bund, Hemden mit Stehkragen, die Taschenuhr an einer Kette statt am Handgelenk.
Er lernte die Heidelberger Topographie aus Stadtplänen und Beschreibungen kennen: die Hauptstraße mit ihren Läden, das Cafe Knösel, die Steingasse, die Universität und den Marktplatz mit dem Herkulesbrunnen. Die Straßenbahn war nagelneu und wurde noch von Pferden gezogen. Er eignete sich Kenntnisse an über die Studentenverbindungen und ihre Rituale und über die eigene Sprache des Bürgertums. In jedem zweiten Satz bemerkte er das leise Mitschwingen des Deutschen Kaisers.
Beim Durchsehen von Senfs hinterlassenen Unterlagen - Mappen mit Notizen, Stadtplänen, Zeitungsausschnitten - fand Martin in der dritten Woche eine handschriftliche Liste. Drei Namen, untereinander. Zwei davon waren durchgestrichen. Der dritte - sein eigener - fehlte noch.
Beim ersten durchgestrichenen Namen stand ein Datum: April 1988. Beim zweiten: Mai 1991. Kein Rückkehrvermerk bei beiden.
Martin legte die Liste auf Vonderbergs Schreibtisch, ohne ein Wort. Sie sah ihn kurz an und bemerkte dann beiläufig: „Der erste ist zurückgekehrt. Er lebt in Stuttgart. Er spricht nicht mehr darüber." Eine Pause. „Der zweite ist nicht zurückgekehrt." Martin wartete. Sie schloss den Ordner. „Wir wissen nicht, ob er nicht konnte oder nicht wollte." Das war das Ende der Auskunft. Martin nahm die Liste nicht zurück.
Die Fotografie hatte er in die neue Wohnung mitgenommen. Sie hing über dem Schreibtisch. Eines Abends - die sechste Woche seiner freiwilligen Klausur war angebrochen - betrachtete er sehr lange das Gesicht der Frau auf dem Portrait. Er kannte sie inzwischen so gut wie jemanden, über den man zwar viel gelesen hat, aber dem man noch nicht in der Wirklichkeit begegnet ist. Er kannte die Falte ihres Rocks, den genauen Winkel, in dem sie das Buch hielt, und die Art, wie ihr Blick - ernst, aber nicht unglücklich - über die Schulter des Fotografen hinausging.
Auch ihr Gesicht kannte er inzwischen genau. Das helle, fast flachsfarbene Haar, das sie kurz und offen trug - ungewöhnlich für die Zeit, und sie wusste es. Die kleine runde Brille, die ihr Gesicht nicht verbarg, sondern rahmte: dahinter Augen von jenem hellen, unentschiedenen Grau, das je nach Licht ins Grünliche oder Bläuliche kippte. Die gerade, ruhige Nase. Den Mund, der weder weich noch hart war, sondern beides zugleich zu sein schien. Als hätte er gelernt, mehr zurückzuhalten als preiszugeben. Das Gesicht insgesamt war schmal und blass und sehr still; und in dieser Stille, die man auf dem ersten Blick für Zurückhaltung hielt, lag bei näherer Betrachtung etwas anderes: eine genaue, wache Aufmerksamkeit für alles, was um sie herum vorging.
Wohin blickst du? dachte er.
Er legte sich früh schlafen. Das Federbett roch nach Lavendel und trockenem Holz. Das Holz im Ofen knackte leise. Draußen war kein Verkehr zu hören - Vonderberg hatte dafür gesorgt, dass die Projektwohnung schallgedämmt war.
Er schloss die Augen. Er dachte an den Herkulesbrunnen. An das Café Knösel. An den Neckar im Spätsommerlicht, breit, ruhig und grünlich.
Er schlief ein.
Steingasse, Heidelberg, August 1894. Er wachte vom Lärm auf. Nicht der Lärm vom Flur des angrenzenden Archivs, nicht das ferne Rauschen des Mannheimer Verkehrs. Sondern: Pferdehufe auf Kopfsteinpflaster. Eine Männerstimme, irgendwo unter dem Fenster, die etwas rief, das er nicht verstand. Das Schlagen einer Glocke - nah, sehr nah, schwer und langsam.
Die Decke des Zimmers war anders. Niedriger. Mit einem Riss, quer über den Stuck.
Martin lag still und ließ die Luft auf sich wirken. Sie roch nach Holzfeuer, nach Pferden und nach dem klammen Geruch eines sehr alten Gebäudes. Da war auch noch - ganz leise - der Duft von dem nahen Fluss, dem Neckar.
Er stand auf. Trat ans Fenster. Unten lag eine enge Gasse mit nassem Pflaster. Die Häuser gegenüber hatten hölzerne Fensterläden, die im Morgenwind leise klapperten. Eine Frau mit einem Korb eilte an der Hauswand entlang, ohne aufzusehen. Ein Junge trieb eine Ziege.
Martin griff nach seinen Kleidern - dem Stehkragen, der Weste, der schweren Taschenuhr - und kleidete sich an. Seine Hände waren vollkommen ruhig, sein Herz schlug vollkommen wild.
* * *
Die Papiere lagen in einer Schreibtischschublade, genau wie Senfs Notizen es beschrieben hatten: eine Empfehlung von einem Berliner Buchhändler, eine Quittung, etwas Bargeld in Kaisermarkwährung. In Heidelberg hieß Martin Lauer Konrad Laue - entfernter Verwandter eines gewissen Hermann Laue, Inhaber der Buchhandlung Laue & Sohn in der Hauptstraße. Der Name war Senfs Idee gewesen: nah genug am echten, um nicht zu straucheln.
Er trat auf die Gasse und stand eine Weile still.
Heidelberg am frühen Morgen des August 1894 war kleiner, als er es sich vorgestellt hatte, und größer zugleich. Kleiner, weil keine Autos, keine asphaltierten Straßen, keine Glas- und Stahl-Schichten über allem lagen. Größer, weil jeder Stein, jeder Holzbalken, jeder Geruch mit einer Schwere da war, die er in der Gegenwart nie gespürt hatte - So als wäre alles zum ersten Male da.
Er fand das Café Knösel auf Anhieb. Er bestellte Kaffee und las, ohne ein Wort zu sagen, die Zeitung. Niemand sah ihn merkwürdig an.
Er war angekommen.
* * *
Er wäre beinahe schon in der ersten Woche aufgeflogen.
Es war im Laden seines vermeintlichen Cousins, einem schmalen Buchgeschäft in der Hauptstraße, und der Student war jung und lebhaft und stellte Fragen über Berlin. Ob das neue Reichstagsgebäude wirklich so wuchtig sei, wie die Zeitungen schrieben, ob man dort das Treiben des Kaisers hautnah spüre. Martin antwortete, und er antwortete gut, aber dann fragte der Student, fast beiläufig, nach einem Berliner Verleger, dessen Namen er nannte - und Martin zögerte - einen Herzschlag zu lang.
Er rettete sich mit einer Ausrede über sein lausiges Gedächtnis und wechselte das Thema. Der Student ließ es geschehen. Aber er sah Martin danach anders an - nicht misstrauisch, nur aufmerksamer, mit dem stillen Registrieren eines Menschen, der etwas beiseite gelegt hat, das er später noch einmal hervorholen wird.
Martin schlief in jener Nacht schlecht. Er lag auf dem Federbett und verstand, was Senfs Warnung gemeint hatte: Kostüm und Papiere sind der leichte Teil. Das Schwierige ist, aufzuhören, in der falschen Zeit zu denken - aufzuhören, Dinge zu wissen, die man noch nicht wissen darf. Er nahm sich vor, langsamer zu antworten. Und vorsichtiger zu schweigen.
Die Frau auf der Brücke. Er erblickte sie das erste Mal am dritten Sonntag nach seiner Ankunft.
Er hatte sich angewöhnt, sonntagnachmittags über den Philosophenweg zu spazieren. Er tat das nicht aus Berechnung, sondern weil der Weg über der Stadt hing wie ein ruhiges Versprechen. Und weil er von dort den Neckar sah, die Brücke und den Schlossberg. Manchmal konnte er sich für einen Augenblick vorstellen, er gehöre tatsächlich hierher.
Sie kam von der anderen Seite. Ein leichtes Sommertuch, ein dunkler Rock, das Buch unter dem linken Arm - er erkannte es sofort, ohne es zu wollen, wie man einen alten Freund erkennt, den man nach langer Zeit wieder trifft. Sie sah ihn an, als sie näher kam, und ihr Blick war derselbe wie auf der Fotografie: ernst, direkt, und mit etwas dahinter, das er nicht benennen konnte.
Er sah jetzt, was die Fotografie nicht hatte zeigen können: dass sie sich in Bewegung anders verhielt als in der Stille des Bildes. Ihr Gang war aufrecht, ohne Steifheit - der Gang einer Frau, die nicht daran dachte, beobachtet zu werden. Das helle Haar, kurz und offen, war unter dem Sommerhut kaum zu bändigen; eine Strähne hatte sich gelöst und lag ihr quer über die Schläfe. Sie ließ sie dort. Ihre Brille - kleine runde Gläser in einem feinen Drahtgestell - fing das Nachmittagslicht, so dass er ihre Augen erst beim dritten Blick wirklich sah: hell, fast farblos in diesem Licht, irgendwo zwischen Grau und dem blassen Grün des Neckars an trüben Tagen. Sie ruhten kurz auf ihm - sachlich, ohne Scheu - und wanderten dann weiter.
Er grüßte. Sie grüßte zurück. Keine Worte, nur das kurze Nicken des Jahrhunderts. Und dann war sie vorbei.
Eine Woche später begegneten sie sich am Marktbrunnen, und diesmal blieben sie beide erwartungsvoll stehen.
„Sie sind der Verwandte von Herrn Laue", begann sie. Es war keine Frage.
„Konrad Laue, ja", antwortete er. „Aus Berlin."
„Man sieht es." Sie musterte ihn einen Moment. „In Berlin geht man anscheinend langsamer."
Er musste lachen - ein echtes Lachen, das ihn selbst überraschte. „Ich lerne es noch."
„Katharina Pfister", stellte sie sich vor, und reichte ihm die Hand wie ein Mann. „Mein Vater ist der Drucker in der Plöck."
Ihre Hand war kleiner als er erwartet hatte und fester im Druck. Sie trug keinen Handschuh - es war warm genug, und außerdem, das merkte er, war sie keine Frau, die damenhafte Handschuhe mochte. Er hielt ihre Hand eine Sekunde länger als die Konvention erlaubte.
Karin - wie man Katharina neuerdings auch unter Freundinnen nannte - ließ es geschehen, ohne es zu kommentieren. Nur ihr Blick ruhte einen langen Moment auf ihm, mit einer stillen Aufmerksamkeit, als trüge sie etwas nach Hause, das sie noch nicht einzuordnen wusste.
* * *
In den folgenden Wochen sah er sie oft. Manchmal zufällig, manchmal nicht ganz so zufällig. Sie unterhielten sich angeregt bei diesen Begegnungen über alles Mögliche. Katharina las, was ihr in die Hände fiel, ohne Rücksicht auf die stillschweigende Zensur des weiblichen Lektürekanons. Das bereite ihr gelegentlich Probleme im Bekanntenkreis, wie sie trocken bemerkte. Über ihre Eltern. Über die Studenten, die im Sommer die Stadt füllten, manchmal tranken, manchmal Unsinn redeten, manchmal, selten, etwas Kluges sagten.
Er lernte, wie sie zuhörte: den Kopf leicht geneigt, die Augen auf ihn gerichtet, aber ohne die aufdringliche Wachheit der Menschen, die nur auf ihre eigene Antwort warten. Sie hörte wirklich zu. Und wenn sie selbst sprach - über einen Roman, über ihren Vater, über eine Kleinigkeit, die ihr auf dem Weg zum Brunnen aufgefallen war - dann klang ihre Stimme manchmal an einem bestimmten Punkt wärmer, weicher, als wollte sie etwas zeigen, das sie sonst gut verwahrte. Martin bemerkte es. Er sagte nichts dazu.
Über die Zukunft sprachen sie nicht. Das war keine Vereinbarung, es war einfach so. Die Zukunft war eine zu große, zu unförmige Sache für diese engen Gassen.
Der Andere. Er begegnete Walz zum ersten Mal bei einem Sonntagsausflug zum Schloss, zu dem Friedrich Pfister ihn - mit bemessener Herzlichkeit - eingeladen hatte. Hans Walz war einunddreißig, Sohn eines Kaufmanns, ordentlich gekleidet, ordentlich im Gespräch, und auf eine Weise langweilig, die schlimmer war als offensichtliche Fehler: Er war fehlerfrei.
Katharina behandelte ihn mit der präzisen Höflichkeit einer Frau, die gelernt hat, Türen zuzuhalten, ohne sie zu schließen. Auf dem Rückweg vom Schloss ging Walz und Friedrich Pfister voraus. Katharina sagte zu Martin, ohne ihn dabei anzusehen: „Mein Vater schätzt ihn sehr." Der Tonfall ließ keinen Zweifel daran, was das bedeutete und was sie davon hielt.
Friedrich Pfister hatte Martin an diesem Tag beobachtet. Nicht offen - er war ein Mann, der es vorzog, Dinge zu bemerken, ohne bemerkt zu werden, dass er sie bemerkte. Aber Martin spürte es: den Blick, der kurz und sachlich registrierte, wie er mit Katharina sprach, wie sie antwortete, wie die kleine Entfernung zwischen ihnen sich verhielt.
Einige Tage später besuchte Martin die Druckerei, mit dem Vorwand einer Druckbestellung. Pfister empfing ihn im Kontor - ein kleiner, aufgeräumter Raum, der nach Druckertinte und Papierstaub roch. Die Unterhaltung war kurz und korrekt. Am Ende, während er Martins Bestellung in ein Heft eintrug, sagte Pfister ohne aufzusehen: „Sie reisen bald wieder ab, Herr Laue, nehme ich an." Es war keine Frage. Es war auch keine Einladung zum Widersprechen. Martin erwiderte: „Noch nicht." Pfister nickte und schrieb weiter.
Martin lebte. Er lebte vollständiger als er es seit Jahren getan hatte, was ihn manchmal mit einer Traurigkeit erfüllte, die er sich nicht ganz erklären konnte. Abends schrieb er in ein kleines Heft - auf Papier, mit einer Stahlfeder, wie Senf es verlangt hatte -, was er gesehen und gehört hatte. Von Katharina schrieb er nicht. Sie schien ihm zu groß für die kleinen Notizen.
Der Abend in der Steingasse. Es war Ende August, und der Sommer zog sich hin wie ein Gast, der nicht gehen will. Die Abende wurden kürzer, aber nicht kühler, und die Steingasse roch nach dem Stein selbst - jenem alten, schwitzenden Geruch, der in Heidelberg in warmen Nächten aus den Mauern steigt wie aus einem immerwährenden Gedächtnis.
Martin hatte Katharina zum Abendspaziergang eingeladen - mit der Vorsicht, die dieses Zeitalter verlangte, und mit der Hilfe einer Freundin als stillschweigender Begleitung. Diese blieb dann doch anderweitig beschäftigt fern. Sie hatten beide so getan, als fiele ihnen das nicht auf.
Sie gingen die Steingasse hinunter in Richtung Neckar. Seit dem Oktober erschienen in der Deutschen Rundschau die ersten Folgen eines neuen Fontane-Romans - Effi Briest. Katharina hatte sie gelesen, sobald das Heft im väterlichen Haus war. Sie hatte eine deutliche Meinung. Er hörte zu, und während er zuhörte, bemerkte er Dinge, die er in der Tageshelle weniger bewusst wahrgenommen hatte: wie das Abendlicht ihre Wangenknochen schärfer zeichnete. Wie sie beim Gehen leicht vorwärts geneigt war, als wäre die Welt einen halben Schritt hinter ihr. Wie der Kragen ihres Kleides den Hals umschloss und dabei diese Linie freiließ, knapp darunter, die etwas in ihm ansprach, das er lieber nicht benannte.
„Sie hören mir gar nicht zu", unterbrach sie seine Gedanken, ohne ihn anzusehen.
„Doch, doch", sagte Martin. „Innstetten weiß, dass der Zweikampf sinnlos ist. Dass sechs Jahre vergangen sind, dass Crampas längst tot sein könnte und es niemandem auffiele. Und er tut es trotzdem - nicht wegen Effi, nicht einmal wegen seiner Ehre. Sondern weil er die Gesellschaft bereits im Kopf hat, als stummen Richter, dem er Rechenschaft schuldet, obwohl er ihn nie befragt hat."
Sie blieb einen Moment stehen. „Das ist sehr genau", sagte sie dann. Nicht als Kompliment - als Feststellung. „Die meisten Männer, denen ich das erkläre, sagen: er hatte keine andere Wahl. Aber das ist ja gerade Fontanes Pointe. Er hätte eine andere Wahl gehabt. Er hat sie nur nicht gewählt." Eine Pause. „Effi bezahlt für eine Sünde, die er selbst nicht mehr für eine hält. Das ist das Ungeheuerliche an dem Buch."
„Und trotzdem lesen Sie es weiter."
„Natürlich." Sie setzte sich wieder in Bewegung. „Man liest weiter, weil man hofft, dass Fontane am Ende doch noch einen anderen Ausweg findet. Obwohl man weiß, dass er es nicht tut. Obwohl man weiß, dass er es nicht darf." Sie sprach das ohne Bitterkeit aus. Nein, sachlich, wie jemand, der die Regeln einer feindlichen Welt kennt und trotzdem darin lebt.
Sie hatten den Neckar erreicht. Das Wasser war in der Abenddämmerung fast schwarz, und die Laternen der Alten Brücke spiegelten sich in langen, zitternden Strichen. Sie standen nebeneinander, ohne zu sprechen, und Martin empfand zum ersten Mal wirklich, dass er hier war - nicht als Beobachter, nicht als Reisender mit Rückfahrkarte, sondern als Mensch neben einem anderen Menschen - auf einem Stein, über einem Fluss, in einer Nacht.
Ihre Schulter berührte seine. Kaum - die Breite eines Rockes Stoff. Sie trat nicht zurück.
„Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Laue", stellte Katharina schließlich fest. Nicht unfreundlich.
„Das stimmt wahrscheinlich", erwiderte Martin.
„Sie tun manchmal so, als seien Sie schon einmal hier gewesen. Nicht in Heidelberg - das meine ich nicht. Sondern überhaupt. Als hätten Sie eine Strecke hinter sich, die man Ihnen nicht ansieht."
Er antwortete nicht sofort. Der Neckar glitt vorbei. Irgendwo auf der Brücke lachte jemand, und das Lachen trug sich über das Wasser.
„Vielleicht", entgegnete er dann, „ist das bei Ihnen nicht anders."
Sie dachte darüber nach. Dann, sehr leise: „Nein. Das ist es nicht."
* * *
Einige Abende später saßen sie in der kleinen Küche der Pfisterschen Wohnung - der Vater war bei einem Kollegen, die Haushälterin hatte frei -, und Katharina bereitete Tee zu, mit der genauen, sachlichen Sorgfalt, die sie für alles aufwandte. Martin saß am Tisch und sah ihr zu.
Es gab Momente, dachte er, die keine Geschichte brauchen. Die einfach da sind: der Dampf über dem Kessel, das Kratzen eines Streichholzes, die Bewegung einer Frau in ihrem eigenen Raum, die nicht weiß - oder so tut, als wüsste sie es nicht -, dass sie beobachtet wird. Er dachte, dass er dieses Bild mitnehmen würde, wenn er zurückkehrte - nicht als flüchtige Erinnerung, die verblasst, sondern als eine schwere Last, die man nicht ablegt, weil man es nicht will.
Sie stellte die Tasse vor ihn hin. Ihre Hand blieb einen Moment auf dem Tisch, neben seiner, ohne ihn zu berühren. Die Entfernung zwischen ihren Händen war so gering, dass er die Wärme spürte.
„Ich werde Sie vermissen", sagte Karin. Ganz einfach, wie man sagt, dass es morgen regnen wird.
„Ich weiß", sagte er. Und dann, weil es das Wahrste war, das er sagen konnte: „Ich Sie auch."
Sie sah ihn an. Dieser Blick - ruhig, direkt, mit jenem Zug ins Nachdenkliche - ruhte auf ihm, und er hielt ihn aus, ohne wegzusehen. Einen Atemzug lang war die Küche sehr still. Dann stand sie auf und holte Zucker aus dem Schrank, und der Zauber des Augenblicks war vorbei, und keiner von beiden tat so, als hätte er nicht stattgefunden.
* * *
Es war ein Abend Mitte Oktober, einige Tage vor dem Brand, und Katharina hatte Martin gebeten zu kommen - mit dem Vorwand einer ausgeliehenen Buchseite, die sie zurückgeben wollte. Der Vater war nicht im Haus. Die Haushälterin auch nicht.
Er trat durch die Wohnungstür und stand in einem kleinen Flur, enger als er ihn in Erinnerung hatte. Sie reichte ihm das Buch. Ihre Finger berührten seine dabei - einen Moment länger als nötig, und diesmal war es kein Zufall, und sie wussten beide, dass es keiner war.
„Kommen Sie noch einen Augenblick herein", sagte sie. Nicht als Frage. Er folgte ihr ins kleine Wohnzimmer - ein Raum mit schweren Möbeln, einer Petroleumlampe und dem ruhigen, warmen Geruch eines Hauses, das abends zur Ruhe kommt. Sie stellte sich ans Fenster, den Rücken zur Gasse, und sah ihn an.
Er wusste nicht, wer den ersten Schritt tat - vermutlich keiner von beiden, vermutlich der Raum selbst, der einfach kleiner geworden war. Er stand jetzt nah genug, um den Lavendelgeruch ihres Haares zu spüren, und ihre Augen - hinter dem feinen Drahtgestell, in dem Lampenlicht - hatten nicht mehr jenen sachlichen Ausdruck, den er als das Erste an ihr wahrgenommen hatte. Sie sahen ihn an mit einer Offenheit, die er bei ihr noch nicht gesehen hatte: unverstellt, ungesichert, bereit.
Er hob die Hand und berührte mit den Fingerkuppen den Rahmen ihrer Brille - eine so kleine, so präzise Geste, dass sie ebenso gut nichts hätte bedeuten können. Aber Katharina schloss kurz die Augen, und das war Antwort genug. Er nahm ihre Brille ab - behutsam, als wäre sie ein Instrument - und legte sie auf den Tisch neben ihm.
Ohne die Brille sah sie jünger aus und gleichzeitig ernster - als hätte sie eine Schutzschicht abgelegt, die sie selbst gewählt hatte. Sie ließ es zu. Er sah sie an, so lange, wie er es sich am Neckarufer verboten hatte. Dann legte er eine Hand seitlich an ihr Gesicht - die kühle Wange, das weiche Haar hinter dem Ohr - und sie wandte sich nicht ab.
Der Kuss war kurz, fest, ohne Zögern. Und dann, in der Stille danach, die vollkommener war als jedes Schweigen, das er je erlebt hatte, sprach keiner von ihnen. Nur ihre Hand hatte sich, irgendwann während des Kusses, in das Revers seines Jacketts geschlossen - nicht um ihn zu halten, sondern weil sie etwas brauchte, woran sie sich festhalten konnte.
Er löste sich als Erster. Weil er es musste. Weil er, wenn er es nicht tat, in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in diesem Jahrhundert bleiben würde - und weil er wusste, dass er sich das nicht erlauben durfte. Noch nicht. Vielleicht nicht. Er griff nach der Brille und legte sie ihr zurück, dieselbe behutsame Geste wie zuvor, und das war eine Art zweiter Kuss, stiller als der erste.
Katharina setzte die Brille auf und strahlte ihn an - wieder mit jenem ruhigen, direkten Blick, der nichts verbarg. Dann sagte Katharina: „Gehen Sie jetzt, Herr Laue." Ohne Bitterkeit. Ohne Vorwurf. Wie jemand, der eine Tür schließt, weil er weiß, dass sie sich wieder öffnen lässt.
Er ging.
Der Brief und das Feuer. Es war Ende September, als er in Senfs hinterlassenen Unterlagen eine Notiz fand, die er bis dahin übersehen hatte. Eine kurze Zeile, halb unleserlich: Stadtbrandregister Heidelberg, Oktober 1894 - Pfister, Friedrich, Buchdruckerei Plöck - 2 Tote.
Er grübelte lange darüber nach.
Er kannte die Argumente. Er hatte sie im Mannheimer Archiv gelesen, in Senfs sorgfältigen, manchmal zitternden Notizen. Die Vergangenheit ist nicht unveränderlich, aber Veränderungen haben Folgen. Wer eingreift, zahlt dafür einen hohen Preis. Nicht unbedingt in der Vergangenheit - vielmehr in sich selbst.
Er dachte an Senf, der jetzt irgendwo in einem Mannheimer Krankenzimmer lag und in zwei Zeiten lebte. Er dachte an Katharina, wie sie am Marktbrunnen gestanden und ihm die Hand gereicht hatte wie ein Mann. Er dachte an den Brief, den er in Mannheim restauriert hatte, und der von einem Friedrich Pfister, Drucker, stammte. Nun wusste er an wen.
Er dachte drei Abende lang darüber nach, bevor er sich entschied.
Es war kein romantischer Gedanke. Es war ein konkreter, nüchterner, sehr ruhiger Gedanke: Was würde es bedeuten, nicht zurückzukehren? Konrad Laue zu bleiben, Buchhändlergehilfe, Heidelberg, 1894, für den Rest eines Lebens, das er hier noch vor sich hatte? Er kannte die Stadt. Er kannte die Sprache. Er kannte das Geld. Er kannte eine Frau, die sein Schweigen aushielt und seine Fragen mochte. Er öffnete sein Heft und beschrieb zwei Seiten. Er schrieb alles auf, was dafür sprach, und alles, was dagegen sprach - sachlich, in zwei Spalten, wie eine Abrechnung. Die rechte Spalte war länger. Die linke war schwerer. Er dachte an Senf - an das schmale Bett, den fernen Blick, die zwei Zeiten, in denen er zugleich und nirgendwo ganz lebte. Er dachte an den Mann in Senfs Liste, der 1991 gegangen und nicht zurückgekehrt war. Er fragte sich: Hatte der Mann es bereut? Oder war er der Einzige, der verstanden hatte, worum es wirklich ging?
Am dritten Abend riss er die beiden Seiten aus dem Heft. Er faltete sie sorgfältig, trug sie in den Hof und verbrannte sie über einer Laterne. Er sah zu, bis das letzte Stück Papier schwarz wurde und dann Asche.
Dann ging er zurück in sein Zimmer und setzte den Hut auf. Er brauchte keine Lüge, die besonders klug war. Nur eine, die glaubwürdig klang.
Er besuchte Friedrich Pfister am Abend des 17. Oktober. Martin erzählte ihm, er habe zufällig, beim Schreiben einer geschäftlichen Korrespondenz, bemerkt, dass die Tinte in der Druckerwerkstatt - er nannte eine spezielle, plausibel klingende Sorte - bei bestimmten Ofen-Temperaturen einen gefährlichen Rauch entfalte. Ein Berliner Kollege habe seinen Betrieb dadurch verloren. Er mache sich Sorgen, ob Herr Pfister nicht für einige Nächte die Hauptöfen niedriger stelle, bis man die Sache geprüft habe.
Pfister war ein misstrauischer Mann, aber kein unvernünftiger. Er dankte Martin mit einem festen Händedruck und einem Glas Wein.
In der Nacht des 22. Oktober brannte die Druckerei trotzdem. Ein Funke, ein alter Holzbalken, die trockene Oktobernacht. Der Schaden war groß. Aber Katharina schlief in dieser Nacht bei einer Tante, und Friedrich Pfister stand mit Martin auf der gegenüberliegenden Straßenseite und sah zu, wie die Feuerwehr ankam - und er lebte.
Martin hielt Katharinas Brief in der Hand - sie hatte ihm ein paar Worte geschickt, als sie von dem Brand hörte: Gott sei Dank, dass mein Vater gewarnt war. Ich verstehe nicht, woher Sie es wussten. Ich glaube, ich möchte es auch nicht verstehen.
Er faltete den Brief und steckte ihn ein.
Das stille Ufer. Sie saßen am Abend des 3. November am Neckarufer, unterhalb der Alten Brücke. Der Fluss war dunkel und ruhig und spiegelte die wenigen Laternen der Stadtseite in langen, zitternden Linien. Katharina hatte einen Mantel über die Schultern gezogen, und Martin saß neben ihr und wusste, dass er in dieser Nacht schlafen und nicht zurückkehren würde.
„Sie gehen bald", sprach sie. Es war wieder keine Frage.
„Ja."
„Nach Berlin."
„Ja", antwortete er. Das war die einfachste Lüge, die er kannte, und die einzige, die er sich erlaubte.
Sie sah auf den Fluss. „Ich habe manchmal das Gefühl...", kam Katharina leise und zögernd über die Lippen, „...dass Sie nicht ganz hier sind. Dass ein Teil von Ihnen woanders ist. Nicht unaufmerksam - aber woanders."
Er antwortete nicht sofort. Dann erwiderte er: „Das stimmt. Aber der Teil, der hier ist - der ist ganz hier."
Sie nickte, als hätte sie das erwartet. Dann schwiegen sie eine Weile, und es war das beste Schweigen, das Martin je erlebt hatte: ohne Unbehagen, ohne das Bedürfnis es zu füllen. Nur der Fluss, die Laternen, die alte Brücke und die Nacht.
Er dachte, dass er sie gerne angesehen hätte - jetzt, in diesem Moment, so lange, wie er wollte. Aber er sah auf den Fluss. Die Nähe war ohnehin kaum zu ertragen: die Wärme, die von ihr ausging, die kleine Bewegung ihres Atems, das leise Rascheln des Mantels, wenn sie sich rührte. Sie saßen auf einem alten Brückengeländer, und die Welt ringsum war groß und dunkel und gleichgültig. Gerade das machte diese kleine Insel zwischen zwei Armlehnen Abstand zu etwas Besonderem, das er nicht benennen konnte und nicht wollte.
Später begleitete er sie bis zur Haustür. Sie gaben sich die Hand. Katharina hielt seine einen Moment fest - nicht zärtlich, sondern fordernd, als wollte sie etwas davon zurückbehalten.
Er spürte die Kälte ihrer Finger - der Abend war inzwischen kühl geworden - und die Festigkeit darunter, dieselbe wie beim ersten Mal am Marktbrunnen. Sie sah ihn an. Ihr Blick war dieselbe ruhige Frage, die er nie ganz beantwortet hatte. Und er dachte: Wenn er jetzt den halben Schritt täte, den die Situation erlaubte und den die Epoche verbot - sie würde nicht zurückweichen. Das wusste er. Er tat ihn nicht.
„Leben Sie wohl, Herr Laue."
„Leben Sie wohl, Fräulein Pfister."
Er ging zurück in die Steingasse. Er kleidete sich aus, legte sich auf das Federbett, zog die Decke hoch. Durch das Fenster hörte er die Glocke der Peterskirche - elf Schläge, langsam, vollständig, mit dem Ernst eines Jahrhunderts, das noch nicht weiß, was es verlieren wird.
Er schloss die Augen. Er dachte an den Neckar.
Er schlief ein.
Mannheim, November 1995. Er wachte auf vom Lärm des Straßenverkehrs.
Die Zimmerdecke war hoch, schneeweiß und hatte keinen Riss. Das Licht durch die Vorhänge war das kalte, graue Licht eines Novembermorgens. Ein Auto fuhr vorbei, dann ein zweites.
Martin lag lange still.
Dann stand er auf, verließ die Projektwohnung und kehrte in seine eigene zurück. Er duschte mit heißem Wasser - es gab heißes Wasser, ohne Vorbereitung, ohne Ofen, ohne Holz -, trank Kaffee aus einer Maschine und schrieb seinen Bericht für Dr. Anne Vonderberg in einem Zug nieder. Er schrieb vier Stunden. Er schrieb alles, was Senf wissen musste, was das Projekt wissen musste - die Methodik, die Ankunft, die Details. Über Katharina schrieb er nicht.
Frau Dr. Anne Vonderberg las den Bericht noch am selben Abend. Sie stellte keine Fragen zur Person. Martin rechnete ihr das insgeheim hoch an.
* * *
Zwei Wochen später rief ihn ein Mitarbeiter des Archivs an. Man habe beim Sortieren eines alten Konvoluts - Schriftverkehr einer Heidelberger Familie, Ende 19. Jahrhundert - ein Kuvert gefunden. Das sei offenbar irrtümlich in den Mannheimer Bestand gelangt. Adressiert an einen gewissen M. Lauer, ohne Straße, ohne Stadt. Datum: 3. November 1894.
Die Handschrift auf dem Kuvert war klar, gerade, und fest.
Martin nahm das Kuvert entgegen, legte es auf seinen Schreibtisch und betrachtete es. Es war klein und leicht, kaum mehr als ein oder zwei gefaltete Blätter darin. Das Papier war dünn und vergilbt, das Siegel längst aufgebrochen - nicht von ihm.
Er öffnete das Kuvert nicht.
Er trat ans Fenster und sah auf den Vorhof des Archivs, hinter dem, wenn man weit genug lief, der Rhein begann. Der breite, dunkle, geschäftige Rhein. Er vermisste den Neckar - den engeren, stilleren, grünlicheren Neckar, der unter einer Brücke floss, die noch stand. Wenn man abends über diese Brücke wandelte, spiegelten sich die Laternen im Wasser. Dann kam das Gefühl auf, dass die Zeit nichts ist als eine Frage der Aufmerksamkeit.
Er stand lange am Fenster.
Dann legte er das Kuvert sorgfältig in eine Schublade, zwischen zwei Schutzfolien, wie man ein fragiles Objekt aufbewahrt, das man noch nicht versteht, aber nicht verlieren möchte.
Er setzte sich. Er nahm die Lupe. Auf seinem Arbeitstisch wartete das nächste Stück - eine Tintenzeichnung, frühes 20. Jahrhundert, Herkunft unbekannt.
Er beugte sich vor und begann seine tägliche Arbeit.
Das stille Ufer des Neckars · Eine Zeitreise-Geschichte im Geiste von Jack Finneys Time and again, 1970
Sie wartet nur darauf, wieder bewohnt zu werden." - frei nach Jack Finney
Das Foto. Es war ein Dienstagnachmittag im Oktober 1995, und Martin Lauer roch sofort, dass etwas mit der Fotografie nicht stimmte. Nicht das Motiv - die Alte Brücke, der Neckar im Dunst, eine Reihe Passanten im Sonnenlicht -, sondern das Material selbst. Er hielt den Albumin-Abzug unter die Lupe. Er bemerkte, wie das Silber an einer Stelle zu wandern schien. Ganz leicht, als wäre es noch nicht ganz entschieden, wo es hingehört.
Die Frau in der Bildmitte war das Letzte, was er bemerkte, bevor er die Lupe weglegte. Sie stand seitlich, ein Buch unter dem Arm, und blickte nicht in die Kamera. Nein - das war das Seltsame - die Dame blickte darüber hinaus.
Heidelberg, ca. 1894, stand auf der Rückseite des Umschlags in verblasster Tinte. Darunter, mit einem anderen Stift: Unbekannte Person, Brücke, Nachmittag.
Martin pinnte das Foto an die Korkwand über seinem Arbeitstisch und vergaß es. Oder er versuchte es.
* * *
Dr. Anne Vonderberg rief drei Tage später an. Ihre Stimme hatte die ruhige Autorität einer Frau, die Widerspruch nicht gewohnt ist.
„Herr Lauer. Sie haben die Fotografie restauriert, die wir vor drei Wochen eingeliefert haben."
„Teilweise. Sie ist in gutem Zustand."
„Ich weiß. Das ist nicht der Grund meines Anrufs." Eine kurze Pause. „Ich würde Ihnen gerne etwas erklären. Persönlich. Haben Sie morgen früh Zeit?"
Er hatte Zeit. Er hatte immer Zeit.
Das Projekt Senf. Das Stadtarchiv Mannheim lag in einem Backsteingebäude hinter dem Wasserturm, und der Korridor, durch den Vonderberg ihn führte, roch nach dem einzigen Parfüm, das Martin wirklich mochte: es roch nach altem Papier.
Sie führte ihn nicht in ein Büro, sondern in eine Wohnung. Das war das erste Wort, das ihm einfiel - nicht Raum, nicht Atelier. Eine Wohnung. Mit einem Federbett. Mit Vorhängen aus schwerem Damast. Mit einem Ofen, den man tatsächlich mit Kohle und Holz beheizte, wie Martin vermutete. Und mit einer kleinen Bibliothek, die ausschließlich aus Büchern, Zeitungen und Heften aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu bestehen schien.
„Setzen Sie sich, bitte", forderte Dr. Vonderberg ihn auf, und zeigte auf einen Stuhl mit geschwungenen Beinen, der aussah, als hätte er nie etwas anderes gekannt als Gaslicht. Dann sprach sie eine gute Stunde. Martin unterbrach sie kein einziges Mal.
Professor Albrecht Senf - sie zeigte ihm ein Porträtfoto - war ein älterer Mann. Er hatte das Gesicht eines Mannes, der zu viele Geheimnisse als Mahlzeit zu sich genommen hat. Sein akademisches Leben hatte er der Frage gewidmet, ob das, was wir Gegenwart nennen, tatsächlich ein Privileg ist. Oder war es pure Gewohnheit?
„Er ist der Überzeugung", fuhr Vonderberg fort, und Martin bemerkte das Präsens, „dass die Zeit kein Fluss ist, sondern ein Stoff. Wie eine Textilie. Dünn an manchen Stellen, dicker an anderen. Darüber hinaus ist er überzeugt, dass ein Mensch, der aufhört, in seiner eigenen Zeit zu denken, zu atmen, zu existieren - der wirklich und vollständig in eine andere Zeit eintaucht - an einer solchen dünnen Stelle hindurchgleiten kann."
„Keine Maschine", stellte Martin fest.
„Keine Maschine", bestätigte Anne Vonderberg. „Nur Immersion. Totales, kompromissloses ... Eintauchen in die Vergangenheit." Sie faltete die Hände. „Senf hat es selbst versucht. Er ist zurückgekehrt. Er ist jetzt krank, das ist wahr - aber nicht aus physischen Gründen. Er lebt", sie wählte die Worte sorgfältig, „in zwei Zeiten zugleich. Das ist auf Dauer erschöpfend."
Martin sah sich in der Wohnung um. „Und diese Räume ..."
„...Sind für Sie vorbereitet. Sechs Wochen. Danach entscheiden Sie."
Bevor Martin antwortete, stand Vonderberg auf und griff nach ihrer Jacke. „Kommen Sie" sagte sie. Keine Erklärung. Vor dem Archiv wartete ihr Wagen - ein dunkelblauer Volvo, blitzsauber und ohne Persönlichkeit, wie alles an ihr, das nach außen zeigte.
Sie fuhren durch die Innenstadt, vorbei am Wasserturm, dann südwärts durch das Quadratenraster der Stadt. Martin wusste nicht, wohin. Er fragte nicht. Das Schweigen im Wagen war kein unbehagliches - es war das Schweigen zweier Menschen, die beide wissen, dass das, was jetzt kommt, mehr Gewicht hat als jedes Gespräch davor.
Einmal, an einer roten Ampel bemerkte Dr. Vonderberg, ohne den Blick von der Straße zu nehmen: „Er ist vollkommen klar. Das müssen Sie wissen, bevor Sie ihn treffen."
Und nach einer Pause. „Manche Menschen halten das für das Schlimmste daran."
Kurz vor J5 - dem quadratischen Straßenzug, in dem sich das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit befindet, parkte sie den Wagen am Straßenrand. Von den Mannheimern wird das Institut seit jeher das „Zett-Ih“ genannt. Sie gingen ein paar Schritte zu Fuß und betraten den Eingang. An der Pforte kannte man Frau Dr. Vonderberg und grüßte sie. Sie gingen einen langen, hellen Korridor entlang. Es roch nicht etwa nach Krankenhaus, sondern nach antikem Bohnerwachs und, merkwürdigerweise, nach frisch gebrühtem Kaffee.
Professor Senfs Apartment lag im dritten Stock. Es war kein Krankenzimmer - es erinnerte nur sehr entfernt an ein solches. Ein kleines Wohnzimmer mit einem Sessel, einem nur zur Hälfte gefüllten Bücherregal, einer Stehlampe, deren Licht gedämpft und warm war. An der Wand die Reproduktion einer alten Stadtansicht. Wien, meine Martin zu erkennen. Er ätte nicht sagen können aus welcher Epoche. Ein schmales Bett, halb verborgen hinter einem Vorhang, wie etwas, das man nicht ganz wahrhaben will.
In dem Sessel saß ein alter Mann, sehr schmal, mit Händen auf den Armlehnen, die vollkommen ruhig lagen - nicht wie Hände, die ruhen, sondern wie Hände, die aufgehört haben, sich zu bewegen, weil alle Bewegung jetzt woanders stattfindet.
Professor Albrecht Senf. In Person.
Er war wach. Er sah Martin an, ohne sich zu rühren, und sein Blick hatte eine Qualität, die Martin nicht sofort einordnen konnte. Dann verstand er es: Senf sah ihn an, wie man jemanden ansieht, den man von früher kennt - obwohl sie sich nie begegnet waren.
„Sie gehen also", begann Senf das Gespräch. Keine Frage, mehr eine Feststellung. Martin antwortete trotzdem: „Ich weiß es noch nicht."
Senf nickte, als wäre das die klügste Antwort, die man geben konnte. Dann schwieg er eine Weile. Das Apartment roch nach altem Papier und Lavendel und, ganz leise, nach dem Kaffee von irgendwo im Haus. Martin bemerkte es erst, als er es schon wieder vergessen wollte. Senf wandte seinen Blick von ihm ab. Dann sprach er in einem Ton wie jemand, der einen Satz wiederholt, den er schon sehr oft gedacht hat: „Gehen Sie nicht zu jemandem hin. Gehen Sie in eine Zeit." Eine Pause. „Das ist nicht dasselbe."
Martin wartete auf mehr. Es kam nichts mehr. Senfs Augen hatten sich nicht geschlossen, aber sie blickten jetzt an ihm vorbei - durch die Wand, durch das Zett-Ih, durch Mannheim, irgendwohin, wo es nicht mehr 1995 war. Vielleicht durch das Wien-Bild. Vielleicht durch Wien selbst.
Vonderberg legte eine Hand kurz auf Martins Arm - das erste Mal, dass sie ihn berührte - und führte ihn zur Tür.
Auf dem Rückweg durch den Korridor ließ Vonderberg ihn einen Moment neben sich hergehen. Es war das erste Mal, dass Martin sie in Bewegung wahrnahm, nicht hinter einem Schreibtisch oder einem Rednerpult. Und dabei bemerkte er, was er in der Statik des Gesprächs übersehen hatte.
Er schätzte seine akademische Kollegin auf Mitte fünfzig, und sie trug das Alter wie ein perfekt sitzendes Chanel-Kostüm. Anne Vonderberg wirkte wie eine Frau, die sich nie die Mühe gemacht hatte, gegen das Altern anzugehen. Wohl nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es ihr nicht der Mühe wert zu sein schien. Die schwarze Bob-Frisur, glatt und gerade geschnitten, mit einer präzisen Stirnfranse, die ihr Gesicht rahmte wie ein gut gesetztes Zitat. Anne Vonderbergs Brille - ein großformatiges, schwarzes Gestell - wirkte nicht wie ein Zugeständnis an die Sehschwäche, sondern wie eine Entscheidung. Darunter Augen von einem kühlen Blaugrau, die die Gewohnheit hatten, Dinge zu vermessen, bevor sie ihnen begegneten.
ihr Marineblazer saß tadellos - und er saß eng genug, dass man darunter eine Figur ahnte, die der Blazer offenbar nicht zeigen sollte und dadurch umso mehr zeigte. Das cremefarbene Seidenoberteil, wo es oben am Ausschnitt sichtbar wurde, lag weich und schwer über einem Dekolleté, das Vonderberg mit der goldenen Kette markiert hatte wie eine Grenze, die man zur Kenntnis nehmen, aber nicht überschreiten sollte. Martin nahm sie zur Kenntnis. Die Kette ruhte in der Kerbe zwischen den Schlüsselbeinen, und darunter - da war eine Fülle, die der Blazer nur mäßig verbarg und die zu allem anderen an dieser Frau in einem merkwürdig spannungsvollen Verhältnis stand: zu der Präzision, der Kühle, der kontrollierten Autorität. Als hätte sie sorgfältig darauf geachtet mit ihrem Äußeren Distanz zu signalisieren. Doch ihr Körper schien eine eigene Sprache zu sprechen.
Wenn Anne Vonderberg eine Akte vom Regal nahm, wirkten ihre Bewegungen schnell und präzise. Sie trug eine elegante goldene Uhr - kein Zifferblatt, das man leicht lesen konnte. Als wäre Zeit etwas, das man nicht ständig kontrollieren musste, wenn man sie gut genug kannte.
Schweigend fuhren sie zurück. Martins Gedanken kreisten um die Anziehung, die von seiner bisher eher als herb und unnahbar empfundenen Kollegin ausging und ... Professor Senfs Experiment mit der Zeit. Wie sollte er sich entscheiden? Hielt ihn etwas zurückim Hier und Jetzt?
Sie kamen zurück und waren auf dem Weg zu Vonderbergs Büro. Am Ende des Korridors blieb sie stehen - ohne sich umzudrehen, den Blick auf die Tür vor ihr gerichtet. Als sie sprach, war ihre Stimme um eine Nuance leiser als im Büro: nicht vertraulich, eher wie jemand, der eine Aussage macht, die nicht für das Protokoll bestimmt ist.
„Senf hat mir bewiesen, dass es möglich ist. Ich hätte es selbst getan, aber ich bin zu alt dafür geworden."
Martin wartete. Sie lies es so stehen. Draußen, irgendwo im Gebäude, schlug eine Tür. Sie trat einen halben Schritt näher zur Tür, als wollte sie gehen - dann blieb sie noch einmal stehen.
„Es gibt ein Jahr", fügte sie leise hinzu. Und noch leiser jetzt. „1962. Wien. Es ist nicht wichtig." Und damit öffnete sie die Tür, und die Kälte des nächsten Korridors kam herein, und sie war wieder die Leiterin der Abteilung - präzise, methodisch, unnahbar.
Martin fragte nicht nach. Es gab Dinge, bei denen das Schweigen die einzige angemessene Antwort zu sein schien. Aber er nahm den Satz mit sich - 1962. Wien. Es ist nicht wichtig. Martin wusste nicht wie er Vonderbergs kryptische Äußerung verstehen sollte.
Sechs Wochen. Martin sagte am selben Abend noch zu. Er selbst wusste nicht genau warum. Vielleicht war es die Wohnung, die ihm vorkam wie ein Versprechen. Vielleicht war es das Foto der Frau auf der Brücke, das er immer noch vor Augen hatte. Vielleicht hatte er einfach, nach Jahren ruhiger, solider, einsamer Arbeit an toten Materialien, Sehnsucht nach etwas, das noch nicht fertig, das noch nicht konserviert war.
Die sechs Wochen waren seltsam und schön. Jeder Morgen begann mit der Heidelberger Zeitung vom Sommer 1894. Jede Mahlzeit wurde nach zeitgenössischen Rezepten zubereitet - er wurde darin unterwiesen, wie man eine Mehlsuppe kochte, wie man Brot mit der Hand statt mit dem Messer brach. Er trug Hosen mit hohem Bund, Hemden mit Stehkragen, die Taschenuhr an einer Kette statt am Handgelenk.
Er lernte die Heidelberger Topographie aus Stadtplänen und Beschreibungen kennen: die Hauptstraße mit ihren Läden, das Cafe Knösel, die Steingasse, die Universität und den Marktplatz mit dem Herkulesbrunnen. Die Straßenbahn war nagelneu und wurde noch von Pferden gezogen. Er eignete sich Kenntnisse an über die Studentenverbindungen und ihre Rituale und über die eigene Sprache des Bürgertums. In jedem zweiten Satz bemerkte er das leise Mitschwingen des Deutschen Kaisers.
Beim Durchsehen von Senfs hinterlassenen Unterlagen - Mappen mit Notizen, Stadtplänen, Zeitungsausschnitten - fand Martin in der dritten Woche eine handschriftliche Liste. Drei Namen, untereinander. Zwei davon waren durchgestrichen. Der dritte - sein eigener - fehlte noch.
Beim ersten durchgestrichenen Namen stand ein Datum: April 1988. Beim zweiten: Mai 1991. Kein Rückkehrvermerk bei beiden.
Martin legte die Liste auf Vonderbergs Schreibtisch, ohne ein Wort. Sie sah ihn kurz an und bemerkte dann beiläufig: „Der erste ist zurückgekehrt. Er lebt in Stuttgart. Er spricht nicht mehr darüber." Eine Pause. „Der zweite ist nicht zurückgekehrt." Martin wartete. Sie schloss den Ordner. „Wir wissen nicht, ob er nicht konnte oder nicht wollte." Das war das Ende der Auskunft. Martin nahm die Liste nicht zurück.
Die Fotografie hatte er in die neue Wohnung mitgenommen. Sie hing über dem Schreibtisch. Eines Abends - die sechste Woche seiner freiwilligen Klausur war angebrochen - betrachtete er sehr lange das Gesicht der Frau auf dem Portrait. Er kannte sie inzwischen so gut wie jemanden, über den man zwar viel gelesen hat, aber dem man noch nicht in der Wirklichkeit begegnet ist. Er kannte die Falte ihres Rocks, den genauen Winkel, in dem sie das Buch hielt, und die Art, wie ihr Blick - ernst, aber nicht unglücklich - über die Schulter des Fotografen hinausging.
Auch ihr Gesicht kannte er inzwischen genau. Das helle, fast flachsfarbene Haar, das sie kurz und offen trug - ungewöhnlich für die Zeit, und sie wusste es. Die kleine runde Brille, die ihr Gesicht nicht verbarg, sondern rahmte: dahinter Augen von jenem hellen, unentschiedenen Grau, das je nach Licht ins Grünliche oder Bläuliche kippte. Die gerade, ruhige Nase. Den Mund, der weder weich noch hart war, sondern beides zugleich zu sein schien. Als hätte er gelernt, mehr zurückzuhalten als preiszugeben. Das Gesicht insgesamt war schmal und blass und sehr still; und in dieser Stille, die man auf dem ersten Blick für Zurückhaltung hielt, lag bei näherer Betrachtung etwas anderes: eine genaue, wache Aufmerksamkeit für alles, was um sie herum vorging.
Wohin blickst du? dachte er.
Er legte sich früh schlafen. Das Federbett roch nach Lavendel und trockenem Holz. Das Holz im Ofen knackte leise. Draußen war kein Verkehr zu hören - Vonderberg hatte dafür gesorgt, dass die Projektwohnung schallgedämmt war.
Er schloss die Augen. Er dachte an den Herkulesbrunnen. An das Café Knösel. An den Neckar im Spätsommerlicht, breit, ruhig und grünlich.
Er schlief ein.
Steingasse, Heidelberg, August 1894. Er wachte vom Lärm auf. Nicht der Lärm vom Flur des angrenzenden Archivs, nicht das ferne Rauschen des Mannheimer Verkehrs. Sondern: Pferdehufe auf Kopfsteinpflaster. Eine Männerstimme, irgendwo unter dem Fenster, die etwas rief, das er nicht verstand. Das Schlagen einer Glocke - nah, sehr nah, schwer und langsam.
Die Decke des Zimmers war anders. Niedriger. Mit einem Riss, quer über den Stuck.
Martin lag still und ließ die Luft auf sich wirken. Sie roch nach Holzfeuer, nach Pferden und nach dem klammen Geruch eines sehr alten Gebäudes. Da war auch noch - ganz leise - der Duft von dem nahen Fluss, dem Neckar.
Er stand auf. Trat ans Fenster. Unten lag eine enge Gasse mit nassem Pflaster. Die Häuser gegenüber hatten hölzerne Fensterläden, die im Morgenwind leise klapperten. Eine Frau mit einem Korb eilte an der Hauswand entlang, ohne aufzusehen. Ein Junge trieb eine Ziege.
Martin griff nach seinen Kleidern - dem Stehkragen, der Weste, der schweren Taschenuhr - und kleidete sich an. Seine Hände waren vollkommen ruhig, sein Herz schlug vollkommen wild.
* * *
Die Papiere lagen in einer Schreibtischschublade, genau wie Senfs Notizen es beschrieben hatten: eine Empfehlung von einem Berliner Buchhändler, eine Quittung, etwas Bargeld in Kaisermarkwährung. In Heidelberg hieß Martin Lauer Konrad Laue - entfernter Verwandter eines gewissen Hermann Laue, Inhaber der Buchhandlung Laue & Sohn in der Hauptstraße. Der Name war Senfs Idee gewesen: nah genug am echten, um nicht zu straucheln.
Er trat auf die Gasse und stand eine Weile still.
Heidelberg am frühen Morgen des August 1894 war kleiner, als er es sich vorgestellt hatte, und größer zugleich. Kleiner, weil keine Autos, keine asphaltierten Straßen, keine Glas- und Stahl-Schichten über allem lagen. Größer, weil jeder Stein, jeder Holzbalken, jeder Geruch mit einer Schwere da war, die er in der Gegenwart nie gespürt hatte - So als wäre alles zum ersten Male da.
Er fand das Café Knösel auf Anhieb. Er bestellte Kaffee und las, ohne ein Wort zu sagen, die Zeitung. Niemand sah ihn merkwürdig an.
Er war angekommen.
* * *
Er wäre beinahe schon in der ersten Woche aufgeflogen.
Es war im Laden seines vermeintlichen Cousins, einem schmalen Buchgeschäft in der Hauptstraße, und der Student war jung und lebhaft und stellte Fragen über Berlin. Ob das neue Reichstagsgebäude wirklich so wuchtig sei, wie die Zeitungen schrieben, ob man dort das Treiben des Kaisers hautnah spüre. Martin antwortete, und er antwortete gut, aber dann fragte der Student, fast beiläufig, nach einem Berliner Verleger, dessen Namen er nannte - und Martin zögerte - einen Herzschlag zu lang.
Er rettete sich mit einer Ausrede über sein lausiges Gedächtnis und wechselte das Thema. Der Student ließ es geschehen. Aber er sah Martin danach anders an - nicht misstrauisch, nur aufmerksamer, mit dem stillen Registrieren eines Menschen, der etwas beiseite gelegt hat, das er später noch einmal hervorholen wird.
Martin schlief in jener Nacht schlecht. Er lag auf dem Federbett und verstand, was Senfs Warnung gemeint hatte: Kostüm und Papiere sind der leichte Teil. Das Schwierige ist, aufzuhören, in der falschen Zeit zu denken - aufzuhören, Dinge zu wissen, die man noch nicht wissen darf. Er nahm sich vor, langsamer zu antworten. Und vorsichtiger zu schweigen.
Die Frau auf der Brücke. Er erblickte sie das erste Mal am dritten Sonntag nach seiner Ankunft.
Er hatte sich angewöhnt, sonntagnachmittags über den Philosophenweg zu spazieren. Er tat das nicht aus Berechnung, sondern weil der Weg über der Stadt hing wie ein ruhiges Versprechen. Und weil er von dort den Neckar sah, die Brücke und den Schlossberg. Manchmal konnte er sich für einen Augenblick vorstellen, er gehöre tatsächlich hierher.
Sie kam von der anderen Seite. Ein leichtes Sommertuch, ein dunkler Rock, das Buch unter dem linken Arm - er erkannte es sofort, ohne es zu wollen, wie man einen alten Freund erkennt, den man nach langer Zeit wieder trifft. Sie sah ihn an, als sie näher kam, und ihr Blick war derselbe wie auf der Fotografie: ernst, direkt, und mit etwas dahinter, das er nicht benennen konnte.
Er sah jetzt, was die Fotografie nicht hatte zeigen können: dass sie sich in Bewegung anders verhielt als in der Stille des Bildes. Ihr Gang war aufrecht, ohne Steifheit - der Gang einer Frau, die nicht daran dachte, beobachtet zu werden. Das helle Haar, kurz und offen, war unter dem Sommerhut kaum zu bändigen; eine Strähne hatte sich gelöst und lag ihr quer über die Schläfe. Sie ließ sie dort. Ihre Brille - kleine runde Gläser in einem feinen Drahtgestell - fing das Nachmittagslicht, so dass er ihre Augen erst beim dritten Blick wirklich sah: hell, fast farblos in diesem Licht, irgendwo zwischen Grau und dem blassen Grün des Neckars an trüben Tagen. Sie ruhten kurz auf ihm - sachlich, ohne Scheu - und wanderten dann weiter.
Er grüßte. Sie grüßte zurück. Keine Worte, nur das kurze Nicken des Jahrhunderts. Und dann war sie vorbei.
Eine Woche später begegneten sie sich am Marktbrunnen, und diesmal blieben sie beide erwartungsvoll stehen.
„Sie sind der Verwandte von Herrn Laue", begann sie. Es war keine Frage.
„Konrad Laue, ja", antwortete er. „Aus Berlin."
„Man sieht es." Sie musterte ihn einen Moment. „In Berlin geht man anscheinend langsamer."
Er musste lachen - ein echtes Lachen, das ihn selbst überraschte. „Ich lerne es noch."
„Katharina Pfister", stellte sie sich vor, und reichte ihm die Hand wie ein Mann. „Mein Vater ist der Drucker in der Plöck."
Ihre Hand war kleiner als er erwartet hatte und fester im Druck. Sie trug keinen Handschuh - es war warm genug, und außerdem, das merkte er, war sie keine Frau, die damenhafte Handschuhe mochte. Er hielt ihre Hand eine Sekunde länger als die Konvention erlaubte.
Karin - wie man Katharina neuerdings auch unter Freundinnen nannte - ließ es geschehen, ohne es zu kommentieren. Nur ihr Blick ruhte einen langen Moment auf ihm, mit einer stillen Aufmerksamkeit, als trüge sie etwas nach Hause, das sie noch nicht einzuordnen wusste.
* * *
In den folgenden Wochen sah er sie oft. Manchmal zufällig, manchmal nicht ganz so zufällig. Sie unterhielten sich angeregt bei diesen Begegnungen über alles Mögliche. Katharina las, was ihr in die Hände fiel, ohne Rücksicht auf die stillschweigende Zensur des weiblichen Lektürekanons. Das bereite ihr gelegentlich Probleme im Bekanntenkreis, wie sie trocken bemerkte. Über ihre Eltern. Über die Studenten, die im Sommer die Stadt füllten, manchmal tranken, manchmal Unsinn redeten, manchmal, selten, etwas Kluges sagten.
Er lernte, wie sie zuhörte: den Kopf leicht geneigt, die Augen auf ihn gerichtet, aber ohne die aufdringliche Wachheit der Menschen, die nur auf ihre eigene Antwort warten. Sie hörte wirklich zu. Und wenn sie selbst sprach - über einen Roman, über ihren Vater, über eine Kleinigkeit, die ihr auf dem Weg zum Brunnen aufgefallen war - dann klang ihre Stimme manchmal an einem bestimmten Punkt wärmer, weicher, als wollte sie etwas zeigen, das sie sonst gut verwahrte. Martin bemerkte es. Er sagte nichts dazu.
Über die Zukunft sprachen sie nicht. Das war keine Vereinbarung, es war einfach so. Die Zukunft war eine zu große, zu unförmige Sache für diese engen Gassen.
Der Andere. Er begegnete Walz zum ersten Mal bei einem Sonntagsausflug zum Schloss, zu dem Friedrich Pfister ihn - mit bemessener Herzlichkeit - eingeladen hatte. Hans Walz war einunddreißig, Sohn eines Kaufmanns, ordentlich gekleidet, ordentlich im Gespräch, und auf eine Weise langweilig, die schlimmer war als offensichtliche Fehler: Er war fehlerfrei.
Katharina behandelte ihn mit der präzisen Höflichkeit einer Frau, die gelernt hat, Türen zuzuhalten, ohne sie zu schließen. Auf dem Rückweg vom Schloss ging Walz und Friedrich Pfister voraus. Katharina sagte zu Martin, ohne ihn dabei anzusehen: „Mein Vater schätzt ihn sehr." Der Tonfall ließ keinen Zweifel daran, was das bedeutete und was sie davon hielt.
Friedrich Pfister hatte Martin an diesem Tag beobachtet. Nicht offen - er war ein Mann, der es vorzog, Dinge zu bemerken, ohne bemerkt zu werden, dass er sie bemerkte. Aber Martin spürte es: den Blick, der kurz und sachlich registrierte, wie er mit Katharina sprach, wie sie antwortete, wie die kleine Entfernung zwischen ihnen sich verhielt.
Einige Tage später besuchte Martin die Druckerei, mit dem Vorwand einer Druckbestellung. Pfister empfing ihn im Kontor - ein kleiner, aufgeräumter Raum, der nach Druckertinte und Papierstaub roch. Die Unterhaltung war kurz und korrekt. Am Ende, während er Martins Bestellung in ein Heft eintrug, sagte Pfister ohne aufzusehen: „Sie reisen bald wieder ab, Herr Laue, nehme ich an." Es war keine Frage. Es war auch keine Einladung zum Widersprechen. Martin erwiderte: „Noch nicht." Pfister nickte und schrieb weiter.
Martin lebte. Er lebte vollständiger als er es seit Jahren getan hatte, was ihn manchmal mit einer Traurigkeit erfüllte, die er sich nicht ganz erklären konnte. Abends schrieb er in ein kleines Heft - auf Papier, mit einer Stahlfeder, wie Senf es verlangt hatte -, was er gesehen und gehört hatte. Von Katharina schrieb er nicht. Sie schien ihm zu groß für die kleinen Notizen.
Der Abend in der Steingasse. Es war Ende August, und der Sommer zog sich hin wie ein Gast, der nicht gehen will. Die Abende wurden kürzer, aber nicht kühler, und die Steingasse roch nach dem Stein selbst - jenem alten, schwitzenden Geruch, der in Heidelberg in warmen Nächten aus den Mauern steigt wie aus einem immerwährenden Gedächtnis.
Martin hatte Katharina zum Abendspaziergang eingeladen - mit der Vorsicht, die dieses Zeitalter verlangte, und mit der Hilfe einer Freundin als stillschweigender Begleitung. Diese blieb dann doch anderweitig beschäftigt fern. Sie hatten beide so getan, als fiele ihnen das nicht auf.
Sie gingen die Steingasse hinunter in Richtung Neckar. Seit dem Oktober erschienen in der Deutschen Rundschau die ersten Folgen eines neuen Fontane-Romans - Effi Briest. Katharina hatte sie gelesen, sobald das Heft im väterlichen Haus war. Sie hatte eine deutliche Meinung. Er hörte zu, und während er zuhörte, bemerkte er Dinge, die er in der Tageshelle weniger bewusst wahrgenommen hatte: wie das Abendlicht ihre Wangenknochen schärfer zeichnete. Wie sie beim Gehen leicht vorwärts geneigt war, als wäre die Welt einen halben Schritt hinter ihr. Wie der Kragen ihres Kleides den Hals umschloss und dabei diese Linie freiließ, knapp darunter, die etwas in ihm ansprach, das er lieber nicht benannte.
„Sie hören mir gar nicht zu", unterbrach sie seine Gedanken, ohne ihn anzusehen.
„Doch, doch", sagte Martin. „Innstetten weiß, dass der Zweikampf sinnlos ist. Dass sechs Jahre vergangen sind, dass Crampas längst tot sein könnte und es niemandem auffiele. Und er tut es trotzdem - nicht wegen Effi, nicht einmal wegen seiner Ehre. Sondern weil er die Gesellschaft bereits im Kopf hat, als stummen Richter, dem er Rechenschaft schuldet, obwohl er ihn nie befragt hat."
Sie blieb einen Moment stehen. „Das ist sehr genau", sagte sie dann. Nicht als Kompliment - als Feststellung. „Die meisten Männer, denen ich das erkläre, sagen: er hatte keine andere Wahl. Aber das ist ja gerade Fontanes Pointe. Er hätte eine andere Wahl gehabt. Er hat sie nur nicht gewählt." Eine Pause. „Effi bezahlt für eine Sünde, die er selbst nicht mehr für eine hält. Das ist das Ungeheuerliche an dem Buch."
„Und trotzdem lesen Sie es weiter."
„Natürlich." Sie setzte sich wieder in Bewegung. „Man liest weiter, weil man hofft, dass Fontane am Ende doch noch einen anderen Ausweg findet. Obwohl man weiß, dass er es nicht tut. Obwohl man weiß, dass er es nicht darf." Sie sprach das ohne Bitterkeit aus. Nein, sachlich, wie jemand, der die Regeln einer feindlichen Welt kennt und trotzdem darin lebt.
Sie hatten den Neckar erreicht. Das Wasser war in der Abenddämmerung fast schwarz, und die Laternen der Alten Brücke spiegelten sich in langen, zitternden Strichen. Sie standen nebeneinander, ohne zu sprechen, und Martin empfand zum ersten Mal wirklich, dass er hier war - nicht als Beobachter, nicht als Reisender mit Rückfahrkarte, sondern als Mensch neben einem anderen Menschen - auf einem Stein, über einem Fluss, in einer Nacht.
Ihre Schulter berührte seine. Kaum - die Breite eines Rockes Stoff. Sie trat nicht zurück.
„Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Laue", stellte Katharina schließlich fest. Nicht unfreundlich.
„Das stimmt wahrscheinlich", erwiderte Martin.
„Sie tun manchmal so, als seien Sie schon einmal hier gewesen. Nicht in Heidelberg - das meine ich nicht. Sondern überhaupt. Als hätten Sie eine Strecke hinter sich, die man Ihnen nicht ansieht."
Er antwortete nicht sofort. Der Neckar glitt vorbei. Irgendwo auf der Brücke lachte jemand, und das Lachen trug sich über das Wasser.
„Vielleicht", entgegnete er dann, „ist das bei Ihnen nicht anders."
Sie dachte darüber nach. Dann, sehr leise: „Nein. Das ist es nicht."
* * *
Einige Abende später saßen sie in der kleinen Küche der Pfisterschen Wohnung - der Vater war bei einem Kollegen, die Haushälterin hatte frei -, und Katharina bereitete Tee zu, mit der genauen, sachlichen Sorgfalt, die sie für alles aufwandte. Martin saß am Tisch und sah ihr zu.
Es gab Momente, dachte er, die keine Geschichte brauchen. Die einfach da sind: der Dampf über dem Kessel, das Kratzen eines Streichholzes, die Bewegung einer Frau in ihrem eigenen Raum, die nicht weiß - oder so tut, als wüsste sie es nicht -, dass sie beobachtet wird. Er dachte, dass er dieses Bild mitnehmen würde, wenn er zurückkehrte - nicht als flüchtige Erinnerung, die verblasst, sondern als eine schwere Last, die man nicht ablegt, weil man es nicht will.
Sie stellte die Tasse vor ihn hin. Ihre Hand blieb einen Moment auf dem Tisch, neben seiner, ohne ihn zu berühren. Die Entfernung zwischen ihren Händen war so gering, dass er die Wärme spürte.
„Ich werde Sie vermissen", sagte Karin. Ganz einfach, wie man sagt, dass es morgen regnen wird.
„Ich weiß", sagte er. Und dann, weil es das Wahrste war, das er sagen konnte: „Ich Sie auch."
Sie sah ihn an. Dieser Blick - ruhig, direkt, mit jenem Zug ins Nachdenkliche - ruhte auf ihm, und er hielt ihn aus, ohne wegzusehen. Einen Atemzug lang war die Küche sehr still. Dann stand sie auf und holte Zucker aus dem Schrank, und der Zauber des Augenblicks war vorbei, und keiner von beiden tat so, als hätte er nicht stattgefunden.
* * *
Es war ein Abend Mitte Oktober, einige Tage vor dem Brand, und Katharina hatte Martin gebeten zu kommen - mit dem Vorwand einer ausgeliehenen Buchseite, die sie zurückgeben wollte. Der Vater war nicht im Haus. Die Haushälterin auch nicht.
Er trat durch die Wohnungstür und stand in einem kleinen Flur, enger als er ihn in Erinnerung hatte. Sie reichte ihm das Buch. Ihre Finger berührten seine dabei - einen Moment länger als nötig, und diesmal war es kein Zufall, und sie wussten beide, dass es keiner war.
„Kommen Sie noch einen Augenblick herein", sagte sie. Nicht als Frage. Er folgte ihr ins kleine Wohnzimmer - ein Raum mit schweren Möbeln, einer Petroleumlampe und dem ruhigen, warmen Geruch eines Hauses, das abends zur Ruhe kommt. Sie stellte sich ans Fenster, den Rücken zur Gasse, und sah ihn an.
Er wusste nicht, wer den ersten Schritt tat - vermutlich keiner von beiden, vermutlich der Raum selbst, der einfach kleiner geworden war. Er stand jetzt nah genug, um den Lavendelgeruch ihres Haares zu spüren, und ihre Augen - hinter dem feinen Drahtgestell, in dem Lampenlicht - hatten nicht mehr jenen sachlichen Ausdruck, den er als das Erste an ihr wahrgenommen hatte. Sie sahen ihn an mit einer Offenheit, die er bei ihr noch nicht gesehen hatte: unverstellt, ungesichert, bereit.
Er hob die Hand und berührte mit den Fingerkuppen den Rahmen ihrer Brille - eine so kleine, so präzise Geste, dass sie ebenso gut nichts hätte bedeuten können. Aber Katharina schloss kurz die Augen, und das war Antwort genug. Er nahm ihre Brille ab - behutsam, als wäre sie ein Instrument - und legte sie auf den Tisch neben ihm.
Ohne die Brille sah sie jünger aus und gleichzeitig ernster - als hätte sie eine Schutzschicht abgelegt, die sie selbst gewählt hatte. Sie ließ es zu. Er sah sie an, so lange, wie er es sich am Neckarufer verboten hatte. Dann legte er eine Hand seitlich an ihr Gesicht - die kühle Wange, das weiche Haar hinter dem Ohr - und sie wandte sich nicht ab.
Der Kuss war kurz, fest, ohne Zögern. Und dann, in der Stille danach, die vollkommener war als jedes Schweigen, das er je erlebt hatte, sprach keiner von ihnen. Nur ihre Hand hatte sich, irgendwann während des Kusses, in das Revers seines Jacketts geschlossen - nicht um ihn zu halten, sondern weil sie etwas brauchte, woran sie sich festhalten konnte.
Er löste sich als Erster. Weil er es musste. Weil er, wenn er es nicht tat, in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in diesem Jahrhundert bleiben würde - und weil er wusste, dass er sich das nicht erlauben durfte. Noch nicht. Vielleicht nicht. Er griff nach der Brille und legte sie ihr zurück, dieselbe behutsame Geste wie zuvor, und das war eine Art zweiter Kuss, stiller als der erste.
Katharina setzte die Brille auf und strahlte ihn an - wieder mit jenem ruhigen, direkten Blick, der nichts verbarg. Dann sagte Katharina: „Gehen Sie jetzt, Herr Laue." Ohne Bitterkeit. Ohne Vorwurf. Wie jemand, der eine Tür schließt, weil er weiß, dass sie sich wieder öffnen lässt.
Er ging.
Der Brief und das Feuer. Es war Ende September, als er in Senfs hinterlassenen Unterlagen eine Notiz fand, die er bis dahin übersehen hatte. Eine kurze Zeile, halb unleserlich: Stadtbrandregister Heidelberg, Oktober 1894 - Pfister, Friedrich, Buchdruckerei Plöck - 2 Tote.
Er grübelte lange darüber nach.
Er kannte die Argumente. Er hatte sie im Mannheimer Archiv gelesen, in Senfs sorgfältigen, manchmal zitternden Notizen. Die Vergangenheit ist nicht unveränderlich, aber Veränderungen haben Folgen. Wer eingreift, zahlt dafür einen hohen Preis. Nicht unbedingt in der Vergangenheit - vielmehr in sich selbst.
Er dachte an Senf, der jetzt irgendwo in einem Mannheimer Krankenzimmer lag und in zwei Zeiten lebte. Er dachte an Katharina, wie sie am Marktbrunnen gestanden und ihm die Hand gereicht hatte wie ein Mann. Er dachte an den Brief, den er in Mannheim restauriert hatte, und der von einem Friedrich Pfister, Drucker, stammte. Nun wusste er an wen.
Er dachte drei Abende lang darüber nach, bevor er sich entschied.
Es war kein romantischer Gedanke. Es war ein konkreter, nüchterner, sehr ruhiger Gedanke: Was würde es bedeuten, nicht zurückzukehren? Konrad Laue zu bleiben, Buchhändlergehilfe, Heidelberg, 1894, für den Rest eines Lebens, das er hier noch vor sich hatte? Er kannte die Stadt. Er kannte die Sprache. Er kannte das Geld. Er kannte eine Frau, die sein Schweigen aushielt und seine Fragen mochte. Er öffnete sein Heft und beschrieb zwei Seiten. Er schrieb alles auf, was dafür sprach, und alles, was dagegen sprach - sachlich, in zwei Spalten, wie eine Abrechnung. Die rechte Spalte war länger. Die linke war schwerer. Er dachte an Senf - an das schmale Bett, den fernen Blick, die zwei Zeiten, in denen er zugleich und nirgendwo ganz lebte. Er dachte an den Mann in Senfs Liste, der 1991 gegangen und nicht zurückgekehrt war. Er fragte sich: Hatte der Mann es bereut? Oder war er der Einzige, der verstanden hatte, worum es wirklich ging?
Am dritten Abend riss er die beiden Seiten aus dem Heft. Er faltete sie sorgfältig, trug sie in den Hof und verbrannte sie über einer Laterne. Er sah zu, bis das letzte Stück Papier schwarz wurde und dann Asche.
Dann ging er zurück in sein Zimmer und setzte den Hut auf. Er brauchte keine Lüge, die besonders klug war. Nur eine, die glaubwürdig klang.
Er besuchte Friedrich Pfister am Abend des 17. Oktober. Martin erzählte ihm, er habe zufällig, beim Schreiben einer geschäftlichen Korrespondenz, bemerkt, dass die Tinte in der Druckerwerkstatt - er nannte eine spezielle, plausibel klingende Sorte - bei bestimmten Ofen-Temperaturen einen gefährlichen Rauch entfalte. Ein Berliner Kollege habe seinen Betrieb dadurch verloren. Er mache sich Sorgen, ob Herr Pfister nicht für einige Nächte die Hauptöfen niedriger stelle, bis man die Sache geprüft habe.
Pfister war ein misstrauischer Mann, aber kein unvernünftiger. Er dankte Martin mit einem festen Händedruck und einem Glas Wein.
In der Nacht des 22. Oktober brannte die Druckerei trotzdem. Ein Funke, ein alter Holzbalken, die trockene Oktobernacht. Der Schaden war groß. Aber Katharina schlief in dieser Nacht bei einer Tante, und Friedrich Pfister stand mit Martin auf der gegenüberliegenden Straßenseite und sah zu, wie die Feuerwehr ankam - und er lebte.
Martin hielt Katharinas Brief in der Hand - sie hatte ihm ein paar Worte geschickt, als sie von dem Brand hörte: Gott sei Dank, dass mein Vater gewarnt war. Ich verstehe nicht, woher Sie es wussten. Ich glaube, ich möchte es auch nicht verstehen.
Er faltete den Brief und steckte ihn ein.
Das stille Ufer. Sie saßen am Abend des 3. November am Neckarufer, unterhalb der Alten Brücke. Der Fluss war dunkel und ruhig und spiegelte die wenigen Laternen der Stadtseite in langen, zitternden Linien. Katharina hatte einen Mantel über die Schultern gezogen, und Martin saß neben ihr und wusste, dass er in dieser Nacht schlafen und nicht zurückkehren würde.
„Sie gehen bald", sprach sie. Es war wieder keine Frage.
„Ja."
„Nach Berlin."
„Ja", antwortete er. Das war die einfachste Lüge, die er kannte, und die einzige, die er sich erlaubte.
Sie sah auf den Fluss. „Ich habe manchmal das Gefühl...", kam Katharina leise und zögernd über die Lippen, „...dass Sie nicht ganz hier sind. Dass ein Teil von Ihnen woanders ist. Nicht unaufmerksam - aber woanders."
Er antwortete nicht sofort. Dann erwiderte er: „Das stimmt. Aber der Teil, der hier ist - der ist ganz hier."
Sie nickte, als hätte sie das erwartet. Dann schwiegen sie eine Weile, und es war das beste Schweigen, das Martin je erlebt hatte: ohne Unbehagen, ohne das Bedürfnis es zu füllen. Nur der Fluss, die Laternen, die alte Brücke und die Nacht.
Er dachte, dass er sie gerne angesehen hätte - jetzt, in diesem Moment, so lange, wie er wollte. Aber er sah auf den Fluss. Die Nähe war ohnehin kaum zu ertragen: die Wärme, die von ihr ausging, die kleine Bewegung ihres Atems, das leise Rascheln des Mantels, wenn sie sich rührte. Sie saßen auf einem alten Brückengeländer, und die Welt ringsum war groß und dunkel und gleichgültig. Gerade das machte diese kleine Insel zwischen zwei Armlehnen Abstand zu etwas Besonderem, das er nicht benennen konnte und nicht wollte.
Später begleitete er sie bis zur Haustür. Sie gaben sich die Hand. Katharina hielt seine einen Moment fest - nicht zärtlich, sondern fordernd, als wollte sie etwas davon zurückbehalten.
Er spürte die Kälte ihrer Finger - der Abend war inzwischen kühl geworden - und die Festigkeit darunter, dieselbe wie beim ersten Mal am Marktbrunnen. Sie sah ihn an. Ihr Blick war dieselbe ruhige Frage, die er nie ganz beantwortet hatte. Und er dachte: Wenn er jetzt den halben Schritt täte, den die Situation erlaubte und den die Epoche verbot - sie würde nicht zurückweichen. Das wusste er. Er tat ihn nicht.
„Leben Sie wohl, Herr Laue."
„Leben Sie wohl, Fräulein Pfister."
Er ging zurück in die Steingasse. Er kleidete sich aus, legte sich auf das Federbett, zog die Decke hoch. Durch das Fenster hörte er die Glocke der Peterskirche - elf Schläge, langsam, vollständig, mit dem Ernst eines Jahrhunderts, das noch nicht weiß, was es verlieren wird.
Er schloss die Augen. Er dachte an den Neckar.
Er schlief ein.
Mannheim, November 1995. Er wachte auf vom Lärm des Straßenverkehrs.
Die Zimmerdecke war hoch, schneeweiß und hatte keinen Riss. Das Licht durch die Vorhänge war das kalte, graue Licht eines Novembermorgens. Ein Auto fuhr vorbei, dann ein zweites.
Martin lag lange still.
Dann stand er auf, verließ die Projektwohnung und kehrte in seine eigene zurück. Er duschte mit heißem Wasser - es gab heißes Wasser, ohne Vorbereitung, ohne Ofen, ohne Holz -, trank Kaffee aus einer Maschine und schrieb seinen Bericht für Dr. Anne Vonderberg in einem Zug nieder. Er schrieb vier Stunden. Er schrieb alles, was Senf wissen musste, was das Projekt wissen musste - die Methodik, die Ankunft, die Details. Über Katharina schrieb er nicht.
Frau Dr. Anne Vonderberg las den Bericht noch am selben Abend. Sie stellte keine Fragen zur Person. Martin rechnete ihr das insgeheim hoch an.
* * *
Zwei Wochen später rief ihn ein Mitarbeiter des Archivs an. Man habe beim Sortieren eines alten Konvoluts - Schriftverkehr einer Heidelberger Familie, Ende 19. Jahrhundert - ein Kuvert gefunden. Das sei offenbar irrtümlich in den Mannheimer Bestand gelangt. Adressiert an einen gewissen M. Lauer, ohne Straße, ohne Stadt. Datum: 3. November 1894.
Die Handschrift auf dem Kuvert war klar, gerade, und fest.
Martin nahm das Kuvert entgegen, legte es auf seinen Schreibtisch und betrachtete es. Es war klein und leicht, kaum mehr als ein oder zwei gefaltete Blätter darin. Das Papier war dünn und vergilbt, das Siegel längst aufgebrochen - nicht von ihm.
Er öffnete das Kuvert nicht.
Er trat ans Fenster und sah auf den Vorhof des Archivs, hinter dem, wenn man weit genug lief, der Rhein begann. Der breite, dunkle, geschäftige Rhein. Er vermisste den Neckar - den engeren, stilleren, grünlicheren Neckar, der unter einer Brücke floss, die noch stand. Wenn man abends über diese Brücke wandelte, spiegelten sich die Laternen im Wasser. Dann kam das Gefühl auf, dass die Zeit nichts ist als eine Frage der Aufmerksamkeit.
Er stand lange am Fenster.
Dann legte er das Kuvert sorgfältig in eine Schublade, zwischen zwei Schutzfolien, wie man ein fragiles Objekt aufbewahrt, das man noch nicht versteht, aber nicht verlieren möchte.
Er setzte sich. Er nahm die Lupe. Auf seinem Arbeitstisch wartete das nächste Stück - eine Tintenzeichnung, frühes 20. Jahrhundert, Herkunft unbekannt.
Er beugte sich vor und begann seine tägliche Arbeit.
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„Die Zeit ist kein Fluss.
Sie ist ein Stoff -
und manche Menschen
sind dünn genug,
um hindurchzugleiten."
Ende
„Die Zeit ist kein Fluss.
Sie ist ein Stoff -
und manche Menschen
sind dünn genug,
um hindurchzugleiten."
Ende
Das stille Ufer des Neckars · Eine Zeitreise-Geschichte im Geiste von Jack Finneys Time and again, 1970
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